10 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. linie auszeichnete. Als indessen im Jahr 1705 Georg Wilhelm von Celle gestorben war und damit dessen Lande an die jüngere, hannoversche Linie des Luneburger Hauses fielen, in welcher inzwischen, nach Ernst Augusts Tode, dessen Sohn Georg Ludwig zur Regierung gelangt war, da legte sich der Wider⸗ stand: denn einmal entfielen ihm die Momente persönlicher Abneigung gegen den verstorbenen Ernst August, und dann erschien jetzt die neue Kurwürde mit einem Besitze ausgestattet, der sie tatsächlich über die Höhe bloß fürstlichen Daseins hinaushob. Und so wurde denn Georg Ludwig im Jahre 1708 endlich mit gültigem Reichsschlusse in das Kurfürsten⸗ kollegium aufgenommen. Es war in einer Zeit, in der dem neuen Kurfürsten und seinem Hause schon längst eine weitere, noch höhere Aussicht winkte. Sie führte, wie schon früher erzählt worden ist!, nach England. Und wenige Jahre später verwirklichte sie sich. Als die Königin Anna von England am 1. Augst 1714 gestorben war, folgte ihr Georg Ludwig als König Georg J., und auf lange Zeit war damit die Personalunion zwischen dem Groß⸗ britannischen Reiche und Hannover besiegelt. Es war ein zweifellos glückliches Aufsteigen der hannover⸗ schen, der Lüneburger Welfen. Aber fragt man sich, was es in seiner letzten Entwicklungsstufe für Deutschland bedeutete, so wird die Antwort nicht ohne weiteres freudig lauten können. Ja wenn Hannover die Hauptmacht in dem neuen Verbande geblieben wäre, wie dies anfangs die hannoverschen Welfen noch für möglich, ja waährscheinlich hielten. Aber davon war natürlich nicht die Rede. Neigten auch englische Staatsmänner der Zeit zu der Ansicht, daß sich die englische Politik der nächsten Folgejahre viel zu sehr durch Rücksichten auf Hannover be— stimmen lasse, so nahm doch tatsächlich England das deutsche Stammland seines Königshauses immer mehr ins Schlepptau: bis es, seit den Zeiten etwa Georgs III., zu nichts als einer festländischen Sukkursale des Inselreiches hinabsank. S. oben S. 564f.