Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 717 waren doch Hilfsquellen, deren Erschließung nicht von heute auf morgen möglich war: und den ganzen, wenig geordneten Verhältnissen stand, warf man den Blick auch nur auf das Reich, schon in dessen Grenzen Brandenburg-Preußen mit einem jeden Augenblick schlagfertigen Heere von etwa der Höhe des österreichischen Istbestandes gegenüber. Und wie konzentriert kantonierte dieses Heer in seiner den österreichischen Drill weit überragenden Ausbildung. In nicht ganz zwei Wochen konnte es zum Ausmarsch vom Zentrum des Staates aus mobilisiert werden, während die kaiserlichen Truppen schwer mobilisierbar durch die Erblande und Ungarn hin getrennt standen bis zu den türkischen, slawischen, italienischen Grenzen. Es ist das Moment, auf dessen vergleichsweise Betrachtung sich die Beurteilung des Verhältnisses der beiden deutschen Großmächte in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts immer wieder hingedrängt sieht. Friedrich der Große hat später einmal bemerkt, nicht die Größe des Areals, sondern die Stärke der Bevölkerung und der Landesreichtum in seiner Konzentration bei der Staatsgewalt entscheide über die Be— deutung der Staaten. Eine für die Zeit des aufgeklärten Absolutismus durchaus zutreffende Anschauung. Betrachtete man nach den in ihr liegenden Gesichtspunkten das Verhältnis Osterreichs und Preußens in dieser Zeit zueinander, so mochte man mindestens zweifelhaft sein, ob man OÖsterreich noch die Palme zu reichen habe. Hier, im Norden, ein kurz und stämmig gebauter junger Mensch gleichsam in den angehenden Jahren voller Manneskraft, gut trainiert, in jeglichem auf äußerste Kraftentfaltung hin erzogen, dort im Süden ein hoch⸗ gewachsener Mann jenseits vielleicht der besten Jahre, läßlich, mehr der Vergangenheit fast als der Zukunft zugewandt: das war der Eindruck. War das nun ein Zustand, der auf die Dauer aufrecht— erhalten werden konnte? — der nicht vielmehr zu kriegerischem Messen der beiderseitigen Kräfte aufforderte? Friedrich Wilhelm J. hat es schwer empfunden, daß die Diplomatie Lamvrecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 46