198 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. Hegemonie in Zentraleuropa wiederum in die Vorhand zu gelangen schien, hätte vielleicht genügt, Ludwig zu einem Kampfe gegen den Rivalen anzuspornen, der zugleich ein Kampf mit dem Reiche und um das Reich sein mußte. Auf alle Fälle wollte der König jetzt wenigstens die bisher vom Reiche nur auf Zeit, auf zwanzig Jahre gewonnenen Reunionen der Periode vor dem Jahre 1681 und Straßburg endgültig sichern. Und so stellte er dringlicher, als gelegentlich schon früher, an Kaiser und Reich das Ansinnen, den zwanzig⸗ jährigen Waffenstillftand in einen endgültigen Frieden zu ver— wandeln: ja diese Verwandlung vorzunehmen, bevor der Kaiser mit den Türken Frieden geschlossen habe, da dieser andern— falls stark genug sein könne, sie zu verweigern. Es war ein kritischer Augenblick für den Kaiser, ja für das Haus Habsburg überhaupt. Sollte Leopold sich der schweren Gefahr einer doppelten Kriegsführung nach Osten und Westen zugleich aussetzen? Denn es bestand kein Zweifel, daß Frank— reich bei Verweigerung seines Ansinnens losschlagen werde. — Gleichwohl lehnte der Kaiser den Antrag ab. Und das Reich ttand zu ihm; kein Fürst, der sich auf die französische Seite geschlagen hätte. Darauf wurde, am 24. September 1688, ein französisches Kriegsmanifest veröffentlicht; gegen Ende des Jahres waren die Franzosen im Besitze der vier Kurfürstentümer am Rheine, jatten Philippsburg — diese eine Festung wenigstens nach tapferer Verteidigung — erobert, schweiften in süddeutschen Streifzügen bis zum Hohen Asperg, bis nach Ulm und Stutt⸗ gart: hatten in den rechtsrheinischen Gebieten Kontributionen »on zwei Millionen Livres erhoben. Wenn Ludwig XIV. aber damit gerechnet hatte, daß ein so rasches Handeln, für ihn, da er auf einen großen Krieg anicht vorbereitet war, die einzige Art, Vorteile zu gewinnen, Kaiser und Reich entmutigen würden, so sah er sich bald ge— täuscht. Im Februar 1689 wurde der Reichskrieg beschlossen, and während Markgraf Ludwig von Baden, seinem in fran— zösischen Händen befindlichen Lande fern, das Oberkommando