306 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. seiten Rußlands ein Paroli geboten in einem Besuche, der den Prinzen Heinrich von Preußen, des Königs Bruder, im Herbst 1770 lange Wochen hindurch in Petersburg festhielt: es zeigte sich, daß Rußland Preußens bedurfte. Inzwischen waren aber die Russen gegenüber den Türken von Sieg zu Sieg ges chritten, aund gegen Ende des Jahres 1770 formulierte die Zarin ihre Friedensbedingungen in einer Weise, die Österreich schwer reffen mußte: neben asiatischen und pontischen Forderungen sollten Moldau und Walachei entweder. unabhängige Staaten werden oder zur Entschädigung für die russischen Kriegskosten auf fünfundzwanzig Jahre in russischen Besitz übergehen: gerade die Gebiete, die die österreichische Politik als das noli me tangere ihrer Einflußsphäre ansah: noch mehr war damit die Zarin der preußischen Unterstützung bedürftig, um diese An⸗ sprüche durchzusetzen. Unter diesen Umständen, die Preußen für Rußland so nentbehrlich zu machen schienen, daß dadurch selbst sein lockeres Verhältnis zu Osterreich bedroht schien, und die Hster⸗ ceich sogar zum Kriege gegen Rußland, der zugleich auch Preußen in Mitleidenschaft ziehen mußte, hätten veranlassen können, schlug Prinz Heinrich, alten Lieblingsgedanken und einer Anregung der Kaiserin Katharina folgend und an ein an sich unbedeutendes Vorgehen Osterreichs anknüpfend, eine Konsolidation des Verhältnisses der drei östlichen Großmächte unter Heranziehung eines ganz anderen Gebietes, des pol⸗ nischen, vor. Osterreich hatte seit dem Sommer 1769 ganz in der Stille von Ungarn aus Teile der polnischen Zips, einen von Norden über die Hohe Tatra nach Ungarn vorspringenden Bezirk, sowie weitere polnische Gebiete, auf Grund angeblich alter ungarischer Rechte, besetzt. Das veranlaßte die Zarin Anfang 1771 die Frage aufzuwerfen, ob nicht auch Rußland und Preußen Gebietsteile der in tausend Faktionen zerriebenen, tatsächlich schon anarchischen Republik einnehmen sollten. Prinz Zeinrich berichtete darüber seinem königlichen Bruder bei seiner Rückkehr nach Potsdam; den Kern seiner Anschauungen gibt