636 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. den größten Überraschungen ausgesetzt sein, so mußte man den Schwachen zu Hilfe kommen. Und war dies der allgemeine Wunsch, so ergab sich vom deutschen Standpunkte noch eine besondere Sorge: der unerhörte Friedensbruch, der durch den Verlauf des nordischen Krieges innerhalb der Reichsgrenzen gegen die Nation begangen worden war, durfte sich nicht wiederholen. All diesen Bedürfnissen schien nun eine Haager Konvention, die am 31. März 1710 zwischen dem Kaiser und den Seemächten abgeschlossen wurde, gerecht zu werden, indem sie die Neutralität der schwedischen Besitzungen in Deutschland festsetzte. Natürlich war aber diese Neutralität nur durch be— waffneten Schutz zu verwirklichen, und so beschlossen die Kon— ventionsmächte in einem Zusatzvertrage vom 4. August, daß in Norddeutschland ein Observationskorps aus ihren Kontingenten aufgestellt werden sollte. Allein dieses Korps wurde zunächst nicht gebildet. Und genügte die bloße Drohung mit ihm? Um von Polen, Däne—⸗ mark und Rußland nicht zu reden, so hatte Karl XII. vom Dnjepr her am 30. November 1710 die entschiedenste Ver— wahrung gegen die Handlungsweise der Mächte der Haager Konvention eingelegt, die ihm unter der Maske der Neutralitäts— erklärung nur Feindschaft gegen Schweden zu bergen schien. Unter diesen Umständen hätte es wohl Sache einer ent— schlossenen brandenburgisch-preußischen Politik sein können, in irgendeinem Sinne entscheidend einzugreifen. Lag Branden⸗ burg-Preußen nicht mit Brandenburg im Zentrum oder, wenn man will, mit der Mark und mit Preußen in den beiden Ellipsenbrennpunkten des Sturmes, der über den Nordosten des zivilisierten Europas hinging? Konnte es durch feste An⸗ teilnahme an den Ereignissen nicht im Innersten die Würdigung verdienen, die ihm äußerlich mit der Königskrone zugefallen war? Wie würde der Große Kurfürst in diesem Momente eingegriffen haben! — König Friedrich J. blieb unentschieden, unbeteiligt scheinbar, um in Wirklichkeit zu verlieren. Der Grund hierfür lag an erster Stelle doch in der inneren Entwicklung und dem inneren Zustande seiner Länder.