592 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. etwa 38 000 Mann, eine schon beachtenswerte Zahl, bestanden hatte, wuchs unter Friedrich Wilhelm J. bis auf 80000 an. Es war zu einer Zeit, da Osterreich über etwa 100 000, Ruß— land über 130000, Frankreich über 160000 Mann verfügten. Unter Friedrich Wilhelm J. wuchs Preußen auf diese Weise über ihm früher militärisch etwa ebenbürtige Mächte wie Sachsen oder Sardinien um ein schier Unbegreifliches empor; um 1740 war es unter den größeren europäischen Staaten an Bevölkerung der dreizehnte, an Flächenraum der zehnte — an Kriegsmacht der vierte. Natürlich war eine solche Entwicklung nur unter kolossaler Anspannung des Landesbudgets für militärische Zwecke denkbar; beliefen sich die Staatseinnahmen auf etwa ẽ Millionen Taler, so wurden davon 5 Millionen für das Heer verausgabt. Da durfte man denn freilich fragen, ob nicht das all— gemeine Staatsinteresse, insbesondere die Landeswohlfahrt unter dieser Entwicklung bedenklich litte. — Das 16. Jahrhundert war die große Zeit gleichmäßig ständischer und fürstlicher Fürsorge für die territoriale Gesetz⸗ gebung und Wohlfahrtspflege gewesen. Im 17. Jahrhundert hatten sich dann die Dinge gewandelt. An Stelle der beiden staatlichen Brennpunkte der Territorien, der ständischen und der fürstlichen Gewalt, war immer mehr allein nur die fürstliche Gewalt getreten. Die Stände begannen zu verfallen, und einmal im Verfall begriffen wurden sie eng in ihrem Wesen, egoistisch in ihrem Tun, und somit Hindernisse des allgemeinen Fort⸗ schritts. In dessen Interesse mußte man daher schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts wünschen, daß ihr Einfluß volleuds gebrochen werde. Aber selbst dieser Wunsch war in Brandenburg⸗Preußen wenigstens unter König Friedrich Wilhelm J. eigentlich nicht mehr nötig. Gewiß versammelten sich die Stände in den einzelnen Territorien des Staates noch ziemlich regelmäßig. Aber sie hatten wenig mehr zu sagen. Mit gerechtfertigter Geringschätzung konnte Friedrich Wilhelm J. mehr als einmal äußern: „Ich lasse den Herrn Junkers den Wind vom Land⸗