344 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Rapitel. schien es, als ob der Zar gemeinsam mit Dänemark den Schweden das Land Schonen zu entreißen beabsichtige; ein russisches Heer von 40000 Mann marschierte daher durch Norddeutsch⸗ land und lagerte in Seeland; in Kopenhagen erschien eine russische Flotte. Und kam die schonensche Expedition schließlich nicht zustande, so waren die Folgen, die sich an den Durch⸗ marsch des russischen Heeres durch Norddeutschland knüpften, um so sichtbarer und bedenklicher. Nicht nur, daß auf dem Hinwege die russische Okkupation Wismars nur mit Mühe vereitelt worden war; auf dem Rückwege, Herbst 1716, bezog die Armee in Mecklenburg eigenmächtig Winterquartiere. Und damit nicht genug: die Armee wurde auch noch auf 50000 Mann vermehrt, man sprach von russischen Anschlägen auf Lübeck und Hamburg: und tatsächlich mischte sich die Heeresleitung und mit ihr die russische Politik in die damals hochgehenden Streitigkeiten der mecklenburg- schwerinschen Stände mit ihrem Herzoge Karl Leopold, der mit einer Nichte des Zaren vermählt war. Was halfen nun demgegenüber Mahnbriefe des Reiches, Proteste des Kaisers? Erst im Sommer 1717 räumten die Russen das Land, und keineswegs durch deutschen Zwang veranlaßt, sondern aus Gründen der allgemeinen europäischen Politik, in der ihnen um diese Zeit eine neue Tripelallianz — die der Seemächte und Frankreichs — entgegentrat. Diese Tripelallianz aber hieß im Grunde England. Denn kaum hatte sich das drohende Übergewicht Rußlands auf der Ostsee in seinen ersten Anfängen eingestellt, so hatte sich auch die Rivalitätsstellung Englands gegenüber der großen ost— europäischen Landmacht ausgebildet, die heute fast schon zwei Jahrhunderte hindurch einen ständigen Zug der diplomatischen Geschichte Europas bildet. Dabei kamen für den Gegensatz anfangs noch nicht die Motive von heute, auch soweit diese ausschließlich europäischen Verhältnissen angehören, in Betracht. Aber doch war er von vornherein von Seiten Englands ein wesentlich kommerzieller, wenn sich auch an die Handelsfragen, wie stets in größeren Verhältnissen, alsbald die Frage der