438 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. gerader und großer und doch nicht leicht zu verstehender Charakter; schon die Tatsache, daß die Akten verhältnismäßig wenige unmittelbare Spuren seiner Tätigkeit aufweisen, so daß oft kaum zu entscheiden ist, ob die Verantwortlichkeit gewisser Schritte ihm oder seinen Räten zufällt, erschwert die Einsicht in sein Wesen. Von Natur nicht eben genial und auf weiteste Ziele und größeste Kombinationen angelegt, sah sich der Fürst doch an erster Stelle durch das Spiel der auswärtigen Politik gefesselt, während er in der inneren Politik nur der gleichsam noch halb auswärtigen Ständepolitik, dem Handel, der Schiff⸗ fahrt und dem Heerwesen stärkeres persönliches Interesse entgegenbrachte. Dabei erfreute er sich in den Materien, denen sich seine Aufmerksamkeit an erster Stelle zuwendete, jener Durchsichtigkeit eines praktischen Verstandes, die ein hervor⸗ ragendes Erbteil seines Hauses ausmacht, und die auch geniale Naturen in ihm, z. B. Friedrich der Große, gehabt haben. Aber unter überaus herben Verhältnissen groß geworden, von dem sittlichen Zerfalle der Diplomatie des ausgehenden großen Krieges umgeben und in Verhältnisse hineingestellt, die sittliche Konflikte zu einer ständigen Notwendigkeit machten, hat er in der inneren wie der äußeren Politik mit einer Skrupellosigkeit gehandelt, die so klar zutage tritt, daß sie nicht beschönigt werden sollte, und die nur insofern Entschuldigung verdient, als sie auf eine allgemeine Zeitgrundlage zurückging!. Viel schon, wenn unter solchem Handeln und vielleicht Zwang des Handelns dem Fürsten nicht das tiefe Pathos verloren ging, mit dem der Kampf für Haus und Heimat allzeit erfüllen wird: hier tritt eine höchst sympathische Seite der sittlichen Veranlagung des Großen Kurfürsten zutage, die auch heute noch die Herzen gewinnen kann. In den Niederlanden, damals einer der hohen Schulen der Politik, gebildet, hat der junge Fürst die Zügel der Regierung mit erstaunlicher Bedachtsamkeit und doch nicht minder großer Kühnheit ergriffen. Er entließ Schwartzenberg nicht alsbald, S. oben S. 417 ff.