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        <title>Neuere Zeit</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Lamprecht</surname>
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        </author>
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54.
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        EIGEHMT
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V 7TTVuTS
74t.
*

44
        <pb n="4" />
        Verlag von Hermann Heyfelder in Sreiburg i. Br.

Neu erschienen:

Emericonod.

Reiseeindrücke, Betrachtungen,
Seschichtliche Sesamtansicht

vnon

Dr. Rarl Camprecht,
Professor an der Universität Ceipziꝗ.

Der Verfasser hat auf einer längeren Reise durch die Union
zwei Tagebücher geführt: eines der unmittelbaren Eindrücke
und eines von rückblickenden Betrachtungen. Teile des ersten
Tagebuches sind im Dezember 1905 in der Rölnischen Zeitung
gedruckt worden und haben in den Vereinigten Stouten großes
Aufsehen erregt. Sie werden hier zugleich mit Teilen des zweiten
Taqebuches abgedruckt.
Als dritter Teil ist ein
Umriß der inneren, namentlich kulturellen
Entwicklung der Vereiniꝗten Stauten
hinzugefügt.

Preis 2.60 Mark. SGebunden 3,60 Mark.
        <pb n="5" />
        Karl Camprecht, Deutsche Geschichte.

übersicht der Einteilung des Gesamtwerks.

Abteilung und Inhalt

Band

Der
ganzen
Reihe
Vaond

Buch

Zahl der
Kapitel
in den
Büchern

Zäsur-Abschnitte

4. ñ̃ werk.

l. Urzeit und Mittel—
alter.
Symbolisches, typi—
sches und konventio—
gelles Zeitalter.

II. Neuzeit.
Individuelles Zeit—
alter.

III. Neueste Zeit.
Subjektives Zeitalter,
erste Veriode.

Registerband.

JüngsteVergangenheit.
Subjektives Zeitalter,
Anfänge der zweiten
Periode.

J. — 1. 2. 3. 4. 2. 83. 2. 8.
II. 5. 6. 7. 3. 4. 8.
III. 8. 9. 10. 8. 4. 8.
r7V ILI2. 13. 3 43.

3.
4

1.
2.

L..V, u.2. 14.15. 16. 4. 4. 4.
VI. 17. 18. 4. 4.
VII. I⸗ↄ. 19. 20. 21.4. 4. 4.

3. 1. 2.

L. 1. 2.

VIII, 1.2.
IX.
X.
XI. iI. 2.

22.
28.
24.
25.

5.
5.
5.
5.

2.

4. 1. 2.

XII.

ß. Eraäãnzungswerk.
6. 6. 6. 6.
6.6. 6. 6.

2. 1. 2.

Einleitung.

Einleitung.

Einleitung.

Finleitung.

Schluß.

Einleitg., Umschau
Umschau, Schluß.

Erschienen sind: vom dauptwerke Band Jbis VII,⸗ einschließlich, vom Er—
gänzungswerke das Ganze. Die noch kehlenden Bände des Hauptwerkes sind in
wenigen Jahren zu erwarten.
        <pb n="6" />
        Deutsche Geschichte

Karl LTamprecht.

Der ganzen Reihe siebenter Band.

Zweite Bälfte.

Erste und zweite Auflage.

Ireiburg im Breisgau.
Verlag von hermann Hepfelder.
1906.
        <pb n="7" />
        Deutsche Geschichte

Karl Lamprecrht.

Zweite Abteilung:

Neuere Seit.

Zeitalter des individuellen Seelenlebens.

Dritter Band.

Zweite Hälfte.

Erste und zweite Auflage.

FIreiburg im Breisgau.
Verlag von hermann Hepfelder.
1906.
        <pb n="8" />
        Alle Rechte vorbehalten.

*
5
        <pb n="9" />
        Vorwort.

Das einundzwanzigste Buch, die zweite Hälfte des siebenten
Bandes der Deutschen Geschichte, umfaßt der Hauptsache nach
die politische Geschichte der Nation und ihrer wichtigsten Staaten
von der Mitte des siebzehnten bis in die zweite Hälfte des
achtzehnten Jahrhunderts. Als wesentliche Aufgabe erschien es
auf diesem Gebiete, das Gewirr der in tausend Kombinationen
durcheinandergreifenden Geschehnisse so vorzutragen, daß es
uͤbersichtlich wurde, und damit zugleich die Möglichkeit seiner
tieferen Begründung in den verfassungsgeschichtlichen Vorgängen
wie im allgemeinen kulturgeschichtlichen Fortschritte überhaupt
zu gewinnen. Darüber hinaus in Detailstudien über den Ver⸗
lauf einzelner Ereignisse und GEreignisgruppen einzutreten, lag
nicht im Bereiche der hier zu gebenden Darstellung: würde
vielmehr nur die gleichmäßige Behandlung des Gesamtstoffes
gestört haben. Gern bezeugt der Verfasser unter diesen Um⸗
fländen, daß er nicht-bloß den Verfassern von Monographien,
sondern auch denen von zusammenfassenden Arbeiten über die
behandelte Zeit, wie Erdmannsdörffer und Koser, zu lebhaftem
Danke verpflichtet ist. Außerdem verdankt er Herrn Professor
Pribram in Wien, der die Güte hatte, die Korrektur mit zu
lesen, wertvolle Verbesserungen.
Leipzig, 25. Februar 1906.

K. Lamprecht.
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        Inbhablt.

Einundzwanzigstes Bush.

Grstes Kapitel. Deutschland unter den politischen Nachwirkungen
des Dreißigjährigen Krieges. Sohle
Charakter der Politik des 17. und 18. Jahr—
hunderts.........-. .4399-426
Entwicklungsgeschichtliche Grundlagen politischer Be—
tätigung überhaupt. Entwicklung der deutschen Politik auf
Grund allgemeiner entwicklungsgeschichtlicher Zusammen⸗
hänge: Vorzeit, Urzeit, Despotie der Urzeit — Entwicklung
der Politik im Altertum bis zur Durchbildung der spät⸗
römischen Idee des Universalstaates — die römisch-deutsche
Aniversalstaatsidee im Mittelalter, Fortbildung der natio—
nalen Entwicklungsgrundlagen in der Neuzeit. Charakter
der deutschen, vornehmlich innerdeutschen Politik im aus—
gehenden individualistischen Zeitalter. Ausblick auf die
Zeiten des Subjektivismus.
Die baltischen Dinge und Brandenburg bis
zum Frieden vom Oliva (1660)0....
Entwicklung der Mächte an der Ostsee, insbesondere
der deutschen Territorien, seit dem 15. und 16. Jahrhundert;
Schicksal der Hanse und Livlands; Schwedens Obmacht.
Stellung Brandenburgs zu den baltischen Fragen. An—
fänge des nordischen Krieges; der Brandenburger Kurfürst
preußischer Souverän. Europäischer Verlauf des nordischen
Krieges; Friede von Oliva; Machtstellung Frankreichs.
III. Erste Angriffe Ludwigs XIV. auf die deutsche
Westgrenze (bis 16795....
Lage am Oberrhein nach dem Westfälischen Frieden:
Charakter der Friedensbedingungen für diese Gegenden.
Lage am Niederrhein: die südlichen und nördlichen Nieder—

J.

1426—2452

452 —483
        <pb n="11" />
        VIII

Inhalt

Seite

lande; Jülich-Cleve-Berg unter Brandenburg und Pfalz-Neuburg
 und ihre gegenfeitigen Beziehungen. Lage in
den mittelrheinischen Gegenden: Bündnisbestrebungen und
Kaiserwahl; der Rheinbund unter kurmainzischer und
ichließlich französischer Führung. Frankreichs Politik an
der gesamten Westgreuze: Folgen des Pyrenäischen Friedens
am Rhein und für die Erbansprüche Vudwigs XIV. auf
spanischen Besitz; Devolutionskrieg; Raub Lothringens;
Krieg gegen die Generalstaaten und das Reich; schwedischer
Krieg gegen Brandenburg und eine allgemeine Koalition:
Frieden zu Nymwegen, zu St. Germain und zu Fon—
tainebleciu.
57. Reunionen und Reunionskämpfe (bis 1699). ..
Motive für die Reunionen. Frühe Elsäßer Reunionen:
die Zehn Städte, die Reichsritterschaft, das Bistum Straß—
burg. Die Reunionshöfe von Metz, Breisach und Besangon:
Raub von Orten, Herrschaften, Grafschaften und Fürsten—
tümern vom Trierschen bis zur Freigrafschaft Burgund.
Raub Straßburgs. Eindruck in Europa und im RKeiche.
Gegenmaßregeln im Reiche und außerhalb desselben, er—
folgreiche Gegenzüge Frankreichs wider dieselben: neuer
Raub, Fall Luxemburgs und Triers. Zwanzigjähriger
Waffenstillstand des Reichs mit Frankreich unter Aner—
kennung des Raubes bis zum Jahre 1681, 1684. Wendung
in der Vormachtstellung Frankreichs: sterreich führend
gegen die Türken, Wilhelm von Oranien König von Eng—
land, das Reich gegen Frankreich einig. Neuer Krieg, 1688.
Friede von Riiswik, 1699

483 -506

Zweites Kapitel. Fürkenkriege und spanischer Erbsolgekrieg;
Hsterreich europäische Großmacht.

.

Innere Entwicklung Öfterreichs bis gegen —
Schluß des 17. Jahrhunderts.... . . . 507637
Entwicklung des österreichischen Länderkomplexes. Her—
stellung dynastischer Gleichmäßigkeit. Versuche zur Her—
stellung innerer Gleichheit im 16. und 17. Jahrhundert
auf dem Wege der Gesetzgebung, der Ständepolitik, der
Begründung eines Hofadels und der Begünstigung der
katholischen Kirche, endlich der Herstellung einer einheitlichen
Zentralverwaltung. Der Einheit widerstrebende Elemente
der autonomen Entwicklung: der allgemeine Verlauf der
wirtschaftlichen und der geistigen Entwicklung, die Stände
        <pb n="12" />
        Inhalt.

—13

Seite

und die dynastischen Kampfmittel gegen sie. Beginnender
Verfall der ständischen Autonomie: die Gegenreformation
in ihrer politischen Bedeutung und die Bildung eines
stehenden Heeres.
Die Türkenkriege bis zum Frieden von Karlowißz,
1699. — 8 e4
Allgemeine politische Lage sterreichs im 16. und
17. Jahrhundert. Verhältnis zu Ungarn und Sieben—
bürgen um die Mitte des 17. Jahrhunderts. Der Türken—
krieg der sechziger Jahre: erste Ereignisse, Teilnahme des
Reiches, Kämpfe des Jahres 1664, zwanzigjähriger Waffen—
stillsiand zu Vasvar, Ausgang der türkisch-venezianischen
Kämpfe in den Mittelmeerländern; allgemeine Bedeutung
dieser Kämpfe. Türkisch-spanischer und türkisch-russischer
Krieg in den siebziger und achtziger Jahren. Ungarische
Unruhen: Kuruzzenkrieg. Türkenkrieg seit den achtziger
Jahren: die türkische Niederlage vor Wien und ihre Folgen
zIm Mittelmeer nud in den Donauländern, glückliche Feld—
züge der Kaiserlichen in den Jahren 1685 bis 1687, Ein—
ordnung Ungarns in die habsburgische Monarchie. Wieder⸗
rufleben des Reichsgedankens in Deutschland. Königswahl
Josephs J. Fortsetzung des Krieges gegen die Türken: große
Zeiten des Markgrafen von Baden und Prinz Eugens von
Savoyen. Friede von Karlowitz. Zusammenhang mit den
westlichen Ereignissen (Friede von Rijswijh).
III. Spanischer Erbfolgekrieg Gis 1714)4... 5
Politische Lage in Europa vor dem Tode Karls II.
von Spanien. Erbrechte und Interessen der Großmächte,
nsbesondere der Seemächte. Tod Karls; Große Allianz.
dage und Interessen im deutschen Reiche: Stellungnahme
der Wittelsbacher, der süddeutschen kleineren Fürsten, des
Nordwestens und insbesondere Hannovers, des Nordostens
und insbesondere Preußens.“ Der Krieg: italienischer
Schauplatz, nordwestdeutscher Schauplatz, süddeutscher zen—
traler Schauplatz (vergeblicher Angriff direkt auf Osterreich
im Jahre 1703; Schlacht von Höchstedt 1709; Schauplätze
in Spanien und Ungarn. Hervortreten des italienischen
Schauplatzes, Schlacht von Turin 1706, Verlust Italiens
für Frankreich, Italien österreichisch; Verhältnis von Papst
und Kaiser. Hervortreten des niederländischen Kriegsschau⸗
platzes; Abwandlung der Kriegsziele der Großen Allianz
unter den besonderen Interessen der Seemächte und auf

537⸗558

558 -585
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        Inhalt.

IV.

Grund der Veränderung der allgemeinen Lage durch den
Tod Kaiser Josephs J.; Friedensschluß zu Utrecht, Rastati
und Baden.
Neue Türkenkämpfe bis zum Frieden von
Paffarowitz (1718); Schicksale des spanischen Erbes
Türkische Kämpfe mit Rußland, Venedig, Ssterreich.
Siege von Peterwardein und Belgrad, Friede von Passaro⸗
witz. Versuche Karls VI., österreich zu einer Handelsmacht
 des Mittelmeers und zur interozeanischen Seemacht
zu entwickeln; Spaniens Absichten auf Parma, Piacenza
und Toskana. Entwicklung der Seemächte und Frank—
reichs; Verzicht fterreichs auf große Seemachtstellung,
Festsetzung der spanischen Bourbonen im Königreiche beider
Sizilien, Begrenzung der italienischen Herrschaft der Habs—
burger auf die Mitte und den Norden der Halbinsel.

Seite

585 596

Drittes Kapitel. Die norddeutschen Staaten und der nordische Krieg;
Enlwicklung des preußischen Königtums.
J. Norddeutsche und nordische Verhältnisfe um 1700 597629
Perioden des einheitlichen und des getrennten Verlaufes
der deutschen politischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert.
Erneute Trennung in eine Geschichte des Südens und des
Nordens feit dem Dreißigiährigen Kriege; Gründe geschicht⸗
lichen und geschichtlich⸗geographischen Charakters hierfür.
Die norddeutschen Territorien Braunschweig-Lüneburg
(Hannover), Sachsen u. Brandenburg⸗Preußen nach historisch⸗
geographischer Lage und geschichtlicher Bedeutung um 1700;
Aussichten, insbesondere Brandenburg⸗-Preußens, für die
Zukunft. Das aktuelle Verhältnis dieser Länder zueinander
und zu den Fragen der nordischen Politik: das Kurfürsten—
tum Hannover und seine Stellung zu England; Kurfürst
Friedrich August als König von Polen; Erhebung der
brandenburgischen Hohenzollern Aim Königtum in Preußen.
Stellung Dänemarks, Schwedens, Rußlands und Polens
im Bereiche der nordischen Politik: Schwedens Vorherrschaft
in den Ostseeländern, Rußlands Streben nach ihr. Initiative
Augusts des Starken zur Begründung einer nordischen
Koalition gegen Schweden.
Nordischer Krieg (is 172). ........... 629649
Erste Kämpfe im Holstein, Livland, Rußland; Schlacht
von Narwa. Einfall Karls XII. in Kurfachsen, Friedens⸗
vertrag von Altranstädt (1706), Sicherung der Rechte der
        <pb n="14" />
        Inhalt.

Seite

schlesischen Protestanten gegenüber dem Kaiser. Abzug
Karls nach Osten (1707), Krieg in Rußland, Schlacht von
Pultawa (1709). Erneute Koalition Polens, Dänemarks,
Rußlands gegen Schweden; Erfolge der Koalition. Ein—
greifen der Seemächte und des Kaisers: Haager Konvention
von 1710; Stellungnahme Preußens: Vertrag mit Holstein—
Gottorp (1713), mit Rußland (1714). Umbildung der
nordischen Koalition, Heimkehr Karls XII.; Vernichtung
der schwedischen Macht im Süden der Ostsee; Anfänge einer
baltischen Vormachtstellung Rußlands. Englische Gegen—
wirkungen: Allianz der Seemächte und Frankreichs, Mit—
wirkung des Kaisers, Vorbereitungen zum Frieden.
Schwedischer Frieden mit England, Dänemark, Polen,
Preußen, Rußland. Stellung Preußens in den letzten
Jahren des Krieges; Gewinn Vorpommerns bis zur Peene
und Stettins. Ergebnisse des Krieges für die deutsche Ent—
wicklung überhaupt.

III.

Innere Entwicklung Brandenburg-Preußens
bis zum Schlusse der Regierung Friedrich
Wilhelms J.....
Die Mark im 16. Jahrhundert, Regierung Johann
Sigmunds. Der Große Kurfürst und Friedrich Wilhelm J.:
Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Aufgaben und ihrer
Staatsanschauung. Die Zeit des Großen Kurfürsten:
Sorge für die Entwicklung der Verwaltung und des
Heerwesens; Kampf mit den Ständen in der Mark, im
Clevischen, in Preußen; Ergebnisse. Die Zeit Friedrich
Wilhelms J.: Entwicklung der Finanzen, Regulierung und
Besserung der alten fürstlichen Einkünfte (Domänen und
Regalien), Durchbildung von Kontribution und Akzise;
Ausgestaltung der Verwaltung: Umbildung und Verein—
heitlichung der landesherrlich-domanialen Verwaltung,
Ersatz der ständischen Finanzverwaltung durch die Kriegs⸗
kommissariatsverwaltung und Erweiterung dieser Ver—
waltung zu einer allgemeinen Lokal- und Zentral—
verwaltung, Anifikation der Zentralverwaltungen in dem
Generaldirektorium des Jahres 1723; Durchbildung des
Heerwesens: älteres Heerwesen unter dem Großen Kur—
fürsten und Friedrich Wilhelm II., Kantonsedikt, mili—
tärische Erziehung des Offizierkorps, Ergebnisse; Landes—
fürsorge: Verhältnis der Herrscher und der Stände zum
allgemeinen Staatsinteresse, Pflege der Interessen des

350 - 701
        <pb n="15" />
        XII

7

In halt.

Seite
platten Landes, Fürsorge für Städte und Bürgertum,
Handel und Industrie, Anteilnahme am geistigen Leben.
österreich in der ersten Hälfte des 18. Jahr
hunderts.......
Charakter des brandenburgisch-preußischen Staats—
wesens im Vergleich mit dem Charakter Österreichs. Be—
deutung der sozialen Schichten für die Durchführung der
Gefamtstaatsidee: Klerus, Adel, Bürger, Bauern. Sie alle
versagen. Politik gegenüber dem Bauernstande und dem
Bürgertum im einzelnen. Folgen bis hinein ins 19. Jahr⸗
hundert. Gedanke der Verwirklichung der Gesamtstaatsidee
durch die Verwaltung: versagt. Vereinheitlichung der
Länder des Reiches durch die Einwirkungen einer gemein—
samen äußeren Politik: Handelspolitik, äußere Politik:
geringe Ergebnisse. Entwicklung der Finanz und der
Finanzverwaltung unter Joseph J. und Karl VI. Das
Heerwesen unter Karl VI. Unglücklicher Verlauf des
Türkenkrieges der Jahre 1738-51789. Schluß: Vergleich
des österreichischen und preußischen Heer wesens.

701 - 720

Biertes Kapitel. Erste Wassengänge ésterreichs und Breußens;
Preußen europäische Großmacht.
Mühen und Kämpfe um die Pragmatische
Sanktion; Hsterreich und Preußen vis zum
Jahre 1746............. .7.“77
Entstehung und Befestigung der Pragmatischen Sanktion.
Karl VI. und Friedrich Wilhelm 1.; die jülisch-bergische
Frage. Anfänge Friedrichs des Großen und Maria
Theresias. Erster schlesischer Krieg. Erbbestrebungen
Bayerns, Anfänge des oöͤsterreichischen Erbfolgekrieges.
Breslauer Friede. Fortdauer des Erbfolgekrieges; Wahl
Karls VI., zweiter schlesischer Krieg. Kaiserwahl Franz J.,
Dresdner Friede. Abschluß des Erbfolgekrieges; Friede zu
Aachen.
Innere Reformen Maria Theresias; Sieben—
jähriger Krieg.... '5.T557. 751-777
Tätigkeit Maria Theresias und Friedrichs zwischen
dem zweiten und dritten schlesischen Kriege. Unterschied
ihrer persönlichen Anschauung und ihres persönlichen
Tuns. Reformen in Hsterreich: religiöse und kirchliche
Haltung der Kaiserin, Stellung zum Schulwesen. Retablisse—
ment des Heeres, Aufsuchen neuer Einnahmen, Kampf mit
        <pb n="16" />
        Inhalt.

XIII

Seite

den Ständen, politisches Verhältnis zum Hochadel. Durch—
bildung der Zentralverwaltung, Trennung von Justiz
und Verwaltung, Justizreformen, Entwicklung einer Lokal—
verwaltung (Kreisämter). Merkantilismus, Finanzen,
Heerwesen; das Offizierkorps als Träger der Gesamt⸗
staatsidee. — Siebenjähriger Krieg. Politische Haltung
König Friedrichs und Hsterreichs vor dem Kriege. Ursachen
und Anlässe des Krieges. Verlauf in den einzelnen Kriegs⸗
jzahren. Friede von Hubertusburg. Wandlung in der
politischen Stellung der beiden deutschen Großmächte zum
Reiche.

III.

I[V.

Innere Entwicklung Preußens unter Friedrich
dem Großen...8686
Friedrich der Große als Staatsmann des Innern.
Retablissement nach dem Siebenjährigen Kriege. Heer—
wesen und Verwaltung. Allgemeines Ziel der inneren
Politik. Bevölkerungspolitik. Reichtumspolitik: Merkan—
tilismus. Handelspolitik im engeren: äußzere Zollpolitik,
Durchgangszollpolitik, Kanalbau und Verkehrspolitik über⸗
haupt, Schutzzölle, Prohibition und Monopolien. Gewerbe—
politik: Begünstigung der Manufakturen, Aufblühen ein—
zelner Industrien. Ackerbaupolitik: Merkantilismus und
Physiokratismus des Königs, Wirtschaftsführung und
soziale Herrschaft auf den Domänen (innere Kolonisation),
Sozialpolitik gegenüber Bauern und Gutsherren. Das
Bürgertum und die Wirtschaftspolitik des Königs. Prinzipien
seiner Sozialpolitik. Verbesserungen der Rechtspflege und
des Rechtes. Anschauungen über Erziehung und Unterricht,
Schulpolitik. Stellung Friedrichs zum deutschen Neu—⸗
humanismus.
Erste Teilung Polens, deutscher Fürstenbund:
Ende Maria Theresias und Friedrichs des Großen
Politische Konstellation der europäischen Mächte nach
dem Siebenjährigen Kriege. Königswahl in Polen; Preußen
mit Rußland verbündet. Gegenwirkungen Frankreichs und
Osterreichs; Krieg zwischen Rufssen und Türken; Bedrängung
Osterreichs durch die russischen Friedensbedingungen gegen—
über der Türkei; Ausgleich der gegenseitigen Beziehungen
Rußlands, Hsterreichs und Preußens durch die erste polnische
Teilung. Administrative Einordnung der erworbenen Ge—
bietsteile in Preußen. — Personalverschiebungen im öster—
reichischen Herrscherhause, Hervortreten Josephs II., Zurück—⸗

777—802

202 -831
        <pb n="17" />
        XIv

In halt.

treten Maria Theresias. Charakter der Kaiserin. —
Deutsche Politik bis zum Tode Friedrichs des Großen:
Annäherungsversuche Preußens und sterreichs, bayrischer
Erbfolgekrieg, Friede zu Teschen; Annäherung sterreichs
und Rußlands gegen Preußen; neue Eingriffe Kaiser
Josefs in die Zustände des Reichs, Fürstenbund des
Jahres 1785. — Tod Friedrichs des Großen. Seine Per—
önlichkeit.
J. Sachregister. .
II. Personenregister

Seite

832 855
855878
        <pb n="18" />
        Einundzwanzigstes Buch.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2.

6
        <pb n="19" />
        Erstes Kapitel.

Deutschland unter den politischen Nachwirkungen
des Dreißigjährigen Krieges.

Im achtzehnten Buche unserer Erzählung! ist die wirt⸗—
schaftliche und verfassungsgeschichtliche Lage Deutschlands nach
dem Dreißigjährigen Kriege wie die innere politische Entwick—
lung der souveränen Territorien des Reiches bis hinein ins
18. Jahrhundert zur Darstellung gelangt. Wenden wir uns
jetzt der Aufgabe zu, die Entwicklung der äußeren politischen
Schicksale wie auch die besondere innere Ausgestaltung der
größten Territorien, sterreichs und Preußens, vom Beginne
ihres Gegensatzes an bis zu dessen erstem Austrag, von der
Mitte etwa des siebzehnten bis gegen Schluß des 18. Jahr⸗
hunderts zu schildern, so kann das nicht ohne einen weit zu⸗
rückgreifenden Überblick der Zusammenhänge zwischen politischer
und kulturgeschichtlicher Entwicklung überhaupt geschehen, soll
anders die Darstellung in geschichtlicher Tiefe gegründet werden.
Denn nicht anders wie die Entwicklung der Kunst oder der
Literatur oder der Wissenschaft ist auch die innere wie äußere
politische Geschichte nichts als eine der Erscheinungsformen
des allgemeinen, vorwärts pulsenden sozialpsychischen Lebens,
so, wie dieses sich auf einem gegebenen Raume und in einer
gegebenen menschlichen Gemeinschaft entfaltet.

1 Bd. VII. 2. S. 339 460.

26
        <pb n="20" />
        100 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Freilich ist dabei der Charakter schon des Raumes keines⸗
wegs gleichgültig. Gewiß: primitive Formen menschlichen Zu—
sammenlebens erscheinen in den wesentlichsten Richtungen ihrer
Auswirkung kaum an bestimmte Räume, ja selbst nur wenig
an bestimmte Klimate gebunden; sie sind transportabel; und
sie dauern an, so lange das Zeitalter primitiver Wanderungen
einer gegebenen menschlichen Gemeinschaft fortwährt. So
läßt sich z. B. von dem germanischen Staate der Urzeit be⸗
haupten, daß er noch viel von diesem Charakter gezeigt habe:
weshalb er denn mit Dutzenden von Verfassungen von Volkern
in ähnlicher Daseinslage selbst bis in Einzelnheiten hinein ver—
gleichbar ist. Da aber, wo ein Volk völlig seßhaft geworden
st, ja wo es auch nur seine Sohlen träger hebt von dem einmal
eingenommenen Boden, da beginnt dieser auch seine Macht zu
iiben. Welch ein Unterschied ergibt sich da vor allem zwischen den
sttaatlichen Lebensbedingungen, die weite und die begrenzte Räume
darbieten! Mag man sie aus dem Gegensatze zwischen der
heutigen europäischen Staatenwelt und den emporblühenden
Großstaaten des nördlichen Amerikas, Kanada und der Union,
entwickeln oder aus den Kontrasten der hellenischen Welt des
Mittelmeeres und den frühen Reichen des Niltals und Meso—
potamiens: immer ergibt sich der gleiche Eindruck: Großräumig—
keit im Sinne gleichmäßig and auernder Verbreiterung derselben
Raumformen, der Ebene, der Steppe, der Prärie, geht mit
räumlich umfangreichen Staatsgebilden zusammen; und einer
Mannigfaltigkeit minder ausgedehnter Raumformen pflegt ein
Nebeneinander räumlich begrenzter Kleinstaaten zu entsprechen.
Handelt es sich indes bei Betrachtungen über die Be—
deutung des Raumes, wie sie noch lange fortgesetzt werden
fkönnten, nur um Bedingungen des geschichtlichen Geschehens,
so führt jede Beobachtung zeitlicher Momente alsbald in dieses
selber ein. Denn die Zeit, der einseitige, niemals wieder in
sich zurückkehrende Verlauf, ist recht eigentlich das Merkmal
der Geschichte.
Im Ablaufe der Zeitmomente ist für die Geschichte jeder
menschlichen Gemeinschaft das zunächst Charakteristische die
        <pb n="21" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Urieges. 401

Fortdauer ihrer eigenen Vergangenheit: die Verdichtung, die
Intensitätssteigerung, die sich mit jedem weiter geborenen Ge—
schlechte dadurch vollzieht, daß die Errungenschaften der früheren
Generationen in irgendeiner Stärke und in irgendwelchen
Formen fortwirken. Und je nach den verschiedenen Zweigen
der menschlichen Entwicklungserscheinungen kann man Gruppen
dieser Formen, kann man vor allem eine Gruppe der mate⸗
riellen Kultur und eine solche der geistigen unterscheiden, wobei
sich die erste vornehmlich in Wirtschaft, Gesellschaft und recht⸗
lichen Lebensformen einschließlich der Verfassung äußert, die
letztere hingegen sich in die Außerungen der Kunst und der Wissen⸗
schaft, des religiösen und des sittlichen Lebens zerlegen läßt.
Geht man von diesem Gruppenunterschiede aus, so er⸗
gibt sich für jede geschichtliche Betrachtung bald, daß die Fort—
schritte der Wirtschaft, Gesellschaft und Verfassung in der
steigenden Intensität ihres Eintretens den Charakter des Staats⸗
gebietes nach innerer Struktur wie äußerem Abschlusse — und
—D
dern vor allem Aufgabe der Erzählung dieses Buches ist —
wesentlich bedingen; nicht minder läßt sich aber auch auf sehr
einfache Weise zeigen, daß der allgemeine Fortschritt des Geistes⸗
lebens und insbesondere auch der Willensbildung von Kultur—⸗
zeitalter zu Kulturzeitalter grundlegend wirkt für die jeweilige
Durchbildung der Fähigkeiten, die den Helden, den Krieger, den
Staatsmann ausmachen. Und bald soll eine kurze Betrach⸗
tung speziell der deutschen Entwicklung veranschaulichen, wie
in jedem Betrachte greifbar und klar diese von den Unter—
schieden der einzelnen Kulturzeitalter abhängigen Bedingungen
nnwhen und auch militärischen Handelns gezeichnet werden
önnen.

Sind aber mit den Formen einer nationalen Verdichtung
der materiellen und geistigen Kultur alle Einwirkungen um—
schrieben, welche die spezifische Zeitabfolge auf das jeweilige
Wesen auch der äußeren Politik ausübt? Keineswegs: zu
ihnen kommen noch alle jene Einflüsse aus der internationalen,
universalen Zeitabfolge der Geschichte, welche als Rezeptionen
        <pb n="22" />
        402 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

der Kultur anderer noch lebender Völker und Renaissancen
der Kultur vergangener Nationen bekannt find. Auch sie be—
dingen und schaffen die seelische Haltung der Staatskunst einer
bestimmten Zeit wie den Charakter des Staatskörpers, dessen
äußere Geschichte diese Staatskunst zu lenken oder wenigstens
zu beeinflussen sucht. —
Die schriftliche Uberlieferung und damit die Möglichkeit
einer eingehenden Kenntnisnahme des Geschehenen reicht für
die deutsche Geschichte besonders weit zurück: welche Nation
wenigstens unter den europäischen hochentwickelten Völkern
könnte sich eines Berichtes über ihre Frühzeit rühmen, wie ihn
die Deutschen in der Germania des Tacitus besitzen? Dennoch
läßt auch der Inhalt der Germania dahrtausende vor ihrer
Entstehung liegender Geschichte nur erahnden; weit entfernt
ist fie davon, an die Herzkammern des nationalen Werdens
selbst zu führen. So viel aber geht aus ihren Mitteilungen
doch hervor, wenn man diese mit dem Inhalte der Überliefe⸗
rung anderer, innerlich verwandter Kulturen vergleicht, daß
die Germanen schon weit vor aller geschriebenen Geschichte ge—
waltige Katastrophen ihrer inneren Entwicklung erlebt haben
müssen. In Zeiten, da der wesentliche Verband des Volkes
noch das Geschlecht war mit einem patriarchalischen Fuhrer an
der Spitze, ist die Gewalt dieses Führers allenthalben dadurch
beschränkt worden, daß man die innerlichsten Herrschaftsrechte,
die er aus dem Zusammenhange mit einem Ahnenkultus her
gehabt haben muß, vermutlich mit allen wesentlichen Momenten
dieses Kultes selbst beseitigte: so früh schon müssen sich die
Germanen als denkende Zweifler, als Grübler an transzendent
geglaubten Grundlagen ihrer Entwicklung erwiesen haben.
Und auch die Macht besonderer Priester, die wenigstens zum
Teil Stücke der alten Sakralgewalt des patriarchalischen Führers
übernommen haben mögen, ist schon so gut wie beseitigt zu
der Zeit, da die Germanen in ein helleres Licht der Geschichte
treten.
Die Folgen dieser Vorgänge für die prähistorische ger—
manische Welt sind leicht zu erraten. Je mehr die Gewalt
        <pb n="23" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 403

der Geschlechtsführer ermattete und schwand, um so mehr
werden die einzelnen Geschlechter, noch jedes sozusagen ein
Staat für sich, gegeneinander gewütet haben: und dies war
vermutlich jener Krieg aller gegen alle, aus dem der Staat
der endenden Urzeit hervorgegangen ist, jener Staat, den
wir aus Cäsar und Tacitus genauer kennen.
Wie dem aber auch im einzelnen gewesen sein mag: sicher
ist, daß Kampf der Geschlechter gegeneinander häufig war und
daß er einen Krieg aller gegen alle bedeutete. Denn noch in
geschichtlicher Zeit gleicht die Blutrache, in deren Formen er
sich vollzog, einem solchen Kampfe. Nicht darum handelte es
sich in ihr, daß der Mörder, der den Angehörigen eines an⸗
deren Geschlechtes getötet hatte, von diesem, gleichsam schon
zur Strafe, wiederum getötet wurde: nein, das beleidigte Ge⸗
schlecht griff einen jeglichen Angehörigen des Geschlechtes des
Beleidigers tödlich an, und die Fehde endete somit grundsätzlich
in der Vernichtung aller Glieder beider Geschlechter.
Sucht man die psychischen Grundlagen und gleichsam
Klammern dieser geschichtlich feststehenden Zusammenhänge
unter der Beachtung der Überlieferung auf, die wir sonst über
das Seelenleben der frühesten Zeit haben, so ist kein Zweifel,
daß sie in der nahezu gleichen seelischen Ausstattung der ein⸗
zelnen Volksglieder gegeben sind. Darum der Mörder ein
Exemplar nur der Männer seines Geschlechtes, fungibel gleichsam
im juristischen Sinne dieses Wortes; darum Massenkampf ohne
Organisation; darum ständige, durch Einspruch eines einzelnen
nur in Ausnahmefällen zu beendigende Fehde. Es sind Zu⸗
stände, die, wenn wir sie durch moderne Ausdrücke adeln und
wenn wir das Geschlecht als das Keimwesen eines Staates an⸗
sehen wollen, ein noch mangelndes Staatsgebiet — denn der
Geschlechtsverband war durchaus ein Personalverband —, einen
höchft schwächlich funktionierenden, ja noch mangelnden Schutz—
abschluß des Staates nach außen und endlich einen grund⸗
sätzlichen Mangel jeder Diplomatie nach außen und jeder staats⸗
männischen Tätigkeit des einzelnen nach innen zeigen.
Aber der uns wohlbekannte Staat der ausgehenden Ur—
        <pb n="24" />
        404 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

zeit, der Zeit des Cäsar und Tacitus, war über diese Zustände
längst hinaus gewachsen. Ja sein Wesen ist, daß eben in ihm
die alten Geschlechter in ihrer maßlosen Freiheit gebändigt er—
scheinen: eine zusammengesetzte Bildung schon, gleich den kom⸗
positen Blüten gewisser Pflanzen, vereinigt er eine Anzahl
von Geschlechtern in sich als Einheiten seiner kriegerischen und
richterlichen Betätigung, und hat sie in der Ausbildung dieser
Machtäußerungen seinem hoheitlichen, vom Interesse am öffent⸗
lichen Frieden getragenen Willen unterzwungen. Dement⸗
sprechend hat der Kampf von Geschlecht gegen Geschlecht auf⸗
gehört oder erscheint wenigstens nur noch in den vom Staate
vorgeschriebenen Rechtsformen möglich, ein Duell gleichsam,
dessen Grausamkeit immer mehr eingeengt wird; und an seine
Stelle ist der Kampf nur wischen Staat und Staat, zwischen
einer der kompositen Vereinigungen der alten Geschlechter und
ziner anderen, getreten.
Es ist klar, daß damit die Häufigkeit der Kampfanlässe
und die Ständigkeit des Fehdezustandes ohne weiteres in hohem
Grade reduziert wurde. Aber damit nicht genug. Diese
Staaten waren zugleich schon bis zu einem gewissen Grade
seßhaft geworden. Gewiß waren sie noch nicht aufs engste
mit einem bestimmten Boden vermählt, noch nicht voll er—
zogen zu den süßen Empfindungen der Heimat. Aber wenn
fie auch gelegentlich noch wanderten, so trieb sie dazu doch
immer erst ein besonderer Anlaß und nicht selten die Not: schon
machte sich in ihrem Leben der Einfluß des besonderen Raumes,
eines spezifischen, wenn auch ihnen noch nicht völlig eigentüm⸗
lichen Bodens geltend. Und er wirkte friedeschaffend. Gewiß
kounte eben diese neue Art werdenden Eigentums auch Zwist
veranlassen: deutsche Völker der Urzeit haben um Grund und
Boden vornehmlich auch besonderen Charakters, haben um Salz⸗
quellen z. B. gestritten. Aber was besagte dieser Zwist um
Eigen gegenüber der Hartnäckigkeit und Häufigkeit der früheren
Kämpfe um Leben? Und schon sorgten mächtige Staaten, zur
Einschränkung der Kriege um Land, für eine besondere Schutz⸗
wehr; mehr als ein Zeugnis der alten Literatur überliefert die
        <pb n="25" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißig jähr. Krieges. 405

den Völkern der dicht wohnenden antiken Welt auffallende
Tatsache, daß die Siedlungsgebiete der einzelnen germanischen
Staaten von weiten, wüsten Grenzsäumen — und je weiteren,
je mächtiger ein Volk war — umgeben waren: es ist der
Ursprung des germanischen Begriffes der Mark.
Innerhalb dieser einzelnen Staaten aber währte noch
immer vieles von dem Seelenleben vergangener Zeiten fort;
noch waren die einzelnen Personen im höchsten Grade ge—
bunden an Dasein und Wirkungsformen ihres Geschlechts wie
des Staates, dem dieses angehörte; noch konnte im regel—
mäßigen Verlaufe des Lebens von einer freieren Bewegung
der Personen, von einer Persönlichkeit mithin des einzelnen
im besonderen, etwa gar individuellen Sinne nicht gesprochen
werden; Staat und Geschlecht waren die leitenden Lebewesen,
nicht der einzelne. Und das galt selbst für die höchsten Momente
des öffentlichen Daseins, für die Bewährung in der Schlacht
und für den politischen Rat im Frieden; der germanische
Kämpfer kannte keine persönliche Kriegerehre, sondern schrieb
den Ruhm seiner Taten seinem Führer, dem Häuptling des
Geschlechtes zu; und der Germane als Bürger seines Staates
nahm amtlich und öffentlich nicht persönlichen Anteil an der
Beratung von dessen Wohl und Wehe, sondern kam nur in
strikter Genehmigung oder Ablehnung der Ratschläge, die von
dem Kreise der Geschlechterhäuptlinge ausgingen, zu Gehör.
So bedeutete persönliche kriegerische oder staatsmännische
Tätigkeit immer eine mit tausend Opfern und nicht selten mit
Verbannung oder Tod zu erkaufende Ausnahmestellung; der ger⸗
manische Held ist in der Vorstellung der Nation der Recke, der
fern von Geschlecht und Heimat abenteuernde Krieger; und
die staatsmännische Tätigkeit Armins des Befreiers ist mit dem
Tode, die Marbods mit Verbannung gelohnt worden.
Aber eben diese Stellung der gewaltigsten Männer, die
schon wagten Persönlichkeiten zu sein, dies Leben auf der
Schneide des Schwertes hat zugleich zu den größten Leistungen
geführt, die das altgermanische Leben überhaupt hervorgebracht
hat. Diese Männer hatten nicht die Wahl, groß oder klein,
        <pb n="26" />
        406 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

tätig oder ruhig zu sein; vorwärts trieb sie ihr Schicksal
hinaus über das Bestehende und Gemeine. So sind sie Heer⸗
führer in unbekannte Länder, Begrüunder persönlicher Herrschaft,
Vertreter einer urzeitlichen Despotie geworden. Von diesem
Schlage waren die Könige schon der Cimbern und Teutonen,
waren dann die Helden der Südgermanen im ersten bis
fünften und der Normannen im 9. bis 11. Jahrhundert.
Sie sind die persönlichen Motoren der Völkerwanderung ge⸗
wesen, und sie haben in so frühen Zeiten durch Unterwerfung
inderer Staaten unter die ihrer Herkunft Reiche von weiter
Ausdehnung begründet, Reiche, die oft genug mit ihrer Person
standen und fielen, Despotien, deren Zusammenhang allein in
Tributleistungen von Edelmetall, von Waffen, Pferden und
Mannschaft zum Ausdrucke kam; schon Marbods Reich war,
uns völlig deutlich, von dieser Art und hat sich von der mitt⸗
leren Donau bis zur Elbe, von den Sitzen der Markomannen
bis zu denen der Langobarden erstreckt.
Es ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen der ausgehen⸗
den Urzeit; und sie darf als um so bezeichnender gelten, als
sie am Schlusse der Urzeiten überaus zahlreicher Völker wieder⸗
kehrt. Noch heute entstehen und vergehen auf afrikanischem
Boden Reiche von dem Charakter derjenigen Marbods und
Ariovists; die Slawen haben am Schlusse ihrer Urzeit,
vom 8. bis 11. Jahrhundert, die großmährischen und groß⸗
polnischen Reiche erlebt; und innerhalb der vorderasiatisch⸗
europäischen Entwicklung sind solche Reiche da, wo ihnen große
Räume von verhältnismäßig gleichartigem Charakter als geogra⸗
phische Grundlage dienten, zu langer Dauer und weltgeschicht⸗
licher Bedeutung gelangt und zu einer Entwicklung vom ur—⸗
zeitlichen bis zum Polizeistaat der Neuzeit fortgediehen. Hierher
gehören vor allem die Reiche in den Tälern des unteren Nils und
des Euphrats und Tigris. Dort entstehen die großen Staaten,
durch welche die uns aus jener Frühzeit bekannte Okumene
fast ganz erfüllt wird, das sumerische, assyrische, babylonische
Reich und die Reiche von Ägypten. Sie sind, soweit sie etwa
primär und nicht wie sicherlich das babylonische und assy⸗
        <pb n="27" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 407

rische teilweis sekundären Ursprunges sind, aus einer Amalga—
mierung kleinerer Staaten noch niedriger Kultur hervorgegangen,
indem ein größerer Staat oder die Herrschernatur einer großen
Person oder eines Geschlechtes in einem der Staaten die
andern zur Untertanschaft im Sinne der Tributpflicht zwang.
Waren sie von langer Dauer, so war dafür, außer den besonders
günstigen geographischen Verhältnissen, wohl vor allem die Tat—
sache von Bedeutung, daß die Eroberer mit göttlichem Nimbus
umkleidet wurden. Denn in Zeiten starker geistiger Gebunden—
heit werden Glaubensnormen zu Gesetzesvorschriften — so sind
noch die griechischen Dogmen des Christentums in der Anschauung
der mittelalterlichen Völker Zentral- und Westeuropas zu Vor⸗
schriften eines geistlichen Rechtes geworden —: und so bilden
sie eine der stärksten, wenn nicht die stärkste Bindungsform
dieser Zeitalter. Es ist der innere Grund, warum solche Despo⸗
tien, wenn sie länger währen, leicht zu Theokratien werden
oder von theokratischen Grundgedanken ausgehen.
Im Orient entstanden auf diese Weise feste Staaten und
eine Staatsform, die theokratisch unduldsam war bis zu dem
Grade, daß sie den Charakter der alleinigen Herrschaft und
damit des Universalstaates für sich beanspruchte.
Verfolgen wir demgegenüber den Gang mittelmeerisch-euro⸗
päischer Entwicklung der Antike, ohne deren Heranziehung in
diesem Augenblicke wir schwerlich imstande sein würden, die unter
fortwährenden Renaissancen verlaufende innere politische Entwick—
lung des deutschen Volkes nach der Periode der urzeitlichen Despo⸗
tien zu verstehen, so sehen wir, wie hier den vorderasiatisch-afrika—
nischen Reichen nach anfänglicher Neigung zu Urstaat und groß⸗
staatlicher Despotie bald ganz andere Bildungen entgegentreten.
In diesen Gegenden, in Griechenland und Italien, er⸗
innert nichts an die einförmige Großräumigkeit des Orients;
und fast unmöglich erschien es daher in Zeiten unentwickelter
Verkehrsmittel zu Lande, hier größere Landstrecken zu be—
herrschen. Dagegen fuührte ein reger, wenn auch primitiver
Verkehr auf dem gastlichen, inselbedeckten Meere bald zur An—
häufung größerer Menschenmassen an wenig zahlreichen, mensch—
        <pb n="28" />
        408 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

lichem Dasein aus irgendeinem Grunde besonders günstigen
Stellen, und damit zur Stadtbildung und zur Entfaltung von
Anfangsformen der Geldwirtschaft. Da wird denn das Bürger—
tum früh Träger der staatlichen Entwicklung, Stadtstaaten er—
stehen und in ihnen eine bürgerliche Demokratie; es ist die
klassische Entwicklung vor allem von Hellas.
Darauf hat Alexander der Große die Kulturerrungen⸗
schaften dieser Welt in das Leben der Despotien des Orients
getragen. Es geschah mit den Mitteln des makedonischen
Königreiches, des einzigen größeren Landstaates auf der euro⸗
päischen Seite. Aber der Versuch, der kulturgeschichtlich von
der außerordentlichsten Bedeutung war, mißlang auf politischem
Gebiete. Ein Ausgleich der hellenisch-makedonischen und der
—V———
einrichtungen kam nicht zustande; schon Alexander vermochte das
hellenisch gemilderte System des theokratischen Despotismus nicht
aufrecht zu erhalten, und sein Reich zerfiel unter den Diadochen.
Inzwischen war in Italien ein zweites, nun durchaus okzi⸗
dental charakterisiertes Weltreich zum Aufblühen reif geworden,
das römische. Von vornherein eröffnete die im Vergleiche
mit Hellas leichtere Zugänglichkeit der einzelnen italienischen
Landschaften dem römischen Stadtstaat, wenn er erobern wollte,
bessere Aussichten, während er für seine innere Durchbildung
den Vorteil besaß, die Erfahrungen der älteren griechischen
Stadtentwicklungen nutzen zu können; und griff man über
Italien hinaus, so erschienen für einen Eroberer die Fugen
der westlichen Welt durch die Vorarbeit der phönizischen Herr—
schaft Karthagos, die der östlichen durch den staatlich zersetzenden
Einfluß des Hellenismus gelockert.
War durch das Zusammentreffen all dieser Momente
der Übergang des kriegerischen Roms zu einer Universal—⸗
herrschaft der Mittelmeerländer überaus leicht gemacht und
fast gesichert, so erfolgte eben darum die Entwicklung besonders
rasch. Und die Folge wiederum hiervon war, daß sich die
inneren, naturgemäß ursprünglich demokratischen Institutionen
nicht in ruhiger und ebenmäßiger Reife umbilden und dem
        <pb n="29" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 409

mehr monarchischen Charakter des neuerrungenen Reiches an—
passen konnten. Ja selbst die Entwicklung des Wirtschafts⸗
lebens vermochte der reißend raschen Entfaltung der äußeren
Politik nicht ganz zu folgen. Und so ergab sich schließlich eine
keineswegs einfache Lage. Die erreichten Formen der Ver—⸗
kehrswirtschaft genügten nicht, um die Teile des Reiches gleich—
sam immanent, durch das Schwergewicht ständig verlaufender Be⸗
ziehungen aller mit allen, zusammenzuhalten. Und im Zentrum
war keine monarchische Gewalt von einer Stärke vorhanden,
die das Ganze durch einen Prozeß zunehmender Vereinheit—
lichung belebt hätte. Etwas von dem Charakter der alten
orientalischen Despotien trat auf. Und auch etwas von der
Art der Bindung, die diese zusammengehalten hatte. Indem
ältere Gedanken religiöser Staatseinrichtungen Roms sich mit
Vorstellungen des Christentums, das eben in diesem Chaos
emporkam, wunderlich kreuzten, entstanden Vorstellungen einer
neuen Theokratie; der Cäsaropapismus trat hervor, und seit
Diocletian und Konstantin war sein System vollendet.
Es war eins der vielen Zeichen, die in der kaiserlichen
Zeit Roms je länger je mehr die Neigung zu kulturellen Rück—
bildungen verrieten, die äußerlich und in gewissem Sinne auch
innerlich zu der seelischen Haltung von Urzeiten zurückführten:
so wie sich im Leben des Greises Erscheinungen einzustellen
pflegen, die an den psychischen Typ des Kindes erinnern.
Sollte es da, unter diesen Umständen, nicht möglich werden,
daß gar mancher Inhalt, vor allem aber manches Requisit der
römischen Kultur auf die der Kultur nach noch so jungen ger⸗—
manischen Völker überging, die ihre Totengräber waren?
Diejenige germanische Despotie, die, fast ganz noch in der
Weise der Eroberungen Ariovists oder Marbods begründet, am
meisten und dauerndsten in diese Kombination hineingeriet, war
die fränkische; Chlodovech mit den Vorfahren zweier Generationen
vor ihm hat sie begründet, und mehr als zwei Jahrhunderte hat
sie unter seinen Nachkommen fortgewährt. Und auch für das
nächste Herrschergeschlecht, das der Karlinge, bestand im Grunde
noch eine ähnliche Kombination; denn noch war Rom im 8. Jahr—
        <pb n="30" />
        410 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

hundert nicht tot; lebendig zeugten von seiner alten Größe noch
tausend Bauten nicht bloß in den Mittelmeerländern, sondern
auch in Zentraleuropa, und seine Kunst und Wissenschaft, seine
Sprache und Dichtung gingen erst damals, wenn auch in stetig
schwererem Ringen mit dem Tode, gänzlichem Verfalle entgegen.
Und bedurfte das Frankenreich mit steigender Eigenkultur
nicht eben der Stütze jenes alle umfassenden Bandes des
Blaubens, die die orientalischen Reiche unter verwandten Ver⸗
hältnissen und schließlich auch Rom in der Theokratie gefunden
hatten? Versuche der Merowinger, in Steuerverfassung, Ver⸗
waltung, Verkehrswesen andere Klammern der römischen Uni⸗
versalmonarchie in ihr Reich hinüberzuretten, sind gescheitert;
mit Erfolg dagegen haben sie den Gedanken eines fränkischen
Landeskirchentums erfaßt. Und nach ihnen hat Karl der Große
bewußt den Weg zur Theokratie eingeschlagen. Erwies er sich
als gangbar, so mochte sich unter ihm die deutsche Nation,
wie andere Nationen des Reiches, der Durchbildung zu höheren
Zielen der Kultur widmen.
Aber dem trat schon unter Karl dem Großen, erst recht
aber dann, als der Gedanke des Universalreiches an erster Stelle
nur noch den Deutschen verblieb, unter Ottonen, Saliern und
Staufern eine andere, inzwischen entwickelte Gewalt entgegen:
das Papsttum. In den Verfallszeiten des römischen Reiches,
als die Theokratie der Imperatoren mit dem Throne über⸗
haupt ins Wanken geriet, waren die Germanen noch nicht
oder nicht so zum Christentum bekehrt gewesen, daß auf dem
festen Bestande christlicher Gefühle in germanischen Herzen eine
Vorstellung von der christlich-göttlichen Würde eines germani⸗
schen Großkönigs hätte erwachsen können. Und so bildete sich
für die Idee einer christlichen Theokratie, die, zunächst in den
westlichen Mittelmeerländern, mit dem Verfall des okzidentalen
Imperiums nicht verloren ging, eine Ersatzgewalt aus im
römischen Papsttum. Gewiß verschob sich damit der theo⸗
kratische Gedanke etwas; die geistliche Seite in ihm trat mehr
hervor. Allein auch die weltliche blieb gleichwohl erhalten;
deutlich, anschaulich bis ins einzelnste leuchtet sie aus dem In⸗
        <pb n="31" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigijähr. Krieges. 411

halte der Konstantinischen Schenkungsurkunde hervor. Und so
fand denn die fränkische Despotie und ihr folgend das deutsche
Reich der Franken und Sachsen des 10. Jahrhunderts und
der folgenden Jahrhunderte die wirkende Kraft des theokrati⸗
schen Gedankens im Besitze eines anderen, als sie, bei steigen⸗
den christlichen Empfindungen der Völker in ihrem Bereiche,
ihrer hätte bedürfen können.
Es war, wenn nicht der nächste Anlaß, so einer der tiefsten
Gründe des hartnäckigen Kampfes zwischen Imperium und
Sacerdotium vom 11. bis zum 14. Jahrhundert.
Gewiß wäre dieser Zwist rascher beendet worden, wäre
der Gedanke von der Notwendigkeit einer christlichen Universal⸗
gewalt früher aus den Köpfen der mittelalterlichen Menschen
verschwunden. Aber eben dies war nicht der Fall. Es gehört
mit zu den wichtigsten Kennzeichen der Gebundenheit des mittel⸗
alterlichen Seelenlebens, daß Gedanken höherer Kultur aus
früheren Zeiten, namentlich den Zeiten des Altertums her, nicht
als Geisteserzeugnisse einer bestimmten Zeit, sondern als stetig
geltende Normen erfaßt wurden: was die Alten gedacht
haben, besteht nicht bloß, sondern muß sein: das ist eine Vor⸗
stellung, die zum großen Teile z. B. auch noch das vollendetste
Denken des Mittelalters in dem ontologischen Irrtum des Nomi⸗
nalismus beherrscht. Indem nun diese Auffassung bestand, ist
die Wirkung der theokratischen und der Universalidee nur sehr
langsam allmählichen Abschwächungen unterlegen und versteht
es sich, daß sie erst mit Anbruch der Neuzeit, im Bereiche eines
ganz anderen, des individualistischen Seelenlebens, wirklich ver—
schwunden ist. Es sind seelische, kulturelle Vorgänge, die
besser als irgendwelche anderen Zusammenhänge zeigen, in wie
hohem Grade der Untergrund der Kämpfe zwischen Kaiser und
Papst spezifisch mittelalterlich charakterisiert ist.
Erscheint aber damit die höchste Diplomatie dieser Zeit
zunächst ihrem wichtigsten Inhalte nach von gebundenem Seelen⸗
leben abhängig, und haben die Ereignisse auf ihrem Gebiete
auf die äußeren Schicksale gerade des deutschen Volkes vielfach
bestimmend eingewirkt, so verlief doch anderseits die staatliche
        <pb n="32" />
        412 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

und politische Entwicklung der Nation unter der oberen Schicht
und Decke dieser universalen Beziehungen, die immer mehr
verblaßten, stets selbständiger: der Gedanke der universalen
Despotie entfärbte sich, und der des nationalen Staates und
auch nationaler äußerer Geschicke gewann an Leben.
Da war nun eben kurz vor und nach und zu den Gruün⸗
dungszeiten der fränkischen Monarchie einer der wichtigsten
Fortschritte der internen nationalen Staatenbildung erfolgt; aus
den Völkerschaften noch der taciteischen Zeit waren die Stämme
der Franken und Alamannen, der Sachsen und Friesen, der
Schwaben und Bayern hervorgegangen. Es mag dabei an dieser
Stelle unerörtert bleiben, welches die tiefsten Veranlassungen
dieses Wechsels gewesen sind: sicher steht als Ergebnis, daß
von nun ab die Fixierung der Nation auf einen bestimmten
Raum ständige Fortschritte machte. Gewiß ist der Begriff des
Stammes noch bis ins 10. und 11. Jahrhundert, also auf
etwa fünfzehn Generationen hin, zum größeren, wenn auch
allmählich bis zum Verschwinden abnehmenden Teile nicht
von der Landesgrundlage, sondern von der Personenzugehörig⸗
keit aus gebildet worden: so lange wirkte der ursprünglich rein
personale Aufbau des altgermanischen Staates noch nach; und
erst am Schlusse dieser Zeit entwickelte sich der Begriff Land
und Leute als ein untrennbares, als ein im Grunde eine
Einheit bezeichnendes Doppelwort. Und gewiß ist gerade in
der deutschen Geschichte der Raum, dem die Geschicke der ge⸗—
samten Nation eingeschrieben waren, noch lange großen Schwan⸗
kungen unterworfen gewesen, wie das eine Folge der nach
West und Ost offenen Grenzen und noch mehr der Koloni—
sation des Ostens vornehmlich vom 12. bis 14. Jahrhundert
sein mußten. Allein daneben drängte die steigende Durchbildung
des Ackerbaues doch zu voller Seßhaftmachung; nur in be—
scheidenem Maße sind die einzelnen Stämme noch gewandert,
soweit es sich nicht um kolonisatorische Ausbreitung handelte;
und eben für ihre Kerngebiete erwuchs zuerst auf deutschem
Boden der spezifisch deutsche Begriff, ertönte zum ersten Male
der besondere Klang des Wortes Heimat.
        <pb n="33" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißig jähr. Krieges. 418

Ein außerordentlicher Fortschritt trat damit allmählich ein.
Die Verheimatlichung brachte Abschluß der politischen Räume
und damit ein festes irdisch-sichtbares Skelett gleichsam des
Volkstums; es war zur selben Zeit etwa, da aus den Stämmen
heraus der zusammenfassende Begriff der Nation emporkeimte;
und die Gemeinsamkeit dieser Entwicklung fand ihren schönsten
Ausdruck in dem Aufkommen des Wortes Vaterland (patria
in diesem Sinne seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts;
teutonica patria zuerst im Jahre 10602). Verheimatlichung aber
hieß auch Wohnlichmachung des Landes und bedeutete damit
eine neue, schier unendliche Aufgabe der inneren Politik, deren
einzelne Anforderungen von Geschlecht zu Geschlecht anders
und höher gestellt wurden, und hieß in der äußeren Politik
außerordentliche Machtverstärkung durch Konzentration, und
somit Friede. Wie wenig ist doch das deutsche Reich vom
10. bis 14. Jahrhundert und darüber hinaus angegriffen
worden, wie wenig hat es auch seinerseits Angriffskriege ge—
führt, sieht man von den Anforderungen ab, welche in dieser
Hinsicht der an der Kaiserkrone klebende universalpolitische, nicht
eigentlich nationale Gedanke immer und immer wieder stellte.
So hätte auch die innere Entwicklung eine ruhige sein können.
Aber im Grunde störte auch hier wieder der mit der Universalpolitik
zusammenhängende Gedanke des Großstaates. Denn ihm ist in
Deutschland die Entwicklung des Lehnswesens, insofern sie eine
besonders verhängnisvolle war, zu danken. Waren die Stämme
um die Mitte spätestens des ersten Jahrtausends, zur Zeit erster
endgültiger agrarischer Seßhaftmachung, und wohl nicht zum
geringsten eben auf dem Wege zu dieser entstanden, so erlaubte
die fortgeschrittene Naturalwirtschaft am Ende dieser Zeit schon
die Begründung größerer Reiche, insofern sie im primitiven
Lehnswesen die Ausbildung eines naturalwirtschaftlich be—
soldeten Beamtentums ermöglichte. Aber da das Beamtentum,
mit Naturaleinnahmen aus Grund und Boden ausgestattet,
zu deren Einnahme in die Nutzung des Grundes und Bodens
gesetzt werden mußte, was wiederum schärfste Beaufsichti—
qung seiner Tätigkeit zur Folge hatte, sollte die übergroße
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 27
        <pb n="34" />
        414 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Selbständigkeit der Amtseinnahme nicht zur Verselbständigung
auch der Verwaltungstätigkeit und damit zur Auflösung des
Staatswesens führen: so ist klar, daß das System, zumal bei
den schlechten Verkehrsverbindungen der Zeit, nur für einen
räumlich engerbegrenzten Staat vorteilhaft, ja auf die Dauer
durchführbar war.
Das deutsche Reich des 10. bis 183. Jahrhunderts aber
war kein kleiner Staat und konnte das nicht sein als
Basis universalstaatlicher Ansprüche. Und so trat das Un—
vermeidliche ein. Auf die Dauer weit mehr und entschiedener
als in anderen Staaten Europas führte das Lehnswesen zur
Anarchie und aus ihr, bei der zunehmenden Ohnmacht der
Kaiser, weiter zur keimhaften Gründung von Kleinstaaten. Und
da das zu einer Zeit geschah, in der sich, im Aufkommen erster
Formen der Geldwirtschaft, neben die Territorien die größeren
Städte als nicht minder selbständige politische Körper stellten:
so wuchs die Summe dieser teils monarchischen, teils republi⸗—
kanischen Kleingebilde über den alten Verfassungsbestand des
Reiches hinaus: die Gefahr entstand, daß die Idee des Uni—
versalreichs eben in den Zeiten ihres Verfalls noch aus früherer
Kraft her nachwirkend die Bildung eines wahren National⸗
staates verhindern werde.
Und in diesem Momente, im 16. Jahrhundert, trugen die
Ergebnisse anderer, nicht minder wichtigerer Entwicklungen
dazu bei, diese Gefahr auch noch dringlicher zu gestalten.
Die seelische Haltung der Staatsmänner des früheren
Mittelalters hatte noch lange viel von dem Charakter beibehalten,
der soeben für die Zeit der ausgehenden Urzeit geschildert worden
ist. Bei den Personen, die sich über die gemeine Gebunden⸗
heit des Seelenlebens in Genossenschaft und Geschlecht er—
hoben, war das Ergebnis ihrer Sonderstellung keineswegs eine
zuverlässige Lenksamkeit der Willenskraft und eine bewußte
Selbstsicherheit des Charakters. Trotz allem doch Kinder ihrer
Zeit verfielen sie vielnehr mit wenigen Ausnahmen, nicht
mehr durch die äußeren Gewalten der Kultur ihrer Zeit ge—
bändigt, in Willkür; und impulsiv, wie ihr Charakter, war
        <pb n="35" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 415

ihre Politik. So beruhte sie selbst bei den Besten ihrer in⸗—
tellektuellen Seite nach auf Einfällen und ihrem sittlichen
Charakter nach auf bloßem Trieb: Chlodovechs Verhalten zu
dem Krieger, der einen bestimmten Beuteanteil forderte, Karls
des Großen Verdener Blutbad sind im kleinen und großen
ebenso kennzeichnende wie schreckliche Beispiele. Natürlich, daß
bei dieser seelischen Disposition fremdem Einflusse, namentlich
dem der Kirche, Tor und Tür geöffnet war: und so kam zur
eigenen Impulsivität noch der Zufall äußerer Anregung.
Nahm nun diese innere Disposition auch ständig ab zu—
gunsten stärkerer Selbstbeherrschung und Selbständigkeit, so
verraten doch selbst im 11. Jahrhundert befremdende Er—
eignisse von Zeit zu Zeit ihr immer noch kräftiges Dasein;
und eben sie verleihen dem Geschlechte der fränkischen Kaiser
für unseren Eindruck noch den Charakter des Archaischen. Aber
auch in der Stauferzeit, bei Friedrich J. wie Friedrich II.,
ja selbst bei dem milden Philipp finden sich noch solche, jetzt
freilich schon in hohem Grade überraschende Züge; mitnichten
hat sie schon das höfische Leben und die ihm eingeschriebene
Erziehung zur maze völlig ertötet.
Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dagegen
beginnt die Politik der Könige wie der nun schon zahlreich
vorhandenen Fürsten andere Züge zu zeigen. Das Handeln
aus dem Stegreif hört immer mehr auf; es bilden sich be—
stimmtere Formen des diplomatischen Verkehrs, die allein schon
fähig sind, es zu verhindern; und das 14. Jahrhundert sieht
bereits eine fast übergroße Summe diplomatischer Bräuche, die
das Handeln verzögern und hinziehen, um es gleichmäßiger zu
gestalten: bis sich im Laufe des 18. Jahrhunderts der ständige diplo⸗
matische Verkehr unter den einzelnen Staaten entwickelt und unter
Karl V. einem gewissen Abschlusse seiner wesentlichen Einrichtungen
entgegengeht. Wird nun dies neue Element einer mehr be—
rechnenden Führung diplomatischer Geschäfte etwa besonderen
Umständen allein, und selbst so allgemeinen etwa, wie dem
Aufkommen rechnungsmäßiger und berechnender Fähigkeit in
der Volks- und Privatwirtschaft, verdankt? Schwerlich; es
497*
        <pb n="36" />
        416 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

handelt sich um ganz allgemeine Einwirkungen, um eine der
Teilerscheinungen, welche der Übergang zum Zeitalter des In⸗
dividualismus zeitigt; die Personen werden an sich mehr in—
dividualisiert und darum auch individuellerer, realistischerer Be—
handlung anderer Personen fähig: nicht zufällig läuft der ganzen
Bewegung das Aufkommen der Fähigkeit, Porträts — und an
erster Stelle Fürstenporträts — zu zeichnen, parallel.
Im 16. Jahrhundert aber, in den Zeiten, in denen ein
neuer, individualistischer Charakter des Seelenlebens zum ersten
Male vollendet und bezaubernd hervortritt, ist die Einwirkung
auf eine Nuancierung und maßvollere Durchbildung der staats—
männischen Tätigkeit ganz augenscheinlich und darum auch
schon häufig geschildert worden. Die Fürsten, noch immer der
Regel nach allein die wesentlichen Träger staatsmännischer Ge—
schäfte, erhalten im hohen Grade schon einen persönlichen
politischen Ausdruck: die frommen biderben Typen des 15. Jahr⸗
hunderts und auch noch der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
sterben ab und aus: von nun ab gibt es gebildete Fürsten neben
ungebildeten, hervorragend sittenreine neben ausgesprochen und
trotzig sittenlosen, und an sich schon feiner abschattierte Eigen—
schaften wie Bigotterie und virtuos-bewußte Verschlagenheit
reten in tausend Nuancen auf.
War es da nicht klar, daß diese seelische Wandlung die
Entwicklung eines Nationalstaates schädigen würde, wie diese
anderseits schon durch die Nachwirkung des universalstaatlichen
Gedankens in Frage gestellt war? Ja in Verbindung mit den
gleichzeitigen Vorgängen in der Entwicklung der christlichen
Frömmigkeit hob der emporkeimende Individualismus den
Nationalstaat schon so gut wie auf. Oder wie anders läßt
sich die Wirkung jener itio in partes nach konfessionellen
Rücksichten bezeichnen, welche die natürliche Folge der Refor—
mation innerhalb der Reichsverfassung war?
So trat die alte Einheit zurück, die Gegensätze der Terri—
torien beherrschten das Feld um so mehr, als die städtische Selb—
ständigkeit des 13. bis 15. Jahrhunderts von den Fürsten zum
größten Teile überwunden worden war, und da diese Territorien
        <pb n="37" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 417

in der Gemengelage ihrer Gebietsteile innerhalb der Reichs—
grenzen aufs engste aneinanderstießen, so war Krieg und Kriegs—
androhung bei aller wachsenden Sicherheit innerhalb des Be—
reiches des einzelnen Territoriums selbst an der Tagesordnung.
Die entscheidenste und folgerichtigste Durchbildung aber
erfuhr dieser Zustand, der schon von den Zeitgenossen des
16. Jahrhunderts als unbehaglich empfunden wurde, durch
den Dreißigjährigen Krieg. Denn in seinem Verlaufe ver—
quickten sich die lokalen und regionalen Gegensätze der ein—
zelnen Territorien untereinander dadurch, daß die Territorial⸗
fürsten ständig Bündnisse mit auswärtigen Mächten eingingen,
dauernd mit den internationalen, und diese neue Konstellation
ließ den Reichsverband mehr wie jemals zurücktreten. Es ist
eine Entwicklung, die der Westfälische Friede in wesentlichen
Punkten sanktioniert hat; und darum befand sich das Reich
seitdem im Grunde in einem Zustande ständiger und stetig
zunehmender Auflösung unter der schadenfrohen Aufsicht der
auswärtigen Garantiemächte des Westfälischen Friedens.
Zu alledem kam noch das verlorene Gefühl der Sicher—
heit nach außen. Wie selten hatte unser Vaterland im Mittel—
alter auswärtige Feinde gesehen! Jetzt, in Zeiten voller Ohn—
macht, zeigten sich die verhängnisvollen Folgen der zentralen
Lage der Heimat. Wie sich auf deutschem Boden die Floren
und Faunen von fast ganz Europa berühren, so hatten sich auf
diesem Boden nunmehr die Völker Europas von den Spaniern bis
zu den Türken, von den Italienern bis zu den Schweden und
Finnen geschlagen. War da Aussicht, daß diese fürchterliche
Lage so bald aufhören werde? Noch viel später hat die euro—
päische Welt das Wort Völkerschlacht als ein spezifisch in
Deutschland geprägtes in ihr Begriffssystem übernehmen können.
Und nochmals hierüber hinaus: besaß denn die Nation
um 1650 noch den für ihre Einheit auch nur allernotwendigsten
Schatz prinitiver politischer Begriffe? Noch 1618 war man
mit großen idealen Motiven, vor allem religiösen, in den
Kampf gezogen; nun waren sie in dreißig Kriegsjahren ver⸗
dorrt und zerstäubt; nacktem Egoismus hatten sie Platz ge⸗
        <pb n="38" />
        418 Einundzwanzigstes Buch. Erstes KNapitel.

macht. Denn alle großen veredelnden und versittlichenden
Elemente auch eines langen Krieges waren schließlich hin—
weggefallen: Raub und Soldateska herrschten zuletzt, und wer
dachte noch an die Verteidigung des Vaterlandes, des Terri—
toriums, der Stadt, ja fast auch nur noch an den Schutz des
eigenen Hauses, an Weib und Kind? Und auch die unab—
weislich notwendigsten Einrichtungen jeder höheren Kultur
waren teilweis zerstört: die Anstalten des Gottesdienstes, der
Erziehung, des Unterrichts: in nicht wenigen der Gebäude,
die ihnen gewidmet gewesen waren, wohnte das Grauen. Kann
man es da einer Bevölkerung, die in all dieser Zerstörung er—
wachsen war, verübeln, wenn sie den Mut zu leben fast verlor?
Es war so weit gekommen, daß Pessimismus, Selbstmord,
Wahnsinn nicht selten Ausfluß edelster Gesinnung zu sein
chienen. Im ganzen aber war das Schamgefühl ertötet, das
Selbstoertrauen verloren, die sittlichen Triebfedern erlahmt:
und so verstand es sich von selbst, daß die nächsten Generationen
im Grunde und als Ganzes nichts wußten von Vaterlandsliebe
und gemeinsamen patriotischen Pflichten.
Das ist die seelische Umwelt, und dies waren im weiteren
Sinne die allgemeinen kulturgeschichtlichen Voraussetzungen,
unter denen die Fürsten und Staatsmänner nach dem großen
Kriege zu regieren begannen.
Gewiß standen alledem, in dem nächsten Jahrhundert ge—
waltig wachsend, auch günstige Vorzeichen gegenüber. War
auch der Raum zur Betätigung der nationalen Fortschritte
jetzt sehr beschränkt, indem die Schweiz und die niederländische
Republik, wie schon vorher die Ostseeprovinzen, nunmehr so
gut wie endgültig verloren waren, so belebte doch der innere,
und vor allem zunächst der wirtschaftliche Aufschwung mindestens
seit den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wiederum
wenigstens die größeren Territorien; neben Österreich ent—
wickelte sich Brandenburg-Preußen zu einem achtunggebietenden
Staatswesen; und leise schlich sich die Hoffnung einer besseren
politischen Zukunft unter der Führung dieser Reiche, noch
nicht geängstigt durch die Sorge um deren künftige Eifersucht,
        <pb n="39" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 419
in die Herzen. Aber waren das nicht Zukunftsträume? Zu—
nächst galt es, auf Trümmern zu bauen.
Da war nun die Politik zunächst eine innerdeutsche; und
maßgebend in vielen Stücken war hier das Verbhältnis der ein—
zelnen Territorien zueinander.
Natürlich hatte die Bildungszeit der Territorien im Mittel⸗
alter zunächst einen Kampf aller gegen alle entfesselt. Es war
seit dem 12. Jahrhundert ein allgemeines Streben nach Selb—
—
der Territorien in dem Sinne, daß fast jedes zahlreiche Enklaven
im Körper anderer besaß und noch zahlreichere Ansprüche staat⸗
lichen Charakters, Grundherrschafts-, Vogtei-, Gerichts- und
sonstige nutzbare Hoheitsrechte im Bereiche dieser anderen geltend
machte. Ein gewaltsam verlaufender Prozeß der Auseinander⸗
setzung und Scheidung durchzog die nächsten Jahrhunderte,
höchstens durch den gemeinsamen Gegensatz der Territorien
gegen die Städte oder das Reich von Zeit zu Zeit gemildert;
ständig angefacht dagegen durch den Umstand, daß die sich
bildenden Kleinstaaten nicht als Körper öffentlichen Rechts und
damit auch öffentlicher Sittlichkeit, sondern als privatrechtliches
Eigentum der herrschenden Familien betrachtet wurden.
Dieser Zustand hatte sich dann seit dem 15. und 16. Jahr⸗
hundert ein wenig zu bessern begonnen. Die zunehmende In⸗
tensität des Wirtschaftslebens, das mindestens zum Teile doch
schon in den einzelnen Territorien verlief, gab diesem mehr
Halt; der Gedanke, das Territorium als einen Wirtschafts—
körper auch seinerseits einheitlich zu bewirtschaften, kam bei
den Fürsten auf; ein primitiver Merkantilismus bildete sich;
und in ihm erschien das Territorium als klare, wenn auch
gegenüber dem Fürsten noch nicht selbständige, geschweige denn
seinen Interessen überlegene Einheit. Wie dem aber auch sein
mochte, aus diesen und anderen Zusammenhängen her bildeten
sich langsam Anfangsvorstellungen von einem selbständigen
deben des Territoriums; und leise nahten die Zeiten eines neuen
öffentlichen Rechtes und einer neuen politischen Sittlichkeit.
Es waren Regungen, die im 16. Jahrhundert zum großen
        <pb n="40" />
        420 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Teile in religiösem, ja konfessionellem Gewande weiter verliefen;
und eben durch die Reformation, durch Luthers Auffassung der
Fürstenpflicht vor allem sind sie mächtig gefördert worden.
Aber lag darin nicht auch die Gefahr, daß sie nach Ab⸗
lauf der Gewässer der großen religiösen Stimmung einen ge—⸗
wissen Stillstand, wenn nicht eine Rückbildung erfahren mußten?
Der Dreißigjährige Krieg verwirklichte diese Befürchtung, wie
er überhaupt das sittliche Bewußtsein der Regierenden und die
Vorstellungen von einem höheren Niveau öffentlicher Pflichten
oberhalb des Pflichtenkreises der Familie und der Freundschaft
schwächte; und ein Fürstengeschlecht folgte, das, gänzlich schon
der individualistischen Kultur angehörend, in der Mehrzahl
seiner Glieder aus der allgemeinen Lage den Schluß zog, daß
es willkürlich walten und schalten könne, willkürlich nach innen
und willkürlich nach außen. Und es versteht sich, daß diese
sittliche Haltung in staatlichen Dingen mit einer veränderten
Sittlichkeit in privaten Hand in Hand ging.
Gewiß gab es unmittelbar nach dem Dreißigjährigen
Kriege noch eine Anzahl von Fürsten von früherem Schrot
und Korn: dahin gehören der fromme Ernst von Sachsen—
Gotha und der Nestor der deutschen Fürstenwelt der Zeit,
August von Braunschweig⸗Wolfenbüttel, dahin auch der Kur—
fürst von Mainz, Johann Philipp von Schönborn und in
vieler Hinsicht der Große Kurfürst von Brandenburg: ihr An⸗
denken sei gesegnet. Aber daneben tauchte ein neues Geschlecht
auf, das unter dem Eindrucke eines namentlich in äußerlichen
Dingen zu erhöhenden Fürstenideals lebte: so in Württem—
berg, in Kurhessen, in Bayern. Und so begann zunächst
namentlich in Bayern eine Zeit jenes Wohllebens, jener Prunk—⸗
liebe und jener Verschwendungssucht, deren Gedenken noch
heute mit der populären Erinnerung an die absolute Monarchie
fast unzertrennlich verbunden erscheint. Bald aber betraten
auch kleinere Fürstengeschlechter diesen Weg. In Hessen-Darm—⸗
stadt stellten sich seit der Thronbesteigung des ehrsüchtigen Ernst
Ludwig (1678) Bauten und Schulden ein, um auf lange nicht zu
verschwinden; in der Pfalz änderte sich der Zug aufs Nüchterne
        <pb n="41" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 421

und Landesväterliche, der unter der Regierung Karl Ludwigs
und seines Sohnes geherrscht hatte, mit der Nachfolge der
Neuburger Linie. In den größten Territorien aber erreichte
man bald eine noch steilere Höhe; in Bayern übertraf die aus—
schweifende Verschwendung Max Emanuels bei weitem die
solide Prachtliebe Ferdinands; und in Sachsen wurde seit der
Wende des 17. Jahrhunderts der Gipfel schwerster, in gewissem
Sinne freilich noch kraftvollster und naivster Ausschweifungen
monarchischer Gewalt unter August dem Starken erstiegen.
Vorbild bei der Durchführung dieser Bestrebungen war
im einzelnen Versailles. Nur daß, was dort Ausfluß der
weiten Macht des Sonnenkönigs war und sich als immerhin
imposanter Ausdruck einer schier göttlichen Machtfülle darstellte,
in den kleinen Ländern der deutschen Potentaten als Selbstzweck
 ins Willkürliche, Gemachte, nicht selten Karrikierte und
Komisch⸗Groteske zusammenschrumpfte. Freilich den Untertanen
der Zeit, die mit den Fürsten in dem Entwicklungsbereiche des—
selben Seelenlebens standen, kam dieser Eindruck keineswegs.
Sie waren in ihrer großen Mehrheit naiv entzückt; der Dichter
Pietsch rief noch 1740 in diesem Gedankenzusammenhange aus:
Der König ist vergnügt — das Land erfreuet sich:
noch Gottsched hat die Art Augusts von Sachsen, Hof zu
halten, aufrichtig bewundert; und von der Nationalökonomie
wurde der prunkhafte Absolutismus, da er Geld ins Land
bringe, ebenso gerechtfertigt befunden wie von der Theologie,
der es die Gottähnlichkeit der fürstlichen Lebensformen antat.
Aus diesem Zusammenhange erklärt es sich, daß die neue
fürstliche Haltung, zunächst Ausfluß des Bedürfnisses, die öffent—
liche Stellung des Herrschers zu erhöhen, auch das Privat—⸗
leben in einer im Verlauf deutscher Geschichte unerhörten
Weise beeinflussen konnte, ohne durchweg vernichtende Kritik
zu finden. Die Mätressenwirtschaft, ja die Duldung unnatür—
licher Laster zog an manchem Hofe ein. Und die Juristen⸗
fakultät zu Halle, der ein Thomasius, Gundling, Ludwig an⸗
gehörten, konnte in einem Rechtsgutachten erklären., das
»dium in concubinas muß bei großen Fürsten und Herren
        <pb n="42" />
        122 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

zessiren, indem diese denen legibus privatorum persopalibus
nicht unterworfen, sondern allein Gott in ihren Handlungen
Rechenschaft geben müssen; hiernächst eine Concubins etwas von
dem Splendeur ihres Amandus zu überkommen scheint.“ Aber
noch Friedrich der Große hat über Liebesaffären fürstlicher
Personen nach heutigen Begriffen skandalös gedacht, so sehr
er gerade die Form der Mätressenwirtschaft verdammte. Kann
man es unter diesen Umständen den adligen und hochadligen
Kreisen um 1700 als persönliche Schande anrechnen, wenn sie
es für eine besondere Ehre hielten, Mätressen zu liefern?
Dabei hatte dies ganze Wesen in die ersten Generationen
um 1700, und teilweise noch bis zur Mitte des 18. Jahr⸗
hunderts, etwas verhältnismäßig Frohes, Unerschöpfliches, ja ge—
legentlich Ritterliches. Später dagegen sank es auch äußerlich ganz
ins Frivole und Gemeine. Und mit ihm die Träger des Systems.
Viele der jungen Fürsten, die nun Herrscher wurden, hatten vor
allem nichts gelernt; was klagt Friedrich der Große nicht über die
Ignoranceé seiner Kollegen! In ihren Bildungsjahren in nicht
geringer Zahl der mephitischen Wollust des verfallenden Ver—
sailler Hofes ausgesetzt, suchten sie dessen bloßes Scheinwesen
mit germanischer Plumpheit, und daher gänzlich erfolglos auf
Deutschland zu übertragen. So verlor sich denn auch, was
noch Zierde der älteren Geschlechter gewesen war: der Sinn
für feinere Kunst, das Wohlwollen eines kundigen Mäcenats,
der Gedanke überhaupt der Würde und des Anstands. Die
Zeiten der kleinen Sultane wuchsen sich aus, die Zeiten der
Theater- und Balletharems, die Zeiten des Bewußtseins des
Unrechts, das man tat, und seiner Bemäntelung, die Zeiten
der Zurückgezogenheit von der Kanaille, dem Volke: die Jahre
Karl Alberts von Bayern, Karl Eugens von Württemberg,
Karl Theodors von der Pfalz.
Aber schon war damals die Hilfe aus dem Stande der
Herrscher selbst gekommen: es waren zugleich die Anfangs—
jahre Friedrichs des Großen und Marig Theresias. Maria
Theresia, dieser größte Sproß des Hauses Habsburg, war eine
echt deutsche Frau und hat, wie übrigens fast alle anderen
        <pb n="43" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 428

fürstlichen Frauen, an den Ausschweifungen des Absolutismus
keinen Anteil gehabt; zu herrschender Stellung berufen hat sie
hrer reinen Gesinnung, ja in späteren Jahren nicht selten
einer gewissen Prüderie weithin Geltung verschafft. Und wenn
in ihr die Gewissenhaftigkeit des älteren Fürstentums in dem
Grade verkörpert war, daß sie aus dem bloßen Besitze der
Eigenschaften der Treue und des Pflichtbewußtseins heraus
ohne viel Federlesens die Länder ihres Hauses zu einem Staats—
wesen moderner Art umgestaltet hat, so war ihr Gegner,
„der böse Mann“ in Berlin, Friedrich der Große wenigstens
auf diesem Boden ihr sicherster und bewußtester Genoß: er
hat verkündet, gelehrt und in Formeln gefaßt, was beide gleich—
mäßig beseelte: die Majestät des Staates gegenüber dem Fürsten
und das öffentliche Wohl als Ziel jeder höheren Sittlichkeit.
Und wie haben beide, hat insbesondere Friedrich der Große
Schule gemacht! Auf die alte verweichlichte Fürstengeneration
des Mätressenabsolutismus folgten in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts andere Geschlechter mit der offen verkündeten
Losung der salus publica: und der Zugang zu einem neuen
Zeitalter der Politik wie der Kultur war eröffnet.
Diese interne Entwicklung des deutschen Fürstentums des
17. und 18. Zahrhunderts, die hier so kurz als möglich ge—
schildert ist, mußte berührt werden, wenn anders die politische
Geschichte dieser Zeiten tiefer verstanden werden soll: denn
F—rstentum hieß in dieser Zeit Staat, hieß vornehmlich auch
kriegerische und staatsmännische Tätigkeit.
Und da begreift es sich denn ohne weiteres, daß, nament⸗
lich in den innerdeutschen Beziehungen von Territorium zu
Territorium, die kriegerische Tätigkeit sehr zurücktreten mußte.
Oder ist es ein Zufall, daß fast alle innerdeutschen Kriege
dieser Zeit, mit Ausnahme der preußisch-österreichischen, die
aber schon einer höheren europäischen Konstellation angehörten,
läßlich und schlaff verlaufen sind? Das Verhältnis der ein—
zelnen Texritorien zueinander war durch die Kämpfe der Ver—
gangenheit so weit ausgeglichen, daß starke territoriale Ver—
schiebungen nur noch in Ausnahmefällen erwartet und ver—
        <pb n="44" />
        424 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

sucht werden konnten; es war einer der Gründe, warum sich
Friedrich der Große schließlich, da sein Staat einer der euro⸗
päischen Großmächte zu werden begann, der Regel nach mit inner⸗
deutscher Politik uͤberhaupt nicht mehr persönlich beschäftigt hat.
Um so wichtiger wurde das Hin und Her der diplo⸗
matischen Arbeit wie der inneren Politik: das mehr oder
ninder ausgedehnte staatsmännische Getriebe. Und in ihm
lassen sich nun leise Anderungen wahrnehmen, die grundlegend
ind für den Verlauf der Politik selbst.
Zunächst erscheint das einzelne Territorium der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts theoretisch doch bereits als Staat.
Freilich ohne daß daraus schon immer die richtigen Schlüsse
gezogen würden. Der Zustand wird durch einige Sätze einer
Regentenpredigt des Wolfenbüttler Generalsuperintendenten
Lütkemann vom Jahre 1655 trefflich beleuchtet. Da heißt es:
Ratio status ist ihrem Ursprunge nach ein herrlich, trefflich
und göttlich Ding. Aber was kann der Teufel nicht tun?
Der hat sich auch zu Ratio status gesellt und dieselbe also
— EDDDD00
von der Welt ist, daß ein Regent, der Rationem status in
Acht nimmt, unter derselben Namen frei tun mag, was ihm
gelüstet.“ Es ist der Wahlspruch der emporkommenden Zeit,
der durch diese Zeilen klingt, der Zeit des sozusagen absolu—
testen Absolutismus: l'état c'est moi.
Aber man weiß, daß diese Losung vereinzelt schon im
17. Jahrhundert und grundsätzlich und allgemein seit etwa Mitte
des 18. Jahrhunderts durch eine ganz andere Auffassung abgelöst
wurde, der der Fürst als der erste Diener des Staates erschien.
Was war im Grunde geschehen, um diese Wandlung
—
16. Jahrhundert vermöge der Intensitätssteigerung ihrer inneren,
namentlich der wirtschaftlichen und geistigen Kultur zu kleinen
Staatswesen umwandelten, waren in diesem Prozesse selb⸗
ständig geworden und forderten ihr eigenes Recht, den Ausdruck
eines neuen, höheren sittlichengusammenhanges, auch vom Fürsten.
Es ist ein Vorgang, dem gewisse Wendungen in der
        <pb n="45" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 425

äußeren Politik, wenigstens zwischen den deutschen Territorien,
unmittelbar parallel liefen. Diese Politik war, wesentlich eine
Abrundungs- und Vergrößerungspolitik, in den früheren Jahr⸗—
hunderten ausgesprochen sittenlos verlaufen: nicht das Recht,
allein die Zweckmäßigkeit, und diese wiederum wesentlich als
Bedürfnis der herrschenden Familien gefaßt, war für sie maß—
gebend gewesen. Demgegenüber wurde jetzt wenigstens der Ge—
sichtspunkt, von dem aus man dies Getriebe amtlich und öffentlich
betrachtete, ein anderer. Es sind die Zeiten, da das Wort
Konvenienzpolitik aufkommt; sein milderer Klang sollte die Un—
sittlichkeit der Einzelporgänge maskieren, wie denn mit ihm auch
die diplomatischen Mittel, im 16. und auch noch im 17. Jahr⸗
hundert von ausgesprochenster Unsittlichkeit, jetzt mindestens in
der Form zivilisierter und den Grundbedingungen eines sitt⸗
lichen Zusammenlebens entsprechender gehandhabt wurden. Man
erachte diese Wandlung nicht für gering; im Grunde besagt
sie, daß man die Unsittlichkeit der bestehenden rein individua—
listischen Politik zusehends empfand; daß mithin ein weiterer
Schritt in der Versittlichung der Politik in dem Sinne in
Aussicht stand, daß diese sich den wirklichen Bedürfnissen
der menschlichen Gemeinschaften, die sie vertrat, um ein
mehreres annähern sollte.
Darf man aber behaupten, daß auch schon die große
europäische Politik der Zeit, die sogenannte Kabinettspolitik
der Mächte, sich diesen Forderungen angepaßt hätte? Friedrich
der Große hat über sie geurteilt, daß sie alle Frevel in ein
wissenschaftliches System gebracht habe; daß in ihrem Bereich
ieder Vertrag einen schiefen Sinn annehme und gedeutelt
werde; daß der Trug sich hier das Diadem auf die Stirn ge—
drückt habe, und daß Verbrechen, für die das Volk gesetzlich
bestraft werde, bei Königen Tugenden würden. Und man kann
wahrlich nicht behaupten, daß der König in all seiner Emphase
falsch geurteilt habe: es ist die Zeit, da Spanien jedermann
zu Gebote stand, der die Kinder zweiter Ehe seine Dynastie zu
bereichern willens war, Österreich jedem, der die pragmatische
Sanktion stützte, Schweden und Polen jedem, der Adelsstimmen
        <pb n="46" />
        426 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel⸗

kaufte, und England jedermann, der die Vergrößerung Hannovers
und die Fernhaltung der Stuarts gewährleistete. Es ist die
Zeit, deren Politik Heinrich Leo in einer Periode deutscher
Geschichtschreibung, die moralische und höhere intellektuelle
Maßstäbe des Beurteilers zuließ, als vom lebendigen Atem des
Geiftes verlassen gebrandmarkt hat: die Zeit, da Kriege besten⸗
falls wirtschaftliche Ursachen hatten: die Zeit eines extremen
rein rationalistischen Individualismus.
Aber wir werden sehen, wie schon seit der Mitte des
18. Jahrhunderts ein anderer Geist diesem nacktesten aller
Egoismen entgegentritt. Da wagte sich in Deutschland hinweg
über allen Partikularismus leise der nationale Gedanke hervor
und mit ihm ein scharfes Element politischer Versittlichung;
man empfand es in diesem Sinne als traurig, daß Preußen
und sterreich durch die schlesischen Kämpfe zu europäischen,
in deutschem Sinne gegnerischen Großmächten auswuchsen;
darunter leide die Vaterlandsliebe: der böhmische Graf, meint
3. B. Karl Friedrich von Moser, suche sein deutsches Vaterland
jetzt in Wien, während der brandenburgische Edelmann den Hut
in die Stirn drücke und von einem deutschen Vaterlande
überhaupt nichts wissen wolle. Es war der' Zug natio—
naler Gemeinsamkeiten, der mit dem Emporkommen des Zeit—
alters des Subjektivismus die Welt zu durchfegen begann;
und in den Wettern der französischen Revolution und der
Freiheitskriege hat er diese Welt von den Miasmen ver—
fallender individualistischer Politik zum guten Teile gereinigt!.

II.

Fassen wir nach diesem Überblicke, der uns im folgenden
zahlreiche Einzelbetrachtungen ersparen wird, den Verlauf der
politischen Geschichte selbst in der zweiten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts wie im 18. Jahrhundert ins Auge, so ergibt sich als
erster Eindruck eine Bestätigung des schon eingeführten Unter—
schiedes der Politik innerhalb des Reiches und außerhalb seiner
Grenzen. Die politischen Bewegungen im Innern sind verhältnis—

über diese Dinge wird im neunten Bande eingehender zu sprechen sein.
        <pb n="47" />
        Dentschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 427

mäßig nicht zahlreich, und sie erfolgen vor allem nicht in frucht⸗
—äD000
wenigen und entscheidenden Momenten als mit der außer—
deutschen Politik in Zusammenhang stehend, wenn nicht gar
völlig von außen veranlaßt. Und so ist es denn der allgemeinste,
über die Reichsgrenzen hinweg verlaufende Zug der Politik,
den wir der Hauptsache nach als Richtung und Form gebend
zu verfolgen haben, während die Ereignisse der innerdeutschen
Politik im allgemeinen mehr Episode bilden und nur, wenn man
sie in sehr weit gespannten Betrachtungen überblickt, innere Zusam—
menhänge, dann freilich von beträchtlicher Bedeutung, aufweisen.
Für die große Politik aber ist es vielleicht am bezeich—
nendsten, daß sie ständig um die Frage spielt, inwiefern die
alten Grenzen des Reichs noch gehalten werden können — ja
inwiefern sie überhaupt noch klar und deutlich erkennbar seien.
Denn nicht überall haätte hier der politische Verlauf an sich
wie namentlich das westfälische Friedenswerk durchsichtige Ver—
hältnisse geschaffen oder schaffen wollen: und eben die Zweifel⸗
haftigkeit an sich erscheint als eins der charakteristischsten Kenn—
zeichen des Verfalls der alten Reichsgewalt.
Dabei waren im Grunde alle Reichsgrenzen unsicher; die
nördliche und südliche wie die östliche und westliche. Vor allem
litten aber doch die Marken im Osten und Westen: jene
deutschen Grenzen, die durch keinerlei starke natürliche Schutz—
werke bezeichnet sind. Und in ihrem allgemeinen Bereiche waren
wieder die des Südwestens und des Nordostens besonders un—
sicher. Denn mochte auch der Südosten von den Türken be—
drängt, der Nordwesten von den Franzosen angegriffen werden,
so waren hier doch noch stärkere Mächte, Österreich im Osten
und die Niederlande im Westen, zur Abwehr bereit, und hinter
ihnen standen, wurden sie selbst kritisch bedroht, starke allgemein
europäische Interessen: im Osten die gemeinsame Abneigung
der Christenheit gegenüber den Moslemin, im Westen jene
Animosität, die mindestens ganz Westeuropa und insbesondere
die Seemächte zum Widerstande gegen die drohende Gefahr
einer französischen Universalherrschaft verband.
        <pb n="48" />
        28 — Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Wie waren doch demgegenüber der Nordosten und der
Südwesten vernachlässigt und ständiger Abbröckelung alter Reichs⸗
länder ausgesetzt! Um den Nordosten, die deutschen Gebiete
der Ostseekuste, hatte sich das heilige Römische Reich über—
haupt niemals recht gesorgt. Sollte es sich jetzt ihrer an⸗
nehmen, da sich seit dem Eingreifen der Schweden in den
Dreißigjährigen Krieg eine ständig kampfdrohende Großmacht
der Nordgestade des Dominium maris baltieci bemächtigt
hatte — da ferner auf der baltischen Südseite Polen noch
einigermaßen mächtig war und hinter ihm die junge Macht
Rußlands emporkam? Diese Gebiete wurden ihrem Schicksal
überlassen; und nicht zum geringsten im Kampfe um ihr Deutsch⸗
tum ist nicht das Reich, sondern eine der das Reich ersetzen⸗
den Gewalten, ist Brandenburg größerer Machtfülle entgegen—
ereift.
Der Südwesten aber war die Stelle, an der Frankreich
ungestört am Reichsbesitze nagen und lockern konnte. Hier
wäre es freilich die Aufgabe des Hauses Habsburg, damals
noch des Herren auch der vorderösterreichischen Besitzungen am
rechten Oberrheinufer und im Elsaß, gewesen, die Reichsgrenze
zu halten. Aber es ist ihr nicht oder nur ungenügend nach—
zgekommen. Es war, neben allem Ruhm der Türkenkriege, die
größte Unterlassungssünde der deutschen Habsburger im 17.
und auch noch im 18. Jahrhundert. Und diese, dem branden⸗
burgischen Verhalten an der Nordostgrenze so ungleiche Politik
bezeichnet eines der ersten großen Momente, in denen die alte
Kaiserdynastie von dem kommenden Rivalen überholt wurde.
Auf den Blättern dieses Abschnittes wird nun zunächst der
Verlauf der Politik an der Ost- und Westgrenze erzählt werden,
wie er sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in
Krieg und Frieden abspielte; und als Ausgangspunkt der Dar—
stellung ergibt sich da am besten die Schilderung der nordöst—
lichen Dinge, da hier die entscheidenden Ereignisse in den ersten
Jahrzehnten nach dem großen Kriege stattfanden, während sich
die Entscheidung über die Südwestgrenze mehr in die letzten
Jahrzehnte des Jahrhunderts zusammendrängte.
        <pb n="49" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 429

In der Geschichte der Ufergebiete der Ostsee trat schon
um die Mitte des 17. Jahrhunderts unbestreitbar hervor, daß
die Deutschen große Einbuße an Macht und Ansehen erlitten
hatten.
Dänemark war seit der Reformation aufs engste mit den
deutschen Geschicken verflochten gewesen. Mit Inbrunst hatte
seine Bevölkerung sich im 16. Jahrhundert dem neuen Glauben,
den ihr deutsche Prediger brachten, angeschlossen; und dem
Eindringen eines verwaltenden und kriegerischen deutschen Adels
und eines deutschen Herrschergeschlechts aus dem Hause der
oldenburgischen Grafen, wie es schon das Mittelalter ge—
sehen hatte, war jetzt die vollste Invasion geistiger Interessen
gefolgt. Deutsche Lehrer wirkten allenthalben im Lande, die
Sprache bereicherte ihr Lexikon aus den Schätzen der deutschen
Dialekte wie der deutschen Schriftsprache, und Dänen dichteten
in deutschem Sprachgewand.
Zu dieser engen Verschwisterung der Nationen, bei der
das deutsche Volk zunächst das gebende war, war aber, in
gewissem Sinne freilich auch ihr äußerer Ausdruck und Er—
folg, eine ganz in die deutschen Verhältnisse eingreifende Poli—
tik der dänischen Könige gekommen. Veranlaßt und immer
wieder hervorgerufen wurde sie zunächst durch das eigenartige
Verhältnis des dänischen Königshauses zu den Ländern Schleswig
und Holstein. Im Jahre 1460 hatten die schleswig-holsteinischen
Stände den Dänenkönig Christian zum Herzoge des dänischen
Reichslehens Schleswig und des deutschen Reichslehens Hol—
stein gewählt — doch unter der Bedingung, dat se bliven
up ewig tosamede ungedeéelt. Der eigentümlichste Zustand
war damit begründet. Wo lagen jetzt die Grenzen dänischen,
wo die deutschen Einflusses? Schwere Kämpfe, wie sie bis in
das 19. Jahrhundert hinein gedauert und schließlich mit Ende
der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts die Lösung der deutschen
Frage eingeleitet haben, mußten sich einstellen.
Brachen sie nicht alsbald aus, so war das die Folge ein⸗
mal der Ohnmacht des deutschen Reiches, noch mehr aber der
Tatsache, daß das dänische Königshaus bald in zwei Linien
Lamp recht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 28
        <pb n="50" />
        430 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

zerfiel, die Glückstädtische und Gottorpische, und daß von
biesen die Gottorpische Linie in den Herzogtümern bald eine
ziemlich selbständige Landesgewalt begründete. Für die politi—
schen Interessen Dänemarks aber blieb, nach der Auflösung
der nordischen Union und nach dem Aufkommen der Wasas,
der politische Blick gleichwohl wesentlich sudwärts gewandt; wir
wissen, wie seine Könige deutsche Bistümer zu erwerben suchten,
wie namentlich Christian IV. in die Kämpfe des Dreißig⸗
jährigen Krieges eingriff.
Freilich: wie hatte über Dänemark hinweg schließlich erst
Schweden nach Süden ausgegriffen! Im Anfange war es
dabei noch immer auf den Widerstand der Hanse gestoßen.
Denn war auch deren Macht seit den unglücklichen Tagen
Wullenwevers und der sogenannten Grafenfehde (163436)
Dänemark gegenüber in schwer aufzuhaltendem Verfall, so er⸗
schien sie doch in den östlichen und nördlichen Beziehungen
nnerhalb des Ostseebeckens erst wenig erschüttert.
Aber in diesen Gebieten hatten inzwischen Ereignisse der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wie sie das erste ent⸗
scheidungsvolle Auftreten der Russen an den Gestaden der
Ostsee veranlaßte, einen bedauernswerten Ausschlag gegen die
deutschen Interessen gegeben. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts
hatte im livländischen Ordensstaate, in den Gebieten des
Schwertritterordens Ruhe zu herrschen begonnen, denn die
Russen waren um diese Zeit der Zwingherrschaft der mongo—
lischen Ordà unterlegen. Dementsprechend hatten denn die
Hansen seitdem einen einfachen und bequemen Verkehr nach den
stolzen Handelsrepubliken von Nowgorod und Pskow gehabt,
und Vermittler dieses Verkehres waren vornehmlich die drei
großen Städte des deutschen Gestadegebietes, Riga, Reval und
Dorpat, gewesen. Aber im Verlaufe des 15. Jahrhunderts
hatten die Russen sich gegen die Horde zu erheben begonnen.
Eine skrupellose Finanzpolitik, wie sie Iwan Kalita betrieb,
lieferte die Mittel zu innerer Sammlung; unter Iwan III.
Wassiljewitsch (14621505) wurde die Selbständigkeit errungen.
Und Iwan zog zugleich die ersten Linien einer künftigen
        <pb n="51" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 431

russischen Politik: Verkehr mit dem Abendlande zur Befruch—
tung der russischen Kultur, Verbindung mit Konstantinopel zum
Erwerb der Anwartschaft auf das byzantinische Kaisertum, volle
Beseitigung der schattenhaft gewordenen Oberherrschaft der
Goldenen Horde im Innern, Unterwerfung der russischen Teil—
fürsten und der Städte Nowgorod und Pskow — Vordringen
nach dem Becken der Ostsee.
Von diesen Programmpunkten konnte der Zar die nach
dem Nordosten weisenden ohne irgendwie stärkeren Einspruch
der Polen und Deutschen durchzuführen beginnen: Nowgorod
wurde 1478 unterjocht, während Pskow sich ohne weiteres
fügte. Der Unterwerfung beider Städte folgte die Zerstörung
der alten Bedeutung ihres Handels, insbesondere dessen von
Nowgorod: die Wetschiglocke, das alte Zeichen des großen
freien Marktes, wurde nach Moskau gebracht, die Kaufleute
vertrieben, schnöde Völker in die Stadt gelegt, 1494 der
Deutsche Petershof geschlossen. Es waren Schritte, welche die
deutsche Handelsvorherrschaft im Innern Rußlands brachen,
um so mehr, als ihnen die Verödung des Handels zu Polozk
Anfang des 16. Jahrhunderts folgte. Doch traf der Schlag
die deutsch-baltischen Städte anscheinend nicht zu sehr. Sie
wie Narwa wurden nun Stapelplätze des russischen Handels
und erwarben rasch Reichtümer in dem sich zunächst gewaltig
entwickelnden Schmuggel. Freilich wurde damit der russische
Einfluß schon teilweise an die Küste der Ostsee verlegt. Und
Nowgorod war niemals das Endziel des Ehrgeizes Iwans ge—
wesen. Der Vernichtung der Handelsstellung der Stadt waren
schon im Jahre 1498 Verabredungen mit dem Könige von
Dänemark vorausgegangen, die Ostsee auch in politischer Herr—
schaft zu erreichen.
Starker Widerstand seitens des Schwertordens war da—
gegen kaum noch zu erwarten. Der Orden war in Müßig—
gang, das Land in Reichtum aufgegangen; höchstens daß ein
lüchtiger Meister, wie der ruhige Walter von Plettenberg, aus
einem westfälischen Geschlecht, dessen Amtsantritt eben in die
Zeit der Katastrophe von Nowgorod fiel, dem Ganzen noch
98*
        <pb n="52" />
        433 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Rapitel.

einmal persönlichen Halt gab. Und Livland stand allein: das
Reich hatte kaum schöne Worte für dies ferne Gebiet, der Papst
wandte selbst seine moralischen Machtmittel nicht an, um es zu
halten, und Polen wartete auf seine Zerreibung durch russische
Barbarenhaufen, um es selbst zu erorbern.
Unter diesen Umständen erfolgten 1501 die ersten russi⸗
schen Angriffe. Sie waren trotz aller Tapferkeit Plettenbergs
erfolgreich. Was bedeutete ein Sieg an der Smolina gegen⸗
iiber den ungezählten Tatarenscharen! Der Ordensmeister
nußte froh sein, das Außerste abzuwenden und in wenig ehren⸗
vollen Verhandlungen mit Moskau durch immer wiederholte
Waffenstillstände das Schicksal des Landes hinzufristen. In⸗
wischen aber war der Wohlstand des platten Landes vernichtet,
die Bauern dezimiert und zu Tausenden hinweggeführt und die
Grundherren gezwungen worden, zur Kultivierung des liegen⸗
gebliebenen Landes die stärkste Bindung an die Scholle durch⸗
zuführen, was Unzufriedenheit der dienenden Schichten hervor⸗
rief. Und das alles zur selben Zeit, da die Bürger durch
die neuen Verkehrsverhältnisse tolle Gewinne machten, eng—
herzig ihre Position gegenüber der Hanse ausbeuteten und in
rücksichtslosem Wohlleben die letzten Sympathien des Adels
oerloren.
Wy wollen de borger up de kKoppo slan,
dat blot schall up de straten stan:
reimte man in den Kreisen der Ritter.
In dieser Lage hätte dem Lande noch Rettung blühen
können in einem gleichen Ausgang, wie ihn der Ordensstaat
in Preußen nahm. Wie in Preußen, so war in den Ländern
des Schwertordens das Evangelium früh verkündet worden;
wiederholt hat Luther persönlich an seine Getreuen in Livland
geschrieben; neben seinen Einflüssen machten sich auch die
der Wiedertäufer geltend; der schwäbische Agitator Melchior
Hoffmann hat der Reformation in Dorpat übel genug
mitgespielt. Aber während Albrecht von Brandenburg in
Preußen den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuz nieder⸗
legte und aus dem zerrütteten Ordensstaate ein weltliches
        <pb n="53" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 438

Fürstentum schuf, dessen fernere Schicksale schließlich wieder
zum Anschluß an das große Vaterland führten, versäumte
Walter von Plettenberg hierzu den rechten Augenblick. Er
war zu vorsichtig, zu alt vielleicht auch schon, und zu korrekt.
Als Plettenberg am 28. Februar 1585 hochbetagt dahin
fuhr, war das Schicksal des Landes besiegelt. Zwar wußte
der neue Ordensmeister, Hermann von Bruggenoye (— 1549),
noch einmal vorübergehend im Innern Ruhe zu schaffen: aber
die Haltung des Landes blieb schließlich die alte: ein prassendes
und dünkelhaftes Bürgertum, eine intrigante und egoistische
Ritterschaft; Geistliche, die mit Schmerzen an die guten Pfründen
der alten Kirche zurückdachten, und Vetternwirtschaft treibende
Ordensleute, denen die Ideale früherer Zeiten zerflossen
waren. Und bald traf innerer Zwist und äußerer Angriff zu—
sammen. Während die Russen von neuem drohten, richtete
man verworrene Hilfsgesuche an Fremde, an Schweden,
Dänen, Polen: wußte sich selbst nicht zu helfen. In traurig—
unredlichen Unterhandlungen hatte man die Moskowiter er—
bittert, 1558 brachen sie ein. Sie eroberten Narwa durch
Verrat, sie nahmen Neuhausen und Dorpat; erst vor den Mauern
Revals brach sich einstweilen die Flut. Der Adel aber war in⸗
zwischen geflohen, und in die Reihen des Ordens schlich sich
Verrat. Der Koadjutor Gotthard Kettler band mit den Polen
an; er nahm dem regierenden Meister Fürstenberg die Gewalt; und
schon im August 1559 war er grundsätzlich entschlossen, das Land
gegen Schutzübernahme wider die Moskowiter den Polen zu unter—
werfen. Doch kam es noch einmal zu selbständigen Kämpfen
gegen die Russen, — auf dem Schlachtfelde zu Ermes, am
2. August 1560, wehte das Ordensbamer zum letzten Male.
Dann trat, nachdem sich das Reich durch eine Gesandt—
schaft nach Moskau zugunsten des Landes lächerlich gemacht
hatte, eine allgemeine Deroute ein; Rußland erhielt das er—
oberte Dorpat zurück, die Stifter Osel und Kurland schlossen
sich enger an Dänemark an; Estland huldigte der schwedischen
Krone, ein erster Erfolg der kühn über die Ostsee vordringen—
den schwedischen Politik; Polen bemächtigte sich mit offener
        <pb n="54" />
        154 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Gewalt wie in klugen Verhandlungen seines Trokier Wojwoden,
Nikolaus Radziwill, des Restes. Am 28. November 1561 hul⸗
digten die Abgesandten von Livland und Kurland in der alten
Königsburg zu Wilna dem Polenherrscher; Livland fiel direkt an
das Polenreich, Kettler wurde Herzog von Kurland mit Aus—
aahme des Stiftes und von Semgallen, sowie königlicher Ad⸗
ministrator Livlands. Nur Riga beugte sich einstweilen noch
aicht; erst zwanzig Jahre später ist es polnisch geworden, der
letzte Besitz des heiligen römischen Reichs an den fernen Küsten
der Ostsee.
Es war ein Verlauf der Ereignisse, der eigentlich zu der
Erwartung hätte Anlaß geben können, daß nun zunächst Polen
die Beherrschung des Meeres anstreben, daß es wenigstens ein
entscheidendes Wort in allen baltischen Verhältnissen mit zu
sprechen versuchen würde. Das um so mehr, als es seit den
Frieden von Thorn und Nessau, also schon seit dem 15. Jahr⸗
hundert, alle einst preußischen Ordensgebiete links der Weichsel
einschließlich Danzigs, sowie das Kulmer-, Marienburger- und
Ermland unmittelbar, als Lehnsgebiet auch die altpreußischen
Eroberungen östlich der Weichsel besaß. Allein nichts von
alledem geschah. Die Polen zeigten sich für eine maritime
Politik völlig ungeschickt, ja unzugänglich; und der wichtigste
Gewinn der Auflösung des livländischen Ordensstaates fiel
damit dem seekühnen Schweden zu. Herr nunmehr beider
Gestade des finnischen Meerbusens verbot es, um die Russen
lahmzulegen und gleichzeitig der Hanse zu schaden, die Fahrt
nach dem russisch gewordenen Narwa. Und als dieses Verbot
aicht beachtet wurde, ließ es im Jahre 1562 die Narwafahrer,
unter ihnen einige vierzig lübische Schiffe, wegnehmen. Und
während es die übrigen Schiffe schließlich zurückgab, behielt es
die lübischen zurück: es war offene Feindschaft speziell gegen
die Hanse und ihr lübisches Haupt.
Das veranlaßte Lübeck, in den im Jahre 1563 aus—
brechenden siebenjährigen nordischen Krieg gegen Schweden
einzutreten; und rühmlich haben noch einmal hansische Schiffe
gekämpft. In der Tat wurde den Hansen im Frieden zu
        <pb n="55" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 435

Lübeck (1570) neben einer Geldentschädigung die ungehinderte
Narwafahrt zugesagt; indes keine der Bedingungen dieses Friedens
ist gehalten worden. Schweden wußte es wohl: nur auf sich an—
gewiesen war die Hanse machtlos, und so dachte es nicht daran,
sie zu schoönen. Unter diesen Umständen erhielt sich die Hanse gegen
Schluß des 16. Jahrhunderts eigentlich nur noch äußerlich in
leidlichem Zusammenhange. Zwar hat man in den Rezessen
von 1591 und 1614 noch umfassende seerechtliche Bestimmungen
getroffen; aber schon das war für sie bezeichnend, daß sie sich
bis auf das deutsche Handelsgesetzbuch des 19. Jahrhunderts
in Geltung erhalten konnten; kein Fortschritt hat sie bis dahin
veralten lassen. Als dann gar in den kommenden Jahrzehnten
die deutschen Fürsten eine immer größere Anzahl der altverbün⸗
deten Städte zum Austritte aus der Hanse nötigten, da wurde
der innere Verfall auch nach außen offenbar; der Hansetag vom
Jahre 1630 sah nur noch die drei Städte Lübeck, Hamburg
und Bremen als Teilnehmer, da sie als freie Reichsstädte allein
der Einwirkung des landesherrlichen Absolutismus entgangen
waren: die Hanse war kaum noch mehr als ein Altertum.
Schweden aber erlebte, während so der deutsche Einfluß
von der Ostsee verdrängt schien, seine großen Zeiten: wie einst
in vorgeschichtlicher Zeit siedelten wieder hellhaarige Nordleute
auf der Südseite des Wassers; Gustav Adolf schob Rußland
im Friedensschlusse von Stolbowa, im Jahre 1617, von den
Küsten zurück, um dann in Deutschland zu erscheinen; er
verdrängte auch Dänemark wenigstens teilweise aus der
schwachen, von ihm damals noch gehaltenen baltischen Stellung:
die Ostsee erschien als ein schwedisches Meer, und niemand
zweifelte, daß die Absicht des großen Königs und nach ihm
seines Kanzlers auf ein absolutes Dominium maris baltiei
gerichtet sei.
Vollkommen freilich wurde dies Ideal durch den West⸗—
fälischen Frieden doch nicht verwirklicht; die polnische Küste,
Danzig und Königsberg, blieben frei von schwedischer Herr⸗
schaft. Überall sonst aber, mit Ausnahme der dänischen Küste,
herrschte jetzt tatsächlich Schweden, indem es Seezölle (Lizenten)
        <pb n="56" />
        436 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

erhob und festlegte. Die Einnahmen, die ihm hieraus er—⸗
wuchsen, hatten schon im Jahre 1634 allein für die preußischen
Häfen 800000 Taler betragen, und so begreift es sich, wenn
Schweden ihre Erhebung zunächst auch noch für die mecklen⸗
burgische Küste mit Gewalt durchsetzte.
In diese Verhältnisse der Ostseeentwicklung während der
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde nun von den deutschen
Territorien keines mehr hineingezogen als Brandenburg.
Der Kurstaat, im 16. Jahrhundert nach der Haltung seiner
iußeren Politik wie nach innerer Entwicklung ein wenig be⸗
deutendes Land im Reiche, hatte in den ersten Jahrzehnten
des 17. Jahrhunderts Umwälzungen des ihm zugehörigen Be—
sitzstandes erfahren, die ihn unter der Herrschaft einsichtiger
und kühner Fürsten rasch zu besonderer Wichtigkeit für die
Reichs-, ja die allgemeinen Verhältnisse erheben konnten.
Am Rheine war den Hohenzollern die jülich-clevesche Herr⸗
schaft zugefallen. Die reichen Lande, in Gegenden alten Ver—⸗
kehrs und alter Freiheit gelegen, brachten einer inneren Politik,
die auf die Einheit des Staates ausging, gegenüber den ganz
anders gearteten Verhältnissen in der Mark besonders schwierige
Aufgaben und damit zugleich die Notwendigkeit einer sehr be—
trächtlichen Erweiterung des politischen Horizontes. Vom Stand⸗
punkte der äußeren Politik aber war der neue Erwerb in einem
der wichtigsten politischen Wetterwinkel Europas gelegen, da, wo
deutsche, französische, nordniederländische und gelegentlich selbst
englische, sowie spanische, zunächst aus dem spanischen Besitze
der südlichen Niederlande hervorgehende Interessen zusammen—
stießen; wir werden später erfahren, wie sich daraus für einen
energischen brandenburgischen Kurfürsten alsbald die Aufforde—
rung ergeben konnte, an den Händeln des Westens eingehend
teilzunehmen.
Im Jahre 1618 aber war dem Kurhause noch ein anderes,
in ganz entgegengesetzter Richtung liegendes Land, wiederum
unter besonderen Umständen zugefallen: Preußen. Wir wissen,
wie der alte Ordensstaat unter Zustimmung des polnischen
Lehnsherrn wie der meisten Ritter durch den Ordensmeister
        <pb n="57" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 437

Albrecht von Brandenburg in ein evangelisches Herzogtum
Preußen verwandelt worden war. Nunmehr, nach dem Aus—
sterben des herzoglichen Hauses, ging das Land an Branden-⸗
burg über. War es da nicht die Aufgabe, von diesem Boden
aus, der die drei Hafenplätze Pillau, Königsberg und Memel
aufwies, in die baltischen Dinge einzugreifen, womöglich unter
Abstreifung des Lehensverbandes gegenüber dem seeuntüchtigen
und den mannigfachsten Schwankungen seiner inneren Politik
ausgesetzten polnischen Reiche?
Aber auf dem Kurstuhle saß kein Mann, der die in der
neuen Lage gegebenen Aufforderungen beachtet hätte. Georg
Wilhelm (1619—1640) ist wohl einer der schwächsten hohen—
zollernschen Kurfürsten gewesen; zudem verfiel er schließlich der
Herrschaft eines für sein Land und seine Interessen höchst sonder—
baren Beraters, des katholischen Grafen Adam von Schwartzen—
berg. So wurde er während des Dreißigjährigen Krieges an die
Seite des Kaisers gedrängt, bei dem konservativ-schüchterne
Politik in dieser Zeit allerwegen gern Schutz suchte, und zerfiel
darüber mit der protestantischen Schutzmacht des Nordostens,
mit Schweden: furchtbar litt darum das brandenburgische
Stammland unter den Leiden des Krieges.
Konnte es unter diesen Umständen gelingen, eine dritte
Erbschaft, die während des Krieges eintrat, zu sichern? Im
Jahre 1637 starb das einheimische Herrschergeschlecht Pommerns
aus, und Brandenburg hatte ein wenigstens von ihm selbst
als zweifellos betrachtetes Erbrecht. Um es gegen Schweden
zu behaupten, dem Pommern mit Stettin und der Odermündung
die wichtigste Operationsgrundlage in Deutschland darbot, zog
jetzt der Kurfürst vom Leder; es ist im Grunde die größte
Aktion seines Lebens gewesen. Aber er scheiterte jämmerlich.
Sein Soldheer lief während des Feldzuges auseinander; und
sein Heimatsland wie sein ersehntes Erbland fielen unter die
zuchtlos gewordenen Banden.
Das waren die Verhältnisse, unter denen der zwanzig—
jährige Sohn des Kurfürsten, Friedrich Wilhelm, der Große
Kurfürst, im Jahre 1640 die Herrschaft antrat. Ein anscheinend
        <pb n="58" />
        438 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

gerader und großer und doch nicht leicht zu verstehender
Charakter; schon die Tatsache, daß die Akten verhältnismäßig
wenige unmittelbare Spuren seiner Tätigkeit aufweisen, so daß
oft kaum zu entscheiden ist, ob die Verantwortlichkeit gewisser
Schritte ihm oder seinen Räten zufällt, erschwert die Einsicht
in sein Wesen. Von Natur nicht eben genial und auf weiteste
Ziele und größeste Kombinationen angelegt, sah sich der Fürst
doch an erster Stelle durch das Spiel der auswärtigen Politik
gefesselt, während er in der inneren Politik nur der gleichsam
noch halb auswärtigen Ständepolitik, dem Handel, der Schiff⸗
fahrt und dem Heerwesen stärkeres persönliches Interesse
entgegenbrachte. Dabei erfreute er sich in den Materien, denen
sich seine Aufmerksamkeit an erster Stelle zuwendete, jener
Durchsichtigkeit eines praktischen Verstandes, die ein hervor⸗
ragendes Erbteil seines Hauses ausmacht, und die auch geniale
Naturen in ihm, z. B. Friedrich der Große, gehabt haben.
Aber unter überaus herben Verhältnissen groß geworden, von
dem sittlichen Zerfalle der Diplomatie des ausgehenden großen
Krieges umgeben und in Verhältnisse hineingestellt, die sittliche
Konflikte zu einer ständigen Notwendigkeit machten, hat er in
der inneren wie der äußeren Politik mit einer Skrupellosigkeit
gehandelt, die so klar zutage tritt, daß sie nicht beschönigt
werden sollte, und die nur insofern Entschuldigung verdient,
als sie auf eine allgemeine Zeitgrundlage zurückging!. Viel
schon, wenn unter solchem Handeln und vielleicht Zwang des
Handelns dem Fürsten nicht das tiefe Pathos verloren ging,
mit dem der Kampf für Haus und Heimat allzeit erfüllen
wird: hier tritt eine höchst sympathische Seite der sittlichen
Veranlagung des Großen Kurfürsten zutage, die auch heute
noch die Herzen gewinnen kann.
In den Niederlanden, damals einer der hohen Schulen der
Politik, gebildet, hat der junge Fürst die Zügel der Regierung
mit erstaunlicher Bedachtsamkeit und doch nicht minder großer
Kühnheit ergriffen. Er entließ Schwartzenberg nicht alsbald,

S. oben S. 417 ff.
        <pb n="59" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges 489

er lähmte nur seine Aktion durch das Gegengewicht ihm er—
gebener Räte; und ein glücklicher Zufall wollte, daß der lästige
Minister schon im Jahre 16041 starb.
Im übrigen war die Ordnung der pommerschen Erbschaft
eine der wichtigsten Sorgen des neuen Herrschers. Friedrich
Wilhelm sah wohl ein, daß der Eintritt in das Erbe gegen
Schweden unmöglich war. Und so ging er mit dieser Macht,
die auch seiner politischen Grundrichtung in dieser Zeit am
nächsten stand, im Jahre 1641 einen Waffenstillstand ein, der
bis zum Abschluß des Westfälischen Friedens gedauert hat.
Schließlich aber mußte die große Liquidation der zentral⸗
europäischen Forderungen, die der Westfälische Friede bedeutete,
auch über die brandenburgischen Ansprüche auf Pommern ent—
scheiden. Doch das Ergebnis war schmal genug: Hinter—
pommern, während den Schweden Stettin mit Vorpommern
und damit die Herrschaft über die pommersche See und den
pommerschen Fluß, die Oder, zufiel. Und damit nicht genug,
fügten die Schweden zur Übermacht auch noch die Gewalt;
nachdem man sich, in langen Verhandlungen noch nach dem
Frieden, über alles einzelne geeinigt zu haben schien, nahmen
sie Landesteile am rechten Oderufer weg, die ihnen nicht zu—
standen, und belegten die brandenburgisch-hinterpommerschen
Häfen gegen alles Vertragsrecht mit Lizenten. Es schien wie
ein letzter Abschluß des allgemeinen schwedisch-baltischen See—
zollsystems: von einer Herrschaft des Kurstaates auch nur an
der eigenen Küste, geschweige denn von einem Condominium
maris baltici war trotz des Besitzes von Vreußen nicht die
Rede.
Unter diesen Umständen konnten nur allgemeine Verände—
rungen der Machtlage im Balticum Brandenburg Luft schaffen.
n ein Umschwung in dieser Hinsicht lag allerdings in der
uft.
War die politische Oberherrschaft Schwedens über die
Ostsee von Polen und Brandenburg so gut wie unbestritten,
so stand hinter Polen um so mehr eine Macht, die instinktiv
zum Meere drängte: Rußland; schon Gustav Adolf hatte es
        <pb n="60" />
        440 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

in den ersten Zeiten des 17. Jahrhunderts, wie erzählt, von
der Wassergrenze zurücktreiben müssen.
Inzwischen war aber das russische Reich unter der natio⸗
nalen Herrschaft der Romanows in raschem Erstarken begriffen
gewesen; und es war natürlich, daß die innere Kraft sich in
Kriegen nach dem westlichen Europa zu entlud. Dabei bot
zunächst Polen, das unter dem letzten katholischen Wasa Johann
Kasimir zu der sprichwörtlichen Adelsrepublik späterer Zeiten,
dem Staate des liberum veto, zu werden begann, die beste
Seite zum Angriff. Im Jahre 1654 erklärte der Zar Alexei
Michailowitsch den Polen den Krieg. Und in raschem Sieges—
zuge nahm er in Weißrußland Smolensk, vor allem aber die
Düna abwärts Witebsk und Polozk: gegen Ende des Jahres
konnte es scheinen, als ob ihm im weiteren Verlaufe die Ein—
nahme von Dünaburg und die schließliche Eroberung Rigas
gelingen würde: womit der Zugang zur See im engeren Ge⸗
biete der schwedischen Machtsphäre erreicht gewesen wäre.
Für Schweden aber war es um diese Zeit schon keine
Frage mehr, ob man zur Vereitlung einer solchen Aussicht zu
Felde ziehen sollte oder nicht. Die inneren, wenig befriedigenden
Verhältnisse des Landes drängten zum Kriege; und im Reichs—
rate scheint man früher zu diesem überhaupt als zum Feldzuge
gegen einen bestimmten Gegner entschlossen gewesen zu sein.
Doch lag trotz der russischen Angriffe der Kampf gegen Polen am
nächsten und wurde zunächst auch gewählt: dynastische Streitig—
keiten zwischen Johann Kasimir und dem Schwedenkönig Karl
Gustav ergaben einen triftigen Anlaß, und das Angriffsobjekt
war das am leichtesten zu überwältigende von allen. Freilich:
indem man Polen angriff, glaubte man nach dessen Über—
windung vor allem auch Rußland in den Arm fallen zu können.
Ende Juni 1656 drang eine erste, kleinere schwedische Armee
von Livland aus die Düng aufwärts und nahm Dünaburg: so
schien man vor einer Dazwischenkunft russischer Angriffe ge⸗—
sichert. Ein erster Hauptangriff aber wurde von ganz anderer
Seite, von Pommern her unternommen. Mit vollkommenstem
Erfolge. Bei Uscie wurde das Aufgebot der großpolnischen
        <pb n="61" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 441

Woiwodschaften von Posen und Kalisch völlig geschlagen,
Posen fiel ohne Schwertstreich: von Westen her war Luft ge—
macht für einen Stoß in das Herz des Feindes. Und nun
folgte der Schwedenkönig selbst von Pommern aus mit einem
Heere von Kerntruppen; in raschem Zuge, unter fortwährender
Unterwerfung der einzelnen polnischen Dynasten eilte er vor—
wärts: am 9. September erschienen die ersten Schweden in
Warschau. Und auch damit noch nicht genug. Wie fünfzig
Jahre später Karl XII. in noch kühnerem Zuge gegen Ruß—
land, so rückte der König weiter gegen Süden vor; am 17. Ok—
tober fiel Krakau: Johann Kasimir mußte außer Landes fliehen,
die Republik lag zu den Füßen Karl Gustavs.
Aber waren diese rasch gewonnenen Eroberungen ge—
sichert, so lange nicht die Verbindung mit Schweden unbedingt
offen war? Und war es hierfür nicht erstes Erfordernis, daß
die Seeküste in sicherem schwedischem Besitze blieb? Das war
aber nur der Fall, wenn man die Basis des Feldzuges von
dem entfernten Pommern in das Land unmittelbar nördlich
von Krakau und Warschau — nach Preußen verlegen konnte.
Es war der Punkt, in welchem die Interessen Branden—
burgs und Schwedens, im weiteren Sinne die deutschen Inter—
essen und die des schwedischen Dominium maris baltici zu—
sammenstießen. Der Große Kurfürst hatte das Bedürfnis
Schwedens, sich auf Preußen zu stützen, in Verhandlungen
noch vor dem Kriege zu seinen Gunsten auszunutzen gesucht.
Und er war bestrebt gewesen, sich hierzu der Unterstützung der
Niederlande zu versichern, die an den baltischen Fragen insofern
ein Interesse hatten, als weitaus der größte Teil ihres See—
verkehrs im Becken der Ostsee verlief: so daß Schweden
nur die politische, die Niederlande aber die merkantile Herr—
schaft ausübten: was in der Regulierung des Zollwesens und
verwandter Fragen zu einem Verhältnis stetiger gegenseitiger
Spannung beider Mächte führen mußte. Vergebens. Es war
dem Kurfürsten nicht gelungen, vor Ausbruch des Kriegsgewitters
irgendwelche Vorteile unter Dach zu bringen.
Nun, da rasche Siege den Schwedenkönig nach Süden
        <pb n="62" />
        442 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

getragen hatten und trugen, trat um so mehr die Frage auf,
ob Brandenburg nicht von Preußen aus eingreifen solle. Der
Große Kurfürst hatte gerüstet, er ging nach Preußen und ge⸗
wann außer seinem Lande auch die Stände von polnisch West⸗
preußen für eine selbständige Haltung, die in dem Defensiv⸗
bündnis von Riczsk vom 12. November 1655 zum Ausdrucke
kam: doch war es von schlimmer Vorbedeutung, daß in diesem
Buündnisse die drei großen westpreußischen Städte Elbing,
Thorn und Danzig fehlten. In der Tat war der Ausgang
dieses maskierten Widerstandsversuches gegen Schweden kläg—
lich. Das brandenburg-preußische Heer vermied es, sich mit
den Schweden zu messen, und der Große Kurfürst wurde zu
dem Königsberger Vertrage vom 17. Januar 1656 gezwungen.
In diesem Vertrage wurde dem Kurfürsten zwar das säkulari⸗
sierte Bistum Ermland, ein nicht unbedeutender Gewinn, als
schwedisches Lehen zugewiesen, aber er mußte auf jeden An—⸗
spruch auf das polnische Westpreußen verzichten, wurde für das
Herzogtum Preußen statt polnischer nunmehr schwedischer Vasall
mit bedeutend erschwerten Lehnspflichten, mußte die Hälfte der
Einnahmen sowie Seezölle an Schweden abtreten und versprach,
ohne schwedische Erlaubnis niemals Kriegsschiffe in der Ostsee
zu halten.
Noch aber war dieser Vertrag kaum abgeschlossen, ja seine
eingehendere Verhandlung kaum begonnen, da wandte sich das
Glück der Schweden. Der rasche Feldzug, Karl Gustavs
ausgesprochenem strategischem Genie verdankt, fast einer Über⸗
rumpelung gleichkommend, hatte die Polen doch nicht dauernd
gedemütigt: beinahe mehr ein militärisch-technisches als ein
politisches Meisterstück war er zu nennen. Jetzt erhoben sich
von allen Seiten die nationalen Instinkte; das Bauernvolk
und der niedere Adel griff zu den Waffen; die Muttergottes
von Czenstochau tat Wunder für ihr Volk, und der Klerus lieh
der nationalen Begeisterung Worte; selbst den matten Johann
Kasimir, den einstigen Kardinal der römischen Kirche, ergriff,
indem er heimgerufen wurde und sein Feldlager in Lemberg
aufschlug, ein Funke königlicher Tatkraft. So ging man vom
        <pb n="63" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 448

oberen Lande her gegen die schwachen schwedischen Garnisonen
vor; sie fielen; und im Frühjahr 1656 hatten die Schweden
von wichtigen Punkten nur noch Krakau, Warschau, Petrikau,
Tykoczin in der Gewalt.
Bei dieser Wendung des Glückes wurde der Brandenburger
Kurfürst, der sein Heer, zum Teil auf Grund eines mit Frank—
reich abgeschlossenen Defensivbundes, noch immer beisammen
hatte, über Nacht ein begehrenswerter Freund. Um so mehr,
als in diesem Augenblicke auch die Russen, nach langem
Zögern, Miene zu machen schienen, gegen Polen und
Schweden zugleich vorzugehen. So bequemten sich denn die
Schweden zu neuen Verhandlungen, deren Ergebnis in dem
Marienburger Vertrage vom 25. Juni 1656 zusammengefaßt
wurde. Da erhielt der Kurfürst zwar immer noch nicht das
Ziel seiner höchsten Sehnsucht, die Souveränetät Preußens;
doch wurden seine Lehnspflichten ermäßigt, und für die Unter—
stützung Schwedens mit seiner gesamten Armee wurde ihm aus
der erhofften polnischen Beute der größte Teil von Großpolen,
nämlich die Woiwodschaften Posen, Kalisch, Lenczycz und Sieradz
und die Landschaft Wielun zu souveränem Besitze zugewiesen.
Dieser Inhalt des schwedisch-brandenburgischen Bündnisses
gehört der deutschen Geschichte weit mehr an, als man zu—
nächst ahnen sollte. Karl Gustav, der Neuburger pfälzischer
Herkunft, war seinem Wesen nach fast mehr deutscher als
schwedischer Fürst; zahlreiche Deutsche dienten unter seinen
Fahnen, und als germanisch im weiteren Sinne mußte sein
Kampf gegen die Slawen jener weiten Landschaften erscheinen,
deren Reich, leicht zu überrumpeln, fast noch etwas von dem
Charakter der Despotien der polnischen Urzeit im 10. und
11. Jahrhundert aufwies. Und diese Massen und Ziele ver—
einigten sich nun mit dem rein deutschen Heere Brandenburgs
und den deutschen Zielen des jetzt schon wichtigsten nordost—
deutschen Territoriums.
Eine Frucht dieser Kombination ist die Schlacht von
Warschau gewesen, in der es in dreitägigem Ringen, vom
28. Juli 1656 ab, gelang, die Polen zu Boden zu werfen,
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        144 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

obwohl sie sich einer fünffachen Ubermacht erfreuten. Es war
zugleich die erste große Aktion der neugeschaffenen branden—
burgischen Armee, eine ehrenvolle Feuertaufe, gleichgültig, wie
hoch man im einzelnen den schwedischen und den branden⸗
hurgischen Anteil an Rat und Tat bemißt.
Allein besiegt war in dieser Schlacht nur ein polnisches
Heer, nicht der polnische Widerstand. Nun volkstümlich ge⸗
Horden, wälzte sich der Kampf gegen Schweden fort, und zu
ihm traten jetzt die ernstesten Angriffe durch die Moskowiter, die
inzwischen Ingermanland genommen hatten, Finnland bedrohten
ind vor allem Livland unter persönlicher Führung des Zaren
heimsuchten: Riga belagerten und Dorpat einnahmen. Ja
jetzt, in dem allgemeinen schwedischen Unglück, regten sich
auch die Niederländer. Eine Orlogsflotte unter Admiral
Opdam erschien vor Danzig, und Karl Gustav blieb nichts
übrig, als die niederländischen Forderungen zu befriedigen,
die auf größere Freiheit des Handels gegenüber der schwedischen
Zollpolitik und noch mehr gegenüber der schwedischen Zollpraxis
hinausliefen. Und hinter all diesem Widerwärtigen drohte
schließlich gar noch der Eingriff des Kaisers. Am 1. Dezember 1656
kam es zu einem polnisch⸗osterreichischen Bündnisvertrage, zu—
nächst nur in der Absicht, dem Kaiser Einfluß zu einer Friedens⸗
bermittlung zwischen Polen, Rußland, Schweden und Branden⸗
burg zu gewähren, doch immerhin schon mit der Zusage eines
Aeinen Hilfskorps an Polen.
Da brauchten denn den Polen nur noch auch neue mili⸗
ärische Erfolge zuzufallen: und das Schicksal Schwedens, dessen
Bevölkerung in der Heimat schon zu murren begann, sowie die
Zuverlässigkeit der Beziehungen zwischen den beiden unglücklichen
Verbündeten, Karl Gustav und dem Großen Kurfürsten —
schon regten sich gegen diesen polnische Kräfte in Preußen und
Klagen im Kreise seiner Familie — schien einer dauernden
Schwächung unterliegen zu müssen. Und die militärischen Er—
folge kamen. Im November 1656 waren die Polen so weit
nach Norden vorgedrungen, daß Johann Kasimir in der Mitte
des Monats seinen Einzug in Danzig halten konnte; im branden⸗
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        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 445

burgischen Preußen rotteten sich Edelleute unter der Führung
von Kalcksteins zu landesverräterischen Plänen zusammen.
Sollte Schweden nicht der letzte Freund verloren gehen,
so bedurfte es jetzt starken Entgegenkommens gegen Branden—
burg. Am 20. November wurde der Vertrag von Labiau
unterzeichnet. Er sah ab von weiteren Verteilungen einer
polnischen Kriegsbeute, deren Erwerb doch nur in großer Ferne
zu liegen schien; dafür verbürgte er dem Kurfürsten nun
wenigstens von schwedischer Seite her den greifbaren, schon
so lange gewünschten Vorteil der preußischen Souveränität
und damit zugleich der selbständigen Erhebung der Seezölle.
Freilich waren deren Einnahmen durch eine einmalige Ab—
zahlung von Schweden gleichsam abzulösen; auch blieb der Ver—
zicht auf eine brandenburgische Kriegsflotte der Ostsee in Kraft.
Unterdessen währte der Krieg nun schon in das dritte
Jahr. Und jetzt hatte Karl Gustav einen neuen Gegner gegen
Polen mobil gemacht: den Fürsten Georg Rakoczy von Sieben⸗
bürgen. Im Januar 1657 überzog der Fürst Polen von den
Grenzen seines Landes her mit Krieg, und noch einmal wurde
dadurch der Schauplatz des Kampfes nach dem oberen Polen
berlegt. Denn Johann Kasimir eilte von Preußen nach Süden,
und Karl Gustav drängte, auch durch eine kleine branden⸗
burgische Hilfstruppe unterstützt, auf seinen Spuren nach. Aber
zum dritten Male blieben die weit ausholenden Schläge er—
folglos. Rakoczy mußte ruhms und sieglos heimkehren, Karl
Gustav verlor allmählich an Terrain und wurde vor allem
durch zwei Ereignisse, die für ihn eine ganz neue Konstellation
herstellten, aus dem Sattel gehoben. Sie führen nach Däne—
mark und Osterreich, und sie bedeuten zugleich die größte Er—
weiterung des Schauplatzes, welche diese nordischen Kämpfe
erreicht haben.
In Dänemark hatte König Friedrich den Krieg Schwedens
gegen Polen von vornherein unter dem Gesichtspunkte be—
trachtet, inwiefern er ihm ermöglichen würde, die alte über—
legene oder wenigstens ebenbürtige Stellung Dänemarks gegen
Schweden wieder herzustellen. Im Mai 1657 hielt er den
Lamprecht, Deutsche Geschichte VII. 2. 29
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        446 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Zeitpunkt für geeignet, um loszubrechen: er sandte eine Flotte
in See, ließ Heerhaufen in das schwedische Herzogtum Bremen
eintreten und begann vor allem den Kampf gegen Schweden
selbst von Schonen aus, das damals noch zu Dänemark ge⸗
hörte, und von Norwegen her, das mit dem dänischen Lande
uniert war.

Es war fast zur selben Zeit, da auch im Süden die
Lage für Karl Gustav durch aktives Eingreifen Hsterreichs be⸗
denklicher wurde. Am 2. April war Kaiser Ferdinand III.
gestorben. Am 27. Mai schloß Osterreich mit Polen ein
Bündnis auf wirksame Kriegshilfe; im Hintergrunde stand der
Gedanke einer österreichischen Thronkandidatur bei der nächsten
Erledigung des polnischen Thrones. Mitte Juli griffen die
sterreicher mit Erfolg ein; Ende August mußten die Schweden
ihre letzte große Position im Innern Polens, das von General
Wuürtz hartnäckig verteidigte Krakau, aufgeben.
Blieb dem Schwedenkönig unter diesen Vorgängen und
Aussichten etwas übrig, als selbst den Gedanken auf die Er—
oberung des polnischen Westpreußens fahren zu lassen und sich
der Verteidigung des heimatlichen Bodens hinzugeben, zumal
dabei im günstigen Falle der Erwerb der schonenschen Süd⸗
hälfte Skandinaviens, jenes alten Streitobjektes der Dänen
und Schweden, winkte? Um den Mitsommer verließ er Polen
und stand Ende Juli schon an der Elbe, um den dänischen
Gegner von Süden her. durch einen Einfall ins Holsteinische
zu packen.
Im Verlaufe all dieser jäh wechselnden Vorgänge konnte
sich der Brandenburger Kurfürst wohl besorgt fragen, was denn
nun eigentlich sein Schicksal sein werde. Durfte er sich auch
fürder noch an Schweden binden? Sollte er neutral zu
sein vermögen? Lohnte nicht, wenn es nur auf eine Politik
des Erfolges ankam, am meisten der Übergang zum volnischen
Begner?
Nicht auf einmal, in langen Erwägungen und schweren
diplomatischen Gängen, in mehr als einer Treulosigkeit und
Doppelzüngigkeit, aber mit alledem nur ein Meister der Politik
        <pb n="67" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 447

seines Zeitalters, hat Friedrich Wilhelm den schwierigen Weg
bis zu den Polen hin passiert, nachdem er den Träger der
bisherigen schwedenfreundlichen Politik, den Grafen Waldeck,
der Führer noch des letzten brandenburgisch-schwedischen Hilfs⸗
kontingentes gewesen war, von der Leitung der diplomatischen
Geschäfte entfernt hatte. Im polnischen Lager landete der Kur—
fürst mit dem Vertrage von Wehlau vom 19. September 1657,
der später durch einen besonders feierlichen Vertrag vom 6. No—
bember 1657 ergänzt wurde, als der Kurfürst seinen neuen
Freund, den Polenkönig, in Bromberg besuchte.
Diese neuen Abmachungen brachten vor allem die An—
erkennung der Souveränität in Preußen nun auch von pol⸗
nischer Seite: und damit das ius supremi dominii in dem
aunmehr östlichsten aller deutschen Länder überhaupt. Es war
eine Errungenschaft, gegen die alle Zugeständnisse, ein Freund⸗
schafts- und Kriegsbündnis mit Polen, die Ruckgabe Ermlands
und einiger anderer Gebietsteile in der Tat zurücktraten: ganz
abgesehen davon, daß die Zession Ermlands durch den Erwerb
Elbings als gegengewogen erachtet werden konnte. Denn jetzt
war der Brandenburger Kurfürst außerhalb der Reichsgrenzen
an einer wichtigen Stelle deutschen Bodens Souverän zu eigenem
Rechte: eine Stellung, die ihn über andere Reichsfürsten hin⸗
weg in eine allgemeine baltische, ja europäische Stellung
hineinhob.
Inzwischen hatte Karl Gustav alles aufgeboten, um den
neuen dänischen Krieg zu glücklichem Ende zu führen. Er
hatte mit Frankreich und England, denen er deutsche Küsten⸗
lande wie herrenloses Gut anbot, verhandelt: vergeblich; um⸗
sonst hatte er auch die Türkei gegen seine südöstlichen Gegner,
Rußland und sterreich, in Bewegung zu setzen gesucht. Um
so mehr leuchtete sein Feldherrngenie — und sein Feldherrn⸗
glück — in Dänemark auf. Er vertrieb die Dänen aus dem
Herzogtum Bremen, er nahm Holstein und Schleswig ein, der
Fall von Fridericia öffnete ihm Jütland. Dann, im Februar des
Jahres 1658, erlaubte ihm ungewöhnliche Kälte einen Winter⸗
feldzug von unerhörter Kühnheit. Über das Eis des Kleinen
99 *
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        448 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Belts drang er nach Fünen; eine Eisdecke trug ihn auch über
Langeland, Laaland und Falster nach Seeland; gegen Ende
Februar bedrohte er Kopenhagen.
Bestürzt, fast betäubt fügten sich die Dänen so unglaub⸗
lichen Taten, und ein unerwarteter Friede schloß am 27. Februar
1658 in der alten dänischen Krönungsstadt Roeskilde die
märchenhaften Vorgänge. Schweden erhielt von Dänemark
Schonen, Blekinge und Halland, sowie die Insel Bornholm
ausgeliefert; dazu von Norwegen die üppigsten Provinzen,
Bohuslän und Drontheim; ferner errang es im Sund volle
Zollfreiheit, und Dänemark ging die Verpflichtung ein, von
nun ab gemeinsam mit ihm allen feindlichen Flotten den Ein⸗
gang in die Ostsee zu wehren. Es war nicht bloß die Schwächung
Dänemarks; es war der volle Triumph eines schwedischen
Dominium maris baltici: die Ostsee mare clausum unter
schwedischer Kontrolle: das war der Ausdruck der Lage.
Vermochte indes Europa mit seinen starken Handels—
interessen in der Ostsee diese Lösung in ruhigem Zusehen zu
ertragen? Mußten nicht namentlich die großen Seemächte,
die Niederlande und England, alsbald Einspruch erheben?
Und sollten sich nicht auch Polen und das deutsche Reich
regen? — das Reich, das in seinen Nordküsten unmittelbar
in den Kampf hineingezogen worden war, dessen Gebiet der
Schwedenkönig zu nicht geringem Teile in das Willkürspiel
seiner Diplomatie verwickelt hatte?
Im Reiche wollte man wohl sogleich handeln, aber man
handelte langsam. Als am 14. Februar 1688 endlich wenigstens
ein brandenburgisch-österreichisches Offensiv⸗ und Defensiv⸗
bündnis gegen Schweden zustande kam, dem die Bereitwillig⸗
keit Polens, an dem Kampfe weiter teilzunehmen, sekundierte,
schien es zu spät: betäubend fiel wenige Wochen darauf die
Nachricht vom Roeskilder Frieden auf die Gemüter. In den
Niederlanden dagegen wirkte gerade diese Nachricht ganz anders:
jetzt eben sah man sich zum Eingreifen herausgefordert, rüstete als⸗
bald eine Flotte aus und schürte in Kopenhagen gegen Schweden.
Das alles, während England, der stärkste Handelsrival schon der
        <pb n="69" />
        Deutschland uuter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 449

Niederlande im Ostseegebiete, mit seinen Absichten noch klug
zurückhielt.
Es war im ganzen eine gespannte Lage. Gelöst wurde
sie, vielen unerwartet, durch einen erneuten Angriff Karl Gustavs
auf Dänemark. Eine fast für das ganze 17. Jahrhundert be—
zeichnende Tatsache der schwedischen Entwicklung offenbarte sich
hier vielleicht am entschiedensten: das Land konnte die ein—
mal aufgestellte Armee daheim nicht bergen; es bedurfte des
Krieges. Und so stürzte sich der Schwedenkönig, unter der
Beschuldigung, Dänemark führe die Friedensbestimmungen von
Roeskilde ungenügend aus, nochmals auf das nordische
Bruderland.
Aber es erging ihm wie bei seinem zweiten Feldzuge in
Polen. Ganz anders wurde er empfangen als beim erstenmal,
nun er nicht mehr mit der Gewalt der Überraschung wirkte.
Der Versuch einer Überrumpelung Kopenhagens, August 1658,
schlug fehl und verwandelte sich in die Schwierigkeiten einer
langen Belagerung.
Und jetzt griffen auch die Niederlande ein: was schon
lange drohte, wurde zur Tat, die nordischen Kämpfe führten
zu einer immer allgemeineren, europäischen Konflagration.
Eine niederländische Flotte, mit der dänischen vereint, schlug
die schwedischen Schiffe in einer schweren Schlacht im Sunde.
Ja mehr noch: inzwischen hatte sich auch die polnisch⸗
brandenburgisch-österreichische Koalition in Bewegung gesetzt.
Osterreicher unter Montecuccoli, Polen unter Czarniecki, das
Ganze und Brandenburger zugleich unter dem Befehle des
Großen Kurfürsten waren in Holstein eingefallen, hatten Fride⸗
ricia passiert und nahmen jetzt, vor Jahresschluß, auch noch
die Insel Alsen ein: eine kräftige Flankenstellung gegenüber
den schwedischen Operationen auf Seeland war gewonnen.
Unter diesen Umständen blieb Karl Gustav nichts mehr
übrig, als alles auf eine Karte zu setzen: am 20. Februar
1659 versuchte er einen tollkuhnen Sturm auf Kopenhagen —
und scheiterte.
So schien sein Schicksal besiegelt, — als sich der immer mehr
        <pb n="70" />
        150 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

europäische Charakter des Krieges in Kombinationen zu enthüllen
begann, die wenigstens ein neues Aufblitzen seines Sternes be⸗
deuteten. Schon längst hatten die Operationen des Landheeres der
Koalition darunter gelitten, daß diese keine Flotte besaß. Wie
sehnsüchtig hat doch der Große Kurfürst in dieser Zeit nach
dem Besitze von Schiffen ausgeschaut! Aber es kam nur zu
einer Denkschrift über ein brandenburgisches Reichsadmiralat
und zu unfruchtbaren Bestellungen in Holland — gründlich
vorüber war es mit einer deutschen Seegewalt. Da hätten nun
die Niederländer helfen können. Aber ihre Flotte regte sich
nicht! Denn die Generalstaaten scheuten schon den Kampf mit
England, dem neuen Rivalen, dessen Orlogsflotte Karl Gustav
Grund hatte für einen Eingriff zu seinen Gunsten zu erwarten.
Unter diesen Umständen war es für die Koalition von
militärischen und diplomatischen Erwägungen her gleich nutzlos,
ferner auf dem dänischen Festlande zu verharren, während ihr
beim Angriffe auf die Stellungen Schwedens in den eigent⸗
lichen baltischen Küstenländern ganz andere Erfolge winkten.
Und so drang denn im August 1659 eine zweite kaiserliche
Armee unter De Souches von Schlesien her gegen Pommern
vor und begann die Einschließung Stettins, während die dänische
Armee des Großen Kurfürsten sich von Westen her diesen
Gegenden näherte; und gleichzeitig fast nahmen die Polen
Westpreußen ein und verlor Schweden seinen kurländischen
Besitz: es konnte scheinen, als sei das Ende der zentraleuro⸗
päischen Festlandsstellung Schwedens nahe herbeigekommen.
Aber gerade diese Wendung sowie wohl auch das Er—
scheinen einer englischen Flotte neben der niederländischen in
der Ostsee machte nun noch eine letzte europäische Macht
mobil: Frankreich.
Das Interesse Frankreichs an der Entwicklung der politi—
schen Verhältnisse im europäischen Nordosten war ein sehr
klares und ist sich lange Zeit hindurch gleich geblieben: Frank—⸗
reich benutzte Schwedens Festlandstellung in den deutschen
Küstengebieten zur Beherrschung des Reiches, da ihm gerade
in Schweden ständig ein um ein billiges zu erkaufender mili—
        <pb n="71" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 451

tärischer Bundesgenosse zur Verfügung stand. Wie hätte also
Frankreich unter diesen Umständen die Befreiung der deutschen
Ostseeküste von schwedischer Herrschaft gleichgültig ansehen
können? In geschickt geführten Verhandlungen mit den Nieder—
landen und England wußte es zeitweilig, wenn auch schließ—
lich ohne Erfolg, diese beiden Rivalen für eine Politik einzu—
spannen, die den nordischen Mächten im allgemeinen unter
den für Schweden so günstigen Bedingungen des Roeskilder
Traktats erneut Frieden diktieren sollte; und als dieser Streich
nicht gelang, vielmehr England und die Niederlande gemein—
sam mit Gewalt vorgingen und die Schweden in der Schlacht
von Nyborg (24. November 1659) zur Annahme von Be—
dingungen zu zwingen suchten, die Dänemark günstiger waren,
da konnte es einen Augenblick scheinen, als wenn ein Konflikt
zwischen den Westmächten wegen der nordischen Dinge nicht
ausgeschlossen sei.
Hatte aber Frankreich wiederum ein Interesse an einem allzu⸗
mächtigen Schweden? Fast konnte ein rein schwedisches Dominium
 maris baltici seinem Interesse ebenso zuwider erscheinen als
dem niederländischen und englischen. Und so fanden sich denn die
——DDDDD
Basis des Handelns zusammen, als Frankreich nach Abschluß
des gewaltigen, vierundzwanzigjährigen Kampfes mit Spanien im
Pyrenäischen Frieden (7. November 1659) die Hände jetzt frei
erhalten hatte und nun erst recht ein nicht zu verachtender
Gegner war. Und ein Gegner vor allem auch für das Reich!
Wenn jetzt Osterreich an der nordöstlichen Koalition festhielt:
konnte es dann nicht in seinen vorderen Besitzungen am Ober⸗
rhein von Frankreich aufs wirksamste angegriffen werden?
Kein Wunder, wenn von da ab der Eifer des Hauses Habs—
burg zur Teilnahme am Kampfe gegen Schweden erkaltete.
Unter dieser Konstellation etwa kam es zu Friedens⸗
verhandlungen, die sich, in Thorn im März 1689 begonnen,
über ein Jahr hinzogen, bis sie zu Oliva in einem Friedens⸗
vertrage vom 8. Mai 1660 ihren Abschluß fanden.
Das Ergebnis, dessen Sicherung auch durch den Ende
        <pb n="72" />
        452 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Februar 1660 erfolgten Tod Karl Gustavs nicht gestört wurde,
war das folgende: Schweden behielt von Dänemark im all⸗
gemeinen die Eroberungen, die in seinen natürlichen Grenzen
lagen. Es behielt ferner allen seinen Besitz an den deutschen
Austen einschließlich eines Teiles von Livland. An der bal—⸗
tischen Südküste wurde ferner Kurland von neuem ein selb—
ständiges Herzogtum und verblieb Westpreußen im polnischen
Reiche. Rußland, mit dem Schweden im Jahre 1661 einen
besonderen Frieden schloß, gelang es nicht, an die Küste der
Ostsee vorzudringen.
Übersieht man diese Friedensbestimmungen, so ergibt sich,
daß sie das Ubergewicht Schwedens an der Ostsee um ein ge—
ringes verstärkten; im übrigen bedeuteten sie im ganzen die Fort—
dauer der Machtvertretung vor dem Kriege: nur Brandenburg
war in den souveränen Besitz Preußens gelangt. Es war,
von deutschem Standpunkte aus betrachtet, ein trauriges Er—
gebnis so langen Ringens, das ja freilich nicht deutsche Energie,
fondern der Eroberungssinn des nunmehr in der Blüte seiner
Jahre dahingegangenen Schwedenkönigs entfesselt hatte: nur
ein schwacher Ansatz zur künftigen Ostseestellung Brandenburgs
war gewonnen. War aber dies Ergebnis so gering, nach—
dem noch kurz vor Ausgang des Krieges der Angriff der
Koalition auf alle Südstellungen Schwedens an der Ostsee
— fiel die Schuld dafür
im Grunde fast ganz auf Frankreich. Es fand sich, daß in
dieser Zeit der Drehpunkt der politischen Entwicklung Zentral⸗
europas nicht im Osten lag, sondern im Westen: am Rhein
mußten sich die deutschen Geschicke der nächsten Zukunft, wie
so oft schon die Geschicke weiter Vergangenheiten, entscheiden.

III.

Nirgends mehr als am Rhein, und zwar eigentlich in
allen Ländern, die er durchströmte, hatte sich bald gezeigt,
daß der Westfälische Friede alles andere als das Ergebnis
einer vollkommenen Auseinandersetzung war: nicht aus dem
        <pb n="73" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 453

Wunsche, klare Machtverhältnisse auch in einem klaren Ver—
trage zum Ausdrucke zu bringen, vielmehr aus Erschöpfung
hatte man die Kriegsfackel gelöscht. Darum trugen die Ar—
tikel des Friedensinstrumentes zu nicht geringem Teile den
Charakter verklausulierter Waffenstillstandsbedingungen, bei
deren Wortlaut sich die Vertragsschließenden verschiedenes
dachten, und deren abweichend interpretierte Bedingungen sie
mit dem stillen Entschluß ratifizierten, sie sobald als möglich
zu umgehen oder zu brechen.
Für keinen der im Friedensinstrument behandelten Landes⸗
teile aber galt diese Beobachtung vielleicht mehr als für die viel⸗
umstrittenen Lande des linken Ufers des Oberrheins, vor allem
für das Elsaß. Zwar daß jetzt die Städte und Bistümer
Metz, Toul und Verdun, einst mit der Markgrafschaft Pont-à⸗
Mousson die Vorposten des heiligen Römischen Reiches nach
Westen, endgültig an Frankreich abgetreten seien, darüber ließ
der Friedensvertrag keinen Zweifel. Wie aber stand es mit
den Rechten, die Frankreich weiter nach Osten zu, nicht zum
geringsten auf Kosten der vorderösterreichischen Herrschaft am
Oberrhein, zugefallen waren? Da hieß es zum Beispiel: der
Allerchristlichste König sei gehalten, nicht nur die Bischöfe von
Straßburg und Basel nebst der Stadt Straßburg, sondern
auch die übrigen reichsunmittelbaren Stände im oberen und
niederen Elsaß, nämlich die Abte von Murbach und Lure, die
Abtissin von Andlau, das Benediktinerkloster in St. Georgenthal,
die Pfalzgrafen von Lützelstein, die Grafen und Barone von
Hanau, Fleckenstein, Oberstein und den Adel vom ganzen niederen
Elsaß, desgleichen auch die zehn Reichsstädte Hagenau, Kolmar,
Schlettstadt, Weißenburg, Landau, Oberehnheim, Rosheim,
Münster im Gregorientale, Kaysersberg und Türkheim, die
unter der kaiserlichen Landvogtei zu Hagenau ständen, in der
Freiheit und dem Besitze der Reichsunmittelbarkeit, die sie bis—
her genossen, zu belassen: so daß er nicht darüber hinaus eine
königliche Superiorität über sie beanspruchen könne, sondern
sich mit den Rechten zu begnügen habe, die dem Hause Oster—
reich bisher zustanden und nun vertragsmäßig an die Krone
        <pb n="74" />
        154 — Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Frankreich abgetreten wurden: derart, daß durch diese Er—⸗
klärung all dem oben zugestandenen Souveränitätsrechte kein
Abbruch geschehen solle. Da sollte nun jemand wissen, was
namentlich mit der letzten Klausel eigentlich gemeint sei. Die
Auffassung der französischen Regierung freilich stand, gleich—
gültig was der Wortlaut des Friedens einmal sein werde,
hereits 1647 fest. Schon damals schrieb Mazarin an Turenne:“
Sie werden das Elsaß als ein Land betrachten, das dem König
ganz ebenso angehört wie die Champagne. Die deutsche Auf—⸗
fassung war natürlich die entgegengesetzte.
Sicher war, daß die Stipulationen in dem zitierten Para—
graphen des Friedensvertrages wie auch in anderen Para—
graphen teilweise Unmögliches festsetzten: so sollte z. B. dem
französischen Könige die Landvogtei über die zehn genannten
Städte als souveränes Recht zufallen, während doch den Städten
der Charakter der Reichsstadt zugeschrieben wurde. Ja wenn
der König von Frankreich gleichzeitig, gleich dem Könige von
Schweden oder dem von Dänemark, wenigstens noch Reichs—
stand geworden wäre. Dann wäre die juristische Konstruktion
wenigstens nach Reichsrecht noch einigermaßen möglich gewesen —
so schlimm sich vielleicht die politischen Folgen einer solchen
Reichsstandschaft gestaltet haben würden.
Und die Schwierigkeiten, die hier an einer Einzelfrage
der elsässischen Abtretungen erläutert sind, wiederholten sich
auch für die rechtsrheinischen Zessionen, unter denen nament—⸗
lich die von Breisach schmerzhaft war: überall zeigte sich, daß,
wenn man klare Verhältnisse hätte schaffen wollen, man, ganz
abgesehen von gewollten Zweideutigkeiten, eigentlich auch erst
die ganze Verfassungsentwicklung, ja die Verfassungsanschauungen
des heiligen Römischen Reiches hätte liquidieren müssen, um
dann reine Souveränitätsrechte zu schaffen und vertragsmäßig
darüber zu verhandeln. Aber für ein solch radikales Verfahren
war weder die deutsche Welt reif, noch lag es in Frankreichs
Interesse. Vielmehr war es die Absicht der französischen Politik,

Lettres de Mazarin II, 580.
        <pb n="75" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 455

den modernen Souveränitätsbegriff erst dann mit Raffinement
anzuwenden, wenn unklare Abtretungen gemacht waren, die
diese Anwendung zugunsten einer wesentlichen Erweiterung der
abgetretenen Rechte gestatteten.
Das hieß natürlich diplomatischer Kleinkrieg auf Jahre,
bis endlich die Geduld selbst des frömmsten Gegners reißen
mußte: und dann erbitterter Krieg fast ohne Absehen eines
Endes.

Waren aber am Niederrhein die Aussichten auf friedliche
Zeiten, wenn auch auf ganz andere Weise erschwert, an sich
besser?
Die Niederlande waren hier zunächst zweigeteilt, und die
—DD
reich mit Spanien in ständigem Gegensatze stand, eine stets
unruhige Grenze — ja, rechnete man die südlichen Niederlande
noch ein wenig zum Reiche, eine ständige Gefährdung der
Grenzlande selbst. Zudem: da Spanien als eines der großen
Machtgebiete des Hauses Habsburg in fortdauernden, bald
näheren, bald weniger engen Beziehungen zu Österreich stand,
so bedeutete es eine immerwährende, in ihren Wirkungen
schwankende, oft unberechenbare Rückwirkung der französisch—
südniederländischen Vorgünge und Beziehungen auf das Haus
und die Herrschaft des traditionellen Oberhauptes des Reiches
und damit auf das Ganze des Reiches selbst.
Nicht minder eigenartig war das Verhältnis der nörd⸗—
lichen Niederlande zu den Nachbarn im eigentlichen Reiche
und zum Reiche selbst. Es läßt sich am besten von der Ge—
schichte der Herzogtümer Jülich, Kleve und Berg her betrachten.
Um diese reichen Lande war, wie wir wissen, seit dem Jahre
1609 mit dem Aussterben des alten Herrscherhauses ein Streit
entbrannt, an dem sich vornehmlich die Pfalz und Branden—
burg als zum nächsten Erbanspruch Berechtigte beteiligt hatten.
Dabei war es denn zu Teilungen gekommen, in denen
ein provisorischer Vertrag den anderen ablöste; und in dem
Düsseldorfer Provisionalvergleich vom Jahre 1647 hatte man
sich schließlich dahin geeinigt, daß dem Neuburger Pfalzgrafen
        <pb n="76" />
        456 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

die Herzogtümer Jülich und Berg, dem Hause Brandenburg
aber das Herzogtum Kleve und die Grafschaften Mark und
Ravensberg zufallen sollten. Vertreten waren damit also
beide Häuser. Von ihnen gewann aber das eine, das branden⸗
burgische, unter dem Großen Kurfürsten engere Beziehungen zu
den Niederlanden: der Kurfürst hatte den wesentlichsten Teil
seiner Erziehung dort genossen, er heiratete eine Oranierin, und
er blieb in engem Ideenaustausche mit den geistigen Vertretern
des Landes. Dabei war aber seine Stellung zu den Nieder⸗
landen doch von vornherein einseitig; denn schon seine persönlichen
Beziehungen, nicht minder seine dynastischen Interessen führten
ihn auf die Seite der oranischen Partei. Wenn nun dabei
nur die Herrschaft der Oranier unbestritten gewesen wäre!
Aber das war keineswegs der Fall; ja Anfang der fünfziger
Jahre, nach dem Tode Wilhelms II. (1650), dem in Wil—
helm III., dem späteren englischen Könige, nur ein posthumer
Erbe geboren wurde, ging die Führung der Staatsgeschäfte viel⸗
mehr auf lange Zeit auf die Aristokraten der Provinz Holland
über. Diese aber hatten nicht mit den Herrschern der benachbarten
rheinischen Fürstentümer, sondern mit deren kraftvoll und eigen—
artig entwickelten Ständen die nächsten Beziehungen: was sie
in einen gewissen Gegensatz im Grunde zu dem Brandenburger
und dem Pfälzer; bei den besonderen Beziehungen des Branden⸗
burgers zu den Oraniern aber doch auch wieder zu einer ge⸗
wissen Annäherung an den Pfälzer brachte.
Es ist klar, daß sich aus diesem merkwürdigen Neben- und
Gegeneinander von Verbindungen und Machtverhältnissen am
Niederrhein und in den nördlichen Niederlanden die mannig-—
faltigsten, seit dem Siege der Aristokratenpartei den deutschen
Interessen im allgemeinen nicht günstigen Konstellationen er—
geben mußten; deutlich kam diese Lage zum Vorschein, als der
Große Kurfürst in dem sogenannten Düsseldorfer Kuhkriege
den mißlungenen Versuch machte, seine Rechte zum Nachteil
der pfälzischen Herrschaft zu erweitern. Und griffen nun nicht
diese niederrheinisch-niederländischen Dinge, indem das Haus
Brandenburg in sie verstrickt war, zugleich auch in den deut—⸗
        <pb n="77" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 457

schen Nordosten über? Wir werden bald sehen, in wie hohem
Maße das der Fall war. Der Zwist des Großen Kurfürsten
mit dem Düsseldorfer Pfälzer Philipp Wilhelm hatte aber
zugleich auch den Südosten in die Lage hineingezogen. Da
sich nämlich die beiden Parteien nicht bis zum Unterliegen
der einen oder der anderen maßen, so ordneten sie sich schließ—
lich der gern gewährten Entscheidung des Kaisers unter, und
sterreichs Ansehen am Niederrhein wuchs dadurch beträchtlich.
Und wenn mit alledem nun wenigstens die Summe der
Gegensätze am Ober- und Niederrhein erschöpft gewesen wäre!
Aber über all der schon erwähnten Materie des Zwistes schwebte
schließlich noch, wenn auch sich immer mehr zerteilend, die
Wolke der großen konfessionellen Gegensätze, in welchen sich
die Generalstaaten und der Brandenburger Kurfürst wie ge—
wisse Reichsstände des Oberrheins auf die eine, der Kaiser,
Frankreich, Spanien und der pfälzische Neuburger von Jülich—
Berg auf die andere Seite gestellt sahen.
Es war ein Gegensatz, der natürlich auch die zahlreichen
Länder des mittleren Rheines mit ihren nächsten östlichen
Hinterländern vom Kölner Kurfürstentum bis hinauf zur
pfälzer Grenze des Elsasses beherrschte. Aber auf diesem Ge—
biete, dessen näherer Betrachtung wir uns jetzt zuwenden, hatte
doch die eiserne Not des Krieges wie die Furcht, der Frieden
möchte nicht von allzulanger Dauer sein und ein neuer Krieg
könne die teuer erkaufte Souveränität der kleinen und mittleren
Häuser verschlingen, rasch zu politischen Bünden auch kon⸗
fessionell gegnerischer Fürsten geführt. Es ist das früheste
Land jener Vereine zur Verteidigung des Friedens, von denen
schon früher erzählt worden ist ĩ.
Jetzt aber machte wenigstens eine dieser Verbindungen,
der Keimverband des späteren sogenannten Rheinbundes, seit
der Mitte der fünfziger Jahre wichtige Forcchritte.
Schon im März 1651 war das sogenannte kurrheinische
Bündnis abgeschlossen worden, an dessen Spitze Kurmainz stand;

S. Band VI i-2, S. 865 ff.
        <pb n="78" />
        158 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

es hat nicht eben viel von sich hören lassen. Daneben aber war
im Dezember 1654 ein anderes Bündnis zwischen dem Kur—⸗
fürsten von Trier und Köln, dem Pfalzgrafen von Neuburg
und dem Bischof von Münster vereinbart worden. Es war
zunächst auch nur von regionaler Bedeutung. Anders dagegen
wurde die Lage, als der Kurfürst Johann Philipp von Mainz
diesem Bunde beitrat und im August 1655 die Verschmelzung
der beiden bisher genannten Bünde durchsetzte.
Johann Philipp erneuerte in seiner Person die kraft⸗
vollsten Traditionen der alten kurmainzischen Politik. Schon
seit dem 18. Jahrhundert hatten sich die Kurerzkanzler als
die gegebenen geistlichen Vormünder und auch als die welt—
lichen Fürsorger des Reiches betrachtet; wie viel deutsche Könige
sind nicht von Inhabern des Mainzer Stuhls gemacht oder
wenigstens vornehmlich promoviert worden! Man überschaue
die große Anzahl energischer Persönlichkeiten auf dem Kur—
stuhl überhaupt in der langen Reihe hervorragender erz—
bischöflicher Grabdenkmäler, die einen bezeichnenden Schmuck
des Mainzer Domes bilden, und man wird verstehen, was
diese Politik bedeutete. Außer der besonderen Tätigkeit bei
den Königswahlen und nicht selten mit ihr verknüpft pflegten
die Mainzer Kurfürsten aber besonders auch die Sorge für die
Fortentwicklung der Reichsverfassung auf sich zu nehmen, und
viele von ihnen sind in dieser Richtung mit einer patriotischen
Aufopferung tätig gewesen, welche die Wahrung eigener Inter⸗
essen nicht ausschloß.
An die Reihe dieser Vorgänger an der Kur schließt sich
Johann Philipp von Schönborn als einer der tüchtigsten Spät—
linge, und diesen Vorbildern folgend ergriff er auch die Sache des
cheinischen Bundes als eine Sache des Reiches. So begnügte
er sich nicht mit der Ausdehnung, die die Fusion dem Bunde
gegeben hatte; es suchte ihr auch die sogenannte Hildes—
heimer Allianz vom Jahre 1652 einzufügen, welche den Land⸗
grafen von Hessen-Kassel, die drei braunschweigischen Herzöge
und den König von Schweden als Reichsstand für Bremen
und Verden umschloß, ja er sondierte bei Württemberg, Bayern
        <pb n="79" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 459

und Brandenburg und selbst bei den Niederlanden, deren Staaten
sich die deutschen Gesandten mit dem Motiv Non tantum vi—
eini sed etiam gens una sumus näherten.
Es waren Bestrebungen, die, an sich zum Teil wenig
aussich tsvoll, in dem Augenblicke eine andere Bedeutung er—
hielten, als sich in ihnen mit dem Programme der bloßen
Friedenswahrung ein anderes Motiv, das der Stärkung oder
mindestens möglichsten Fortbildung der Reichsverfassung in dem
Sinne, wie die Fürsten das Wort verstanden, verknüpfte. Und
dieser Moment trat im Jahre 1657 ein.
Im Jahre 1654 war Kaiser Ferdinands III. ältester Sohn,
der ein Jahr zuvor zum römischen König gewählt worden war,
gestorben. Von da ab begannen innerhalb und auch außer—
halb des Reiches die Sorgen, wer wohl der Nachfolger Ferdi⸗
nands III. werden solle; und von Frankreich her besonders
war man eifrig, wenn auch schließlich ohne Erfolg, bemüht,
der habsburgischen halben Anwartschaft eine bayrische Kandi—
datur entgegenzustellen. Das vornehmste Motiv hierfür war
in dem Umstande zu suchen, daß das österreichische Haus der
Habsburger, gegen den Geist wie die deutlichen Bestimmungen
des Westfälischen Friedens wie in Mißachtung der Interessen
des Reiches, Spanien in seinem auch von den südlichen Nieder⸗
landen her gegen Frankreich geführten Kampfe unterstützte.
Am 2. April 1657 starb Kaiser Ferdinand III., erst neun—
undvierzigiährig: und sein Tod eröffnete nun all diese Fragen
der Reichsnachfolge plötzlich im umfassendsten Sinne, so daß
sich die deutschen Fürsten ihnen nicht entziehen konnten, und
stellte bald Johann Philipp seiner Absicht wie der Tat nach
in den Mittelpunkt weitreichender Verhandlungen.
Zwar stand bald fest, daß der Nachfolger Ferdinands am
österreichischen Erbe, der junge Erzherzog Leopold, auch sein
Nachfolger an der Kaiserkrone sein werde: von den weltlichen
Kurfürsten folgte Johann Georg von Sachsen nur dem Her⸗
kommen seines Hauses, wenn er für einen Habsburger eintrat,
und war der Große Kurfürst, jetzt eben mit Ofterreich und
Polen im Kampfe gegen Schweden begriffen, damit ohne
        <pb n="80" />
        460 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

weiteres für den Habsburger gewonnen; nur Karl Ludwig
von der Pfalz konnte von vornherein als Gegner Osterreichs —
und als Freund aller französischen Bestrebungen gelten.
In Frankreich aber war Mazarin, damals der Leiter der
Politik seines Landes, nicht gesonnen, die Gelegenheit ohne
Demütigung oder wenigstens Bekämpfung des Hauses Oster⸗
reich vorübergehen zu lassen. 8Zwar sah er bald ein, daß er
die Wahl Leopolds nicht werde verhindern können. Um so
mehr aber war er bestrebt, die Macht des Kaisers bei dieser
Gelegenheit durch Verstärkung der föderativen Elemente der
Reichsverfassung zu schmälern. Und dies war nun der Punkt,
in dem er mit Johann Philipp von Mainz zusammentraf.
Das Ergebnis war entsprechend. Soweit es die aus—
wärtige Politik berührte, fand es in der Bedingung der Wahl⸗
kapitulation Leopolds Ausdruck, daß Leopold sich als Kaiser
jeder Teilnahme an dem spanisch-französischen Kriege, sei es
in den Niederlanden, sei es in Italien, enthalten werde. Am
18. Juli 1658 wurde Leopold in Frankfurt mit all dem um—
ständlichen Pompe alter Wahlfeierlichkeiten zum Kaiser gewählt.
Aber war dem Mainzer Kurfürsten und mit ihm dem
Rheinbunde, der ihm eben der eigentliche Rückhalt in seinen
Verhandlungen mit Frankreich gewesen war, nicht gerade mit
dieser Wahl die Freiheit des Handelns entrissen? Konnte die
felbständige Stellung der westlichen Fürstenwelt gegen den Kaiser,
die damit auf kurze Stunden gewonnen worden war, jetzt, da
ein neuer Habsburger die Kaiserkrone trug, bewahrt werden?
Bald stellte sich heraus, daß dies nur unter ständiger Anlehnung
an eine größere fremde Macht möglich blieb — und diese Macht
konnte nur Frankreich sein. Und so wurde der Rheinbund, der
Hauptsache nach im Gegensatze zu seinen ursprünglichen Ten—
denzen, langsam zu einem der entschiedensten Machtmittel Frank⸗
reichs auf deutschem Boden. Sehr natürlich zunächst, daß nun,
vier Wochen nach der Kaiserwahl, auch Frankreich direkt dem
Bunde beitrat und mit ihm Frankreichs Gegenspieler im Norden,
Schweden. In dieser neuen Richtung, wenn auch nicht bei
oöllig gleicher Zusammensetzung, hat der Bund, ohne sich viel
        <pb n="81" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. KNrieges. 461

zu erweitern — denn für Frankreich konnte eine allzu kräftige
Ausgestaltung eine Gefahr werden —, bis zum Jahr 1668 fort⸗
gewährt, zuletzt, ohne noch viel beachtet zu werden.
Denn bald schwang sich Frankreich selbständig, nicht zum
wenigsten über den Bund hinweg, zur stärksten Beeinflussung
des deutschen Westens auf, so daß es deutscher Unterstützung
fast nicht mehr bedurfte. Der entscheidende Augenblick für
diese Wandlung kam mit dem Pyrendischen Frieden vom
7. November 1659, der den langen und hartnäckig geführten
Krieg mit Spanien beendete. Denn dieser Friede brachte
Frankreich durch bedeutsame Abtretungen und Zugeständnisse
an der südniederländischen Grenze sowie in Luxemburg und
Lothringen in immer bedrohlichere Nähe schon der rheinischen
Kernlande des Reiches; und ermöglichte ihm dadurch, daß er eine
Bestätigung seiner im Westfälischen Frieden so unklar formu—
lierten Ansprüche im Elsaß aussprach, schon direkte Angriffe
und Eingriffe am Oberrhein. Und so war er im Grunde
nicht bloß ein Markstein in der Geschichte der spanischen Welt—
macht; er bezeichnete zugleich eine Beschränkung der Reichs—
gewalt und damit der österreichis chen Vormacht in Deutschland;
in beiden Sitzen seiner Herrschaft wurde das Haus Habsburg
durch ihn getroffen, und glänzend stieg aus seinen Verhand—
lungen der Staat der Bourbonen empor.
Es war im Grunde nur das Ergebnis der langen Jahr⸗
—D monarchischer Konzentration und der zwei bis drei
Generationen hindurch schon währenden Ansammlung seiner
geistigen und politischen wie militärischen Kräfte, das Frank⸗
reich jetzt zufiel. Wie früh war auf diesem Boden schon eine
stehende Truppe und mit ihr ein steigender Absolutismus des
Königs entwickelt worden! Und wie sehr hatte sich die Nation,
durch alle Wirren der Konfessionskämpfe der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts hindurch, in diese Form gefunden!
Und keineswegs hatte sie dadurch die Fortschritte jenes geistigen
Lebens beeinträchtigt oder gar unterdrückt gefühlt, das schon
im 16. Jahrhundert frei und mächtig emporgeblüht war, um
dann unter dem Schutze großer Minister und nun im Schatten
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 20
        <pb n="82" />
        462 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

der Ruhmestaten des Sonnenkönigs eine der schönsten Re—
naissancen Westeuropas zu zeitigen. Sollte da nun einem so
harmonischen Entwicklungsverlaufe der inneren Kräfte der
äußere Erfolg fehlen? Noch im Dreißigjährigen Kriege hatten
es Strategie und Taktik der Franzosen mit denen der Schweden
und Deutschen nicht aufnehmen können. Jetzt nahen die
großen Zeiten des französischen Heerwesens. Und die Diplo—
matie hatte schon Richelien auf eine von anderen Völkern un—
erreichte Höhe gehoben; nun aber verfeinerte sie Mazarin noch,
und auch im 18. Jahrhundert noch galt sie als allen anderen
überlegen. Mit der Entwicklung der Angriffs- und Schutz⸗
organe des Staates nach außen aber lief der schönste Auf—
schwung der inneren politischen und wirtschaftlichen Organi—
sation parallel: der Merkantilismus erhielt seine klassische Aus—
bildung in Colbert.
Da war denn freilich, wenn diese Macht sich gegen die
schwachen und zerstückelten Grenzen des Reiches und im Grunde
damit gegen das Haus Habsburg in Bewegung setzte, der Er⸗
folg von vornherein so gut wie sicher. Man machte darum
auch in Frankreich aus seinen Absichten kaum ein Hehl. Offen
wurde ausgesprochen, daß auch nur das Symbol einer euro⸗
päischen Vorherrschaft in der Kaiserkrone den Deutschen nicht
mehr zukomme; fränkisch sei die Krone Karls des Großen ge⸗—
wesen und Frankreichs Herrscherhaus darum ihr berechtigter
Träger: justes prétentions du roi sur PEmpire hat d'Aubery
in einer Aufsehen erregenden Broschüre im Jahre 1667 als
oorhanden behauptet. Und was wollte es besagen, wenn ihm
der österreichische Diplomat Franz von Lisola in einer wenn
auch noch so glänzenden Widerlegung, in dem Bouclier d'état
et de justice, antwortete?
Die Art aber, in der Frankreichs junger Monarch, Lud⸗
wig XIV., gegen das Haus Habsburg und gegen das Reich
vorging, wurde in sehr eigenartiger Weise durch seine persön—
lichen Beziehungen bestimmt. Der schwache Habsburger auf
dem spanischen Throne, Philipp IV., den man für den letzten
seines Stammes hielt, hatte nur zwei Töchter, Maria Theresia
        <pb n="83" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 463

und Maria Margareta: Maria Theresia galt mithin als die
Erbin der spanischen Besitzungen des Hauses Habsburg. Nun
war es die wichtigste Bedingung des Pyrensischen Friedens, daß
Maria Theresia mit König Ludwig vermählt werden sollte.
Indem er die Infantin heiratete, glaubte aber Ludwig XIV.
zugleich ein unbestreitbares Erbrecht auf Spanien zu erwerben,
obgleich seine Gemahlin vor der Heirat feierlich auf dies Erb—
recht zugunsten ihrer jüngeren Schwester verzichtet hatte. Die
Sachlage würde vielleicht von geringerer Bedeutung gewesen
sein, wäre Maria Margareta unvermählt geblieben. Aber
diese jüngere Tochter heiratete im Jahre 1666 eben den aus—
gesprochensten Nebenbuhler und Geaner Ludwigs, den Kaiser
Leopold!
Waren unter diesen Umständen beim Ableben König
Philipps IV. schwere Verwicklungen vorauszusehen, so wurden
diese freilich dadurch verschoben, zugleich aber noch verwirrtere
Verhältnisse geschaffen, daß Philipp im Jahre 1661 gänzlich
unerwartet noch Vater eines Sohnes, des späteren Karls II.,
des dann wirklich letzten spanischen Habsburgers, geworden war.
Man versteht, daß schon durch die Geburt Karls II. die
Ungeduld Ludwigs XIV. in beträchtlichem Maße hervorgerufen
werden mußte, da sein heißes Temperament rasche Schläge gegen
das Haus Habsburg erheischte. Und so benutzte Ludwig den
im September 1665 erfolgenden Tod Philipps IV. zu einem
merkwürdigen Vorgehen. Er erkannte jetzt zwar die Nachfolge
Karls II. für Spanien und für die italienischen Besitzungen
an; verweigerte sie aber für die südlichen Niederlande und
verkündete dafür sich selbst als Erben.
Die rechtliche Begründung dieses Anspruchs war dabei fast
noch weniger als fadenscheinig. In Brabant bestand als lokale
Rechtssitte das sogenannte Devolutionsrecht, nach welchem das
Erbgut eines Hauses unbedingt den Kindern erster Ehe verblieb,
wenn der Vater zum zweiten Male heiratete; dem Vater ge—
bührte in diesem Falle nur die Nutzung auf Lebenszeit. Da
nun seine Gemahlin das einzige Kind aus der ersten Ehe
Philipps IV. war, so folgerte Ludwig in Anwendung des
20 *
        <pb n="84" />
        164 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Devolutionsrechtes auf die ganzen südlichen Niederlande und
auf internationale und öffentliche Rechtsverhältnisse, Philipp
sei nur Nutznießer der Niederlande auf Lebenszeit gewesen:
eigentliche Erbin und nutznießende Eigentümerin nach dessen
Tode sei seine Gemahlin.
Doch was bedeutete hier das Recht! Im Mai 1667 über—
fiel Ludwig die Niederlande: im September waren sie in seinen
Händen.
—ADV
Karls II. als Haupt seines Hauses zum Handeln berufen, dem
Raube so ruhig zusehen? Fühlten die deutschen Fürsten am
Rheine nicht das Nahen des westlichen Sturmes? Bald zeigten
sich die Anfänge einer Frankreich feindlichen Koalition, an der
auch die Generalstaaten, noch eben im Kampfe mit England
begriffen, nach raschem Friedensschlusse mit diesem teilzunehmen
beabsichtigten. Der bisher in französischem Fahrwasser be—
findliche Rheinbund wurde schwierig und konnte nicht mehr
erneuert werden; manche seiner Fürsten traten in offenen
Gegensatz zu Frankreich; Kaiser Leopold ließ schüren und ver—
sprach Beistand; auch der Große Kurfürst kam zu Hilfe.
Aber geschickt zerteilte die französische Diplomatie das in
Bildung begriffene Gewitter. Den Großen Kurfürsten wußte
man durch kluge Behandlung der polnischen Politik abzuziehen.
In Polen war, da der kinderlose König Johann Kasimir alterte,
die Frage nach der Nachfolge aufgetaucht, und Frankreich
hatte, wie schon früher wiederholt, seinen besonderen Kandi—
daten, diesmal den Prinzen Condé oder dessen Sohn, den Herzog
von Enghien, aufgestellt. Es war natürlich ein Versuch der Um—
klammerung der deutschen Mächte von Osten her. Jetzt ver⸗
stand sich Frankreich, in einem Vertrage vom 15. Dezember
1667, gegenüber dem Großen Kurfürsten dazu, diese Kandidatur
fallen zu lassen, und echielt dafür die Zusicherung branden⸗
burgischer Neutralität am Rheine. Noch klüger fast wurde
der Widerstand Kaiser Leopolds beseitigt. Man trat mit ihm,
dem Mitbewerber um das nach Karls II. Tode winkende spa—
aische Erbe, in Verhandlungen wegen gütlicher Teilung; und
        <pb n="85" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 465

am 19. Januar 1668 kam ein Teilungsvertrag zustande, der
aatürlich Leopold verbot, in den Niederlanden anderweits ein—
zugreifen.
Was bedeutete da noch der drohende Widerstand der
rheinischen Fürsten, nachdem ihnen die Stützung auf ster—
reich und Brandenburg durch diese Teilverhandlungen ent—
zogen worden war? Was jetzt noch möglich war, taten die
Generalstaaten. Sie traten mit England zu einem Bunde
zusammen, der unter dem Gesichtspunkte, Frankreichs Raub
wenigstens nicht allzusehr anschwellen zu lassen, zwischen Spanien
und Frankreich den Aachener Frieden. vom 2. Mai 1668, ver⸗—
mittelte.

Darin gab Frankreich an Spanien die eroberte Franche—
Comts zurück, behielt aber alle eroberten Plätze in den Nieder—
landen. Es waren zwölf Städte in Flandern, darunter Char⸗
leroi, Douai, Tournai, Kortrijk, Lille und Oudenaerde. Fran⸗
zösisch Flandern und mehr war damit an Frankreich verloren:
sollte dieses damit an der neuen Grenze, schon inmitten des nur
noch sogenannten Burgundischen Kreises des Reiches, sollte es
überhaupt an den bestehenden Reichsgrenzen Halt machen?
Bald mußte man an der oberen Reichsgrenze, in Lothringen
— falls man das Land überhaupt noch zum Reiche zählte —
erfahren, wie falsch jede Hoffnung auf Frieden gewesen wäre.
Herzog Karl IV. von Lothringen, ein unsteter, unzuverlässiger
Charakter, durch den dem Reiche nach dem Friedensschlusse
von Münster und Osnabrück schwere Nöte gemacht worden
waren!, hatte, in den spanisch-französischen Krieg verwickelt,
sein Herzogtum im Pyrenäischen Frieden nur unter starken
Verlusten an Land und unter Schleifung der Befestigungen von
Nancy zugunsten Frankreichs wiedererlangt; zu alledem hatte
er den Franzosen auch noch eine Militärstraße mitten durch
seine Herrschaft, von Verdun nach Metz und dem Elsaß zu—
gestehen müssen. Damit nicht genug, hatte Ludwig XIV. ihn
im Jahre 1662 vermocht, gegen vage Aussichten auf den fran—

S. Band VI-S, S. 8368.
        <pb n="86" />
        466 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

zösischen Thron sein Land für den Fall seines Todes an Frank—
reich aufzutragen: ein Löwenvertrag, gegen den sich der Herzog
freilich später verwahrt hatte. Aber was half ihm der Protest?
Um so eher benutzte Ludwig nach Beendigung des Devolutions⸗
krieges die Gelegenheit, Lothringen durch den Marschall Crequi
besetzen zu lassen: und von da ab hat es Frankreich bis zum
Frieden von Rijswijk im Jahre 1697 behalten. Es war mehr
als eine Generation hindurch: Zeit genug, daß sich das loth—
ringische Fuürstengeschlecht an ganz andere Verhältnisse, an den
Dienst des Hauses Österreich gewöhnte: bis ein Urenkel Karls IV.
Gemahl Maria Theresias und damit Ahnherr des heutigen
lothringisch-habsburgischen Kaiserhauses wurde.
War es aber denkbar, daß sich die deutschen Fürsten wie
die benachbarten europäischen Mächte diese Übergriffe Frank—
reichs so widerstandslos gefallen ließen? Vor allem mußten
sich durch die Ergebnisse des Devolutionskrieges wie später
durch den Erwerb Lothringens, der einen eventuellen Einbruch
— 0
leichterte, die Generalstaaten bedroht fühlen. Und so wurden
sie schon unmittelbar nach dem Aachener Frieden ebenso das
Zentrum des Widerstandes gegen Frankreich, wie sie ihm schon
durch diesen Frieden in den Arm gefallen waren. Mit wem
nicht haben sie damals wegen des Eintrittes in eine anti—
französische Koalition verhandelt; mit Spanien, mit den Eid—
genossen, mit deutschen Fürsten, mit Schweden! Aber der Er—
folg blieb im ganzen aus. Zwar trat Schweden ihrem mit
England bestehenden Bunde, dem es schon länger nahe gestanden
hatte, nun auch formell bei; und im Jahre 1670 ist dies
System einer Tripleallianz in besonderen Verhandlungen noch—
mals erneuert worden. Aber schon daß sich diese formelle
Erneuerung als nötig erwies, war charakteristisch; der innere
Halt fehlte, und aus der Fürstenwelt des deutschen Reiches
suchte niederländischen Schutz doch nur der, der am meisten
hedroht war: der Herzog von Lothringen.
Im Grunde trugen dabei die Niederlande selbst an ihrem
Mißerfolge die Schuld. Wir haben schon früher kennen ge—
        <pb n="87" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 467

lernt, in welchen Wirren und Verfallsvorgängen ihrer inneren
Geschichte sie von der Höhe herabsanken, die sie etwa um die
Mitte des 17. Jahrhunderts erreicht hatten; wie unter dem
Kampfe zwischen der oranischen Partei und den Handelsaristo—
kraten der Provinz Holland die öffentlichen Interessen litten,
und wie mit dem Siege derer, die Jan de Witt zum leitenden
Minister erhoben, unkriegerische Kurzsichtigkeit die Fuhrung der
äußeren Politik, zum guten Teile sogar gegen de Witts Ansicht, zu
beherrschen begann. Es war eine Zeit schon allgemeinen Nach—
lassens, deren Charakter und Folgen man im Auslande zum
guten Teile übersah; und so blieben die Niederlande ver—
einsamt.
Welch anderen Erfolg hatte dagegen die französische Diplo⸗—
matie, die nunmehr, und bald ganz offensichtlich, einen fran⸗—
zösischen Krieg gegen die Niederlande vorzubereiten begann!
Sie zerpflückte zunächst den Bund zwischen den beiden See—
rivalen England und Holland; im Juni 1670 kam zwischen
Frankreich und England der Geheimvertrag von Dover zustande,
der England zur Teilnahme am Kampfe gegen die Niederlande
verpflichtete. Sie gewann dann, kurz vor Ausbruch des Krieges,
April 1672, auch Schweden: das System des Triplekonzerts
var dahin.
Und längst schon hatte sie inzwischen auch im Reiche gegen
Holland Fuß gefaßt. Gewiß war man sich hier an mehr als
einer Stelle über die von Frankreich drohenden Gefahren klar:
wurden die nördlichen Niederlande überwältigt, so fielen auch
die südlichen: und ließ sich dann das Land jenseits des Rheines
überhaupt noch halten? Aber zu einem allgemeinen Eingreifen des
Reiches, dem einzigen einigermaßen aussichtsvollen Mittel des
Widerstandes, kam es dennoch nicht. Man erschöpfte alle Tat—
kraft in partikularen Versuchen, Vorkehr zu treffen, verquickte
diese dadurch mit partikularen Interessen, und der Rest war
Wunderlichkeit und Mißerfolg. Da trat der Mainzer Erz⸗

VBgl. zu dem Folgenden, wie diesem Abschnitte überhaupt, Band
VI-2, S. 6s8 ff.
        <pb n="88" />
        168 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

bischof mit einem neuen Plan der Reichsreform auf, der, an
sich trefflich, in einer der schönsten politischen Denkschriften
Leibnizens, der über die Sekurität des Reiches, niedergelegt ist:
aber der Hauptvorteil der Reform sollte Mainz zufallen. Da
schlossen einige Reichsstände, darunter wiederum Mainz und
der Kaiser, das Marienburger Bündnis, das fast ganz ohne
Wirkung geblieben ist. Da suchte man, in der elften Stunde,
schließlich Ludwig XIV. durch den Ratschlag, seine Macht
lieber zur Eroberung Agyptens zu gebrauchen, von der schon
aufs schärfste ins Auge gefaßten niederländischen Beute ab—
zulenken; und wiederum war Leibniz mit seinem geistreichen,
lebendig geschriebenen Consilium Aegyptiacum der literarische
Vermittler. Natürlich vergebens.
Frankreich ging durch alle diese ohnmächtigen Versuche treu
den Weg des Bündniswerbs — und der Bestechung der Reichs—
fürsten. Vor allem mußte hier der Weg den Rhein hinab
nach Holland frei gemacht werden. Denn Ludwig war ent—
schlossen, die südlichen Niederlande und damit Spanien einst—
weilen mit Krieg zu verschonen; mußten sie ihm doch nach der
Eroberung des Nordens auch ohne Schwertstreich zufallen.
Im Juli 1671 wurde, zum größten Teile durch Vermittlung
der Brüder Fürstenberg, die den Namen des alten Schwarz—
waldgeschlechtes im 17. Jahrhundert so schwer geschändet haben,
Franz Egons, des Bischofs in Straßburg, und Wilhelm
Egons, des Kölner Domherren, der Kurfürst von Köln, der zu—
gleich Bischof von Lüttich war, gewonnen; er verpflichtete sich
zur Stellung von Hilfstruppen, öffnete seine Länder fran—
zösischem Durchmarsch und hat den Franzosen, außer der
Anlegung von Magazinen in rheinischen Städten, schließlich
sogar die militärische Besetzung der strategisch wichtigen Festung
Neuß gestattet. Wenig später, Ende Juli 1671, wurde
dann der münsterische Bischof Christian Bernhard von Galen
eingefangen; kriegerisch gesinnt brannte er darauf, gegen die
Generalstaaten zu ziehen, von denen die Provinz Geldern in
aralten Spähnen mit seinem Bistum lebte. Und hinter diesen
aordwestdeutschen Bundesgenossen, nach Osten zu, gleichsam im
        <pb n="89" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 469

zweiten Treffen, traten die Fürsten des Welfenhauses, unter
ihnen namentlich der Bischof Herzog Ernst August von Osna⸗
brück, auf die französische Seite. Schließlich aber konnte sich
auch ein bisher zurückhaltender Fürst an wichtiger Stelle in
der Front, der Neuburger Pfalzgraf Philipp Wilhelm in Jülich
und Berg, französischem Einflusse nicht entziehen und willigte
am 7. Juli 1672 in einen Neutralitätsvertrag.
Im deutschen Süden war es für den nächsten Zweck
vielleicht nicht so wichtig, Bundesgenossen zu werben. Allein
da der Kurfürst von Köln ein Wittelsbacher aus der bay⸗
rischen Linie war, so sorgte die französische Diplomatie auch
hier vor. Den Pfälzer Kurfürsten, Karl Ludwig, brauchte sie
nicht erst zu gewinnen, er war mit dem Hofe von Versailles
verschwägert und erging sich in allerlei phantastischen Hoff⸗
nungen, wie er von diesem gefördert werden möchte. Um so
wichtiger war Bayern. Aber auch hier gelang es schon im
Februar 1670 Fuß zu fassen; weitaussehende Pläne, die auf
ein künftiges Kaisertum König Ludwigs und auf ein römisches
Königtum der bayrischen Kurlinie hinausliefen, wurden ge—⸗
ichmiedet; und später verstand sich der Kurfürst, im Bereiche
näherer Sorgen, zu dem Versprechen, Kurköln gegen einen etwa
erfolgenden niederländischen Angriff zu verteidigen.
Den Schluß des ganzen diplomatischen Aufmarsches der
Franzosen im Reiche aber bildete in gewissem Sinne die Ein—
beziehung des Kaifers. Auch er ließ sich, in einem Geheim—
vertrage vom 1. November 1771, wenigstens zum Versprechen
der Neutralität in dem kommenden Kampfe bewegen — daneben
verpflichteten sich beide Paziszenten zur beiderseitigen Garantie
des Westfälischen und des Aachener Friedens!
So fehlte in dem französischen System eigentlich nur noch
ein wichtiger deutscher Fürst: der Kurfürst von Brandenburg.
Aber Ludwig schien zu glauben, auch ihn schon längst ge—
wonnen zu haben. Am 31. Dezember 1669 war zwischen ihm
ind dem Kurfürsten ein Ver trag abgeschlossen worden, wonach
ieser, für den Fall eines Krieges von Frankreich gegen die süd—
lichen Niederlande nach dem Tode König Karls II. von
        <pb n="90" />
        70 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Spanien, sich zunächst auf zehn Jahre verpflichtete, den Fran⸗
zosen ein Hilfsheer von 10000 Mann zu stellen: wogegen er
auf die genannten zehn Jahre verteilt eine Subsidie von
100 000 Reichstalern und bei eintretendem Kriege noch be—
sondere Vorteile in Geld und erobertem Gebiete zugesprochen
erhielt.
Allein der Große Kurfürst betrachtete sich durch diesen
Vertrag in der nordniederländischen Frage mit Recht als nicht
gebunden. Und er war nicht gesonnen, die ungeheuren euro⸗
päischen Veränderungen, die der Sieg Frankreichs über die
Niederlande zur Folge haben mußte, ohne Widerstand vor sich
gehen zu lassen, da er ein gutes Teil von ihnen selbst für
seine niederrheinischen Besitzungen zu gewärtigen hatte. ·Denn
um nur einen Punkt zu berühren: war es nicht klar, daß
eine französische Herrschaft welcher Art auch immer an den
Rhein⸗ und Maasmündungen die ständige Kontrolle des ganzen
deutschen Rheinverkehrs und auch der rheinischen Reichspolitik
—
am Rheine von der französischen Invasion unmittelbar und
völlig betroffen wurden, in der günstigen Lage, mit seiner
Hauptmacht trotz allen rheinischen Interessen dem Strome fern
zu sitzen, wagte der Große Kurfürst daher noch rechtzeitigen
Widerspruch.
Dieser konnte natürlich nur in einem Bündnis mit den
Generalstaaten zum Ausdrucke gelangen. Am 6. Mai 1672,
sehr spät und von den Generalstaaten bis auf diesen Termin
hinausgezögert, kam es zustande. Darin verpflichtete sich der
Kurfürst gegen Zahlung des halben Werbegeldes und Truppen⸗
soldes durch die Generalstaaten, eine Armee von 20000 Mann
binnen zwei Monaten nach einer Kriegserklärung gegen die
Niederlande an den Rhein zu werfen.
Aber inzwischen war die Katastrophe schon hereingebrochen.
Am 28. März hatte England, am 6. April hatte Frankreich
den Niederlanden den Krieg erklärt; bald darauf folgten die
geistlichen Fursten von Köln und Münster nach. Und nun er—
goß sich seit Anfang Mai, der niederländischen Kriegsführung
        <pb n="91" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 47]

in dieser Richtung unerwartet, die französische Armee auf
deutschem Reichsboden rechts und links des Rheines über
das brandenburgische Kleve nach den Staaten; nichts hielt sie
in der allgemeinen Verwirrung, die sie fast überall vorfand,
auf; Utrecht wurde ohne viel Widerstand passiert; direkt zielte
man auf die Provinz Holland, das Herz des Feindes; und
auch ein heißer Kampf zur See, in welchem De Ruyter den
alten Ruhm der niederländischen Flotte wahrte, änderte fast
nichts an dem Fortschreiten des Unglücks. Der Krieg schien
der Hauptsache nach beendet, im August kehrte König Lud—
wig, der den Feldzug mitgemacht hatte, triumphierend nach
Frankreich heim.
Und auch der Hilfe des Brandenburgers gingen die Staaten
verlustig. Der Große Kurfürst hatte sich inzwischen durch
Bündnisverhandlungen seinerseits zu stärken gesucht: und er
hatte schließlich in Wien Erfolg gehabt (Juni 1672). Nicht
als ob der Kaiser durch ein Bündnis mit Brandenburg seinen
Neutralitätsvertrag mit Frankreich gegenüber dem niederländi⸗—
schen Kriege zu brechen geglaubt hätte. Was den Kaiser nur
schmerzte und was er zu verhindern sich verpflichtet hielt, das
war die Verletzung des Reichsfriedens durch die Franzosen
und wohl auch noch mindestens die allzu eifrige und direkte
Teilnahme deutscher Reichsstände am Kampfe. Und etwa in
diesem Sinne und zur Wahrung dieser Interessen schloß er
mit dem Brandenburger ab.
Nun war aber klar, daß damit im Grunde das Bündnis
des Großen Kurfürsten mit den Generalstaaten gelähmt werden
mußte. Denn es sah das frische und voraussetzungslose Ein—
treten des Kurfürsten für die niederländische Sache vor. Aber
die kaiserliche Auffassung überwog, als endlich, spät genug,
Kaiser und Kurfürst ein Heer auf die Beine brachten. Lang—
sam bewegte dieses sich dem Niederrhein zu, langsam bog es
dor seinem strategischen Bestimmungsorte Köln nach Süden
um, kam, es ist schwer zu sehen, zu welchem unmittelbaren
Unterstützungszwecke der Niederländer, schließlich in der Gegend
von Frankfurt an, ging über den Main, wandelte nach West—⸗
        <pb n="92" />
        472 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

falen zurück, ließ sih — inzwischen war es Januar 1678 ge—
worden — von Turenne leise weiter nach Osten hin man—
öprieren: — und gab endlich, Mitte Februar, auch noch das
Marschieren auf. Und in dem Entschlusse, überhaupt nichts
mehr zu tun, waren jetzt der kaiserliche General und der Große
Kurfürst einig.
Was war inzwischen geschehen? Oder was drohte?
Der Große Kurfürst, des Treibens müde, war mit sich
einig geworden, den Kampf aufzugeben — und sich mit den
Franzosen zu verständigen. Am 6. Juni 1673 kam zu Vossem ein
Friedensvertrag zwischen Brandenburg und Frankreich und
England sowie Köln und Münster zustande — mit den letzteren,
ohne daß sie von König Ludwig befragt worden waren. In
diesem Vertrage wurde der Zustand vor dem Kriege wieder—
hergestellt und außer einigen anderen Bedingungen vom Kur—
fürsten die Zahlung von 800000 Livres erreicht, von denen
300 000 alsbald, 500 000 im Verlaufe des nächsten Jahr—
fünfts zu berichtigen waren; zudem behielt sich der Kurfürst freie
Hand für seine Politik vor, falls er selbst oder falls das Reich
angegriffen werden sollte.
Es war ein trauriger Ausgang: und die Niederlande
schienen nun allein zu stehen.
Allein inzwischen waren längst Ereignisse eingetreten, die
dem Stand der Dinge ein ganz anderes Antlitz gaben; beinah
unzeitgemäß konnte ihnen gegenüber, wenn seinem Geiste nach
verstanden, der Separatfriede von Vossem erscheinen.
Vor allem hatte sich herausgestellt, daß mit der raschen
Durchquerung großer Teile der Niederlande durch die Fran—
zosen das Werk dieses Krieges noch lange nicht getan war.
Denn die Niederländer wandten jetzt erst das Hauptverteidigungs⸗
mittel ihres Landes gegen schon eingedrungene Feinde, die
Überschwemmung durch Kanalwasser, an, und der Krieg kam
zum Stillstand. Noch mehr aber bedeutete es fast, daß, mitten
während der ersten Kämpfe, eine innerhalb der niederländischen
Verfassungsverhältnisse schon längst erwartete Revolution ein—
getreten war, die beinah als Vorbedingung des Sieges erscheinen
        <pb n="93" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Urleges. 473

konnte. Die sorglose und im Grunde unkriegerische Aristokraten—
partei war gestürzt worden, und der Oranier Wilhelm III.,
bald der gewaltigste Gegner Ludwigs XIV., kam ans Ruder:
am 8. Juli, einen Monat nach dem Frieden von Vossem, ist er
zum lebenslänglichen Generalkapitän und Generaladmiral der
Staaten ausgerufen worden.
Und, was noch verwunderlicher erscheinen konnte, auch
die Stände des Reiches, ja der Kaiser erholten sich von Irr—
tum und Schrecken. Getrieben durch die öffentliche Meinung
in den führenden Kreisen und im Bereiche der im 17. Jahr—
hundert üppig emporblühenden politischen Publizistik, zudem
selbst voll Sorge für sein Haus und dessen Interessen nicht
nur in Deutschland, die dadurch immer mehr berührt wurden,
daß die französische Politik Miene machte, vor allem auch die
spanischen Niederlande zu erwerben, suchte Leopold J. jetzt eine
umfassende Koalition gegen Frankreich zusammenzubringen. Er
gewann Spanien, worauf sterreich und Spanien sich mit
den Niederlanden verbanden; dem folgte der Anschluß nicht
weniger Reichsstände: so der bedrohtesten, des Herzogs von
Lothringen und des Kurfürsten von Trier, aber auch ferner
slehender, wie des Kurfürsten von Sachsen und des Königs
bon Dänemark.
Und kräftig und mit klaren Zielen schritt die neue Koa—
lition vorwärts. Die Franzosen, die sich inzwischen am Rheine,
und zwar auch am Oberrheine, häuslich eingerichtet und in
den Niederlanden einen zweiten Sommerfeldzug mit der Er—
oberung Maestrichts eröffnet hatten, sollten auf den Besitzstand
des Jahres 1660 zurückgedrängt werden; das bedeutete die
Wiederherstellung Spaniens und der Niederlande in ihren alten
Besitz, die Zurückführung des Herzogs von Lothringen und die
Regelung der elsässer Zustände nach den Grundsätzen des West—
fälischen Friedens, welche die Franzosen, wie wir später sehen
werden, jetzt eben in der Beseitigung der Reichsfreiheit der
zehn Städte schnöde übertreten hatten.
Zur Durchsetzung dieser Absichten erschien im Herbst des
Jahres 1678 ein staͤttliches kaiserliches Heer unter dem er—
        <pb n="94" />
        474 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

fahrenen Montecuccoli in Süddeutschland, manövrierte Turenne,
der ihr an Tauber und Main entgegentrat, aus dem rechts⸗
rheinischen Deutschland heraus und ging dann nach Norden,
um Verbindung mit einer niederländisch-spanischen Armee unter
Wilhelm von Oranien zu suchen. Die Vereinigung wurde
Anfang November glücklich bewerkstelligt; am 12. November
mußte Bonn kapitulieren, die Residenz des Kölner Kurfürsten,
der seine französischen Freunde vergeblich um Hilfe bat. Viel⸗
mehr sahen sich die Franzosen nun gezwungen, auch die nörd⸗
lichen Niederlande aufzugeben: unbestritten war der Erfolg
der Koalition gegen Schluß des Jahres.
Und wie versagten jetzt die deutschen Bundesgenossen
Frankreichs, jene guten Freunde, die schließlich doch nur durch
Geld, das allmächtige Mittel des Sonnenkönigs gegenüber dem
armen Deutschland, gewonnen worden waren. Der Bischof
von Münster dirigierte seine 10000 Mann unmittelbar von
der französischen Seite auf die der Koalition; der Kurfürst
von Köln fiel ab; schon früher hatte, Februar 1674, auch
England seinen Frieden mit den Niederlanden gemacht. Um
aber von Deutschland weiter zu sprechen, so schlossen sich dem
Kaiser auch der nach Schönborns Tode gewählte neue Mainzer
Kurfürst, so wie Pfalz und Trier und die braunschweigischen
Fürsten mit Ausnahme von Johann Friedrich von Hannover
an: und am 24. Mai 1674 wurde, ein fast unglaubliches Er—
eignis, in Regensburg der Reichskrieg gegen Frankreich be—
schlossen.
Abseits standen jetzt außer den hannoverschen Welfen nur
noch Bayern und Brandenburg. Aber man durfte erwarten,
daß der Große Kurfürst, der für sein unverhältnismäßig großes
Heer ein Feld der Tätigkeit haben mußte, sich schon noch ein⸗—
stellen werde; ohne daß man sich viel um ihn bemüht hätte,
wurde in der Tat am 1. Juli mit ihm ein Offensivbündnis
gegen Frankreich geschlossen, das ihn zur Infeldstellung von
16000 Mann verpflichtete.
Inzwischen hatte der neue Feldzug des Jahres 1674 schon
begonnen. Im Februar waren die Franzosen in die Pfalz
        <pb n="95" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 475

eingefallen, um wie Mordbrenner zu sengen und zu schänden,
dann waren sie ins obere Elsaß gezogen, um König Ludwig
selbst, der einen leichten Feldzug zur Eroberung der spanischen
Franche-Comté führte, zu decken: und im Juni bereits war
der König siegreich nach Paris zurückgekehrt.
Die Koalition aber hatte unterdessen zwei Heere auf—
gestellt, das eine unter De Souches mit der Bestimmung nach
den Niederlanden, von wo sich die Franzosen zum guten Teile
zurückgezogen hatten, das andere für den Kriegsschauplatz am
Oberrhein, unter dem wenig energischen Herzog von Bour—⸗
nonville.
Wenn es dabei als Aufgabe der Nordarmee gegolten
hatte, zusammen mit den niederländischen und spanischen
Truppen die Franzosen, die hier von Condsé befehligt wurden,
aus den südlichen Niederlanden zu werfen und womöglich bis
nach Paris vorzudringen, so ergab freilich schon die erste
Schlacht, bei Senef in der Nähe von Charleroi, am 11. August
1674, die Unmöglichkeit, diesen Plan durchzuführen. Denn
mag man nun ihren Verlauf für die eine oder die andere
Partei als siegreich betrachten — beide Parteien schrieben sich
den Sieg zu —: sicher ist, daß ihr mörderischer Ausgang die
Koalition so schwächte, daß an große Aktionen einstweilen
nicht mehr zu denken war.
Wichtigen Teilen der oberrheinischen Armee aber waren
die französischen Truppen des oberen Elsasses noch rechts des
Rheines, bei Sinzheim an der Elsenz, am 16. Juni entgegen⸗
getreten und hatten sie geschlagen. Und erschien dieser fran—
zösische Erfolg auch nicht entscheidend, so war doch erreicht,
daß Bournonville zur vollen Aufstellung seiner Armee bis über
den Main, in die Gegend von Frankfurt, zurückwich. Und
hier dauerte es bis in den September, ehe 34000 Mann zu⸗
sammenkamen; und noch fehlten die Truppen des Branden⸗
burgers: schon zeigte sich, was eine Kriegsführung mit deutschen
Truppen und deutschen Reichsständen bedeutete. Man be—
schloß endlich, bei Straßburg über den Rhein zu gehen und
so die Franzosen wenigstens zum endgültigen Abzug aus den
        <pb n="96" />
        476 Einundzwanzigstes Buch. Ersies Kapitel.

rechtsrheinischen Landen zu drängen. Und einmal unterwegs
machte man tüchtige Fortschritte. Ende September gelang es
den Weg über Straßburg, unter patriotischer Hilfe der Bürger,
zu forcieren; schon sammelte sich die Armee nach den Vogesen
zu im Schutze der Stadt. Da war es denn für Turenne
höchste Not, die Deutschen zu besiegen. Rasch stürzte er von
Norden her auf sie los und schlug sie, wenn auch in fast un—
entschiedener Schlacht, bei Enzheim, am 4. Oktober 1674. Doch
gelang es dadurch nicht, die Deutschen wieder über den Rhein
zu werfen; sie nahmen an der Ill, nicht weit von Straßburg,
feste Stellung und erwarteten die Brandenburger.
Endlich, Mitte Oktober, kamen diese, gegen 20000 Mann,
Fußvolk, Reiter und Artillerie, eine ganze Armee für sich. Aber
mit ihnen, die vom Großen Kurfursten selbst geführt wurden,
zog zugleich ein schlimmer Gast ein: der Dualismus, ja mehr,
die Anarchie des Kommandos. Unter diesen Umständen kam
es im Grunde kaum noch zu mehr als kriegerischen Anläufen;
erreicht wurde nichts, und ein schier unerschöpflicher Strom
gegenseitiger Vorwürfe bezeichnete das Ende des Feldzugs.
Frankreich aber hatte inzwischen neben den Waffen die
Taler, neben dem Eisen das Gold wirken lassen: und es ist
schwer zu sagen, ob in diesen wie anderen Fällen nicht die
französische Diplomatie der Heerführung mehr als ebenbürtig
gewesen ist. In Polen war nach dem Tode Johann Kasimirs der
lang erwartete Fall der Königswaähl eingetreten: und er hatte
schließlch in der Erhebung des Krongroßfeldherrn Johann
Sobieski im Mai 1674 mit einem Erfolge Frankreichs geendet.
Denn es war klar, was mit der Wahl des Frankreich genehmen
Kandidaten gewonnen war: von Polen aus konnte man jetzt
Osterreich wie auch Brandenburg erfolgreich in die Weichen
fallen.

Wenn von diesen beiden Möglichkeiten aber die zweite zu—
nächst mehr Aussichten zu bieten schien als die erste, so war
der Grund dafür in dem seit 1672 bestehenden Bündnis Frank—⸗
reichs mit Schweden gegeben. Konnte nicht Schweden mit
der Aussicht auf polnische Hilfe oder Neutralität jetzt um vieles
        <pb n="97" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 477

leichter gegen Brandenburg geschickt werden? Im Laufe des
Jahres 1674 verstärkte Frankreich die schwedischen Subsidien;
und auch im Interesse Schwedens schien es zu liegen, an den
Grenzen seiner deutschen Besitzungen Brandenburg nicht zu
mächtig werden zu lassen.
Zur Zeit, da der Große Kurfürst, um Weihnacht 1674,
seine Truppen aus dem unglücklichen Elsässer Feldzug über
den Rhein zurückführte, marschierten schwedische Truppen un—
erwartet in Brandenburg ein: es war ein unverhüllt treuloser
Überfall. Und so begreift es sich, wenn der Kurfürst überall
Sympathie und Hilfe fand, beim Reich wie bei den General⸗
staaten, die schon am 18. Februar 1678, für den gewöhnlichen
Geschäftsgang ihrer Diplomatie sehr rasch, Brandenburg bei—
zustehen beschlossen. Aber inzwischen zeigte sich die Gefahr
nicht so dringend, langsam nur sammelten sich zahlreichere
schwedische Truppen in der Mark, und der Kurfürst selbst
konnte bis Ende Mai in den Winterquartieren seiner Truppen
in Franken weilen.
Dann freilich, unter fast alleiniger Führung des Kur—
fürsten und nur seinem leidenschaftlichen, diesmal durch nichts
gehinderten Vorwärtsdrängen verdankt, vollzogen sich die Er⸗
eignisse mit einer Schnelligkeit, die in der Geschichte der Kriegs⸗
führung jener Jahre beinahe unerhört erscheint. Am 28. Juni
wurde durch überraschende Einnahme Rathenows seitens der
Brandenburger Truppen die schwedische Armee in zwei Teile
zersprengt; am 28. Juni die schwedische Hauptmacht, schon
auf dem Rückzuge befindlich, bei Fehrbellin geschlagen. Es
war ein stürmischer Reiterkampf von nur zweistündiger Dauer;
das Fußvolk hatte dem vorwärtseilenden Feldherrn, soweit es
nicht in Wagen mittransportiert werden konnte, schon längst
nicht mehr zu folgen vermocht. So war es auch nicht mög—
lich, eine regelrechte Verfolgung aufzunehmen. Aber ein noch⸗
maliges Rückzugsgefecht bei Wittstock genügte, die Mark end⸗—
gültig von den Schweden befreit zu sehn.
War mit der Beseitigung der schwedischen Gefahr wenigstens
für die Mark die Feldzugszeit des Jahres 1678 glänzend ein⸗
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 37
        <pb n="98" />
        478 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

geleitet, so gestalteten sich auch die Ergebnisse der Kampagne
am Rheine günstig. Hier standen am oberen Rheine die beiden
größten Feldherrn vielleicht der Zeit, Turenne und Montecuccoli,
gegenüber und erschöpften sich in einem scharfsinnigen Hin und
Her strategischer Märsche: bis es am 27. Juli bei Sasbach zu
einem Kampfe kam, in dem Turenne fiel. Es war das Signal
zum Rückzuge der Franzosen; zwei Tage später gingen sie über
den Rhein zurück. Und nun drängte Montecuccoli nach; im
August hatte er Straßburg wiedergewonnen; von neuem er—
schien der Kampf ins Elsaß verlegt.
Wenig später kam es auch an anderer Stelle zu starken
Fortschritten. Eine zweite deutsche Armee unter dem Herzog
von Lothringen war von Köln nach Trier zu in Marsch ge—
setzt worden; wurde die Stadt erobert, so war ein für weitere
Züge nach Westen weit günstigerer Ausgangspunkt gewonnen
als Straßburg. Die Franzosen beeilten sich daher, unter
Crequi eine Ersatzarmee für Trier aufzubieten. Aber sie wurde
in den ersten Wochen des August an der Conzer Brücke, dicht
bei Trier moselaufwärts, geschlagen und Crequi selbst in Trier
belagert und schließlich gefangen genommen. Es waren Er—⸗
folge, an denen namentlich die braunschweigischen Truppen
beteiligt waren.
Und nun kam es zur Rückwirkung dieses günstigen Ver—
laufes der Kampagne vor allem im Nordosten: der schwedische
Krieg, so leichtsinnig heraufbeschworen, nahm jetzt einen Um⸗
fang an, dem die Stellung Schwedens als Großmacht erliegen
zu müssen schien. Das Reich beschloß den Krieg, die braun—
schweigischen Herzöge beabsichtigten, sich mit ihren an der
Mosel erprobten Truppen auf das schwedische Verden und
Bremen zu stürzen, wobei sich ihnen der stets kriegsbereite
Bischof von Münster anschloß; Dänemark wollte alten Besitz
in Südschweden zurückerobern und sich wieder auf Rügen fest—
setzen, der Große Kurfürst glaubte endlich ganz Pommern er—⸗
werben zu können, und Brandenburg und Dänemark schlossen
aunter diesen Voraussetzungen am 25. September ein Angriffs⸗
        <pb n="99" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 479

bündnis; endlich begannen auch die Niederlande die Feind—
seligkeiten gegen Schweden.
Und wie groß waren die Erfolge all dieser Absichten im
Jahre 1676. Zur See lieferten Dänen und Niederländer den
Schweden am 11. Juni bei Oeland eine siegreiche Schlacht;
darauf landeten die Dänen in Schonen, anfangs mit reichem
Erfolge, bis sie in einer Schlacht bei Lund gegen Ende des
Jahres ihre Vorteile wieder verloren.
Scharf dagegen und dauernd erfolgreich waren die An—
griffe auf den deutschen Besitz der Schweden. Bremen und
Verden wurden ihnen fast ganz entrissen, in Pommern hielten
sie gegen Ende des Jahres nur noch Stettin und Stralsund,
Greifswald und Rügen.
Und in den Jahren 1677 und 1678 wurden diese Erfolge
fast noch übertroffen. Erneut schlugen Dänen und Nieder—
länder die Schweden zur See; ihre Flotten beherrschten jetzt
die baltischen Küsten. Stetlin fiel Anfang 1678 in die Hand
des Großen Kurfürsten; und im September dieses Jahres ge⸗
lang es endlich vereinten dänischen und brandenburgischen
Anstrengungen, auch Rügen zu erobern: worauf Stralsund
und Greifswald kapitulierten: am Ende des Jahres war ganz
Pommern in brandenburgischer, ganz Ruügen in dänischer
Gewalt.
Aber alle diese Eroberungen standen in dem Augenblicke,
da fie vollendet wurden, fast schon in der Luft. Wie früher
m Nordischen Kriege!, so trat jetzt wiederum ein verhängnis⸗
volles Zusammenwirken der französischen und der schwedischen
Großmacht ein.
Frankreich war inzwischen auf den Kriegsschauplätzen seiner
Diplomatie und seiner Armeen der Hauptsache nach siegreich
gewesen. Und beinahe noch wichtiger erschienen dabei auch
diesmal wieder die diplomatischen Vorgänge. Es war ge—⸗
lungen, den Polenkönig Sobieski einem Kriege gegen die Türken,
der ihn für die deutsche Politik lahm legte, durch Vermittlung

S. oben S. 450 ff.
        <pb n="100" />
        180 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

eines nicht ungünstigen Friedensschlusses zu entziehen, und um⸗
gekehrt war sterreich aufs fühlbarste in orientalische, ja
ungarische Wirren verstrickt worden; es wird davon in anderem
Zusammenhange noch ausführlich die Rede sein. Die Folge
war, daß sich der deutsche Nordosten, insbesondere Branden⸗
burg, auf polnische Angriffe vorbereiten mußte, während der
deutsche Südwesten je länger je mehr der Hilfe und der Auf—
merksamkeit des Kaisers entbehrte. Und hier griff nun die
französische Kriegsführung in das Werk der Diplomatie er—
gänzend und fortführend ein. Nachdem die Kaiserlichen noch
im Jahre 1676 unter dem jungen Herzoge Karl von Loth—
ringen Fortschritte gemacht hatten, gelang es Crequi 1677,
Freiburg im Breisgau zu nehmen: womit der Kampf auf diesem
Kriegsschauplatze im ganzen sehr zum Vorteile der Franzosen
zum Stehen kam. Viel entschiedener aber gewannen Frankreichs
Heere in den Niederlanden Fuß: zum Teil, weil die Anteil⸗
nahme Spaniens am Kriege immer mehr einschrumpfte, nament—
lich aber infolge innerer Wandlungen in der nordnieder—
ländischen Republik: hier erholte sich die Aristokratenpartei
allmählich von ihrer Niederlage, und sie sehnte das Ende des
Krieges nicht minder heiß herbei wie den Sturz des Feldherrn
der Republik, Wilhelms von Oranien. Wenn trotzdem die
Fortschritte der Franzosen nicht ganz gleichmäßig waren, so
gab hierfür die diplomatische Geschicklichkeit des Oraniers den
Ausschlag, die seine militärische vielleicht übertraf: er machte
die Niederlage bei Casselberghe vom 11. April 1677 durch
seine Heirat mit der Nichte Karls II. von England, Maria
Stuart, wett, die ihm weite Aussichten in England eröffnete;
er wußte auch noch im Jahre 1678 den Entscheid seines Landes
zum Frieden zu verschleppen, trotz aller Fortschritte der Fran—
zosen, denen schon Ypern und Gent anheimfielen. Aber end⸗
lich vermochte er doch einen verhängnisvollen Abschluß nicht
zu verhindern.
Schon seit dem Jahre 1676 tagte in Nymwegen ein Kon⸗—
greß, in dem England den allgemeinen Frieden zu vermitteln
sruchte: und bald war er zum klassischen Tummelplatz der
        <pb n="101" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 481

französischen Diplomatie geworden. Das erste große Ereignis
dieses Kongresses war nun eben der Friede zwischen Frankreich
und den Generalstaaten, vom 10. August 1678: König Ludwig
hatte der Republik völlige Rückgabe ihrer Territorien ver—
sprochen und vor allem den längst ersehnten guten Handels—
vertrag angeboten: wie hätten da die Mynheers widerstehen
können! Natürlich war damit die Lage Spaniens unhaltbar
geworden; wie zuerst kriegerisch, so fühlte es sich jetzt diplo—
matisch umgangen. Frankreich schloß jetzt mit ihm am 17. Sep⸗
tember ab, wobei es die vollen Kosten der Koalition zu zahlen
hatte: es mußte die Franche-Comté abtreten und so viel feste
Plätze in seinen Niederlanden, z. B. Ypern, St. Omer, Cam—⸗
brai, Valenciennes, Maubeuge, daß die südliche Hälfte seines
Besitzes verloren und die nördliche — und mit ihr fast schon
Holland — ständig bedroht war.
Nach den Mächten des burgundischen Kreises, der kaum
noch zum Reiche zu rechnen war, kam in Nymwegen der Kaiser
an die Reihe. Er wurde zahm gemacht durch den Versuch
der Bildung einer französischen Partei im Reiche, deren Kern
das unter dem Kurfürsten Ferdinand Maria Frankreich stets
günstig gesinnte Bayern abgeben sollte; zudem wirkten auf
ihn die Verhältnisse des außerdeutschen Südostens. In dem
Friedensvertrage vom 5. Februar 1679, der zugleich im Namen
—DDDD—
braunschweigischen Herzögen und dem Bischofe von Münster
parallel liefen und folgten, gaben die Franzosen im deutschen
Südwesten Philippsburg auf — behielten aber dafür das
weit wichtigere Freiburg im Breisgau; im übrigen wurden die
Bestimmungen des Westfälischen Friedens erneuert, und wir
wissen schon und werden bald noch genauer erfahren, was das
bei der französischen Auslegung dieser Bestimmungen für das
linksrheinische Deutschland bedeutete. Dagegen verpflichteten sich
aber Kaiser und Reich und wurden auch die genannten Fürsten
gehalten, in die noch unausgetragenen Fehden zwischen Schweden
und seinen südlichen Gegnern nicht einzugreifen, und behielt
Frankreich bis zu Herstellung des Friedens im Norden das
        <pb n="102" />
        482 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Besatzungsrecht für acht feste Plätze des Reiches am Rhein,
an der Mosel und im Bistum Lüttich.
Es war die Isolierung Dänemarks und Brandenburgs in
ihrem Kampfe gegen Schweden.
Dieser Kampf hatte, eben in der Zeit unseres Friedens⸗
schlusses, nach all den früheren Erfolgen der beiden Ver—
hündeten eine Form angenommen, die fast märchenhaft an⸗—
mutet; die verständlich nur wird als Fortsetzung der glänzenden
Kriegsführung des Großen Fürsten vor und nach Fehrbellin;
und die, als letzte Waffentat des Brandenburgers, diesen Zeiten
auf deutscher Seite fast allein den Schimmer wehmütiger Größe
verleiht.
Nachdem die Schweden alle ihre deutschen Besitzungen im
Reiche verloren hatten, blieb ihnen, wollten sie den Krieg noch
fortsetzen, am Ende nichts übrig als der Angriff auf eines
der exponiertesten Gebiete der Gegner. Sie wählten hierzu
Preußen: von der Erwägung aus, daß sie das von Branden⸗
burg abgelegene Herzogtum des Großen Kurfürsten von ihrem
livländischen Besitze aus am leichtesten erreichen konnten, und
im Einverständnisse mit Frankreich, das zugleich — aber er⸗—
folglos — den Polenkönig gegen den Brandenburger in Be—
wegung zu setzen suchte.
Ende November 1678 drangen 16000 Schweden unter
dem Grafen Horn in Preußen ein. Aber wie wurden sie bald
empfangen! Der Große Kurfürst, soeben durch die Pazifikation
Pommerns in seiner Bewegung frei geworden, zwar schon alt,
gequält von Brustleiden und Gicht, machte sich doch alsbald
persönlich auf, ihm noch vorweg ein kleines Heer von 9900 Mann
unter Derfflinger. Am 20. Januar 1679 erreichte die branden⸗
burgische Soldateska das preußische Gebiet, und alsbald be—
gannen die Schweden den Rückzug. Aber so war das Spiel
nicht gemeint. Der Kurfürst selbst setzte ihnen nach, um sie
noch zu fassen und zu schlagen; in Gewaltmärschen ging es
—EDD —
durch die schweigende Schneelandschaft, über das dröhnende
Eis des Frischen Haffes. Am 26. Januar war man in Königs—
        <pb n="103" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 488

berg. Aber der Vorsprung der Schweden war groß, und so
hieß es rastlos weiter. Endlich, an den Grenzen schon des
Landes, bei Splitter in der Nähe von Tilsit, erreichte ein
Teil wenigstens der Reiterei den Feind und schlug ihn. Das
Gros aber unter dem Kurfürsten schnitt, indem es nun auch
das Kurische Haff noch überschritt, den Feind von seiner Rück—
zugslinie über Memel ab; und durch unwirtliche Gegenden
Samogitiens flüchtend, erreichten schließlich nur noch 3000
schwedische Krieger den Boden Livlands.
Es war wie eine Vorahnung der preußischen Kriegs—
führung von 1866 und 1870. Aber politisch blieb der Feld—
zug unbelohnt. Der Vertrag zwischen Frankreich und Kaiser
und Reich war inzwischen geschlossen worden; der Große Kur—
fürst war jetzt der einzige Friedensbrecher noch in den Grenzen
des Reiches; ein französisches Heer unter Crequi marschierte
zu seiner Exekution, ging von Wesel und Lippstadt zur Porta
Westfalica, wo es Ende Juni den Übergang nach hartnäckigem
Kampfe erzwang — bedrohte Minden.
Was war zu tun? Am 29. Juni 1679 schloß auch der
Brandenburger seinen Frieden mit Frankreich. Der Vertrag von
St. Germain bei Paris nahm dem Großen Kurfürsten alle
seine Groberungen in Schwedisch Pommern mit Ausnahme eines
kleinen, unbedeutenden Landstriches auf dem rechten Oderufer,
den die Schweden 1653 gegen die Bestimmungen des West⸗
fälischen Friedens besetzt hatten, und gab ihm das Linsengericht
einer französischen Geldzahlung von 8300 000 Talern im Laufe
der nächsten Jahre.
Am 2. September 1679 hat auch Dänemark, im Frieden
von Fontainebleau, seine Eroberungen wieder an Schweden
herausgeben müssen.

IV.
Sieben Jahre hindurch hatte Frankreich Krieg geführt
unter wechselnden, doch im ganzen aufwärts weisenden Schick—
salen: jeßt war es Herr der europäischen Lage. Denn mehr
noch als die gewonnenen sichtlich greifbaren Ergebnisse drängte
        <pb n="104" />
        484 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

sich der Welt der europäischen Mitte und des Westens die
hinter ihnen waltende Kraft, Ordnung und Folgerichtigkeit als
—D——
herbeigekommen, und seine Anhänger vergötterten ihn.
Und da hätte das Vordrängen gegen die morschen Grenzen
des deutschen Reiches aufhören sollen? Erst nach allen Friedens⸗
verträgen wurde so gut wie die Hälfte ihres Ertrages ein⸗
geheimst, und die berüchtigte Zeit der Reunionen, des friedlich
organisierten Länderraubes an Mittel- und Oberrhein begann.
Seit den Zeiten der Armagnaken war es für Frankreich
eine alte militärische Weisheit, wie es heute eine für die
Deutschen ist, daß Deutschland ohne den Besitz des Elsasses
von Westen her schwer angreifbar ist. Und, als Ergänzung
gleichsam dieser Betrachtung, drängte sich den Zeiten Lud—
wigs XIV. die Überzeugung auf, daß, je weiter man in den
Eroberungen nach Osten fortschritt, um so mehr das Erworbene
nicht ohne das Elsaß zu halten sei: Franche-Comté und Loth—
ringen, dazu etwa auch noch Luxemburg in französischem Be—
sitze schienen diese Ergänzung zu fordern; und auch die Be—⸗
ziehungen zur Eidgenossenschaft, der alten Lieferantin reisiger
Knechte, erschienen gesicherter, konnte man die deutschen Kan—
tone vom Sundgau und vom Rheinknie bei Basel aus bedrohen.
Für die Lösung all dieser Aufgaben aber genügte die
Stellung nicht, welche der Westfälische Friede den Franzosen
im Elsaß gegeben hatte. Es galt weiter zu gehen — mit
Gewalt. Das wurde schon in den fünfziger Jahren eingesehen,
aber noch war man Lothringens nicht sicher, noch war man
vorsichtig. Und erst gegen Ende dieses Jahrzehntes begann
die Zeit des Zugreifens. Zunächst natürlich gegenüber den
Kleinen; und darum war es zuerst auf die elsässische Zehnzahl
von Reichsstädtchen abgesehen, an deren Spitze Colmar stand.
Aber wie tapfer wehrten sich diese Kleinen! Als auch
ihnen als oberster Gerichtshof der Conseil souverain d' Alsace
zu Ensheim vorgesetzt wurde, der für die wirklich französisch
gewordenen Landesteile letztes Recht sprach, legten sie Ver—
wahrung ein: ihr oberster Richter sei das Reichskammergericht.
        <pb n="105" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 485

Als sie dem Könige von Frankreich als „souveränem Protektor“
den Treueid leisten sollten, kam es zu langwierigen Verhand⸗
lungen, ehe schließlich der Eid, am 10. Januar 1662, ge—
schworen wurde. Und doch gaben sie auch nach dieser Eides—
leistung ihre reichsstädtische Stellung noch nicht auf; sie unter—
zogen sich den deutschen Reichspflichten, sandten unter der
Fahne des oberrheinischen Kreises ihr kleines Kontingent zum
Türkenkriege; und noch 1666 schlug Colmar Münzen mit des
Kaisers Bild und der Umschrift um das Stadtwappen: Moneéta
Liberae Civitatis Imperialis Colmariensis. So mußte man
die tapfere Dekapolis schließlich noch roh vergewaltigen. Die
Stunde kam 1673, kurz vor der Erklärung des Reichskrieges.
Damals besetzten französische Truppen das Elsaß; sie machten
mit der städtischen Reichsfreiheit kurzen Prozeß, entwaffneten
die Bürger, schleiften die Festungswerke; in Colmar, dem be⸗—
sonders verhaßten, haben die Bürger ihre Wälle selbst müssen
abtragen helfen.
Nach der Dekapolis aber kam jetzt, nach geschlossenem
Frieden und nach endgültiger Erwerbung Lothringens und der
Freigrafschaft, zunächst die Reichsritterschaft an die Reihe, mit
ihr das Straßburger Bistum, von dem Reichsverräter Franz
Egon von Fürstenberg verwaltet, und die Landämter der immer
noch freien Stadt Straßburg. Das alles huldigte und wurde
in französische Verwaltung genommen.
Und nun, nachdem man des Elsasses mit Ausnahme von
Straßburg inne war, begann der eigentlichste, der auf gebeugtes
Recht in Form Rechtens organisierte Raubfeldzug der Reunionen.
Bei den Parlamenten in Metz, Breisach und Besançon wurden
Gerichtshöfe eingesetzt, welche über etwaige Reunionsansprüche
entscheiden sollten. Diese Ansprüche erhob aber nur der
Souverän dieser Gerichtshöfe selbst, Frankreich zugunsten ihm
noch nicht zugehöriger Landesteile des deutschen Reiches, und
sie galten als berechtigt, wenn nachgewiesen wurde, daß solche
Landesteile irgendeinmal zu irgendwelcher Zeit — man ging
unter Umständen bis auf Pipin zurück — Zubehör von Ge⸗
bieten gewesen waren, welche die Frieden von Münster und
        <pb n="106" />
        486 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Nimwegen Frankreich zugesprochen hatten. Was ließ sich auf
diese Weise nicht alles erwerben: die Grafschaften Mömpelgard,
Salm, Saarbrücken und Sponheim, die Pfalzgrafschaften Veldenz
und Lützelstein, das Fürstentum Pfalz-g8Zweibrücken; all diese
Territorien, nicht zu reden von zahlreichen kleinen Herrschaften
und Ortschaften weit umher bis gegen Mannheim im Pfälzischen
und bis in die Eifel und den Hochwald hinein im Kurfürsten⸗
tum Trier: sie alle sollten das neue Recht mit dem Übergange
in französische Herrschaft besiegeln.
Und damit noch nicht genug; zum Rechtsbruche kam, ihn
krönend, nackte Gewalt. Der Krone des Elsasses, die dem
Ganzen erst Glanz und Zusammenhalt verlieh, der Reichsstadt
Straßburg, ließ sich selbst mit Reunionstribunalen nicht bei—
kommen. So geschah es mit der ultima ratio regum. Mitten
im Frieden wurde so heimlich wie möglich gegen die Stadt
eine Armee von 35000 Mann aufgeboten; einer so großen
Macht glaubte man zu bedürfen; und in einer einzigen Nacht,
vom 27. zum 28. September 1681, tat sie ihr Werk. Die
Bürgerschaft, des Kommenden gewiß, es nicht billigend, aber
wie vom Blicke des Basilisken gelähmt, nahm auf sich, was
man ihr zumutete. In der Kapitulation des 80. September
huldigten die alten Stadtbehörden und die Stadtgemeinde
dem Könige von Frankreich als souveränem Herrn und Pro—
tektor; der Stadt wurde die Freiheit der Kulte auf Grund
des Normaljahres 1624 gewährleistet; doch wurde das Münster
katholisch und binnen einem Jahrzehnt entwickelte sich neben vier
Fünftel Protestanten ein neues Fünftel katholischer Bevölkexung.
Vor allem aber wurde Straßburg französische Festung; wenige
Tage nach der Übergabe schon traf Vauban ein, um neben
einem neuen Wall die Zitadelle mit dem Blicke nach Osten zu
errichten; und in den Worten Clausa Germanis Gallia faßte
die Zeit den Inhalt des Ereignisses zusammen.
Wie zum Hohne noch dazu auf Recht und Vergangenheit,
zur Besiegelung jedenfalls der nun vollendeten Politik der
Reunionen und des Raubes hielt König Ludwig XIV. am
23. Oktober in Person einen glänzenden Einzug; an der
        <pb n="107" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 487

Schwelle des Domes von Fürstenberg mit blasphemischer Be—
grüßung, von der Bevölkerung mit der Demonstration des
Schweigens empfangen.
Was aber sagte man im Reiche, was in Europa zu diesen
Vorgängen? Erst sie enthüllten der öffentlichen Meinung,
soweit eine solche schon bestand, ganz den Triumph Frankreichs
und die Ohnmacht des Reiches; und so wurden sie scharf
kritisiert überall, tief empfunden aber insbesondere im Reiche.
Vor allem der Kaiser, der schon die Glückwünsche zu seinem
Nimwegener Frieden mit Frankreich nur verlegen entgegen⸗
genommen hatte, war patriotisch und von der Würde seines
Hauses durchdrungen genug, um bereits vor dem Falle Straß⸗
burgs auf Gegenmaßregeln zu denken. Im Januar 1681
brachte er, das Notwendigste von allem, eine neue Reichskriegs⸗
verfassung zustande; im Mai 1681, wenige Monate vor dem
Falle Straßburgs, erschien ein kaiserlicher General in der
Stadt und verhandelte wegen Einlegung einer Garnison des
Reiches. Aber wie es nicht zu dieser kaiserlichen Garnison
kam, so war auch die Kriegsverfassung eine höchst unvoll⸗
kommene, wenn auch dem Verfassungszustande des Reiches
angemessen; bis zum Untergange des alten Reiches fortgefristet
ist eben sie mit ihren Simplen zu 40000 Mann, von denen
in Friedenszeiten nur eines auf den Beinen sein sollte, die
gesetzliche Grundlage für die Existenz jenes Reichsheeres ge—
worden, das den Fremden wie der eigenen Nation zum Spotte
wurde. Aber auch in ihrer höchst unvollkommenen Form wurde
sie, angelehnt an die Kreisverfassung, nur in den sogenannten
vorderen Kreisen, den von Frankreich zunächst bedrohten, einiger⸗
maßen durchgeführt. Und über sie hinweg wuchsen nun erst
recht die Kriegsverfassungen und Kriegsheere der größeren
Territorien, denen die Einrangierung in die Kreisverfassung
weniger Hindernis der eigenen Entwicklung als Veranlassung
zu lähmendem Versagen gegenüber dem Reiche geworden ist;
wie bisher vornehmlich in Österreich, in Brandenburg und in
den braunschweigischen Ländern, so entstanden nunmehr bald
auch in Bayern und Kursachsen unter militärisch gesinnten
        <pb n="108" />
        188 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapize..

Fürsten tüchtige Anfänge von Territorialarmeen, denen es schon
in den Kriegen des sich neigenden Jahrhunderts sich zu be—
währen vergönnt war!.
Indes das alles war um 1681 erst im Werden. Und
bedurfte man nicht unter allen Umständen außerhalb der losen
Verpflichtungen der Reichsverfassung des engeren Zusammen⸗
schlusses, wenn auch nur zum Zwecke der Selbsterhaltung? Es
war eine Frage, die selbst dem Kaiser in dieser Form nahe
trat. Denn das Vorgehen Frankreichs im Elsaß war weit
davon entfernt, eine isolierte Handlung zu sein. Gleichzeitig
wühlten französische Gesandte bei den Ostmächten, vor allem
bei der Türkei, und französische Agenten unter den aufsässigen
Ungarn gegen den Kaiser; und daß in ihm das Haus Habsburg
gemeint war, zeigten die Wegnahme der Festung Casale in
Piemont am gleichen Tage mit der Üerrumpelung Straßburgs
und die bald verwirklichten Anschläge auf das spanische Luxem⸗
burg: neben der österreichischen galt es der spanischen Herr—
schaft in den Niederlanden und in Italien.
Der Mann indes, der die Bedeutung all dieser Vorgänge
am tiefsten ergriff, der in ihnen ein Attentat auf die Freiheit
gewiß auch seines Vaterlandes, vor allem aber auf den Bestand
der europäischen Staatengemeinschaft sah, war nicht der Kaiser,
sondern Wilhelm, der letzte große Oranier. Er wird von nun
ab die Seele des Widerstandes gegen Ludwig, und ihm ist
dies edle Wild gefallen.
Für Deutschland war Wilhelms rechter Arm lange Zeit
hindurch der uns schon bekannte Graf Waldeck. Früher in
brandenburgischem Dienste, fand er jetzt, zur Herstellung
festeren Widerstandes im Reiche gegen Frankreich, Gelegenheit,
seine alten Unionsgedanken wieder aufzunehmen. Und ganz
im kleinen hatte er schon einen Kern künftigen Widerstandes
gebildet; im September 1679 war unter seiner Leitung in
Frankfurt a. M. ein Verein von Herren und Fürsten der
Wetterau, des Westerwaldes und der Eifel zu gemeinsamer

Val. dazu schon Band VII-2 S. 482.
        <pb n="109" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 489

Verteidigung zusammengetreten. Ihn erweiterte er dann um
die Zeit des Falles Straßburgs: jetzt traten der Landgraf von
Hessen-Kassel und der Fürstabt von Fulda bei, ferner der
Bischof von Bamberg und Würzburg und der fränkische Kreis,
auch der Herzog von Sachsen-Gotha.
Damit war die Lawine im Rollen, und schon nahm sich
auch der Kaiser der Dinge an; auf Waldecks Betreiben trat
er mit den bis dahin geeinigten Ständen des oberrheinischen
und fränkischen Kreises in das Laxenburger Bündnis vom
10. Juni 1682.
Es war die Zeit, da auch in Bayern, dessen Herrscher
bisher französisch gesonnen war, und in Kursachsen, das mehr
beiseite gestanden hatte, günstigere Zeiten einzogen. Kurfurst
Ferdinand Maria war im Jahre 1679 gestorben; sein Nach—
folger Max Emanuel schloß am 23. Januar 1688 mit dem
Kaiser einen Verteidigungsbund, der gegen Türken und Franzosen
zugleich gerichtet war. In Sachsen starb Johann Georg II.
im Jahre 1681; sein Nachfolger Johann Georg III., ungleich
seinem Vater franzosenfeindlich, knüpfte mit Wien an. Und
uinmittelbar in die schon gebildete Vereinigung trat am
14. Januar 16883 auch wenigstens einer der Welfen, der Herzog
Ernst August von Hannover.
So stand der Bund schon tüchtig und achtunggebietend
da, zumal bereits seit dem Jahre 1681 die Niederlande,
Schweden und Spanien infolge der Tätigkeit Wilhelms von
Oranien durch einen Assoziationstraktat mit gegen Frankreich
gerichteter Spitze verbunden waren, der, noch im gleichen
Jahre auf den Kaiser ausgedehnt, durch dessen Mittelstellung
dem deutschen Bunde eine internationale Stützung und Grund—
lage gab.
Dennoch ist die Wirkung des deutschen Bundes schließlich
gering gewesen. Die Schuld hierfür fällt zu nicht geringem
Teile auf den Großen Kurfürsten, dessen Beitritt erst der
ganzen Veranstaltung volle Rundung und zu Taten auf—
fordernden Abschluß gegeben haben wuͤrde.
Der Große Kurfürst war nach dem Frieden von St. Germain,
        <pb n="110" />
        190 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

höchster Erbitterung voll, sehr eigenartige Wege gewandelt.
Unter Abbruch aller bisherigen politischen Freundschaften hatte
er sich, anfangs mit Zurückhaltung aufgenommen, dennoch
Frankreich genähert, und am 25. Oktober 1679 war zwischen
ihm und Ludwig XIV. ein Geheimvertrag zustande gekommen,
der erst neuerdings bekannt geworden ist. In diesem Vertrage
versprach der Brandenburger, gegen Sicherstellung seiner Be—
sitzungen durch Frankreich und Zahlung von 100000 Livres
jährlich, französischen Heeren das Durchzugsrecht durch seine
Lande zu gewähren, in Polen die Wahl des französischen
Kandidaten, des Sohnes von König Sobieski, zu unterstützen —
und im Reiche bei einer künftigen Kaiserwahl unter Be—
kämpfung sterreichs für den König oder den Dauphin Frank—
reichs oder einen Frankreich genehmen Kandidaten einzutreten.
Es waren, soweit die Kaiserwahl in Betracht kam, Bedingungen,
die ähnlich auch der Kurfürst von Bayern eingegangen war
und der Kurfürst von Sachsen fast gleichzeitig einging: welche
Aussichten für die Zukunft des Reiches!
Enger aber gestaltete sich das Verhältnis Frankreichs doch
nur mit dem Großen Kurfürsten. Dem ersten Vertrage folgte
nämlich am 11. Januar 1681 ein zweiter, ein volles Defensiv⸗
bündnis, das den Kurfürsten auch zur Verteidigung der Re—
unionen im französischen Besitze verpflichtete: unter Erhöhung
der Jahressubsidie auf 100 000 Taler. Und als die kaiserlichen
und die deutschen Bundesbestrebungen gegen Frankreich immer
festere Form annahmen, folgte diesem Abkommen ein drittes,
vom 22. Januar 1682, in dem Frankreich sich verpflichtete,
sich mit der bisher gemachten Reunionsbeute zufriedenzugeben
und, unter Zusicherung einer Subsidie von 800000 Talern
ährlich im Falle eines Krieges, das Jahrgeld auf 400000 Livres
erhöhte.

Es sind Vorgänge, die im deutschen Fürstenleben des 17.
und auch noch des 18. Jahrhunderts nicht vereinzelt dastehen.
Mit furchtbarer Deutlichkeit erhellen sie das Wesentliche der
allgemeinen Lage: auf der einen Seite Frankreich, finanziell
glänzend gestellt, mit Einnahmen, die nicht bloß Raubkriege,
        <pb n="111" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 491

sondern auch eine raffinierte Bestechungsdiplomatie erlauben,
auf der anderen Seite die armen deutschen Fürsten, gerade
wenn sie tüchtig sind, mit Machtaspirationen, die nur durch
Haltung eines ständigen Heeres befriedigt werden können: und
der Bestand dieses Heeres doch wieder abhängig von Kondottiere—
diensten gegenüber Frankreich. Wie sollte in dieser Lage eine
große Politik möglich sein, die zugleich ehrlich war? Wie die
Kriege zwischen den europäischen Staaten des 17. und 18. Jahr⸗
hunderts das Bild der territorialen Machtkämpfe des 14. und
und 15. Jahrhunderts in Italien oder in Deutschland gleichsam
in größerem Maßstabe wiederaufleben lassen, so erinnert die
Politik dieser Zeiten an den Principe Macchiavells, und nicht
ohne lebendigen Hintergrund hat der Urenkel des Großen
Kurfürsten, der jugendliche Friedrich der Große, seinen Aunti—
macchiavell geschrieben.
Indem der Große Kurfürst so hartnäckig zu Frankreich
hielt, wurde diesem die Möglichkeit gegeben, dem kaiserlichen
Bunde einen nicht zu unterschätzenden Gegenbund gegenüber⸗
zustellen; am 30. April 1683 kam es zu einer Allianz zwischen
Brandenburg, Dänemark und Frankreich, in der es für den
kriegsfall namentlich auf die deutschen Besitzungen Schwedens
abgesehen war, das dem kaiserlichen Bunde angehörte. Und
damit nicht genug. Da sterreich in dieser Zeit, wie wir
später hören werden, im Osten mit dem Widerstande gegen
die Türken vollauf beschäftigt war — das Jahr 16883 ist das
Jahr der Belagerung Wiens —, so nutzte Frankreich die günstige
Situation nochmals zu einem erneuten letzten Schlage im
deutschen Westen aus. Ende Oktober 1688 erklärte es dem
ohnmächtigen Spanien wieder einmal den Krieg; im Frühjahr
1684 begann der Marschall Crequi die Belagerung Luxemburgs,
nachdem er im Februar mit dem Großen Kurfürsten einen
vierten Vertrag abgeschlossen hatte, der dessen Subsidien um
100 000 Livres im Frieden und 200000 Livres im Kriege er⸗
höhte. Am 4. Juni 1684 fiel Luxemburg, worauf Crequi
auch Trier nahm; alles sah nach einem kommenden großen
Kriege aus; drohend sammelten sich franzbsische Kriegsscharen
in Lothringen und im Elsaß.
        <pb n="112" />
        492 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Konnte nun das Reich, von Brandenburg verraten und
von Österreich verlassen, dem erneuten Andrange widerstehen?
Es schien noch am geratensten, mit Frankreich, koste es was
es wolle, zu einem friedlichen Abkommen zu gelangen. Und
schon hatten die Niederlande, trotz alles Widerstandes des
Oraniers, in dieser Hinsicht ein ruhseliges Beispiel gegeben:
unter Abschluß eines zwanzigjährigen Waffenstillstandes mit
Frankreich hatten sie sich verpflichtet, Spanien zum Verzichte
auf Luxemburg zu bewegen, wenn die Franzosen die eroberten
Städte Kortrijk und Dixmuyden des niederländischen Festungs—
gürtels herausgäben. Unter diesen Umständen war am Ende
das Reich froh, am 15. August 1684 auch seinerseits mit
Frankreich einen zwanzigjährigen Waffenstillstand zu schließen:
und in diesem Vertrage Frankreich für die genannte Frist den
Besitz Straßburgs und aller bis zum 1. April 1681 vor⸗
genommenen Reunionen zuzugestehen.
Es war der Höhepunkt der französischen Eingriffe im
Westen Deutschlands.
Denn während Frankreich in den nächsten Jahren in seiner
Politik kleiner und kleinlicher Abbröckelung der Reichsgrenze
fortfuhr und die ältere Reunionspolitik durch noch viel ge—
hässigere Mittel übertrumpfte, welche den solidarischen Wider—
willen aller Herrscher, die noch auf Fürstenehre hielten, hervor⸗
riefen, und während es die Welt durch den Erlaß und die
Folgeerscheinungen des Ediktes von Nantes (18. Oktober 1685)
in Erstaunen, nicht aber Bewunderung versetzte, ging der große
Zug der europäischen Angelegenheiten an seine Gegner,
Osterreich und den Oranier, über. Österreich wurde durch
seinen siegreichen Widerstand gegen die Türken und durch seine
Führung der osteuropäischen Welt in den dann folgenden An⸗
griffen dieser Welt gegen die Osmanen eigentlich erst zu einer
wirklichen europäischen Großmacht für sich, mit eigenen Auf—
gaben und Zielen, und wurde zugleich zu jenem Hsterreich
„an Siegen und an Ehren reich“, das vom 18. und teilweise
noch vom 19. Jahrhundert als eigentliche Vormacht gegen
zstliche Unkultur gefeiert wurde. Wilhelm von Oranien aber,
        <pb n="113" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 493

in seinen gewaltigen Konzeptionen gegen das neue, dem
politischen Freiheitgedanken und dem Protestantismus feind—
liche Frankreich in den Niederlanden nicht verstanden oder
wenigstens nicht unterstützt, erwarb in der glorreichen Re—
volution des Jahres 1688 und den ihr folgenden Ereignissen
die englische Königskrone und damit die Operationsbasis, von
deren sicherem, durch nationale Begeisterung getragenem Boden
aus er mehr noch und vor allem grundsätzlicher als Hsterreich die
geschichtliche Welt West- und Mitteleuropas, so wie sie in den
Vorstellungen Ludwigs XIV. lebte, aus den Angeln gehoben hat.
Aber während sich dieser große Umschwung vorbereitete
und eines Jahrfünfts etwa bedurfte, um voll hervorzutreten,
hatten ihm immerhin schon leisere und kleinere Veränderungen
im Reiche sekundiert.
Die Entwicklung knüpfte sich hier beinahe selbstverständlich
an die Person und den Staat des Großen Kurfürsten: und
sein Übertritt auf die kaiserliche, die deutsche Seite bezeichnet
die eigentliche Wendung.
Viele Vorteile hatte der Brandenburger von der Ver—
bindung mit Frankreich im Grunde nicht gehabt. Im Reiche
den meisten Fürsten verdächtig hatte er zwar ein verhältnis—
mäßig großes Heer aufstellen und gut halten können; auch
war Zeit gegeben gewesen zu friedlichem inneren Fortschritte
und kolonialen Experimenten!. Aber darüber hinaus, etwa
zu der noch immer sehnlichst erstrebten Erwerbung Pommerns,
hatte der Bund nicht geführt. Und so begann Friedrich
Wilhelm seiner um so mehr müde zu werden, je mehr sich die
politische Unersättlichkeit Ludwigs XIV. und noch mehr seine
dem Protestantismus feindlichen Endziele enthüllten. Aus
diesem Zusammenhange her begreift es sich denn auch, wenn
der Kurfürst die Schwenkung, die er anfangs unter streugster
Schonung seiner französischen Verpflichtungen und Beziehungen
vollzog, zunächst durch eine Annäherung an die Niederlande,
noch immer den Hort des freien Gedankens in Europa, ein—

— — —

VBgl,. dazu Band VI- S. 444 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte vIIT.2
        <pb n="114" />
        94

Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

leitete. Diese Annäherung schloß dann mit der Erneuerung und
Verlängerung des alten Buündnisses bis zum Jahre 1700 ab,
kurz vor dem Erlasse des Ediktes von Nantes, am 23. August
1685. Das Edikt von Nantes aber hat den inneren Bruch
‚zwischen Brandenburg und Frankreich, den man in Versailles
schon längst zu fühlen begann, um ein beträchtliches erweitert:
mit welchem Eifer hat nicht gerade der Große Kurfürst Refugiés
eingeladen und aufgenommen — Hochverräter in den Augen
Ludwigs XIV. Am 20. Februar 1686 folgte dem nieder⸗
ländischen Bündnisse ein solches mit Schweden; es wurde dem
alten Herrscher nicht leicht, denn es bedeutete den Verzicht
auf eine seiner Lebenshoffnungen, auf Pommern. Noch
schwieriger aber gestaltete sich der Ausbau eines Bündnisses
mit dem Kaiser, obwohl er an sich das natürliche und not—
wendige Endziel der ganzen vorgenommenen Schwenkung war.
Was hier einem raschen Abschlusse entgegentrat, war im Grunde
schon ein Teil der schlesischen Frage der Zukunft. Das Haus
Brandenburg hatte Ansprüche auf Jägerndorf sowie, nach
Meinung des Großen Kurfürsten, auch auf die 1675 ledig
gewordenen schlesischen Herzogtümer Liegnitz, Brieg und Wohlau.
Diese aber hatte der Kaiser besetzt. Wie sollte hier ein Aus—
gleich gefunden werden? Der Kurfürst rang sich am Ende
den schweren Entschluß ab, auf sein Recht, wie er es verstand,
zu verzichten, falls der Kaiser ihm den Kreis Schwiebus, einen
kleinen, zu Glogau gehörigen niederschlesischen Landzipfel, ab—
trete. Aber hierzu war die Zustimmung des Kaisers nicht zu
erlangen: in hartnäckiger Grundsätzlichkeit wollte er nichts von
seinem Besitze verlieren. Die österreichische Diplomatie fand
schließlich ein wunderliches Mittel der Aushilfe. Man wußte,
daß der brandenburgische Kurprinz Friedrich, seit manchem
Jahr in Gegensätzen zu seinem Vater, das Bündnis mit
Osterreich als unbedingt notwendig betrachtete und wohl auch
ohne Empfang von Schwiebus zu bewilligen geneigt sei. Man
war auch darüber unterrichtet, daß der Kurprinz, in schlechten
wirtschaftlichen Verhältnissen, eine Geldunterstützung angenehm
empfinden würde. Und so entschloß man sich zu einem nicht
        <pb n="115" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 495

unbedenklichen Schritte. Dem Kurfürsten wurde Schwiebus
vertragsmäßig abgegeben, vorher aber insgeheim mit dem
Kurprinzen die Rückabtretung des Kreises nach seiner Thron⸗
besteigung gegen sofortige Zahlung von 10 000 Dukaten ver—
abredet. Der Vertrag selbst ist am 22. März 1686 in Form
eines zwanzigjährigen Defensivbündnisses zustande gekommen.
Außer der Stipulation über Schwiebus und dem Verzichte
des Kurfürsten auf die schlesischen Fürstentümer als deren
Korrelat und einigen anderen besonderen Bedingungen ent—
hielt er die Verpflichtung beider Vertragschließenden, gegen
jede weitere Vergewaltigung des Reiches durch Frankreich
zusammenzustehen, sowie das Versprechen des Kurfürsten, bei
einer künftigen Kaiserwahl für das Haus ÄÖsterreich einzustehen
und zur Verteidigung der spanischen Niederlande bereit zu
sein. Die dem Kurfürsten vom Kaiser bewilligten Subsidien
betrugen jährlich 100000 Gulden in Friedenss und 100000
Reichstaler in Kriegszeit.
Es war die letzte wichtige diplomatische Aktion des Großen
Kurfürsten; sie hatte zu einem Vertrage geführt, der gegen
vier Jahrzehnte das Verhältnis Brandenburgs zum Kaiser—⸗
hause und bis zu einem gewissen Grade auch zum Reiche ge—
regelt hat. Ihre vollen Folgen, den Ausbruch des großen
Kampfes gegen Frankreich, noch zu erleben, ist Friedrich Wilhelm
nicht mehr vergönnt gewesen; noch bis zu seinen letzten Lebens—
tagen kräftig im Regiment, wenn auch am Leibe schwach, ist
er am 9. Mai 1688 dahingegangen.
Inzwischen hatten aber die neuen Angriffe Ludwigs XIV.
auch im Reiche überhaupt zu einer, wenigstens der Absicht
nach, kräftigen Gegenorganisation geführt. Hier war das
Laxenburger Bündnis vom Jahre 1682, auf drei Jahre ge—
schlossen, seinerzeit, im Jahre 16885, nicht erneuert worden.
Statt dessen gingen neue Anregungen zur gegenseitigen
Allianz von Reichsständen zunächst vom fränkischen Kreise aus.
Sehr bald nahm sich der Kaiser ihrer an; und nun machten sie
rasche Fortschritte. Am 9. Juli 1686 wurde ein Buud
zwischen dem Kaiser, dem fränkischen und bayrischen Kreise,
39*
        <pb n="116" />
        196 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

den ernestinischen Fürsten Thüringens, Bayern, Spanien⸗
Burgund und Schweden abgeschlossen, dem bald auch noch
Kurpfalz, der oberrheinische Kreis und der Herzog von Holstein⸗
Gottorp beitraten: es war ein Verein fast aller zunächst von
Frankreich Bedrohten mit Ausnahme der geistlichen Kurfürsten
am Rhein, die Ludwig XIV. nach wie vor liebten und fürchteten:
er mußte die französische Aufmerksamkeit um so mehr auf sich
lenken, je mehr er durch das schon bestehende System der
brandenburgisch-niederländischen-schwedisch-österreichischen Ver—
träge in seiner Bedeutung verstärkt wurde.
Und bald sollte Frankreich seinen Nachbarn von neuem
Anlaß zu mehr als einer gerechten Klage geben. Da war
zunächst die pfälzische Frage. Im Jahre 1680 war Kurfürst
Karl Ludwig von der Pfalz aus der Simmerner Linie ge⸗—
storben, der Vater des unglücklichen geisteskranken Kurfürsten
Karl, der ihm nachfolgte, und der vortrefflichen Elisabeth
Charlotte, die dem Herzog von Orleans, einem Bruder König
Ludwigs XIV., verheiratet worden war. Als nun Karl im
Jahre 1685 frühen Todes starb, ohne Leibeserben zu hinter⸗
lassen, ging das protestantische Land an den uns schon als
Regenten von Jülich und Berg bekannten katholischen Neuburger
Pfalzgrafen Philipp Wilhelm über: eine Quelle unsäglicher
Wirrnisse in den folgenden Zeiten. Zugleich aber machte
Ludwig XIV. für seinen Bruder und dessen Gemahlin rechtlich
völlig unbegründete Ansprüche auf den Allodialbesitz des aus⸗
zgestorbenen Hauses Simmern geltend und hatte die Kühnheit
um diesen Besitz, die Fürstentüumer Lautern und Simmern, den
ofälzischen Teil der Grafschaft Sponheim und das Amt Germers⸗
heim, einen Prozeß bei Kaiser und Reich anhängig zu machen.
Wurde aber hier wenigstens äußerlich der Anschein Rechtens
gewahrt, so war das in einer zweiten Angelegenheit schon weit
weniger der Fall. Kurfürst Maximilian Heinrich von Köln,
der treue Gefolge des französischen Königs, begann zu kränkeln
und zu altern, und so mußte Vorsorge für einen französisch
gesinnten Nachfolger getroffen werden. Hierzu schien sich nun
niemand besser zu eignen als einer der uns schon genügend
        <pb n="117" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 497

bekannten Fürstenberge, der Kardinal Wilhelm Egon. In
der Tat setzte es Ludwig durch, daß Wilhelm Egon am
7. Januar 1688 vom Kölner Domkapitel zum Koadjutor des
Kurfürsten mit dem Rechte der Nachfolge gewählt wurde.
Indes hiergegen legte der Kaiser, jetzt von Jahr zu Jahr durch
Erfolge und Sorgen im Südosten gehoben und gehärtet, ent—
schiedene Verwahrung ein, und nicht minder protestierte Bayern,
dessen kurfürstliches Haus schon damals gewöhnt war, das
geistliche Kurfürstentum am Rhein und mit ihm die ihm der
Regel nach verbundenen Bistümer von Lüttich und Hildesheim
als eine Art geistlicher Sekundogenitur zu betrachten. Aber
mit Bayern und dem Kaiser protestierte zugleich die allgemeine
Fürstenmeinung in Deutschland: sollten bei dieser Gelegenheit
womöglich drei geistliche Furstentümer auf einmal in die Hand
eines Untertanen des französischen Königs übergehen? Und
Papst Innocenz XI., an sich schon gegen Ludwig XIV. wegen
dessen innerfranzösischer Kirchenpolitik erbittert, versagte der
Wahl seine Zustimmung. In diesem Augenblicke, am 3. Juni
1688, starb der alte Kurfürst. Eine neue Wahl wurde jetzt
in Szene gesetzt, und als diese zwischen Wilhelm Egon und
dem Wittelsbacher Kandidaten, dem jugendlichen Joseph Clemens,
zweifelhaft blieb, wurde gegen Fürstenberg, der sich wider das
kanonische Recht alsbald nach der Wahl in den Besitz des
Erzstiftes gesetzt hatte, vom Papste zugunsten des Wittelsbacher
Kandidaten entschieden, der bald auch in Hildesheim vor—
nehmlich auf brandenburgisches, in Lüttich auf oranisches Be—
treiben gewählt wurde.
Man sieht: in beiden Fällen seines Eingreifens hatte
Ludwig XIV. nicht ohne weiteres Erfolg gehabt; der Prozeß
um den simmernschen Allodialbesitz verschleppte sich auf gut
deutsche Art; in Köln hatte direktes Gegenhandeln von deutscher
Seite seine Absichten vereitelt. Wollte man etwa, wollte ins—
besondere der Kaiser, kühn gemacht durch seine Erfolge im
Südosten, Frankreich trotzen? Schon allein die Tatsache, daß
der Ruhm der österreichischen Erfolge die Welt zu erfüllen,
daß das deutsche Haus Habsbhurg im Wettbewerb um di—
        <pb n="118" />
        198 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Hegemonie in Zentraleuropa wiederum in die Vorhand zu
gelangen schien, hätte vielleicht genügt, Ludwig zu einem
Kampfe gegen den Rivalen anzuspornen, der zugleich ein
Kampf mit dem Reiche und um das Reich sein mußte.
Auf alle Fälle wollte der König jetzt wenigstens die bisher
vom Reiche nur auf Zeit, auf zwanzig Jahre gewonnenen
Reunionen der Periode vor dem Jahre 1681 und Straßburg
endgültig sichern. Und so stellte er dringlicher, als gelegentlich
schon früher, an Kaiser und Reich das Ansinnen, den zwanzig⸗
jährigen Waffenstillftand in einen endgültigen Frieden zu ver—
wandeln: ja diese Verwandlung vorzunehmen, bevor der Kaiser
mit den Türken Frieden geschlossen habe, da dieser andern—
falls stark genug sein könne, sie zu verweigern.
Es war ein kritischer Augenblick für den Kaiser, ja für
das Haus Habsburg überhaupt. Sollte Leopold sich der schweren
Gefahr einer doppelten Kriegsführung nach Osten und Westen
zugleich aussetzen? Denn es bestand kein Zweifel, daß Frank—
reich bei Verweigerung seines Ansinnens losschlagen werde. —
Gleichwohl lehnte der Kaiser den Antrag ab. Und das Reich
ttand zu ihm; kein Fürst, der sich auf die französische Seite
geschlagen hätte.
Darauf wurde, am 24. September 1688, ein französisches
Kriegsmanifest veröffentlicht; gegen Ende des Jahres waren
die Franzosen im Besitze der vier Kurfürstentümer am Rheine,
jatten Philippsburg — diese eine Festung wenigstens nach
tapferer Verteidigung — erobert, schweiften in süddeutschen
Streifzügen bis zum Hohen Asperg, bis nach Ulm und Stutt⸗
gart: hatten in den rechtsrheinischen Gebieten Kontributionen
»on zwei Millionen Livres erhoben.
Wenn Ludwig XIV. aber damit gerechnet hatte, daß ein
so rasches Handeln, für ihn, da er auf einen großen Krieg
anicht vorbereitet war, die einzige Art, Vorteile zu gewinnen,
Kaiser und Reich entmutigen würden, so sah er sich bald ge—
täuscht. Im Februar 1689 wurde der Reichskrieg beschlossen,
and während Markgraf Ludwig von Baden, seinem in fran—
zösischen Händen befindlichen Lande fern, das Oberkommando
        <pb n="119" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 499

in Ungarn erhalten hatte, war schon vorher der bayrische
Kurfürst Max Emanuel von dort, von den Stätten seines
Ruhmes hinweg, nach Deutschland geeilt, um den Oberbefehl
in Süddeutschland zu übernehmen.
Im Norden aber hatte man sich sogar noch zur Wehr
zu setzen begonnen, ehe der Reichskrieg beschlossen wurde. Hier
war es Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg und bis zu
einem gewissen Grade der militärisch tüchtige Kurfürst Johann
Georg III. von Sachsen, die den Ernst der Lage begriffen;
schon im Oktober 1688 waren sie mit dem Herzoge von
Hannover und dem Landgrafen von Hessen⸗-Kassel in Magde⸗
zurg zusammengekommen und hatten die Aufstellung einer
beträchtlichen Rheinarmee beschlossen.
So begann denn das Feldzugsjahr 1689 für die Deutschen
unter Zeichen guter Vorbedeutung. Die nord- und mittel—
deutschen Kontingente, die sich schon Ende 1688 um Gelnhausen
vereinigt hatten, drückten von da bereits im Winter über die
Mainlinie hinaus auf den Neckar, setzten —EXDD—
straße fest und bedrohten Heidelberg. Unter diesen Umständen,
zumal jetzt die süddeutschen Kontingente, zum Teil in Eil—
märschen von Ungarn her, die Donau herauf nach Westen und
Nordwesten vorstießen, war Süddeutschland für die Franzosen
nicht mehr zu halten; allmählich, fast ohne Schwertstreich, gaben
sie es auf.
Aber in welch unmenschlicher Weise schändeten sie ihren
Rückzug, insbesondere ihren Abmarsch aus den gesegneten
Feldern der Pfalz! In Anordnungen, die allem Kriegsrechte
auch einer noch rauhen Zeit Hohn sprachen, war von Versailles
aus befohlen worden, das Land als Einöde zurückzulassen;
der Kriegsminister Louvois ist dafür unmittelbar und persönlich
berantwortlich. Und so wurden nicht bloß die Felder und
die Weinberge verwüstet; nicht bloß die Dörfer verbrannt:
auch die Städte sollten auf lange hin nur noch Trümmer—
haufen sein, unbrauchbar für menschliche Zuflucht: in Mann⸗
heim war Befehl gegeben, auf die Bürger zu schießen, die sich
wieder ansiedeln wollten. Wie man schädliche Tiere aus—
        <pb n="120" />
        500 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

räuchert, so ist die schuldlose Bevölkerung dieser reichen
Begenden aus ihrem Heim vertrieben worden. Und nichts
menschlich und göttlich Heiliges wurde geschont: die Kirchen,
die nicht brennen wollten, wurden durch Minen zu Fall gebracht;
in die Pracht des Heidelberger Schlosses flog die Brandfackel;
zerrissen wurden die ehrwürdigen Kaisergräber des Speyerer
Domes.
Welcher Franzose darf es tadeln, daß das Gedächtnis an
diese gemeinen Herzens angeordnete Barbarei, deren sich die
Ausführenden mehr schämten als die Befehlshaber, noch heute
naicht aus deutschem Herzen gewichen ist?
Dieser Erfolg allein ward dem Sonnenkönig; seine Truppen
mußten weichen. Und sie wichen nicht minder am Mittel- und
im Niederrhein, wohin zwei Heere nord- und mitteldeutscher,
aber auch kaiserlicher und süddeutscher Truppen unter Karl
von Lothringen und Kurfürst Friedrich von Brandenburg vor—
drangen. Ja die Armee am Mittelrhein erzwang, ein großer
Erfolg, am 8. September die Kapitulation von Mainz, und
der Armee am Niederrhein gelang die nicht minder wichtige
Finnahme von Bonn, am 13. Oktober 1689.
Es waren an sich bedeutende, für deutsche Verhältnisse
außerordentliche und kaum erhoffte Erfolge. Und schon war
zwischen der deutsche Widerstand gegen die überfliegenden
Pläne Ludwigs XIV. und ihre verletzende Durchführung nicht
vereinzelt geblieben: neben die deutsche Einigkeit trat die
internationale einer großen europäischen Koalition.
Der führende Geist auf diesem Gebiete war von Zahr zu
Jahr mehr Wilhelm von Oranien geworden. Was mußte es
unter diesen Umständen bedeuten, daß der Oranier Mitte
November 1688 in England gelandet, daß er mit seiner
Gemahlin, nun niederländischer Generalstatthalter und englischer
Souverän zugleich, am 23. Februar 1089 zum Könige von
England, Schottland und Irland gekrönt worden war! Schon
am 12. Mai 1689 kam es in Wien zu einem Bündnisse zwischen
den Niederlanden und dem Kaiser: es waren die Anfänge der
großen Allianz. Bald darauf trat England dem Bunde bei.
        <pb n="121" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 501

Dann aber meldeten sich binnen Jahresfrist auch die Nachbarn
Frankreichs, die außerhalb der eigentlichen Grenzen des deutschen
Reiches unter dem Drucke Ludwigs XIV. gelitten hatten: der
Herzog Viktor Amadeus von Savoyen, der den Franzosen
Pinerolo und Casale hatte öffnen müssen und jetzt wegen
Turins bedrängt wurde, und Spanien, dem Ludwig sehr bald
von sich aus den Krieg erklärt hatte, um in den spanischen
Niederlanden freies Feld zur militärischen Aktion gegen die
Generalstaaten zu haben; Savoyen trat am 4. Spanien am
i. Juni 1690 dem Bunde bei.
Waren damit die diplomatischen Aussichten seit 1690 die
besten, so hielten ihnen aber bald die militärischen Aktionen
nicht das Gleichgewicht.
Vor allem galt das von der Beteiligung der Deutschen
an den nachfolgenden Jahren des Krieges. Denn es zeigte
sich bald, daß sich ein Feuer der Kriegstätigkeit, wie es das
Jahr 1689 ausgezeichnet hatte, bei dem traurigen Charakter
der Reichskriegsverfassung selbst unter dem ausgezeichneten
Kommando Ludwigs von Baden, der nach dem Tode Karls
von Lothringen den Oberbefehl übernahm, nicht aufrechterhalten
ließ. Schon im Winter von 1689 auf 1690 war es zu argen
Zwisten über die innere Organisation und namentlich auch
über die Verteilung der Winterquartiere gekommen, bei der
ich die Truppen der Kreise und der armierten Stände nicht
ohne Grund von den Kaiserlichen übervorteilt glaubten; diese
Streitigkeiten wiederholten sich in den nächsten Jahren und
brachten schließlich die Herren gerade recht wichtiger Kontin—
gente zu dem Entschlusse, sich vom Reichskriege überhaupt
zurückzuziehen. So blieben jetzt die kursächsischen Truppen
fern, um später in den Türkenkriegen frischeren Lorbeer zu
erkämpfen; und der brandenburgische Kurfürst schloß sich mit
seinem Heere mehr den Niederländern an und kam damit in
den Bereich des flandrisch-brabantischen Kriegsschauplatzes.
Was unter diesen Umständen noch zur Deckung der Rheingrenze
»ornehmlich in Suüddeutschland zurückblieb, war schließlich auch
vornehmlich süddeutscher Herkunft; und für diesen Bereich der
        <pb n="122" />
        502 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Rekrutierung ist es dann Ludwig von Baden allerdings noch einmal
zelungen, eine besondere militärische Organisation zunächst der
wichtigsten, dann aber auch anderer Reichskreise zu schaffen:
eine Organisation, deren Reste und deren Grundidee sich noch
lange für die kriegerische Betätigung dieser Kreise, und ins—
besondere die Südwestdeutschen, lebendig erhalten hat. Indes
gegenüber den Franzosen mit den begrenzten Mitteln dieser
Organisation durchschlagende Erfolge zu erringen, gelang dem
Markgrafen nicht; seine Operationen nahmen immer mehr den
Charakter eines Hin und Her großer strategischer Märsche an;
und erneuter und furchtbarer Verwüstung des Landes, ins⸗
besondere Schwabens und der Pfalz, konnte er nur dadurch
begegnen, daß er wenigstens das Gebiet der kriegerischen
Bewegungen möglichst zu begrenzen suchte.
War dies der schließliche Verlauf des Krieges in Deutsch⸗
land, so war für diesen Ausgang aber auch auf französischer
Seite mehr als ein Anlaß gegeben. Auch Ludwig XIV. mußte
seine Kräfte aufs äußerste schonen, da sein Land schwer unter
finanzieller Erschöpfung zu leiden begann; auch ihm lag darum
nichts an großen Aktionen: einen Defensivkrieg nur vermochte
er, wenn auch gern in der Form scheinbaren Angriffes, zu
fiühren. Und unter diesem Zusammenhang litt auch die Ent⸗
vwicklung der Kämpfe auf den außerdeutschen Kriegsfeldern.
Von diesen Kriegsschauplätzen war, neben den ober—
italienischen, weitaus der entscheidungsreichste der nieder—
ländische: wie die Kämpfe Ludwigs längs der französischen Ost⸗
grenze von dieser Stelle aus begonnen hatten, so zogen sie sich
jetzt auf diesen Punkt wiederum zurück; nur daß gegenüber
der Konstellation früherer Jahre die Wichtigkeit dieses Gebietes
sich durch den Umstand noch erhöht und seine Bedeutung
zugleich mehr in seine westlichen Teile verlegt hatte, daß
England am Kampfe aktiv teilnahm und damit auch der See—
krieg eine größere Rolle spielte.
Die Kämpfe begannen hier in dem ersten großen Kriegs—
jahre 1690 mit einer schweren Enttäuschung Ludwigs XIV.,
venn die sie bedingenden Ereignisse auch nicht so sehr auf dem
        <pb n="123" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 503

kontinentalen Kriegsschauplatze, als in England verliefen.
Jakob II., der katholische, durch den Oranier aus England
vertriebene König, hatte sich nach Frankreich geflüchtet, und es
hildete einen integrierenden Bestandteil der französischen Kriegs⸗
führung, ihn wiederum gegen den Oranier mit militärischer
Hilfe nach England zurückzuführen. Allein dieser Versuch einer
katholischen Restauration mißlang völlig; Jakob wurde am
. Juli 1690 auf irischem Boden, in der Schlacht am Boyne⸗
lusse, geschlagen. Und diese Niederlage war zugleich im Grunde
für alle englischen Pläne und Hoffnungen überhaupt ent—
scheidend. Denn im Jahre 1691 gelang es Wilhelm, sich
Irland zu unterwerfen, und ein nochmaliger Versuch der
Franzosen, Jakob zurückzuführen, diesmal zur See unter—
nommen, wurde am 22. Mai 1692 durch die vereinigte englische
und niederländische Flotte in der heißen Seeschlacht am Kap
La Hogue vereitelt. Damit war es denn besiegelt, daß Ludwigs
beständigster und gefährlichster Feind, der Oraniex, König
Englands bleiben werde; wie früher in der Schätzung der
Hilfsmittel Wilhelms, überhaupt nach England zu gelangen,
so hatte sich Ludwig XIV. jetzt in dem Überschlage seiner
Fähigkeit, sich in England zu halten, verrechnet.
Der Oranier aber König von England: das hieß eifrige
Kriegsführung auch in den Niederlanden bis zum Endziel, bis
zur Vernichtung der letzten universalmonarchischen Ansprüche
Frankreichs.
Auf dem niederländischen Kriegsschauplatze, auf den
Ludwig XIV. die besten Truppen und die besten Führer
sandte, war freilich das Niederringen Frankreichs wenigstens
in den ersten Kriegsjahren nicht so leicht; am 1. JZuli 1690
wurden die Niederländer unter dem Grafen, jetzt Fürsten
Waldeck bei Fleurus besiegt; und der bald darauf erfolgende
Zuzug deutscher Truppen, insbesondere auch der Branden—
burger nnter Kurfürst Friedrich, glich die Lage nicht wieder
zugunsten der Koalierten aus. Im Gegenteil: die nächsten
Jahre brachten wichtige Erfolge der Franzosen: so namentlich
die Eroberung von Mons (1091) und Namur (1692), dann
        <pb n="124" />
        304 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

die Schlacht von Steenkerke vom 3. August 1692, die, an sich
unentschieden, nach der allgemeinen strategischen Lage doch
einen Erfolg der Franzosen bedeutete, und endlich den Sieg
des Marschalls von Luxemburg über König Wilhelm von
England bei Neerwinden, am 29. Juli 1693, der freilich, wie
olutig an sich, die französischen Aussichten nicht um ein Er—
jebliches besserte.
Aber damit war auch die Höhe der französischen Erfolge
rrreicht. Eine Diversion, welche die Franzosen vom nieder—
ländischen Kriegsschauplatze nach dem oberrheinischen hin ver—
suchten, verunglückte, noch dazu unter der Führung des
Dauphins; ja im Sommer 1694 konnte sich Ludwig von
Baden am Oberrhein mit dem Plane einer kräftigeren Offen—
sive, eines Einfalles ins Elsaß tragen; und in den Nieder—
'anden schienen die großen Aktionen infolge finanzieller Er—
schöpfung allmählich zu Rüste zu gehen.
In diese Lage haben die Ereignisse in Oberitalien noch
einmal eine unerwartete Wendung gebracht. Freilich waren
sie nicht militärischer Natur. Herzog Viktor Amadeus von
Savoyen war von Anbeginn nicht ein allzueifriger Anhänger
der Gesamtkoalition gewesen; er verfolgte das Sonderbestreben,
die Franzosen vor allem seinem Lande fernzuhalten, und ließ
ich zu diesem Zwecke die Hilfe des Kaisers und Spaniens gern
gefallen. Als aber Ludwig XIV. in Zentraleuropa nicht rasch
durchdrang, ja seine Lage bedenklich zu werden begann, da
schien dem Savoyer, der nie ganz mit ihm gebrochen hatte, die
Zeit gekommen, um einen vorteilhaften Separatfrieden mit ihm
zu machen. Im August 1696 verglich er sich mit Frankreich auf
Bundesgenossenschaft gegen die Herausgabe von Pinerolo und
Casale und die Verheiratung seiner Tochter Adelaide mit dem
französischen Thronfolger sowie einige Aussichten auf Mailand.
Das Ereignis, an sich nicht von allzugroßer Bedeutung, wurde
doch überaus wichtig durch seine mittelbaren Folgen: war es
jetzt Spanien und sterreich noch möglich, den Krieg in Italien
kräftig fortzuführen? Zumal Osterreich, das damals in schwere
Türkenkämpfe verwickelt war? Im Oktober 1696 schlossen die
        <pb n="125" />
        Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 505

Habsburger mit Ludwig XIV. einen Neutralitätsvertrag für
den italienischen Kriegsschauplatz. Das aber hatte wiederum
zur Folge, daß Ludwig nunmehr sein kriegsgeübtes italienisches
Heer, 30 000 Mann unter Catinat, auf den spanischen und
besonders den niederländischen Kriegsschauplatz werfen konnte:
ein Vorteil von außerordentlicher Art, dem die Koalition in
diesem Momente des Krieges nichts Gleiches entgegenzusetzen
hatte.

So zogen denn Friedensgedanken ein, um so mehr, als
Vergleichsverhandlungen schon seit lange schwebten, ja neben
dem kriegerischen ein mindestens ebenso intensiver diplomatischer
Feldzug ständig hergelaufen war. Am 9. Mai 1697 wurde
zu Rijswijk, in der Nähe des Haages, der Friedenskongreß
eröffnet. Und meisterhaft wiederum führte hier die französische
Diplomatie ihre Sache. Sie fand sich leicht mit den Nieder—
landen ab, deren Friedenssehnsucht man kannte, und gewann
England durch Fallenlassen der doch verlorenen Sache Jakobs II.
und Anerkennung des Königtums des Oraniers, sie besänftigte
Spanien durch Zurückgabe Luxemburgs und der südnieder⸗
ländischen Reunionen sowie fast aller jüngst eroberten Plätze
und weitere, speziell spanische Zugeständnisse: und so der
anderen Feinde ledig suchte sie ihren Vorteil gegenüber dem
unbehilflichen Körper des deutschen Reiches. Unter diesen Um—
ständen bedeutete es viel, daß schließlich, am 30. Oktober 1697,
von den Deutschen dennoch erreicht wurde: die wenn auch
verklausulierte Rückgabe des Herzogtums Lothringen, die Rück—
gabe ferner der Reunionen, mit Ausnahme derer in Elsaß,
die Zurückschraubung der elsässer Verhältnisse auf die Be—
stimmungen des Westfälischen Friedens wenigstens insofern, als
diese Bestimmungen nicht aufgehoben wurden, die Retrozession
von Freiburg und Breisach an sterreich und Philippsburgs
ind Kehls an Kaiser und Reich, und die Zerstörung aller
französischen Befestigungen rechts des Rheines und an der
Mosel. Freilich: die Rückgabe Straßburgs, die man bei
rechtem Zufassen im rechten Momente wohl hätte durchsetzen
können, war nicht erreicht worden; und im einzelnen haftete
        <pb n="126" />
        —W Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

den Friedensbestimmungen manches Wenn und Aber an, so
namentlich in der sogenannten Rijswijker Klausel zugunsten
der katholischen Konfession in den restituierten Orten, die noch
sange Anlaß zu den lebhaftesten Auseinandersetzungen, ja neuem
Zwiste gegeben hat.
Im ganzen war mit alledem sicherlich nicht die Eroberungs⸗
politik Ludwigs XIV. unschädlich gemacht und waren noch
weniger ihre Folgen beseitigt; immerhin aber war doch ein gewisser
Fortschritt des Widerstandes auf deutscher Seite unverkennbar
mit einigen Erfolgen belohnt worden; und vor allem: die
Nation und ihre Fürsten hatten mehr Erfahrung und mehr
Selbstgefühl gegenüber dem furchtbaren westlichen Gegner
errungen.
Es war freilich, wie wir bald sehen werden, zugleich zu
nicht geringem Teile das Ergebnis gleichzeitiger wichtiger Er—
folge im Südosten. Diese Erfolge aber, von weltgeschichtlicher
Bedeutung für die Erhaltung der europäischen Kultur, sind aufs
engste mit den Schicksalen Ästerreichs und des österreichischen
Hauses Habsburg verknüpft.
        <pb n="127" />
        Zweites Kapitel.

Türkenkriege und spanischer Erbfolgekrieg;
Osterreich europäische Großsmacht.

Das Mittelalter hatte in seinen letzten Jahrhunderten die
Masse der später als altösterreichisch bezeichneten Länder unter
dem Regiment des Hauses Habsburg entstehen sehen: im
wesentlichen die beiden österreichischen Lande ob und unter der
Enns, Steiermark, Kärnten, Krain und Tirol. Über den
Komplex dieser Lande hinaus waren dann die Habsburger
früh bestrebt gewesen, ihre Herrschaft auch auf die Nachbar—
lande, vor allem Böhmen und Ungarn, auszudehnen.
In diesem Sinne hatte schon König Albrecht J. in den
Jahren 1306 und 1307, nach dem Aussterben des nationalen
Herrschergeschlechts der Pkemysliden, die Vereinigung Böhmens
mit den Erblanden, wenn auch nur vorübergehend, durchgesetzt;
und als statt der Habsburger die Luxemburger in Böhmen
zur Regierung gelangten, hatte Rudolf IV. mit ihnen einen
Erbvertrag geschlossen, der den Anfall Böhmens an sterreich
ebenso vorbereitete, wie ein Erbvertrag mit den in Ungarn
herrschenden Anjous den Anfall Ungarns.
Das 15. Jahrhundert brachte dann wirklich die Personal⸗
union der Erblande, Ungarns und Böhmens durch die Ver—⸗
mählung König Albrechts II. mit der luxemburgischen Erb—
tochter Elisabeth (1437); allein sie wurde durch das frühe
Ende Albrechts und den vorzeitigen Tod seines Sohnes
        <pb n="128" />
        508 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Ladislaus Posthumus (1457) wieder aufgelöst. Nun folgten
in Böhmen und Ungarn schließlich nationale Könige, und
damit schien eine neue oder gar dauernde Einheit der drei
Reiche zunächst nicht mehr zu erwarten.
Gleichwohl kam es zu dieser Einheit im Jahre 1526.
Vorbereitet war sie durch Verträge der Habsburger mit Ungarn
(1463 und 1491), vor allem aber durch eine Doppelhochzeit
der Jahre 1521 und 1522: damals heiratete Ludwig II.,
König von Ungarn und Böhmen, Maria, die Schwester Kaiser
Karls V. und Erzherzog Ferdinands, während Ferdinand sich
mit der einzigen Schwester Ludwigs vermählte.
Nun erhielt aber Ferdinand aus dem Nachlaß seines Groß—
vaters, des Kaisers Max J., durch wiederholte Vereinbarungen,
vornehmlich den Brüsseler Vertrag vom 7. Februar 1522, von
seinem Bruder, dem Kaiser, die Herrschaft über die öster—
reichischen Lande ausgeschieden. Und in denselben Zeiten etwa,
da diese Ausscheidung vorgenommen wurde, fiel König Ludwig II.
am 29. August 1526 in der Schlacht von Mohacs gegen die
Türken: und so gingen auf Ferdinand, da der König Söhne
nicht hinterließ, als den Gemahl von dessen Schwester die
Ansprüche auf Böhmen und Ungarn über.
Es war der Moment der rechtlichen Begründung der
späteren Großmacht Österreich.
Freilich war damit noch keineswegs der politische und
tatsächliche Bestand dieser Großmacht und noch viel weniger
ihre einheitliche innere Struktur gesichert.
Was Böhmen betraf, so erkannten allerdings dessen
Nebenlande, Mähren, Schlesien und die Lausitz, das Erbrecht
Ferdinands ohne weiteres an. Aber in dem Hauptlande
hielten die Stände an ihrem Wahlrecht fest; und erst durch
ihre Kur, aus ihrem freien Willen und nicht auf Grund eines
Erbrechts, wurde Ferdinand am 24. Oktober 1526 böhmischer
König.
In Ungarn gar bestanden die Stände nicht bloß auf
ihrem Wahlrecht, sondern es kam auch zu einer Doppelwahl:
dem Habsburger Ferdinand wurde der Woiwode von Sieben⸗
        <pb n="129" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 509

bürgen, Johann Zapolya, gegenübergestellt. Zapolya suchte
darauf seine Ansprüche mit Hilfe der Türken zu verwirklichen;
ganz Ungarn wurde von diesen überzogen, am 27. September
1529 erreichten sie sogar Wien; die ungarische Königskandidatur
schien den Habsburgern den Verlust der Erblande, der west—
europäischen Welt den Einfall einer orientalischen Kriegsmacht
bringen zu sollen.
Da gelang es, die Türken in heldenmütigem Widerstande
von Wien abzuweisen, und die Kämpfe eines weiteren Jahr—
zehnts führten schließlich zu einer Teilung Ungarns unter die
drei streitenden Parteien; im Osten herrschte von nun ab
Johanns Sohn Johann Sigmund; die Mitte des Landes, mit
der Hauptstadt Ofen, verblieb den Türken; im Westen wurde
die Regierung Ferdinands anerkannt. Und erst viel später,
mit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, ist dann das
ganze Ungarn dauernd der habsburgischen Herrschaft zu—
gefallen.
Die erste Aufgabe, die der Dynastie bei dieser Entwicklung
seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, nach der Erwerbung
Böhmens und Ungarns, zufiel, war klar vorgezeichnet: es
handelte sich um die Herstellung eines vollen Erbrechts für die
neuerworbenen Lande, eines Erbrechts, wie es für die alten
Erblande bestand. Diese Aufgabe ist für Böhmen im Laufe
—D—
sich schon im Jahre 1545 die Stände zu einer indirekten An—
erkennung des Erbrechts bequemt hatten, wurde 1617 auf dem
Prager Landtage, wenn auch mit Mühe, das volle Erbrecht
anerkannt; und nach der Knechtung Böhmens durch Ferdinand II.
im Verlaufe des Dreißigjährigen Kriegs wurde sein Bestand
kaum noch bezweifelt; die verneuerte Landesordnung vom
Jahre 1627, die das Erbrecht aufstellte, ist nebst den ergänzenden
Novellen und Dekreten Kaiser Ferdinands III. (16405 bis zum
Jahre 1848 Grundlage der böhmischen Landesverfassung ge—
blieben. Böhmen trat damit in ganz ähnliche Beziehungen zur

S. unten Abschnitt II, S. 8330 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2.
        <pb n="130" />
        —310 — Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Dynastie wie die alten Erblande: jene Kombination war ge—
schaffen, aus der das heutige ÄÖsterreich im Gegensatze zu
Ungarn hervorgegangen ist.
Weniger günstig verliefen die Dinge in Ungarn. Hier
gelang es erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts,
das Wahlrecht der Stände zu unterdrücken: noch Ferdinand II.,
der Zerstörer des böhmischen Wahlrechts, mußte im Jahre 1618
von den ungarischen Ständen das Zeugnis entgegennehmen,
daß er von ihnen „nach ihrer alten Gewohnheit und immer
beobachteten Freiheit einstimmig zum König gewählt worden
sei“. Im Jahre 1687 freilich, nach dem Beginn des siegreichen
Waffenganges gegen die Türkei, zu einer Zeit, da der Kaiser
die Regierung des eroberten Landes schließlich nach absolu—
tistischem Rechte hätte durchführen können, gelang es, die
Stände zum Verzicht auf ihr Wahlrecht zu veranlassen: Erz⸗
herzog Josef J. ist damals (am 9. Dezember 1687) zum ersten
erblichen Könige Ungarns gekrönt worden.
Mit diesem Schritte war dann die Gleichartigkeit der
obersten Beziehungen der Dynastie zu ihren einzelnen Ländern
Jergestellt: überall herrschte jetzt der Grundsatz erblicher Nach—
folge. Und dieser Grundsatz fand noch im Verlaufe der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts seine besondere Bestätigung, als
in Kaiser Karl VI. der letzte Habsburger vom Mannesstamm
auf dem Throne saß und es für die Anerkennung der Nach—
folge weiblicher Nachkommen zu sorgen galt. Diese Anerkennung
vurde bekanntlich in der Pragmatischen Sanktion ausgesprochen.
Allein nun noch über das bloße Erbrecht hinaus gleich⸗
mäßige oder gar identische dynastische Beziehungen des Herrscher⸗
—0—
Vor allem Ungarn bildete ein unübersteigliches Hindernis.
Bezeichnend ist, daß sich hier die Stände sogar, als ihnen
angesonnen wurde, die Pragmatische Sanktion anzunehmen, wie
sie die Kroaten angenommen hätten, höchst erbittert dahin
äußerten, daß ihr Wahlrecht nach Aussterben der Manneslinie
des Herrscherhauses noch bestehe; und daß sie auf die Anfrage,
inter welchen Umständen sie bereit seien, von diesem abzusehen,
        <pb n="131" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 511

ganz unannehmbare Bedingungen stellten, ehe sie sich 1722/23
zur Zustimmung zur Pragmatischen Sanktion, d. h. zur Zu⸗
lassung des Erbrechts der weiblichen Linie, entschlossen.
Ungarn war eben auch in der ersten Hälfte des 18. Jahr—
hunderts noch immer ein zweifelhafter Besitz; noch hatten
starke Aufstände getobt, die nur zu leicht an der Aufstachelung
durch die westlichen Feinde sterreichs, namentlich Frankreichs,
einen Rückhalt fanden; und nur mit Mühe konnte schließlich
Maria Theresia ihre Nachfolge sichern!. Bei dieser Lage war
es natürlich niemals angegangen, die alte, besonders freiheit⸗
liche Verfassung der Ungarn zu beseitigen; sie bestand fort
und bildete im 16. Jahrhundert ebenso wie im 18. Jahrhundert
und später ein dauerndes Hindernis zur verfassungsmäßigen
Unifikation der habsburgischen Lande, trotzdem, daß die Prag⸗
matische Sanktion die staatsrechtliche Wirkung einer Realunion
aller Reiche hatte in dem Sinne, „daß kein Land sich fürder
von den übrigen lossagen kann, ohne dem bei dieser Gelegen⸗
heit gegebenen Worte untreu zu werden“.
So konnte sich denn das Bestreben der Dynastie zur Ver⸗
einheitlichung der Verfassung und der Regierung im Grunde
aur auf Böhmen mit seinem Zubehör und die Erblande erstrecken.
Und hier wiederum kann man sogleich fragen, ob denn nicht
gerade bei ihnen die Zugehörigkeit zum Reiche einer innerstaatlichen
Einheitspolitik enge Grenzen zog. Darauf ist denn freilich zu
antworten, daß der Einfluß der Reichsinstitutionen überaus
zering war. Als Könige von Böhmen waren die Habsburger
Kurfürsten, aber durch die Goldene Bulle besonders bevorzugt
und mit einem Gebiete ausgestattet, das zum Reiche nur in
loser Lehnsabhängigkeit stand. Als Erzherzoge von sterreich
aber waren sie seit alters und auch neuerdings infolge der Be—
stätigung früherer Gnaden durch Karl V. (8. September 1530)
so privilegiert, daß sie auch in dieser Stellung nur noch lose
mit dem Reiche zusammenhingen; und bildeten die Erblande
zusammen mit einigen Reichsständen, wie Trient, Brixen u. a.,

S. dazu genauer unten Viertes Kapitel, Abschnitt J.
33*
        <pb n="132" />
        —512 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. J

den österreichischen Kreis des Reiches, so lag die Bedeutung
dieser Tatsache fast mehr in dem Übergewicht, das dadurch
den österreichischen Herrschern über diese Reichsstände gegeben
wurde, als daß dadurch der Herrscherwille der Habsburger
innerhalb ihrer Lande beschränkt worden wäre.
Und so schien denn der Einheitspolitik wenigstens inner—
halb der erbländischen und böhmischen Ländergruppen nicht
oiel entgegenzustehen. —
Da hatte nun schon Kaiser Maximilian J. Anläufe zu
einer Gesetzgebung genommen, die mehreren Erblanden ge⸗—
meinsam sein sollte; seine Bergordnung vom Jahre 1517 3. B.
erhielt Geltung für alle fünf niederösterreichischen Lande: und
charakteristisch war, daß diese erweiterte Gesetzgebung sich zu⸗
nächst meistens auf Materien einer mehr entwickelten Geld⸗
wirtschaft bezog.
Gesetzgeberische Maßregeln dieser Art nahmen dann unter
Ferdinand J. stark zu, und sie betrafen nun auch Stoffe des
Privat- und des Strafrechts und des Gerichtswesens sowie
vor allem der Verwaltung. Dabei griffen sie, soweit es sich
um Anordnungen für den Verkehr handelte, vielfach über den
Bereich der alten Erblande, der zunächst in Betracht kam,
nach Böhmen hin aus; ja die einheitliche Ausmumzung nach
den Bestimmungen der Reichsmünzordnung von 1551 und
1559 wurde sogar auch in Ungarn durchgeführt: wie denn
Ferdinand überhaupt bemüht war, die Rechtsausgleichung in
seinen Gebieten im Sinne einer Annäherung an die Reichs—
gesetzgebung durchzuführen.
Aber im ganzen waren doch die Versuche, nicht bloß die
Erblande unter sich, sondern mit ihnen auch Böhmen auf dem
Gebiete der Gesetzgebung zu vereinheitlichen, im 16. Jahrhundert
noch spärlich genug. Erst die Unterdrückung der böhmischen
Selbständigkeit im Verlaufe des Dreißigjährigen Krieges er⸗
laubte fester vorzugehen. Dann strebte freilich schon die ver—
neuerte Landesordnung vom Jahre 1627 eine entschiedene An⸗
näherung der böhmischen Verhältnisse an die der Erblande an,
wie sie denn auch die Gleichberechtigung der deutschen und
der tschechischen Sprache feststellte.
        <pb n="133" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 513

Neben den Versuchen, die Lande in der Verwaltung zu—
sammenzufassen, gingen aber zugleich auch Bestrebungen her,
ungefähr das gleiche Ziel auf dem Wege ständischer Ver—
bindungen zu verwirklichen. Zwar haben sich da die Herrscher
eigenmächtigen Verbindungen der Stände verschiedener Länder
natürlich stets widersetzt: wie denn überhaupt nicht zu ver—
kennen ist, daß der Weg ständischer Einung die Gefahr hatte,
daß deren volle Durchführung dem Fürsten gegenüber einen
einheitlichen Vertretungskörper von großer und vielleicht über—
ragender Gewalt schaffen konnte. Indes scheinen Bedenken in
dieser Richtung wenigstens in den ersten Zeiten der Einungs—
versuche unter König Ferdinand J. noch nicht aufgetaucht zu
sein. Schon vor Ferdinand J. aber hatte Kaiser Maximilian J.
gemeinsame Tagungen der Ständeausschüsse seiner Länder ein—
geführt; und speziell in dem Innsbrucker Ausschußtage des
Jahres 1518 hätte man den Keim zu einer künftigen Gesamt—
vertretung der Erblande sehen können. Ferdinand hat dann
diese Politik fortgesetzt, ja nach der Erwerbung Böhmens und
Ungarns auf diese Länder auszudehnen gesucht. Indes der
Erfolg war nicht groß und eine Regelmäßigkeit irgendwelcher
Art stellte sich nicht ein; zudem ermüdete Ferdinand selbst
schließlich in den niemals ganz zum Ziele führenden Anläufen.
Später aber hat eigentlich nur Matthias noch einmal im
Jahre 1614 den Gedanken seiner Vorfahren aufgenommen,
indes in dem Sinne, daß die Vertreter der einzelnen Länder
zwar zu Linz zusammenkamen, aber ihre Antworten auf die
Vorlagen der Regierung getrennt erstatteten. Jedoch auch dieser
Versuch blieb vereinzelt, wie auch spätere Gesamtberatungen
ständischer Ausschüsse in den Jahren 1655 und 1714 erfolglos
Dderliefen.
Von noch einer anderen Seite her endlich wurde das Problem
einer Vereinheitlichung ihres Erbes seitens der österreichischen
Herrscher früh ergriffen, indem sie nämlich versuchten, einen
gemeinsamen österreichischen Adel über alle Länder hin, einen
Hofadel im weiteren Sinne zu entwickeln. Es war ein Weg
politisch-sozialer Ausgleichung, der schließlich deshalb am meisten
        <pb n="134" />
        514 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

gelang, weil ihm eine Reihe mehr selbständiger oder wenigstens
halbwegs unabhängiger Vorgänge entgegenkam.
Hierhin gehört an erster Stelle, daß sich seit dem Erwerb
von Böhmen und Ungarn der Adel dieser Länder mit dem
der Erblande am Hofe zu treffen pflegte und es infolge davon
zu Verschwägerungen kam, die zunächst im 16. Jahrhundert An⸗
gehörige des deutschen Adels vielfach in fremde Lande brachten,
wo sie mit den reichen Mitteln der heimischen Kultur bei ge—
ringerer Höhe der fremden leicht Reichtum, Einfluß und Ehre zu
erlangen wußten. Diese Einwanderung deutscher Adelselemente
erstreckte sich sogar auf das sonst sozial so abweisende Ungarn.
Hier haben schon 1559 die Tiroler Arco, 1563 die Ungnad
und Harrach, 1583 die Dietrichstein, 1572 die Rueber das
Indigenat erhalten, und ihnen folgten zu Anfang des 17. Jahr⸗
hunderts die Trautson, Herberstein, Rottal, Eggenberg. Vor
allem aber sind viele Adlige aus dem Innerösterreichischen
nach Böhmen und Mähren gewandert, z. B. die steirischen
Stubenberg schon im ersten Jahrzehnt nach Ferdinands J.
Krönung; und noch zahlreicher und mit ganz anderem Erfolg
dann zu Anfang des 17. Jahrhunderts die krainischen Thurn, die
kärntnischen Kreig und Dietrichstein, die tirolischen Colonna-Fels
und andere. Erleichtert wurde dies Überfließen zunächst des
österreichisch-erbländischen Adels vor allem nach Böhmen und
Mähren durch die Politik des Herrscherhauses gegenüber dem
Uradel der Lande. Schon infolge des böhmischen Aufstandes
von 1547, der von diesem Uradel vornehmlich getragen gewesen
war, hatte König Ferdinand J. zahlreiche Edle zur Abtretung von
Herrschaften und zur Umwandlung von Alloden in Lehnsgut
gezwungen; die Bewegungen der Jahre 1618 bis 1627 führten
dann geradezu zur Vernichtung des nationalen Uradels in
diesen Ländern. Freilich wurden damals neben deutschem Adel
auch viele romanische und nichttschechisch-slawische Elemente in
Böhmen heimisch.
Dem Überströmen vornehmlich des deutschen Adels in die
neuerworbenen Lande, dem schon im Mittelalter eine vielfache
Ausgleichung dieses Adels innerhalb der dentschen Erblande
        <pb n="135" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 515

vorausgegangen war, lief nun eine merkwürdige Vereinheitlichung
des Standes zu einem besonderen gesamtösterreichischen Land—
adel parallel. Im Mittelalter hatte man in sterreich wie
auch wohl sonst scharf zwischen dem Herrenstand und dem
Ritterstand unterschieden. Dieser Unterschied, insofern er auf
der ursprünglichen lehnsrechtlichen Unterordnung der Ritter
beruhte, hatte sich aber schon im Ausgange des Mittelalters zu
verwischen begonnen; und an die Stelle war ein anderer ge—
treten. Neben dem alten hohen Uradel bemühten sich nicht
wenige der alten Rittergeschlechter um Besserung ihrer Wappen
und Titel oder wohl gar um den Reichsfreiherrn- und Reichs—
grafenstand. Die österreichischen Herrscher als Kaiser begünstigten
diese Bewegung, doch ohne den Begnadeten die Rechte eines
freien Herren im Reiche zu verleihen: sie ließen es vielmehr
im wesentlichen bei einer bloßen Erhöhung des Titels be—
wenden. Fälle dieser Art, im 16. Jahrhundert noch selten,
wurden schon im 17. Jahrhundert häufiger, im 18. Jahrhundert
aber gradezu zahlreich: und ihre Zunahme führte zur Ent—
wicklung eines besonderen, dem Herrscherhause zunächst ver—
pflichteten, gesamtösterreichischen hohen Adels.
Und schon hatte sich unter diesem ein nicht mehr landes—
gemäß gebundener, vielmehr ebenfalls gesamtösterreichischer
niederer Adel entwickelt. Er ging aus der Adelsbriefverleihung
hervor, die bereits unter Kaiser Maximilian J. in den Finanzen
eine Rolle spielte, und die ihm Angehörigen waren zumeist
Beamte oder reiche, mit ihren Verkehrsinteressen mehr dem
Gesamtstaate als dem einzelnen Lande angehörige Bürger.
Dabei kam es nicht selten vor, daß Angehörige dieser Kategorie
sogar in den neuen Hochadel aufftiegen.
Indem sich nun diese Bewegungen vollzogen, wurde der alte
Adel entweder gezwungen, sich ihnen einzuordnen — wie denn
unter ihrem Drucke das Studium des österreichischen Uradels
an auswärtigen Universitäten sichtlich zunahm —; oder aber
er blieb zuruück und hüllte sich gleichsam in seine alten Rechte
und Gebräuche ein, deren viele ihm belassen worden waren,
soweit sie politisch nicht schaden konnten, wurde aber im übrigen
        <pb n="136" />
        516 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

von der Entwicklung übergangen. Was schließlich entstand,
war ein weitverzweigter gesamtösterreichischer Adel, aus dem
heraus das Herrscherhaus jahrhundertelang, und teilweise noch
bis zur Gegenwart, seine Beamten und Berater gewonnen hat.
Von besonderer Bedeutung wurde dabei die Kategorie
des hohen Adels. Denn sie vor allem begann tatsächlich all—
mählich eins der wesentlichsten Bindemittel des Gesamtstaates
zu werden; sie wurde darum überall im höchsten Grade be—
günstigt, wußte ungemeinen Landreichtum zu erwerben, und
hat dann im österreichischen Gesamtstaat bis auf heute eine
wichtige, oft ausschlaggebende Rolle gespielt.
Neben ihr aber kam als zweites staatserhaltendes und
einigendes Element sozialen Charakters eigentlich nur noch der
Klerus der katholischen Kirche in Betracht. Er übernahm in
diesem Reiche nationaler Gegensätze, aber kirchlicher Einheit,
wo seit den Tagen Ferdinands II. die Protestanten nur noch
in Schlesien und in sterreich unter der Enns eine beschränkte
Duldung genossen, dieselbe Rolle, die er, Vertreter einer großen
Kirche, der ein großer Staat am besten entsprach, im Mittel⸗
alter seit den Zeiten der späteren Karolinger so häufig gespielt
hat. Dabei kam aber nicht so sehr der Weltklerus in Betracht,
der vielmehr doch häufig in nationalen Spaltungen aufging,
wie die Geistlichkeit der Ordensleute, und unter ihr wieder vor
allem, ja fast ausschließlich die Jesuiten. Die Jesuiten blieben
daher bis ins 18. Jahrhundert neben dem Hochadel ton⸗
angebende Berater der Herrscher, obschon es bereits in der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts weithin bekannt war, daß
sie diesseits wie jenseits der Leitha mehr ihr eianes Heil als
das des Herrscherhauses suchten.
Neben all diesen Versuchen zur Herbeiführung einer inneren
Einheit des Staates, die schließlich doch nur auf eine starke
Begünstigung des Adels und des Klerus, vor allem des Hoch—
adels und des Jesuitenordens hinausliefen, hätte nun auch das
natürlichste Mittel einer rein politischen Verschmelzung der
einzelnen Lande in der Entwicklung einer einheitlichen mon—
archischen Verwaltung zur Verfügung gestanden. In der Tat
        <pb n="137" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 517

ist dieser im eigensten und ausschließlichen Interesse des
Herrscherhauses wichtigste Punkt schon sehr früh und energisch
von Kaiser Maximilian J. ins Auge gefaßt worden. Aber ihm
stellte sich seit dem Jahre 1564, seit dem Tode Kaiser
Ferdinands J. ein Hindernis entgegen, das noch bis in die
Zeiten Josefs J. hin hemmend gewirkt hat. Man weiß nicht,
aus welchen Gründen derselbe Ferdinand J., der immer so
eifrig bemüht gewesen war, zu zentralisieren, schließlich selbst
gegen den Willen einzelner Landschaften seines Reiches eine
Teilung der deutschen Erblande unter seine Erben angeordnet
hat. Genug, nach seinem Tode erhielt sein ältester Sohn, der
spätere Kaiser Maximilian II., neben Böhmen und Ungarn
nur die beiden sterreich als Erbe, während von den jüngeren
Söhnen Ferdinand das mittlere Tirol nebst den Vorlanden
am Rhein und Karl die sogenannten innerösterreichischen Länder,
Steiermark, Kärnten und Krain nebst Görz zugeteilt wurden.
So entstanden denn drei Linien in den Erblanden, wenn auch
Maximilian II. die Gesamtvertretung des Reiches nach außen
erhielt, und erst im Jahre 1619 vereinigte die jüngste dieser
Linien unter Ferdinand II., dem Sohne Karls, nach dem
Wegfall der beiden älteren wieder den Gesamtbesitz des Hauses.
Natürlich war die Folge dieser Erbteilung wie eine Unter⸗
brechung der Zentralisationsbestrebungen überhaupt, so vor
allem der Verfall der bisher mühsam entwickelten Zentral—
instanzen des Gesamtstaates: von nun ab gab es nicht bloß
bis zum Jahre 1619, sondern noch auf viel längere Zeit im
Grunde neben der niemals beseitigten ungarischen Zentrale und
der noch sehr selbständigen böhmischen Zentrale in Prag drei
erbländische Zentralen in Wien, Junsbruck und Graz, und die
beiden letzteren wurden erst später, im Verlauf des 17. und
18. Jahrhunderts wieder zugunsten Wiens eingezogen.
Rechnet man nun zu diesem Hindernis noch das weitere,
das sich freilich in fast allen absoluten Monarchien wiederfand,
daß die Ausbildung der Zentralstellen im hohen Grade von
dem Charakter, der Willenskraft und der Arbeitsfreudigkeit des
seweils regierenden Monarchen abhängig war, so begreift man,
        <pb n="138" />
        318 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

daß die konsequente Entwicklung einer zentralen Verwaltung,
die durchgreifend das Verwaltungsgetriebe der einzelnen Länder
beeinflußt hätte, mit den größten Schwierigkeiten verknüpft blieb.
Im einzelnen ist dabei die Entwicklung, soweit sie all—
gemeinere Züge aufwies, die folgende gewesen. Zunächst be—
stand, schon im Anfang des Jahres 1527, ein Hofrat, der
zugleich für das deutsche Reich und die österreichischen Erblande
funktionierte, und zwar als oberste Beratungsbehörde des
Herrschers in Verwaltungssachen und als Revisionsbehörde in
Rechtsstreitigkeiten. Aus ihm heraus trat dann schon sehr
früh unter Ferdinand J., als ein „Ausbruch aus dem Hofrat“,
der Geheime Rat, eine heimlichere Beratungsbehörde in allen
„hochschweren“ Sachen, vor allem fürs Auswärtige, lange Zeit
hindurch mit wenig abgegrenzter Kompetenz und Personal-⸗
verfassung. Aus diesem Geheimen Rat entwickelte sich darauf,
in Anfängen etwa seit Mitte des 17. Jahrhunderts, klarer erst
unter Kaiser Leopold J. im Jahre 1669 die Geheime Konferenz;
maßgebend für ihre Bildung war dasselbe Motiv wie einst für
die Entstehung des Geheimen Rats: das Bedürfnis einer engsten
Beratung. Dieses Bedürfnis aber führte dann noch weiter,
indem, im Gegensatz zu der Ansicht Leopolds J., unter Josef J.
und Karl VI. aus dem Obristhofmeister, bisher dem stell—
vertretenden Vorsitzenden der Geheimen Konferenz, ein Premier⸗
minister oder Kanzler entwickelt wurde.
Dieser Tendenz zur Zentralisation, zur Arbeitsvereinigung
in einer Spitze, lief aber naturgemäß zugleich die Nötigung
parallel, den Beschlußstoff für die oberste Behörde arbeitsteilig
vorzubereiten. Dies war seit etwa Mitte des 17. Jahrhunderts
die Aufgabe der Hofkanzlei, während der Hofrat nun reine
Reichsbehörde wurde und die Mitgliedschaft am Geheimen Rat
im wesentlichen zur Titulatur herabsank.
Dementsprechend hätte sich die Hofkanzlei nun in Ministerien
gliedern müssen, und zwar, da schon seit 1527 und 1556
unabhängig von den bisher besprochenen leitenden Behörden
ein Finanzministerium in der allgemeinen Hofkammer und ein
Kriegsministerium im Kriegsrat bestanden, in solche etwa des
        <pb n="139" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 519

Außeren, des Inneren und der Justiz. Denn tatsächlich be—
arbeitete die Hofkanzlei etwa die Aufgaben dieser Ministerien.
Allein zu einer solchen Gliederung kam es nicht. Vielmehr
trat statt der fachlichen eine regionale Teilung, ja fast ein
Zerfall der gesamten Verwaltung nach Ländern ein, für den
die Ferdinandeische Erbteilung von 1564 böse Vorbilder ge—
schaffen hatte. Natürlich waren nach dieser Erbteilung besondere
Hofkanzleien für Innerösterreich und Tirol gegründet worden.
Nun hatte man zwar diese Kanzleien nach dem Wiederanfall
der Lande an die kaiserlichen Gebiete nach Wien gezogen und
dem Wiener Hofkanzler unterstellt, aber man hatte sie nicht
aufgehoben. Da begannen sich denn nach dem Muster dieser
Kanzleien die bisherigen Abteilungen der Wiener Hofkanzlei für
Böhmen und Ungarn zu selbständigen Behörden auszubilden,
und es folgte 1695 eine besondere siebenbürgische, unter Karl VI.
auch noch eine italienische und eine niederländische Kanzlei:
so daß nunmehr für die eigentliche Regierung an Stelle des
zentralistischen Systems der Realressorts das dezentralisierende
Regionalsystem durchgeführt war: eine Entwicklung, deren Be—
seitigung später ungemeine Schwierigkeiten gemacht hat.
Ja die dezentralisierende Tendenz sprang sogar auf die der
allgemeinen Regierung von Anbeginn fern gehaltenen Ressorts
der Finanzen und des Krieges über. Nur mit Mühe gelang
es 1709, die innerösterreichische und die Tiroler Hofkammer,
die aus der Erbteilungszeit noch bestanden, mit der Wiener
Hofkammer zu vereinigen und diese 1714 zu reorganisieren:
was übrigens nicht ohne große Fehler geschah: denn da neben
ihr zugleich eine Universalbankalität eingesetzt und eine ständige
geheime Finanzkonferenz eingerichtet wurde, die bis 1741 be—
stand, so gab es nun im Grunde drei oberste Finanzstellen.
Und selbst der Wiener Kriegsrat behielt noch auf längere Zeit
einen Doppelgänger in dem Kriegsrate für Innerösterreich.
War so die Entwicklung der Zentralen in sich bis ins 18. Jahr⸗
hundert hinein nicht eben glücklich, wenigstens soweit sie dem
Durchdringen der Gesamtstaatsidee Vorschub leisten sollte, so
begreift sich, wenn die Mittel- und Uunterinstanzen in den
        <pb n="140" />
        520 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

einzelnen Ländern von zentralistischen Tendenzen erst recht
nicht getroffen wurden. Das um so weniger, als diese Mittel⸗
und Unterinstanzen zum großen Teile im Laufe des 16. und
17. Jahrhunderts erst zu entwickeln waren. Denn auf diesem
Gebiete stieß die landesfürstliche Verwaltung auf jenes überall
verbreitete Element, das jeder Vereinheitlichung der einzelnen
Länder unter allen Institutionen am entschiedensten entgegenstand
und auch am erfolgreichsten widerstrebt hat: auf die Stände.
Waren die Versuche, nicht bloß eine Einheit der dynastischen
Rechte, sondern womöglich auch sonst eine verfassungsmäßige
oder gar eine administrative Einheit zwischen den verschiedenen
Ländern, den Erblanden, Ungarn und Böhmen, herbeizuführen,
von so geringem Erfolge, so gab es dafür auch schon in der
allgemeinen Lage der habsburgischen Staaten durchschlagende
Gründe. Halten wir uns, abgesehen von vielen anderen, nur
den einen gegenwärtig, daß nur in geringem Grade Kultur⸗
erscheinungen vorhanden waren, welche eine stärkere Einheit
der Verfassung und Verwaltung in den verschiedenen Ländern
dringlich machen konnten. Es gab kein einheitliches Geistes—
leben aller dieser Länder, ja kaum der alten deutschen Erb—
lande, und mehr: es gab auch keinen Einheitsdrang auf
sozialem und wirtschaftlichem Gebiete. Himmelweit voneinander
verschieden war die gesellschaftliche Lage Böhmens und Ungarns;
und in den Erblanden, wo die gemeinsame deutsche Kolonial—
entwicklung auf sozialem Gebiete wie auf dem der Wirtschaft
einen einheitlichen Oberbau hätte entstehen lassen können, war
dieser wesentlich durch geographische Momente verhindert worden.
Im norddeutschen Kolonialgebiet hatte der ebene Charakter
des Landes und seine Durchfurchung durch große Ströme der
Entwicklung gegenseitigen Verkehrs und einer reichen Blüte
städtischen Lebens zugedrängt. Im Südosten verhinderten die
unübersichtlichen Gebirgszüge des Alpengebietes einen solchen
Verkehr, und nur wenige Fruchtebenen gestatteten größere
städtische Entwicklung: fast nur Wien war eine wirkliche
Großstadt im Sinne der Zeit; weit weniger konnte das von
Innsbruck oder Graz gelten, von kleinen Städten wie Villach
        <pb n="141" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 52)

oder Klagenfurt oder Laibach zu schweigen. Des weiteren
durchzog den Norden der gewaltige Handelsstrom der Hansa,
indem er zugleich eine leichte Verbindung mit Rußland, den
nordischen Ländern, den Niederlanden und England herstellte;
dem Südosten dagegen stand in der Richtung seiner natürlichsten
Entwicklung, donauabwärts, eine Mauer orientalischer Unkultur
entgegen, während der Aufstieg zum eigentlichen Deutschland
begrenzt war und Venedig die Herrschaft der Adria an sich
gerissen hatte.
Was alle diese Momente bedeuteten, ergibt sich leicht, wenn
man sich vergegenwärtigt, daß der geschichtliche Fortschritt
wesentlich auf der Herstellung wirklicher seelischer Beziehungen
zwischen denjenigen Menschen beruht, die durch irgendwelche
Ereignisse zu einer staatlichen oder sonstigen menschlichen Ein⸗
heit zunächst äußerlich zusammengeschlossen sind. Woher sollten
da in den habsburgischen Landen die autonomen Antriebe des
Kulturlebens zu staatlicher Zentralisation kommen? Das
Herrscherhaus wurde von ihnen so wenig unterstützt, daß es,
wie wir wissen, selbst für die Erblande, da wo es unbeschadet
der dynastischen Rechte hätte gewagt werden können, das alte
Prinzip dynastischer Teilung noch nicht ganz oder wenigstens
nur sehr allmählich verlassen hat.
So ließ sich also voraussehen, daß es trotz aller Versuche
der einzelnen Herrscher und trotz der günstigen Zeitströmung, die
überall mit dem Begriffe der Staatswohlfahrtspflege zentralistische
und absolutistische Fortschritte zuließ, ja forderte, sowie trotz der
günstigen Wirkungen des römischen Rechts in gleichem Sinne
zu einer stärkeren Zentralisation im 16. Jahrhundert und der
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht kommen würde.
Was aber eine Voraussicht in dieser Richtung besonders
leicht machte, das war doch die Tatsache, daß es überall in
den habsburgischen Ländern des 16. Jahrhunderts ein überaus
kräftiges ständisches Element gab, das sich als Träger der
lokalen Interessen gegenüber den zentralen, der sozial—
aristokratischen Zustände, wie sie bestanden, gegenüber den
monarchischen Forderungen des Herrscherhauses fühlte.
        <pb n="142" />
        522 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Die Stände wurden auch in den habsburgischen Ländern
von jenen Schichten der mittelalterlichen Gesellschaft gebildet,
deren einfache Unterwerfung unter den landesherrlichen Willen
den Fürsten nicht gelungen war, und die sich daher zur Mit—
sorge fur das Land und demgemäß auch zur Mitregierung
berufen fühlten. Es war an erster Stelle die alte grund—
herrliche Aristokratie geistlichen und weltlichen Teils in ihren
verschiedenen Abstufungen, daneben, in den verschiedenen Ländern
berschieden, aber nirgends sehr stark vertreten, der Städtekranz
des Landes, endlich in Tirol auch das in Landgerichten zu⸗
sammengefaßte freie Bauerntum.
Als hauptsächlichstes Recht der Landstände erscheint dabei
seit dem 16. Jahrhundert wie schon früher überall die Be—
willigung außerordentlicher Geldmittel und die Lieferung land—
schaftlicher Truppen, an deren Stelle später die Bewilligung für
den Landesherren trat, eine bestimmte Zahl von Söldnern an—
zuwerben. Ein grundsätzliches Recht, die Zustimmung in diesen
Dingen von der Erfüllung landtäglicher Wünsche abhängig zu
denken, bestand nicht; wohl aber wurden bei dieser Gelegenheit
stets Wünsche und Beschwerden der Stände vorgebracht, über
deren Erfüllung und Beseitigung auch von der Regierung eine
Verständigung gesucht wurde. Beratungen über Bewilligungen
dieser Art und daran anknüpfende Verhandlungen über das
auf dem Wege der Gesetzgebung zu hebende Wohl des Landes,
so wie dies von der ständischen Interessenvertretung verstanden
wurde, wurden von Zeit zu Zeit wohl von allen versammelten
Ständen mit der Regierung gepflogen. Allein daneben be—
durfte es auch einer fortwährenden Vertretung der Stände
zur Einnahme der ständischerseits bewilligten Steuern, zur
Aushebung der verwilligten Truppen, die zumeist noch unter
ständischem Kommando standen, zur Vorbereitung ständischer
Wünsche und Beschwerdeschriften, ja, da die landesfürstliche
Verwaltung sich vielfach noch auf die bloße Administration der
fürftlichen Grundherrschaften und Regalien beschränkte, zur
allgemeinen Verwaltung des Landes überhaupt. Diesem Zwecke
dienten nun in den Erblanden — mit Ausnahme etwa Tirols —
        <pb n="143" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 523

seit Kaiser Maximilian J. ganz allgemein ständische Ausschüsse,
um, wie es einmal heißt, das Wirtschaftswesen des Landes
„zu besorgen, der Herren Stände Beschlüsse zu exequieren und
deroselben Gerechtsame und Privilegia zu conservieren“. Ent—
nommen wurden dabei die Mitglieder (Verordnete) der Aus—
schüsse fast durchweg dem Adel, außer in Krain, wo bis 1579
vereinzelt auch Burger gewählt wurden, und von Ästerreich
ob der Enns, wo nach der Instruktion von 1661 auf acht
Verordnete auch zwei Vertreter der Städte und Märkte zu
stellen waren. Etwas anders war die oberste ständische Landes—
regierung — denn auf eine solche fast lief das Wesen der
Ausschüsse heraus — in Böhmen und Mähren geordnet. Hier
wurden zwar auch nach Bedürfnis Spezialausschüsse gewählt,
ständig aber fiel die Landesregierung den sogenannten obersten
Landesoffizieren zu, Beamten, die, von den Ständen gewählt,
sowohl dem Lande wie dem Herrscher eidlich verpflichtet wurden.
Erst später sind dann auch in Böhmen und Mähren ständische
Ausschüsse eingerichtet worden.
Allein mit Landesoffizieren und Landesausschüssen war
nun die Entwicklung ständischer Regierungen keineswegs schon
beendet. Vielmehr bildeten diese Behörden nur das Haupt
weitverzweigter ständischer Zentral- und teilweise auch Lokal—
verwaltungen. Da gab es als Zentralen eine ständische Kanzlei
mit einem Sekretär oder Syndikus an der Spitze, eine Finanz⸗
stelle mit zahlreichem Personal, eine Militärverwaltung mit
ständischen Offizieren, in den Zeiten des ständischen Protestan⸗
tismus auch eine Art Kultusstelle: landschaftliche Prediger und
Schulmeister: von landschaftlichen Münzern, Ärzten, Buch—
druckern, Baumeistern, Malern, ja Reit- und Tanzlehrern und
Hebammen usw. bis zu den Köchen hinunter zu schweigen.
Und außerdem fungierte noch eine ständische Lokalverwaltung
in Kreisen oder Vierteln, die dann an manchen Stellen, z. B.
in Böhmen, wieder ihre eigenen Stände hatten.
Wie sollten nun die landesfürstlichen Regierungen, durch
keine schroff und energisch organisierte allgemeine Zentrale
unterstützt, gegen diese geschlossenen Verwaltungen aufkommen,
        <pb n="144" />
        524 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

die in allen ihren Zweigen durch Gegenverwaltungen hätten
hekämpft werden müssen? Die Aufgabe erschien fast unlösbar.
Eingreifen konnte man von landesfürstlicher Seite her
vornehmlich an zwei Stellen. Man konnte einmal auf den
Gebieten der Finanzen und des Heerwesens, in deren Be—
arbeitung Stände und Herrscherhaus vor allem zusammentrafen,
die fürstliche Gewalt zu betonen suchen. Und man konnte
zweitens die eigene Verwaltung der einzelnen Stände, die ja
entweder als Adlige Grundherren waren oder als Bürger eine
städtische Verwaltung hatten, an dieser Stelle zu beeinflussen
suchen, um so ihre partikulare Selbständigkeit und damit
indirekt auch die Selbständigkeit ihrer Landesregierung zu
untergraben.
Beide Wege sind eingeschlagen worden.
Freilich der zweite versprach zunächst nicht eben viel
Erfolge. Wollte man die Grundherren in ihrer lokalen Wirt⸗
schafts- und Gerichtsverwaltung wirklich entscheidend beeinflussen,
so bedurfte es hierzu einer Intensität der landesfürstlichen Lokal—
verwaltung, die eben in keiner Weise schon vorhanden war.
Das um so weniger, als die Grundherren gerade in den habs⸗
burgischen Ländern als im deutschen Kolonialbereiche vielfach über
ganz geschlossene Gebiete verfügten, in denen sie geradezu kleine
Regenten in fast jeder Hinsicht waren — sie selbst und andere
sprechen im 16. und 17. Jahrhundert wohl geradezu von der
„Regierung ihrer Herrschaften“ — und als sich ihre Bezirke
weiterhin der landschaftlichen Zentrale und den ihr unter—
geordneten Behörden oft einfach als unterste Verwaltungskreise
unterstellten: denn gewiß war der Grundherr als Mitglied der
Stände die geeignetste Kraft zur Ausführung der Beschlüsse
dieser innerhalb seiner Grundherrschaft.
Wie sollte nun die fürstliche Regierung und Verwaltung
gegen all dies mit Erfolg vorgehen? Was zunächst die wirt—
schaftliche und soziale Seite der Grundherrschaft anging, so
blieb diese anscheinend bis ins 18. Jahrhundert hinein von
stärkeren fürstlichen Eingriffen gänzlich unberührt, erfaßbar
erschien nur die gerichtliche Seite. Hier hatte das Herrscher—⸗
        <pb n="145" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 525

haus in der Tat seit alters in den vielfach zerstreuten Gerichten
eignen Rechts wenn auch nicht ganz regulär verteilte Stütz—
punkte, von denen aus es daran denken konnte, in die grund—
herrliche Rechtspflege einzugreifen. Aber auch dies geschah nur
in der Strafrechtspflege und frühestens seit dem 16. Jahrhundert.
Seit dieser Zeit finden sich landesfürstliche Bannrichter ernannt,
für deren jeden der ganze exekutorische Apparat eines Straf—
gerichts entwickelt wird, Gerichtsschreiber, landesfürstlicher An—
kläger und Scharfrichter; und in den Ländern, wo die landes—
herrliche Rechtspflege am entschiedensten durchgreift, werden
die Grundherren, welche die peinliche Gerichtsbarkeit besitzen,
angehalten, entweder in eigner Person Recht ergehen zu lassen
oder aber sich des landesfürstlichen Bannrichters zu bedienen.
Das ist aber auch die einschneidendste Maßregel, mit der
man der Selbstverwaltung der adligen Stände im 16. und
17. Jahrhundert überhaupt zu Leibe gegangen ist. Viel leichter
durch die Landesgewalt zu erfassen erschienen demgegenüber die
Städte, einmal schon deshalb, weil sie nicht so lokal zerstreut
und weit verteilt waren wie die adligen Grund- und Gerichts—
herrschaften, dann auch deshalb, weil ihre staatliche Beeinflussung
von den Ständen, unter denen sie keine große Rolle spielten,
längst nicht in dem Grade hart empfunden wurde, wie Ein—
griffe in die Privilegien des Adels.
In der Tat ist es für die allgemeine Lage in den habs—
burgischen Gebieten wie die Bedeutung des Bürgertums in
ihm charakteristisch, wie entschieden und früh sich der Staat
in die städtische Selbstverwaltung eingeschoben hat.
Zunächst ist es in den ganzen österreichischen Landen
niemals zur Entwicklung einer Reichsstadt gekommen. Wie
weit man aber im übrigen in der Bevormundung auch größerer
Städte zu gehen wagte, zeigt nichts besser als die Behandlung
eben der größten Stadt, Wiens.
In Wien gab es vom Mittelalter her noch zwei landes—
fürstliche Beamte, die dem Wesen nach durch die ganze ab—
solutistische Periode erhalten blieben: den Stadtrichter als Vor⸗
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 34
        <pb n="146" />
        526 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

sitzenden des Stadtgerichts und den Stadtanwalt als Vertreter
der Regierung im Stadtrate und Aufsichtsbeamten für den
Vollzug der landesfürstlichen Verordnungen. Daneben war
im Mittelalter der Stadtrat als eine freie autonome Behörde
entwickelt worden.
Da machte nun schon Kaiser Maximilian im Jahre 1517
die Bestätigung der Wahlen der Mitglieder des Stadtrates
und des Bürgermeisters von einer Untersuchung der Regierung
darüber abhängig, ob die Gewählten auch zu „solchen Aembtern
geschickt, nutzlichen und guet“ seien. Und 1526 erließ dann
Ferdinand J. eine Stadtordnung, die die städtische Autonomie
und vor allem die freie bürgerliche Entwicklung aufs ärgste
unterband, die aber gleichwohl bis zur Regelung des Wiener
Magistrats durch Kaiser Josef II. im Jahre 17883 in Kraft
geblieben ist. Hiernach wurden die zwölf Beisitzer des Stadt⸗
gerichts von nun ab vom Landesfürsten frei ernannt; bestand
ferner der eigentliche Stadtrat aus zwölf Personen, welche
aus der Mitte der behausten Bürger, die aber kein Handwerk
betreiben durften, genommen wurden; trat endlich neben den
Stadtrat ein weiterer Rat von 76 Personen, zu dem die
Handwerker freilich Zutritt hatten, der aber, dem Stadtrat
untergeordnet, von diesem nur in außerordentlichen Fällen
herbeigezogen wurde. Hört man nun noch, daß die Ergänzung
dieser Körperschaften von im ganzen 100 Personen durchaus
aristokratisch und nach dem Grundsatze der Inzucht erfolgte,
zudem auch noch vom Landesfürsten abhängig war, so begreift
man, daß unter solchen gebundenen Lebensformen ein frohes Er⸗
blühen wahrhaft bürgerlicher Interessen nicht zu erhoffen war.
Die Wiener Verfassung wurde aber im allgemeinen vor⸗
bildlich nicht bloß für die Städte der altösterreichischen Lande,
deren kleinere nicht einmal einen autonomen Bürgermeister,
sondern statt dessen einen königlichen Richter besaßen, sondern
seit dem Aufstande von 1547 auch für die böhmischen und
nach der Schlacht am Weißen Berge auch für die mährischen
Städte; namentlich wurde in Böhmen und Mähren ein Beamter
nach Art des fürstlichen Stadtanwalts in Wien eingeführt,
        <pb n="147" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 527

eine Aufsichtsinstanz, ohne deren Einwilligung sogar keine
Gemeindeversammlung einberufen werden durfte.
Zieht man jetzt aus dieser Behandlung der Autonomie der
einzelnen Ständemitglieder, des Adels wie der Bürger, das
Fazit, so ergibt sich, daß ein Einfluß der Dynastie auf den
ständisch wichtigen, ja ausschlaggebenden Adel auf diesem Wege
kaum gewonnen wurde, während die Eingriffe gegen die
ständisch weniger bedeutenden Bürgerschaften so groß waren,
daß deren Entwicklung in keinem Falle gefördert, sondern eher
unterdrückt wurde.
Allein daneben ließ sich nun auf die Stände auch noch auf
einem anderen Wege anscheinend weit energischer einwirken:
durch Beschneidung der oberen ständischen Verwaltung. Und
hier waren es, wie wir schon hörten, vor allem zwei Materien,
die dabei zu fürstlichen Eingriffen Anlaß geben konnten: das
Kriegswesen und die Finanzen.
Die mittelalterliche Kriegsverfassung hatte in Ögsterreich,
wie überall in Deutschland, dem Herrscherhause zwei Kategorien
von Kriegern zur Verfügung gestellt, die der Kriegsverfassung
der Urzeit und der des Lehnstaates entsprachen: das allgemeine
Aufgebot und die Vasallen. Beides aber waren Formen der
Wehrverfassung, die sich mit Ausgang des 185. Jahrhunderts
immer mehr als veraltet ergeben hatten. Das Aufgebot diente
wesentlich nur der Landesverteidigung; Kaiser Maximilian J.
aber und seine Nachfolger führten vielfach Angriffskriege und
suchten auch die Verteidigung des Landes nach Osten zu gern
im Angriff. Das Vasallenheer seinerseits war nur gegen
Vasallenheere brauchbar; Kaiser Maximilian J. aber führte
wichtige Kriege gegen Venedig, in denen ihm weit überlegene,
gut disziplinierte Söldnerheere gegenübertraten.
Unter diesen Umständen begriffen Stände und Fürsten
zugleich, daß der Übergang zu Söldnerheeren unausweichlich
war; und schon im 16. Jahrhundert wurde darum die Ein—
berufung des Vasallenheeres auf seltene Fälle beschränkt, um
zu Anfang des 17. Jahrhunderts gänzlich zu schwinden. Statt
dessen hat dann schon Maximilian J. die Söldnertruppe der
34 *
        <pb n="148" />
        528 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

deutschen Landsknechte begründet!. Diese Truppe bedurfte
nun aber der Besoldung; und damit wurde die militärische
Frage eine finanzielle und geriet als solche auch an die Stände.
Die Stände also waren es jetzt, welche dem Fürsten eine
bestimmte Soldtruppe bewilligten, die diese Truppe meistens
sogar selbst aufstellten, oder deren Besoldung wenigstens in ihrer
Hand behielten; und ihre Bewilligungen erfolgten stets nur
auf Zeit, ja zumeist nur auf einige Monate.
Natürlich wurden dadurch die ständischen Finanzen für
den Staat von ganz anderer Bedeutung als bisher. Eben⸗
bürtig, ja überragend traten sie neben die Einnahmen des
Herrscherhauses aus Regalien und fürstlicher Grundherrschaft;
und zu ihrer Veranlagung und Verwaltung wurde ein ganzes
ständisches Beamtenheer notwendig.
Da hätte nun die Dynastie den Einfluß der Stände in
doppelter Weise schwächen können: einmal dadurch, daß sie
darauf hielt, daß die bewilligten Steuern auch wirklich von
den Ständen getragen wurden, und dann dadurch, daß sie die
ständische Verwaltung allmählich durch eine fürstliche ersetzte.
Allein auf keinem dieser beiden Wege hatten die Habs—
burger des 16. und selbst des 17. Jahrhunderts auch nur den
geringsten Erfolg. Was die Steuerlast angeht, so wurde diese
schon im Laufe der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ganz
allgemein zum größten Teile, und zwar mit ausdrücklicher
Zustimmung der Herrscher, auf die ständischen Untertanen ab⸗
gewälzt; und seitdem ist es dann wohl ab und zu noch zu
einer Belastung auch der Stände selbst gekommen; grund—
sätzlich aber verlief die Entwicklung in der Richtung immer
stärkerer Befreiung gerade dieser. Die Besteuerung gab mithin
den Ständen wohl Anlaß, gelegentlich der Bewilligung neuer
Steuern die Regierung in ihrem Interesse in Anspruch zu
nehmen, traf sie aber im übrigen nur sehr wenig: und eine
Erweiterung daher, nicht eine Schmälerung der Macht der
Stände war die Folge.

S. Band VI S. 421 ff.
        <pb n="149" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 529

Was aber die Finanzverwaltung angeht, so verliefen da
die Dinge im Grunde noch schlimmer. Gewiß gab es eine
der ständischen parallel laufende fürstliche Finanzverwaltung
für die vielen indirekten Steuern, die die Herrscher unabhängig
von den Ständen auf Grund alter Reichsprivilegien erhoben.
Aber sie war und blieb heillos zerrüttet, trotz aller Bestrebungen,
sie besser zu organisieren. Schon Kaiser Maximilian J. kam
hier nicht vorwärts, da er schwer verschuldet war; selbst der
Umstand half nicht, daß er einen Teil seiner Einkünfte 1502
durch den Gossembrotschen Vertrag geradezu unter Sequester
stellte. Und ein Jahrhundert später ist die Lage noch genau
dieselbe. Ein Vortrag Khlesls an Kaiser Matthias vom Jahre
1618 beginnt mit den verzweifelten Worten: „Allergnaedigfter
Khayser und Herr, ich schreie immerzue Kammer, Kammer,
Kammer, sonst sein wier, so wahr Gott ist, ruiniert.“ Und
wieder ein Jahrhundert später (17038) meinte Prinz Eugen
bitter: „Ja wenn die ganze Monarchie auf der äußersten Spitze
stehen und wirklich zugrunde gehen sollte, man aber nur mit
50000 fl. oder noch weniger in der Eile aufhelfen könnte, so
müßte man es eben geschehen lassen und vermöchte dem Übel
nicht zu steuern.“
Auch aus diesen Außerungen erhellt immer wieder derselbe
Grund, warum man auch in der Ausbildung der fürstlichen
Finanzverwaltung nicht vorwärts kam: man hatte heillose
Schulden, mußte zu den schnödesten Wucherzinsen leihen und
wurde in der Verwaltung schwer betrogen. War dem aber
so: wie hätten da die fürftlichen Landesverwaltungen die
ständischen matt setzen sollen?
So versagte auch dies letzte Mittel: und für das 16. und
17. Jahrhundert darf man es aussprechen, daß die Dynastie
die Macht der Stände aus eigenen Mitteln niemals hätte
brechen können, und daß es ihr darum um so weniger möglich
gewesen wäre, über den Willen der Stände hinweg die Länder
zu einem Gesamtstaat zu vereinigen.
Da wurde dem Herrscherhause von einer mächtigen Seite
her geholfen: von der alten Kirche. Die Gegenreformation
        <pb n="150" />
        330 J Einundzwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.

bedeutet in Österreich Stabilierung der Monarchie, des
Absolutismus und bis auf einen gewissen Grad auch des
Zentralismus.
Das Luthertum hatte sich in den deutsch-österreichischen
Ländern nicht minder rasch verbreitet als sonst in Gebieten
deutscher Zunge. Seinem Einfluß fielen zuerst die Bergleute
der Alpenländer anheim, dann folgten die adligen Stände,
die Bürger und schließlich auch die Bauern. Schon auf dem
zu Augsburg abgehaltenen Generallandtage des Jahres 1526
wurde daher von den Ausschüssen der Stände aller Erblande
die Bitte ausgesprochen, das Evangelium möge allenthalben
durch geschickte Prediger frei von Furcht und Sorge verbreitet
werden. Wo man also auch hinblickte, sproßten die Saaten
des Evangeliums; und selbst in dem steinigten Boden des Hofes
gingen seine Keime auf. Die Dynastie freilich blieb katholisch.
Nicht als ob nicht auch in ihr protestantische Neigungen ver—
breitet gewesen wären. Man kennt das wunderbare geistliche
Lied, das Maria, der Schwester Ferdinands J., zugeschrieben
werden konnte; Ferdinand selbst duldete wenigstens Protestanten
in seiner Nähe; und Kaiser Maximilian II., sein Sohn, hat
starke protestantische Anwandlungen gehabt. Allein von vorn—
sjerein war die Stellung des Herrscherhauses zum Evangelium
durch die Politik Karls V. festgelegt. Und diese war, schon
durch die Rücksicht auf die außerdeutschen Länder des Kaisers
veranlaßt, katholisch.
Aber auch durch die innere Lage ihrer Länder wurden
die österreichischen Herrscher der Ablehnung der Reformation
zugedrängt. Hätten sie den Übertritt zum Luthertum voll—
zogen, so hätten sie den ständischen Kampf mit Bürgern und
Bauern und einem Teile des Adels gegen die Prälatenbänke
durchführen müssen. Wäre dies möglich gewesen? Schwerlich:
denn die Bauern waren nur in Tirol ständisch organisiert,
das Bürgertum war überall schwach entwickelt, und der Adel
würde bei Bedrohung der geistlichen Stellen durch die Fürsten
wohl ebenso zahlreich, wie teilweise in Deutschland, wieder zur
alten Kirche abgeschwenkt sein.
        <pb n="151" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 531

Aber auch indem die Dynastie katholisch blieb, ergaben
sich schwere Folgen für die innere politische und staatsrechtliche
Lage.
Die Stände, an sich schon in gewissem Sinne die Anti—
poden der Dynastie, wurden jetzt ausgesprochene Träger auch
der evangelischen Bewegung unter der allgemeinen Sympathie
der Bevölkerungen; Herren und Bürger unter den Ständen
fanden sich gerade in diesem Punkte aufs engste zusammen, und
zu der bisherigen politischen Spannung zwischen Ständen und
Fürst kam die religiöse. Ja mehr. Bei der Bedeutung der
religiössen Fragen im 16. Jahrhundert nahm die religiöse
Spannung die politische in sich auf: der Ruf: hie Stände, hie
Fürsten wich dem Rufe: hie Evangelium, hie alte Kirche und
Papst.
So wurde denn der Bestand und — unter dem Beistand
der alten Kirche — die Bekämpfung der lutherischen Lehre
zum Prüfstein des Machtverhältnisses zwischen Fürsten und
Ständen: waren diese evangelisch, so ist die Gegenreformation
zu einem Werke vornehmlich fürstlich-absolutistischer Bestrebungen
geworden, so sehr auch die Fürsten, die sie durchführten, zugleich
gläubige Katholiken gewesen sind.
Die Gegenreformation fiel in den österreichischen Erblanden
zunächst in die Zeiten der getrennten drei Linien (164 51619),
der kaiserlichen, die in den eigentlichen Stammlanden an der
Donau, und der beiden anderen, die von Graz und Innsbruck
aus herrschten. Sie verlief demgemäß anfangs nach diesen
Ländern getrennt und darum verschiedenartig.
Am folgerichtigsten wurde sie in Tirol durchgeführt. Hier
traf zusammen, daß Erzherzog Ferdinand II. ein überaus
entschiedener Katholik war, und daß keine äußeren Gefahren
den Einfluß der Stände stärkten und dem Werke der Ver—
treibung der Protestanten — denn hierauf lief die Gegen—
reformation wenigstens für die besseren Schichten des Volkes
zumeist hinaus — hindernd entgegentraten.
Weniger entschieden gelang die Unterdrückung des Pro—
testantismus in Steiermark, Kaärnten und Krain: denn hier
        <pb n="152" />
        532 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

mußte die Hilfe der Stände zu häufig gegen Türkeneinfälle
erbeten und durch Versprechen der Duldung erkauft werden.
Doch kam es auch hier schließlich zu einer fast völligen Re—
katholisierung.
In den Erblanden der kaiserlichen Linie an der Donau
endlich wußten die Stände während der Not des Bruder—
zwists zwischen Rudolf II. und Matthias ihre politisch-autonomen
und protestantischen Interessen aufs stärkste zu betonen. Indem
sie dies aber taten, geschah es nicht ohne Zusammenhang mit
verwandten Bestrebungen in dem benachbarten, der kaiserlichen
Linie ebenfalls gehörigen Böhmen; und die Schicksale des
Protestantismus wie der Stände in den österreichischen Erz—
herzogtümern verquickten sich dadurch mit denen des Protestan⸗
tismus und der Stände in Böhmen. Dies um so mehr, als
die Stände in Böhmen besonders mächtig waren: war doch
ihr Königswahlrecht noch keineswegs in Vergessenheit geraten
und mochte sich noch mancher der Zeiten der Jagellonen er—
innern, aus denen das Wortspiel des Herrenstandes gegenüber
dem König überliefert war: „Du bist unser König, und wir
sind deine Herren.“ Zudem galt hier der Satz des Majestäts—
briefes, daß „fortan Niemand, weder von den höheren Ständen,
noch aus den Städten, Märkten oder vom Bauernvolk, sei es
durch seine Obrigkeit oder andere geistliche und weltliche
Standespersonen ‚von seiner Religion abgewendet und zu der
Gegenteils Religion mit Gewalt oder einiger anderer erdachten
Weis' gedrungen werden‘ dürfe“: also der Grundsatz voller
Gewissensfreiheit.
Da ist es nun bekannt, wie der protestantische und
ständische Widerstand gegen das Haus Habsburg zum Prager
Fenstersturz und zur Eröffnung des Dreißigjährigen Krieges
führte!: womit denn das Schicksal des Luthertums an Donau,
Moldau und Elbe wie das der mit ihm vereinten Selbständigkeits—
bestrebungen der Länder einem noch größeren Zusammenhange
von Ereignissen, dem Verlaufe eben des großen Krieges, ein—

S. Band VIS. 714 ff.
        <pb n="153" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 538

geschrieben wurde. Während desselben aber ist es dann Kaiser
Ferdinand 1II. gelungen, beides zu unterdrücken. Die ent—
scheidenden Tatsachen fallen in die Jahre 1627 und 1628;
sie gehen dem Erlaß des bekannten Restitutionsedikts für das
Reich vom Jahre 1629 vorauf!. Waren schon im Jahre
1621 protestantische Prediger, die politisch verdächtig waren,
und im Jahre 1624 die protestantischen Prediger überhaupt
aus Böhmen vertrieben worden, so erfolgte 1627 der Erlaß
der verneuerten Landesordnung für Böhmen, die das Wahl—
recht endgültig aufhob und die politische Selbständigkeit der
Stände brach, und wurden weiterhin 1627 und 1628 jene
Edikte für Böhmen und die Ferdinand unterstehenden inner—
österreichischen Erblande veröffentlicht, die alle Mitglieder des
Herren- und Ritterstandes, die dem Protestantismus nicht
entsagten, dazu zwangen, ihre Güter zu veräußern und die
Heimat zu verlassen. 185 edle Geschlechter aus Böhmen, 150
aus Innerösterreich sind damals ausgewandert. Bürger und
Bauern aber mußten natürlich erst recht die Heimat räumen;
der Gesamtverlust, der allein Böhmen traf, ist von Slavata
auf 30 000 Familien geschätzt worden.
Natürlich aber wurde mit der Aufhebung der Gewissens—
freiheit auch der Fall der bisherigen ständischen Freiheiten in
den österreichischen Erbländern besiegelt. Erneuerte Landes—
ordnungen, Manifeste einer veränderten Verfassungsanschauung
gaben dem überall Ausdruck. Das Bürgertum trat in dem,
was von ständischer Verfassung noch übrig blieb, ganz zurück;
auch die Herren wollten jetzt von den Bürgern nichts mehr
wissen; nachdem das religiöse Buündnis beider Gruppen ge—
sprengt war, brachen die sozialen Gegensätze wieder hervor.
Der Herrenstand aber wurde nunmehr nur zum geringen
Teile noch von den Angehörigen des ehemaligen Uradels
gebildet: dieser war verdorben, gestorben, ausgewandert.
An seine Stelle waren, durch fürstliche Gnade, zugewanderte
fremde Geschlechter oder geadelte Beamtenfamilien getreten,

S. Band VI S. 733.
        <pb n="154" />
        534 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

die sich duckten und nicht dem Gefühl geschichtlich vererbter
Pflichten gehorchten. Daher verlor sich in den Ständen die
Größe der Auffassung, von der die Opposition des 16. Jahr⸗
hunderts getragen gewesen war: Müdigkeit und Engherzigkeit
harakterisierten ein neues Tun, das immer mehr durch den
engsten Kreis eigener Interessen begrenzt wurde.
Fristeten die Stände gleichwohl noch lange Zeit ein wenn
auch ziemlich im Dunkel verlaufendes Leben, so war die Ur—
sache hierfür mehr in landesfürstlichen Bedürfnissen, als im
Drange eigener Daseinsfülle zu suchen. Es dauerte eine gewisse
Zeit, ehe die fürstliche Verwaltung die ständische aufgesogen
hatte, und die Fürsten bedurften der Stände zur Steuer—
bewilligung.
Zwar griffen sie auch hier schon im 17. Jahrhundert
vielfach über die „Landesfreiheiten“ hinaus, indem sie von
sich aus vor allem indirekte Steuern, in dringenden Fällen
sogar direkte ausschrieben (so z. B. die Turkensteuer vom Jahre
1682, eine allgemeine Vermögenssteuer für die Gesamtheit der
Erblande nach für alle gleichen Erhebungsgrundsätzen). Aber
im ganzen schoben sie doch noch den Kredit der Stände zwischen
sich und die Länder. Freilich wurde ihnen dabei die jährliche
Vereinbarung der Landesauflagen mit den Ständen auf die
Dauer lästig, und so kam es unter den Kaisern Leopold J. und
Karl VI., und zwar ziemlich genau seit Beginn des 18. Jahr⸗
hunderts, zu den sogenannten Rezessen, Vereinbarungen zwischen
Fürst und Ständen, wonach die Jahresbewilligungen der
Stände von vornherein für eine Reihe von Jahren festgestellt
wurden.
Mit dieser Abschwächung, ja dem Schlußverlaufe nach
faft Zerstörung des Steuerbewilligungsrechtes war nun aber
den Ständen das Herzstück ihrer Macht genommen. Denn
was bedurften sie weiter einer starken Einwirkung auf das
Land durch eine eigene ständische Verwaltung, wenn diese ihrer
Hauptaufgabe, der Steuererhebung und Steuerverwaltung,
entkleidet war? Und schon früher, im unmittelbaren Zusammen⸗
hange mit der Gegenreformation und dieser folgend, hatten die
        <pb n="155" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 535

österreichischen Herrscher auch die sonstigen Lebensäußerungen
dieser Verwaltung zu lähmen gesucht.
In diesen Zusammenhang gehört es, wenn Ferdinand II.
in Böhmen wie in Schlesien und Mähren die bisher den
Ständen wie dem Herrscherhause geschworenen obersten Landes—
beamten zu rein fürstlichen Beamten herabdrückte, in Böhmen
und Mähren auch die ständische Kreisverwaltung in eine
königliche umzuwandeln suchte, und endlich in Böhmen und in
Ungarn Landesfinanzkammern einrichtete, welche wenigstens in
Böhmen über die Verwaltung des königlichen Kammerguts
und der Regalien hinaus in die ständische Finanzverwaltung
eingriffen. Es waren Maßregeln, die sich in den Erb—
landen unter anderen Formen und in anderen Zusammen—
hängen wiederholten, ja wenigstens vereinzelt drang man hier
sogar in die grundherrliche Verwaltung und Regierung der
einzelnen Stände vor. Im ganzen aber trat als dauerndes
Ergebnis vornehmlich seit dem Dreißigjährigen Kriege überall
eine bedeutende Schwächung der ständischen Macht und eine
stärkere Betonung des fürstlichen Absolutismus hervor. Und
zur Steigerung dieser Bewegung trug seit den dreißiger Jahren
langsam, stärker dann seit der Mitte des 17. Jahrhunderts
auch eine Wendung in der Kriegsverfassung des Reiches bei,
die schließlich von größter Bedeutung wurde.
Nach der Einführung der Soldheere war es allmählich
Sitte geworden, daß der Kriegsherr nur den Oberbefehlshaber
der neu zu errichtenden Truppeneinheit, des Fähnleins oder
Regiments, ernannte, dieser aber die Aufstellung aller An—
gehörigen dieser Einheit einschließlich der Offiziere auf sich
nahm, während früher der Kriegsherr wenigstens noch die
Offiziere von sich aus gesammelt und ernannt hatte. Es war
eine Anderung, die für den Kriegsherrn anscheinend bequem
war, namentlich aber sich bald aus finanziellen Rücksichten
aufdrängte. Sehr häufig hatte nämlich der Kriegsherr und
hatten auch die Stände nicht die bereiten Mittel zur Anu—⸗
werbung der Truppen: da fanden sich denn reiche Banden—
führer als Oberste eines künftigen, von ihnen zu werbenden
        <pb n="156" />
        536 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Regiments auf Kredit ein, und gern nahm man ihre Dienste
in Anspruch.
Auf diese Weise wurden die höheren Truppenkommandos
zu besonderen Formen wirtschaftlicher Unternehmung, und die
Obersten waren nicht bloß Militärs, sondern auch Kapitalisten
»der Strohmänner solcher.
Es war eine Wandlung, die mit der Zunahme der Kriegs⸗
jahre und mit dem wachsenden Verfall der ständischen und
landesfürstlichen Finanzen während der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts reißende Fortschritte machte: bald handelte
es sich dabei nicht mehr bloß um Oberste, sondern um Generale:
und schließlich erschien Wallenstein als der unübertroffene Typ
eines kapitalistischen Generalissimus!.
Nun war aber klar, daß bei diesem Auswachsen der neuen
Kriegsverfassung zum Ungeheuerlichen der Einfluß des Kriegs—
herrn, und noch mehr der der Stände immer stärker dahin—
schmolz: ein selbstbewußter Herrscher mußte daher gegen diesen
Gang der Dinge mit allen Mitteln angehen. Hierin liegt das
Geheimnis des Falles Wallensteins. Als aber Wallenstein er⸗
mordet war, mußte der Kaiser in jeder Richtung bedacht sein,
die Wiederholung eines solchen Falles unmöglich zu machen,
und er vermochte dies nur dadurch zu tun, daß er nun selbst
mit äußerster finanzieller Anstrengung als kapitalistischer
Generalissimus auftrat.
Damit gerieten aber die Truppen in seine unmittelbare
Verfügung, und je weniger er sie abdankte, um so mehr nahmen
sie den Charakter eines stehenden Heeres an. Dieser Übergang
hat sich in Osterreich schon im Verlaufe des Dreißigjährigen
Krieges still zu vollziehen begonnen; nach dem österreichischen
Staatshandbuch von heute wird gerechnet, daß die gegen⸗
wärtigen Regimenter Dragoner Nr. 8 Dampierre bis auf das
Jahr 1618, Dragoner Nr. 10 bis auf 1640 und Infanterie
Nr. 8, Il, 13, 24 bis auf 1647, 1680, 1630, 1632 zuruckgehen.
Jedenfalls aber war nach dem Dreißigjährigen Kriege der

Vgl. dazu Band VI S. 427 ff.
        <pb n="157" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 537

Anfang eines stehenden kaiserlichen Soldheeres vorhanden;
theoretisch begrundet wurde dessen Notwendigkeit dann vor
allem in einer Denkschrift von Monteceuccoli an Kaiser Leopold J.
vom Jahre 1664; und die Türkenkriege seit 1683 wie das
Feldherrengenie des Prinzen Eugen haben schließlich vollends
zur Entwicklung dieser neuen Armee beigetragen.
Was war nun aber natürlicher, als daß die alten ständischen
Soldheere im Laufe der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
vor dieser Feldarmee verschwanden? Und lahmgelegt wurde
damit zugleich jegliches militärische Eingreifen der Stände.
Betrachtet man so das Verhältnis der Stände zur
Dynastie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im
ganzen, so läßt sich, gegenüber der Lage in der ersten Hälfte
und noch mehr der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts der
tiefste Unterschied nicht verkennen. Es war jetzt keine Frage
mehr, daß die Dynastie den Einfluß der Stände geworfen
hatte, und zwar vornehmlich durch zwei Mittel: durch die
Gegenreformation und durch die Entwicklung eines ständigen
Heeres. Dabei ging aber die Entwicklung dieses Heeres auf
den Dreißigjährigen Krieg zurück, der seinerseits zu nicht
geringem Teile kirchlichen Reibungen entsprang: noch einmal
erscheint somit hier als besonders treibendes Element einer
freilich auch sonst unvermeidlichen Entwicklung jener konfessio⸗
nelle Gegensatz, der schon die inneren Geschicke Osterreichs in
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zuqunsten der Fürsten
beherrscht hatte.

II.

Übersieht man die gesamte innere Entwicklung HÖsterreichs
im 16. und 17. Jahrhundert, so ist nicht zu verkennen, daß
sie sich in aufsteigender Linie bewegt. Zwar ist auch gegen
Schluß des 17. Jahrhunderts die „Gesamtstaatsidee“, nach
deren Auftauchen die historische Forschung des 19. Jahrhunderts
sorgsame Ausschau gehalten hat, noch nicht vorhanden; erst
Maria Theresia hat Osterreich zu einem einzigen, zu einem
auch nur im Sinne des 18. Jahrhunderts vollen Stagte
        <pb n="158" />
        538 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

gemacht. Aber dennoch konnte darüber kein Zweifel sein, daß
die Macht der Staatsgewalt im Verlaufe des Dreißigjährigen
Krieges und in den nächsten Generationen nachher beträchtlich
gewachsen war, so oft auch noch Leopold J. über die Reste
widerspenstiger Freiheiten seufzen mochte, wenn er der Zu—
stimmung der Stände zu Subsidienforderungen bedurfte.
Konnte aber die Kraft sterreichs den außerordentlichen
Aufgaben genügen, die ihm in der auswärtigen Politik,
und nicht erst des 17., sondern schon des 16. Zahrhunderts
oblagen?
Eng waren diese Aufgaben mit seiner geographischen Lage,
eng auch mit seiner führenden Stellung im Reiche verknüpft.
Das deutsche Reich war im Mittelalter zugleich das Grenz⸗
gebiet der zivilisierten Welt Europas gewesen; es war eine
Stellung gewesen ähnlich etwa der des heutigen Rußlands.
Und darum hatte es im Osten seit den Magyareneinfällen des
9. und 10. Jahrhunderts ebenbürtige Gegner eigentlich nicht
gehabt: und eben diese Lage war die Voraussetzung gewesen
der gewaltigen Besiedlung des Ostens im 12. bis 14. Jahr⸗
hundert. Aber dann, seit dem 14. und 15. Jahrhundert,
waren jenseits seiner Ostgrenzen immer festere neue Staats-—
bildungen aufgetaucht: Litauen, Polen, Rußland, endlich im
fernen Südosten die Herrschaft der Türken. Und nun hatte
sich für das Reich eine Lage eingestellt, wie sie heute, bei
ungleich größerer Ausdehnung des diplomatisch-kriegerischen
Aktionsfeldes, für das kontinentale Europa und Asien gilt:
wie dies von England und Japan umklammert wird, so ver—⸗
suchte ein enger Interessenbund zwischen Frankreich und der
Türkei immer wieder die Bedeutung Deutschlands und auch
Italiens, der zentralen Gebiete Europas, zu ersticken; und wie
im 19. Jahrhundert kein Rassenvorurteil, so hat im 16. Jahr—
hundert kein Religionsvorurteil eine von dieser Koalition aus—
gehende ständige Bedrohung verhindert.
Innerhalb dieser Lage war nun dem Hause sterreich
eine besonders schwierige Aufgabe geworden. Mit seinen
borderösterreichischen Besitzungen am Oberrhein Nachbar Frank—
        <pb n="159" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 539

reichs an der gefährdetsten Stelle des Reiches, mit seinen
Hauptländern der mittelbare, mit Ungarn gradezu der un—
mittelbare Nachbar der Turkei mußte es weit mehr als irgend⸗
eine italienische oder sonst eine deutsche Macht zum Träger des
Widerstandes gegen die beiden flankierenden Mächte werden.
Das aber hatte eine ständige Kriegsbereitschaft nach zwei
Seiten hin und demgemäß eine schwankende Politik zur Folge,
für deren Verlauf die Wandelung der Machtbeziehungen bald
im Osten bald im Westen den Ausschlag gab.
War dieser Umstand geeignet, der österreichischen Staats—
kunst und Kriegsführung nicht selten etwas Unklares zu geben,
indem namentlich die Kriegsführung nur zu häufig durch
diplomatische Momente unweigerlich bedingt erschien, so gab
doch wenigstens der Gegensatz gegen die Türkei der Tatkraft
des Hauses Habsburg oft einen hohen Schwung und das
gute Gewissen wahrhaft großer Motive: denn in der Abwehr
der Türkei hatte der Staat, hatte hinter ihm das Reich
zweifellos eine europäische, ja eine weltgeschichtliche Mission
zu erfüllen.
Wie schwer aber war die Durchführung dieser Aufgabe
im 16. Jahrhundert geworden, seit den Zeiten der siegreichen
Zurückweisung des Türkenheeres von Wien! Von Ungarn
hatte man schließlich nur einen gar nicht so breiten Grenz—
streifen im Westen gehalten, von der polnischen Zips an über
den Oberlauf von Gran und Neutra bis hin zur Waag und
zu deren Einfluß in die Donau bei Komorn, und südlich von
der Douau das Land hinter der Raab sowie einen Land—
streifen, dessen Ostgrenze im Süden etwa den Einfluß der
Kulpa in die Sau streifte. Es war ein kleiner Teil nur von
Ungarn: was bedeutete er gegen die vier großen Paschaliks
der Türken in den ungarischen Donauebenen und hinein in
die Randgebirge, was gegen die zahlreichen Festungen, von
denen die Fahne des Propheten wehte, und gegen die zentrale
Machtstellung der Türken in Ofen? Zudem war das Land
von Parteiungen durchwirrt und durchzogen: neben Katholiken
standen Protestanten, denen die Habsburger gram waren,
        <pb n="160" />
        540 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Lapitel.

neben Gruppen, die sich der kaiserlichen, übrigens oft zügel—
losen Soldateska fügten, Anhänger der nationalen Heeres—
führung unter einem tüchtigen General wie Nikolaus Zrinyi,
dem Enkel des Helden von Szigeth. Und zu alledem kamen
schwere Parteiungen des Hochadels unter sich und gegen den
König: wann hätten die Wesselenyi, Frangepani, Nadasdy,
Rakoczy, Tökölyi still gesessen?
Noch weiter getrübt wurde das Bild durch die mehr oder
minder selbständige, nie ganz genau umschriebene Stellung
Siebenbürgens. Schon seit der ersten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts war das von seinen Gebirgen wie Festungswällen
umgürtete Land zwischen Österreich-Ungarn und der Türkei
zu einer nicht geringen Selbständigkeit gelangt, wenn es auch
nominell unter türkischer Lehnshoheit stand; mit Erfolg
hatten Männer wie die Bathory, Bethlen, Rakoczy Herrscher⸗
rechte geübt; und in den feindlichen Gegensätzen der großen
Nachbarmächte war man ähnlich, wie im Mittelalter Süditalien
zwischen Byzanz und den Araberreichen, Venedig zwischen
Ostrom und Westrom oder Flandern zwischen England, Frank—
reich und dem deutschen Reiche seines eigenen Weges gezogen.
Mußte nun diese an sich wenig sicher umgrenzte Stellung nicht
tausend Gefahren für das Land selbst wie seine Nachbarn mit
sich bringen, sobald es zu neuen Kämpfen kam?
Noch vor der Mitte des 17. Jahrhunderts begann eine
neue türkische Eruptionsperiode gegen den Westen, wie sich um
diese Zeit auch die Moskowiter in Bewegung setzten. Der
Angriff wandte sich dabei zunächst gegen Venedig und dessen
Herrschaft und Handelsvormundschaft im östlichen Mittelmeer;
seit 1645 wurde um die Insel Kreta und deren Hauptstadt
Candia, eine der wichtigsten venezianischen Besitzungen, gerungen.
Anderthalb Jahrzehnte später aber brach der Krieg auch
an der Donau aus.
Entscheidend waren hierfür Vorgänge in Siebenbürgen,
die wir von einer anderen Seite her schon kennen. In die
ersten Kämpfe König Karl Gustavs von Schweden gegen
Johann Casimir von Polen hatte sich auch der damalige
        <pb n="161" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 541

siebenbürgische Fürst, Georg Rakoczy II., hineinziehen lassen;
er hatte Krakau eingenommen; er näherte sich Warschau und
führte damit noch einmal eine Verlegung des schwedisch⸗
polnischen Kriegsschauplatzes nach Oberpolen herbei!. Dies
alles gegen den Willen des Kaisers, der es mit den Polen
hielt, und nicht minder gegen den seines türkischen Oberherrn,
des Sultans Mohammed. Und er hatte bei seiner Unternehmung
schließlich kein Glück. Elend wurde er zurückgeschlagen, während
sich Karl Gustav von Schweden, nun zum letzten Male, energisch
nach Norden gedrängt sah. Unter diesen Umständen hielt es
der Sultan für angemessen, mit dem unbotmäßigen Vasallen
abzurechnen; er erklärte ihn für abgesetzt, warf seine Ge—
sandten in die Sieben Türme, ließ schließlich ein Heer gegen
ihn marschieren, das die Siebenbürger bei Klausenburg am
22. Mai 1660 vernichtete, und nahm nach Rakoczys Tode
Großwardein ein, in der Absicht, Siebenbürgen nunmehr in
die Stellung eines einfachen Paschaliks hinabzudrücken.
Es waren Vorgänge, die der Kaiser natürlich nicht ohne
Gegenwirkung hingehen lassen konnte. Schon vor Klausenburg
war er in Konstantinopel für Rakoczy eingetreten; jetzt pro—
testierte er gegen die administrative Einverleibung Sieben⸗
bürgens.
Das bedeutete den Krieg, und schon im Jahre 1661 er—
schienen kaiserliche Truppen auf ungarisch-türkischem Gebiete.
Indes erst langsam kam der Feldzug in Gang, und im Grunde
begann er sogar erst mit dem Vordringen eines Janitscharen—
heeres unter dem Großvezier Achmed Köprili im Frühjahr 1663.
Dieser Verzug war ein Glück für den Kaiser. Denn nur
sehr langsam war es ihm inzwischen gelungen, eine wirkliche
Armee aufzustellen: etwa 12000 Kaiserliche und 15 000 Ungarn
an der Donau unter Montecuccoli, daneben ein kleines Heer
in Mähren zum Schutze der ungarisch-mährischen Karpathen—
pässe unter De Souches: das war alles, was jeht gegen die
etwa 100000 Mann des Veziers zur Verfugung stand

Bgl. oben S. 445.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2.
        <pb n="162" />
        —542 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Ratürlich ließ sich damit nur in der Defensive handeln. Aber
es gelang so immerhin, Wien und die obere Donaulinie zu
schützen; und schwärmten dafür die Türken ziemlich ungehindert
nach Mähren hinein bis Brünn und Olmütz, so wurde auch
dieser Richtung des Vormarsches durch die tapfere Verteidigung
der Festung Neuhäusel an der Neutra vorgebaut.
Freilich: eins war klar, kam nicht bald Hilfe vom Reiche,
so mochte in dem Feldzuge eines nächsten Jahres die kaiserliche
Armee allein, selbst wenn verstärkt, schwerlich imstande sein,
dem Andrange der Türken noch länger zu widerstehen.
Nun war der Reichstag schon zum 8. Juni 1662 durch
Kaiser Leopold berufen worden, und am 20. Januar 1663
hatte man ihn auch förmlich eröffnet. Indes wie wenig rührte
ihn einstweilen die Türkennot! Er begann die Erörterung
weitläufiger Fragen künftiger Wahlkapitulationen, obwohl doch
der Kaiser noch jung und noch nicht lange gewählt war —
und obwohl durch die Nation eine sichtbare Erregung, etwas
von der Türkenzugs-, ja der Kreuzzugsbegeisterung früherer
Tage ging. Es bedurfte erst der Ankunft des Kaisers selbst
zu Regensburg im Dezember 1663, zugleich mit der Ankunft
zahlreicher Fürsten, um die Frage der Türkennot in Fluß zu
bringen. Und erst im Februar 1664 wurde das Reich schlüssig,
ein Triplum der Reichsmatrikel, in Wirklichkeit kaum mehr als
eine kleine Armee von 20000 Mann, auf die Beine zu bringen;
den obersten Befehl übernahm Markgraf Leopold Wilhelm von
Baden.
Inzwischen aber hatte der Kaiser seine eigene Armee auf
etwa 36 000 Mann zu Fuß und 11000 zu Roß gebracht; und
auch von manch andrer Seite her waren Hilfstruppen in Marsch
gesetzt worden. Da kamen jetzt die Brandenburger mit 2300
Reitern und Fußgängern, nicht minder ließen sich Sachsen
und Bayern sehen; das Merkwürdigste aber war eine nicht
unbedeutende Armee des Rheinbundes, der damals schon ganz
in französischer Bevormundung stand, und in ihr eine be—
trächtliche Anzahl von Franzosen, die sich, sehr zum Verdrusse
Ludwigs XIV., der Gesta Dei per Francos erinnert hatten:
        <pb n="163" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 543

das alles unter dem Kommando eines Grafen von Coligny,
etwa 7—8000 Mann.
Diese Massen nun, Kaiserliche, armierte Stände- und
Reichstruppen und Franzosen, haben im Jahre 1664 nicht
unrühmlich gekämpft; sie siegten bei Lewenz an der Gran,
am 19. Juli, und sie hielten auch in der Schlacht von St. Gott—
hard an der Raab tapfer stand, nicht so sehr weit östlich von
Graz, am 1. August 1664.
Um so größer war das Erstaunen, als man, übrigens erst
— darauf,
am 10. August, einen zwanzigjährigen Waffenstillstand mit den
Türken geschlossen habe. Was war geschehen? Es hatte sich
gezeigt, daß alle militärischen Erfolge schwerlich zu dauernden
Ergebnissen führen würden, solange der Kaiser nicht der
Treue des ungarischen Adels in den ihm zugehörigen Grenz⸗
gebieten des Landes sicher war. Und eben au dieser Treue
fehlte es. So schloß der Kaiser zu Vasvar mit den Türken,
für diese günstig genug, ab, um zunächst die ungarische
Operationslinie künftiger Kriege politisch sicherzustellen: Sieben—
bürgen wurde den Türken so gut wie vollständig preisgegeben,
nicht minder behielten diese die eroberten Festungen Groß—⸗
wardein und Neuhäusel; an Stelle Neuhäusels, des Zentrums
der kaiserlichen Kriegsverwaltung, sollte dem Kaiser freistehen
im Waagtale an der wichtigsten Stelle der Angriffsfront gegen
die Türken eine andere Festung anzulegen.
In den darauffolgenden Jahren aber hatten die Türken
auch gegenüber Venedig Erfolge.
Der venetianisch-türkische Krieg, der sich nun schon an die
wanzig Jahr hinschleppte, bietet weniger wegen seines Ver⸗
laufes im einzelnen als wegen der mit ihm verknüpften Probleme
allgemeiner europäischer Politik ein hohes Interesse. Denn
mehr, als einstweilen in den österreichischen Türkenkriegen, kam
in ihm zum Ausdruck, daß es sich hier um das Ringen sehr
verschiedenartiger Mächte, ja Kulturen, um eine Phase der
allgemeinen Beziehungen zwischen Orient und Okzident handelte.
Von den Zeiten her, da die Kreuzzüge mit der Erzwingung
35 *
        <pb n="164" />
        544 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

mindestens des Zutrittes zu den heiligen Stätten Palästinas
zugleich auch ständige Verkehrsbeziehungen zwischen Osten und
Westen auf wirtschaftlichem Gebiete hergestellt hatten, war
Venedig, die alte schon politisch zwischen Byzanz und dem
abendländischen Kaiserreiche intermediäre Macht, zum wesent—⸗
lichen Träger auch dieser vornehmlich kommerziellen Beziehungen
geworden. Und natürlich, im Verfolge des Vorstoßes der
Okzidentalen, in offensiver Betätigung. Von Dalmatien her,
wo schon längst venezianische Küstenkolonien blühten, hatte die
Handelsrepublik die Adria südwärts Eroberungen gemacht,
hatte sich in der griechischen Halbinsel- und Inselwelt aus—
gedehnt und auch die Küsten des Schwarzen Meeres gewonnen.
Dabei hatte sich dann fast ständig jene Durchdringung religiöser
und merkantiler Interessen erhalten, die in universalgeschicht⸗
lichen Beziehungen so häufig auftritt: denn nichts in der Welt
ist penetranter als Handel und Weltanschauung; ja es liegt
im Wesen beider, die Erde umspannen zu wollen.
Aber seit dem Vordringen der Türken war dann Religion
gegen Religion und teilweise auch Handel gegen Handel ge—
treten; die neuen Eroberer hatten sich kräftiger erwiesen als
die Christen, und jetzt kämpfte Venedig in dem kretischen Kriege
um die letzte seiner großen levantinischen Besitzungen.
Dabei war nun das eigentlich Bezeichnende, wie, zunächst
wohl mehr bei den Türken, dann doch aber auch auf okzidentaler
Seite das religiöse Interesse als das tiefere den Gesichtspunkt
des Handels wieder beiseite schob, ja schließlich fast verschwinden
— 0
Wehen des Geistes der Gegenreformation wieder fromm ge—
worden, den Venezianern mit Aussendung päpstlicher Soldateska
zu Hilfe kam. Indem aber das religiöse Motiv in den Vorder⸗
grund trat, wurde die Angelegenheit eine allgemeine, und nicht
bloß eine der katholischen Kirche, sondern der abendländischen
Christenheit überhaupt.
Es war eine Wandlung, die insbesondere in Deutschland
zu merkwürdigen Erscheinungen führte. Wenn es nicht außer
der Ordnung der Dinge erschien, daß, wie Franzosen Venedig
        <pb n="165" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Esterreich europ. Großmacht. 545

zu Hilfe kamen, so auch der Kaiser und der Kurfürst von
Bayern, als Glaubensgenossen und nächste deutsche Nachbarn
der Republik schon früh militärische Unterstützung sandten, so
mutete es doch eigenartig an, auch Norddeutschland und den
Protestantismus an dem Kampfe gegen die Osmanen beteiligt
zu sehen. Dazu kam es freilich erst gegen Schluß des Krieges,
in Zeiten, da vom Kaiser und von Bayern erneute An—
strengungen gemacht wurden, da der Türkenkrieg an der
Donau die Größe der Gefahr auch für Deutschland unmittelbar
gezeigt hatte, da endlich der Aachener Friede (2. Mai 1668)
die Nation von den nächsten Sorgen im Westen entlastete.
Damals aber haben die protestantischen Herzöge Georg Wilhelm
und Ernst August von Braunschweig, und zwar wenigstens
zum Teil auf ihre eignen Kosten, der Republik an der Adria
ein Heer von etwa drittehalbtausend Mann zum Kampfe um
Candia zugeführt.
Freilich: das Schicksal der venezianischen Herrschaft im
östlichen Mittelmeer war darum nicht abzuwenden. Ende
September 1669 räumten die Venezianer Kreta, nachdem
Morosini, der große Feldherr Venedigs in späterer Zeit, die
Hauptstadt Candia hatte aufgeben müssen; die Insel wurde
an die Türkei abgetreten; abgeschlossen erschienen auf lange
Zeit die Kämpfe zwischen Christen und Moslemin im Bereiche
des Mittelmeers.
Um so mehr erhielt die Frage universale Bedeutung, in⸗
wieweit es gelingen würde, an der Donau Christentum und
westeuropäische Kultur zu verteidigen.
Da schien es nun auf den ersten Anblick günstig zu sein,
daß sich die Türken, durch den immerhin starken Widerstand des
Jahres 1664 über die Schwierigkeit eines Vordringens an der
Donau belehrt, zunächst in Kämpfe mit Polen und Rußland
verstricken ließen; von 1673 bis 1676 wütete ein blutiger Krieg
gegen Polen, in dem König Johann Sobieski seine ersten Lor—
beeren in Türkenkämpfen gewann; dem folgte ein russischer Krieg,
der im Jahre 1681 mit dem Frieden don Radzyn abschloß.
Aber in beiden Kriegen war das Ergebnis für die Türken
        <pb n="166" />
        346 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

ungünstig; und so war es denn doch die Frage, ob sie sich
nicht, bei ihren militärischen Einrichtungen auf kriegerischen
Angriff!!der Nachbaren beinahe angewiesen, nun von neuem
auf Hsterreich und dessen schwaches ungarisches Vorland stürzen
würden.
Und alles, was inzwischen im habsburgischen Ungarn,
diesem einstweilen zentralen Punkte der Beziehungen zwischen
Orient und Okzident, geschehen war, mußte sie zur Bejahung
dieser Frage veranlassen.
Aus den Schwierigkeiten, die der ungarische Adel dem
Hause Habsburg schon seit Ende der sechziger Jahre bereitete,
hatte sich im Jahre 1670 mit französischer Hilfe dunkel und
gefahrvoll die Magnatenverschwörung der Grafen Zrinyi und
NRadasdy erhoben, um allmählich unter Teilnahme des niederen
Volkes und der Heiducken von den grauenvollen Jahren des
Kuruzzenaufstandes abgelöst zu werden. Es war ein Kampf
schließlich zwischen Deutsch und Magyarisch, im Bereiche
— D000
Ansprüchen absolutistischen Königtums, auf konfessionellem
Gebiete zwischen Protestantismus und jesuitischer Gegen—
reformation. Und nicht unter den nächsten Gegnern allein
wurde er ausgefochten. Polen verhielt sich zu den Magyaren
mindestens wohlwollend neutral; und als sich aus dem Durch—
einander magyarischer demokratischer und aristokratischer Be—
strebungen die Führerschaft des Grafen Emmerich Tököly er⸗
hob, der sich Fürst von Ungarn nannte, verdichtete sich, Mai
1677, die alte französische Unterstützung sogar zu einem offenen
Bündnis; Tököly hat Münzen schlagen lassen, auf denen
Ludwig XIV. Protector Hungariae genannt ist. Was aber
dielleicht am bedenklichsten war: der in Siebenbürgen als
türkischer Lehensträger herrschende Fürst Apaffy, ein Magyar,
war längst mit den Magnaten des habsburgischen Oberungarns
in engste Verbindung getreten, und der Aufstand hatte sich zu
einer ungarisch-siebenbürgischen Erhebung erweitert. Konnte
da nicht jeder Eingriff des Kaisers schon an sich türkischen
Einspruch hervorrufen?
        <pb n="167" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 347

Die Verhältnisse lagen Anfang der achtziger Jahre, nach
dem türkisch-russischen Frieden von Radzyn, derart, daß die
Türken, nun frei, zudem begierig, ihre geringen Erfolge gegen
Polen und Russen wett zu machen, sich fast unwillkürlich zu
einem Feldzuge an der Donau gedrängt sehen mußten. Und
der um diese Zeit führende Vezier, Kara Mustafa, war nicht
der Mann, diese Gunst der Lage tatenlos zu verscherzen.
Schon Ende 1682 wußte man in Wien, daß ein neuer
Türkenkrieg unvermeidbar bevorstand, und daß die Kuruzzen—
scharen Tökölys auf seiten der Türken fechten würden. Damit
aber begann der Krieg eigentlich schon bei Preßburg, und
Wien erschien fast unmittelbar bedroht.
Standen da dem Kaiser die Mittel zur Beschwörung
einer düsteren Zukunft voll zu Gebote? Er selbst war kaum
mstande, aus seinen Erblanden ein 50 000 Mann übersteigendes
Heer aufzustellen gegen die Hunderttausende, die man beim
Feinde zu erwarten hatte, ungerechnet den Kampf gegen die
irregulären magyarischen Scharen. So hieß es sich vor allem
um Bundesgenossen umsehen. Und da waren denn einige
Kreise und Stände im Reiche ohne viel Federlesens zur Unter—
stützung bereit: so Max Emanuel von Bayern, der ganz von
der universalen Bedeutung der Türkenkämpfe durchdrungen
war, so der fränkische und oberrheinische Kreis, deren Völker,
3—-9000 Mann, im Sommer 1683 an der Donau eintrafen,
so auch Kurfürst Johann Georg III. von Sachsen, obwohl es
schien, als suche man in Wien ohne protestantische Hilfeleistung
auszukommen. Neben den Deutschen aber gelang es in diesem
Augenblicke wenigstens einen der traditionellen östlichen Gegner
der Türken zu gewinnen, den katholischen, Polen. Dabei
geschah es nicht ohne päpstlichen Einfluß, daß Johann Sobieski
am 31. März 1683 jenes Bündnis mit dem Kaiser abschloß,
das auf Zuzug von 40000 Polen gegen kaiserliche Subsidien—
zahlung lautete, und dessen Folgen seinen Namen unsterblich
gemacht haben.
Inzwischen hatten die Magyaren schon im Jahre 1682
die Feindseligkeiten begonnen, unter leichten Erfolgen gegen
        <pb n="168" />
        —548 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

die kaiserlichen Truppen. Hinter ihnen aber drang seit Früh—
jahr 1683 das Türkenheer die Donau aufwärts, wälzte sich
in unzähligen Tausenden durch Ungarn gegen die deutsche
Grenze, erschien am 12. Juli vor Wien. Und nun begann
jene denkwürdige Belagerung, in der Orient und Okzident
miteinander stritten: in ewig wiederholten Stößen der Janit—
scharen, in dem furchtbaren Minenkriege der Osmanen, in der
zähen Ausdauer und bewundernswerten Organisationsfähigkeit
der Wiener Bürgerschaft, in der Umsicht und dem tapferen
Mute des Verteidigers der Stadt, des Grafen Rüdiger von
Starhemberg. Der Erfolg aber schien, Ende August, Aufang
September, den Türken zu winken. Die Stadt war ein
Trümmerhaufen, verzweifelt ersehnten Bürgerschaft und Be—
satzung Rettung von außerhalb.
Endlich kam sie; seit dem 9. September hatte sich Kara
Mustafa gegen die anrückenden Entsatzheere zu verteidigen.
Zuerst zeigten sich Vöolker aus dem Reiche: Bayern, Schwaben,
Franken; dann trafen auch die Polen ein. Auf der weiten
Ebene von Tuln an der Donau, in dem uralten Grenzgebiete
zwischen germanischem und östlichem Wesen, sammelten sich
die christlichen Heere; es waren zusammen über die 80000
Mann, der Polenkönig übernahm das Kommando. Und nun
kam es, am 12. September, zu jener großen Entscheidungs⸗
schlacht, aus der die Türken als Besiegte flohen.
Es war ein Ereignis von überwältigenden Folgen, zumal
ihm ein überaus glücklicher Feldzug in Ungarn folgte. sterreich,
bisher von der Gegenreformation nur in Dingen gefördert,
deren allgemein menschlicher Wert schon den Zeitgenossen viel—
fach zweifelhaft schien, trat jetzt unter den Einfluß einer der
großen und universalen Ideen dieser Bewegung, es wurde
bahnbrechend für den Gedanken der Verbreitung des christlichen
Glaubens nach Osten. Und so erschien es als Mittelpunkt
einer allgemeinen Offensivbewegung gegen den Islam, deren
Flügel durch Polen und Venedig gebildet wurden: unter der
Agide des Papstes Innocenz XI. traten die drei Mächte zu
einer heiligen Liga zusammen.
        <pb n="169" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 549

Die Wirkung des „Mirakels“ vor Wien war aber noch
weit allgemeiner. Soweit man christlich und ritterlich in
christlichem Sinne empfand, soweit war man bereit, im Kampfe
gegen den Islam zu helfen und sympathisierte mit der führenden
Macht dieses Kampfes; einzelne, Gruppen, Kriegshaufen kamen
hilfeanbietend vom Westen her, aus dem romanischen Europa,
nicht zum wenigsten auch aus den Adelskreisen Frankreichs.
Es war, sehen wir auf die engeren Verhältnisse Deutsch—
lands, auch für das Reich und die Nation eine Zeit des Um—
schwungs, eines ersten Aufatmens nach den Tagen des großen
Krieges, einer ersten Stimmung hochgemuten Stolzes. Mit
dem Raube Straßburgs hatte Ludwig XIV. die weithin sicht—
barste seiner Freveltaten am Reiche begangen. Wie trat jetzt
der Glanz seiner Krone vor den Folgen des Ereignisses vor
Wien zurück! Was wollte sein Nagen und Nörgeln an der
Westgrenze des Reiches besagen, wurde dessen östlicher Einfluß
durch die Siege seiner Vormacht über Tausende von Geviert⸗
meilen erweitert. Nicht mehr in Frankreich, in Deutschland
lag für eine Anzahl von Jahren das Schwergewicht der Welt—
ereignisse in Europa, und nie ist die Nation aus diesen Tagen
des Stolzes, an die noch jetzt manche Türkentrophäe in
deutschen Museen erinnert, wieder in die ganze Verzagtheit
—00
An der militärischen Ausbeutung der Niederlage vor
Wien, an der kriegerischen Bewegung nach Osten nahm die
Nation mit Wärme Anteil. In Ungarn fochten neben den
Kaiserlichen die Völker der armierten Stände Bayern, Sachsen,
Brandenburg; aber auch kleinere Kontingente warben um
rühmlichen Lorbeer. Und nicht bloß der Soldknecht war es,
der donauabwärts zog. Zahlreich beteiligte sich niederer und
hoher Adel an der Kriegsreise bis hinauf zu den regierenden
Fürsten des Reiches; Max Emanuel von Bayern und Wilhelm
Ludwig von Baden waren die ersten großen Feldherren des Krieges.
Ja mit alledem nicht genug. Dem Einbruche der Kaiser⸗
lichen in Ungarn folgend hatten auch die Venezianer den
Kampf gegen die Türken wieder aufgenommen; es kamen die
        <pb n="170" />
        —350 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Zeiten der großen Siege Morosinis. Im Jahre 1685 brach er
in den Peloponnes ein und eroberte ihn; und die nächsten
Jahre brachten den Zug gegen Athen mit der Beschießung der
Akropolis und die Ausfahrt gegen Negroponte. An alledem
nahmen Schulter an Schulter mit Italienern und Griechen
auch Deutsche hervorragend teil: Braunschweiger und Sachsen,
Schwaben und Hessen unter dem Grafen von Königsmark; und
erst als die Pest Königsmark hinweggerafft hatte, Ende 1688,
haben viele Deutsche den Kriegsschauplatz verlassen. Doch
auch nach dieser Zeit erfreute sich Venedig noch starker deutscher
Unterstützung zur Aufrechterhaltung seiner Eroberungen; selbst
noch in den letzten Kämpfen, die die Republik um sie führte,
wie sie freilich mit dem Verluste des Peloponneses endeten
(1718), hat ein Graf von der Schulenburg als venezianischer
Feldmarschall kommandiert!.
Der gewaltigste Vorstoß gegen die Türken nach dem
Entsatze von Wien aber erfolgte doch donauabwärts: und der
Sieg von Parkany, am 9. Oktober 1683, sowie die Eroberung
von Gran am 27. Oktober 1683 waren hier die ersten großen
Ereignisse des nun erst recht beginnenden Krieges. An ihnen
waren noch die Polen unter Sobieski beteiligt; doch mußten
sie schon bei Parkany von den Deutschen herausgehauen werden,
nachdem Sobieski bereits vorher durch übertriebenen Ehrgeiz
Anlaß zu mancherlei Mißhelligkeiten gegeben hatte: auch der
Umschwung vor Wien ist nicht in dem Grade von ihm allein
—DDDDD
aber sind die Polen von dem Kriegsschauplatze an der Donau
verschwunden, um von sich und von ihren Grenzen aus den
Kampf gegen die Türken aufzunehmen: und was im Zentrum
der Angriffe nunmehr gegen diese erfolgte, war von ietzt ab
deutsches Werk.
Da brachte denn, nach manchem Zögern und Ausweichen,
das Jahr 1686 den entscheidenden Fortschritt: die Einnahme
Ofens, des Hauptsitzes der türkischen Macht in Ungarn. Von
nun ab aber war kein Haltens mehr; voll sind die Jahre
S. unten S. 586.
        <pb n="171" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 551

1686, 1687 und 1688 von weiteren Erfolgen. Noch 1686
drang ein Heer unter dem Markgrafen von Baden rechts der
Donau bis zur Drau vor; ein anderes unter General Wallis
nahm links der Donau die Richtung auf die Theiß und er—
—D
die aus Siebenbürgen kommende Maros in die Theiß mündet.
Der zentrale Vorstoß aber die Donau unmittelbar abwärts
wurde im Jahre 1687 unternommen; am 12. August schlugen
die nun nach manchem Zwiste wieder vereinigten deutschen
Völker die Türken auf dem altgewohnten Kampffelde am
Berge Harkany in der Nähe von Mohacz so aufs Haupt, daß
damit die Eroberung Ungarns vollendet schien. Und schon
machten sich die Folgen des Sieges bis nach Siebenbürgen
hin geltend; Apaffy, der magyarisch-türkische Vasallenfürst,
nahm jetzt das Land vom Kaiser zu Lehen.
Dennoch überholte 1688 noch die Errungenschaften des
vorhergehenden Jahres. Jetzt wurde die Herrschaft über Ungarn
militärisch befestigt; im Mai fiel Stuhlweißenburg, die alte
ungarische Krönungsstadt. Vornehmlich aber wurde in der
Hauptrichtung des bisherigen Vordringens, nach heftigen
Kämpfen, in denen sich deutsche Fürsten namentlich auch durch
persönliche Tapferkeit auszeichneten, unter Führung des Kur—
fürsten Max Emanuel von Bayern Belgrad genommen: end—
gültig waren die Türken vom ungarischen Boden vertrieben,
und schon schweiften deutsche Truppen weit nach Bosnien
hinein, ja drangen in die Ebenen der westlichen Wallachei vor.
War es da zu verwundern, wenn man sich in Wien in den
stolzesten Hoffnungen wiegte, wenn Konstantinopel ein nicht
mehr zu fernes Endziel kriegerischen Ehrgeizes schien?
Die bisherigen Erfolge aber waren inzwischen durch die
innere gleichsam politische Eroberung Ungarns erst recht be—
festigt worden. Nach den furchtbaren Zeiten des Bluttribunals
von Eperies, in denen General Caraffa, ein heißblütiger und
hinterlistiger Neapolitaner, versucht hatte, alle Mittel der
Gegenreformation zur Unterwerfung des Landes anzuwenden,
erschien Kaiser Leopold im Spätherbst des Jahres 1687 per—
        <pb n="172" />
        552 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

sönlich mit seinen jungen Söhnen Joseph und Karl auf einem
Reichstage zu Preßburg, um die Verhältnisse des Landes zu
ordnen: es war wie eine Wiederholung jener weit zurückliegenden
Vorgänge deutscher Kaiserzeit, in denen Ottonen und Salier
in die magyarischen Geschicke eingegriffen hatten. Das Wahl—
recht zur ungarischen Krone wurde aufgehoben, dem Adel aber
im übrigen die Unsumme seiner alten Privilegien — mit Aus—
nahme des einen zu bewaffnetem Widerstande gegen vertrags—
widrige Akte der Krone — bestätigt; und selbst die Protestanten
erhielten eine wenn auch beschränkte Duldung — auch diese
übrigens nur gegen den Widerspruch der magyarischen Bischöfe.
Zum Abschlusse dieser Verhandlungen aber, in denen erst
Ungarn recht eigentlich für das Haus Habsburg gewonnen
wurde, erfolgte, am 8. Dezember 1687, die feierliche Krönung
des achtjährigen Erzherzogs Joseph zum König von Ungarn
nach dem neuen Königsrecht, das die Stephanskrone dem
Mannesstamme des Hauses Habsburg, und zwar auch der
spanischen Linie, erblich zusprach.
Die territoriale Ausgestaltung einer neuen österreichisch—
ungarischen Monarchie war errungen, die räumliche Basis einer
modernen deutsch-habsburgischen Großmacht gelegt.
Es waren Erfolge, denen ein erhöhter Aufschwung des
kaiserlichen Ansehens im Reiche und damit ein Wiederaufleben
des Reichsgedankens überhaupt parallel lief. Wie stand doch
Osterreich jetzt im Vordergrunde der Weltangelegenheiten gegen—
über Frankreich; grollend und mißmutig ertrug Ludwig XIV.
die Wendung der Dinge. Und schon trat er mict bloß zurück;
das Glück wandte sich gegen ihn. Gegen Ende der achtziger
Jahre unterzog sich Osterreich dem Wagnis, neben dem Kampfe
im Osten auch den im Westen gegen den dritten Raubanfall
aufzunehmen, den Ludwig im Jahre 1688 begonnen hatte.
Und wir wissen schon, mit welchem, wenn auch erst in lang—
wierigen Verhandlungen und Feldzügen gewonnenen Erfolge.
Alle Sympathien im Reiche fielen ihm zu; am 12. Mai 1689
schloß es unter günstigen Bedingungen ein Bündnis mit den
Niederlanden, dem am 9. September desselben Jahres der
        <pb n="173" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 553

oranische König von England beitrat. Es waren Anfänge
zines gemeinsamen Widerstandes im Westen, die, wenn auch
unter mannigfachen Rückschlägen, wie sie namentlich der
häufigen Erschöpfung der Kriegführenden, einer typischen Er—
scheinung der Zeit größter Söldnerheere entsprachen, schließlich
doch zu dem Frieden von Rijswijk und zur Dämpfung der
Ansprüche Frankreichs (1697) geführt haben. Im Beginn
dieser Kämpfe aber vor allem erschien Österreich als deren
treibendste moralische Macht, und dieser Moment wurde von
ihm zur Herbeiführung eines seit lange unerhörten Ereignisses
ausgenutzt, das wiederum wie das Aufleben eines Stückes der
schönen Kaiserzeit des früheren Mittelalters anmutet: zur
Wahl eines jugendlichen, ja fast noch knabenhaften deutschen
Königs aus dem herrschenden Hause. Im Jahre 1689, im
fünfzigsten Lebensjahre Kaiser Leopolds, begannen die Ver—
handlungen; da sie zu gleicher Zeit auf lange hin französische
Gelüste auf den deutschen Thron auszuschließen bestimmt
waren, so wurden sie auch von England und den Niederlanden
gefördert; einstimmig wurde am 24. Januar 1690 der nun
elfiährige Erzherzog Joseph zum römischen König gewählt und
zwei Tage darauf vom Mainzer Kurfürsten gekrönt: zwei
Kronen, die deutsche und die ungarische, vereinte er schon auf
seinem Haupte: welch glücklicher Aspekt für die Gegenwart
ind welche Verpflichtungen für die Zukunft!
Der Türkenkrieg aber währte inzwischen fort, obwohl ihn
die Pforte schon längst durch Friedensangebote zu beendigen
gesucht hatte: nicht ohne inneren Grund: es galt, die Osmanen,
wenn auch unter mancherlei Wechsel des Glückes, endgültig an
der Donau niederzuringen. Es war zugleich eine Aufgabe, in
der sich eine Haupteigenschaft der Wiener Politik, die der
Zähigkeit, glänzend bewähren konnte.
Und schienen nicht die nächsten militärischen Ereignisse
den Zugang zur Verwirklichung kühnster Hoffnungen zu er—
öffnenꝰ Im Jahre 1689, einem der ruhmvollsten Feldzugs—
jahre des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden, gelang
es, die Türken in zwei gewaltigen Schlachten bei Batoschina
        <pb n="174" />
        554 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

und bei Nisch in Serbien zu schlagen, worauf, im weiteren Verfolge
des Donauweges, am 14. Oktober Widin erobert wurde: schon
konnte man, durch diese wichtige Festung gesichert, Winterquartiere
in der Wallachei nehmen und die längst ins Auge gefaßte Insur—
rektion der Christen in den inneren Balkanländern beginnen.
Allein das Jahr 1690 brachte einen Rückschlag. In der
Türkei raffte man sich, nach so viel Mißgeschick, zu einer letzten
Anstrengung auf; ein neuer, energischer Großvezier, Mustafa
Köprili, führte eine Reorganisation der zerfallenen Streitkräfte
durch; Anfang 1690 erschien er mit 1830000 Mann im Felde,
unterstützt von den Kuruzzen Tökölys, den der Sultan zum
Fürsten von Siebenbürgen ernannt hatte. Rasch nahm er
Widin, dann Nisch, auch Orsowa und Semendria; am 8. Oktober
endlich fiel ihm Belgrad unter den Folgen einer unglücklichen
Pulverexplosion zu: die Kaiserlichen sahen sich auf das linke
Donau- und Sauufer zurückgeworfen; genug noch, daß sie
Esseg in tapferer Verteidigung hielten und in Siebenbürgen
nicht jeden Einflusses beraubt wurden.
Aber diese Fortschritte der Türken entfachten wiederum
auch auf deutscher Seite, unter den Truppen wie in der
Wiener Hofburg, die zäheste Energie. Mit hohem Eifer rüstete
man für das Jahr 1691; man scheute sich nicht, von der
westlichen gegen Ludwig XIV. kämpfenden Armee zunächst
Truppen zurückzuziehen; abgesehen von detachierten Heeren
konnte der Markgraf von Baden im Juli mit einem Haupt-—
heere von etwa 40000 Mann ins Feld ziehen. Aber ihnen
standen Türken in überlegener Anzahl gegenüber, zudem unter⸗
stützt durch Artillerieoffiziere und Ingenieure, die Ludwig XIV.
zesandt hatte. Dennoch: in der Schlacht von Slankamen,
am Zusammenflusse etwa von Drau und Donau, südöstlich
Peterwardein, wurden die Türken am 19. August 1691 ver⸗
nichtend aufs Haupt geschlagen: es war die militärische Meister—
tat des markgräflichen Feldherrn. Man schätzte den Verlust
der Türken auf 20000 Mann, eine große Anzahl von hohen
militärischen Würdenträgern, darunter der Großvezier Köprili,
war gefallen; unermeßlich war die Beute, die das in auf—
        <pb n="175" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 555

gelöster Ordnung flüchtende Heer zurückließ. Freilich auch die
Deutschen hatten schwer gelitten, die Kaiserlichen zählten
7000 Mann an Toten und Verwundeten, die Brandenburger
auf ihre 6000 Mann 900; zahlreich waren namentlich die
Verluste an Offizieren. So war es unmöglich, die Vorteile
der gewonnenen Schlacht vollends zu verfolgen: Belgrad
wurde nicht genommen, und Großwardein fiel erst im folgenden
Jahre, am 5. Januar 1692.
Aber, was vielleicht schlimmer war, in diesem Jahre
verließ der Markgraf von Baden den türkischen Kriegsschauplatz,
um von nun ab, immer bedächtiger werdend, die Führung
der Kaiserlichen und der Reichstruppen am Oberrhein gegen
Frankreich zu übernehmen, und sein Nachfolger, Friedrich
August, seit 1694 Kurfürst von Sachsen, der nachmalige August
der Starke, bewährte sich nicht. Erst als nach dem Tode des
Polenkönigs Johann Sobieski, am 17. Juni 1696, Friedrich
August unter dem Wechsel seiner Konfession im Juni 1697
die polnische Königskrone erlangt hatte und damit vom
Kriegsschauplatze geschieden war, erhielten die Dinge wiederum
ein anderes Gesicht. Ja der Umschwung war radikal. Denn
zum Nachfolger des Kurfürsten wurde unter dem Jubel der
Armee, die ihn schon kannte und liebte, einer der jüngsten
Generäle, Prinz Eugen von Savoyen ernannt. Von Frankreich,
dem er zuerst seine Kriegsdienste augeboten hatte, zurückgewiesen,
hatte sich der Prinz in jungen Zahren Österreich zugewandt,
um hier, gleich so manchem fremden Fürsten und Edelmann,
eine neue Heimat zu finden; schon früh hatte er sich in den
Türkenkriegen, in einer der ersten Schlachten, der von Parkany,
ausgezeichnet; und jetzt hatte Rüdiger von Starhemberg, der
Präsident des Hofkriegsrates, erklärt, es gebe niemand, „der
mehr Verstand, Experienz, Applikation und Eifer zu des Kaisers
Dienft, der ein generoser und uninteressierteres Gemüt, auch die
Lieb und Experienz bei der Miliz“ in höherem Maße besäße als er.
Prinz Eugen übernahm das Kommando im Sommer 1697
und führte zunächst in kurzer Zeit eine Reorganisation der
Armee durch, daun wandte er sich dem Kampfe zu, in dessen
        <pb n="176" />
        556 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Verlaufe sein Ruhm die wahrlich nicht geringen' Verdienste Max
Emanuels von Bayern überstrahlen und den hohen Ruf Ludwig
Wilhelms von Baden überflügeln sollte.
Bei den Türken hatte in dieser Zeit der Sultan Mustafa II.
selbst den Oberbefehl übernommen. Er ging im August 1697
von Belgrad aus zum Angriffe vor und nahm rechts der
Theiß den Weg auf Szegedin, um nach Einnahme der schwach
besetzten Festung auf diese gestützt und gegen kaiserliche An—
griffe von Westen her sicher östlich in Siebenbürgen ein—
zudringen. Es war ein Plan, den Eugen alsbald zu vereiteln
suchte, indem er den Türken bei ihrem Marsche gegen Szegedin
auf den Füßen folgte. So war es diesen denn nicht möglich,
Szegedin zu nehmen; noch vor der Stadt versuchten sie auf das
linke Ufer der Theiß bei Zenta zu entkommen und legten rasch
Schanzen vor der Brücke am rechten Ufer an, um sich dahinter
gegen das nachfolgende christliche Heer zu verteidigen, bis der
Ubergang über den Fluß vollzogen werden konnte. Aber Eugen
war nicht der Meinung, daß Zenta den Türken Szegedin ersetzen
sollte. Unverweilt griff er sie an, am 11. September 1697.
Und nun entspann sich eine mörderische Schlacht, die mit der
gänzlichen Niederlage des Sultans und seiner Flucht unter
Hinterlassung einer noch nie so kostbar befundenen Beute endete.
Es war der große Schlußakt des Krieges gegen die
Türken. Denn war es auch zu spät im Jahre, um den Sieg
noch durch die Rückeroberung der großen Donaufestungen,
namentlich Belgrads, zu krönen, und unternahm Eugen nur
noch einen hastig geführten Feldzug nach Bosnien, wobei er
bis nach Serajewo vorstieß und Schrecken unter den Musel—
männern, Freude unter den Christen der inneren Bergländer
verbreitete, so war doch die politische und moralische Wirkung
des großen Sieges so bedenklich, daß sie den Türken die Fort⸗
führung des Kampfes versagte. Da zeigten sich jetzt die
Venezianer zu neuem Vordringen gegen die türkische Südfront
entschlossen, während die Fürsten der Moldau und Walachei
auf Verrat sannen, mit dem Kaiser in geheime Verbindung
traten und der Unterstützung durch den nach Byzanz kriegerisch
        <pb n="177" />
        Türkenkriege u. spanis cher Erbfolgekrieg; Osterreich euürop. Großmacht. 557

porwärts drängenden Zar Peter gewiß schienen. Da war in
Polen die Kandidatur des französischen Prinzen Conti auf
den Königsthron gescheitert; aus einem für polnische Verhält—
nifse charakteristischen Wahlakte war schließlich Friedrich August
von Sachsen als König hervorgegangen und hatte sich mit
einem kleinen Heere entschlossen in den Besitz der Herrschaft
gesetzt, während der Prinz Conti, mit einem Geschwader zu
spät vor Danzig erschienen und von der Stadt nicht eingelassen,
zum Gespött der Welt wieder hatte heimkehren müssen: lahm
lag der französische Einfluß in Polen, und wahrscheinlich er⸗
schienen auch scharfe polnische Angriffe bei Fortsetzung des
Krieges. Da sah sich endlich Ludwig XIV. selbst zum Frieden
mit Kaiser und Reich gedrängt; nicht konnte fürderhin davon
die Rede sein, daß Mittelenropa in Zangenweise von Franzosen
und Türken zugleich kriegerisch bedruͤckt werde; und frei waren
die rheinischen Völker des Reichs und des Kaisers für die
Verwendung an der Donau.
Unter diesen Umständen kam es, am 26. Januar 1609,
zu dem Frieden von Karlowitz. Die Türken traten ganz
Ungarn bis zur Teiß, sowie Slawonien und Siebenbürgen
in den Kaiser ab und behielten nur die Sudostecke des Landes,
das Banat, in dem aber nur Temesrar befestigt sein durfte,
während ihm gegenüber der Kaiser Arad am Marosch als
Grenzfestung ausbaute; außerdem verpflichteten sie sich, jeder
Einmischung in die innere Entwicklung Ungarns zu entsagen
und verbaunten Tököly, den Kuruzzenführer, den einstigen
Fursten von Ungarn, den späteren türkischen Lehnsträger
Siebenbürgens in ein verlassenes Nest Kleinasiens.
Von den übrigen Kriegführenden, die gleichzeitig Frieden
chlossen, erhielt Venedig Landabtretungen in Dalmatien und
die Zusicherung des Peloponneses mit Zubehör, Polen die
Garantie seines Besitzes von Podolien und in der Ukraine,
sowie die Festung Kaminiec; Rußland endlich schloß nur einen
Waffenstillfland auf zwei Jahre ab und behielt Asow.
Für Zentraleuropa aber und insbesondere das deutsche
Reich folgte dieser glorreiche Friede auf den mindestens ebenfalls
damvrecht, Deutische Gespihne vn. 96
        <pb n="178" />
        358..Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. ——

vorteilhaften Friedensschluß von Rijswijk. Sicherte der eine
immerhin die Westgrenze, so schuf der andere für die deutsche
Vormacht des Südostens ein Gebiet schier unendlicher Aus—
breitung im Südosten: stolz immerhin konnte man dem Abschluß
des Jahrhunderts entgegensehen. Für Hsterreich insbesondere
erwuchsen freilich aus seiner nunmehr unbestrittenen Stellung
als europäische Großmacht neue Aufgaben und neue Entschlüsse:
und für deren Richtung war maßgebend, daß jetzt ein Kampf
um das spanische Erbe der Habsburger bevorstand, der beinahe
das ganze zivilisierte Europa in Bewegung setzte.

III.

Spanien war seit der Zeit der großen Entdeckungen und
mit den Jahren der neuen katholischen Frömmigkeit der Gegen⸗
reformation zur führenden Macht Europas herangewachsen;
ja die Grundlagen von einer mehr als europäischen Universal⸗
monarchie schienen in seiner Entwicklung hervorzutreten. Es
war eine Bildung, die, namentlich auch durch ihre Übergriffe
nach Italien und ihr Verhältnis zum Papsttum, tatsächlich die
Rolle des alten Römischen Reiches deutscher Nation über⸗
nommen zu haben schien und darum den Neid Frankreichs
erweckte, insofern dieses sich als den gegebenen Nachfolger der
zentralen Stellung des mittelalterlichen Imperiums ansah,
üͤbrigens auch der Eifersucht Deutschlands hätte begegnen
müssen, wäre hier das Reich noch eine Einheit gewesen und
wären die persönlichen Gefühle der herrschenden Kaiser nicht
dadurch abgedämpft worden, daß eben ein Zweig ihres Hauses
in Spanien herrschte. Und es war eine Bildung, die, insofern
sie über Europa hinausgriff, zugleich den kolonialen und
kommerziellen Wettbewerb der anderen seefahrenden Nationen,
hor allem der teutonischen, der Niederländer und Engländer,
weckte und wecken mußte, je mehr diese ihre Macht zu Meere
entfalteten.
Von den auf diese Weise entstehenden Rivalitäten waren
um 1700, zu den Zeiten, da man in Spanien mit dem Hingang
        <pb n="179" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 559

des letzten siechen Habsburgers Karls II. das Aussterben der
regierenden Dynastie erwartete, die der Seemächte erst recht
im Entstehen begriffen, wobei England schon vor den Nieder—
landen hervortrat, da es sie in der äußeren Politik bereits häufig
entscheidend beeinflußte. Die Rivalität zwischen Spanien und
Frankreich dagegen schien durch den ungeheuren Aufschwung
des Ansehens, den Frankreich unter Ludwig XIV. erlebt hatte,
bis zu einem gewissen Grade zugunsten Frankreichs erledigt;
unbestritten galt dieses in seiner Unruhe und seiner Kraft als
die führende Macht des Kontinents und heimlich fürchtete man
seine Neigungen zur Begründung einer europäischen Universal—
monarchie. Deutschland endlich war nach dem Dreißigjährigen
Kriege auf ein Menschenalter ganz zurückgetreten; doch jetzt
regte sich auch seine politische und militärische Energie, und
das Haus wie der Kaiser, der seine Krone trug, hatte in
kritischen Augenblicken im höchsten Grade entschlußfest ein
großes Reich des Südostens, wenn auch erst jüngst und noch
immer nicht völlig sicher begründet.
Das war ungefähr die Lage, als Karl II. am 1. November
1700, starb. Wer sollte sein Nachfolger sein? Ein ungeheurer
Wettbewerb der großen Mächte, eine schwere Störung des
europäischen Gleichgewichts war zu erwarten, selbst wenn man,
wie das für die Seemächte zutraf, an sich zu friedlichem Aus—
gleich der Lage bereit war und gewesen war.
Die allgemein europäischen Interessen trafen aber bei der
Regelung der spanischen Erbfolgefrage auf partikulare, die aus
dem geltenden Familienrecht der ausgestorbenen Dynastie und
dem letzten Willen König Karls ihre Geltung ableiteten: und
diese zunächst in den Vordergrund tretenden partikularen
Interessen waren alles andere als klar und verquickten sich
schon darum aufs mannigfaltigste mit den Sonderabfichten
der großen Mächte.
König Philipp IV. von Spanien, von dem man lange
annahm, daß er keinen Sohn und somit männlichen Nachfolger
haben werde, hatte zwei Schwestern, deren eine die Mutter
Ludwigs XIV., die andere die Mutter Kaiser Leopolds IJ.
36 *
        <pb n="180" />
        360 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wurde. Von hier aus ließen sich Erbfolgerechte für die Nach—
kommenschaft Ludwigs XIV. wie Leopolds J. konstruieren,
und sie führten für Ludwig XIV. über den Dauphin Ludwig
zu dessen ältesten Söhnen, Ludwig, dem Herzog von Burgund,
und Philipp, dem Herzog von Anjou, von denen Philipp zum
Träger dieser Ansprüche bestimmt wurde, und bei Leopold J.
zu dessen Söhnen Joseph und Karl, die er von seiner dritten
Gemahlin, einer pfalz⸗neuburgischen Prinzessin, besaß; hier
wurde Karl zum Träger der Erbansprüche ersehen. Von dieser
Grundlage aus, von der Plattform gleichsam der Generation
Philipps IV. her, traten also ein Enkel Ludwigs XIV.,
Philipp von Anjou, und ein Sohn Leopolds J., Karl, als
Prätendenten auf.
Nun hatte aber Philipp schließlich doch noch einen Sohn
erzeugt, Karl II., und vor ihm waren dem Könige auch noch
zwei Töchter, Maria Theresia und Maria Margareta, geboren
worden. Von diesen Töchtern war die erste an Ludwig XIV.,
die zweite aber an Kaiser Leopold verheiratet worden. Es
ist klar, daß aus diesem Zusammenhange für die Deszendenz
Ludwigs XIV., also Philipp von Anjou, neue Ansprüche
von Rechts wegen herzuleiten gewesen wären, hätte nicht die
Gemahlin Ludwigs XIV. vor ihrer Verheiratung auf ihr
Erbrecht verzichtet. Indes dieser Verzicht wurde in Frankreich
für nichtig erklärt. Auch für den österreichischen Prätendenten
Karl würde sich aus diesem Zusammenhange eine weitere
Berechtigung ergeben haben, wäre er der Sohn Leopolds von
der Maria Margareta gewesen. Das war aber nicht der Fall.
Von den Kindern dieser Ehe war vielmehr nur eine Tochter
am Leben geblieben, Maria Antonia. Die aber war mit dem
Kurfürsten Max Emanuel von Bayern vermählt, und dieser
Ehe entstammte ein Sohn, der Kurprinz Joseph Ferdinand —
natürlich ein dritter Prätendent.
Welcher von den drei Prätendenten hatte nun ein besseres
Recht? Es war schwer zu entscheiden; bei jedem ließen sich
Einwürfe machen, am wenigsten vielleicht bei dem freilich noch
sehr jugendlichen Joseph Ferdinand. Und so war es einerseits
        <pb n="181" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 561

zu Versuchen vornehmlich der Vertreter der bourbonischen und
habsburgischen Ansprüche gekommen, sich gegenseitig zu ver—
gleichen, und hatte anderseits das spanische Volk sich mehr
für die bayrische Kandidatur entschieden, zumal Max Emanuel,
Joseph Ferdinands Vater, ein Herrscher von auerkanntem
Rufe, ein in den Türkenkriegen bewährter Kriegsheld und
eine einnehmende Persönlichkeit war. Diesen Sympathien der
Nation hatte sich dann auch König Karl II. angeschlossen, und
so hatte er die spanischen Niederlande dem bayrischen Kurfürsten
nicht bloß als späteren Besitz, sondern auch schon als bei
seinen Lebzeiten zu beherrschendes Land, übertragen: was
leicht als Symbol künftiger Universalerbfolge betrachtet werden
konnte.
Und war es, vom europäischen Standpunkte und dem
Standpunkte der Seemächte aus betrachtet, vielleicht nicht die
beste Lösung, wenn das große Reich dem Prinzen eines minder
mächtigen Hauses zufiel — jedenfalls aber nicht dessen Ver—
einigung mit Österreich oder gar Frankreich, sei es auch nur
in der Form von Sekundogenituren eintrat, deren eine das
europäische, deren andere gar auch die leisen Anfänge eines
universellen Gleichgewichts zu stören drohte? Denn Frankreich
war schon eine beachtenswerte Kolonialmacht, der namentlich in
Nordamerika reiche Erfolge winkten; die direkte oder indirekte
Verstärkung durch den außereuropäischen Besitz Spaniens hätte
ihm daher Neigungen geben können, sich zum Herrscher der
Welt aufzuwerfen.
So schien alles wohlbestellt, hätten sich nicht in den letzten
Jahren Karls II. immer mehr Spuren französischer Wühlarbeit
am spanischen Hofe gezeigt, denen natürlich das Bestreben
zugrunde lag, den französischen Prätendenten in den Vorder—
grund zu schieben. Zugleich aber kamen andere Bedenken.
Den Seemächten schien es, bei der zunehmenden Unsicherheit
aller Voraussicht dessen, was nach dem Tode Karls II. ein—
treten könnte, doch besser, schon bei dessen Lebzeiten Verhand—
lungen einzuleiten, deren Ziel die Zerstückelung des Erbes
unter die Prätendenten war: so glaubten sie ihre Interessen
        <pb n="182" />
        562 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

am sichersten und besten gewahrt; vornehmlich in den Jahren
1698 und 1699 sind sie in dieser Richtung tätig gewesen. All
diese Versuche, denen Frankreich unter gewissen, ihm günstigen
Bedingungen nicht entgegentrat, wurden aber, ganz abgesehen
von der Haltung des Kaisers, allein schon durch den Tod des
bayrischen Kurprinzen, am 6. Februar 1699, gestört. Von nun
an setzten die Bestrebungen Frankreichs am Madrider Hofe mit
doppeltem Eifer ein. Und als Karl II. starb und sein kurz
vor dem Tode abgefaßtes Testament eröffnet wurde, fand sich,
daß er Philipp von Anjou zum Universalerben der spanischen
Monarchie eingesetzt hatte.
Es war klar, daß jetzt alles zu einem gewaltigen Kriege
drängte, wenn nicht Ludwig XIV. in weiser Selbstbeschränkung
mindestens die Forderungen der Seemächte und daneben auch
die fest aufrechterhaltenen Erbansprüche des österreichischen
Hauses Habsburg auf irgendeine Weise befriedigte. Allein in
den vornehmlich von den Seemächten betriebenen Verhandlungen
erwies er sich als unzugänglich und hochmütig zugleich; und
so wurden England, die Niederlande und Hsterreich dem Ab—
schlusse eines Angriffsbundes, der später sogenannten Großen
Allianz, zugedrängt. Sie kam am 7. September 1701 im
Haag zustande. In ihr wurde im Grunde der Erbanspruch
der Bourbonen auf Spanien selbst anerkannt, indem abgemacht
wurde, Spanien und Frankreich sollten niemals in derselben
Hand vereinigt sein, und indem dem Kaiser eine „Satisfaktion“
für die Ansprüche seines Hauses in Aussicht gestellt wurde.
Diese sollte in den nichtspanischen europäischen Besitzungen der
panischen Monarchie bestehen: in den Niederlanden, in Mailand,
Neapel und Sizilien, in den spanischen Teilen Toskanas und
den spanischen Inseln des Mittelmeers. Den außereuropäischen
Besitz der spanischen Krone dagegen in Ost- und Westindien
wollten die Seemächte erobern und behalten und weiterhin um
die Freiheit ihres Handels auch in den westeuropäischen Ländern
und Gewässern kämpfen.
Man sieht: es war ein universales Programm, das dem
Angriffe gegen Frankreich zugrunde gelegt wurde; auch in der
        <pb n="183" />
        Türkenkriege n. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 5363

Entfaltung der Weltpoltik macht der nun beginnende
spanische Erbfolgekrieg Epoche. Wie aber fanden sich in dem
Getriebe, das sich nun entwickelte, die deutschen Interessen,
die Interessen des Reichs gewahrt?
Da war zunächst schon zur Zeit des Abschlusses der Großen
Allianz die Zeit vorüber, daß man ein einmütiges Mitgehen
aller Reichsstände mit dem Kaiser hätte erwarten können.
Kurfürst Max Emanuel von Bayern hatte allerdings durch
den Tod des Kurprinzen die kühnen Hoffnungen, welche dessen
Anwartschaft auf den spanischen Thron in ihm erweckt hatte,
verloren gehen sehen. Aber schon vorher war er, eben durch
diese Anwartschaft, dem kaiserlichen Hofe, an dem er früher
so gern geweilt hatte, entfremdet worden; bereits seit den
neunziger Jahren residierte er als spanischer Generalstatthalter
in Brüssel. Nun, nach dem Tode Karls II. und der Pro—
klamation des Bourbonen zum spanischen König, war es sein
Bestreben, aus den Trümmern seiner Hoffnungen, wenn nicht
mehr, so doch wenigstens die Niederlande für sein Haus zu retten,
und das schien ihm möglich nur im Anschlusse an Frankreich.
So hatte er schon am 9. März 1701 ein vorläufiges Ver—
teidigungsbündnis mit Frankreich und Spanien geschlossen
und war dann in seine Erblande, die er von diesem Augen⸗—
blicke an durch Osterreich bedroht wußte, nach München, zurück—
gekehrt. Die Stellungnahme des bayrischen Kurfürsten aber
war auch für den andern Wittelsbacher auf allerdings geist—
lichem Thron, den Kurfürsten Joseph Clemens von Köln,
zugleich Bischof von Lüttich und Hildesheim, maßgebend ge—
wesen; noch im Jahre 1701 ließ er die Franzosen ins
Lüttichsche ein und übergab ihnen kurkölnische Festungen am
Rheine.
So hatte denn Frankreich im Reiche festen Fuß gefaßt;
gewann es auch von kleineren Fürsten vornehmlich nur den
Herzog Anton Ulrich von Braunschweig⸗-Wolfenbüttel, so ge—
nügte doch die Bundesgenossenschaft vor allem Bayerns, um
den Schauplatz des kommenden Krieges tief ins Innere Deutsch—
lands, besonders des Südens, zu verlegen.
        <pb n="184" />
        564

Einundzwanzigstes Buch. Zweites LKapitel.

Und ward dem Kaiser sonst im Reiche gern gewährte und
einstimmige Hilfe?
Es ist schließlich, am 20. September 1702, zur Erklärung
eines Reichskrieges gegen Frankreich gekommen. Und das
hieß, daß vor allem die süddeutschen Stände mit Ausnahme
von Bayern den Ernst der Lage begriffen und bereit waren,
noch einmal zur Verteidigung auch ihrer Selbständigkeit mit
dem Kaiser — und der Großen Allianz — gegen Frankreich
zusammenzustehen. Dementsprechend hatte sich denn auch schon
vor dem Reichsschlusse eine ganze Anzahl von Ständen und
Kreisen dem Kaiser angeschlossen: so von den geistlichen Kur—
fürsten der Mainzer und Trierer, ferner der Pfälzer Kurfürst,
die hessischen Landgrafen, endlich alle fünf vorderen Reichs—
kreise, die wesentlich zu diesem Zwecke eine eigene „Assoziation“
gebildet und dem Markgrafen von Baden die Zusammenstellung
einer Armee aus ihren zahlreichen größeren und kleinen Kon—
tingenten anvertraut hatten.
War damit Süddeutschland als das zumeist bedrohte
deutsche Land gewonnen, so standen auch im Nordwesten die
Dinge insofern nicht ungünstig, als man Hannovers sicher zu
sein glaubte, solange England der Großen Allianz angehörte.
Dem lag der folgende Zusammenhang zugrunde. Wilhelm III.,
der Oranier, der am 19. März 1702 starb, hinterließ keinen
Leibeserben an der englischen Krone; diese fiel an Anna, eine
Tochter Jakobs II. Aber auch die protestantische Nachkommen⸗
schaft des Hauses Stuart ging ihrem Aussterben entgegen. Den
Möglichkeiten von Verwirrung, die mit dem Eintreten dieses
Ereignisses drohten, hatte nun Wilhelm III. schon seit den Tagen
seiner Thronbesteigung vorzubeugen gesucht; und als er starb,
hinterließ er in dieser Hinficht geordnete Verhältnisse. Maß—
gebend für deren Regelung war dabei eine Rückwärtsverfolgung
der Anrechte auf den englischen Thron bis auf König Jakob J.
gewesen. Und da hatte sich als erstberechtigt dessen Tochter
Elisabeth herausgestellt, die mit dem unglücklichen Winterkönige
Friedrich V. von der Pfalz vermählt gewesen war. Von den
Kindern aus dieser Ehe lebte nun jetzt nur noch eine, die im
        <pb n="185" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 565

Jahre 1630 geborene Sophie, Gemahlin des Herzogs Ernst
August von Hannover. Also waren diese und deren Kinder erb—
berechtigt. Es war die Erbfolgeordnung, die, gleichzeitig mit
dem Abschlusse jenes parlamentarischen Verfassungssystems, das
das England des 18. Jahrhunderts gekennzeichnet hat, in der
Sukzessionsakte vom 12. Juni 1701 festgestellt worden war: auf
Grund dieser Akte hat dann im Jahre 1714 das Haus Hannover
in der Person Georgs JL., eines Sohnes der Herzogin Sophie,
den englischen Thron ererbt. Dies alles waren natürlich
Beziehungen, die Hannover im ersten Jahrzehnt des 18. Jahr⸗
hunderts zugleich an jeder von England geförderten Allianz
festhielten.
Weniger starker Sympathie oder wenigstens Beihilfe
konnten sich dagegen die Große Allianz und der Kaiser im
deutschen Nordosten versehen.
Grund war hierfür einmal die zwiespältige Form, in die
sich die Interessen Brandenburg-Preußens in der Frage der
Großen Allianz gezwängt sahen. Da galt einerseits noch
immer der brandenburgisch-österreichische Bund vom Jahre
1686, das Vermächtnis des Großen Kurfürsten. Und im
Verlaufe der Verhandlungen über die Erlangung der Königs⸗
krone für Preußen, von denen an anderer Stelle noch ein—
gehender zu sprechen sein wirdl, waren durch den Kronvertrag
des Jahres 1700 die Konsequenzen dieses Bundes für den
drohenden spanischen Erbfolgekrieg dahin geregelt worden, daß
Preußen zur Verteidigung der kaiserlichen Ansprüche 8000
Mann zur Verfügung stellen sollte. Es war ein verhältnis—
mäßig kleines Heer, über dessen Norm Preußen sehr wohl
hinausgehen konnte, wenn es sonst seine Interessen mit sich
brachten. Aber da schob sich nun eine andere Angelegenheit
verdrießlich zwischen. Mit dem Tode König Wilhelms von
England war auch die oranische Erbschaft in direkter Deszendenz
erbfolgelos geworden; sie bestand aus weitzerstreuten Ländchen
und Anrechten, u. a. aus den Grafschaften Lingen und Mörs,

S. unten Abschnitt III Kapitel 21 3.
        <pb n="186" />
        366 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

dem Fürstentum Neuchatel mit der Grafschaft Valengis in der
Schweiz und dem Fürstentum Orange an der Rhone, nördlich
von Avignon. Auf diese Erbschaft hatten sich nun die Hohen—
zollern von jeher Hoffnung gemacht und nach dem Verhalten der
Oranier auch Grund gehabt dies zu tun. Jetzt aber, nach dem
Tode König Wilhelms, zeigte sich, daß dieser zu ihren Erben
bielmehr den Prinzen Johann Wilhelm Friso von Nassau-Diez
eingesetzt hatte, und die Generalstaaten, die als Testaments—
vollstrecker bestimmt waren, erschienen mit dieser Lösung sehr
zufrieden. Sollte nun Preußen unter diesen Umständen der
Großen Allianz, deren auswärtige Interessenten eben die
Niederlande und England waren, besonders entgegenkommen?
Die militärische Besetzung der Grafschaften Mörs und Lingen
durch preußische Truppen im Jahre 1702 ließ eher den Schluß
auf das Gegenteil zu.
Aber ganz von der Haltung Preußens, des freilich nun schon
wichtigsten nordostdeutschen Staates abgesehen: konnte der Nord⸗
osten viel für die Austragung der spanischen Erbfolgefrage in
Betracht kommen? Eben im Verlaufe des spanischen Sukzessions⸗
krieges sah er sich in die Wirren eines großen nordischen
Krieges, von denen später erzählt werden wird!, verwickelt.
Freilich bezeichnet es, gegenüber den Ereignissen der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts, einen wichtigen Umschwung der
allgemeinen Lage, daß dieser Krieg nicht wieder, wie einst
oerwandte Vorgänge des 17. Jahrhunderts, mit den französischen
Angriffen in ein System gemeinsamen Druckes auf das deutsche
rReich und dessen Staaten verschmolz, wie auch der Unterschied
der Stellungnahme des Großen Kurfürsten und König Friedrichs J.
von Preußen zu den westlichen Angelegenheiten charakteristisch
ist: schon begann der deutsche Nordosten mehr, als bisher,
eigenen Weges zu gehen; und leise erste Differenzen zwischen
dem deutschen Staatensystem des Südens und Westens als
des Trägers mehr kaiserlicher Einflüsse und des Ostens als
des eigentlichen Gebietes künftiger preußischer Vorherrschaft
entwickelten sich.
1 S. Abschnitt 111 Kap. 3.
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        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 567

Inzwischen aber hatte der Krieg längst begonnen. Er
wurde auf drei Schauplätzen geführt, in Oberitalien, in Süd⸗
deutschland und in den Niederlanden mit dem deutschen Nord⸗
westen; folgerecht entwickelte sich dabei der mittlere Schauplatz
auch zum zentralen, und die Ereignisse gipfelten in einem un—
mittelbaren Angriffe auf psterreich selbst.
Oberitalien wurde zur Bühne kriegerischer Vorgänge, in
denen sich das Genie Eugens von Savoyen gegenüber der
ceichen Erfahrung französischer Heeresleiter bewährte. In der
Schlacht von Carpi, am 9. Juli 1701, wurde Catinat ge—
schlagen, in der bei Chiari, am 1. September 1701, Villeroy.
Und es gelang sogar, in einem kühnen Handstreich auf die
Festung Cremona am 1. Februar 1702, Villeroy mitten aus den
Seinen heraus gefangenzunehmen. Dann freilich wandte
sich wenn nicht das Verdienst, so doch das Glück. Eugen sah
siich von Wien aus in Stich gelassen: so früh schon trat die
bekannte österreichische Finanznot ein, die freilich auch sonst
ständige Begleiterin der Söldnerheerkriege des 17. und
18. Jahrhunderts gewesen ist. So sah Eugen sein Heer im
Jahre 1702 auf etwa 30000 Mann begrenzt: und ihm stand
jetzt der Herzog von Vendome mit 80000 Mann gegenüber.
Dennoch behauptete Eugen noch das Schlachtfeld von Luzzara,
am 15. August 1702, und vereitelte damit ein Eindringen
der französischen Armee in die Flanken sterreichs, wie es
Ludwig XIV. gerade von dieser Armee erhofft hatte. Gegen
Schluß des Jahres aber verließ Eugen den Kriegsschauplatz,
um die Präsidentschaft des Hofkriegsrates in Wien zu über—
nehmen, der, sollten die schweren Zeitläufe glücklich uberwunden
werden, an erster Stelle einer Reform bedurfte; und im Juni
1703, zu einer Zeit, da das Unglück gegen Osterreich ent—
hedend anzudrängen schien, hat er diese auch endlich durch—
gesetzt.
Auf dem nordwestlichen Kriegsschauplatze hatte unterdessen
der Feldzug mit der Eroberung der rheinischen Festungen des
französisch gesinnten Kölner Kurfürsten begonnen; Kaiserswerth,
Rheinberg, Bonn waren genommen worden. Dann waren die
        <pb n="188" />
        568 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Verbündeten über die Ville nach dem Maastale vorgedrungen
und hatten das Lütticher Bistum des Kölners erobert: alles
m Grunde nur Vorbereitungen zu einem Angriffe auf Frank—
reich, der einstweilen auf sich warten ließ.
Da war doch sogar die Reichsarmee am Oberrhein in
ihrer verwickelten Organisation unter Ludwig Wilhelm von
Baden energischer vorgegangen. Zwar hatte der Markgraf
nach einem schon früher bewährten Systeme zunächst befestigte
Linien zum Schutze der Schwarzwaldpässe angelegt. Dann aber
war er über den Rhein gedrungen, hatte am 11. September
Landau erobert und sah nun den Weg ins Elsaß und in die
Vogesenpässe offen.
In diesem Momente, da die Bedeutung des mittleren
Kriegsschauplatzes sich zuerst in einem der Großen Allianz
günstigen Sinne hervordrängte, trat nun aber ein Ereignis
ein, das diese Bedeutung sehr zum Nachteil der Allianz noch
mehr hervorhob und festlegte. Der Kurfürst von Bayern fiel
eben jetzt offen von Kaiser und Reich ab, und im Rücken des
Markgrafen von Baden begann ein bayrisches Heer zu operieren,
uim die Vereinigung mit den Franzosen im Elsaß zu gewinnen.
Nun wußte der Markgraf eine solche Vereinigung dieses
erste Mal zu hintertreiben; er hielt die Franzosen unter Villars,
die schon den Rhein bei Hüningen überschritten hatten, im
Verfolge der Schlacht bei Friedlingen, am 14. Oktober 1702,
nvon weiterem Vormarsche über den Schwarzwald zurück.
Aber für das Jahr 1708 wurde von französischer Seite
her der Plan eines Vordringens über den Schwarzwald nicht
bloß wieder aufgenommen, sondern um ein bedeutendes weiter
ausgestaltet. Während Villars sich nördlich der Alpen mit
den Bayern vereinigte, sollte dies auch Vendome von füdlich
der Alpen her auf dem Verbindungswege über den Brenner
tun: dann galt es einen gemeinsamen wuchtigen Angriff auf
Osterreich selbst, das inzwischen schon seit 1702 im Ruücken
durch einen von Frankreich unterstützten Aufstand, einen
magyarischen Kuruzzenkrieg beunruhigt und geschwächt wurde.
Zur Verwirklichung des Planes brach Villars Ende
        <pb n="189" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 569

Februar 1703 von Straßburg auf, nahm Kehl, drang durch
die Schwarzwaldpässe, ohne von der Reichsarmee aufgehalten
zu werden, und vereinigte sich am 9. Mai bei Tuttlingen an
der Donau mit dem bayrischen Heere.
Gern wäre nun Villars geraden Weges nach Wien weiter⸗
marschiert. Aber Max Emanuel von Bayern vermochte ihn,
der nächsten Beute zustrebend, des weiteren auch berechtigt durch
den Vereinigungsplan mit dem italienisch-französischen Heere,
die Eroberung Tirols als nächstes Ziel zuzulassen. So machte
er denn im Donautale Halt, während die Bayern in Tirol
eindrangen. Und nun begab sich, was als fast naturgemäßer
Ausgang aller Feldzüge in Tirol erscheinen muß. Die Bayern
stießen das breite Inntal hinauf rasch bis Innsbruck vor; am
2. Juli hielt Max Emanuel seinen Einzug in der Landes—
hauptstadt. Dann aber begannen eigentlich schon die Schwierig—
keiten. Zwar gelangten die Bayern noch bis zum Brenner;
als aber die Franzosen von Süden her ihnen nicht sofort die
Hand reichten, erhob sich allenthalben das Bauernvolk der Täler
und Berge. Denn nicht vergebens war hier, auf Urboden
gleichsam, mit alter Bauernfreiheit auch alter Bauernsinn er⸗
halten geblieben. Das Landgeschrei war noch kein leeres Wort
und der Landsturm kein organisationsloses Altertum. Und so
fanden die Franzosen, als sie endlich vom Gardasee aufbrachen,
io erbitterten Widerstand, daß sie nicht über Trient hinaus⸗
gelangten. Kehrten sie aber alsbald um, so waren dafür noch
mehr die Nachrichten von jenseit der Berge maßgebend, wo
es den Bayern inzwischen um vieles schlimmer ergangen war.
Vom Oberinntal her, wo Martin Stertzinger, der Pfleger von
Landeck, das Volk aufrief, war hier ein wütender Aufstand
über das Land hingegangen und hatte die Eindringlinge hinweg—
gefegt. Nach harten Kämpfen war schon Ende Juli Innsbruck
von den Kaiserlichen wiedergewonnen worden; von der verderben⸗
bringenden Vereinigung von Bayern und Franzosen über den
Brenner konnte keine Rede mehr sein: ein erstes Mal hatte
Tirol, nur von sich aus handelnd, dem Hause Habsburg
Osterreich und die Kaiserkrone gerettet.
        <pb n="190" />
        570. Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitele.

Denn der Mißerfolg des bayrischen Kurfürsten in den
Bergen hatte das Scheitern der gesamten Vorwärtsbewegung
auf der oberdeutschen Hochebene zur Folge. Der Markgraf
von Baden wurde jetzt mit der Reichsarmee im Rücken der
Franzosen lebendig; er nahm Augsburg und bedrohte München;
und mit ihm im Einverständnisse drang auf der linken Donau—
seite ein kaiserliches Heer unter Graf Styrum gegen Bayern
und Franzosen vor. So gerieten diese in bittere Not, und ein
Sieg bei Höchstädt an der Donau über das Heer Styrums,
am 20. September 1703, befreite sie zwar vom Schlimmsten:
der ganze Angriffsplan des Jahres blieb aber gleichwohl ge⸗
scheitert.
Dennoch darf man nicht meinen, daß das Haus Hsterreich
nun außer Gefahr war. Im Gegenteil: bei der starken Er—
schöpfung aller Mittel in Österreich konnte es nicht verhindert
werden, daß noch gegen Ende 1708 die Franzosen am Ober—
rhein und die Bayern an der Donau im einzelnen wieder die
stärksten Fortschritte machten: Regensburg und Passau dort,
Breifach und Landau hier fielen in Feindeshand. Zudem
näherten sich die Folgeerscheinungen des Magyarenaufstandes
unter Franz Rakoczy II. in bedenklicher Weise den Toren Wiens.
Da ist es denn bezeichnend, daß eben diese Lage die
Energie des alternden Kaisers aufs höchste hob. Er ver⸗
zweifelte nicht; eben in den bösen Tagen des Umschwunges
hat er seinen Sohn Karl nach Portugal abgesandt, damit er
mit Unterstützung der Portugiesen, Engländer und Niederländer
sein spanisches Königreich erobere.
Und der Verlauf des nächsten Feldzuges gab ihm recht.
Zunächst vermochten die bei Villingen vereinigten Bayern
und Franzosen schließlich nicht, gegen Osterreich vorzubrechen.
Anfangs waren sie dazu zu schwach; dann wuͤrden sie durch
die Erwartung von Verstärkungen, die es allerdings ihnen
vom Rheine aus zuzuführen gelang, einige Zeit aufgehalten;
schließlich aber konnten sie den Vormarsch nicht unternehmen,
weil ihnen selbst jetzt ein schwerer Angriff von Westen her
drohte.
        <pb n="191" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 571

Denn inzwischen hatten Hilferufe bei den Seemächten der
Großen Allianz Gehör gefunden, die Prinz Eugen schon im
Jahre 1703 hatte erschallen lassen. Zuerst in England sah
man ein, daß man den Kaiser auf dem Hauptkriegsschauplatze
aicht im Stich lassen dürfe: um so mehr, als der englische
Feldherr Lord Marlborough in den Niederlanden nur spärliche
Lorbeeren gewann. Und so gelang es, nachdem Marlborough
auch die Niederlande zur Teilnahme veranlaßt hatte, seit Mai
1704 eine große Diversion ins Werk zu sezen. Um diese Zeit
zog eine starke Armee der Allianz den Rhein aufwärts; Anfang
Juni war man am Oberrhein angelangt; am 12. Juni hielten
Marlborough, der Markgraf von Baden und Prinz Eugen
nicht weit von Heilbronn gemeinsamen Kriegsrat: Eugen über⸗
nahm das Kommando am Oberrhein; der Markgraf und der
Lord sollten gemeinsam in Bayern einfallen. So vereinigten
sich niederländische und Reichsarmee und erschlossen sich zunächst
durch Erstürmung der bayrischen Schanzen am Schellenberg
bei Donauwörth, am 2. Zuli 1704, den Eintritt in die
bayrischen Grenzen. Das war für die Franzosen der Anlaß,
ihre oberrheinische Armee unter dem Marschall Tallard alsbald
gegen Bayern in Bewegung zu setzen; denn es war klar, daß
nun ein Hauptschlag an der Donau erfolgen mußte. In der
Tat gelang es Tallard, noch einmal wieder die Schwarzwald⸗
pässe zu durchbrechen; so wenig, wie früher der Markgraf von
Baden, konnte ihn jetzt Prinz Eugen aufhalten. Aber er
erschien nicht allein jenseits der blauen Berglinien des Waldes.
Prinz Eugen folgte ihm mit seiner Armee: es war wie bei
dem Altschlusse eines gut gebauten Stückes: alle Feldherren
der zwei oder drei Kriegsschauplätze des Nordens fanden sich
zusammen. Und nun kam es, am 13. August 1704, zur
Schlacht bei Höchstädt an der Donau, oberhalb Donauwörth,
in derfelben Gegend, in der ein Jahr zuvor das Heer des
Grafen Styrum geschlagen worden war. Sie endete mit einer
vollen Niederlage der Bayern und Franzosen; 9000 Franzosen
mußten kapitulieren, Tallard selbst wurde gefangen; die Ver—
luste der Allianz betrugen etwa 12000, die der Bayern und
        <pb n="192" />
        73Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Franzosen 14900 Mann. Es war seit langem eine der blutigsten
Schlachten; für Frankreich bedeutete sie einen schweren Verlust
an militärischem Prestige; dem Kurfürsten von Bayern brachte
sie die Flucht aus seinem Lande und die Achtung durch Kaiser
und Reich. Und stark war auch die mittelbare Nachwirkung.
Im Elsaß und an der Mosel machte die Sache der Allianz jetzt
Fortschritte, in Ungarn schrumpfte der Aufstand ein; Bayern
fiel schließlich ganz in die Verwaltung Osterreichs. Machtvoll
aber und einig erschien die Große Allianz im Glanze dieser
Errungenschaften; nahe schon konnte man das Ende des
Krieges glauben.
Kaiser Leopold hat diesen Umschwung sich noch einleiten
sehen, aber nicht mehr völlig erlebt. Am 3. Mai 1705 ist er
gestorben; ein echter Habsburger, nicht von überwältigenden
Zügen persönlicher Größe, doch sorgsam wie sein erster könig⸗
licher Ahn und zäh im Ausharren im Unglück, wie jener
Friedrich III., der Deutschlands nomineller Herrscher während
mehr als der Hälfte des 15. Jahrhunderts gewesen ist. Mit
Freuden konnte er seinem Erstling, dem kräftigen Joseph J.,
die Aufgaben des Hauses hinterlassen. —
Die Schlacht von Höchstädt bezeichnet für Deutschland
den Höhepunkt der militärischen Ereignisse des spanischen
Erbfolgekrieges: seitdem verschoben sich die Aktionen auf die
Schauplätze der Niederlande und Italiens, und in gleichsam
getrennten Akten rannen außerdem noch Jahre eines spanischen
und ungarischen Krieges ab.
In Spanien war Erzherzog Karl, als spanischer König
Karl III., wesentlich nur durch die Sympathien der Katalonie,
unterstützt, während die Kastilier zu dem Bourbonen Philipp V.
hielten: Barcellona ist Karls eigentliche Hauptstadt gewesen.
Den Kampf um den Thron aber hatte er fast ganz mit portu⸗
giesischen Mitteln und mit den Hilfsleistungen der Seemächte
zu führen, bis im Jahre 1708 eine klein kaiserliche Armee
unter dem Marschall Guido von Starhemberg eintraf. Das
Ergebnis war schließlich gering. Gewiß führte Starhemberg
den Erzherzog noch einmal bis Madrid, in das er im Jahre
        <pb n="193" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 5738

1706 zum ersten Male zu vorübergehender Herrschaft eingezogen
war; auch hielt er in der Schlacht von Villaviciosa, am
10. Dezember 1710, seinen Feldherrnruhm gegen eine Über⸗
macht von Spaniern und Franzosen unter dem Herzog von
Vendöme aufrecht. Allein dauernd die Herrschaft seines Fürsten
in Spanien zu begründen gelang ihm nicht; und nach dem
Tode Kaiser Josephs J. mußte Karl das Land, das er liebte,
berlassen, um näheren Pflichten seines Hauses in Deutschland
nachzukommen. Inzwischen aber waren allgemeine Friedens—
oerhandlungen eingeleitet worden, die wir später genauer kennen
lernen werden; sie entschieden gegen eine Habsburgische Herrschaft
in Spanien; und im Sommer 17183 kehrten die letzten kaiser—
lichen Truppen unter Starhemberg in die Heimat zurück.
Wie die spanischen so griffen auch die ungarischen Vor—
gänge wenig in den allgemeinen Verlauf des Krieges ein.
Frankreich hat allerdings aufs entschiedenste und lange mit
Erfolg die Leidenschaften der Magyaren, und schließlich nicht
bloß der Bauern, sondern auch des Adels gegen das Haus
Habsburg entfesselt, wie es früher die Türken zur Bändigung
des zentralen Europas in Anspruch genommen hatte. Aber
am Ende war das Ergebnis gering. Schon seitdem Franz
Rakoczy vom Konföderationstage von Onod ab (Juni 1707)
die Friedenspartei nur durch äußersten Terrorismus zum
Schweigen gebracht hatte, war die Befriedung des Landes
aur noch eine Frage der Zeit. Sie wurde eingeleitet durch
den strengen kaiserlichen General Siegbert von Heister, und sie
kam am 1. Mai 1711 in dem Frieden von Szatmar zustande.
Franz Rakoczy teilte das Schicksal so manches magyarischen
Revolutionärs vor ihm; er ist im Jahr 1738 auf kürkischem
Boden als Pensionär des Sultans gestorben.
Für den eigentlichen Verlauf des großen Krieges aber
wurde in den nächsten Feldzugsjahren nach Höchstädt an erster
Stelle der italienische Kriegsschauplatz von Bedeutung. Und
hier war noch im Jahre 1708, zu der Zeit, da die französische
Herrschaft in Italien ganz befestigt schien, ein Ereignis ein—
getreten, das bei den Folgen, die es schließlich nach sich zog,
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 37
        <pb n="194" />
        574 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

eigentlich den Umschwung schon einleitete. Der Herzog Viktor
Amadeus von Savoyen, nun ganz in der Hand seines fran—
zösischen Verbündeten, begann einzusehen und konnte schon an
einzelnen französischen Maßregeln feststellen, daß ein voller
Sieg seines großen Freundes nichts als die Unterdrückung
seiner Selbständigkeit bedeuten werde. So schlug er sich eben
zu dieser Zeit tapfer und klar auf die Seite der Großen Allianz,
wenn das auch für ihn zunächst den Verlust fast seines ganzen
Landes und die Beschränkung seiner Herrschaft auf Turin und
ein kleines, tüchtiges Heer zur Folge hatte.
Und auch später, nach dem Tage von Höchstädt, nahte
für Viktor Amadeus noch keineswegs alsbald die Erlösung;
das Jahr 1705 war in Oberitalien in unentschiedenen, den
Franzosen eher günstigen Kämpfen verlaufen.
Aber 1706 brachte eine andere, glücklichere Entscheidung.
Der neue Kaiser Joseph J. war entschlossen, dem treuen Bundes⸗
genossen zu Hilfe zu kommen und Turin zu entsetzen, England
zahlte, was dem Kaiser so bitter fehlte, Subsidien, und Prinz
Eugen übernahm das Kommando. Und nun führte der Prinz sein
Heer von der Berner Klause und dem Gardasee her in viel—
bewunderten Märschen, trotz aller Versuche des ihm gegenüber—
stehenden Herzogs von Vendome, seinen Vormarsch zu kreuzen,
so meisterhaft nach Westen, daß er tatsächlich, am 1. September
1706, zu Villa Stellone, südlich von Turin, seine Armee mit
dem savoyischen Heere zu vereinigen vermochte. Es war der
entscheidende Moment. Wenige Tage darauf fand dicht bei
Turin, zwischen den Bergen, die heute die stolze Grabkirche
des savoyischen Hauses, die Superga, tragen und der Stadt
die Schlacht statt, die binnen wenigen Stunden Savoyen be—
freite und das Heer der Franzosen vernichtete — ja die Herr—
schaft der Franzosen in Italien überhaupt aufhob: am 13. März
1707 hat Frankreich den Mailänder Räumungsvertrag unter—
zeichnen müssen, nach welchem alle spanischen oder französischen
Truppen, die noch auf italienischem Boden standen, das Land
in freiem Abzuge zu verlassen hatten.
Es war die Begründung der Herrschaft des österreichischen
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        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 575

Hauses Habsburg in Italien. Denn nun wurde im Sommer
1707 zu Mailand auch Neapel gewonnen; in leichtem Feld—
zuge, an dem von deutschen Völkern u. a. auch die protestan⸗
tischen Brandenburger fleißig teilnahmen: mit Jubel wurden
die deutschen Befreier in Neapel empfangen.
War es nicht, nach den Siegen des kaiserlichen Österreichs
in Ungarn, wiederum noch einmal wie ein Stück Auflebens
der schönen deutschen Kaisertage des Mittelalters? Als Nach—
folger der Ottonen, Salier und Staufer erschien Joseph J.
Und um die Ähnlichkeit voll zu machen: auch die alten Kon—
flikte stellten sich alsbald wie ein zeitloser Restbestand ver—
gangener Jahrhunderte wieder ein. Vor allem der Papst
empfand sich als bedrückt. Hatten nicht Protestanten den
Boden des Kirchenstaates betreten, nicht lutherische Ketzer vor
Rom gepredigt? Und auch die Katholiken gingen wenig glimpflich
um mit dem Erbteil des heiligen Petrus. So wappnete sich
denn Clemens XI. mit geistlichem und weltlichem Widerstand,
und auf dem Platze vor St. Peters Dome blähte sich im
Winde noch einmal die Kriegsfahne einer Schlüsselarmee mit
der Aufschrift „Domine defende causam tuam!“ Aber die
alten Zeiten waren dennoch vorüber. Da war niemand, der
das Wort des Herrn hörete — selbst die Kardinäle wollten
wohl für Christi Dienst, nicht aber für das Patrimonium
Petri sterben; der Kaiser aber fuhr grob drein wie ein alter
Staufer, und das Furchtbarste, eine Besetzung der heiligen
Stätten Roms durch Protestanten drohte. So blieb dem Papst
nichts übrig, als sich zu fügen; am 15. Januar 1709, eine
Stunde vor Ablauf eines grausam gesiellten Ultimatums, hat
er mit dem Kaiser seinen Frieden gemacht und Karl III. als
König sowie Neapel als in habsburgischer Gewalt stehend
anerkannt.
Woher aber dieser zähe Widerstand gegen den Kaiser im
Gegensatze zu dem, was in zwei verflossenen Jahrhunderten
die Päpste sich von Spanien und Frankreich hatten bieten
lassen? Der Kaiser war gewißlich ein guter Katholik — aber
zugleich ein Deutscher, der Beherrscher jener natio philosophica
37*
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        576 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

et furiosa, die schon dem mittelalterlichen Rom, erst recht aber
dem Rom der nachreformatorischen Zeiten unter allen Um—
ständen verhaßt blieb.
Mit dem Jahre 1709 schließt im allgemeinen der italienische
Krieg; alles konzentriert sich auf den niederländischen Kriegs⸗
schauplatz. Oder vielmehr: die Ziele des Krieges ändern sich:
hatte die Große Allianz, durch Frankreich gereizt, früher um
das spanische Erbe gestritten, so trat dieses Ziel allmählich an
zweite Stelle: Frankreich ganz allgemein zu knebeln und zu
demütigen dagegen an die erste — und damit war es ver—
knüpft, daß sich der Krieg an alle Grenzen zog, von denen
aus Frankreich am leichtesten verwundbar erschien, und somit
wiederum vornehmlich an die niederländische.
Nun hatte Marlborough, der Oberstkommandierende der
Großen Allianz an dieser Stelle, den Franzosen schon im
Jahre 1706, am 283. Mai, eine vernichtende Niederlage bei—
gebracht, ein Vorspiel gleichsam der Ereignisse desselben Jahres
bei Turin: wie bei Turin die italienische, so ging bei Ramillies
eigentlich schon die angestrebte niederländische Herrschaft den
Franzosen verloren. Es war der Augenblick, da die Maintenon
von Ludwig XIV. schrieb: der König ist groß, aber er leidet.
In der Tat hatte Ludwig Grund genug in sich zu gehen.
Sein Land war zerrüttet; noch ein oder zwei Heere mochte es
dielleicht mit letzter Anstrengung aufbringen: dann mußte das
Chaos hereinbrechen. Und so hatte der König schon vor
Ramillies Friedensverhandlungen versucht und versuchte sie
erst recht nachher. Aber ohne Ergebnis. Und nirgends woher
Rettung! Spanien zweifelhaft, Italien verloren, Ungarn außer
Gefecht gesetzt, und Schweden, der treue Freund des Nordens,
in einen Riesenkrieg mit den baltischen Mächten und Sachsen
derart verstrickt, daß eine Verquickung west- und osteuropäifscher
Vorgänge zu Frankreichs Vorteil nicht möglich schien!
Der Krieg ging seinen Gang weiter. Im Jahre 1708
leitete die Große Allianz ein System von Offensivstößen gegen
Frankreich ein: von Belgien her, von der Mosel aus, vom
Oberrhein gegen das Elsaß. Ludwig suchte den dreifachen
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        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 577

Angriff zu parieren, indem er eine im hohen Grade überlegene
Armee unter den besten Führern gegen den am meisten flan⸗
kierenden Feind, nach den Niederlanden sandte. Da kam Prinz
Eugen von der Mosel her Marlborough zu Hilfe; und in der
Schlacht bei Oudenaarde, am 11. Juli 1708, wurde das fran—
zösische Heer geschlagen.
Und wieder und ernstlicher noch drang Ludwig auf Frieden;
im Haag hat man von März bis Mai 1709 perhandelt.
Vergebens.
So hieß es noch einmal eine Armee aufstellen — man
durfte sagen die letzte. Im Jahre 1709 zog sie, reichlich aus—
gestattet, geführt von dem erfahrenen Villars, ins Feld. Aber
Villars standen in Prinz Eugen und Marlborough nicht
minder geübte Feldherrn gegenüber: und in der Schlacht von
Malplaquet, am 11. September 1709, der blutigsten vielleicht
des Krieges, wo hundertundneunzigtausend Kämpfer gegen—
einander standen, entschied das Glück nach langem Ringen
gegen die in geringer Minderzahl Befindlichen, gegen die
Franzosen. Zwar wurden sie nicht völlig vernichtet; aber
dieser Ausgang wurde nur erreicht, weil sie den Kampf zeitig
genug abbrachen, um ihrem Lande wenigstens Reste eines
Heeres zu retten.
So hätte man schließlich noch weiter kämpfen können,
hätten nicht die inneren Kräfte Frankreichs jetzt schlechthin ver—
sagt. Es mußte Frieden* werden um jeden Preis. Und die
nächsten Jahre brachten in der Tat die Friedensschlüsse von
Utrecht, Rastatt und Baden.
Wie anders aber gestaltete sich der Inhalt dieser Friedens—
schlüsse, als man nach allem zuletzt Erzählten vermuten sollte!
Frankreich ging wenn nicht als Sieger, so doch als europäische
Großmacht und erste Militärmacht des Kontinents fast un—
geschwächt aus ihnen hervor.
Der Grund für diese merkwürdige Wendung ist an erster
Stelle in der Bedeutung zu suchen, die die Seemächte, und
anter ihnen wiederum ganz an erster Stelle England in dem
langwährenden Kampfe gewonnen hatten.
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        378 Einundzwanzigstes Buch. Zweites KRapitel.

Von vornherein war der Erbfolgekrieg für diese Mächte
weniger wegen der mit ihm verknüpften kontinentalen Sonder—
interessen von Wichtigkeit: es konnte ihnen ziemlich gleichgültig
sein, wer in Spanien Nachfolger des erloschenen Königshauses
wurde, vorausgesetzt nur, daß weder Frankreich-Spanien noch
Osterreich⸗Italien-Spanien zu einer von einem einzigen Kopfe ge—
führten Einheit verschmolzen. In diesem Sinne hatte schon vor
Beginn des Krieges Wilhelm III. von England seine Teilungs⸗
verhandlungen geführt. Denn natürlich folgten die Seemächte
bei dieser Politik für den Kontinent der alten Lehre des Divide
et impeéra. Aber ihre Interessen reichten im Grunde doch
über den europäischen Kontinent hinaus. In viel höherem
Maße als ein Krieg zuvor war dieser Erbfolgekrieg auch schon
ein Kampf um die Weltherrschaft überhaupt. Freilich nur um
eine primitive Form dieser Herrschaft. Noch war die Aus—
bildung von Bevölkerungsüberschüssen in den Staaten der
Seemächte und die allgemeine Erleichterung der Verkehrswege
über die Ozeane nicht so weit fortgeschritten, daß es in den
außereuropäischen Dependenzen der großen Mächte Westeuropas
zu Kolonisationen in der Form der Kultivation gekommen gewesen
wäre; nur in dem englischen Nordamerika, in den Kolonien
Neuenglands war diese Form allgemeiner verwirklicht: aber nicht
aus wirtschaftlichen, sondern aus Glaubensinteressen: hier hatten
die englischen Dissenters eine wirkliche neue Heimat gefunden.
Im allgemeinen dagegen bedeutete Weltherrschaft noch nicht
viel mehr als die Freiheit eines Welthandels. Aber eben von
diesem Standpunkte aus verschmolzen nun die Interessen der
Seemächte innerhalb und außerhalb Europas besonders leicht
zu einem einzigen Ganzen. Denn Freiheit des Handels be⸗
deutete in ihren Augen nicht bloß Beherrschung und Mono—
polisierung des kolonialen Handels womöglich nur in ihrer
Hand unter Ausschluß der Flotten aller anderen Länder,
sondern zugleich auch Handelsvormundschaft über die euro—
päischen Länder selbst vermöge von Verträgen über eine
Handelsfreiheit, die schließlich nur ihnen, als den Handels—
mächtigen, zugute kam.
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        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 579

Von diesem Standpunkte aus, mit der Absicht, diese
Handelsfreiheit zu gewinnen und gewährleistet zu erhalten unter
Ausschluß womöglich aller anderen Staaten und namentlich
auch Frankreichs, wurde schließlich von ihnen der Krieg geführt.
Man sieht, es waren Gesichtspunkte, die mit dem ursprünglichen
dynastischen Inhalte der Zerwürfnisse, die den Krieg herbei⸗—
geführt hatten, und gar den Bedürfnissen des deutschen Reiches
und seiner Fürsten an der von Frankreich bedrohten West—
grenze nur mittelbare Beziehungen hatten. Und diese Be—
ziehungen wurden zuungunsten der Deutschen und damit auch
Osterreichs nochmals verschlechtert durch den Umstand, daß
Deutschland für die langwierigen Kämpfe zwar verhältnis⸗
mäßig weitaus das meiste Kriegsvolk, nicht aber die meisten
Kriegsmittel gestellt hatte. Diese kamen vielmehr aus den
Staaten des großen Handels und der Seegewalt; und fast
schon aus diesem Grunde allein hatten diese, und zwar um so
icherer, je länger der Krieg währte, den Entscheid über Krieg
und Frieden in der Hand.
Diese Lage hätte im ganzen wohl nur durch einen
Interessengegensatz zwischen den Seemächten selbst verändert
werden können. Aber an den gefährlichen Ausbruch eines
solchen Gegensatzes war im ersten Jahrzehnt des 18. Jahr⸗
hunderts keineswegs mehr zu denken. Längst schon segelte in
dieser Zeit das Staatsschiff der Niederlande im Schlepptau
Englands; und eben die Besteigung des englischen Thrones
durch einen Oranier hatte diese Tatsache ebenso herbeiführen
helfen wie mildtätig verschleiert. Wie nunmehr, um 1710, die
Dinge lagen, war England im Grunde allein der Herr der Lage.
Und dabei wollten es die Interessen der herrschenden
Schichten in England, des eben durch den Krieg empor—
kommenden Unternehmertums in Industrie und Handel, daß
der Kampf fortgesetzt werde! Es war das eigentliche Ge—
heimnis, warum es Ludwig XIV. nicht gelang, Frieden zu
erhalten. Was lag der in England regierenden Kaufmanns-—
aristokratie der Whigs daran, daß die Völker des Kontinents
ihr Blut verspritzten! Ihre Geschäfte nahmen während des
        <pb n="200" />
        580 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Krieges einen glänzenden Gang; sie waren auf diese Läufte
eingerichtet; warum sollte man auf die gute Konjunktur ver—
zichten.
Unter diesen Umständen konnte der Umschwung schließlich
nur aus einer Wandlung der inneren englischen Lage hervor—
gehen. Und dies eben war es, was schon vor dem Jahre
1710 einzutreten begann. Die unterdrückten Schichten des
ländlichen Adels und der agrarischen Interessenten überhaupt
regten sich gegen die Herrschaft der neuen Unternehmungs⸗
reformen; die Wahlen zum Parlamente fielen toryistisch aus;
die Königin, der Bevormundung des jungen Adels überdrüssig,
empfand mit den kommenden Tories; es war wie ein Zeichen
des Überganges, daß sie sich mit Lady Marlborough persönlich
überwarf: der vollste Wechsel der Regierung trat ein, und die
Revision der auswärtigen Politik kam auf die Tagesordnung.
Nicht als ob man dabei die von den Whigs in blutigen
Schlachten und mit schweren Opfern auch an Gut gesicherten
Vorteile hätte aufgeben wollen. Aber man hielt jetzt die Zeit
für gekommen, sie in dem erreichten Umfange, womöglich auch
noch darüber hinaus, zu sichern. Es waren Friedensgedanken
freilich gegenüber den Interessen der Großen Allianz sehr
egoistischer Natur. Aber man zögerte nicht ihnen zu folgen;
einseitig, geheim vor der Allianz begann man mit Frankreich
zu verhandeln, nachdem man noch kurz zuvor, noch im whi⸗
gistischen Fahrwasser, Friedensanträge König Ludwigs XIV.
auf Verhandlungen zu Gertruidenberg zum Scheitern gebracht
hatte: im Januar 1711 erschienen die ersten englischen Unter—
händler in Frankreich. Und es begreift sich, daß sie dort
aicht ohne starke Hoffnungen empfangen wurden.
Bald darauf aber trat auch auf der Gegenseite der See⸗
mächte innerhalb der Großen Allianz, in sterreich ein Er—
eignis ein, das das Vorgehen Englands wenn auch nicht
moralisch rechtfertigte, so doch tatsächlich mächtig zu fördern
geeignet schien. Am 11. April 1711, mitten in der Blüte
seiner Jahre, starb der energische Kaiser Joseph J. nach kurzer
Krankheit an den Blattern, kinderlos. Das bedeutete die
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        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 381

Nachfolge seines Bruders Karl, der ferun in Spanien gegen
die Bourbonen um die kastilische Königskrone kämpfte, auf dem
Throne Österreichs. Konnte nun Karl sich dieser Nachfolge
entziehen? Wenn auch zögernd, wenn auch unter Hinterlassung
seiner Gemahlin als Führerin des spanischen Kampfes um
seinen Anspruch, kehrte er nach Deutschland zurück; und er
hat schon aus dem Grunde, daß sich seine Partei schließlich
nur noch einige Jahre in Catalonien halten konnte, Spanien
niemals wiedergesehen. Aber noch mehr: hatte er, vom
Schicksal einmal zum Herrscher Österreichs erkoren, nicht auch
die Pflicht, die Kaiserkrone für sich zu erwerben? Schon vor
seiner Heimkehr an die Donau hatten Verhandlungen in dieser
Richtung begonnen; von den Seemächten gefördert verliefen
fie glatt und fast ohne Widerspruch, wenn auch die Wahl, bei
dem Schneckengange der Reichsgeschäfte, erst am 12. Oktober
1711 zu Frankfurt vollzogen wurde und der spanische Karl III.
damit als Kaiser Karl VI. — der letzte Habsburger — den
Thron des Reiches bestieg.
Bereits im Frühjahre 1711 aber war es doch klar, was
diese ganze Wandlung für die Seemächte, insbesondere für
England, bedeuten mußte: nun schien dennoch, hielt man an
der Großen Allianz fest, die gefürchtete engste Verbindung
eines der großen kontinentalen Häuser, jetzt der österreichischen
Habsburger, mit Spanien eintreten zu sollen. Dem mußte
natürlich vorgebeugt werden: und das konnte nur geschehen,
indem man den anderen Prätendenten, Philipp von Anjou,
begünstigte: womit sich ein Motiv ergab, das die englischen
Separatverhandlungen mit Frankreich beschleunigen und ihren
Abschluß begünstigen mußte.
Im Oktober 1711 wurden England und Frankreich
handelseinig. Festgestellt wurden die Vorteile, die sich für
England bei einem künftigen Friedensschlusse ergeben sollten:
die Herrschaft über das Mittelmeer durch die UÜbergabe von
Gibraltar und Port Mahon; die Herrschaft über die Nordsee
und auch den Biskayischen Meerbusen durch die Zerstörung Dün—
kirchens: die Herrschaft über den Negerhandel — es war wie
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        582 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

jeder Menschenhandel von jeher der einträglichste Handel —
wie die Herrschaft über die südamerikanischen Handelsbeziehungen
durch bestimmte Festsetzungen; hinzugekommen sind in festeren
Abrissen später noch eine Verschiebung des englischen Herr—
schaftsbereiches in Nordamerika gegenüber dem französischen am
St. Lorenzstrom und an den großen Seen, welche die Ver—
treibung der Franzosen aus diesem Kontinent anbahnen konnte,
und Handelsverträge mit den Niederlanden, Frankreich und
Spanien, die dem englischen Kaufmann die Hegemonie in West—
zuropa und durch Westeuropa auf dem europäischen Kontinente
möglichst sicherten: wahrlich, es war im ganzen nicht eben
wenig, was England als Beute davontrug: mit reichem Zins
lohnten sich seine Aufwendungen während der Kriegszeit. Wie
sank dagegen schon in diesen Verhandlungen die Wagschale
des Hauses Habsburg: in Spanien sollten die Bourbonen
herrschen, wenn auch in absoluter Trennung von der bourboni⸗
schen Herrschaft in Frankreich; von Kaiser Karl als König
Karl III. war keine Rede mehr. Und die sonstigen Interessen
der Verbündeten der Großen Allianz? Des Kaisers? des
Reiches? der Niederlande? Nur in vagen Worten war von
ihnen noch die Rede.
Aber was blieb diesen Verbündeten nach der englisch—
französischen Verständigung noch zu tun übrig? Wohl oder
übel mußten sie sich jetzt in offizielle Friedensverhandlungen
fügen, da sich in dem noch immer fortgeführten Kriege die
Wirkungen der englisch-französischen Verständigung alsbald
übel zeigten und die Franzosen in Belgien Fortschritte zu
machen begannen.
Im Januar 1712 wurde der Friedenskongreß zu Utrecht
eröffnet; erst nach mehr als einjähriger Dauer führte er zu
dem Frieden vom 11. April 1718. Die Niederlande, denen
Ludwig XIV. im Süden am liebsten seinen Freund Max
Emanuel von Bayern als unruhigen belgischen Nachbar gegeben
hätte, hatten sich dieser Kombination mit Erfolg erwehrt, da
sie auch England nicht angenehm war; Max Emanuel würde
in Wahrheit doch nur ein Vasallenfürst Frankreichs gewesen
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        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 583

sein. So sollte denn das Gebiet der südlichen Niederlande
an Österreich fallen und Max Emanuel durch ein weltverlorenes
Königreich Sardinien entschädigt werden; die nördlichen Nieder—
lande aber erhielten eine belgische Festungsbarriere gegen
Frankreich und hatten sich wegen deren Einrichtung mit dem
Kaiser auseinanderzusetzen: was eine ständige, für Frankreich
und England gleich wohltätige Ohnmacht des österreichischen
Regiments in Belgien bedeutete. Und das Reich? Es hatte
natürlich das Nachsehen. Es hatte wohl früher einmal, im
Verlaufe der Verhandlungen von Gertruidenberg, einen
Moment gegeben, wo es schien, als würden die Reunionen
Frankreichs im Elsaß rückwärts revidiert werden, und als
würde auch das deutsche Reich eine Schutzbarriere von Festungen
zgegen Frankreich erhalten. Aber wer dachte jetzt noch an solche
Zugeständnisse! Die Lage war derart unbefriedigend, daß
sich Kaiser und Reich, abgesehen von Preußen, das durch die
Zession einiger Brocken der oranischen Erbschaft zum Friedens⸗
beitritt veranlaßt wurde, den Krieg fortzusetzen entschlossen.
Ein Wagnis, das als Entschluß den Beteiligten alle Ehre
macht. Aber zu erreichen war jetzt nichts mehr, wie sich bald
zeigte; und auch die Energie fehlte, die dem Willen zur Fort—
setzung des Krieges die Aufstellung der entsprechenden kriege—
rischen Macht hätte folgen lassen müssen. Die Franzosen
nahmen unter diesen Umständen den Kampf mit Leichtigkeit
auf; Villars errang am Oberrhein über Prinz Eugen im
Grunde wenig ruhmvolle Erfolge; Landau fiel und nach ihm
Freiburg — und schließlich blieb den Deutschen doch nichts
übrig, als Frieden zu schließen. Er kam am 7. März 1714 zu
Rastatt für den Kaiser, am 7. September 1714 3u Baden mit
dem Reiche zustande.
Die Ordnung der Dinge, die durch diese Friedensschlüsse
begründet wurde, war natürlich schon zum großen Teile durch
den Inhalt des Utrechter Friedens vorgeschrieben. Innerhalb
des frei gebliebenen Bereiches von Abmachungen aber war sie
dem Kaiser günstiger als dem Reiche.
Der Kaiser erhielt aus der spanischen Erbschaft Mailand,
        <pb n="204" />
        584 J Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Neapel, dem Meere anliegende Stücke von Toskana und auch
Sardinien, das jetzt dem bayrischen Kurfürsten verloren ging,
so daß dieser aus der mehr als zehnjährigen Kampfeszeit ohne
jeglichen Gewinn heraustrat. Es waren immerhin beträchtliche
Teile Italiens. Dazu kamen die südlichen Niederlande mit
Ausnahme eines Teiles von Geldern, das schon im Utrechter
Frieden an Preußen gefallen war, und mit der Belastung
durch den nordniederländischen Barrierevertrag. Gewiß war
mit alledem nicht jeglicher habsburgische Wunsch erfüllt. Stellt
man aber die Rechnung auf Ästerreich allein, und wendet man
den Blick rückwärts bis in den Anfang der achtziger Jahre
des 17. Jahrhunderts, so erscheint der Aufschwung dieses
Reiches doch als höchst stetig und wie ein beinahe unerwartetes
Motiv, das aus Unsummen von Widerwärtigkeiten und Unglück
immer wieder und in immer höherer Vollendung hervorbricht.
Das österreich des Jahres 1714 hatte in den südlichen Nieder—
landen die volle Handhabe, sich in den westeuropäischen Händeln
zur Geltung zu bringen; es besaß weiter die Anwartschaft auf
eine italienische Gesamtherrschaft; und es konnte den Versuch
machen, von der Adria, ja vielleicht vom Tyrrhenischen Meere
aus nicht minder wie von den belgischen Häfen her auch die
Aspirationen einer Handelsmacht zu entwickeln. Es war ferner
noch fest im Reiche begründet; aber es hatte den deutschen
Besitz in Zentraleuropa durch den gewaltigen Erwerb Ungarns
gleichsam verdoppelt; und in seinen künftigen Kriegen sollten
die streifenden Völker früherer Kuruzzenaufstände eine der
neuen Herrschaft ergebene Rolle spielen. Es war mit einem
Worte zur größten Macht des zentralen Europas geworden
und damit zu einer europäischen Großmacht überhaupt. Es
sind vielleicht die schönsten Zeiten des deutschen Hauses Habs—
burg gewesen, die jetzt gingen und kamen: es war das öster—
reich „an Siegen und an Ehren reich“, das nun Deutschland
und einen guten Teil der europäischen Welt beherrschte.
Wie viel weniger günstig waren dagegen die Lose des
Reiches und seiner Fürsten gefallen! Von einer französischen
Barriere war in Rastatt und Baden keine Rede mehr;
        <pb n="205" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 585

Ludwig XIV. machte vielmehr den freilich erfolglosen Versuch,
noch weiter zersetzend in Deutschland einzudringen, indem er
Stadt und Amt Germersheim forderte. Im ganzen aber
mußte Frankreich im oberen Rheintale der Rhein als Grenze
zugestanden werden; Straßburg blieb, Landau wurde fran—⸗
zösisch; und es schien genug, wenn sich König Ludwig zur
Schleifung seiner rechtsrheinischen Befestigungen verpflichtete.
Welch ein Jammer aber barg sich schließlich hinter diesen
an sich schon klein und kleinlich wirkenden Bestimmungen!
Nichts hatte das Reich am Ende in diesen großen Kämpfen
erreicht, als daß es jahrelang in den blühendsten seiner Lande
ihr Schauplatz gewesen war; in Herzeleid ist der unermüdliche
Feldherr der vorderen Reichskreise, der badische Markgraf,
dahingefahren; und die Wittelsbacher Reichsächter, Max
Emanuel von Bayern und Joseph Clemens von Köln—, verblieben
ungestraft im Besitz ihrer Länder.
Fragt man aber nach dem spezifisch deutschen Grunde
dieses traurigen Ausgangs, so läßt sich eine nach geographischem
Gesichtspunkte begrenzte Doppelantwort geben: Österreich war
in den letzten Jahrzehnten zu einer nur noch zum Teil deutschen
Großmacht geworden, deren zentralste Interessen ein bloßes
Aufgehen im Reichsschutze nicht mehr gestatteten: und im
Nordosten hatte sich mit dem Nordischen Kriege, von dem
später erzählt werden soll, ein besonderer Interessenkreis von
so abgeschlossenem Charakter aufgetan, daß er sich um die
Schicksale des Reiches im Südwesten, ja bisweilen fast im
Westen überhaupt nur noch wenig kümmerte. Es ist der Kreis,
in dem sich, zwei Menschenalter etwa nach Entstehung der
Großmacht Hsterreichs, die junge Großmacht Preußen entwickeln
sollte.

IV.

Im übrigen war mit dem Ausgange des spanischen Erb⸗
folgekrieges wie mit dem Verlaufe der Türkenkriege in den
letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts zwar eine Phase
gewaltiger europäischer und in ihr auch deutscher Entwicklung
        <pb n="206" />
        586 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

vollendet, aber doch nicht, ohne daß sich noch Nachspiele im
Verlaufe des 18. Jahrhunderts angeschlossen hätten. Von
ihnen soll im folgenden die Rede sein.
Am glänzendsten, insbesondere für sterreich ehrenvollsten
verlief das türkische Nachspiel.
Trotz aller ihrer Niederlagen in den letzten Kriegen wollten
sich die Türken bei dem für sie ungünstigen Ausgange des
Friedens von Karlowitz nicht beruhigen. Und so begannen sie
nach einer nur wenige Jahre umfassenden Vause der Kraft—
sammlung nochmals den Kampf.
Natürlich suchten sie zunächst den schwächsten ihrer Gegner
zu überwältigen. Es war Rußland. In der Tat verlief der
Kampf gegen den Zaren zu ihren Gunsten; in dem Friedens—⸗
schlusse am Pruth (1711) mußte Rußland Asow wieder an die
Türkei abtreten.

Darauf brachen die Türken gegen Venedig los. Im
Sommer des Jaähres 1715 eroberte der Großvezier Damad
Ali Pascha Morea in einem glänzenden Feldzuge: zugleich
fielen die Inseln Tine und Cerigo sowie die letzten festen
Plätze, welche die Venezianer noch auf Kreta besaßen. Und
schon richtete sich der Angriff der Türken auf Corfu, die Tor⸗
schwelle der Adria; fiel die Insel, so war Venedig gefährdet
und die türkische Frage des Mittelmeeres zu einer unmittelbar
europäischen erweitert.
In dieser Not hat die Venezianer ein deutscher General,
der Graf Johann Matthias von der Schulenburg, der in kur⸗
sächsischen Diensten groß geworden war, gerettet. In meister⸗
hafter Weise verteidigte er Corfu; die Venezianer haben seine
Verdienste anerkannt, indem sie ihm noch bei Lebzeiten auf
der Insel ein Denkmal errichteten, das auch für unsere Tage
noch die Erinnerung an die schweren Zeiten der Belagerung
lebendig erhält; den protestantischen General aber hat selbst
der Papst später empfangen und dankbar beglückwünscht. Die
Türken mußten nach hartnäckiger, monatelanger Belagerung
und nach einem mißglückten Sturm im August 1617 abziehen;
        <pb n="207" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 587

der Krieg wurde von neuem, wenn auch ohne viel Erfolg, auf
das Festland verlegt.
Inzwischen aber war längst die Frage gestellt worden, ob
denn die Venezianer in einem Kampfe allein gelassen werden
sollten, der ohne Zweifel von europäischem Interesse war; und
in sterreich war sie, vornehmlich auf Drängen des Prinzen
Eugen, schon im April 1716 durch den Abschluß eines Bünd—
nisses mit der Republik beantwortet worden. Denn es war
klar: Ehre und Vorteil geboten dem Hause Habsburg, gegen
die Türken einzuspringen, ehe diese Zeit fanden, nach etwaiger
Besiegung Venedigs gegenüber einem dann isolierten Österreich
die Machtfrage an der Donau zu wagen.
Die Leitung aber der Kämpfe, die nun zu erwarten
waren, fiel selbstverständlich dem Prinzen Eugen zu. Er war
jetzt der berühmteste Feldherr des Kontinents, und ihm zur
Seite stand eine glänzende Gruppe verdienter Führer, die
in den österreichischen Kämpfen des Ostens und Westens groß
geworden waren; zwölf Feldzeugmeister und Generäle der
Kavallerie haben aus ihnen dem Kriege angewohnt.
Der Feldzug selbst gestaltete sich für den Prinzen zu
einer fast ununterbrochenen Kette von Siegen. Am 5. August
1716 wurden die Türken in der großen Schlacht von Peter—
wardein geschlagen; am 13. Oktober fiel Temesvar — das
längst ersehnte Banat, Ungarns Garten, dem Kaiser anderthalb
Jahrhunderte von den Türken vorenthalten, geriet in Österreichs
Hände, und darüber hinaus drohten den Türken in den Donau—
fürstentümern, in der Walachei und in der Moldau, Verrat
und Aufstand. Das Jahr 1717 aber vollendete, was 1716
begonnen hatte. Am 16. August wurden die Türken bei
Belgrad völlig aufs Haupt geschlagen, und nun fiel sie, die
„Stadt und Festung Belgarad“, in die dauernde Gewalt
Osterreichs; und was Max Emanuel von Bayern nicht zu
halten vermocht hatte, das Land im serbischen Norden, hielt
jetzt mit ehernen Händen fest Prinz Eugenius, der edle Ritter.
Den Türken blieb nichts mehr übrig als das Angebot
des Friedens. In Vassarowitz einigte man sich am 21. Juli
        <pb n="208" />
        388 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

1718 auf die folgenden Bedingungen: Die Pforte gewährte
den kaiserlichen Landen einen Handelsvertrag, der dem deutschen
Kaufmann den Donauweg nach Osten eröffnete; und sie trat
das Banat ab, dazu das nördliche Serbien mit Belgrad, einen
Teil der kleinen Walachei bis zur Aluta sowie einige bosnische
Distrikte an der Unna. Es war das ganze Ungarn und mehr,
was das Haus Habsburg jetzt erhielt; es war die Krönung
der Türkenpolitik und Türkenkriege der letzten Geschlechter.
Auch Venedig machte bei dieser Gelegenheit seinen Frieden
mit den Türken. Natürlich nicht unter so günstigen Bedingungen
wie sterreich. Es mußte die letzten Besitzungen auf Kreta
aufgeben; es verlor Morea. Doch behielt es Cerigo und
gewann zum Schutze der ihm verbleibenden ionischen Inseln
so viele Stützpunkte auf dem albanischen und dalmatischen Fest⸗
lande, daß seine Herrschaft auf der Adria fast mehr, als bisher,
gesichert schien. —
Wie die lange Zeit der Türkenkriege im 17. Jahrhundert,
so hatte aber auch das Jahrzehnt des spanischen Erbfolgekrieges
aoch seine spezifischen Nacherscheinungen; und auch diese waren
naturgemäß für sterreich von großer Bedeutung.
Es handelte sich dabei vornehmlich um die junge Herrschaft
Osterreichs in Italien, um Mailand und Neapel und den
anderen habsburgischen Besitz sowie seine Einflußsphäre; und
die Bestreitung dieses Erwerbes ging in einem sehr merk—⸗
würdigen Zusammenhange von Spanien aus.
Es ist schon einmal angedeutet worden, daß üsterreich
mit den großen Erwerbungen im Donaugebiete und in Italien
sowie dem Anfall der ehemals spanischen Niederlande eigentlich
ein Landgebiet zugefallen war, von dem aus es sich wohl zu
einer großen Handels- und Seemacht entwickeln konnte. Und
dies Moment wurde seit den ersten Jahrzehnten des 18. Jahr⸗
hunderts keineswegs übersehen; es war, als sollten jetzt die
früheren Mahnungen der Becher und Hörnigk! Erfüllung finden.
Dabei ging man naturgemäß von derselben Kombination

Bgl. Bd. VI -- S. 442 ff.
        <pb n="209" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 589

—
Herzog Rudolf IV. in den Vordergrund seiner Pläne, ein
kommerzielles Osterreich zu entwickeln, gestellt hatte: man ver—
suchte zunächst in der Adria eine Seegewalt zu erringen.
Nachdem der Friede von Passarowitz den Landweg nach dem
Südosten, tief hinein in die Gebiete des türkischen Reiches,
erschlossen und die heimische Politik wenigstens manche der
Zollgrenzen niedergelegt hatte, welche die einzelnen Länder
Osterreichs, vor allem auch in ihren von Westen nach Osten
perlaufenden Grenzen voneinander trennten, schien es, als ob
für einen österreichischen Hafen an der Adria ein ungeheures
Hinterland gewonnen wäre, das die gesamten Uferländer der
mittleren und oberen Donau, das Alpengebiet mindestens vom
Brenner ab nach Osten und das Littorale der nördlichen Adria
selbst umfaßte. Es waren die Vorbedingungen, von denen
aus jetzt das schon seit vier Jahrhunderten österreichische Triest
mächtig emporzublühen begann, ohne daß Venedig zu wider⸗—
sprechen wagte, obwohl dessen stolzer Handelsstaat in seinen
großen Zeiten die Adria aufs strengste als mare) clausum
behandelt hatte. Es war die Befreiung der Adria überhaupt.
Denn nachdem einmal der venetianische Bann gebrochen war,
wagte sich auch der Papst mit der Offnung seiner trans—⸗
apenninischen Territorien hervor und erklärte Ancona zum
Freihafen.
Aber die Gedanken Karls VI. beschränkten sich nicht auf
das Projekt der Hebung Triests. Es war natürlich, daß er
von hier aus zunächst den Mittelmeerhandel, vor allem mit
den Häfen seiner anderen italienischen Besitzungen, unter kaiser—
licher Flagge zu fördern suchte. Aber auch über diesen Umfang
griff er hinaus. Unmittelbar mit den großen Seemächten
Westeuropas suchte er in Wettbewerb für den freien Ozean
und den eigentlichen Welthandel zu treten, indem er nicht nur
den italienischen Handel seiner Flagge nach den südlichen,
nunmehr österreichischen Niederlanden hob, sondern in diesen
jelbst Anstalten zu transozeanischem Handel traf.
Wir erinnern uns hier, daß die spanischen Niederlande
damprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 38
        <pb n="210" />
        590 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. vtt n

dem Kaiser unter Belastung mit dem holländischen Barriere—
traktat zugefallen waren: eine Reihe der wichtigsten belgischen
Städte, so Namur, Doornick, Veurne, Ypern und das Fort
von Knocke, nördlich von Blankenberghe, sollten durch Truppen
der Generalstaaten gegen französischen Überfall gesichert werden.
Es waren Bestimmungen, die natürlich zu fortwährenden
Reibungen zwischen den Niederlanden und der habsburgischen
Herrschaft führten. Beinahe unerträglich aber wurde diese Lage
für den Kaiser dadurch, daß die Holländer zugleich die belgischen
Lande durch eine übermütig feindliche Zollpolitik schädigten.
Dem suchte er nun dadurch entgegenzutreten, daß er den seit
Antwerpens Fall vernachlässigten großen Handel des Landes
von neuem entwickelte: und in diesem Punkte verbanden sich
dann seine zunächst mehr belgischen Sorgen mit der allgemeinen
Handelspolitik seiner Staaten überhaupt. Nachdem schon vorher
englische und einheimische Kaufleute der südlichen Niederlande
von Ostende aus, dessen Hafen sich für diese Zwecke sehr wohl
eignete, einen direkten Verkehr mit Ostindien angeknüpft hatten,
erteilte ihnen der Kaiser jetzt, im Jahre 1715, die Erlaubnis,
unter seiner Flagge zu fahren; und der Handel nahm sichtlich
zu, obgleich ihn die Holländer, unter Behandlung der belgischen
Schiffe als Freibeuter, zu unterdrücken suchten. Aber gerade
dieser gänzlich illoyale Eingriff der Holländer wurde dem Kaiser
zum Anlaß, seine Pläne nun wiederum weiter zu entwickeln.
Im Jahre 1723 wurde unter seinem Schutze und unter regster
Beteiligung der belgischen Kapitalisten eine neue ostendische
Handelsgesellschaft begründet, die auf dreißig Jahre das für
Belgien ausschließliche Recht erhielt, nach Ost- und Westindien
und nach den Küsten Afrikas diesseits und jenseits des Kaps
der guten Hoffnung Handel zu treiben, und der zu diesem
Zwecke eine im hohen Grade freie Verfassung und das Recht
verliehen wurde, Wappen und Flagge des Kaisers zu führen.
Es war ein erster Schritt auf der Bahn zur Entwicklung
einer wehrhaften Seemacht, und er schien durchaus zu ge—
lingen; in Ostindien wurden blühende Faktoreien angelegt,
und der Kurs der Gesellschaftsaktien — das Kapital betrug
        <pb n="211" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 591

6 Millionen Gulden — stieg rasch auf das Doppelte des
Nennwertes.
Aber da erhob sich denn freilich die Frage, ob die be—
stehenden Seemächte, England, die nördlichen Niederlande und
auch Spanien wie teilweise Frankreich, dem Auftauchen eines
neuen, anscheinend so kräftigen Mitbewerbes ruhig zusehen
würden, und ob im Ernstfalle die Lande des Kaisers imstande
sein würden, den Aufschwung zur See auch seegewaltig zu
ichützen.
In diesem Momente verquickten sich die Dinge eigenartig
genug mit dynastischen Interessen Spaniens.
Kaiser Karl hatte formell noch nicht auf Spanien ver—
zichtet; doch war mit dem Ausgange des Erbfolgekrieges der
Bourbone Philipp V. tatsächlich König von Spanien geworden
und hatte als solcher auch die Anerkennung aller anderen
Mächte gefunden. Es war natürlich, daß dieses Verhältnis
zu einer gewissen Gereiztheit der Stimmung zwischen den
Höfen von Wien und Madrid führte. Dies um so mehr, als
auch Philipp V. auf den ehemals spanischen Besitz in Ztalien,
der sich in den Händen des Kaisers befand, im Grunde seines
Herzens nicht verzichtet hatte. Diese bedenkliche Lage wurde
nun beträchtlich verschlimmert durch die Heirat Philipps V.
mit der energischen Prinzessin Elisabeth Farnese von Parma.
Als nämlich der Ehe zwei Söhne entsprossen, die als nach—
geboren — Philipp war schon einmal verheiratet gewesen —
keinen Anspruch auf den spanischen Thron erheben konnten, wurde
es der Mutter sehnlichster Wunsch, diese Kinder in Italien
souverän versorgt zu sehen. Und zu diesem Zwecke holte sie
alte Erbrechte hervor, die sie bei dem zu erwartenden Erlöschen
des regierenden Hauses Farnese auf Parma und Piacenza zu
besitzen glaubte, ja sie erwähnte sich auch noch ein Erbrecht
auf Toskana, wo das Haus der Mediceer ebenfalls nur noch
auf zwei Augen stand. Und mit alledem fand sie bei ihrem
schwachen Gemahle Zustimmung, wie ihr in dem Kardinal
Alberoni, einem italienischen Abenteurer, ein Werkzeug zur
Ausführung ihrer Pläne nicht fehlte.
        <pb n="212" />
        —592 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Natürlich aber beeinträchtigten alle diese Ansprüche die
Stellung Österreichs in Italien; natürlich erschien auch in
ihrem Verfolg alsbald die Hoffnung, die alte spanische Herr—
schaft in Italien überhaupt wiederherzustellen: und natürlich
mußte ihnen der Kaiser entgegentreten.
Aber in Spanien war man nicht blöde. Während des
österreichischen Türkenfeldzuges des Jahres 1717 nahm eine
panische Flotte im hellen lichten Frieden das kaiserliche
Sardinien weg. Im Sommer 1718 wurde dann Sizilien dem
Herzoge Viktor Amadeus von Savoyen geraubt: damit glaubte
man sich des Besitzes einer Flanke sicher, von der aus der
kaiserlichen Herrschaft im kontinentalen Italien bequem in die
Weichen zu fallen war.
Es waren Flibustiertaten, die dem Friedensschlusse des
erst kürzlich beendeten Erbfolgekrieges offen Hohn sprachen: —
sollten sie die Garanten dieses Friedens einfach hinnehmen?
England, Frankreich, der Kaiser, die Niederlande, Savoyen
fielen Spanien in den Arm; französische Truppen überschritten
schließlich die spanische Grenze; im Jahre 1720 mußte Philipp V.
nachgeben. Aber doch nicht ohne einigen, ja wesentlichen
Gewinn. Allerdings erhielt der Savoyer an Stelle Siziliens
das abgelegene Sardinien als Königreich; Sizilien aber fiel
an den Kaiser, der somit nun, da er Neapel schon besaß, das
ganze ehemalige Königreich beider Sizilien unter seiner Herr⸗
schaft vereinigte: eine bedeutsame Verstärkung seiner Macht in
Italien. Indes anderseits mußte der Kaiser nicht bloß die
Herrschaft Philipps V. in Spanien nunmehr Fauch formell
anerkennen, es wurde ihm auch das Anerkenntnis des Erb⸗
rechtes der Söhne der Königin Elisabeth Farnese auf Parma—
Piacenza und selbst auf Toskang auferlegt: was bei dem zu
erwartenden Aussterben der Farnese und Medici schwere Ver⸗
wicklungen voraussehen ließ. Oder konnte die Anerkennung
des habsburgischen Besitzstandes in Italien und in den süd—
lichen Niederlanden, die Philipp V. demgegenüber auszusprechen
hatte, Gewähr für friedliche Zeiten bieten?
In diesem Augenblicke verbanden sich nun in der öster—
        <pb n="213" />
        Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 593

reichischen Politik in eigenartiger Weise die Sorgen um Italien
und die Pläne einer großen Seemachtstellung. Der Kaiser,
der sehr wohl einsah, daß die Entwicklung der ostendischen
Handelsgesellschaft gefährdet war, wenn hinter ihren Handelsschiffen
 nicht eine wirkliche Seegewalt sstand, und der eine
solche auf österreichischem Boden rasch zu schaffen nicht in der
Lage war, der zudem von jeher voll war von spanischen
Sympathien, der endlich auf diese Weise auch die spanischen
Ansprüche in Italien am besten zu dämpfen glaubte — ver—⸗
band sich im Laufe des Jahres 1725 in mehreren Verträgen
seit Ende April mit Spanien zu einer engen Allianz, die u. a.
auch durch Verschwägerungen ihren Ausdruck finden sollte. In
dieser Allianz bildeten neben anderen Stipulationen Bestimmungen
den Hauptpunkt, in denen Philipp V. die ostendische Gesellschaft
formell anerkannte, ihr und allen Untertanen des Kaisers alle
spanischen Häfen öffnete und dem österreichischen Handel alle
Begünstigungen gewährte, welche der englische und nieder—
ländische Handel genossen.
Aber war nun zu erwarten, daß diese Schwenkung zu
einem dauernden Einverständnis sterreichs und Spaniens
führen werde? Drohend stand der Anfall Parma-Piacenzas
und Toskanas an Don Carlos, den Erstgeborenen der Elisabeth
Farnese, im Hintergrund. Und die Königin war nicht gewillt,
sich mit der Sicherung künftigen Anfalls durch die Garanten
des Friedens von 1720 zu begnügen: sie wünschte die Sicherung
des Übergangs der Lande an ihren Sohn schon jetzt durch
Garnisonierung spanischer Truppen in diesen. So wühlte sie
in diesem Sinne fort. Und sollte sie bei den Seemächten etwa
vergebens Gehör suchen? Konnten diese den lästig werdenden
Konkurrenten Österreich auf bessere Weise außer Gefecht setzen,
als indem sie ihn in italienische Wirren verstrikten? In einem
Vertrage von Sevilla, vom 9. November 1729, erteilte England
und mit ihm das bourbonische Frankreich, das jede Vergrößerung
der Bourbonenmacht in Italien mit Freuden begrüßte, Spanien
die Ermächtigung, 6000 Mann spanischer Truppen zur Siche⸗
rung des Erbrechts des Don Carlos nach Italien zu entsenden.
        <pb n="214" />
        3594 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Es war ein Schritt, der den Kaiser im höchsten Maße
erbitterte. Allein was war zu tun? Schon vorher hatte sich
herausgestellt, daß er ohne den Schutz der spanischen Seemacht
nicht in der Lage war, seine interozeanische Handelspolitik
aufrechtzuerhalten; bereits 1727, als Spanien seine kom—
merziellen Versprechungen vom Jahre 1725 schnöde brach und
den kaiserlichen Schiffen keinen besonderen Schutz in seinen
Häfen mehr gewährte, hatte er sich dazu verstehen müssen, die
Ostender Handelskompanie zunächst auf sieben Jahre zu sus—
—
gezwungen, die große Handelspolitik überhaupt aufzugeben;
nur die kommerzielle Mittelmeerpolitik hielt er, und auch diese
nur teilweise, aufrecht. Zudem aber gab er auch den Anfall
oon Parma und Toskana an Don Carlos bis zu dem Grade
zu, daß er der Garnisonierung von 6000 Mann spanischer
Truppen zustimmte. Es war freilich zu einer Zeit, da Don
Carlos wenigstens in Parma und Piacenza überhaupt schon Erbe
war; denn der letzte Farnese, Herzog Anton, starb im Januar
1731. Aber auch in Toskana erschienen trotz des Widerstandes
des letzten Medizeers, des Großherzogs Gaston, im Herbst 1731
von einer englischen Flotte geleitet spanische Truppen, ja nahm
Don Carlos zu Florenz als wartender Erbe seinen Aufenthalt.
Unter diesen Umständen konnte natürlich der bourbonische
Landhunger in Italien nicht als gestillt gelten. Wenige Jahre
später stand dem Kaiser eine spanisch-französische Bourbonen⸗
allianz gegenüber, um seine Besitzungen jenseits der Alpen unter
Zustimmung Englands und der Niederlande zu schmälern.
Und als er dann und mit ihm das Reich auf Grund später
zu erzählender internationaler und nationaler Motive zu den
Waffen griffen, wurde der Krieg von Frankreich und Spanien
lebhaft aufgenommen; im Sommer 1783 nahmen die Fran—
zosen das wehrlose Lothringen ein, eroberten Kehl und be—
wangen 1734 Philippsburg, während in Italien die Österreicher
in viel wichtigeren Aktionen, in den Schlachten von Parma
und Guastalla von den Franzosen geschlagen wurden und die
Spanier das Königreich beider Sizilien eroberten.
        <pb n="215" />
        Türkenkriegen. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 595

1. Es war Unglück an allen Ecken und Enden; es schien,
als habe sich die Kriegstüchtigkeit der Armeen ÄÖsterreichs in
den Türkenkriegen erschöpft, wie sie denn in der Tat in einigen
Punkten militärischer Ausbildung im Rückstande waren; Prinz
Eugen selbst, nun hochbetagt, ein Stück gleichsam lebendigen
Ruhms des Kaiserhauses, riet zum Frieden. So kam es denn
zu Verhandlungen, die zunächst einseitig mit Frankreich am
7. November 1735 abgeschlossen wurden: Frankreich erhielt
Lothringen, wenn auch noch unter einiger zeitweiliger Ver—
klausulierung. Und nach wenigen Jahren, 1788, wurden auch
die italienischen Verhältnisse neu geregelt. Don Carlos wurde
jetzt Sizilien und Neapel zugesprochen; in dem Königreich
beider Sizilien wurde also ein drittes bourbonisches Reich auf
romanischem Boden begründet. Dem Kaiser aber fielen nun—
mehr zu der Lombardei Parma und Piacenza und indirekt,
durch Verleihung an den der Kaiserfamilie nahverwandten,
mit der Erzherzogin Maria Theresia, der nachmaligen Kaiserin,
vermählten Herzog von Lothringen, auch Toskana zu: es war
eine geographische Halbierung Italiens in einen spanischem
Einflusse zugänglich gemachten Süden und in die mittleren
und nördlichen Regionen, in denen dem Hause Habsburg eine
nun allerdings besonders feste Hegemonie zufiel.
übersieht man indes von diesem Abschlusse aus die Er—
zignisse im Bereiche der habsburgischen Monarchie, die dem
spanischen Erbfolgekriege seit mehr als zwei Jahrzehnten und
den großen Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts seit etwa
einem Menschenalter gefolgt waren, so läßt sich ein Fort—
schreiten doch nur noch im ganzen feststellen. So gewiß
gegenüber der Türkei, im Donaugebiete. In der kommerziellen
Konsolidation des Reiches dagegen war es gerade für das
erstrebte höchste Ziel eines interozeanischen Verkehrs zu einer
starken Enttäuschuug gekommen; mißlungen war es, auch nur
die Anfänge eines waährhaft seemächtigen Ögsterreichs zu ent⸗
wickeln. Und konnte man auf die italienischen Ereignisse der
letzten Jahrzehnte mit gänzlich ungetrübter Freude zurück⸗
blicken? Gewiß, es war sozusagen eine Zusammenlegung des
        <pb n="216" />
        —596 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Lapitel.

österreichischen Einflusses auf Mittel- und Norditalien erfolgt,
die sich später als nützlich erwiesen hat. Aber damit war doch
zugleich die Erfahrung gemacht worden, daß das Kaiserhaus
nicht mächtig genug war, um ganz Italien auch nur dem
Programme nach aufzusaugen.
Und so schloß denn die ganze Periode, in deren
Verlauf Österreich eine territoriale Ausdehnung erreicht hatte,
wie sie das Reich weder früher noch nachher je gehabt hat,
am Ende doch unter Wetterzeichen, die zu denken gaben. Und
dies schon rein auf Grund der uns bisher bekannten äußeren
Vorgänge an den östlichen und südlichen Grenzen.
Entsprachen ihnen aber nicht auch starke innere
Schwächungen und Sorgen, wie sie mit dem Verlaufe der
sozialen Bewegung und der Verfassungsentwicklung in den
einzelnen Ländern wie mit der eintretenden Sorge um die
Einheit des Reiches — Karl VI. begann zu altern und war
der letzte Habsburger — verknüpft waren? Schon in der
Geschichte der italienischen Beziehungen und der daran an—
knüpfenden Beziehungen zu Frankreich und den Seemächten
hat die Pragmatische Sanktion eine Rolle gespielt, auf die
zurückzukommen ist.
Über all dies aber hinaus: erwuchs nicht in diesen
Jahren noch hellsten, dennoch aber schon scheidenden Glanzes
der österreichischen Geschichte leise und unvermerkt der schließlich
furchtbarste Gegner des habsburgischen Staates, Brandenburg—
Preußen, zu den ersten Ansätzen künftiger Größe?
        <pb n="217" />
        Drittes Kapitel.

Die norddeutschen Staaten und der nordische Krieg;
Entwicklung des preußzischen Königtums.

Es gehört in gewissem Sinne mit zu den Anzeichen auf—
steigender politischer Bewegung in Deutschland, daß sich, etwa
seit dem Ausgange des 17. Jahrhunderts, die äußere deutsche
Geschichte wieder in eine solche des Südens und des Nordens
zu scheiden beginnt. Denn in den Jahrhunderten des späteren
Mittelalters, die das Große ihrer Entwicklung vor allem in
der Kolonisation und Kultivation des Ostens und besonders
des Nordostens zeigten, war, nicht zum geringsten eben infolge
dieses allgemeinen Vorganges, die Scheidung der deutschen
Geschichte in eine südliche und nördliche in vollem Maße ein—
getreten; und eben in ihr hatte die Entfaltung der Territorial⸗
zewalten ihre erste Blütezeit erlebt.
Dann hatte, im 16. Jahrhundert, der Umstand, daß
Deutschland seine zentrale Stellung im Welthandel und damit
eine der wichtigsten Grundlagen für eine teils nach dem
italienischen Süden, teils nach den Nord- und Ostseegebieten
auslaufenden Entwicklung verlor, wie die in den mittleren
Gebieten des Reiches zunächst heimische und sich nach allen
Seiten gleichmäßig verbreitende Reformation den äußeren
Geschicken unseres Volkes allerdings einen anderen Anblick
gegeben. Indem die scheinbar trennenden Motive wegfielen
        <pb n="218" />
        598 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

und große einheitliche Interessen mehr hervortraten, vereinigten
sich gleichsam die bisher mehr getrennt fließenden Stromgebiete
der äußeren Geschicke: räumlich fast ganz einheitlich kann die
Geschichte der deutschen Reformationszeit zur Darstellung ge—
langen.
Doch lag in der politischen Behandlung auseinander—
strebender religiöser ÜUberzeugungen an sich schon ein Moment
weit größeren Gegensatzes, als es die in verschiedener Richtung
— DDO0—
und Wirtschaftslebens je gezeitigt hatte. Als die Erörterung
der großen konfessionellen Fragen sich erschöpfte, als der Satz
uius régio eius religio Wahrheit wurde, erwies sich die
konfessionelle Spaltung als eine Macht, die in der Bildung
des Corpus evangelicorum die morsche Reichsverfassung auf
sozusagen gesetzmäßigem Wege sprengen half; und mehr als
je erschien seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die
politische Geschichte der Nation zersplittert, von kleinen Zufalls⸗
momenten beherrscht und darum unbefriedigend und kleinlich.
Bedenkt man nun, daß während des Dreißigjährigen
Krieges für die Auffassung der deutschen Fürstenwelt die
politische Bedeutung der konfessionellen Momente noch vielfach
fortwährte, während sie in der Anschauung der großen Mächte
allerdings schon zum großen Teile überwunden war; und
rechnet man dazu die dissoziierenden Wirkungen des großen
Krieges überhaupt, so versteht sich, daß der Nation aus dem
Eigenen ihrer Entwicklung kaum ein Anlaß zur Vereinheitlichung
ihrer äußeren Geschicke erwuchs, es müßte denn in dem, freilich
gescheiterten Bestreben der katholischen, habsburgischen Kaiser⸗
gewalt gesucht werden, bis zum Norden, bis zur Ostsee herrschend
oorzudringen.
Daneben machte sich freilich, eben seit dem Schlußjahrzehnt
etwa des Dreißigjährigen Krieges und dann steigend in der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Erscheinung geltend,
die die deutschen Geschicke immer wieder zusammenband und den
auseinanderstrebenden Territorien gemeinsame Interessen auf⸗
erlegte. Es war der Druck Frankreichs. Indem sich Frankreich
        <pb n="219" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 599

in seinen Bestrebungen ständigen Angriffes gegen die West—
grenzen des Reiches mit den Mächten verband, die von seinem
Gebiete aus gerechnet jenseits des Reiches lagen: mit der
Türkei, mit Polen, vor allem mit Schweden: machte es den
Deutschen damit unwillkürlich klar, daß für sie im Westen wie
im Osten und Norden gemeinsame Interessen zu verteidigen
waren, und sorgte auf diese Weise für jenen durchgehenden
Zug der deutschen Geschicke, der sich bis zum Schlusse des
17. Jahrhunderts, ja teilweise darüber hinaus immer ent—
schiedener wahrnehmen läßt. Es ist ein Dienst der Ver—
einheitlichung, den die Franzosen der Entwicklung des deutschen
Volks gar nicht selten erwiesen haben: der u. a. für die Gegen—
wart das französisch-russische Büundnis — wie im weiteren
Sinne den englisch-japanischen Bund — für Deutschland mit
einem gewissen positiven Werte versieht.
Dennoch darf man nicht verkennen, daß eine solche Zu—
sammenhaltung des deutschen Ganzen durch äußere Gewalten
zugleich auch immer einschnürt; und so bedeutete es gewiß
einen Fortschritt für Deutschland, als während des spanischen
Erbfolgekrieges ein allgemeines europäisches Interesse, wie es
vor allem der kaiserlichen Politik und der Politik der Seemächte
zugrunde lag, dafür sorgte, daß alle französischen Versuche, die
Ost- und Nordmächte in die Kämpfe im Westen hineinzuziehen,
cheiterten.
Und so war denn von diesem Augenblicke an die innere
Entwicklung der deutschen Territorialstaaten, die äußere Politik
gleichsam innerhalb des Reiches, wiederum frei; ungebundener
als seit langer Zeit konnten die einzelnen kleinen Mächte
gegeneinander und miteinander handeln. Dabei war es aber
doch bezeichnend, daß die alte Zerfahrenheit des 16. Jahr⸗
hunderts und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht
wiederum eintrat. Deutlich vielmehr sieht man zunächst eine
Nord- und eine Südhälfte der deutschen Entwicklung sich
scheiden: der Raumeinteilung nach tritt damit im großen
und ganzen die Kombination des ausgehenden Mittelalters
wiederum auf.
        <pb n="220" />
        300 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Aber ihrer inneren Bedingheit nach beruhte diese Wendung
und gleichsam Erneuerung auf ganz anderen Vorgängen, als
wie sie für das 14. und 15. Jahrhundert maßgebend gewesen
waren, und auf der Entfaltung ganz neuer Interessen.
Vor allem waren die Territorien um 1700, als Ganzes
betrachtet, nicht mehr die Territorien um 16300. Sieht man
von einigen Ausnahmeentwicklungen ab, so hatte sich inzwischen
ein großer Zug zur Zusammenlegung kleiner, zur Vereinheit—
lichung getrennter Territorien ausgewirkt. Und so war der
Unterschied zwischen den größten Territorien und den kleineren,
die immer noch in zahlreichen Exemplaren vorhanden waren,
schon der verschiedenen Raumausstattung nach beträchtlich
gewachsen. Noch viel stärker aber war dieser Unterschied ent⸗
wickelt worden durch Vorgänge innerhalb der Territorien selbst.
Konnten die kleinen Fürsten der allgemeinen Tendenz des
Verfassungslebens zum Absolutismus wirklich folgen, insofern
es nicht bloß auf die äußeren Formen, den Splendeur des
Hofes und der fürstlichen Person, sondern auf die inneren
Wohltaten der absoluten Monarchie, auf Verwaltungsfürsorge
und Wohlfahrtspflege, oder gar auf die Bereitstellung mili—
tärischer Machtmittel ankam? Es war nicht daran zu denken.
Und so entstand eine Unsumme gleichsam von Krüppel- und
Mißbildungen des Absolutismus in den kleinen Territorien,
die teils lächerlich, teils abschreckend wirkten, so sehr hier und
dort tüchtige Fürstenpersönlichkeiten selbst diesen Zwergbildungen
Leben verliehen. Die eigentlich vorwärtsweisende Entwicklung
aber wich in wenige große Territorien zurück, die Kurfürsten⸗
tümer etwa neben den kaiserlichen Landen und noch einige
Fürstentümer: und sie allein wurden nun zum Träger dessen,
was man äußere Politik innerhalb deutscher Grenzen nennen
konnte.
Faßt man nun aber diese Dinge im einzelnen anschaulich,
so ergibt sich alsbald, wie aus alledem ein im gewissem Sinne
neuer Gegensatz zwischen Norden und Süden heraussprang.
Im Süden waren es vor allem Ästerreich und Bayern, im
Norden Sachsen, Brandenburg-Preußen und das Konglomerat
        <pb n="221" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Kbnigtums. 601

welfischen Besitzes im heutigen Braunschweig und Hannover,
die für die soeben besprochene Wendung in Betracht kamen.
Und nur dadurch, daß sich der Ehrgeiz der katholischen großen
Territorien, und damit vor allem des Südens, immer wieder
auf Kombinationen der eigenen Territorialgewalt mit der Gewalt
der großen geistlichen Fürstentümer am Rhein verlegte, kam ein
scheinbar fremder Zug in dies Bild: der rheinische Nordwesten
schien eher dem Süden als dem Norden zuzuneigen. Aber ent—
sprach nicht gerade diese Modifikation des Bildes uralten Ent—
wicklungstendenzen und einem schon seit dem 14. und 15. Jahr⸗
hundert nachweisbaren Ausbau allgemeiner Beziehungen? Von
jeher bildeten die Rheinlande von Basel bis Utrecht, von den
alemannischen Bistümern des Südens bis zu dem friesischen des
Nordens, ein gemeinsames Verkehrsgebiet, dessen Bedeutung sich
durch die Beseitigung der Hindernisse im Rheine bei Bingen nur
noch hob; und schon seit dem 12. und 183. Jahrhundert hatte
sich, neben dem Gegensatze zwischen Süden und Norden, der
andere zwischen dem Mutterlande des Westens und dem Kolonial⸗
gebiete des Ostens entwickelt.
Lagen hier aber zunächst Momente der politischen Ent—
wicklung vor, die seit etwa dem Jahre 1700 Norden und
Süden, und vor allem Nordosten und Süden immer mehr
gegeneinander abhoben, so ist nicht zu verkennen, daß sie durch
noch viel tieferliegende Vorgänge vor allem auch der wirt—
schaftlichen Entwicklung in hohem Grade akzentuiert erschienen
und in ihrer dauernden Wirkung befestigt wurden.
Die geographischen Bedingungen, unter denen eine mensch—
liche Gemeinschaft geschichtlich heranwächst, wirken nicht zu
allen Zeiten ihrer Geschichte in gleicher Weise; sie sind vielmehr
in ihrer jeweiligen, schwankenden Bedeutung von der Ent—
wicklungshöhe der menschlichen Gemeinschaft, die in ihnen lebt,
abhängig. So sind Land und Leute in ihrem gegenseitigen
Verhältnisse nichts Starres, sondern tausend und abertausend
Veränderungen unterworfen und das Studium dieser Wand—
lungen macht den besonderen Reiz der historischen Geographie
aus. Beispielsweise sind so die weiten Prärien Nordamerikas
        <pb n="222" />
        30230 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

zu indianischer Zeit für ein Volk, das nicht einmal das Ver—
kehrs- und Transportmittel des Pferdes besaß, ein unbesieg—
hares Hindernis der Entwicklung einer großen und weit—
verbreiteten Kultur gewesen; heute, unter der Befruchtung mit
den europäischen Verkehrsmitteln des 18. Jahrhunderts und
deren amerikanischer Weiterbildung im neunzehnten, mit Riesen⸗
schienen, Pullmanwagen und mächtigen Lokomotiven, sind sie
in dem ewigen Einerlei ihres Niveaus und damit ihrer
leichten Zugänglichkeit für jede Art der Überschienung stärkstes
Förderungsmittel der Vereinheitlichung der allgemeinen amerika⸗
nischen Zivilisation und der auf diese aufzubauenden, wir
hoffen es dermaleinst großen Kultur.
In Deutschland hatte der Urgebirgscharakter der deutschen
Mittelgebirge mit ihrem starken Detritus und ihren verhältnis—
mäßig sehr hoch liegenden Paßübergängen und das diesem
Charakter entsprechende verhältnismäßig sehr dislozierte Fluß—
system im Mittelalter zu einer starken Dislokation auch der
Verkehrskultur geführt; in Zeiten, in denen man das Gesamt—
bild der geographischen Ausstattung der Nation noch nicht
übersah, geschweige denn in einer klaren Praxis zu nutzen
wußte, waren kleine Handelsgebiete der oberen Donau, des
Oberrheins, des Niederrheins, des Mains, Thüringens usw.
entstanden; und auch die Einbeziehung Deutschlands in den
Welthandel hatte die Sonderheit dieser Einzelgebiete nicht
oöllig zerstört und über ihnen nicht ein einheitliches deutsches
Verkehrsgebiet, sondern den Dualismus von Verkehrsgebieten
des Nordens und Südens geschaffen. Jetzt, seit dem 15. und
16. Jahrhundert, seit den immer stärkeren Einwirkungen einer
eigenen, nationalen Geldwirtschaft, änderte sich dieses Bild.
Die in der geographischen Ausstattung des deutschen Landes
liegenden weitergreifenden Verkehrsbedingungen wurden immer
mehr verstanden und durchgebildet, und ein ganz anderes Ge—
samtbild schließlich der deutschen Verkehrszusammenhänge trat
an Stelle der mittelalterlichen ans Licht. Maßgebend wurde
jetzt der Lauf der größeren und kleineren Flüsse, zu deren
Korrektion und Schiffbarmachung für die immer noch be—
        <pb n="223" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 603

scheidenen Raumverhältnisse der Schiffsgefäße das nationale
Kapital ausreichte und eifrig Verwendung fand; und neben
den Flüssen als Verkehrsadern begannen die größeren Ebenen
als Verkehrsgebiete eine immer wichtigere Rolle zu spielen.
Es waren Entwicklungsmotive, welche, bei dem meistens
von Süden nach Norden gerichteten Laufe der deutschen Flüsse,
die zudem mit Ausnahme des Rheines erst in Mitteldeutschland
entspringen, wie bei der stärkeren Ausstattung Norddeutschlands
mit Ebenen, nicht bloß den Norden vom Süden trennten: die
bielmehr zugleich auch dem Norden, je länger und je stärker
der neue Zustand hervortrat, um so mehr Vorteile überhaupt
berschaffen mußten. Und diese Vorteile wurden nochmals
erhöht durch die Lage des Nordens am Meer; denn das Meer
begann mit dem 16. Jahrhundert in immer verstärktem Maße
das zu werden, was es heute ist: die Hochstraße der Nationen;
und eben die Ostsee, heute nur noch Zipfel und Zubehör des
Atlantischen Ozeans, war in den Jahrhunderten, deren Ges chichte
uns hier beschäftigt, eines der besuchtesten Seeverkehrsgebiete,
während die Wege der hohen Weltmeere noch weit minder
häufig befahren wurden.
Was sich daher heute in ausgesprochener Form zeigt, das
bergewicht des norddeutschen Handels uͤber den süddeutschen
infolge günstigeren Hinterlandes, besserer Zufuhrstraßen und
aaher Seelage, die Bevorzugung Hamburgs vor Nürnberg,
Bremens vor Ulm, Köln- Düsseldorf- Ruhrorts vor Straßburg
und Basel — während noch im 16. Jahrhundert diese süd—
lichen Orte der Alpenpässe und der italienischen Verbindungen
den Norden überragt hatten —: das war es, was sich im
17. Jahrhundert immer stärker, wenn auch noch in Aufängen
zu entwickeln begann. Es ist der Prozeß, der für ein künftig
herrschendes Norddeutschland die Basis schuf, der Süddeutschland
und in ihm vor allem österreich benachteiligte: als eine seiner
pätesten Wirkungen ist das heutige gegenseitige staatliche und
politische Verhältnis des Deutschen Reiches und Osterreichs
entstanden, wie es sich ausdrückt auch in dem gegenseitigen
Entwicklungsverhältnisse von Wien und Berlin.
        <pb n="224" />
        304 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Innerhalb der so zur Bevorzugung gelangenden nord—
deutschen Gebiete aber: welchem Territorium sollte die Palme
verden?
Auch hier liegen dem schließlichen Siege Brandenburg—
Preußens starke Allgemeinmotive der Entwicklung geographischer
Bedingungen zugrunde. Zum Wettbewerbe gelangten auf
diesen Gebieten noch im 17. Jahrhundert, erst recht aber noch
m sechzehnten, Sachsen, die Welfenlande, die rheinischen
Territorien und Brandenburg. Von ihnen schieden im Grunde
am frühesten die rheinischen Territorien und Sachsen aus.
Die Rheinlande, weil die einzelnen Fürstentümer hier, in un—
übersichtlichem Terrain gelegen, nicht die geographischen Grund⸗
lagen zur Entwicklung eines großen und entscheidenden Ab—
solutismus besaßen: nur die Territorien jener großen nord⸗
deutschen Tiefebene, die sich nach Westen hin so stark verjüngt,
daß sie fast eine nordostdeutsche heißen könnte, vermochten da
in Frage zu kommen. Unter diesen aber war wiederum Sachsen
am ungünstigsten gelegen. Denn mit den schließlich endgültigen
Zentren seiner politischen Macht, Dresden und den thüringischen
Residenzen, wenn wir das Haus Wettin als Ganzes rechnen,
gehörte es fast noch den Bergen an, und fern lag es dem Meere.
Diese Situation erschien nun im 14. und 15. Jahrhundert
und war auch noch im 16. Jahrhundert bis auf einen ge—
wissen Grad wett gemacht durch den reichen Bergsegen des
Erzgebirgs; Freiberg hat zwischen 1542 und 1616 jährlich noch
etwa 80 Zentner, d. h. damalige 40000 Gulden, Annaberg
von 1526 bis 1600 jährlich etwa 10 000 Mark, d. h. etwa
30000 damalige Gulden geliefert!. Allein der Ertrag der
Bergwerke nahm ab: und außerdem war diese Quelle doch
nicht von der gewöhnlich angenommenen Bedeutung; auch in
Osterreich hat der Tiroler Bergsegen nicht verhindert, daß das
Zentrum der Regierung von Innsbruck nach Wien, ins Tief—
land, verlegt wurde. Das Tiefland des Erzgebirges aber heißt
Brandenburg und sein Zentrum Berlin! Und so war die Über—
windung Sachsens durch Brandenburg-Preußen, geographisch—
Leuthold, Zeitschr. für Bergrecht 29, 74.
        <pb n="225" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. KHnigtums. 605

historisch betrachtet, nur eine Frage der Zeit, und Neben—
umstände, wie die Kombination des Kurfürstenhutes mit der
polnischen Krone, konnten sie wohl hinausschieben, nicht aber
oerhindern.
Aber war die Lage der welfischen Beziehungen gegenüber
Brandenburg auf die Dauer günstiger? Selbst die Zusammen—
fassung des Weserlandes im Königreiche Hannover hat dessen
Aufgehen in Preußen nicht ausgeschlossen; die Ebenen- und
Tiefenentfaltung des Landes gegen das Meer war zu gering,
und das Meer selbst war zwar die Nordsee, die gegen die
Ostsee immer mehr an Bedeutung gewann, aber ohne Bremen
und Hamburg.
So fällt Brandenburg an sich schon, durch Exklusion der
anderen, innerhalb Norddeutschlands der Vorteil der besten
Entwicklung zu. Aber dazu hat das wegen seiner Unfrucht—
harkeit so viel verspottete Land für geldwirtschaftliche Zeiten
zugleich auch im Bereiche seiner weitesten Umgebung die
lockendsten positiven Bedingungen der Entfaltung zum Großen.
In solchen Zeiten ist nicht die agrarische Produktionsfähigkeit
allein oder an erster Stelle, sondern die leichte Zugänglich—
keit für Zu- und Abfuhr von wirtschaftlichen Gütern von
ausschlaggebender Bedeutung: und eben ihrer kann sich die
Mark im höchsten Maße rühmen, und insbesondere Berlin ver⸗
dankt fast wunderlich günstigen Bedingungen in dieser Hinsicht
seinen Aufschwung. Bei nur geringer Korrektion des bestehenden
Flußsystems, wie sie schon der Große Kurfürst verständnisvoll
anbahnte, kulminieren in Berlin alle großen Binnenschiffahrts—
möglichkeiten des deutschen Nordostens; zugleich ergeben sich
eben für diese Stadt die leichtesten Verkehrsbedingungen zur
Nord- und Ostsee; und doch liegt sie dem Meere so fern, daß
sie vor Piraterie und Plünderung geschützt ist — während der
Staat, dessen Hauptstadt sie ist, dem Meere nahe genug an—
grenzt, um ständig zur Erwerbung von Küsten angereizt und
damit in eine der Hauptrichtungen großer Politik hinein—
zezogen zu werden.
Es sind die allgemeinen Entwicklungsbedingungen des
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 39
        <pb n="226" />
        306 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Nordens, die wir soeben uns vergegenwärtigt haben; auf
Grund noch mehr schon ihres ersten leisen Hervortretens seit
dem Ende des 17. Jahrhunderts wäre wohl ein Prognostikon
auf einstige brandenburgisch-preußische Größe zu stellen ge—
wesen: schon trat Norddeutschland als künftige entscheidende
Basis eines neuen Deutschen Reichs, schon innerhalb Nord—
deutschlands Brandenburg als der künftig führende Staat
dieses Reiches in frühesten, zartesten Umrissen hervor.
Doch auf diesem erst werdenden Hintergrunde vollzogen
sich um 1700 und nach 1700 noch harte, im einzelnen mit
ihm noch kaum unmittelbar zu verbindende Tatsachen; und
nur der eine Grundton allgemeinster Verhältnisse ist schon
deutlich angeschlagen, daß die norddeutsche, insbesondere nord⸗
ostdeutsche Geschichte einschließlich der Schicksale der baltischen
Länder ein Kapitel der deutschen 'Geschichte für sich bildet.
Wir nähern uns der Darstellung dieser Geschichte in den
ersten Jahrzehnten ihres besonderen Verlaufes, indem wir uns
zunächst das damals aktuelle Verhältnis der Hauptfiguren des
Schauplatzes, in Deutschland der welfischen Fürsten sowie der
sächsischen und der brandenburgischen Kurfürsten, außerhalb
Deutschlands aber der Könige von Dänemark, Schweden, Polen
und des russischen Zaren vergegenwärtigen.
In Niedersachsen war es mit dem Sturze Heinrichs des Löwen
zu einem Zusammenbruche der welfischen Gewalt gekommen,
von der sich diese nie wieder ganz erholt hat. Zwar gelang
es dem welfischen Hause, im späteren Mittelalter und darüber
hinaus im 16. Jahrhundert infolge der Reformation einige
Erwerbungen zu machen, wofür namentlich auch Säkularisationen
in Betracht kamen; aber die Anfangsausstattung, die schließlich,
nach der Rehabilitation, Heinrichs des Löwen Enkel Otto das
Kind im Jahre 1235 erhalten hatte, war zu gering, als daß
sie sich selbst bei günstiger Erwerbspolitik im Laufe weniger
Jahrhunderte zur Grundlage einer überragenden fürstlichen
Gewalt hätte entwickeln lassen. Dazu kamen die ewigen
Teilungen des Besitzes unter gleichberechtigte Erben, denen erst
im 16. Jahrhundert der Erstgeburtsgedanke entgegentrat, und
        <pb n="227" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 607

dementsprechend, bei zersplitterter fürstlicher Gewalt, starke
Schuldenlast und üppige Entwicklung der Stände. Bei dieser
Entwicklung konnte es schon als ein Vorteil gelten, als endlich,
in den Jahren 1635 und 1636, eine Verständigung der damals
bestehenden Linien über die gemeinschaftliche Behandlung ge⸗
wisser Rechte und einzelner politischer Fragen zustande kam
und zugleich eine von da ab festbleibende Verteilung der
einzelnen Lande unter die einzelnen Linien vereinbart wurde.
Bei dieser Gelegenheit erhielt die ältere, braunschweigische
Linie das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, während
der jüngeren, lüneburgischen Linie für ihre beiden Zweige
einerseits Lüneburg-Celle nebst Grubenhagen, anderseits Calen⸗
berg⸗Göttingen mit der Hauptstadt Hannover zufielen.
Von diesen verschiedenen Linien übernahm nun bald,
nicht ohne Verdruß der Braunschweiger, die lüneburgische
insofern die Führung, als sich in ihr, trotz der Schriftstellerei
Anton Ulrichs von Braunschweig und trotz ihrer sehr ver—
wickelten und für die Sittengeschichte der Zeit in schlimmem
Sinne lehrreichen Familienverhältnisse, die alten literarischen
und geistigen Neigungen des Welfenhauses besonders deutlich
forterbten; so war Georg Wilhelm von Celle, geboren 1624,
ein feiner, vornehmer, freilich auch genußliebender Herr und
Mäcen; und noch mehr galt dies von seinem 1629 geborenen
Bruder, Ernst August von Hannover.
Für die Politik aber wurden die beiden fürstlichen Brüder
wichtiger schon dadurch, daß sie, zumeist unter Führung Ernst
Augusts, eng zusammenhielten; daß es ihnen weiter gelang,
die Lande, die sie seit den achtziger Jahren des 17. Jahr⸗
hunderts ohne gleichberechtigte Erbanwärter beherrschten, ohne
weitere Teilung einheitlich zu regieren; und daß sie auf dieser
Grundlage es erreichten, ein verhältnismäßig starkes Soldheer
aufzustellen, das sich wiederholt, z. B. in der Schlacht an der
Conzer Brücke bei Trier trefflich schlug, und dessen Besitz sie
zu selbst von der großen Politik umworbenen Herrschern machte.
Es waren in dieser Hinsicht verwandte Machtgrundlagen, wie
sie für den brandenburg-preußischen Staat des Großen Kur—
39 *
        <pb n="228" />
        308 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

fürsten und selbst noch den Staat seiner nächsten Nachfolger
bestanden. Über diese Lage aber hob sich Ernst August von
Hannover wiederum noch weiter durch die wenigstens teilweise
erfolgreiche Erwerbung Sachsen-Lauenburgs, namentlich aber
durch ein neues verfassungsmäßiges Moment: es gelang ihm, im
Jahre 1683 die kaiserliche Bestätigung eines Primogeniturstatutes
zu erhalten und dessen Recht auch gegen schweren Widerspruch in
seiner Familie durchzusetzen: und damit für die Einheit der
von ihm straff und trefflich regierten Ländermasse eine Gewähr
zu erhalten, wie sie innerhalb der Hierarchie des deutschen
Reichsfürstentums durchgängig nur die Kurfürsten besaßen.
Sollte nun diesen Errungenschaften nicht auch die Kur—
würde selbst folgen?
Schon seit längerer Zeit hatte das Welfenhaus seine
Erhebung zu ihr in der eigenartigen Form vorbereitet, daß
es an die Spitze des uralten Widerstandes getreten war, den
die deutschen Fürsten der besonderen Bevorrechtung der Kur—
fürsten entgegenstellten: eben auf diese Weise mit hatte es
sich zur ersten Stelle im Fürstenstand und damit zur ersten
Anwartschaft auf eine vielleicht einmal zu schaffende neue
kurfürstliche Würde emporgetrieben.
Der Gedanke an weitere kurfürstliche Wurden neben den
bestehenden aber war seit den Zeiten der Reformation eine
immer wieder auftauchende Erscheinung, sobald innerhalb des
Kurfürstenkreises die konfessionelle Parität gestört erschien; in
diesem Zusammenhange war z. B. noch jüngst, im Jahre 1653,
oon der Errichtung einer neunten, evangelischen Kur die Rede
zewesen. Ganz ernstlich wurde dann in die Erörterung dieser
Verhältnisse vor allem seit dem Jahre 1685 eingetreten, in
welchem durch das Aussterben der protestantischen Pfälzer
Kurlinie das katholische Haus Pfalz-Neuburg in den Besitz der
Pfälzer Kur gelangte: so daß nun nur noch zwei protestantische
Kurstimmen, nämlich die von Sachsen und Brandenburg, vor—
handen waren.
Natürlich machte sich das Welfenhaus, und in ihm wiederum
der weitaus energischste Fürst, Ernst August von Hannover,
        <pb n="229" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 609

diese Verhältnisse zunutze. Und seine Absichten erschienen um
so eher erreichbar, als sich für Osterreich seit 1088 jene schwere
Zeit des Kampfes gegen zwei Fronten, im Westen gegen Frank⸗
reich, im Osten gegen die Türkei, einstellte!, in der dem Kaiser
die bereite Truppenhilfe Ernst Augusts von Bedeutung sein
mußte. Dennoch hielt der Kaiser zunächst zurück. Es waren
die Jahre der Erwerbung Sachsen-Lauenburgs für Hannover;
Ernst August griff hier rücksichtslos durch; die benachbarten
Fürsten fast alle, und so namentlich Kursachsen, der eigenen
Auffassung nach mindestens so erbberechtigt wie Hannover,
sahen scheel; und der Kaiser selbst fühlte sich durch das Vor⸗
gehen Hannovers in seinen lehensoberherrlichen Rechten ver—
letzt. Allein Ernst August wußte diese Widerstände, die sich
für seine nächsten Zwecke ja fast auf den Widerstand des
Kaisers reduzierten, in kurzer Frist zu besiegen. Um den
Kaiser weich zu machen, griff er den Gedanken der Bildung
einer unabhängigen Fürstenpartei auf, die zwischen Ästerreich
und Frankreich womöglich bewaffnet vermitteln sollte: ein dem
Kaiser unerträglicher Anspruch. Und so gab denn der Kaiser,
unter Verzichtleistung Ernst Augusts auf diesen Plan, kurz nach
und stimmte für seine Person einer neuen Kur zu, nicht ohne
sich gegenüber dem Hannoveraner Vorteile zu sichern, die gegen
Reichsrecht und Reichsverfassung liefen: in dem Kurtraktat
vom 22. März 1692 und der Ewigen Union vom gleichen
Tage übernahm der neue Kurfürst, neben allerlei vorüber—
gehenden Lasten, die Verpflichtung, bei eintretenden Kaiser—
wahlen stets ein Mitglied des österreichischen Hauses Habsburg
zu küren.
Nun war allerdings mit diesen Verträgen die Kur an sich noch
nicht begründet: noch bedurfte es der Anerkennung der Würde
innerhalb der Reichsverfassung durch die zuständigen Glieder
des Reichstages. Und hier erhob sich zunächst, und vor allem
von Seiten der Fürsten, eine hartnäckige und laute Opposition,
in der sich besonders die ältere, die braunschweigische Welfen—

S. oben S. 496 f., 550f.
        <pb n="230" />
        10 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

linie auszeichnete. Als indessen im Jahr 1705 Georg Wilhelm
von Celle gestorben war und damit dessen Lande an die jüngere,
hannoversche Linie des Luneburger Hauses fielen, in welcher
inzwischen, nach Ernst Augusts Tode, dessen Sohn Georg
Ludwig zur Regierung gelangt war, da legte sich der Wider⸗
stand: denn einmal entfielen ihm die Momente persönlicher
Abneigung gegen den verstorbenen Ernst August, und dann
erschien jetzt die neue Kurwürde mit einem Besitze ausgestattet,
der sie tatsächlich über die Höhe bloß fürstlichen Daseins
hinaushob. Und so wurde denn Georg Ludwig im Jahre
1708 endlich mit gültigem Reichsschlusse in das Kurfürsten⸗
kollegium aufgenommen.
Es war in einer Zeit, in der dem neuen Kurfürsten und
seinem Hause schon längst eine weitere, noch höhere Aussicht
winkte. Sie führte, wie schon früher erzählt worden ist!, nach
England. Und wenige Jahre später verwirklichte sie sich. Als
die Königin Anna von England am 1. Augst 1714 gestorben
war, folgte ihr Georg Ludwig als König Georg J., und auf
lange Zeit war damit die Personalunion zwischen dem Groß⸗
britannischen Reiche und Hannover besiegelt.
Es war ein zweifellos glückliches Aufsteigen der hannover⸗
schen, der Lüneburger Welfen. Aber fragt man sich, was es
in seiner letzten Entwicklungsstufe für Deutschland bedeutete,
so wird die Antwort nicht ohne weiteres freudig lauten können.
Ja wenn Hannover die Hauptmacht in dem neuen Verbande
geblieben wäre, wie dies anfangs die hannoverschen Welfen
noch für möglich, ja waährscheinlich hielten. Aber davon war
natürlich nicht die Rede. Neigten auch englische Staatsmänner
der Zeit zu der Ansicht, daß sich die englische Politik der nächsten
Folgejahre viel zu sehr durch Rücksichten auf Hannover be—
stimmen lasse, so nahm doch tatsächlich England das deutsche
Stammland seines Königshauses immer mehr ins Schlepptau:
bis es, seit den Zeiten etwa Georgs III., zu nichts als einer
festländischen Sukkursale des Inselreiches hinabsank.

S. oben S. 564f.
        <pb n="231" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 611

Innerhalb der wettinischen Länder, in dem breiten Ebenen—
und Hügelgebiete zwischen Harz, Thüringerwald und Erzgebirg,
war die Entwicklung der der Welfenländer längere Zeit hindurch
insofern ähnlich verlaufen, als es auch hier zu einer Zer—
splitterung des Besitzes gekommen war, und als die jüngere,
albertinische Linie des Herrscherhauses vor der älteren,
ernestinischen in den Vordergrund trat. Denn während diese
sich in dem Thüringer Höhengebiete in zahlreiche, bald teil—
weise vereinigte, bald teilweise noch weiter auseinandergehende
Linien spaltete, die in dem Kreise der kleinen thüringischen
Staatenwelt zum Teil noch heute fortleben, wurde jene, seit
Moritz Trägerin des Kurhutes, allein schon durch diesen Um—
stand an weiterer Zersplitterung verhindert. Zwar ist es auch
hier, infolge des Testamentes Johann Georgs J. vom Jahre
1652, zur Entwicklung von drei Seitenlinien, von Weißenfels,
Merseburg und Zeitz, gekommen; aber diese Linien waren nicht
von langer Dauer; und anderseits hatte der Friede von Prag,
1635, den Kurlanden den Besitz der Nieder- und Oberlausitz
eingebracht. Bedenklicher war es in gewissem Sinne für die
Entwicklung des äußeren Ansehens und auch der inneren Kraft
Kursachsens, daß seine Herrscher starr an dem lutherischen
Konservatismus festhielten, obwohl dieser schon seit der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts seiner Veraltung entgegenging.
Sie gerieten dadurch im Bereiche der Reichspolitik in einen immer
feindlicheren Gegensatz gegen die Reformierten: was wiederum
ein ständiges Anlehnungsbedürfnis an die Vormacht der anderen,
konfessionell konservativen Kirche, an Österreich zur Folge hatte.
Und wurde diese jAnlehnung vielleicht ebensosehr aus wirt⸗
schaftlichen Gründen erfordert, da Österreich als Hinterland
und Durchgangsland weiterer, östlicherer Hinterländer der
Leipziger Messen wie als Absatzgebiet der erzgebirgischen In—
dustrie in der Lage war, auf das Wirtschaftsleben des Kur—
staates beinahe entscheidend einzuwirken: so trat doch diesem
Zusammenhange, der bei entsprechender Berücksichtigung zur
höchsten Blüteentwicklung des Handels und Gewerbes hätte
dienen können, wiederum die Tatsache entgegen, daß sich auf
        <pb n="232" />
        312 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Grund starrsten Luthertums des Hofes und des einheimischen
Adels, wie er in den Ständen repräsentiert war, zwischen
diesen beiden Kräften eine Vereinigung vollzog, die der ent⸗—
schiedenen geldwirtschaftlichen Entfaltung des Landes immer
wieder entgegenarbeitete. Und so verlief denn die Entwicklung
Sachsens schon im 17. Jahrhundert in Mischrichtungen, in
jene gleichsam bittersüßen Erfahrungen, die für die innere
Geschichte des Landes fast bis auf den heutigen Tag bezeichnend
geblieben sind; und seine Gesamtkraft kam infolgedessen nach
außen nicht in genügender Stärke zum Ausdruck!. Insbesondere
ergab sich daraus für die Stellung im Reiche, daß sich die
alte Führerschaft an der Spitze der evangelischen Stände immer
weniger halten ließ; anderswo als in Sachsen waren spätestens
schon seit Ausgang des 16. Jahrhunderts die treibenden Kräfte
des Protestantismus zu suchen; und die eigene evangelische
UÜberzeugung verlor durch diesen Umschwung an Innigkeit und
durchschlagender Kraft.
Grell zutage treten all diese Wandlungen in dem Augen—
blicke, da eine Persönlichkeit zur sächsischen Kurwürde gelangte,
die zu den interessantesten der ersten Hälfte des 18. Jahr—
hunderts gehört. Im Jahre 1694 war plötzlich Kurfürst Johann
Georg IV. gestorben; kinderlos; und so folgte ihm sein vier—
undzwanzigjähriger Bruder Friedrich August, der spätere August
der Starke. Friedrich August war in der Reihe der vielen
begabten Mitglieder des Hauses Wettin eines der begabtesten;
aus den schwierigsten diplomatischen Lagen hat er sich heraus—
zuwinden gewußt; in Finanzkünsten überragte er wohl alle
fürstlichen Zeitgenossen; wo es seine sonstigen Neigungen zu—
ließen, war er auch ein fürsorglicher und vorwärts schauender
Verwalter des Landes. Aber neben diesen Lichtseiten welche
Schatten! Ein von jeglicher Manneskraft getragener Kavalier
hatte der Fürst an der Frauenwelt früh jene skrupellose Be—
handlung von Recht und Sitte, von Treu und Glauben ge—
lernt, die seine spätere VPolitik brandmarkte; und frei von

Vgl. dazu das Bd. VI, 406 f. Gesagte.
        <pb n="233" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. KGnigtums. 613

religiössen Bedenken und frommen Stimmungen fern hat er
die Religion seiner Väter im Grunde nicht einmal abzuschwören
brauchen, als er, einer Flitterkrone halber, katholisch wurde.
In seiner maßlosen Genußsucht aber ist er das Prototyp jener
fürstlichen Kreise in Deutschland geworden, die französischen
Glanz des Absolutismus mit schließlich dennoch unzureichenden
Mitteln nachzuahmen versuchten — unter der herben gleich—
zeitigen Kritik von Fürsten wie Friedrich Wilhelm J. und unter
dem Fluche der späteren Nachwelt.
Friedrich August kommandierte noch als Kurfürst in Ungarn
übrigens erfolglos, wie er denn im Felde fast niemals
glücklich war — als, am 17. Juni 1696, König Johann III.
Sobieski starb: und damit wieder einmal der Wettbewerb um
die Krone Polens eröffnet wurde. Diesmal bereits unter den
unerfreulichsten Erscheinungen. Denn schon zeigte sich die
aristokratische Republik innerlich vollkommen zerfressen; alles
war in ihr feil: vor allem die Wahlstimmen, die von den
Inhabern teilweise bereits in ständigem Übergange von Partei
zu Partei zu immer höherem Marktwert gesteigert wurden.
Unter den Kandidaten hatte der beste und ehrlichste, der
Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, bald keine Aussicht
mehr; nicht minder gewannen einige von Ästerreich geförderte
Wettbewerber, Jakob Sobieski, der mit einer Radziwill ver⸗
heiratete Herzog Karl von Pfalz⸗Neuburg, der Herzog Leopold
Joseph von Lothringen, die beiden letzteren dem Kaiserhause
nahe verwandt, keine zahlreiche Anhängerschaft. Unter diesen
Umständen schien der Erfolg am ehesten der französischen
Agitation zu winken, die, nach manchem Zögern, für den
Prinzen Franz Ludwig von Conti, einen Neffen des großen
Condsé, eintrat: klug hatte sie ihre Schätze erst gegen Schluß
der Wahlkampagne verteilt, und so erschien die Wahl Contis
in den ersten Monaten des Jahres 1697 so gut fast wie sicher.
Da trat im letzten Moment noch, durch sich selbst auf—
—DD
anderem der Verzicht auf lauenburgische Erbansprüche gegen—
über Hannover geliefert hatte, Friedrich August von Sachsen
        <pb n="234" />
        314 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

auf den Plan. Und mit welcher Entschiedenheit ging er seinen
Weg! Natürlich mußte er als ernsthafter Kandidat katholisch
sein; gegen Ende Juni sollte die Wahl stattfinden — am
1. Juni trat er, zu Baden bei Wien, in den Verband der
Kirche ein, die seine Vorfahren verflucht hatten. Und natürlich
gewann er damit die Unterstützung des kaiserlichen Hofes, der
seine alten, doch aussichtslosen Kandidaten fallen ließ.
Am 16. und 17. Juni 1697 kam es zur Wahl: die Welt
erlebte eine Reihe unglaublich wüster Vorgänge, deren Charakter
man sich an der Reichstagsszene in Schillers „Demetrius“ ver⸗
gegenwärtigen mag. Als Ergebnis aber stellte sich die Doppel—
wahl des sächsischen Kurfürsten und des Prinzen von Conti
heraus, doch mit einem stärkeren Ausschlag für den Prinzen
Conti.
Aber Friedrich August war nicht geneigt, sich vom Zufall
kommandieren zu lassen. Schon vorher hatte er in der Lausitz
ein kleines Heer von Kerntruppen zusammengezogen, und
während sein Gegner zögerte, um schließlich mit einer Flotte
vor Danzig zu erscheinen und, schnöde abgewiesen, zum Spott
der Welt unverrichteter Sache wieder nach Frankreich heim⸗
zukehren, marschierte er vorwärts, direkt auf Krakau. Und
hier wurde er, unter ständigem Anschwellen seines Anhanges,
den zu gewinnen sein ihm geistig ebenbürtiger Vertreter
Flemming kein Mittel scheute, am 15. September unter prunk⸗
haften Feiern zum König gekrönt.
So war es denn geschehen: auf demselben Haupte vereinigten
sich sächsischer Kurhut und polnische Krone. Ließ sich in diesem
Augenblicke wohl übersehen, was das Ereignis für Deutschland,
insbesondere für Kursachsen bedeuten werde? Was die Welt
zunächst erwartete, war Vorteil, steigende Macht vielleicht, noch
mehr aber Splendeur und Gloire. Und ein nicht geringer Ab—
glanz dieser Vorgänge fiel auch auf den Katholizismus. Gewiß
hat es sich erst mit dem Übertritte des sächsischen Kurprinzen
Friedrich August zum Katholizismus, geheim 1712, offen 1717
entschieden, daß die Dynastie des Stammlandes des lutherischen
Protestantismus katholisch sein werde. Dennoch machte auch
        <pb n="235" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 615

schon der persönliche Übertritt allein Augusts des Starken auf
die Zeitgenossen einen außerordentlichen Eindruck. Und das
um so mehr, als er in eine Zeit aufsteigender katholischer
Propaganda überhaupt und zunehmender Konversionen nament-⸗
lich deutscher Fürsten fiel.
Es sind Zusammenhänge, die man nach allen Seiten im
Auge behalten muß, will man zum vollen Verständnisse gleich—
zeitiger und wenig späterer Ereignisse in Brandenburg-Preußen
gelangen. —
Brandenburg-Preußen hatte unter dem Großen Kurfürsten
jene Ausbildung zum Militärstaat zu erhalten begonnen, die viel—
fach noch heute für die preußische Monarchie charakteristisch ist;
vor allem in diesem Sinne muß Friedrich Wilhelm als der Be—
gründer der besonderen, herben Größe seines Staates bezeichnet
werden. Dabei war aber das neue Prinzip einstweilen doch
vornehmlich in der Person seines Herrschers verkörpert gewesen;
nur schwer hätte sich sagen lassen, daß es der Staat selbst
schon ganz oder gar schon spontan in sich aufgenommen hätte;
im Gegenteil, er bot eine namentlich finanziell viel zu geringe
Basis für die Ansprüche und die Entfaltung der schon vor—
handenen militärischen Macht: und hierin lag für jeden Nach—
folger des Großen Kurfürsten eine verhängnisvolle Schwierigkeit.
Diese Schwierigkeit wurde aber bis auf einen gewissen
Grad noch gesteigert durch den besonderen Charakter Friedrichs,
der seinem Vater im Jahre 1688 folgte. Friedrich war nicht
in dem Grade schwach, wie er gewöhnlich geschildert wird;
dem verhängnisvollen letzten Testamente seines Vaters, das
den neuen Ländererwerb seit 1640 in Sekundogenituren zu
verzetteln beabsichtigte, ist er mit Entschiedenheit und mit un⸗—
bedingtem Erfolge entgegengetreten. Aber er war aufs Außer⸗
liche gewandt. Darum war er in der inneren Politik, deren
Aufgaben Vertiefung verlangen, im ganzen unfruchtbar bei
aller Geneigtheit zu Experimenten; darum schätzte und liebte
er Personen nur oberflächlich: der Kanzler Danckelmann hat
es bitter erfahren müssen. Aus dieser Veranlagung folgte
nun zunächst für das innere Leben des Hofes und teilweise
        <pb n="236" />
        316 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

auch des Landes etwas, was Brandenburg bis dahin kaum
gekannt hatte: eine gewisse Neigung zur Opulenz. Nicht als
ob damit so sehr ein verschwenderischer Hang auf das bloß und
rein Außerliche verbunden gewesen wäre; war er gelegentlich
nicht ausgeschlossen, so ging doch die Neigung bei weitem mehr
auf ernste Dinge, wie sie ja auch dem ernsten Charakter des
Landes entsprachen: auf Pflege der Wissenschaften, auf Pflege
einer wenn auch mageren Kunst. In beiden Richtungen hatte
wohl auch schon der Große Kurfürst eingegriffen; bekannt ist
die Berufung Pufendorfs zum Historiographen und der Plan
zur Errichtung einer Universalakademie in Tangermünde, und
im höchsten Grade anschaulich wirken zu uns herüber noch
künstlerische Bestrebungen, wie die, die sich an die Person des
großen Schlüter knüpften. Aber es waren doch noch vereinzelte
Versuche gewesen; in den meisten Fällen konnte man das
holländische Vorbild unmittelbar durchschmecken. Unter Friedrich
dagegen wurde dieser Strom breiter und unablässiger, so in
der Pflege des Rationalismus und Pietismus in Halle, dessen
Ritterakademie zur Universität entwickelt wurde, so in dem
persönlichen Verhältnisse des Kurfürsten zu Leibniz, das zur
Gründung der Berliner Akademie der Wissenschaften führte, und
in tausend anderen Dingen. Was aber charakteristisch war: auf
dem Boden der Mark, den Musen und Grazien noch hart fanden,
behielt das alles zunächst einen höchst persönlichen, höchstens
höfischen Zug, eine Erscheinung, die ein Versiegen der neuen
Bestrebungen unter Friedrich Wilhelm J. ermöglichte, und die
selbst in der persönlichen Kunst- und Wissenschaftspflege
Friedrichs des Großen noch fortwährte: ganz und eigentlich
hat sich in Berlin und im brandenburgisch-preußischen Staate
erst im 19. Jahrhundert die Förderung der höchsten Kultur⸗
interessen in Wissenschaft und Kunst als natürlicher und not⸗
wendiger Ausfluß des Staatslebens eingestellt.
Unter diesen Umständen versteht man, daß das neue
Regiment Friedrichs im Grunde von einem starken persönlichen
Luxusbedürfnis getragen erschien; das drückte denn schwer
auf die Finanzen, den an sich schon schwachen Punkt der
        <pb n="237" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 617

brandenburgischen Herrschaft; und so hieß es mit den Truppen
noch mehr an Subsidien gewinnen als bisher; und die ganze
äußere Politik wurde in hohem Grade von diesem System
abhängig: auf welchen europäischen Kriegsschauplätzen des
ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts hätten
märkische Truppen gefehlt?
Mußte nun diese Lage aber nicht das eigentliche politische
Schwergewicht Brandenburgs, die innere „Reputation“ des
Staates schwer beeinträchtigen? Psychologisch nicht weiter
verwunderlich, bei seinem Charakter doppelt begreiflich:
Friedrich J. suchte der Situation durch eine noch stärkere Be—
tonung des Staatsäußeren, des Splendeur gerecht zu werden
— vielleicht ohne sich bewußt zu sein, daß er eben damit
seinem Nachfolger ein schweres Programm strengster Sparsam⸗
keit und die umfassendste Aufgabe innerer Konsolidierung des
Staates zuwies.
So erklärt sich die Regierung Friedrich Wilhelms J. nach
der Friedrichs: sie ist gewiß durch die Veranlagung des könig⸗
lichen Militärs und Nationalökonomen, nicht minder aber durch
tiefste innere Bedürfnisse des brandenburgischen Staates bedingt;
so erklärt sich auch, vor dieser Regierung, die Erwerbung der
Königskrone durch Friedrich.
Die Einzelheiten dieses Handels illustrieren die soeben
geschilderte Lage. Vor allem mußte natürlich, um die Krone
zu erlangen, ein gutes Verhältnis zu Österreich gewonnen
werden. Und dem stand fast das ganze erste Jahrzehnt der
Regierung Friedrichs hindurch eine an sich sehr einfache, aber
bald ins Peinliche gezogene Angelegenheit im Wege, deren
Anfänge wir schon kennen!, die Rückgabe des Kreises Schwiebus.
Wir erinnern uns: Friedrich hatte als Kurprinz dem Kaiser
gegen Zahlung von 10000 Dukaten die Rückgabe des Ländchens
nach seinem Regierungsantritt versprochen; jetzt dagegen, Kur⸗
fürst geworden, weigerte er sich dessen, weil er in seiner neuen
Würde nicht verpflichtet sei, früher gegebene Versprechen zu

S. oben S. 494f.
        <pb n="238" />
        318 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

halten. Die Verhandlungen über diesen Punkt zogen sich
jahrelang hin; endlich, gegen Ende 1694, trat Friedrich
Schwiebus ab, gegen Anerkennung des Titels „Herzog in
Preußen“, den der Kaiser seinem Hause bisher nicht gewährt
hatte.

Inzwischen, im Jahre 1693, hatte Friedrich gegen den
Rat seiner Minister in Wien schon die Erlangung der Königs—
würde berührt. Zunächst gänzlich erfolglos. Doch das irrte
den Kurfürsten nicht, der in gewissen Dingen, namentlich auch
in Titelfragen, von bemerkenswerter Zähigkeit war. Im Jahre
1698 begann er von neuem zu verhandeln: nunmehr, nachdem
er die Abneigung in Wien, einen Kurfürsten zum Königstitel
zuzulassen, genügend kennen gelernt hatte, und inzwischen sich
zum sächsischen Kurhute die polnische Königskrone und zum
hannoverschen Kurhute die Aussicht auf ein englisches Königtum
gesellt hatte oder zu gesellen begann, in dem Sinne, daß er
die Königswürde nur für sein im Jahre 1694 anerkanntes
Herzogtum in Preußen begehrte.
In diesem Momente der Verhandlungen aber kam es zu
einer sehr merkwürdigen Unterstützung der brandenburgischen
Wünsche. Ein italienischer Jesuitenpater, Vota, kam nach
Berlin, mischte sich in die Angelegenheit, indem er das Wohl—⸗
gefallen des Kurfürsten und noch mehr seiner geistreichen Ge—
mahlin Sophie Charlotte gewann, und suchte für sie, nachdem
die Zustimmung Augusts des Starken erreicht war, der eben
damals Brandenburgs politisch und militärisch bedurfte, vor
allem die polnischen Magnaten zu gewinnen, deren Stolz ein
preußisches Königtum in der Nachbarschaft ihrer monarchischen
Republik zunächst unerträglich gefunden hatte. In der Tat gelang
ihm das, nicht zum geringsten durch eine geschickte Formulierung
des Titels, der, angelehnt an den Herzogstitel, nicht König
von Preußen, sondern König in Preußen lauten sollte.
Und, nicht minder merkwürdig, ungefähr zur selben Zeit
verwandte sich auch in Wien ein Jesuit, der Pater Friedrich
von Lüdinghausen, genannt Wolff, der bei Kaiser Leopold J.
viel galt, im Interesse der brandenburgischen Wünsche — an⸗
        <pb n="239" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. KöGnigtums. 619

fangs zufällig, dann doch recht von Herzensgrund, und mit
dem besten Erfolge. Und ließen sich denn nicht auch gerade jetzt
politische Gründe für die Zulassung eines preußischen Königstitels
 an das Haus Brandenburg zur Genüge anführen; jetzt,
wo man den schweren Sorgen des spanischen Erbfolgekriegs
entgegenging? Pater Wolff aber dachte sich den weiteren Ver—
lauf der Angelegenheit noch anders; er schwärmte für eine
Verheiratung des preußischen Kurprinzen mit einer Erzherzogin:
eine katholische Königin dereinst auf dem Throne Preußens,
das schien weitere konfessionelle Anwartschaften zu eröffnen.
Pater Volta aber hat später gemeint, die Konversion Friedrichs
sei ihm nur durch die Einmischung des ermländischen Bischofs
Zaluski, eines ungeschickten Mitarbeiters, verdorben worden.
Am 16. November 1700 sprach der Kaiser die Anerkennung
der preußischen Königswürde aus, sobald der Kurfürst, „über
kurz oder lang, zu welcher Zeit es ihm gefallen werde, wegen
seines Herzogtums Preußen sich vor einem König proklamieren
und krönen lassen werde“. Dagegen erneuerte Friedrich die
alte, noch aus der Zeit seines Vaters her stammende Allianz
mit dem Kaiserhause, und als wesentliche Folge dieser Allianz
für die Gegenwart wurde festgesetzt, daß Friedrich den Kaiser
im spanischen Erbfolgekriege mit 8000 Mann, gegen ein Jahres—
subsidium von 150 000 Gulden, zu unterstützen habe.
Im Dezember reiste der Kurfürst trotz harten Winters
nach Königsberg, am 18. Fanuar 1701 setzte er sich im Dome
der preußischen Hauptstadt unter den prunkendsten Feiern die
Krone aufs Haupt; Königsmantel, Zepter und Krone waren
schon vor dem Abschlusse des Wiener Vertrages fertiggestellt
worden.
Dem Paopste hat Friedrich seine Königskrönung nicht
einmal angezeigt; die Kurie protestierte heftig wenn auch nur
indirekt, da sie eine direkte Verwahrung anscheinend für unter
ihrer Wurde hielt, und erkannte den Ketzer nicht einmal als
Kurfürsten an; in dem römischen Staatskalender ist der König
von Preußen bis zum Jahre 1787 als Markgraf von Branden⸗
burg geführt worden. —
        <pb n="240" />
        320 Einundzwanzigstes Buch. Drittes LKapitel.

Überblicken wir jetzt die Schicksale der drei größten Staaten—
bildungen in der norddeutschen Tiefebene um 1700, so sehen
wir wohl, in wie merkwürdiger Übereinstimmung sie sich in
einer ganz eigenen Richtung entwickelt hatten: ihre Herrscher
waren überall zugleich in einem anderen Lande Könige ge—
worden; so die Brandenburger in Preußen, die sächsischen
Kurfürsten in Polen, die hannoverschen in England; als
Präzedenzfall zu dieser Entwicklung ließe sich höchstens an—
führen, daß die österreichischen Herzöge — der Tat nach auch
noch vor gar nicht so langer Zeit — Könige von Ungarn ge⸗
worden waren.
Freilich, eben dies Beispiel, falls es herangezogen werden
darf, zeigt, daß die Erwerbung der Königskrone in den ver—
schiedenen Fällen doch von sehr verschiedener Bedeutung war.
Die Kurfürsten von Sachsen sind nur von 1697 bis 1763
zugleich auch Könige von Polen gewesen; Hannover ist um
zwei Menschenalter später außer Zusammenhang mit England
geraten. Österreich-Ungarn aber bildet noch heute eine einzige
große politische Macht, und auf der Verbindung Brandenburg⸗
Preußens unter der Königskrone hat sich das heutige Deutsche
Reich aufgebaut. Unter den norddeutschen Staatsbildungen
hat sich damit die brandenburgisch-preußische auf die Dauer
als besonders beständig erwiesen, und das Beispiel Osterreichs
zeigt wenigstens zum Teil, daß der Hauptgrund für diese
Entwicklung gegenüber den anderen Mächten darin beschlossen
lag, daß Preußen von Brandenburg nicht zu fern lag, und daß
es sich mit ihm zu einem staatlichen Systeme verbinden ließ.
Es waren Momente, die schon in der spezifisch norddeutschen
Geschichte der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf die Dauer
nicht ohne Bedeutung bleiben konnten.
Im übrigen aber war diese Geschichte nicht bloß durch
das Schicksal und die spezifischen Kräfte der bisher geschilderten
Länder und auch der anderen deutschen Länder bedingt: daneben
kamen vielmehr die nord- und nordosteuropäischen Mächte
überhaupt in Betracht. Eine Tatsache von schwerwiegendem
Gewichte, die sich fir Polen und Rußland daher erklärt, daß
        <pb n="241" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 621

von diesen Mächten Polen mit seinen baltischen Besitzungen
in die deutsche Entwicklungslinie eingesprengt war, während
Rußland von allgemeinem Drange nach baltischem Küstenland
überhaupt erfüllt schien. Ausgelöst aber konnte dieser Drang
werden, seitdem, mit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts,
Livland an Schweden gefallen war!, indem von diesem Augen⸗
blicke an ein Gegensatz zwischen Schweden und Polen erweckt
wurde, der Rußland den Weg zum Balticum freilegte. Däne—
mark und Schweden endlich gehörten noch immer dem Staaten⸗
systeme des deutschen Nordens selbst direkt an; es ist wie ein
Gegenstück zu dem englischen Königtum Hannovers, dem
polnischen Königtume Sachsens und in gewissem Sinne auch
dem preußischen Königtume Brandenburgs, wenn zum König-—
reiche Dänemark auch das Herzogtum Holstein und von 1675
bis 1773 die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst, zum
Königreiche Schweden aber außer dem pommerschen Besitze bis
zum Jahre 1719 auch die alten Bistumsgebiete von Bremen
und Verden gehörten.
Unter diesen Umständen sind die nordischen und nord—
deutschen Vorgänge um 1700 nicht zu verstehen, halten wir
nicht vorher auch über die Lage der eben genannten außer⸗
deutschen Mächte kurz Umschau.
Da ist denn Dänemark schon insofern an erster Stelle zu
nennen, als es in tausend Richtungen ganz von deutschem
Geiste erfüllt war: wie war in die dänische Sprache dieser
Zeit der deutsche Wortschatz eingebrochen, wie eng waren die
künstlerischen und literarischen Zusammenhänge beider Länder!
Aber darüber hinaus bestanden auch politische Verbindungen
sehr merkwürdiger Art.
Im Jahre 1460 hatten die Stände von Schleswig—
Holstein den dänischen König Christian, aus dem Hause der
Grafen von Oldenburg, zum Herzog von Schleswig, das
dänisches Reichslehen war, und zum Grafen von Holstein, das
deutsches Reichslehen war, gewählt: unter der Bedingung,

S. oben S. 480 f.
camprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2.
        <pb n="242" />
        622 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

„dat se bliven up ewig tosamede ungedeelt““. Es war ein
Verhältnis, das in dieser staatsrechtlich höchst verzwickten Form
nur geschaffen werden konnte, weil man an der gemeinsamen
Entwicklungsgrundlage der deutsch-dänischen Kultur in dem
zentralen Nordgebiete Mitteleuropas nicht zweifelte und sie
darum unbewußt mit in Rechnung stellte. Dann war das
oldenburgische Königshaus Dänemarks in zwei Linien aus—
einandergefallen, eine ältere glückstadtische, die im Besitz der
Königskrone blieb, und eine jüngere, gottorpische, die in den
Herzogtümern Schleswig und Holstein heimisch wurde und hier
eine mehr oder minder selbständige fürstliche Herrschaft be—
gründete. War damit schon ein neuer Keim für Übel
gegeben, so wurde die Lage in gewissem Sinne noch mehr
oerschärft durch die Versuche der Dänenkönige, über Schleswig⸗
Holstein hinaus südwärts vorzudringen; im Dreißigjährigen
Kriege haben sie nach fetten norddeutschen Bistümern, Bremen,
Verden, Halberstadt, gegriffen; und noch später blieb es ihr
Bestreben, die geistige und kommerzielle Metropole des zentralen
Nordens, Hamburg, an sich zu bringen oder wenigstens ihrem
Willen zu beugen. Es waren Bestrebungen, die natürlich die
Versuche der Gottorper, sich in Schleswig-Holstein selbständiger
zu regen, immer wieder über den Haufen warfen, und die
Gottorper veranlaßten, gegen die dänische Südpolitik überhaupt
die deutsche fürstliche Vetterschaft aufzubieten: und ein ewiges
Hin und Her schwankender deutsch-dänischer Machtbeziehungen
war davon die Folge.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts aber verwickelte sich
dieser Zustand nochmals dadurch, daß schwedische Einflüsse in
ihn hineintraten. Lange Zeit hindurch war Dänemark im
Mittelalter Herr der westlichen und teilweise sogar der östlichen
Ostsee gewesen; eben an dieser Zeit, den Tagen etwa Waldemar
Atterdags, hingen die Erinnerungen des Volkes. Dann aber
war Schweden zur Herrschaft über das baltische Meer berufen
worden; und immer wiederholte Kämpfe zwischen den nordischen

1Vgl. oben S. 429 f.
        <pb n="243" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Kösnigtums. 623

Mächten, die vornehmlich um Schonen tobten, hatten diesen
Zustand im Laufe des 17. Jahrhunderts nicht zu ändern,
sondern nur noch mehr zugunsten der Schweden zu verschieben
dermocht.
Lag es nun in diesem Verlauf der Dinge für Schweden
nicht nahe, in den Gottorpern Bundesgenossen zu gewinnen,
um imstande zu sein, Dänemark auch vom Süden her zu
packen? Durch verwandtschaftliche Verbindungen zwischen den
Herrscherhäusern wurde im Laufe des 17. Jahrhunderts ein
enger Zusammenhang hergestellt; König Karl Gustav heiratete
eine gottorpische Prinzessin; dann ist die älteste Tochter
Karls XI., eine Schwester also Karls XII., mit Herzog Friedrich
von Holstein-Gottorp vermählt gewesen. Seit dieser Zeit war
natürlich kein Zweifel mehr: Schleswig und vor allem Holstein
waren wie ein Pfahl im Fleische Dänemarks; und vergebens
hatte König Christian V. zweimal, im Jahre 1689 und im
Jahre 1696, diese Lage durch gewaltsamen Einbruch in
Schleswig-⸗Holstein zu ändern gesucht.
Man sieht: diese unbequemen Verhältnisse hingen um das
Jahr 1700 schließlich in hohem Grade von Schweden ab:
waren eines der Zeichen des noch immer bestehenden schwedischen
Dominium maris baltici. In der Tat, die schwedische See—
herrschaft, wie sie auf dem Besitze der finnischen Küsten und
Livlands, Vorpommerns und Wismars, ja auch noch Bremens
und Verdens beruhte, war noch immer ungebrochen. Ein um
so bemerkenswerterer Zustand, als er im Grunde auf nichts
als auf einem bösen Ausbeutungssystem gegenüber den unter—
worfenen Küstenländern beruhte: von ihnen flossen Leistungen
und Gefälle in dem Herrenlande zusammen, in ihnen wurde
durch Landschenkungen der schwedische Adel für seine Dienste
bezahlt gemacht. Gewiß hätte sich dies System, wie alles ge—
schichtlich vornehmlich Negative, an sich nicht lange erhalten
können: schon früh in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts,
wenn nicht früher, klagte man in Schweden trotz aller Siege
über Verarmung des Landes und Rückgang des Wirtschaftslebens
 überhaupt mit allen seinen traurigen Folgen; und selbst
40*
        <pb n="244" />
        324 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

das politische und militärische Prestige ließ sich, vor allem durch
die Taten des Großen Kurfürsten in Frage gestellt, im Grunde
nur unter diplomatischer Unterstützung Frankreichs aufrecht er—
halten. Aber in dem Augenblicke, da man einen Zusammenbruch
der schwedischen Vorherrschaft erwarten konnte, wurde er doch
noch einmal durch König Karl XIL., eine rücksichtslose Gewalt—
natur, wenn nicht verhütet, so doch hinausgeschoben. Unter
dem Namen einer Domänenreduktion setzte Karl eine weit—
gehende Konfiskation adliger Güter, die freilich zum großen
Teile aus Staatsbesitz stammten, zugunsten des Fiskus durch
und stärkte dadurch ebenso die Staatsgewalt, wie er deren
schlimmsten Gegner, die hohe Aristokratie, schwächte, ja teilweise
fast vernichtete. Ließ sich indes von dieser Maßregel eine
wirkliche Festigung der schwedischen Hegemonie auf die Dauer
erwarten? Gewiß: als Karl XI. nach einem Menschenalter
schwerlastender Herrschaft im Jahre 1697 starb, hinterließ er
seinem Erben, Karl XII., noch ein jedem Winke gehorsames
Reich und starke politische und kriegerische Machtmittel. Aber
in nicht ganz zwei Jahrzehnten erschöpften sich diese mehr
mechanisch als organisch angehäuften Kräfte unter dem ge—
walttätigen Gebrauche des jungen Königs, und Schweden verlor
seine überragende Stellung.
Und schon begann, im Grunde bereits seit Beginn des
17. Jahrhunderts, sich ein Erbe der schwedischen Hegemonie
dunkel drohend zu regen: Rußland.
Rußland wird noch im 17. Jahrhundert von den zahl—⸗
reichen Beobachtern, deren Berichte wir seit Siegmund von
Herbersteins Moskowitischen Commentarien (1549) besitzen, als
ein barbarisches Land bezeichnet; und seine Völker erschienen,
die Russen vornweg, nach unseren heutigen Begriffen als
asiatisch. Dennoch hatte bereits wenige Menschenalter, nach⸗
dem die Türken Byzanz erobert hatten, die Vorwärtsbewegung
dieser jungen Macht gegen das westliche, zivilisierte Europa,
das Europa der mittelalterlichen Kultur begonnen. Und ganz
anders, als das der Türkenmacht, wurde es insofern gefährlich,
als mit der politischen Vorwärtsbewegung zugleich innere,
        <pb n="245" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 625

kulturelle Annäherungsversuche verbunden waren. Die Türken
waren gewiß noch mehr Asiaten als die Russen; vor allem
aber wurden sie doch auch als Anhänger des Islam der
abendländischen Welt ferngehalten. Der griechisch-orthodoxe
Glaube dagegen schied nicht in diesem Sinne vom Okzident;
im Gegenteil hatten z. B. die Hilfegesuche der letzten
byzantinischen Kaiser in Italien, ja ihre Beziehungen zur Kurie
gezeigt, daß im Augenblicke höchster Gefahr der orientalischen
Orthodoxie ihre innerste Verwandtschaft mit der okzidentalen
gegenwärtig war. Und so ist auch in Rußland darüber nie
ein Zweifel gewesen, daß, gab man überhaupt die Zulässigkeit
der Einwirkungen fremder Kulturen zu, diese Einwirkungen
wenigstens vornehmlich im Westen gesucht werden müßten.
Nun hatte aber die Rezeption solcher Einflüsse stärker, und
in dem Sinne, daß sie von den russischen Herrschern nicht bloß
zugelassen, sondern gesucht wurde, schon seit dem Ende des
15. Jahrhunderts begonnen. Und Vermittler, ja Träger der
fremden Einflüsse waren vornehmlich die Deutschen geworden!.
In Zeiten verhältnismäßig noch gering entwickelter Verkehrs—
mittel aus sehr begreiflichen Gründen. Sie waren das Nachbar—
volk; und die Hanse hatte mit ihrem kaufmännischen Vor—
dringen mindestens bis Nowgorod dieser Entwicklung schon
seit manchem Menschenalter Vorschub geleistet. Es war eine
im höchsten Sinne weltgeschichtliche Rolle, die den Deutschen
damit zufiel: mehr wie einst die Nordmänner Ruriks in Zeiten
der russischen Geschichte, da diese die Neigung zur Bildung
primitiver Despotien in sich trug, hatten sie diese so weithin
ausgedehnte Welt der Slawen und Mongolen mit der Strenge
europäischer Zivilisation und den einfachsten Errungenschaften
deutscher Kultur zu durchdringen. So sind sie, und später
namentlich die Balten, Kultivatoren höchst eigener Art gewesen,

Dies gilt sogar für verhältnismäßig kosmopolitische Berufe. In
der Geschichte Rußlands bis zum Jahre 1600 begegnen nur 12 ürzte.
Von den 500 Ärzten, von denen man bis zum Jahre 1800 weiß, sind
etwa 800/0 Ausländer, etwa 600/0 Deutsche gewesen. Vgl. Brückner,
Tatsachenreihen in der Gesch. (1886) S. 18.
        <pb n="246" />
        626 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Konquistadoren gleichsam der inneren russischen Entwicklung
und Verwaltung: bis ihnen der regelmäßige Lohn solcher
Tätigkeit seitens der Bevormundeten und Erzogenen zu winken
begann: Haß und Verbannung.
Im 17. Jahrhundert aber nahm dieser Erziehungsprozeß
insofern eine eigene Färbung an, als er vornehmlich der
militärischen Organisation der russischen Kräfte zugute kam;
bereits 1649 ist ein deutsches Reglement für den Dienst von
Fußvolk ins Russische übersetzt worden. Diese Wendung ent—
sprach einmal einer ganz regelmäßigen Erscheinung, man kann
fast sagen einem historischen Gesetze derartiger Rezeptionen:
jeweils die modernsten, jüngsten Errungenschaften der höheren
Kultur werden mit besonderer Vorliebe aufgenommen: Bildung
von stehenden Söldnerheeren, Errichtung eines miles perpetuus
und überhaupt Experimente und Neubildungen auf dem Ge—
biete der Heeresverfassung waren aber eine Eigentümlichkeit
der westeuropäischen Kultur des 17. Jahrhunderts.
Dazu kam aber auch noch ein heimisches Bedürfnis, um
in Rußland den Einfluß der Fremden gerade auch in dieser
Richtung in Anspruch zu nehmen. Mit der zunehmenden
inneren Stärkung des russischen Staatswesens, mit der Be⸗
festigung zugleich des neuen Herrscherhauses der Romanow
(seit 1613), trat auch der Drang nach äußerer Expansion ein,
aund er konnte nur durch Kriege befriedigt werden.
Indem aber Rußland so im Verlaufe des 17. Jahrhunderts
immer mehr eine Angriffsmacht zu werden begann, ergaben
sich für seine Vergrößerungsgelüste vornehmlich zwei Wege.
Der eine wies nach Süden, nach der Hagia Sophia und
Konstantinopel: dem nationalen wie dem religiösen Empfinden
der Nation gleich heilig hat er stetigen Tendenzen der
russischen Politik als Richtung gedient bis auf den heutigen
Tag. Und es war zugleich der Weg, den Rußland auf sehr
lange Zeit hin immer wieder beschreiten konnte, ohne in stärkere
Schwierigkeiten mit Westeuropa zu geraten: denn noch war
der Türke der gemeinsame Feind alles europäischen Wesens;
und erst als Osterreich mehr Donaumacht wurde und England
        <pb n="247" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 627

mehr Macht des östlichen Mittelmeers, begann eine Ära der
Kollisionen. Der andere Weg dagegen führte nach Nordwesten
und Norden: gegen Livland und Esthland, gegen Ingermanland
und Karelien: er galt dem Gewinn baltischer Küsten — im
tiefsten Grunde schon der Herrschaft mindestens über den öst⸗
lichen Teil der Ostsee.
Bei dem Beschreiten dieses Weges waren natürlich Zu⸗
sammenstöße mit Schweden, dem führenden Staate im Bereiche
der Ostsee nicht zu vermeiden. Aber handelte es sich um sie
allein? Ergab sich nicht mit dem Vordringen Rußlands gegen
die Ostsee für Westeuropa eine ähnliche, wenn auch nicht gleich
große Gefahr, wie mit der Eroberung der mittleren Donau⸗
länder durch die Türken? Und ist und war der Gegensatz
wischen einem republikanischen und einem kosakischen Europa,
wie ihn Napoleon J. formuliert hat, so ganz aus der Luft
gegriffen? Es hat der deutschen Geschichte des 19., ja schon
des 18. Jahrhunderts unter österreichischer wie namentlich
später unter preußischer Führung einen besonderen Ton ge⸗
geben, daß Rußland schon früh an der Ostsee die Befriedigung
seiner Expansionsgelüste erreicht hat.
Gewiß hat Rußland dazu mehr als eines Jahrhunderts
von Kämpfen bedurft. Die Versuche des ersten Romanow,
des Zaren Michael, scheiterten, von Gustav Adolf zurück—⸗
gewiesen, in dem Frieden von Stolbowa (1617)3. Ein zweiter
Anlauf, den Michaels Sohn Alexei nahm, wurde in den
Kämpfen zurückgewiesen, die dem Frieden von Kardis (1661)
porausgingen?. Aber jetzt, gegen Schluß des 17. Jahrhunderts,
erschien die Gelegenheit, von neuem vorzubrechen, besonders
zünstig; nun endlich durfte man Erfolge erwarten.
Diese Wandlung wurde vor allem der Haltung König
Augusts von Polen verdankt. Der junge sächsische Kurfürst
wollte die polnische Krone nicht umsonst mit so viel Aufwand
an Geld und Truppen erworben haben. Sie erschien ihm

S. schon oben S. 485.
2 S. oben S. 40 ff.
        <pb n="248" />
        328 Einundzwanzigstes Buch. Drittes LKapitel.

überhaupt nicht als ein in sich ruhender, friedlich zu ge—
nießender und friedlich auszubauender Besitz, sondern nur als
Mittel zu neuen, höheren, natürlich persönlichen Zwecken.
Als er sich der Macht Polens sicher glaubte, lockte ihn als
nächstes Ziel ein Kampf gegen Schweden, der ihm und seinen
Reichen die Eroberung Livlands und womöglich die Hegemonie
des europäischen Nordostens überhaupt bringen sollte. Bestärkt
aber in solchen Plänen, die der Zustimmung der polnischen
verfassungsmäßigen Instanzen keineswegs sicher waren, wurde
August der Starke namentlich durch einen livländischen Emi—
granten, Patkul, der den Kampf des livländischen Adels gegen
die Domänenreduktion Karls XI. von Schweden mit Er—
bitterung geführt hatte und dafür mit Todeserklärung und
Güterkonfiskation bestraft worden war.
Waren aber die Bestrebungen König Augusts nicht in
der Tat in mancher Hinsicht aussichtsvoll? Leicht genug
mußte es ihm bei der uns bekannten Konstellation der Mächte
im Nordosten und Norden gelingen, eine Allianz gegen Schweden
zustande zu bringen. Allerdings die deutschen Mächte ver—⸗
sagten zunächst; namentlich auch Brandenburg hatte Bedenken:
es war durch den Vertrag mit dem Hause Habsburg zu sehr
im Westen festgelegt und auch sonst zu stark gefesselt, um
mit eingreifen zu können. Um so leichter ergab sich Däne—
mark als Bundesgenosse: wie freute es König Friedrich IV.,
mit Schweden zugleich dem Herzog von Gottorp auf den Leib
rücken zu können: im Mai 1699 schloß er, unter Vermittlung
Patkuls, ein Bündnis mit August dem Starken ab. Aber auch
Rußland wurde von August gewonnen. Schon Ende Juli
1698, gelegentlich der Rückkehr des Zaren von seiner ersten
europäischen Erkundungsreise, hatten Peter der Große und
August eine persönliche Zusammenkunft in Rava gehabt;
möglich, daß hier überhaupt zuerst das Einverständnis eines
gemeinsamen Vorgehens gegen Schweden zuerst eingehender
erörtert worden ist. Als dann im Jahre 1699 das Ende des
damals noch fortwährenden Krieges zwischen Rußland und der
Türkei in nahe Zukunft rückte, wurde, am 11./21. November,
        <pb n="249" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Ksnigtums. 629

das offizielle Kriegsbündnis gegen Schweden zwischen Rußland
und Polen abgeschlossen. Und so war denn kein Zweifel mehr:
das neue Jahrhundert wurde mit der ernstlichen Absicht der
wichtigsten drei Mächte des Nordens außer Schweden, dieses
seiner Hegemonie in den Ostseeländern und auf der Ostsee zu
berauben, eröffnet.

II.

Der große Nordische Krieg, der von nun ab auf zwei
Jahrzehnte, bald nach Ost oder West, bald nach Süden oder
Norden getragen die politische Welt der Ostsee und schließlich
nicht nur diese in Spannung hielt, begann im Jahre 1700
mit tückischen Einfällen in schwedische und schwedenfreundliche
Länder ohne vorhergehende Kriegsankündigung durch dänische
und sächsische Truppen. Aber mit welchem Erfolge!
König Friedrich von Dänemark nahm seit März 1700
dem Herzoge von Gottorp Schleswig und andere feste Plätze
weg; aber vor Tönningen staute sich sein Angriff. Inzwischen
aber regte sich bei der deutschen Fürstenwelt das Solidaritäts—
gefühl für den Gottorper; das Welfenhaus sandte direkte Hilfe.
Und noch mehr ergab sich das Interesse der westlichen Handels—
mächte, der Niederlande und insbesondere Englands, als durch
diesen Friedensbruch betroffen: wie wenig konnte England ein
mächtiges Dänemark dulden, das etwa gar imstande gewesen
wäre, den Sund zu sperren; wie sehr verabscheute es über—
haupt jede dem Handel nachteilige Störung der Verhältnisse
an der Ostsee. Schon fruher waren deshalb die Seemächte
wiederholt eingeschriten, um die Ruhe des Nordens zu er—
halten; jetzt sandten sie eine Flotte in den Sund. Und nun
vereinigte sich eine schwedische Flotte unter Karl XII. selbst
mit dieser, landete auf Seeland und bedrohte Kopenhagen.
Was war da für König Friedrich viel zu tun, zumal er
keineswegs durch kräftige Aktionen seiner Verbündeten entlastet
wurde. Am 18. August 1700 schon schloß er den Frieden zu
Travendal, entsagte dem Bündnis mit Polen und Rußland
und erkannte die Souveränität der Gottorper an.
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        330 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Nicht eben viel günstiger verlief das erste Kriegsjahr
Augusts des Starken. Noch früher als Friedrich, schon im
Februar 1700, hatte er die Feindseligkeiten durch Einmarsch
sächsischer Truppen in Livland eröffnet. Aber ein Handstreich
gegen Riga mißlang; und als er dann, durch polnische und
litauische Truppen unterstützt — obwohl die Republik Polen
noch weiter gegen den Krieg Verwahrung einlegte — zur
regelmäßigen Belagerung der Stadt überging, zeigte es sich,
daß diese zu langem Widerstande bereit war. Zugleich aber
konnte gegen Ende des Sommers kein Zweifel mehr darüber
möglich sein, daß auch der Adel Livlands dem angeblichen
Befreier gegnerisch gesinnt war, ganz gegen Patkuls Erwartung;
im Juli verpflichtete sich der größte Teil der livländischen
Ritterschaft dem Schwedenkönige durch besonderen Revers zu
Anhänglichkeit und Treue.
Da schien denn Rettung und Fortschritt eigentlich allein
noch durch den dritten Bundesgenossen, Rußland, zu erwarten.
Aber Zar Peter trat überhaupt erst Anfang August in den
Krieg ein; er hatte zunächst einen für ihn sehr günstigen Frieden
mit der Türkei zu schließen gehabti. Als er dann aber im
September in Esthland einfiel und zur Belagerung von Narwa
schritt, hatte er eine der schwersten und wichtigsten Erfahrungen
seines Lebens zu machen. Karl XII., um diese Zeit schon
seines dänischen Gegners ledig und des polnischen zunächst
nicht achtend, ging mit aller Macht gegen ihn allein vor und
besiegte mit 8000 Mann kriegsgeübter Schweden ein fünffach
größeres russisches Heer bei Narwa, am 20. November 1700.
Dann aber stürzte er sich, nachdem so die beiden Gegner
in den Flanken erstaunlich rasch kampfunfähig gemacht er—
schienen, alsbald auf den mittleren Feind, August den Starken,
den er als eigentlichen Urheber aller Angriffe mit all dem
Hasse verfolgte, dessen seine leidenschaftliche Seele fähig war.
Er drang nach Polen vor, eroberte Warschau, zerstreute in
der Schlacht bei Klissow, am 19. JZuli 1702, das äächsisch—

1Vgl. dazu oben S. 557.
        <pb n="251" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 631

polnische Heer; nistete sich in Westpreußen ein und nahm
Thorn und Elbing; erhob in Polen im Juli 1704 den Posener
Wojwoden Stanislaus Lesczynski zum polnischen Gegenkönig:
revolutionierte die ganze nordische Welt, die sich bald in
Teilungsplänen Schwedens, bald in Teilungsplänen Polens
erging. Und damit nicht genug. Auch in den folgenden
Jahren schlug er jeden Widerstand nieder, den ihm August der
Starke entgegenstellte — bis er bei Fraustadt, am 15. Februar
1706, das letzte sächsisch-polnische Heer zersprengt hatte.
In diesem Augenblicke wäre August verloren gewesen,
hätte ihm nicht eine Hilfsarmee des russischen Bundesgenossen
zur Verfügung gestanden. Und wenigstens dies erreichte die
russische Unterstützung, daß sich die Bestrafung König Augusts
um einige Zeit verschob. Vergebens versuchte Karl XII. die
in Grodno lagernde russische Armee zu bezwingen, vergebens
auch, als sie endlich nach Rußland abzog, sie durch einen
Marsch durch die polesischen Sümpfe von ihrem Ziele abzu—
drängen. Als aber die russische Armee den polnischen Kampf—
platz verlassen hatte, wandte sich Karl von neuem seinem
sächsisch-polnischen Gegner zu. Und nun faßte er den kühnen
Entschluß, diesen in seinem eigentlichen Stammland, dem Quell
zugleich seiner finanziellen Mittel, aufzusuchen, in Kursachsen.
Ohne auf August, der in Polen stehen blieb, Rücksicht zu
nehmen, drang er im September 1706 über die Lausitz nach
der Elbe vor, passierte Meißen und Grimma und machte sich
an der Westgrenze des Kurfürstentums, bei Leipzig, in einem
in der Nähe von Altranstädt aufgeschlagenen Lager heimisch.
Es war ein unerhört verwegenes Unternehmen: was blieb
jetzt König August, der nun die Wurzeln seiner Kraft um—
schnürt sah, übrig, als Frieden zu schließen? Jedenfalls
konnten die sächsischen Räte nicht umhin, am 24. September
1706 höchst bittere Artikel eines Friedens von Altranstädt zu
unterzeichnen. Da mußte Patkul der Rache des Königs aus—
geliefert werden; ein Jahr darauf ist er eines qualvollen Todes
von Henkers Hand gestorben. Da sorgte der königliche Eiferer
für den Protestantismnus in entschiedenster Weise für die Zu⸗
        <pb n="252" />
        332 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

kunft des sächsischen Luthertums; der Kurfürst und seine Nach—
folger hatten es sorgsam zu erhalten; den Katholiken sollte
der Bau von Kirchen, Schulen und Klöstern auf immer ver—
boten bleiben. Da wandte sich die Leidenschaft des Königs
vor allem gegen August selbst; er mußte der polnischen Herr⸗
schaft entsagen, nur der Königstitel blieb ihm, und die
Krone fiel an seinen Gegner Stanislaus Lesczynski. Ja noch
Böseres wurde August zugemutet; er mußte das Bündnis mit
Rußland fahren lassen und in ein solches mit Schweden und
Polen eintreten, dessen Zweck die Besiegung des Zaren sein
werde.
Und trotz alledem blieb Karl XII. mit seinem Heere in
Sachsen, ja vervollständigte es unter Sold und Unterhalt auf
Kosten Sachsens durch sächsische Werbungen.
König August war nicht willens, diesen Traktat zu halten.
Noch immer auf den Schlachtfeldern Polens tätig, besiegte er
wenige Wochen nach Abschluß des Friedens die Schweden
unter dem General Mardefeld in der Schlacht bei Kalisch, am
29. Oktober 1706. Was aber wollte er tun, als Karl bald
darauf den Text des Vertrages veröffentlichen ließ? Durch
dessen Inhalt gegenüber Rußland bloßgestellt, ging August
der Starke nach Sachsen zurück und ratifizierte schließlich den
Frieden, Januar 1707.
Wenn er aber geglaubt hatte, dadurch den unversöhnlichen
Feind aus dem Lande zu bringen, so sah er sich bitter ent—
täuscht. Karl blieb, saugte das Land weiter aus — etwa
23 Millionen Taler soll sein Aufenthalt dem unglücklichen
Kurgebiete gekostet haben — und lachte der wunderlichen Ver—⸗
wahrungsdeklamationen, mit denen ihn der Regensburger
Reichstag überschüttete. Denn allerdings: es war eine seltsame
Lage. Das Reich stand mit Schweden im Frieden, aber ein
schwedisches Heer lagerte in seinem Herzgebiete — und niemand
fand sich, der diesem unerhörten Vorgehen gegen die Ehre des
Reiches von Reichs wegen ein Ende machte. Auch nicht der
Kaiser! Im Gegenteil: der wurde von Karl XII. wie zum Hohne
noch recht eigentlich in denjenigen Rechten seiner Hausmachts⸗
        <pb n="253" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Ksnigtums. 633

herrschaft gekränkt, die er für die teuersten hielt. Schon bei
seinem Vordringen nach Sachsen war Karl durch habsburgisches,
schlesisches Gebiet marschiert, ohne die Wiener Diplomatie davon
auch nur zu benachrichtigen. Jetzt begann er, wie er, im Ver⸗
folg eben der Rolle Gustav Adolfs, die Rechte der Lutherischen
in den Verhandlungen des Altranstädter Friedens mit legi—
timem Erfolge geschützt hatte, auch die Rechte der Protestanten
im österreichischen Schlesien in Schutz zu nehmen. Und der
Kaiser, bedrängt, zudem durch Brandenburg-Preußen, das im
Dezember 1706 seinen Frieden mit Schweden gemacht hatte,
in dieser Sache nicht gestützt, vermochte nicht anders als
nachzugeben; nach langen Verhandlungen wurde im Herbst
1707 vereinbart, daß die schlesischen Protestanten wieder in
den vollen Besitz der Rechte gelangen sollten, die ihnen der
Westfälische Friede gewährleistet hatte; dazu versprach der
Kaiser, künftig keine evangelische Kirche, unter welchem Vor—
wande es auch sei, einzuziehen und die getroffene kirchliche
Organisation der schlesischen Protestanten zu wahren: und zum
Zwecke sicherer Durchführung aller dieser Bestimmungen wurde
eine schwedisch-kaiserliche Uberwachungskommission eingesetzt.
Dieser Vertrag zugunsten der schlesischen Protestanten war
aber nun doch der letzte größere Akt, den Karl XII. in Sachsen
oollzog: und in der Tat bedeutet er einen Höhepunkt in dem
an Berg und Tal so reichen Leben dieses Fürsten. Im Wiegen—
lande des Protestantismus, dessen Fürstenhaus zum Katholi—
zismus übergetreten war, gelang es ihm, die Privilegien einer
deutsch-protestantischen Vormacht selbst dem Kaiser gegenüber
auszuüben — mit einem Erfolge, den auf lange Menschen⸗
alter hin später kein deutscher Fürst auch nur annähernd wieder
erreicht hat.
Im September 1707 verließ der König Kursachsen mit
einem Heere, das größer war als das, mit dem er ein—
marschiert war: 35000 Mann führte er nach Osten. Es
konnte scheinen, als sei er am Ende seiner Kämpfe und habe
er ungeahnte Erfolge überall erreicht. Und sicherlich galt das
gegenüber seinen deutschen und deutsch-dänischen Gegnern.
        <pb n="254" />
        534 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Aber noch blieb ihm ein Feind, und wie er bald gewahr
werden sollte, der gewaltigste: Rußland.
Peter der Große hatte schon die Zeit, in der Karl XII.
in Polen weilte, gut genutzt; noch mehr die Jahre der
schwedischen Besetzung Sachsens. In ständigen Kämpfen gegen
schwedische und polnische Kontingente hatte er Tapferkeit und
Organisation seines Heeres erprobt: und diese Organisation
war zusehends ins Europäische umgestaltet worden. Auch jetzt
freilich war dieser Entwicklungsprozeß, einer der raschesten,
den die an rapiden Übergängen so reiche russische Geschichte
erlebt hat, noch nicht abgeschlossen; noch fehlte vor allem die
Krönung aller Erfahrungen durch wirkliche Siege. Und noch
war das russiche Heer einem europäischen nicht ebenbürtig,
geschweige denn, bei gleicher Anzahl, gerade dem schwedischen
gewachsen.
Aber hatte der Zar es nicht gleichwohl erreicht, die
—D— meistern,
Petersburg zu gründen, Polen mit seinen Heeren zu über—
ziehen, die russische Flagge mit Erfolg auf russischen Ostsee—
schiffen zu zeigen?
Allerdings: als jetzt die Schweden unter Karl von Westen
her nahten, da schienen diese Erfolge nicht haltbar; aber eben
der Zar erkannte das am besten; aus freien Stücken zog er
sich mit seinem Heere in das Innere seines Landes zurück,
ließ Moskau befestigen — und vertraute im übrigen auf
die letzte Hilfe, die bisher das Zarenreich nie verlassen hat:
auf die Natur des Landes. Karl aber verkannte sie, wie er
das Werk, das der Zar inzwischen getan hatte, schwerlich
genügend einschätzte; er folgte den Russen. Und nun kam es
zu einem sonderbaren Ringen, dessen Einzelheiten die Phantasie
der Völker des 18. Jahrhunderts noch lange beschäftigt hat,
etwa so wie sich der Phantasie der Nationen des neunzehnten
Napoleons Russenzug einprägte: und die Zeit dieses Ringens
endete mit dem Zusammenbruch der schwedischen Macht in der
Schlacht von Pultawa, am 27. Juni 1709.
Es war, bei der inzwischen gestiegenen Bedeutung Ruß—⸗
        <pb n="255" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. prenß. Königtums. 635

lands, ein Umschwung auf der ganzen Linie der Gegner
Schwedens. August der Starke sagte sich noch einmal vom
Altranstädter Frieden los. König Friedrich von Dänemark
war schon vorher unruhig geworden; und bereits am 28. Juni
1709, einen Tag vor der Schlacht von Pultawa, hatten er
und August der Starke ihr altes Bündnis vom Jahre 1699
erneuert. Am 9. Oktober 1709 aber kam August der Starke mit
dem Zaren in Thorn zusammen: es war wiederum die Koalition
aus dem Beginne des nordischen Krieges. Und wenn ihr nun
noch Karl XII. mit der alten Bereitschaft entgegengetreten
wäre! Aber davon war einstweilen keine Rede. Noch immer
verharrte der Schwedenkönig im fernen Bessarabien, während
sein polnischer Mandatar Lesczynski aus Polen floh und
August der Starke wieder in dieses einzog, die Dänen
sich gegen Schonen wandten und der Zar die endgültige
Eroberung Livlands einleitete und Finnland bedrohte. Jetzt
wirklich schien es so, als sei die schwedische Hegemonie im
Norden an ihren Wurzeln getroffen — und als werde Rußland
Nachfolger Schwedens nicht bloß im Besitze baltischer Küsten⸗
länder, nein auch im Dominium maris baltici werden. Nicht
bloß nordische, rein europäische Veränderungen von größter
Tragweite schienen damit in Sicht zu treten.
Konnten nun unter diesen Umständen die europäischen
Mächte des Zentrums und des Westens, konnte innerhalb des
nordischen Bereiches Preußen all diesem neuen Werden teil⸗
nahmlos zusehen?
Die Westmächte und der Kaiserhof hatten bisher, auf den
mannigfaltigen Kriegsschauplätzen des spanischen Erbfolgekrieges
und in den ausgedehnten Bereichen der Diplomatie dieses
Krieges mehr als genügend beschäftigt, fast nach still—
schweigendem Übereinkommen die nordischen Dinge zu isolieren
gesucht, so sehr sich auch die Seemächte gelegentlich zum Ein—
greifen veranlaßt sahen. Jetzt, da es sich um die Entwicklung
einer ganz neuen Konstellation der Mächte infolge des Ein—
dringens Rußlands handelte, sahen sie wohl, daß sich diese
Politik nicht mehr aufrechterhalten ließ. Sollte man nicht
        <pb n="256" />
        636 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

den größten Überraschungen ausgesetzt sein, so mußte man den
Schwachen zu Hilfe kommen. Und war dies der allgemeine
Wunsch, so ergab sich vom deutschen Standpunkte noch eine
besondere Sorge: der unerhörte Friedensbruch, der durch den
Verlauf des nordischen Krieges innerhalb der Reichsgrenzen
gegen die Nation begangen worden war, durfte sich nicht
wiederholen. All diesen Bedürfnissen schien nun eine Haager
Konvention, die am 31. März 1710 zwischen dem Kaiser und
den Seemächten abgeschlossen wurde, gerecht zu werden, indem
sie die Neutralität der schwedischen Besitzungen in Deutschland
festsetzte. Natürlich war aber diese Neutralität nur durch be—
waffneten Schutz zu verwirklichen, und so beschlossen die Kon—
ventionsmächte in einem Zusatzvertrage vom 4. August, daß in
Norddeutschland ein Observationskorps aus ihren Kontingenten
aufgestellt werden sollte.
Allein dieses Korps wurde zunächst nicht gebildet. Und
genügte die bloße Drohung mit ihm? Um von Polen, Däne—⸗
mark und Rußland nicht zu reden, so hatte Karl XII. vom
Dnjepr her am 30. November 1710 die entschiedenste Ver—
wahrung gegen die Handlungsweise der Mächte der Haager
Konvention eingelegt, die ihm unter der Maske der Neutralitäts—
erklärung nur Feindschaft gegen Schweden zu bergen schien.
Unter diesen Umständen hätte es wohl Sache einer ent—
schlossenen brandenburgisch-preußischen Politik sein können, in
irgendeinem Sinne entscheidend einzugreifen. Lag Branden⸗
burg-Preußen nicht mit Brandenburg im Zentrum oder, wenn
man will, mit der Mark und mit Preußen in den beiden
Ellipsenbrennpunkten des Sturmes, der über den Nordosten
des zivilisierten Europas hinging? Konnte es durch feste An⸗
teilnahme an den Ereignissen nicht im Innersten die Würdigung
verdienen, die ihm äußerlich mit der Königskrone zugefallen
war? Wie würde der Große Kurfürst in diesem Momente
eingegriffen haben! — König Friedrich J. blieb unentschieden,
unbeteiligt scheinbar, um in Wirklichkeit zu verlieren.
Der Grund hierfür lag an erster Stelle doch in der
inneren Entwicklung und dem inneren Zustande seiner Länder.
        <pb n="257" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 637

Unter dem Großen Kurfürsten war Brandenburg-Preußen der
größte Kondottierestaat im Bereiche deutscher Zunge geworden;
und nur durch ständige Subsidienzahlungen von außen war
das Heer seines Staates aufrechtzuerhalten gewesen. In
solcher Lage hatte nur ein hochbegabter Diplomat, wie es
der Große Kurfürst war, und auch dieser nur bei Skrupel⸗
losigkeit in der Wahl seiner Mittel gute Politik machen können.
—DDDDDDD0
Heerwesens. Die Folge war, da das Heer nicht vom Lande
erhalten werden konnte, dringende Abhängigkeit von Subsidien
— und von deren Zahlern. Diese Zahler aber waren die
Seemächte und der Kaiser. Darum hatte die junge königliche
Monarchie die ersten neun Jahre des nordischen Krieges, der
sie doch so nahe anging, stille sitzen müssen — während sich
ihre Truppen auf den Schauplätzen des spanischen Erbfolge—
krieges für ferne Interessen schlugen. Und jetzt? Würden die
Seemächte und der Kaiser in dem Augenblicke, da sie die
Neutralität der deutsch-schwedischen Besitzungen erklärten, König
Friedrich etwa haben erlauben können, kräftig gegen Schweden
borzugehen? Nichts von alledem; selbst die Observationsarmee
der Großen Allianz war nicht in auch nur nebenher branden⸗
burgischem Interesse gedacht.
Es war klar, daß dem Staate des Großen Kurfürsten da
gründlich nur durch einen inneren Aus- und Aufbau zu helfen
war, der, behielt man den Charakter des Militärstaates bei,
die Erhaltung des Heeres aus heimischen Mitteln zu sichern
overmochte: sowohl was die Finanzen wie was die Rekrutierung
anging. In diesem Zusammenhange liegt die Erklärung und
Rechtfertigung der Tätigkeit Friedrich Wilhelms J. Einstweilen
aber, in dem Drange des Augenblickes, konnte die Aktion
Friedrichs J. an sich höchstens etwa dadurch frei werden, daß
ich die Neutralitätspolitik der Großen Allianz als unhaltbar
rwies.
Und dieser Moment trat allerdings bald ein. Zwar
schien es, als ob Rußland durch Verwicklung in einen neuen
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2.

41
        <pb n="258" />
        638 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Türkenkrieg auf lange Zeit in der vollen Entfaltung seiner
Kräfte am Balticum verhindert werden würde; allein diese
Möglichkeit ging rasch vorüber. Durchschlagend war, daß die
nordische Koalition mit Ausnahme eines Unternehmens der
Dänen gegen Schonen allenthalben rasche Fortschritte machte:
die Russen eroberten Livland wieder und nahmen Finnland,
maßen sich auch schon zur See mit den Schweden; ein Heer
des Bundes, Russen, Polen, Sachsen, drang über preußisches
Gebiet nach Mecklenburg vor und begann, durch ein dänisches
Kontingent verstärkt, die Belagerung von Stralsund und
Wismar: wo war die Neutralität der Großen Allianz ge⸗—
blieben? Und bald entfaltete sich die Aktion der Verbündeten
gerade im Bereiche der deutschen Ostsee- ja Nordseeküsten immer
breiter; die Dänen drangen im Jahre 1712 ins Bremische
ein; die Russen und Polen belagerten mit bedeutenden Truppen⸗
massen Stralsund und Stettin; die Schweden sandten dem—
gegenüber eine Armee unter General Steenbock übers Meer,
die Rügen besetzte, Stralsund befreite, die Dänen bei Gade—
busch schlug und nach Holstein verfolgte — aber schließlich,
von russisch-dänischen Truppen gegen Tönningen gedrängt,
dort am 20. Mai 1718 kapitulieren mußte. So war denn,
nach allem Chaos der Truppendurchzüge und Feldmärsche, im
Frühjahr 1713 die ganze deutsche Küste der Ostsee und ein
nicht geringer Teil der Nordseeküste, wo sich die Dänen von
den bremischen Ständen hatten huldigen lassen, in der Hand
der Verbündeten, unter denen wiederum Rußland den Aus—
schlag gab; die Schweden waren, einige Festungen aus—
genommen, vom Festlande vertrieben; und von einem Ein⸗
treten der Großen Allianz zugunsten schwedischer Neutralität
war nicht mehr die Rede.
Hatte Preußen inzwischen irgendwie zugegriffen, irgend
etwas gewonnen? Im April 1712 hatte König Friedrich J.
die Lage mit den Worten bezeichnet: „Wir sind gleichsam der
Diskretion des Zaren untergeben.“ Ein Jahr später war diese
Lage noch kaum geändert. Aber am 25. Februar 1713 war
König Friedrich gestorben, und sein Nachfolger, Friedrich
        <pb n="259" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickld. preuß. Königtums. 639

Wilhelm J., wurde durch den Frieden von Utrecht vom
11. April 1713, der, wie wir wissen!, der Hauptsache nach
den spanischen Erbfolgekrieg beendete, in der Disposition über
sein Heer bei weitem freier: zudem begann er sofort die
Sanierung der Finanzen und stellte noch im ersten Jahre
seiner Regierung sieben neue Regimenter auf: überraschend
schnell, ja wie sich später zeigte, im Grunde voreilig entfaltete
sich ein neues Preußen und griff unter einem neuen Könige
nun auch in den Verlauf des nordischen Krieges ein.
Natürlich geschah dies zunächst nur im kleinsten — noch
im November 17183 bezeichnet sich Friedrich Wilhelm als jeune
commenceur — und unter der von der Großen Allianz über—
kommenen Flagge der Neutralität, dabei von vornherein mit
dem Gedanken, eigenen Gewinn zu machen, besonders das so
lang schon umworbene Pommern zu erlangen, sowie mit dem
Gefühl, daß es grundsätzlich wohl am besten wenn auch schwer
auszuführen sein werde, sich zu guter Letzt vor allem der
russischen Übermacht zu erwehren.
Wollte aber Preußen den Weg einer solchen Politik gehen,
so empfahl es sich von vornherein, die Sceylla der Großen
Allianz ebenso wie die Charybdis der nordischen Koalition zu
vermeiden und mit der einzigen wichtigeren und in diesem
Augenblicke auch besonders zugänglichen kleinen Macht der
nordischen Politik zusammenzugehen: mit Holstein-Gottorp.
Im Hause der holstein-gottorper Herzöge war inzwischen
Friedrich IV., der Schwager Karls XII., im Jahre 1702 in
der Schlacht bei Clissow gefallen; und für seinen Sohn Karl
Friedrich, dem bei der Kinderlosigkeit Karls XII. eine an—
scheinend ziemlich sichere Aussicht auf den schwedischen Thron
winkte, hatte ein Oheim und noch mehr an dessen Stelle ein ver⸗
wegener Minister, der Freiherr von Goertz, die Regierung zu
führen begonnen. Dieser befand sich nun nach der Kapitulation
jenes Steenbockschen schwedischen Heeres, das in der Gottorpschen
Festung Tönningen eine letzte Zuflucht gefunden hatte, in einer

S. oben S. 582 ff.
        <pb n="260" />
        340 Cinundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

begründeten Furcht davor, daß die Dänen die jetzt voll zutage
liegende Ohnmacht der Schweden an den südlichen Küsten des
Balticums zu einem Angriffe auf Holstein ausnützen möchten:
daß also die politische Lage am Beginne des nordischen Krieges
für die Gottorper wiederkehren werde. Um dies zu vermeiden,
suchte er die Hilfe des Generalstatthalters der schwedischen
Gebiete auf dem Reichsboden, Grafen Wellingk, zugleich aber
auch die Unterstützung Preußens nach. Und unter den uns
bekannten politischen Dispositionen in Berlin gewann er sie.
Am 22. Juni 1713 kam zwischen Holstein und Preußen ein
Vertrag zustande, in dem Preußen versprach, seinen Einfluß
für die Erhaltung der Gottorper Souveränität und für die
Erfolge des gottorpischen Hauses in Schweden geltend zu
machen: wogegen ihm die künftige Abtretung von Stettin und
Pommern bis zur Peene in Aussicht gestellt wurde. Zur Er—
reichung der Vertragsziele sollten preußische und holsteinische
Truppen alsbald Stettin und Wismar sowie Schwedisch-Vor—
pommern besetzen und in Neutralität und Frieden erhalten in
der Form eines Sequesters, das erst aufgehoben werden sollte,
wenn Schweden nach geschlossenem Frieden die Zahlung der
Sequestrationskosten geleistet haben würde.
Es war ein Schritt, der allerdings von dem schwedischen
Kommandanten von Stettin, General von Meyerfeldt, ebenso⸗
wenig anerkannt wurde, wie er die Billigung Karls XII. fand;
aber eben dies war ein Grund, daß die nordische Koalition
das preußische Recht auf die Sequestration Pommerns gelten
ließ und damit immerhin ein Präjudiz schuf für den künftigen
Anfall des Landes an Preußen. Und hierin trat auch da—⸗
durch keine Anderung ein, daß die Schweden in Stettin am
29. September 1713 gegenüber den Koalierten kapitulieren
mußten, die die Stadt unter dem Fürsten Menschikoff belagerten.
Im Gegenteil: von Preußen wurde bei dieser Gelegenheit ein
weiterer Stein im Brett gewonnen. Friedrich Wilhelm schloß
am 6. Oktober 1713 persönlich mit Menschikoff einen Vertrag
dahin ab, daß er, gegen Zahlung von 400000 Taler an die
Koalierten, welche Schweden bei einem künftigen Frieden ersetzen
        <pb n="261" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 641

sollte, die „Possession und Sequestration“ Pommerns sowie
Stralsunds und Wismars bis zu einem künftigen Frieden
erhielt; im übrigen sollte er neutral in dem Sinne bleiben,
daß er den Schweden nicht gestatte, in Pommern und von
Pommern aus Krieg zu führen: und bekam für den Fall, daß
diese Neutralität angegriffen würde, das Versprechen, daß die
Koalition ihm helfen werde. Dabei war Preußen allerdings
noch an die Mitarbeit des Gottorper Herzogs gebunden; aber
schon spielte es in diesen Verhandlungen die erste Rolle; und
wer wollte sagen, daß es sich in ihnen nur noch um die Holstein
und Preußen gemeinsamen Interessen und gar etwa noch um
eine bloße Neutralitätsaktion gehandelt habe?
Freilich, indem sich das Schwergewicht solcher Betrachtungen
geltend machte; indem weiterhin die Holsteiner durch die Er—
oberung Tönningens seitens der Dänen im Februar 1714 noch
ohnmächtiger wurden als bisher; indem es endlich nach vollem
Abschlusse des spanischen Erbfolgekrieges keineswegs aus—
geschlossen erschien, daß sich nun auch der Kaiser und die
Seemächte in die nordischen Händel stärker einmischen würden:
vermochte man sich in Berlin doch nicht in der bisherigen,
durch den Begriff der Neutralität gedeckten Selbständigkeit zu
halten; und indem man so Anlehnung suchte — fand man sie
schließlich nicht mehr auf der Gottorper, sondern fast auf der
Gegenseite, bei Rußland. Es ist ein Spiel, das an die
Windungen jener Politik erinnert, die dem Großen Kurfürsten
schließlich ein souveränes Preußen eingebracht hatten; noch
immer war das Haus Brandenburg nicht stark genug, um in
Norddeutschland, ja auch nur im Osten stracken Laufes zu
zrößeren Zielen zu gelangen. Am 12. Juni 1714 vertrugen
sich also Rußland und Preußen insgeheim dahin, daß Preußen
dem Zaren die Erwerbung von Ingermanland, Karelien und
Esthland gewährleistete: wogegen der Zar sich zum Kriege
gegen Schweden verpflichtete bis auf die Zeit, da Preußen
der künftige Besitz von Stettin und Vommern bis zur Veene
gesichert sein werde.
Von diesem Vertrage aus aber bahnte sich überraschend
        <pb n="262" />
        642 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

schnell eine Umbildung der nordischen Koalition an, in deren
Verlauf der Urheber alles nordischen Übels, August der Starke,
völlig zurücktrat. König Georg J. von England schloß sich im
November 1714 im Interesse zunächst seiner hannoverschen
Politik dem preußisch-russischen Systeme an unter der Be—
dingung, daß er einmal Schwedisch-Bremen und Verden erhalten
solle; Dänemark trat ihm im April 1715 bei und machte sich
als Beuteanteil Stralsund und Rügen aus. So war denn
ein neuer Aufteilungsplan des schwedischen Großmachtbesitzes,
nur dieses Mal unter russischer Führung und preußischer An—
teilnahme, ja Initiative verabredet: und es war nuͤr noch
die Aufgabe, den Bären zu erlegen.
In diesem Augenblicke, ja schon etwas früher kam es zu
einer Überraschung, die für die Durchführung des Planes der
Verbündeten überaus günstig war. Karl XII. der seit Pultawa
fünf Jahre eines wunderlichen Wartens in den Gegenden um
den Pruth gelebt hatte, erschien zum Staunen mindestens der
weiteren zeitgenössischen Welt am 22. November 1714 nach
wüsten Gewaltritten durch den europäischen Osten in Stralsund
und übernahm sofort die volle militärische und diplomatische
Leitung der schwedischen Geschicke: jetzt endlich einmal war
diese Macht an einer einzigen Stelle, ja in einer einzigen
Stadt fest zu fassen und damit, schon ließ es sich hinzusetzen,
in ihrem Innersten tödlich verwundbar.
Den Verbündeten entging dieser Vorteil der Lage nicht; mit
Ernst setzten sie sich im Jahre 1715 gegen Stralsund und gegen
die Insel Rugen in Bewegung, ohne deren Einnahme Stralsund
kaum zu bezwingen war. Und Karl XII. nahm wirklich in
alter Tollkühnheit den Kampf an dieser Stelle auf, wo seine
Macht sozusagen nur ein Haupt besaß: mit einer Streitkraft
von angeblich nicht mehr als 17000 Mann gegen das Vier⸗
und Mehrfache der Verbündeten. Da gingen denn die Dinge
am Ende, wie sie gehen mußten. Nach langwierigen Vor—
bereitungen für die Belagerung der Stadt wuͤrde Mitte No—
vember, durch ein Gefecht bei Groß-Stresow, der Fall Rügens
entschieden; bald darauf, am 24. Dezember, kapitulierte Stral—
        <pb n="263" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 643

sund. König Karl XII. hatte wenige Tage vorher auf einem
kleinen Fahrzeug die Stadt verlassen und war nach Schweden
heimgekehrt: hinter sich den Verlust der südbaltischen Gebiete
Schwedens. Wenige Jahre darauf, am 11. Dezember 1718,
ist er vor der norwegischen Festung Friedrichshall erschossen
worden; und unter Verzicht auf die bisherige Großmacht—
stellung Schwedens folgte ihm an der Krone nach Wahl
der schwedischen Reichsstände seine jüngere Schwester Ulrike
Eleonore, die mit einem Landgrafen Friedrich von Hessen⸗
Kassel vermählt war.
Wenn aber so mit dem letzten Unglück Karls XII. zugleich
die Hegemonie Schwedens dahinsank, so geschah es nicht, ohne
daß sich in diesem Zusammenbruche selbst schon die Linien
einer neuen baltischen Hegemonie deutlich gezeichnet hätten:
der Hegemonie Rußlands.
Wie war doch das Ansehen der russischen Barbaren seit
Pultawa und den Verhandlungen am Pruth gestiegen, und
wie wurde es von dem genialen Zaren mit unvergleichlicher
Energie durch alle Fragen der europäischen Politik bis in die
Sonderverhandlungen der Westmächte hinein geltend gemacht!
Konnten sich da zunächst die kleinen deutschen Fürsten auch
nur dem moralischen Eindrucke dieser neuen Gewalt entziehen?
Peters Sohn Alexei hat schon im Jahre 1711 eine Wolfen—
büttler Prinzessin geheiratet; Herzog Karl Friedrich von
Holstein⸗Gottorp, der frühere Kandidat für den schwedischen
Thron, wurde 1725 der Gemahl der ältesten Tochter Peters,
der Großfürstin Anna Petrowna — und damit der Stamm⸗
bater des heutigen russischen Kaiserhauses. Wie hätten nun
die deutschen Fürsten, wenn sie sich mit dem Barbaren schon
in mehr als eine Verschwägerung einließen, der Politik des
Zaren widerstehen sollen? Peter aber schaltete in den deutschen
Gebieten des Baltikums bis zu den südlichsten und westlichsten
Zipfeln der Ostsee geradezu wie ein Eroberer — ohne Rück—⸗
sicht fast auf die Landesherren, ohne Rücksicht erst recht auf
die Reichsgewalt.
Im Jahr 1716, nach der Flucht Karls XII. nach Schweden,
        <pb n="264" />
        344 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Rapitel.

schien es, als ob der Zar gemeinsam mit Dänemark den Schweden
das Land Schonen zu entreißen beabsichtige; ein russisches
Heer von 40000 Mann marschierte daher durch Norddeutsch⸗
land und lagerte in Seeland; in Kopenhagen erschien eine
russische Flotte. Und kam die schonensche Expedition schließlich
nicht zustande, so waren die Folgen, die sich an den Durch⸗
marsch des russischen Heeres durch Norddeutschland knüpften,
um so sichtbarer und bedenklicher. Nicht nur, daß auf dem
Hinwege die russische Okkupation Wismars nur mit Mühe
vereitelt worden war; auf dem Rückwege, Herbst 1716, bezog
die Armee in Mecklenburg eigenmächtig Winterquartiere. Und
damit nicht genug: die Armee wurde auch noch auf 50000
Mann vermehrt, man sprach von russischen Anschlägen
auf Lübeck und Hamburg: und tatsächlich mischte sich die
Heeresleitung und mit ihr die russische Politik in die damals
hochgehenden Streitigkeiten der mecklenburg- schwerinschen
Stände mit ihrem Herzoge Karl Leopold, der mit einer Nichte
des Zaren vermählt war. Was halfen nun demgegenüber
Mahnbriefe des Reiches, Proteste des Kaisers? Erst im
Sommer 1717 räumten die Russen das Land, und keineswegs
durch deutschen Zwang veranlaßt, sondern aus Gründen der
allgemeinen europäischen Politik, in der ihnen um diese Zeit
eine neue Tripelallianz — die der Seemächte und Frankreichs —
entgegentrat.
Diese Tripelallianz aber hieß im Grunde England. Denn
kaum hatte sich das drohende Übergewicht Rußlands auf der
Ostsee in seinen ersten Anfängen eingestellt, so hatte sich auch
die Rivalitätsstellung Englands gegenüber der großen ost—
europäischen Landmacht ausgebildet, die heute fast schon zwei
Jahrhunderte hindurch einen ständigen Zug der diplomatischen
Geschichte Europas bildet. Dabei kamen für den Gegensatz
anfangs noch nicht die Motive von heute, auch soweit diese
ausschließlich europäischen Verhältnissen angehören, in Betracht.
Aber doch war er von vornherein von Seiten Englands ein
wesentlich kommerzieller, wenn sich auch an die Handelsfragen,
wie stets in größeren Verhältnissen, alsbald die Frage der
        <pb n="265" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 645

Seegewalt knüpfte. In der Ostsee, dem noch immer befahrensten
aller Meere, waren die Schweden für England im Grunde
bequeme Gegner gewesen, denn sie hatten den Handel zwar
belastet, nicht aber selbst betrieben; und sie waren auch nur
in geringem Grade Herren der weiten Hinterländer gewesen,
in die er sich ergoß. Wie mußte sich das alles mit dem Auf⸗
kommen der russischen Seegewalt ändern! Man nahm an,
daß die Russen bald einen nicht geringen Teil des Seeverkehrs
an sich reißen würden; und gewiß war, daß sie des Land⸗
handels im Osten ganz anders Herr waren als ihre Vor—
gänger. Und nun schien, im Jahre 1716, Rußland gar noch
Miene zu machen, sich im Westen der Ostsee, in Deutschland
oder Dänemark, festzusetzen! Da war eine energische Gegen—
wirkung angebracht; und für sie konnte man in England nicht
bloß der Teilnahme der Niederlande, der anderen besonders
interessierten Seemacht, gewiß sein, sondern auch Frankreichs,
dem daran liegen mußte, Schweden, das unter dem zunehmenden
UÜbergewichte Rußlands in den kommenden Friedensverhand—
lungen besonders zu seufzen zu haben werde, als seinen alten
Bundesgenossen und als Träger eines ständigen, französischen
Eingriffen günstigen Gegengewichts in den deutschen Dingen
nicht allzusehr leiden zu lassen.
Diese allgemeinen, Rußland feindlichen westeuropäischen
Interessen mußten sich nun aber mit denen der deutschen
Fürstenwelt nicht bloß an sich, insofern diese unter den Russen
litt, sondern vornehmlich auch aus dem besonderen Grunde
vermischen, daß der König von England zugleich Kurfürst von
Hannover war. Und von diesem Standpunkte aus hatte denn
auch die englische Politik schon frühzeitig vorgesorgt. Von
jeher oder wenigstens seit dem Schlusse des Dreißigjährigen
Krieges war es ein eifriges Bemühen des Welfenhauses ge⸗
wesen, Bremen und Verden zu gewinnen; es waren zugleich
Länder, deren Besitz in den Händen des Kurfürsten-Königs
von England den englischen Handel, wie er in Bremen und
vornehmlich Hamburg blühte, im höchsten Grade zu stützen
geeignet war. Hier also lag ein erstes dringliches gemeinsames
        <pb n="266" />
        346 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Interesse Hannovers und Englands vor, einzugreifen, und am
wenigsten zuzulassen, daß diese wichtigen Gebiete etwa in den
Besitz Dänemarks, einer mit Rußland verbündeten und russischen
Einflüssen jederzeit leicht offenstehenden Macht, gelangten. Nun
war allerdings den Dänen in der russisch-preußisch-englisch—
dänischen Koalition der Jahre 1714 und 1715 der Anfall eben
dieser Lande bei einem künftigen Friedensschluß versprochen
worden. Aber mit ihnen setzte man sich jetzt direkt und rasch
auseinander; sie sollten mit dem gottorpischen Schleswig und
in Vorpommern entschädigt werden; und schon gegen Ende
1715 gelangte Bremen in hannoversche Verwaltung.
Von diesem nunmehr festen Grunde in Nordwestdeutsch⸗
land aus aber streckten sich die englischen Wünsche alsbald
weiter, und als letztes Ziel erschien ihnen schließlich eine all⸗
gemeine hannoversch-englische Beherrschung mindestens des
deutschen Ostens: ja schon gab man sich ernstlich Mühe, als
erste Stützpunkte einer solchen Herrschaft Stralsund und Rügen
zu gewinnen. Dabei konnte man im ganzen auch noch der
Hilfe oder wenigstens der Konnivenz des Kaisers gewiß sein:
und dies je länger je mehr, seitdem das Verhältnis des Kaisers
zu dem sächsischen Hofe sich günstiger gestaltete und damit für
dessen Entschlüsse das polnische, naturgemäß russenfeindliche
Interesse maßgebender wurde. Dieser Moment aber wurde
etwa gegen Ende des Jahres 1717 erreicht; im Februar 1718
feierte der sächsische Kurprinz Friedrich August, nachdem er
1717 öffentlich zur katholischen Kirche übergetreten war, seine
Verlobung mit der älteren Tochter Kaiser Josephs J., Maria
Josepha.
Auf dieser Grundlage, die inzwischen noch durch die
Tripelallianz mit Frankreich und den Niederlanden verstärkt
war und im Grunde alle wichtigen deutschen Interessen mit
Ausnahme der preußischen in sich schloß, begann nun die
englische Politik an die Hauptarbeit zu gehen, die den eng—
lischen Einfluß an den Ostseegestaden mächtig fördern oder
mindestens ein leidlich starkes Schweden wiederum Rußland
entgegenwerfen sollte, an die Herstellung des Friedens. Da
        <pb n="267" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 647

war es natürlich, daß vor allem zwischen Hannover und
Schweden — mit England bestand kein Kriegsverhältnis —
Frieden geschlossen wurde: am 20. November 1719. Und
selbstverständlich unter billigen Bedingungen. Zwar fielen
Bremen und Verden nun endgültig an Hannover; aber auf
die Erhaltung dieser Länder hatte man sich auch in Stockholm
keine Hoffnung mehr gemacht. Und immerhin erhielten
Schweden, und auch Dänemark für seine Ansprüche, erhebliche
Abfindungen in Geld. Dann trat man, neben Verhandlungen
mit Preußen, an die dänische Pazifikation heran. Der Friede,
der darauf am 3. Juli 1720 geschlossen wurde, beließ Schweden
die pommersche Küste nördlich der Peene, Rügen und Wismar,
und entschädigte Dänemark durch den gottorpschen Anteil an
Schleswig, so daß nunmehr, ein alter Wunsch der Dänen,
ganz Schleswig in den Bereich der dänischen Reichsgewalt
eintrat. Es war eine Lösung, die Schweden künftighin noch
immer gestattete, Dänemark von Holstein aus zu umklammern
und in Deutschland von Pommern aus einzugreifen: zumal
wenn es bei solchem Vorhaben von englischen Schiffen unter—
stützt wurde. Und es war eine Lösung, die Schweden eine
Art Feldwachstellung gegen ein etwaiges Vordringen der Russen
in dem Westen der Ostsee zusprach.
So war denn, soweit die Nordmächte der Ostsee in Be—
tracht kamen, eine hübsche England freundliche, gegen Ruß—
land abwehrende Konstellation erreicht, die durch einige Be—
stimmungen einer polnisch-schwedischen, im übrigen un—
bedeutenden Pazifikation noch verstärkt wurde; und nur die
Frage schien im Grunde während der bisherigen Verhandlungen
noch offen gelassen, wie weit sich denn englischer Einfluß auch
zu Lande, im Süden der Ostsee, im Bereiche der preußischen
Politik, noch vorwärts schieben werde. Oder war man auch
hier schon zu einem Abschlusse gelangt?
Preußen hatte sich in der Absicht, Pommern zu erwerben,
um die Koalition von 1714 am meisten bemüht und war ihrem
urfprünglichen Sinne noch am längsten gefolgt, zu Zeiten, da
die anderen Verbündeten schon anderen Zielen nachgingen.
        <pb n="268" />
        648 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Sehr begreiflich: in der ersten Abwehrlinie gegenüber Rußland
befindlich wagte es diesem nicht so leicht zu widersprechen und blieb
daher zusammen mit ihm als Restteilnehmer des allgemeinen
Bündnisses übrig. Dabei entsprach diese Haltung in nicht
geringem Grade zugleich persönlichen Eigenschaften Friedrich
Wilhelms J. In Fragen der inneren Politik von einer leiden—
schaftlichen Initiative war der König in auswärtigen Dingen
wenig beweglich; er fühlte sich dabei vor allem in der Skrupel⸗
losigkeit diplomatischer Kniffe zu unsicher. Natürlich aber war
er in diesem Zusammenhange in scharfen Gegensatz zu Hannover⸗
England und in peinliche Differenzen auch mit dem Kaiser
geraten. Und dabei war ihm doch in der russischen Um—
klammerung nicht recht wohl; am liebsten hätte er still direkten
Frieden mit Schweden, versteht sich unter Eingewinnung
Pommerns, gemacht.
In dieser Lage trafen ihn nun die Friedensbestrebungen
Englands: ungeniert zogen sie auch die preußischen Interessen
in ihren Bereich. Sollte Friedrich Wilhelm den englisch⸗
hannoverschen Beistand annehmen? Es war eine bittersüße
Frage. Aber schließlich fügte sich der König: „Ich werde Gott
bitten,“ meinte er, „mir beizustehen, wenn ich eine Rolle spielen
muß, die sonderbar ist; aber ich spiele sie ungern, denn es ist
nicht für einen honetten Mann.“ Am 1. Februar 1720 kam
unter Vermittlung Englands der Friede zwischen Schweden
und Preußen zustande. Preußen erhielt Stettin und Vor—⸗
pommern bis zur Peene mit Usedom und Wollin; aber es
hatte an Schweden zwei Millionen Taler, für den sparsamen
König keine kleine Summe, zu zahlen. Doch tröstete sich
Friedrich Wilhelm schließlich: „Die conditions sein stark,
aber Stettin bis an die Peene ist auch gut.“
Das isolierte Rußland aber führte den Krieg gegen Schweden
nunmehr mit Energie noch bis zum Jahre 1721 fort. Der
Friede von Nystadt, vom 10. September 1721, brachte ihm
dann schließlich, gegen Zahlung von zwei Millionen Taler und
Herausgabe des eroberten Finnlands, den Erwerb von Livland,
Esthland, Ingermanland und eines Teiles von Karelien: sieg⸗
        <pb n="269" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 649

reich war es in langen Kämpfen zur Ostsee vorgedrungen,
hatte die Vormachtstellung Schwedens im Nordosten zerstört
und die eigene bis zu einem gewissen Grade begründet: war
eingetreten in die europäische Staatenwelt.
Es war das wichtigste Ergebnis des nordischen Krieges —
wichtig vor allem auch für Deutschland. Von nun ab mußten
die deutschen Fürsten, während Polen unbedeutend geworden
war, mit Rußland als Nachbar rechnen; und übermächtig hatte
sich dieser Nachbar mindestens für den Nordosten erwiesen.
Die nächste Folge hiervon war gewesen, daß sich die Bildung
einer deutschen politischen Hegemonie in diesem Nordosten nicht
hatte vollziehen können: weder Hannover noch Preußen, die
beiden wichtigsten Nebenbuhler in dieser Hinsicht, hatten sie
erreicht. Wird aber die Frage gestellt, welche von diesen beiden
Gewalten denn schließlich noch mit dem meisten Ansehen in
Norddeutschland aus diesen langen Kämpfen hervorgegangen sei,
so ist zu antworten: Hannover. Aber freilich: war Hannover,
in diesem Zusammenhange betrachtet, deutsch? Seine Stellung
als bloßes Zubehör Englands, von Jahr zu Jahr deutlicher
hervortretend, bedeutete, wenigstens in deutschem Sinne, zugleich
entweder den Verzicht auf eine norddeutsche Hegemonie überhaupt,
oder unsägliches Unglück für die nationale Entwicklung. Und
so blieb denn schließlich doch, vom Standpunkte des Nordostens
aus betrachtet, Preußen als der geeignetste Träger der deutschen
Entwicklung übrig. Und hatte es sich in dieser Hinsicht in
der äußeren Politik bisher nur wenig bewährt, so war es
immerhin um Pommern vergrößert aus dem nordischen Kriege
hervorgegangen. Vor allem aber, das litt keinen Zweifel, und
niemand erkannte das besser als Friedrich Wilhelm J. selbst,
hatte es seine innere Entwicklung zu stärken und die auf diese
Entwicklung aufzubauende Kraft seines Heeres.
Für uns wird es damit Zeit, uns der inneren Geschichte
Brandenburg-Preußens zuzuwenden und sie bis zu dem Zeit—
punkte zu verfolgen, da die soeben aufgestellten Forderungen in
dem harten Lebenswerke Friedrich Wilhelms J. der Hauptsache
nach und in vieler Hinsicht über alle Erwartung erfüllt wurden.
        <pb n="270" />
        350 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

III.
In der Mark Brandenburg hatte sich schon in verhältnis—
mäßig früher Zeit, im 12. und 13. Jahrhundert, ein besonders
reges staatliches Leben gebildet!, dem dann freilich im 14. Jahr⸗
hundert auch ein besonders tiefer Verfall gefolgt war. Darauf
hatten, im 15. Jahrhundert, die Hohenzollern, ausgestattet mit
fränkischem, süddeutschem Kapital, gegenüber der Anarchie des
14. Jahrhunderts Ruhe geschaffen?; zugleich hatte das Land
im 16. Jahrhundert seinen alten Umfang wieder erreicht und
hier und da sogar überschritten.
Gleichwohl war das 16. Jahrhundert keine Zeit auch nur
inneren Aufschwungs: in Verfassung wie Verwaltung taten es
andere Territorien Brandenburg entschieden zuvor. Anfang
des 17. Jahrhunderts, unter dem Kurfürsten Johann Sigis—
mund (1 1619), stand das Land darum geistig wie materiell weit
unter dem allgemeinen Durchschnitt der deutschen Territorien.
Geistig war höheres Leben überhaupt erst mit der
Reformation eingezogen. Aber auch hiermit war doch im
Grunde sehr wenig erreicht worden; von höheren Interessen
finden sich nur Spuren, die gesellschaftlichen Sitten blieben
roh und derb; noch galt auch jetzt noch wenigstens teilweise
die Beobachtung des Trithemius, daß die Märker durch Trunk
den Tod beschleunigten.
Die materielle Unterlage des Lebens bildete ein fast noch
ganz naturalwirtschaftlicher Zustand. Der Charakter der Mark
vornehmlich als westöstliches und nordwest-südöstliches Durch—
zangsland war mit dem Verfall der Hanse schwer geschädigt
worden; fast beseitigt wurde er durch die Sperrung des
Oderhandels (1572) und den damit aufs stärkste entwickelten
Verlauf des Nordseehandels von Hamburg vornehmlich auf
Magdeburg und Leipzig, also elbaufwärts nicht in der Richtung
der Havel und Spree, sondern in der des Mittellaufes der Elbe

S. Bd. IIII.2 S. 410 ff.
Bd. IVI.2.3 S. 411f.
        <pb n="271" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 651

und der Saale. Nicht minder war es für die Mark schädlich,
daß infolge der Sperrung des Oderhandels Breslau selbständig
emporblühte und nach Westen hin mit Leipzig immer stärkere
Beziehung pflog.
So sank denn die Mark, isoliert, bei weitem mehr auf
einen naturalwirtschaftlichen Stand zurück als die wichtigsten
umgrenzenden Territorien: schon um 1550 hatte es für das
ganze Land nur einen Pergamentmacher und einen Messing-⸗
schläger gegeben, und noch später hören wir von nur einem
Messerschmied und bloß von vereinzelten Schwarzfärbern,
Seidenstickern, Hosenstrickenn. Im Beginn des 17. Jahr—
hunderts konnte der Kurfürst dann klagen, daß alle Gewerke
im Lande schwer zurückgegangen seien; und vor allem galt
das von dem früher so bedeutenden Tuchgewerbe. Dem—
entsprechend waren die Städte klein; Berlin-Cöln hatte um
1600 gegen 14000 Einwohner, Brandenburg und Frankfurt
an der Oder je etwa 10000, Stendal 8000, Salzwedel 6000.
Dazu kamen noch etwa 26 Städte mit je 1600—-5000 Ein—
wohnern, der Rest, 42 Städte, brachte es nur etwa auf je
12-1500 Seelen.
Natürlich war es in einem solchen Lande schwer, starke
staatliche Gewalten im Sinne eines geldwirtschaftlichen Ab—
solutismus zu entfalten. Die Staatseinkünfte betrugen unter
Johann Sigismund schwerlich auch nur 280000 Taler jährlich.
Gewiß hätte man damit noch manches erreichen können, wenn
man gut haus gehalten hätte. Aber dem stellten sich die
übertriebenen Aufwendungen für den Hof entgegen: von den
Ständen wurde nachgewiesen, daß sich durch Entlassung über—
lüsfiger Hofbeamten etwa 57 000 Taler, also etwa ein Fünftel
der Einnahmen, ersparen ließen.
Den Aktiven standen zudem gegen Ende 1617 2142 257
Taler Schulden gegenüber, die vornehmlich wegen Erwerbung
Preußens und Cleves gemacht worden waren. Sie erforderten
fährlich etwa 140000 Taler Zinsen. Um diese zahlen zu
können, mußte man neue Schulden machen, ganz abgesehen
davon, daß Johann Sigismund gegen Ende seiner Regierung
        <pb n="272" />
        352 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

auch noch von aller Welt die geliehenen Summen gekündigt
wurden und natürlich durch neue Schuldkapitalien zu ersetzen
waren: und so schien man denn beim Bankrott angelangt —
wenn man nicht die Einnahmen erhöhte und zu dem Zwecke
die Stände in Anspruch nahm.
Aber gerade die Stände der einzelnen Länder, aus denen
sich die Mark zusammensetzte, hatten sich schon als ein wesent—
liches Hindernis jedes Aufschwungs erwiesen. Im 16. Jahr⸗
hundert hatten sie, im schlechten Sinne des Wortes, ihre
Blütezeit gehabt. Doch nahmen sie ihre bösen Sitten und ihr
geringes Interesse am Wohl des Ganzen auch noch mit ins
17. Jahrhundert hinüber. Von den uckermärkischen Junkern,
die im Jahre 1610 zu einem Kreistag nach Prenzlau berufen
worden waren, wird erzählt, daß sie sich nur über Hunde und
Jagd unterhielten und es als genügend für ihren Respekt
gegenüber dem Kurfürsten erachteten, wenn sie, unter voller
Ignorierung seiner Vorlagen, nur die Vertreter für den
Berliner Landtag wählten. Diese Vertreter aber gingen dann
nicht zum Landtag: sie behaupteten, das Leben in Berlin sei
zu teuer. Gleichwohl befanden sie sich während der Tagung
in Berlin und strichen am offnen Tage um das Rathaus, ohne
an den Beratungen teilzunehmen.
Der Grund für ein solches Verhalten der Stände lag
neben dem wilden Selbstherrlichkeitsgefuühl der Junker vor
allem in dem geringen Interesse am Ganzen des Landes, wie
es besonders Folge des Verkehrsverfalls war, der die einzelnen
Landbewohner immer mehr isolierte, sowie in einer gewissen
Abneigung gegen den Prunk des Hofes. So wurde dem
Kurfürsten Johann Sigismund auf seine Steuerforderungen
gesagt: die Hauptsache sei, das Wirtschaftsleben des Landes
zu heben, wie dessen Fundament in einer guten Viehzucht ge—
legen sei: darum solle der Kurfürst seine Wildbahnen zugunsten
der Anlegung von Schäfereien und Vorwerken auflassen, auch
sonst die Wirtschaft auf seinen Domänen bessern und die
Amter nach Vorgang anderer Regierungen verpachten, vor
allem aber selber weniger ausgeben: dann werde man auch
ohne neue Steuern auskommen.
        <pb n="273" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 653

Trotzdem kann man sehen, wie die Stände schon unter
Johann Sigismund entgegenkommender werden; gegenüber
einem beginnenden strafferen Regiment mit besserem Beamten⸗
tum versagen sie sich weniger als früher; und namentlich die
Furcht, das Recht des Indigenats, d. h. der Rekrutierung der
höheren Beamten aus ihren Kreisen zu verlieren, lastet auf
ihnen. Griff dann auch der Konfessionswechsel des Kurfürsten
störend ein und entflammte noch auf mehrere Jahre kräftigen
Widerstand, und wurde die auswärtige Politik, die nach Preußen
und an den Rhein, ins Jülichsche führte, im Lande nicht ge—
billigt — die Stände betrachteten die hierfür gemachten Be—
willigungen nur als opus charitativum, nicht als opus
officii —: so wurde die Lage doch eine bessere.
Was sich vor allem bemerklich machte, war die — wenn
auch schon keineswegs vollkommene — Herstellung eines stärkeren
Übergewichts der fürstlichen Gewalt über die ständische in den
einzelnen Ländern: also eine Entwicklung in der Richtung, die
in weiter vorgeschrittenen Territorien schon im 16. Jahrhundert
eingeschlagen und mit viel besseren Ergebnissen, als in Branden⸗
burg, verfolgt worden war. Doch auch dieser verhältnismäßig
noch sehr geringe Fortschritt wurde dann in den für Branden⸗
burg besonders schweren Jahren des Dreißigjährigen Krieges
wiederum eingebüßt: das Land verfiel von neuem fast anarchischen
Zuständen, deren auch der Große Kurfürst in dem ersten Jahr—
zehnt seiner Regierung (seit 1040) unter dem Fortwüten des
Krieges kaum Herr wurde.
Fühlte so das Land die Geißel des Krieges um so schwerer,
je weniger widerstandfähig es in die Jahre der Verheerung ein⸗
getreten war, so ist es doch auch, in der gefährlichen Lage seiner
isolierten Bestandteile, den aus dem Kriege und den ver—
wandelten Zeiten um 1650 hervorgehenden Impulsen um so
eifriger gefolgt. Es war der Moment, in dem die ständige
Einwirkung der großen europäischen Politik auf die allgemeinen
Schicksale der Nation die umfangreichen Territorien gegenüber den
kleinen, die wenig mehr zu bedeuten begannen, in den Vorder⸗
grund schob, und in dem die schweren Zeiten überhaupt die
Lamprecht, Deuftsche Geschichte. VII. 2. 42
        <pb n="274" />
        654 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

kleinen und lässig regierten Herrschaften zum Rückgang ver—
dammten, während sie den größeren und besser regierten das
tu contra audentius ito zuriefen. Und die wieder in Aus—
ficht tretende, wenn auch zunächst noch überaus bescheidene
Teilnahme Deutschlands am Welthandel brachte zugleich den
Sinn für größere Verhältnisse langsam zu weiterer Entfaltung:
eine Regung, die naturgemäß vor allem den stärkeren Staaten
zugute kam. Daher sieht man, wie Bayern schon unter Kur—
fürst Maximilian, die Pfalz unter Karl Ludwig, etwas später,
gegen Ende des Jahrhunderts, auch Hannover gerade dem
Unglück des Dreißigjährigen Krieges den Antrieb zu energischer
Fortentwicklung entnahmen. Vor allem aber sind Hsterreich
und Brandenburg-Preußen diese Straße gezogen. Denn für
sie wurde zu den für die anderen Territorien wirksamen Ur—
sachen noch ein starkes besonderes Motiv von Einfluß: beide
hatten seit dem 16. Jahrhundert zahlreiche Territorien hinzu⸗
erworben: und so handelte es sich bei ihnen um den Ausbau
eines neuen kompositen Staates. Der Unterschied zwischen
beiden war nur der, daß die hinzuerworbenen Territorien für
Brandenburg klein und daher am Ende verdauungsfähig
waren, für Österreich dagegen groß und in sich nach Kultur,
Nationalität und geschichtlicher Vergangenheit so verschieden—
artig, daß sich auch bei stärkerer Konzentration auf lange nicht
viel mehr als eine Personalunion, nicht aber ein engster realer
Zusammenhang erwarten ließ!. In Brandenburg dagegen
war es die eigentliche und erste Aufgabe der Fürsten des
17. Jahrhunderts, und zunächst des Großen Kurfürsten, die aus
verschiedenen Schicksalen und Rechtsgründen her vereinigten
Lande nun wirklich zu „membris unius capitis“ zu machen:
die Personalunion durch eine Realunion zu überholen.
Einfach war freilich auch in Brandenburg die Lösung
dieser Aufgabe nicht. Da mußten zunächst zentrale Organe
des Ganzen am Regierungsmittelpunkte, in Berlin, geschaffen
werden. Da galt es weiter, in den einzelnen Ländern durch

S. oben S. 510 ff.
        <pb n="275" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 655

Ausbildung eines ihnen gemeinsamen Heerwesens und fürst⸗
lichen Lokalbeamtentums Elemente der Zentralgewalt, die zum
Ganzen hindrängten, zu entwickeln. Und als Gegenstück hierzu
mußten die entgegenstehenden partikularen Faktoren, die Selb—
ständigkeitsgelüste der alten fürstlichen Provinzialverwaltungen
wie vor allem die Autonomien der einzelnen Landesstände mit
ihrer besonderen Verwaltung gebrochen werden. Endlich aber
war eine das Ganze gleichmäßig umfassende Fürsorge für alle
Staatsaufgaben der Zeit, insbesondere Handel, Gewerbe, Finanzen
und Justiz zu entfalten und damit allen Staatsangehörigen
je länger je mehr die wohltuende Überzeugung beizubringen,
daß sie Glieder eines einzigen politischen Körpers seien.
Der Große Kurfürst hat alle diese Aufgaben in die Hand
genommen, wenn auch keineswegs schon völlig gelöst. Nur
Grundlagen hat er im ganzen geschaffen; und darüber ist auch
sein nächster Nachfolger nicht hinausgelangt. Ausgebildet hat
sie erst Friedrich Wilhelm J. Und insofern gehören der Große
Kurfürst und der sorgsame König in ihrer inneren Politik aufs
engste zusammen.
Höchste Leistungen des so ausgebildeten Staates in seiner
besonderen Art wurden aber sogar erst unter Friedrich dem
Großen erreicht: erst seine Regierung bezeichnet die Zeit des
Fruchttragens; und von 1763 ab zeigen sich dann unter dem
alternden König neben allem reichen Ertrag auch schon die
Schäden des Verfalles.
Was den Großen Kurfürsten und Friedrich Wilhelm J.
zunächst miteinander verband, war vor allem eine verwandte
Auffassung von ihren Aufgaben. Grundlage für das
Empfinden beider war dabei noch immer der protestantisch⸗
patriarchalische Absolutismus des 16. Jahrhunderts, ja bei
Friedrich Wilhelm J. war diese Grundlage wiederum stärker
ausgeprägt als beim Großen Kurfürsten: denn er besaß in
höchstem Grade die Eigenschaften jenes fürstlichen Haushalters,
die dem 16. Jahrhundert als Herrscherideal vorgeschwebt hatten:
er war bieder, sparsam, gewissenhaft, nüchtern, dabei im Willen
zäh, unbeugsam, ja gewaltsam. Es waren Charakterzüge, die
49 *
        <pb n="276" />
        356 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

in mancher Hinsicht an August von Sachsen, den typischen
Vertreter des patriarchalischen Absolutismus der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts erinnern. Zu dieser Grundlage des 16. Jahr⸗
hunderts aber trat beim Großen Kurfürsten und auch bei Friedrich
Wilhelm J. noch eine weitere. Beide fühlten schon über sich ein
objektives Ideal des Staates. War dieser Gedanke bei ihnen
auch noch nicht so abgeklärt wie später bei Friedrich dem
Großen, so zeigt ihr Handeln doch schon deutlich, daß ihnen
der brandenburgisch-preußische Staat ein Rechtssubjekt außer
ihnen war, nicht bloß ein Zubehör ihres Hauses, und daß sie
sich als Beauftragte gleichsam der Räson dieses Staates fühlten.
Es ist der Übergang vom Territorialbewußtsein zum Staats—⸗
bewußtsein, der sich in ihnen vollzieht. In diesem Sinne hat
der Große Kurfürst eine Denkmünze mit der Aufschrift Pro
Deo et populo schlagen lassen, und demjenigen der Prinzen
Karl Emil und Friedrich einmal sechs Dukaten versprochen,
der zuerst die Worte richtig aufsagen würde: die gesturus
sum principatum, ut sciam, rem populi esse, non meam
privatam. Dabei ist im Großen Kurfürsten dieses aufkeimende
Staatsbewußtsein bei allem brandenburgischen Egoismus doch
verquickt mit einem leidenschaftlichen Fluge deutscher Vater⸗
landsliebe, überhaupt mit hinreißendem Pathos; bei Friedrich
Wilhelm J. dagegen erscheint es ganz auf Preußen allein ge⸗
wandt, nüchtern und rationalistisch, ins Detail pedantisch er—
gossen, und dennoch geadelt durch sittlichen Ernst und un—
erbittliche Pflichttreue.
Klar war aber von vornherein, daß diese Auffassung der
Herrscherwürde durch den Großen Kurfürsten wie durch Friedrich
Wilhelm J. keinerlei Teilung der staatlichen Gewalten zuließ:
und insofern war sie, wenn auch noch auf dem religiösen
Grunde des Absolutismus des 16. Jahrhunderts beruhend,
doch tatsächlich über diesen hinausgewachsen. Ein Herr galt
jetzt und ein Zentrum allein des staatlichen Lebens bestand:
der Fürst. Gefestigt werden aber mußte dieses Zentrum durch
Bureaukratie und Heerwesen, und unversöhnlich mußte von
ihm aus gegen den anderen historischen Brennpunkt des staat—
        <pb n="277" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 657

lichen Lebens in deutschen Landen gekämpft werden, gegen die
Stände. —

Die erste Aufgabe, die dem Großen Kurfürsten zufiel, war
die Begründung einer wirklich in seinen Händen ruhenden
und in ihnen spielenden Verwaltung. Dabei handelte es sich
weniger um die Lokalverwaltung: so weit hinab drangen die
Hohenzollern in ihren Landen einstweilen noch nicht: sondern
nur um die Zentralstellen. Und um diese im doppelten Sinne,
nämlich einmal um die allgemeine Zentralstelle in Berlin
für alle Länder, und dann um die vielen Stellen in den
Zentren der einzelnen Länder selbst.
In beiden Richtungen war schon vorgearbeitet. Landes⸗
zentralstellen bestanden in Anfängen schon seit dem Mittelalter,
eine allgemeine Zentralstelle hatte Johann Sigismund 1604
zu begründen gesucht. War dieser Versuch nicht recht gelungen,
wenigstens soweit er auf einen geschlossenen „Geheimen Rat“
als oberste Behörde hinauslief, wie ihn andere Territorien,
3. B. Sachsen, schon im 16. Jahrhundert entwickelt hatten, so
war immerhin aus der Zeit vor dem Großen Kriege noch manche
Vorbedingung künftig besseren Gelingens erhalten geblieben.
Dahin gehört z. B., daß schon vor dem Kriege die Ver—
größerung der bisher politisch wie konfessionell geschlossenen
Mark um Preußen und Cleve zum Bruche mit dem ständischen
Indigenatsrechte und mit der Ausschließlichkeit einer bestimmten
Konfession für die Beamten eines bestimmten Landes geführt
hatte: natürlich wurde dadurch das Beamtentum stärker an
den Staat gefesselt. Ferner war man schon damals teilweise
von der Zulassung ausländischer Juristen in den Landesdienst
abgekommen: wegen zu hoher Gehaltsforderungen und zu ge—
ringen Interesses am Lande, auch schweren Verständnisses des
märkischen Dialekts und Abneigung der Stände gegen sie.
Und als Korrelat hierzu war den Landeskindern verboten
worden, in fremde Dienste zu treten: die heimischen Kräfte
sollten dem heimischen Staate erhalten bleiben.
Mit diesen Voraussetzungen etwa konnte der Große Kur—
fürst rechnen, als er an das Problem der Begründung zunächst
        <pb n="278" />
        5358 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

von Zentralverwaltungen herantrat. Vor allem handelte es
sich dabei natürlich um die obersten, alle Länder umfassenden
Berliner Zentralbehörden. Und hier war der Ausgangspunkt
alles weiteren der brandenburgische Geheime Rat, d. h. die
vornehmste Kommission der Räte, die in Berlin für die Re—
gierung der Mark zur Verfügung standen. Dieser Rat wurde
nun schon seit dem Jahre 1651 reorganisiert und ausgebildet,
vornehmlich auch dadurch, daß außer den märkischen Räten
die wichtigsten Generäle und auswärtigen Gesandten, die
Statthalter der einzelnen Länder und die preußischen Oberräte
zu Königsberg zu seinen Mitgliedern ernannt wurden. So
erschien denn das Ganze jetzt, wenn auch vornehmlich mit
Brandenburg beschäftigt, doch schon als ein Generalkollegium
überhaupt. Und indem die Zahl der Mitglieder nicht zu groß
war — sie schwankte zwischen zehn und zwanzig — und der
Kurfürst sie ständig und für alle Materien zur Regierung
heranzog, war in der Tat ein einheitliches Generalkollegium
oberster Verwaltung für alle Länder begründet. Als solches
hat denn der Geheime Rat auch zunehmenden Einfluß auf
die einzelnen Länder gewonnen. Mochten immerhin die
brandenburgischen Räte in Cleve oder in Königsberg noch
lange als fremde Minister, ja als Räte eines fremden Poten—
taten bezeichnet werden: trotzdem ging die oberste Entscheidung
über die Verwaltung dieser Länder immer mehr an den
Berliner Rat über.
Hand in Hand mit dieser Erweiterung seiner Kompetenz
erlebte aber der Geheime Rat zugleich eine innere arbeitsteilige
Gliederung. Schon im Jahre 1651 schied aus ihm eine be⸗
sondere Kommission von vier Staatskammerräten aus für die
Direktion des Kammerstaates in „allen unsern Landen“: zur
Balancierung von Einnahmen und Ausgaben, zur Kodifikation
der Besoldungsetats, zur Regelung des Anweisungswesens,
zur Kontrolle des Domänen- und des Schuldenwesens, zum
Versuche stärkerer Durchführung der Geldwirtschaft, namentlich
auch in Sachen des Hofes. Es ist die Behörde, innerhalb
deren es der Freiherr Dodo von Knyphausen im Jahre 1688
        <pb n="279" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß Königtums. 659

zum ersten Male zur Aufstellung eines, wenn auch noch recht
unvollkommenen gemeinsamen Etats für den Gesamtstaat gebracht
hat. Im übrigen war mit der Entwicklung der Kommission
der Staatskammerräte die Auslösung besonderer Behörden
aus dem Geheimen Rate erst begonnen; schon 16858 folgte in
den „Geheimen Räten zu den Verhören“ die Entwicklung
einer besonderen Justizabteilung, und allmählich wurde der
Geheime Rat durch die Emanation neuer Behörden selbst
beinahe ausgehöhlt: während neben ihm, vor allem seit
Friedrich Wilhelm J., Neubildungen neuer oberster Zentral⸗
behörden versucht wurden und schließlich zu der Einrichtung
des Generaldirektoriums und des Kollegiums der Minister
führten, sah er sich selbst seit 1722 auf die Justizsachen be—
schränkt: so erhielt er denn nunmehr den Namen eines Ge—
heimen Justizrates und hat als solcher bis zum Jahre 1749
fortgelebt, um dann, gelegentlich der Gerichtsverfassungsreform
Friedrichs des Großen, in den Senat des Kammergerichts auf⸗
zugehen, der zum Obertribunal geworden ist.
Unter dem Großen Kurfürsten aber kam es nach Durch—
bildung einer allgemeinen Zentrale darauf an, diese nun auch
durch Begründung von Unterinstanzen in den einzelnen Ländern
oder durch Unterordnung schon bestehender Provinzialinstanzen
unter sie tatsächlich wirksam werden zu lassen. Möglich war
dies nur, wenn man an das schwere Werk ging, die in sich
abgeschlossenen Provinzialzentralen zu spalten und ihre Teile
den aus dem Geheimen Rate ausgesonderten Berliner Teil—
behörden zu unterstellen. In Betracht aber kam für ein solches
Experiment vor allem die Kommission der Kammerräte, die
nun meist Hofkammer hieß: unter sie sollten aus den Provinzial⸗
zentralen ausgeschiedene Provinzialkammern als mittlere Finanz⸗
behörden treten. Die Versuche, sie zu entwickeln, haben in der
Tat unter dem Großen Kurfürsten begonnen, sind indes bis
auf Friedrich Wilhelm J. so ziemlich ohne Erfolg geblieben.
Neben der Entwicklung der Verwaltung aber handelte es
sich um die Entwicklung des Heeres. Dabei mußte sich der
Große Kurfürst natürlich im Rahmen der Anforderungen halten,
        <pb n="280" />
        360 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

welche die Zeit an die Umbildung der Heere überhaupt stellte.
In manchen Dingen war ihm hierbei Schweden, die große
Kriegsmacht des Protestantismus, besonderes Vorbild; wie denn
auch die spätere militärische Durchbildung der Truppen und
die Idee des Volksheeres, wie sie sich vornehmlich in Branden⸗
burg⸗Preußen entwickelte, zum ersten Male in Schweden in
verwandter Weise verwirklicht worden ist. Man kann daher
sagen: so wie der Große Kurfürst in friedlichen Dingen von
einer anderen großen protestantischen Macht, den Niederlanden,
gelernt hat, so hat er in gewisser Weise analog militärische
Gedanken und auch Ideen der auswärtigen Politik im Baltikum
von Schweden her aufgenommen.
Das erste, was der Große Kurfürst in Sachen des Heer—
wesens tat, war, daß er die ihm überkommenen Truppen, die
dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Kaiser zugleich
geschworen hatten und meuterisch waren, auflöste. Dann warb
er ein neues Soldheer an: 1646 8000, 1651 16000, 1655
26000 Mann. Es war die Truppe, die sich im Jahre 1655
bei Warschau bewährte?. Dabei traf er vor allem die sorg⸗
fältigste Auswahl der werbenden Offiziere und suchte diese
namentlich dem heimischen Adel zu entnehmen. Dennoch kamen
noch viele Ausländer und auch mancher gute Offizier aus fremdem
Dienste: so Sparr aus österreichischem, aus schwedischem Quast,
Pfuhl, Kanneberg, Derfflinger. Gleichwohl wies das Heer
noch die meisten Schäden der Söldnerheere auf. Der Kurfürst
war den Generälen und Offizieren noch verschuldet, und diese
lebten frei, gegeneinander nicht selten in Totschlag und Überfall,
ohne daß der Kurfürst recht einzugreifen vermochte.
Demgegenüber versuchte der Kurfürst nun, wie teilweise auch
seine Nachfolger, noch einmal an ältere, diszipliniertere Formen
der deutschen Heeresverfassung anzuknüpfen?. So an das
Landesaufgebot, die Resterscheinung des Volksheeres der Ur—

Val. Bd. VI, 430 ff., auch, für sterreich, oben S. 535 ff.
»S. oben S. 448 f.
3 Val. Bd. VI, 422.
        <pb n="281" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Kösnigtums. 661

zeit, indem er im polnisch-russischen Kriege preußische Wybranzen
oder Amtsmusketiere aufstellte. So auch an das Ritterheer.
Aber die Versuche blieben erfolglos. Die Landmiliz hat
namentlich unter König Friedrich J. ganz versagt. Der ritter—
liche Adel aber, dessen Lehnsmusterrollen noch bestanden, wollte
schon unter dem Großen Kurfürsten, ja früher, von Kriegs—
dienst nichts mehr wissen; die Junker waren Krautjunker ge—
worden, und zu einer Musterung in Preußen waren bereits
1622 die Herren nicht mehr erschienen, sondern hatten statt
ihrer Schneider und Schuster auf Klepper gesetzt.
Es blieb also nichts übrig, als das Söldnerheer selbst zu
verbessern. Und hierfür war es ein erster Schritt, wenn es
ständig gemacht und allein und direkt vom Staate besoldet
wurde. Freilich ein schwerer Schritt! Denn wo sollten die
finanziellen Mittel dazu herkommen? Aber der Kurfürst rang
— D
der Anfang des brandenburgischen miles perpetuus. Denn
nun erscheint das Heer immer mehr als staatliches Werkzeug
und der Kurfürst als oberster Kriegsherr; die Kapitulationen
werden durch ein fürstliches Kriegsrecht ersetzt, und die Offiziere
werden Beamte. Ein erster Abschluß dieser Bewegung liegt
etwa im Jahre 1684; und spätestens unter Friedrich Wilhelm J.
wird den Obersten auch das bis dahin noch gewährte Recht der
Ernennung ihrer Offiziere genommen. Mit alledem hört dann
zugleich auch die finanzielle Abhängigkeit der Truppe von ihren
Offizieren auf; der Souverän übernimmt die Verpflegung, und
in Brandenburg ist eine erste Verpflegungsordnuug schon im
Jahre 1065 ausgegeben worden. Hand in Hand damit geht
die Verlegung der Truppen in die Städte, wo die Umwandlung
des größten Teiles der Soldzahlung in Naturalverpflegung
leichter durchgeführt werden konnte; sie war für die Infanterie
im Jahre 1684, für die Kavallerie im Jahre 1718 abgeschlossen.
Dabei wurde dann in jeder Provinz für diese Verpflegung
ein Kriegskommissar, und darüber in Berlin ein General—

1Vgal. dazu Bd. VI, 408, 430.
        <pb n="282" />
        862 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

kommissar angestellt: Intendanturbeamte, die nur vom Kur—
fürsten und Könige abhängig waren und deshalb wichtige
Elemente einer künftigen, durchaus absolutistischen Verwaltung
bildeten: das Generalkommissariat ist im Jahre 1712 kollegialisch
organisiert worden und kann als eine der Vorstufen der
päteren Ministerialentwicklung gelten.
Mit all diesen Umbildungen zunächst der Heeresfinanzen
begannen aber zugleich auch andere Verfassungsformen für das
Heer überhaupt einzutreten. Bisher war noch immer viel von
dem alten Landsknechtswesen, von einer autonomen Kriegs—
verfassung des Fähnleins unter den Offizieren erhalten geblieben.
Jetzt, wo die Offiziere anfingen, rein monarchische Beamte
zu sein und die Erhaltung der Truppen an den Kurfürsten
übergegangen war, schwand allmählich diese autonome Ver—
fassung. Charakteristisch ist hierfür vor allem, daß die alte
deutsche Gerichtsverfassung der Truppen verging; an ihre
Stelle traten kurfürstliche Auditoriate; und schon 1692 wurde
ür die Bekleidung einer Auditeurstelle eine juristische Prüfung
vorgeschrieben.
So wird denn die Truppe ein gefügiges Werkzeug in der
Hand des Fürsten; und als äußeres Zeichen dieser Wandlung
tritt schon im 17. Jahrhundert eine beginnende Uniformierung
sowie die Verbesserung des Manövrierens und der Evolutionen
der Truppe nach gemeinsamen Normen auf. Fand nun aber
der Große Kurfürst, indem er so Beamtentum und Heer zu
kräftigen begann, nicht den entschiedenen Widerspruch der
Stände?
Gewiß, er trat auf: aber er konnte bei einem skrupellosen
Verfahren durch Ausspielen der ständischen Interessen gegen—
einander beseitigt werden. Ein solches Verfahren, das beim
Großen Kurfürsten vielfach auf unmittelbaren Bruch positiven
Rechts und Vergewaltigungen von jederlei Art hinauslief, konnte
doch von einem gewissen Standpunkte aus durch die höheren
Zwecke eines werdenden Staates gerechtfertigt werden; und eben
in diesem Kampfe entwickelte sich beim Großen Kurfürsten über
den regulären Fürstenabsolutismus des 16. Zahrhunderts und
        <pb n="283" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d, preuß. Königtums. 663

noch seiner Zeit hinaus ein Staatsbewußtsein, das höheren
Vorstellungen über die Bedeutung der Res publica zustrebte.
Der Widerstreit der ständischen Interessen aber war im
brandenburgisch⸗preußischen Staate des 17. Jahrhunderts nicht
bloß der der einzelnen sozialen Gruppen der Stände unter⸗
einander, wie in den meisten anderen Territorien: in diesem
Falle würde der Widerstand der Stände wohl schwerer zu
brechen gewesen sein. Es kam vielmehr zu diesem Gegensatze
noch der andere der ganzen Stände der einzelnen im Staate
vereinigten Territorien untereinander.
Nach Lage dieser doppelten Gegensätze, die sich zudem,
wenigstens soweit es sich um die sozialen Unterschiede inner⸗
halb der Stände handelte, wiederum noch vielfach in rein
persönliche Feindschaften auflösten, war die Politik des Großen
Kurfürsten gegenüber den Ständen nur selten die großer, an
starken Umschwüngen und kräftig hervortretenden Tatsachen
reicher Kämpfe: fast nur in Preußen ist es zu einem solchen
Austrage gekommen. Im allgemeinen handelte es sich vielmehr
beinahe nur um eine fortgesetzte Reihe kleiner Maßregeln: da
wurden Beschwerdeschriften nicht angenommen oder uneröffnet
zurückgegeben, Landtagsabschiede erlassen ohne den Dissens der
Widersprechenden zu erwähnen, Reverse gegeben, ohne gehalten
zu werden, Steuerbewilligungen angenommen unter der gleich—
zeitigen Mitteilung, daß man auch nicht bewilligte Steuern
militärisch eintreiben werde u. dgl. mehr.
Im ganzen aber erreichte der Große Kurfürst mit dieser
Politik, was er erstrebte: die Übermacht der monarchischen
Gewalt über die Stände. Der Kampfschauplatz war dabei
im wesentlichen ein dreigeteilter: neben dem Zentrum der
hohenzollernschen Besitzungen, der Mark, kamen Cleve und
Preußen in Betracht.
In der Mark hatte der Große Kurfürst schon in den
vierziger Jahren die fürstliche Gewalt durch die herkömmlichen
Mittel, straffere Verwaltung und bessere Finanzwirtschaft, zu
stärken versucht; indes war das Ergebnis unbedeutend geblieben.
Es fehlte die Grundlage alles Fortschritts, Ruhe im Lande,
        <pb n="284" />
        364 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitei.

Achtung von außen und vor allem ein unbestreitbares Über⸗
gewicht der fürstlichen Gewalt über die ständische. Und diese
Grundlage konnte, wir haben es gesehen, nach Lage der Dinge
nur hergestellt werden durch die Errichtung eines miles perpetuus,
 einer ständigen fürstlichen Kriegsgewalt.
Um sie zu erlangen, kam der Kurfürst in den Verhand—
lungen, die mit dem Landtagsabschied des Jahres 1653 ab—
schlossen, dem Adel als dem wichtigsten Teile der Stände weit
entgegen. Als Gegenleistung für die Bewilligung des uns
schon bekannten militärischen Sexennates (530000 Taler auf
sechs Jahre verteilt) bestätigte er den Junkern alle die tat—
sächlichen und rechtlichen Privilegien, die sie in der Zeit der
ständischen Herrschaft, im 16. Jahrhundert, errungen hatten:
die ausschließliche Vorbehaltung aller Lehngüter für sie, eine
günstige Abgrenzung ihrer patrimonialen Stellung gegenüber
der landesfürstlichen Verwaltung und Rechtsprechung: vor
allem die Unterwerfung der Bauern unter die Gutsherrschaft,
wie sie sich im 16. Jahrhundert entwickelt hatte: „Die Leib⸗
eigenschaft thut derer Orten, da sie introducieret und gebräuchlich,
aller Dinge verbleiben.“
Es waren Zugeständnisse, die nur dann einen Sinn hatten,
wenn der Kurfürst entschlossen war, den miles perpetuus
unter allen Umständen auch über das Sexennat hinaus zu
erhalten. Und wirklich war das des Kurfürsten Wille, wie
sich nach Verlauf des nordischen Krieges deutlich zeigte. Als
die Stände nach dem Frieden von Oliva! die Auflösung des
größeren Teiles des Heeres erwarteten und forderten, stellte
sich heraus, daß der Kurfürst vielmehr Umgestaltungen der
Finanz- und Steuerverfassung im Auge hatte, welche die Mittel
zu dessen Erhaltung möglichst unabhängig von den Ständen
gewähren sollten. Und der Kampf zwischen Ständen und
Landesherrn wurde infolgedessen nicht eigentlich noch um das
Heer, sondern um Steuer- und Finanzfragen geführt. Auf
diesem Gebiete aber verlief er überaus hartnäckig; er hat
zwanzig Jahre und länger gewährt.
1 S. oben S. 451.
        <pb n="285" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. KGnigtums. 665

Die Absichten des Kurfürsten gingen dabei auf zweierlei:
auf die Aufhebung der alten Finanzverwaltung, die die
Herrscher ganz in der Gewalt der Stände hielt, und auf die
Begründung eines neuen, von den Ständen möglichst un⸗
abhängigen Finanzwesens.
Die alte Finanzverwaltung war gegeben in dem sogenannten
Ständischen Kreditwerk'. Das Kreditwerk war 1550 be—
gründet worden: gegen Übernahme der kurfürstlichen Schulden
hatten sich die Stände in den beinaghe ausschließlichen Besitz
der Steuer- und Regalienverwaltung des Landes gesetzt: es
hatte sich mithin um eine ziemlich weitgehende Sequestration des
Landes zugunsten der Stände gehandelt. Da sich nun die Macht
der Stände über den Kurfürsten vor allem auf diesem Kredit-—
werke aufbaute, so hatten sie es natürlich nie aus den Händen
gegeben, vielmehr für sie selbst noch dadurch besonders gewinn⸗
reich gemacht, daß sie es noch weiter mit Schulden belasteten,
deren Gläubiger sie zum großen Teile selbst waren. Diese
Schulden betrugen jetzt mehrere Millionen; und ihre Zins—⸗
verwaltung verzehrte so ziemlich die noch vorhandenen Ein⸗
nahmen des Landes.
Das Bestreben des Großen Kurfürsten war nun, dieses
ganze Kreditwerk aufzuheben. Und das gelang ihm wesentlich
durch Einführung einer landesfürstlichen Kontrolle der Ver—
waltung und durch Abzahlung der geschuldeten Summen. Es
war ein Prozeß von überaus langwieriger Art, er rief tausend
Empfindlichkeiten wach: aber schließlich war die Schulden⸗
verwaltung dennoch eine beinahe durchaus landesherrliche
geworden, und ein kleiner, am Ende noch verbleibender
Schuldenrest konnte auf Rechnung des Staates übernommen
werden.
Dieser inneren Befreiung des Finanzwesens von der Um⸗
klammerung durch die Stände ging aber zugleich seine neue
Regelung im fürstlichen Sinne zur Seite. Es handelte sich
da wesentlich darum, die bisherigen direkten Steuern, vor
allem die Kontribution, eine sehr lastende Kopf- und Grund—
steuer, durch ein der Hauptsache nach indirektes Steuersystem
        <pb n="286" />
        5366 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. e

zu ersetzen: was, bei dem ständefeindlichen Charakter jeder
indirekten Steuer, da deren Bewilligung sich dem Votum jedes
Vertretungskörpers leicht entzieht, zugleich eine Einschränkung
der ständischen Macht bedeutete.
Nun waren indirekte Steuern in der Form der Akzise,
einer Erhebung von Kauf und Verkauf, schon in den Städten
des Mittelalters eine gewöhnliche Form der Besteuerung ge⸗
wesen, und dieses System hatte man dann in dem spezifischen
Lande großer deutscher Städte, in den Niederlanden, im
16. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
zu dem sogenannten „Generalmittel“, d. h. zu einem ganzen
System indirekter Territorialsteuern nach Art der Akzise aus—
gebaut. Es war nach Ansicht der Kameralisten des 17. Jahr⸗
hunderts das vollendetste Steuersystem, und allenthalben suchte
man es damals und im 18. Jahrhundert einzuführen!.
Für den Großen Kurfürsten lag bei seinen nahen Be—
ziehungen zu den Niederlanden der Gedanke der Übertragung
dieses Generalmittels, zunächst auf die Mark, sehr nahe. Aber
da stieß er auf einen geradezu bösartigen Widerstand vor
allem der Junker, während die Städte sich eher fügen wollten:
und in der Tat war die Akzise mehr ein System geldwirt⸗
schaftlicher Besteuerung des platten Landes, während sich für
die märkischen Verhältnisse ältere mehr naturalwirtschaftliche
Formen besser geeignet haben würden. Schließlich wurde aber
doch ein Ausweg aus den langen Kämpfen dahin gefunden,
daß die Städte im Jahre 1667 das neue Akzisesystem an⸗
nahmen, während die Junker bei der alten Kontribution ver—⸗
harrten. Doch haben im Laufe der nächsten Jahrzehnte auch
die ritterschaftlichen und stiftischen Landstädte und Flecken die
Akzise angenommen.
Mit den Erträgen der Akzise aber war schließlich nicht
bloß der Finanznot des Staates gesteuert und damit die
Ständigkeit des Heerwesens gesichert; es war zugleich auch die
Macht der Junker auf finanziellem Gebiete wesentlich begrenzt

1Vgl. schon Band VI, S. 412.
        <pb n="287" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 667

und der landesherrlichen Verwaltung ein neues Gebiet er—
schlossen. Denn indem die Städte an die regelmäßige Leistung
der Akzise gewöhnt wurden, erschien allmählich auch die junker—
liche Kontribution als eine regelmäßige, nicht jedesmal mehr
besonders zu verwilligende Last, und indem, wie später noch
genauer zu schildern, die Verwaltung der städtischen Akzise
landesherrlichen Beamten anheimfiel, wurde der fürstlichen
Verwaltung zum ersten Male ein ausgedehntes Gebiet lokaler
Verwaltung neben der Zentralverwaltung gesichert.
Überblicken wir die Errungenschaften des Großen Kur—
fürsten gegenüber den märkischen Ständen, so ergibt sich leicht,
daß sie in sehr einschneidenden organischen Anderungen auf
dem Gebiete des Heerwesens, der Finanzen und der lokalen
Verwaltung bestanden, wenn auch die vollsten Konsequenzen
zunächst nur auf dem Gebiete des Heerwesens gezogen wurden.
Demgegenüber waren die landesherrlichen Errungenschaften in
den Flügelländern des Staates, am Rhein und in Preußen,
teilweise wenigstens, anderer Natur: sie bezogen sich auch mit
auf auswärtige Zusammenhänge.
Innerhalb der rheinischen Territorien griffen auswärtige
Fragen von doppelter Art in die Verhältnisse der sehr kräftigen
Stände von Cleve-Mark ein: einmal nämlich die Frage des
Kondominats Brandenburgs und Pfalz-Neuburgs über die
immer noch als staatsrechtliches Ganzes betrachteten Lande
Cleve⸗Mark und Jülich-Berg, deren Stände zudem durch eine
alte Erbunion verbunden waren; und an zweiter Stelle das
Verhältnis der Stände zu den mächtigen, ihnen vielfach parallel
gestalteten sozialen Schichten in den Niederlanden, zumal seit
der Zeit, da innerhalb der niederländischen Entwicklung die
Macht der Oranier von der holländischen Aristokratenvartei
überholt worden war!.
Von diesen beiden Fragen konnte die erste nur durch eine
Auseinandersetzung der Teilfürsten gelöst werden; diese kam
durch den Erbvergleich des Jahres 16066 zustande, in dem die

S. oben S. 455 ff.
        <pb n="288" />
        868 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

bisher nur provisorisch geltende Landesteilung als dauernd
anerkannt wurde. Zur Lösung der zweiten Frage dagegen
bedurfte es neben einer Politik, die sich zu den Generalstaaten
so freundlich stellte, daß diese an Eingriffe in die Zustände
Cleve⸗Marks nicht mehr denken konnten, vor allem der kräftigsten
Durchführung einer inneren Politik selbst im landesherrlichen
Sinne.
Die rechte Zeit hierzu war nach dem Frieden von Oliva
gekommen, in einer Periode langer, von 1660 bis 1672
währender Friedensjahre, da der Staat des Großen Kurfürsten
nach außen hin im Grunde nur ein ausgedehntes, unwegsames
und aussichtsloses Gestrüpp diplomatischer Verhandlungen zu
passieren hatte, zugleich aber, wenigstens in den ersten Jahren,
mit einiger Freundschaft der Holländer gerechnet werden konnte.
Der Große Kurfürst ging in dieser Zeit sofort ans Werk, und
schon die Landtagsabschiede der Jahre 1660 und 1661 brachten
die Hauptergebnisse. Gewiß blieben auch nach diesen die
Stände noch selbständig genug: sie behielten noch die Ver—
fügung über 12000 Taler jährlicher Steuern und das volle
Steuerbewilligungsrecht, sie wahrten ferner das Privilegium,
sich frei zu versammeln, und das Indigenatsrecht für die Ver⸗
waltung der rheinischen Länder: allein zwei Dinge setzte der
Große Kurfürst dennoch durch, welche die spätere Uniformierung
der Lande mit den hohenzollernschen Zentralgebieten mächtig
vorbereiteten: das Recht, ohne Zustimmung der Landstände
Truppen im Lande zu halten und zu werben, und das Recht
auf ein eignes, nicht mehr auf die Landtagsabschiede vereidigtes
Beamtentum. Heer und Beamtentum begannen damit auch
am Rheine Stützen der brandenburgischen Herrschaft zu werden:
sie begrenzten allmählich den ständischen Sondergeist, lehrten
Land und Leute nach Berlin statt nach dem Haag schauen und
beseitigten damit an ihrem Teile auch den holländischen Einfluß
innerhalb der clevisch-märkischen Grenzen.
Viel stärker als am Rheine und auch in Brandenburg
waren die ständischen Kämpfe, die der Große Kurfürst in
PBreußen durchzufechten hatte. Denn hier handelte es sich noch
        <pb n="289" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 669

viel weniger, als am Rhein, um bloß interne Fragen, sondern
vielmehr um das mächtige Fortwirken polnischen Einflusses;
und da dem Kurfürsten die Souveränität in Preußen erst
während seiner Regierungszeit zugefallen war, die Stände
aber die Gültigkeit dieses Herrschaftsverhältnisses als von ihrer
Zustimmung abhängig betrachteten, so waren die einfachsten
Grundlagen der kurfürstlichen Suprematie in Preußen noch
in Frage gestellt. Dazu kam, daß es sich bei den ständischen
Kämpfen in Preußen mehr als sonst in den hohenzollernschen
Territorien neben dem Adel zugleich um das Bürgertum
handelte: denn Königsberg mit seinen drei Teilstädten war
ein mächtiger Vorort der anderen kleineren Städte des Landes,
und hatte, an der See gelegen und darum dem Verfalle der
deutschen binnenländischen Städte nicht in gleichem Maße
ausgesetzt, einen nicht unbedeutenden Verkehr und ein kräftiges
Bürgertum bewahrt. Endlich aber kam als besonderer Konflikt⸗
stoff hinzu, daß sich in Preußen ein ungemein starres Luther⸗
tum ausgebildet hatte, das wohl mit dem polnischen Katholi⸗
zismus Frieden zu halten geneigt war, den neuen kalvinischen
Herrscher dagegen und sein Gefolge teilweise reformierter Räte
verabscheute.
Unter diesen Umständen war es schon ein Anlaß zum
Zwiste, daß der Kurfürst neben die alte Zentralregierung, die
vier Oberräte des Landes, die aus dem eingesessenen Adel
ernannt werden mußten, noch während des nordischen Krieges
den reformierten, dem preußischen Adel nicht angehörigen
Fürsten Bogislav Radziwill als seinen Statthalter gesetzt
hatte. Als dann der Friede von Oliva geschlossen war, kamen
aber noch andere Streitpunkte dazu. Der Adel hatte sich einen
großen Teil der landesfürstlichen Domänen zu mehr oder
minder eigener Nutzung angeeignet: der Große Kurfürst dachte
an eine „Domänenreduktion“; er wollte den „Kammerstaat“
des Landes wieder unter seine Hände bringen und zur
finanziellen Grundlage der fürstlichen Gewalt machen. Des
weiteren verlangte der Kurfürst jetzt, obwohl die Stände ihm
noch nicht gehuldigt hatten, Geldbeihilfe zur Besoldung der
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 43
        <pb n="290" />
        670 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Truppen: die Möglichkeit ja Gewißheit neuer Steuern, sei es
in Form der Kontribution für das platte Land, sei es in
Form der städtischen Akzise, trat hervor.
Demgegenüber herrschte nun im Lande noch die alte pol—
nische Ungebundenheit, bestanden auch noch starke Sympathien
und zahlreiche Verbindungen mit dem Warschauer Königshofe,
der keineswegs schon auf eine Wiedergewinnung des Landes
verzichtet zu haben schien. Es war eine Lage, aus der sich bei
stärkerer Betonung der landesfürstlichen Ziele durch die Ver—
treter des Kurfürsten im Laufe des Jahres 16601 faktiöse Be—
wegungen in Königsberg unter der Führung des Schöppen⸗—
meisters Hieronymus Roth und verdächtige Verbindungen des
Adels mit Polen, unter Zwischenhilfe namentlich zweier Herren
von Kalckstein, herausbildeten: der Abfall des Landes vom
neuen Herrn schien zu drohen.
Da erschien der Kurfürst persönlich im Herbst 1662 mit
ein paar tausend Mann sicherer Truppen in Königsberg, ließ
Roth verhaften und zu ewiger Gefangenschaft abführen, brach
den städtischen Widerstand und verhandelte in unerschöpflicher
Geduld, aber auch unter Anwendung aller Mittel einer skrupel⸗
losen Diplomatie mit den einzelnen Adligen, während die mit—
gebrachten märkischen Beamten sich der Rekonstruktion des
landesfürstlichen Domaniums unterzogen. Das Ergebnis der
vereinten Anstrengungen war schließlich der Landtagsabschied
vom 1. Mai 1663. Es war noch kein voller Erfolg des Kur—⸗
fürsten bis zu der Höhe der von ihm in der Mark und am
Rhein erreichten Stellung. Im Heerwesen blieb er von dem
Einvernehmen mit den Ständen abhängig, sollte auch,
dringende Fälle abgerechnet, keinen Krieg ohne deren Beirat
erklären. Etwas stärker war der Gewinn auf dem Gebiete
der Verwaltung; die Oberräte gerieten hier in das Verhältnis
wirklicher kurfürstlicher Beamter. Besonders hoch schlug es
der Kurfürst daneben an, daß er in bescheidenen Grenzen
Duldsamkeit für den Kalvinismus durchgesetzt hatte; doch
sollten die Oberräte und die Inhaber auch sonst der wichtigsten
Landesämter lutherisch bleiben.
        <pb n="291" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 671

Soweit endlich das allgemeine staatsrechtliche Verhältnis
zwischen Fürst und Ständen in Frage kam, so war man zu
keiner ganz klaren Stellungnahme gelangt; der Kurfürst hatte
eine beruhigende Deklaration seines „gupremum et directum
imperium“ gegeben und gleichzeitig waren die Stände der
Aufrechterhaltung aller „wohlhergebrachten Freiheiten“ des
Landes versichert worden. Am wichtigsten war schließlich, daß
sich die Stände am 18. Oktober 1663 zur feierlichen Huldigung
in Königsberg entschlossen hatten.
Gewiß war mit alledem in Preußen noch nicht Ruhe ge—
schaffen. Wie die Verbindung besonders feindlicher ständischer
Elemente mit dem Polentum weiter währte — der Große
Kurfürst hat den jüngeren Kalckstein schließlich gegen alles
Völkerrecht in Warschau aufheben, nach Preußen bringen und
enthaupten lassen —, so kam es auch im Innern noch zu
tausend Einzelkonflikten. Und so war es wohl vornehmlich die
Lage in Preußen, die dem Kurfürsten in seinem politischen
Testamente vom Jahre 1667 den Satz an seinen Nachfolger
in die Feder gab: „Je mehr Landtage Ihr haltet, je mehr
Autorität Euch benommen wird, weil die Stände allzeit etwas
suchen, so der Herrschaft an ihrer Hoheit nachteilig ist.“ Doch
wußte sich der Kurfürst auch in Preußen noch weiter zu helfen;
mit einer Fülle diplomatischer Mittel und vorurteilsfreier
Gewalttätigkeiten bröckelte er immer mehr von den historischen
Rechten der Stände ab.
Übersieht man die innere Politik des Großen Kurfürsten
gegenüber den Ständen seiner Länder, wie sie vor allem nach
dem nordischen Kriege allenthalben energisch einsetzte, als
Ganzes, so ist es schwer, ihr Ergebnis auf eine einfache Formel
zu bringen. Es war zunächst nicht überall das gleiche. In
der Mark war der Kurfürst mehr Herr als am Rhein, und
am Rhein mehr als in Preußen. Ziehen wir gar noch
Magdeburg mit in Betracht, so läßt sich für dieses Land
sagen, daß es seine wirkliche Einverleibung im Sinne eines
Ausgleiches ständischer und monarchischer Tendenzen gar erst
in den Jahren 1713 bis 17283 erlebt hat; bis dahin hatte die
43 *
        <pb n="292" />
        372 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Berliner Regierung hier höchstens eine Steuer- und Kirchen⸗—
reform zuwege gebracht, und die gesetzgeberische Initiative
in allen anderen Dingen war noch den Ständen verblieben.
Und wie die einzelnen Länder des Hohenzollernstaates
unter dem Großen Kurfürsten keineswegs schon derselben etwa
gar absoluten Herrschaft des Fürsten unterstanden, so hat der
Kurfürst auch selbst eine solche Herrschaft wohl kaum schon
als ein erreichbares Ziel ins Auge gefaßt. Gewiß hat er
öfters geäußert, er wolle sich absolut machen. Aber er hat
damit keineswegs einen grundsätzlichen Absolutismus seiner
inneren Herrschaft gemeint, sondern nur die Unabhängigkeit
seiner Staaten, auch soweit die Stände in Betracht kamen,
von äußeren Mächten betonen wollen: die preußischen Stände
sollten nicht mehr von Warschau, die rheinischen Stände nicht
mehr von Amsterdam und Wien aus gelenkt werden; alle
Territorien sollten in dem gemeinsamen Herrscher auch den
gemeinsamen Lenker zunächst wenigstens ihrer äußeren Schick⸗
sale finden.
Dabei läßt sich indes nicht verkennen, daß unter dem
Großen Kurfürsten auch für die Durchführung der inneren
Einheit und Gleichheit schon Außerordentliches geleistet war.
War dabei die Souveränität des Landesherrn gegenüber den
Ständen als staatsrechtliches Problem weniger in den Vorder⸗
grund getreten, so war um so mehr die praktische Umklammerung
aller Territorien durch die gleichen Machtmittel des neuen
Fürstentums, durch Beamtentum und Heer tatsächlich vollzogen
worden. In dem Beginn vollendeter Durchbildung dieser
Machtmittel und in der angestrengten Tätigkeit, beide überall
in gleicher Weise zur Entwicklung der Staatseinheit anzu—
wenden, liegt die Wurzel der inneren Politik des Kurfürsten:
in diesen Punkten war er der erste Schöpfer brandenburgisch—
preußischer Größe, und in diesen Punkten ist er auch den
Ständen überall mit gleicher Energie entgegengetreten.
Die Darstellung der Ständepolitik unter dem Großen
Kurfürsten aber trägt unmittelbar hinüber in die selbständige
Geschichte der Finanzen dieser und späterer Zeit: denn zunächst
        <pb n="293" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß Königtums. 673

zur Befreiung dieser vom fremden Einflusse ist der Kampf
gegen die Stände unternommen worden. Indes noch weniger
wie der Kampf gegen die Stände wurde die Entwicklung eines
wesentlich nur fürstlichen Finanzwesens schon vom Großen
Kurfürsten beendet. Vielmehr reichen wichtige hierher gehörige
Bestrebungen noch über die Zeit König Friedrichs J. hinaus
tief hinein in die Regierung Friedrich Wilhelms J.: erst
dieser hat zahlreiche Bestrebungen seiner letzten unmittelbaren
Vorgänger auf diesem Gebiete zu länger währendem Abschlusse
gebracht. Und eben deshalb, weil Friedrich Wilhelm J. in
dieser Materie nicht so sehr als Anfänger erscheint, wie als
Vollender, kann die innere Geschichte Brandenburg-Preußens
vom Tode des Großen Kurfürsten bis zum Regierungsantritte
Friedrichs des Großen am ehesten von einer Darstellung der
Entwicklung der Finanzen her verstanden werden.
Die Einnahmen des Staates ließen auch unter Friedrich
Wilhelm J. noch deutlich ihre doppelte Herkunft aus fürstlichem
Besitze und landständischer Bewilligung erkennen. Zu den
Einnahmen der ersten Art gehörten vor allem die Erträge der
Domänen und Regalien, zu denen der zweiten die Kontribution
und die Akzise; und die der ersten Kategorie wurden bis auf
Friedrich Wilhelm J. eigentlich ganz noch als fürstliches Privat—
einkommen behandelt.
Dabei war der Ertrag aus Domänen, Zöllen und sonstigen
Regalien noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
die einzige völlig regelmäßige Einnahme gewesen.' Aber er
hatte sich in dieser Zeit von durchschnittlich 233 000 Taler in
den Jahren 1612 bis 1617 auf etwa 42000 Taler in den
Jahren 1645 bis 1650 vermindert. Das hatte dann den Großen
Kurfürsten dazu getrieben, auf Veranlassung der Geheimen
Räte von Blumenthal und Tornow seit dem Jahre 1650 an
eine Reform dieser Einnahmen heranzutreten, und der Reform⸗
versuch hatte seit Herbst 1651, nachdem der Graf Waldeck in
des Kurfürsten Dienste getreten war, größeren Umfang an—
genommen. Eine Kommission von vier Geheimen Räten (Waldeck,
Blumenthal, Schwerin, Tornow), von der wir schon hörten, ver—
        <pb n="294" />
        374 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

suchte die spezielle Verwaltung der Domänen und Regalien, wie sie
durch die Amtskammern erfolgte, zu reorganisieren, nahm weiter
den Gedanken einer Verpachtung der Domänen und Zölle energisch
auf, um höhere Einnahmen zu erzielen, und reduzierte zugleich
die Ausgaben durch den Versuch einer geldwirtschaftlichen Be—
handlung des kurfürstlichen Hofhalts und eine damit Hand
in Hand gehende Fixierung und Herabsetzung der Beamten—
gehälter und Verminderung des Personales am Hofe.
Allein von den geplanten Reformen trat nur ein geringer
Teil ins Leben; speziell die Durchführung einer rein geld—
wirtschaftlichen Beamtenbesoldung gelang nicht, und auch die
Verpachtung der Zölle wurde nicht durchgeführt, während die
Domänenverpachtung zunächst so schlechte Resultate ergab, daß
man bei den meisten Domänen nach Ablauf der ersten Pacht-—
zeit wieder auf die Selbstbewirtschaftung zurückgriff.
War damit eine eingehende Reform dieser noch im
17. Jahrhundert fast wichtigsten Einnahmequellen des Staates
gescheitert, so wurde doch in diesem Jahrhundert schließlich
noch die Verpachtung der Domänen, zumeist auf sechs Jahre,
weithin als nunmehr gewinnbringend eingeführt. Zu einer
systematischen Behandlung der Domänenfrage aber kam es erst
wieder im Jahre 1700.
Damals legte ein ehemaliger Beamter der kurmärkischen
Kammer, Luben von Wulffen, König Friedrich J. den Plan
vor, die Verpachtung der Domänen aufzugeben und statt dessen
deren Areal in kleinen Abschnitten als Bauerngüter zu Erb⸗
pacht auszutun. Wulffen berechnete aus einem solchen Ver—
fahren wesentlich gesteigerte Einnahmen; zugleich bevölkere
man das Land; und endlich werde damit auch ein wesentlicher
Anstoß zur Besserung der bäuerlichen Verhältnisse im Sinne
einer Aufhebung der Erbuntertänigkeit gegeben.
Es war ein Plan, auf den der König mit großem Eifer
einging. Aber der Erfolg entsprach nicht den Erwartungen.
Maßregeln, wie die erwähnten, mußten mit äußerster Vorficht
und unter eingehendster Prüfung der zu den Erbpachtstellen
zugelassenen Bauern ausgeführt werden; man hatte in dieser
        <pb n="295" />
        Die nordd. Staaten n. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 675

Hinsicht keine Erfahrungen und ließ es am Nötigsten fehlen.
Hinzu kam, daß sofort große Einnahmen erzielt werden sollten;
gegen alle gute wirtschaftliche Praxis wurden daher die von
den neuen Erbpächtern eingezahlten Erbbestandgelder und
Kautionen in die laufenden Einnahmen einbezogen und den
starken Bedürfnissen des Hofstaats dienstbar gemacht. Endlich
aber nahmen sich die Amtskammern der Durchführung des
Planes nur mit äußerstem Widerstreben an: denn eben sie wollten
keine Reform und wiesen, wie es so leicht von jeder eingewohnten
und routinierten Verwaltung geschieht, jeden Anstoß, der von
außen kam, entschieden zurück. Und konnte man nicht in der
Tat geltend machen, daß es noch zu früh sei, die eigentliche
finanzielle Grundlage der fürstlichen Gewalt, die Domänen
der alten fürstlichen Grundherrschaft, aufzulösen? Läßt sich
nicht auch vom heutigen Standpunkte geschichtlicher Kenntnis
aus die Meinung verteidigen, daß der Staat um das Jahr
1700 aus dem Territorium noch nicht genugsam heraus—
entwickelt war, um eine der wichtigsten Entstehungsgrundlagen
der Territorialgewalt zu liquidieren? Dies war jedenfalls die
Meinung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm; und so schloß er
sich den Gegnern der Reform an, und damit kam diese in den
Jahren 1710 auf 1711 zu Falle.
Als König aber zog dann Friedrich Wilhelm J. alsbald,
schon im Jahre 17183, noch stärker alle Konsequenzen seines
bisher eingenommenen Standpunktes. Er brach nicht ohne
Gewaltsamkeit auch mit den letzten Versuchen der Vererb—
pachtung und gab die Domänen wieder auf kurze Zeitpacht
aus, um sie möglichst ertragreich zu machen; zugleich aber be—
tonte er aufs entschiedenste ihren Charakter im Sinne eines
Besitzes der toten Hand. Sie sollten „inalienabel“ sein: sie
sollten niemals vermindert, nur vermehrt werden dürfen. Dabei
legte er denn auch den Charakter dieses Besitzes als Staats⸗
gut fest, indem er den bisher bestehenden Unterschied zwischen
den Domänen im engeren Sinne und den Schatullegütern als
einem besonderen königlichen Privatbesitze aufsob. Und er
zog aus diesem Verhalten auch insofern die vollen Kon—
        <pb n="296" />
        376 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

sequenzen, als er von den Domanialeinkünften nur eine überaus
geringe Summe, 52000 Taler, etwa ein Sechsunddreißigstel
der Jahreseinnahmen, zu seiner persönlichen Verfügung zurück—
behielt, das übrige dagegen den Zwecken der Staatsverwaltung
dienstbar machte.
War damit die staatsrechtliche Stellung der Domanial—
einkünfte in entschiedener Weise und zugunsten ihres öffentlichen
Charakters geklärt, so sorgte der König zugleich während
seiner ganzen Regierung eingehend für Mehrung und Besserung
des Domanialbesitzes. Das Ergebnis war außerordentlich. Im
Jahre 1713 wurden die Einkünfte auf etwa 1800000 Taler
geschätzt; am Ende der Regierung Friedrich Wilhelms J. waren
sie auf 3300000 Taler gestiegen.
Außer den alten fürstlichen Einkünften aber galt es nun
auch Kontribution und Akzise zu regeln. Zur Zeit der Thron—
besteigung Friedrich Wilhelms J. ergaben die Domänen etwa
die Hälfte der Staatseinnahmen; die andere Hälfte dagegen
wurde Einkünften verdankt, die aus ehemals ständischer Be—
willigung hervorgingen. Es waren dies die Kontribution, eine
direkte Steuer des platten Landes, und die unter dem Großen
Kurfürsten eingeführte Akzise, wie wir wissen!, eine indirekte
Steuer vornehmlich der Städte. Doch war die Kontribution
allerdings nicht die einzige direkte Steuer. Neben ihr kam
noch das Lehnritterpferdegeld, das Kavalleriegeld, der Hufen⸗
und Giebelschoß, die Judensteuer u. a. m. in Betracht. Aber
durchaus im Vordergrund stand sie doch, eine rohe Grund⸗
steuer, die unter den verschiedensten provinziellen Namen,
Generalhufenschoß, Hufensteuer, Landsteuer usw. erhoben
wurde. Im Kreise Beeskow-Storkow z. B. trug das Kavallerie⸗
geld jährlich 1604 Taler, der Hufen- und Giebelschoß 734
Taler, die Kontribution dagegen 6015 Taler.
Diese Kontribution war nun im Grunde schon im
17. Jahrhundert eine durchaus veraltete Steuer gewesen; die
Kataster oder katasterähnlichen Grundlagen, auf denen sie be⸗

S. oben S. 666 f.
        <pb n="297" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. KöHnigtums. 677

ruhte, waren teilweise viele Jahrhunderte alt, zudem gänzlich
ungleichmäßig für die verschiedenen Landesteile durchgebildet.
So hätte hier eine durchgreifende Reform notgetan. Allein
sie durchzusetzen, war schon technisch außerordentlich schwer.
Vor allem aber widerstrebte der Adel jeder Neuerung, denn
die bestehenden Verteilungsmaßstäbe waren ihm günstig. Und
so kam man nicht vorwärts, im 17. Jahrhundert wurde so
gut wie nichts erreicht; aber selbst ein Feuerkopf von der
Art Friedrich Wilhelms J. fand hier zumeist unbesiegbaren
Widerstand.
Am ehesten wurde noch in Vorpommern Terrain gewonnen,
da man sich hier auf die überaus energisch entwickelte schwedische
Vorgesetzgebung stützen konnte, die mit dem Jahre 1691 be—
gonnen worden war. Das Ergebnis war, daß man 4601
Hufen als Steuereinheiten erhielt, die schon seit 1715 je 20 bis
24 Taler, im ganzen 92020 bis 110424 Taler Steuer zahlten.
Dabei war die Belastung um etwa 250/0 geringer als bisher.
Das ganze System war so gut, daß aus der Verwaltung
heraus an Friedrich Wilhelm J. der Vorschlag gelangte, es
auf die übrigen Provinzen zu übertragen, trotzdem, daß
die erste Ausgabe bei der Anlage des Katasters sehr groß war.
In der Tat ist es zur Durchführung wenigstens noch in
Hinterpommern und eingehender noch in Ostpreußen gekommen.
In Hinterpommern wurden in den Jahren 1717 bis 1719 die
Bauerngüter genau katastriert, nicht dagegen, trotz des Königs
ausdrücklichem Befehl, die Rittergüter. Das Ergebnis, wie
es im Jahre 1722 feststand, belief sich auf 19 260 Landhufen
zu je 131/2 Taler, im ganzen also wohl 260010 Taler Steuer⸗
ertrag. In Preußen hatte eine Steuerverfassung, die seit 1666
durchgeführt worden war, ziemlich rasch die kleinen Leute und
die Bauern, allmählich auch den niederen Adel schwer bedrückt,
während sich die kleine Gruppe des hohen Adels, zumeist durch
Defraudation, namentlich durch Verheimlichung der Steuer—
objekte, im Verhältnis zu den anderen Klassen bereicherte.
Diesen Zuständen begann König Friedrich Wilhelm J. selbst,
bei persönlicher Anwesenheit in Ostpreußen im Jahre 1714,
        <pb n="298" />
        678 Einundzwanzigstes Buch. Drittes KNapitel.

entgegenzutreten. Und im Jahre 1715 erfolgte dann die
Einführung des Generalhufenschosses. Aber unter welchen
Schwierigkeiten! Der Graf Truchseß zu Waldburg, der die
neuen Einrichtungen zu treffen hatte, schrieb an den König:
„Mit mir geht es sehr schlecht; ein jeder scheut mich; ich diene
Euerer königlichen Majestät mit Furcht und Zittern, fast auf
niemand kann ich mich verlassen, muß also, das passieret, mit
Gefahr, Mühe und Geld entdecken.“ Worauf ihm der König
schon anfangs versprach: „So die Sache reüssiret, das der
Bauer bestehet nit zu Grunde gehen, werde wie ein Vater
vor ihm und seine Familie sorgen.“ Aber schließlich „reüssirte“
die Sache doch, trotz allen Widerstandes des Adels; eine Unsumme
bisher defraudierter Hufen wurde entdeckt, eine große Menge
von Grundstücken, die der Adel den Domänen entzogen hatte,
zurückgewonnen: Graf Dohna-Schlodien, der Präsident der
ständischen Regierung, hatte z. B. 1100/0 mehr an Hufenschoß
zu zahlen als bisher. Vor allem aber war das Gesamtergebnis
erfreulich; im Jahr 1723 trug der Generalhufenschoß fast
300000 Taler.
UÜbber Pommern und Preußen hinaus ist die Reform der
ländlichen Hauptsteuer unter Friedrich Wilhelm J. allerdings
nicht mehr ausgedehnt worden; erst später, im Jahre 1748, sind
auf Grund ausgezeichneter österreichischer Vorarbeiten Schlesien
und 1772 Westpreußen mit guten Katastralanlagen hinzu—
gekommen: beide Male jüngst eroberte Länder: wie auch die
ältere Bewegung unter Friedrich Wilhelm J. von einem neu
einverleibten Lande, Vorpommern, ausgegangen war. Im
alten Herrschaftsbereiche dagegen dauerte das alte System
verrottet bis ins 19. Jahrhundert fort.
Doch wurden daneben Versuche zur Begründung neuerer
direkter Steuern im Sinne von Klassen- und Berufssteuern
gemacht, namentlich zur Deckung außerordentlicher Bedürfnisse,
z. B. für Kriegsausgaben schon unter dem Großen Kurfürsten,
ja unter Friedrich J. sogar achtmal: aber zu dauernden Ein⸗
richtungen haben sie nicht geführt.
Zu besseren Erfolgen kam es auf dem Gebiete der in—
        <pb n="299" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 679

direkten Steuern. Hier war, wie wir wissen, schon der Große
Kurfürst mit Entschiedenheit tätig gewesen, indem er, zum
Teil im Anschluß an schon vorhandene Steuern des 15. und
16. Jahrhunderts, die neue große Akzise entwickelt hatte. Da
deren Veranlagung in Formen erfolgt war, die für die zweite
Hälfte des 17. Jahrhunderts als sehr modern gelten konnten,
so begnügte sich Friedrich Wilhelm J. lange Zeit mit Ver—
besserungen nur im einzelnen, bis er neue reife Erfahrungen in
dem trefflichen Akzisereglement vom Jahre 1736 als Ganzes
zusammenfaßte. Nach Einführung dieses Reglements konnte die
Akzise wieder als durchaus zeitgemäß geordnete Steuer betrachtet
werden. Für den Staatshaushalt aber war sie um so wichtiger,
als sie sich in stetig zunehmenden Ertragshöhen bewegte, während
die Kontribution ein für allemal festgelegt war. So hat z. B.
die kurmärkische Kontribution in dem Jahrzehnt von 1727 bis
1737 regelmäßig 420000 Taler jährlich betragen, während
der Jahresertrag der kurmärkischen Akzise in diesem Zeitraume
von 365 000 auf 450 000 Taler gestiegen ist. Wirkte so die
Akzise unter Friedrich Wilhelm J. sehr günstig, so verfiel sie
unter seinem Nachfolger: worauf es diesem vorbehalten war,
das System durch Übertragung der Verwaltung an französische
Beamte aufs äußerste verhaßt zu machen.
Neben der Akzise, welche nach wie vor die Hauptsteuer
für die Städte blieb, spielten die Zölle finanziell nur eine
geringe Rolle. Dies um so mehr, als es vor dem Jahre 1805
nicht völlig gelang, die Binnenzölle zu beseitigen, welche die
einzelnen Provinzen voneinander wie Ausland trennten, und
als der Konsum von Kolonialartikeln bei der Armut des Landes
gering war, ja, wie z. B. der Kaffeegenuß unter Friedrich dem
Großen, aus merkantilistischen Gründen geradezu verhindert
wurde.
Auch Regalien und Monopole sowie Stempel, die seit
1682 eingeführt worden waren, fanden neben der Akzise nur
geringe Entwicklung. Außer dem alten Salzregal, das bei
dem eigenartigen mit ihm verknüpften Verteilungswesen fast
wie eine Kopfsteuer wirkte, kommen eigentlich nur nach der
        <pb n="300" />
        880 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Zeit Friedrich Wilhelms J. liegende Versuche in Betracht, so
vor allem, abgesehen von dem seltsamen Gedanken eines Kaffee—
brennereimonopols vom Jahre 1781, das 1765 eingeführte
Tabaksmonopol, das indes bei dem Regierungsantritte Friedrich
Wilhelms II. sein frühes Ende fand, wenn man es auch
unter Friedrich Wilhelm III. noch einmal zu beleben versuchte.
Übersehen wir nunmehr die Ausbildung der ursprünglich
von den Landständen bewilligten Staatseinnahmen in Branden—
burg-Preußen im ganzen, wie sie bis auf die Zeit Friedrich
Wilhelms J. verlief und später in gleicher Richtung weiter geführt
wurde, so ist für sie an erster Stelle bezeichnend, daß sie ungemein
lang alte naturalwirtschaftliche Formen festhielt; denn erst seit
dem Großen Kurfürsten wird diese Grundlage wenigstens als
alleinige Basis verlassen und der Gedanke der modernen Steuer⸗
wirtschaft in der Entwicklung der Akzise eingeführt.
In dem Augenblicke aber, da dies geschah, war es dann
wieder bezeichnend, daß die Akzise nicht für das ganze Land
durchgebildet wurde, sondern bloß für die Städte. Der Grund
dafür lag in der Tendenz, die Junker zu schonen, da diese
bei der alten Kontribution besser fuhren. Und eine Ausnahme
von diesem Schonungsgrundsatze wurde durch Entwicklung einer
moderneren Grundsteuer schließlich zunächst nur für Preußen
und auch für die andern neu erworbenen Länder des 18. Jahr⸗
hunderts, Pommern, Schlefien, Westpreußen gemacht.
Diese Entwicklung, wie sie zum Teil schon unter dem
Großen Kurfürsten begann, sich dann unter Friedrich Wilhelm J.
zum Bessern wandte, schließlich aber unter Friedrich dem Großen
ohne eigentliche Neuerungen fortsetzte, muß als charakteristisch
für den brandenburg-preußischen Staat betrachtet werden:
ohne Unterlaß hat man mit der Schonung der Junker ge—
rechnet. Maßgebend hierfür war, wenigstens noch unter dem
Großen Kurfürsten, die Notwendigkeit, den Staat unter
Zurückstellung des Kampfes gegen die materielle Stellung der
Junker überhaupt erst einmal zu organisieren; später, unter
Friedrich dem Großen, erklärt dann die Absicht, den Staat
mit den Junkern zu regieren, den Verlauf. Friedrich Wilhelm J.
        <pb n="301" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 681

aber hatte an den Finanzen auch noch kein politisches oder
sozialpolitisches, sondern nur ein technisch-finanzielles Interesse:
auch er wollte und mußte nach Lage seines Staates vor allem
höhere Einnahmen erzielen und glaubte diese bei dem bestehenden
Systeme am besten gesichert. Höhere Einnahmen aber hießen
nicht bloß dem Großen Kurfürsten, sondern auch noch den
Herrschern des 18. Jahrhunderts und vor allem Friedrich
Wilhelm J. an erster Stelle intensivere herrschaftliche Ver—
waltung und durchgebildeteres und mächtigeres Heerwesen.
In dieser Hinsicht ist es charakteristisch, daß die endgültige
Ordnung der Zentralverwaltung in Preußen gerade von
der finanziellen Seite her in Angriff genommen wurde und
auch von ihr her schließlich gelang. Und im Grunde führten
doppelte tiefgreifende Ursachen auf finanziellem Gebiete zu
diesem Ausgang.
Erstens lag es in der Natur der Dinge, daß eine Einheit
der Staatsverwaltung immer mehr durch den Drang nach
Einheit der Finanzen veranlaßt werden mußte, sobald die
steigende geldwirtschaftliche Entwicklung darauf führte, alle
Einnahmen auf denselben einheitlichen Nenner, das Geld, zu
bringen. Ließen sich alle Einnahmen auf Geld reduzieren, so
war eine Einheit des Budgets die notwendige Folge: und
diese mußte, da alle Zentralverwaltungen finanziell unterstützt
werden mußten, wieder zur Einheit dieser Zentralverwaltungen
führen.
Zweitens aber wurde mit steigender Geldwirtschaft und
wachsender Unifikation der Einnahmen wie Ausgaben auf
Geld erst eine wirkliche Kontrolle möglich. Diese Kontrolle
erst sicherte zunächst der Finanzverwaltung bis in ihre untersten
Instanzen hinein eine wirkliche sachliche Einheitlichkeit: und
diese Einheitlichkeit wiederum mußte sich dann, da alle anderen
Verwaltungen immer auch mit Geld zu tun hatten, allmählich
auch auf diese übertragen.
Diese Entwicklungsursachen sind nun gewiß allgemeiner
Art; ihre Wirkungen kehren daher auch allenthalben wieder.
Charakteristisch aber für den brandenburgisch-preußischen Staat
        <pb n="302" />
        682 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

ist, daß in seinem Bereiche der soeben angedeutete Weg auf
einfachste und rascheste Weise zurückgelegt wurde; und Friedrich
Wilhelms J. besonderes Verdienst ist es, die Etappen dieses
Weges richtig gesehen und klar betreten zu haben.
Entsprechend der doppelten Herkunft der Finanzen, vom
Fürsten und, durch die Landstände, vom Lande, gab es in
Brandenburg-Preußen wie auch sonst zunächst zwei ge—
sonderte Gruppen von Finanzverwaltungen, eine ursprünglich
rein fürstliche, auf die Grundherrschaft aufgebaute, und eine
territoriale, auf die Landessteuern aufgebaute, die noch im
16. Jahrhundert im wesentlichen ständisch und erst durch den
Großen Kurfürsten insofern verstaatlicht worden war, als sie
sich unter den fürstlichen Willen beugen mußte.
Die fürstliche Finanzverwaltung hatte ursprünglich und
grundsätzlich in einem Domänenamt für die Grundherrschaft
jedes der einzelnen Territorien bestanden, die sich in dem
hohenzollernschen Besitz zusammengefunden hatten. Darüber
hinweg war dann immer wieder versucht worden, eine
Kammerzentrale in Berlin zu begründen. Aber diese Versuche
waren vor dem Großen Kurfürsten der Hauptsache nach ge—
scheitert.

Der Große Kurfürst nahm dann die Vereinheitlichungs—
politik energischer wieder auf. Zunächst begründete er im Jahre
1651 jene Kommission des Geheimen Rats für die Reform und
oberste Geschäftsführung des gesamten Kammerwesens, von der
schon erzählt worden ist!. Dieser folgte, nachdem sie sich
wenig bewährt hatte, eine straffer organisierte und erfolgreichere
Kontrolle in der Hofkammer vom Jahre 16809.
Aber auch deren Geschäftskreis umfaßte keineswegs schon
das ganze Gebiet der Domänen und Regalien. Zunächst be⸗
stand neben ihr nach alter kurmärkischer Einrichtung immer
noch die sogenannte Schatullenverwaltung fort, die Verwaltung
der kurfürstlichen Privatkasse, in welche die Juden- und Straf⸗
gelder, die Münz- und Forsteinkünfte sowie auch gewisse

S. oben S. 658 f., 678 f.
        <pb n="303" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 688

Zoll⸗ und Lizenteinnahmen fielen. Außerdem waren dieser
Kasse allmählich auch sonst große Einnahmen, z. B. aus
Domänen, vor allem aber die Überschüsse der Postverwaltung
(1712 bis 1713: 128150 Taler) zugeführt worden. Und
dann war neben der Hofkammer im Jahre 1698 auch noch
eine neue, besondere Behörde, das Generaldomänendirektorium
begründet worden, dem die Erbpachtsexperimente unter König
Friedrich J. unterstellt wurden. Und so war denn von der
früher erstrebten Einheit der fürstlichen Finanzverwaltung so
gut wie nichts mehr übriggeblieben; und die Provinzial—
behörden, auch sie in sich wiederum gespalten, fügten sich keines—
wegs dem mehrstimmigen Befehlston, der aus Berlin an sie
gelangte.
Demgegenüber ließ Friedrich Wilhelm J. zunächst die
Hofkammer wieder ganz in den Vordergrund treten, nur daß
er ihr seit 1718 den Namen eines Generalfinanzdirektoriums
gab, und unterstellte ihr mit allen andern Kammergütern auch
die Schatullgüter sowie das Forst-, Münz⸗, Post-, Salz- und
Bergwerkswesen: kurz machte sie zur einheitlichen fürstlichen
Oberfinanzbehörde. Es war eine Umwälzung, die nur unter
starken persönlichen Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen
erreicht werden konnte: dafür folgte ihr alsbald, in den
Jahren 1713 bis 1722, die lebhafteste Tätigkeit in der Ver—
besserung des Kammerwesens.
Mit alledem aber war doch erst eine Vereinheitlichung
der ursprünglich fürstlichen Finanzverwaltung vornehmlich der
Domänen erreicht: und neben dieser hatte von alters her als
ein weiterer Zweig doch immer noch die Landessteuerverwaltung,
im 16. Jahrhundert noch ständischen Charakters, gestanden.
Was war nun inzwischen aus ihr geworden?
Von vornherein steht hier zu vermuten, daß diese Ver—
waltung zunächst noch an Bedeutung gewonnen haben mußte:
denn die Landessteuern hatten sich inzwischen, neben der alten,
für das platte Land zunächst gebliebenen Kontribution, in der
städtischen Akzise mächtig entwickelt. In der Tat hatte eben
hieran ein voller neuer Ausbau dieser Verwaltung an—
        <pb n="304" />
        684 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

geknüpft: aber freilich in dem Sinne, daß sie damit zugleich
ganz den ständischen Charakter verloren hatte und rein staatlich,
fürstlich geworden war.
Der entscheidende Anstoß lag dabei bezeichnenderweise in
militärischen Verhältnissen.
In den Söldnerheeren des 17. Jahrhunderts hatten sich
durchweg neben den Kommandeuren, die ja ihre Truppen
selbst aufstellten, Kommissare als Vertreter der Fürsten be—
funden: sie musterten und kontrollierten die Truppen, ver—
eidigten die Offiziere, standen mit dem Fürsten in beständigem
Berichts- und Befehlsaustausch und hatten namentlich die
Verpflegung unter sich. Über mehreren Kommissaren im selben
Heere pflegte dann, dem Feldmarschall zur Seite, ein Ober—⸗
kriegskommissar zu stehen.
Diese Einrichtung galt nun auch für die brandenburgischen
Truppen, und sie war auch beibehalten worden, als diese
zum stehenden Heere wurden. Und so gab es denn jetzt
einen Generalkriegskommissar in Berlin, weiterhin Ober—⸗
kommissare für die einzelnen Länder und unter ihnen noch
für jeden Verpflegungskreis, jeden Intendanturbezirk einen
einfachen Kriegskommissar!. In dieser Stellung, fast nur
militärisch tätig, blieb nun diese Beamtengruppe bis zum
Jahre 1688. Von da ab aber traten für sie zugleich ganz
andere Pflichten auf: sie hatten für die steuerliche und fiskalische
Sicherheit erst der militärischen Verpflegungseinnahmen, dann
aber der Staatseinnahmen überhaupt zu sorgen. Sie revidierten
daher die Kataster und Matrikeln, nahmen Rechnungen ab,
kontrollierten und regulierten die Akzise — kurz wurden all—⸗
mählich zu einer Landessteuer- und Polizeibehörde. Ja noch
mehr: sie dirigierten die Steuern der einzelnen Landstände,
noch ehe sie in deren obersten Kasten einpassierten, in ihre
Verwaltung und begannen dadurch die landständische Steuer⸗
verwaltung, das Palladium der Stände, zu beseitigen und zu
ersetzen.

S. oben S. 661f.
        <pb n="305" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 685

Eben diese Tätigkeit: ihr Übergreifen überhaupt auf die
Gebiete der allgemeinen Staatsverwaltung bei absoluter Ab⸗
hängigkeit vom Fürsten, machten sie nun hervorragend ge—
eignet, ganz generell Träger der weiteren Entwicklung der gesamt⸗
staatlichen Finanzverwaltung zu werden. Wie einst aus der
militärischen Institution der Burggrafen die dezentralisierte
Territorialverwaltung des 14. und 15. Jahrhunderts hervor⸗
gegangen war, so geht daher jetzt von der militärischen Institution
der Kommissare schon nicht mehr bloß die erste staatlich-kurfürst—
liche Steuerverwaltung, sondern geradezu die erste, wenigstens
teilweise dezentralisierte Gesamtstaatsverwaltung Brandenburg—
Preußens aus.
Diese sehr günstige, zu seiner Zeit eben in ganzer Breite
emportretende Entwicklungstendenz wurde nun von Friedrich
Wilhelm J. voll begriffen. Im Jahre 1712 begann er das
bisher einfachere Generalkriegskommissariat in Berlin zu einem
großen, weitgreifenden Kollegium, einer Zentralbehörde für
Militär, Steuern und Landespolizei überhaupt umzuschaffen;
worauf denn auch die Provinzialkommissariate zu kollegialischen
Behörden ausgebildet wurden.
Ferner wurden die unteren Kommissariate mit noch vor—
handenen allgemeinen Resten der autonomen unteren Landes—
verwaltung kombiniert; und damit wurde die Staatsgewalt,
und zwar im Sinne des Gesamtstaates, in Kreise hinein ge—
tragen, die sich bisher fast nur selbst regiert und wenig von
gesamtstaatlichen Einwirkungen gekannt hatten: ein erstes staat—
liches Unterbeamtentum wurde geschaffen. Und zwar in doppelter
Weise: für das platte Land und für die Städte.
Auf dem platten Lande war die alte Vogteiverfassung in
Brandenburg, in Pommern und in Magdeburg, wie in Preußen
die alte Amtsverfassung, in Westfalen die frühere Drostei
beinahe zugrunde gegangen. Die adligen Inhaber von Ritter⸗
gütern jedes Bezirks hatten, so wenigstens im Osten, sich als
ständischer Körper zusammengetan und an ihre Spitze je einen
Führer sehr verschiedenen Namens berufen, der in ihrem und
halb wohl auch in fürstlichem Auftrage die Verwaltung führte.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 44
        <pb n="306" />
        686 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

In Brandenburg hatten diese Führer 1702 den ursprünglich
pommerschen Titel der Landräte erhalten. Jetzt nun wurden
diesen Führern, für die allmählich der Name Landrat allgemein
durchgedrungen ist, vom Könige die Funktionen des Unter⸗
kommissars übertragen: Truppenverpflegung und bald auch
Truppenführung, Steuerverteilung, Landespolizei. Und so
wurden sie denn zur allgemeinen Verwaltungsbehörde des platten
Landes; seit 1717 publizieren sie alle königlichen Gesetze und
Verordnungen: sind, obwohl sie zumeist noch von den Ständen
des Kreises vorgeschlagen werden, doch königliche Beamte: ver—
einigen in gesunder Weise autonome und staatliche Wirksamkeit.
In den Städten vollzog sich eine in gewisser Hinsicht
analoge Entwicklung von anderer Seite her. Sie knüpfte an
die Erhebung der Akzise an. Diese sollte schon nach einer
Instruktion vom Jahre 1680 fur die brandenburgischen Städte
rechnungsmäßig von besonderen kurfürstlichen Kommissaren ge—
prüft werden. Als solche Kommissare wurden nun seit
Friedrich Wilhelm J. durchgängig und ständig Beamte der
Kriegskommissariatsverwaltung angestellt, und zwar erhielt jeder
dieser Beamten (Steuerkommissare) eine Gruppe von sechs bis
fünfzehn jährlich zweimal zu bereisenden Städten. Aber sehr
bald wurden seine Pflichten weit über die anfängliche
Rechnungsprüfung ausgedehnt. Er hatte nun überhaupt der
„Städte Bestes“ zu fördern; er unterwarf die ganze städtische
Verwaltung seiner Kontrolle und die Verfassung zum großen
Teile seiner Willkür. Als echt absolutistischer Beamter griff
er überall durch. Und unter ihm standen nun Polizeireiter,
Fabrikinspektoren, Fabrikkommissarien, Bauinspektoren und
andere Beamte mehr; sein Amt galt früh schon als be—
sonders wichtig und wurde als günstiger Ausgangspunkt für
die höhere Beamtenlaufbahn betrachtet.
Mit alledem war ohne viel Aufhebens eine außer⸗
ordentliche Revolution vollzogen. Nicht bloß, daß jetzt die
ursprünglich ständische Finanzverwaltung völlig über den
Haufen geworfen und statt dessen eine staatliche Steuer—
verwaltung entwickelt worden war: diese Steuerverwaltung,
        <pb n="307" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 687

hervorgehend aus militärischen Verhältnissen, und darum nach
dem bloßen Befehl der fürstlichen Kriegsherren dehnbar, hatte
— D
weitert.
Aber daneben stand nun noch die alte rein grundherrlich—
fürstliche Finanzwerwaltung der Domänen und Regalien: das
Generalfinanzdirektorium mit seinen Kammern in den einzelnen
Territorien! Es war klar, daß es gegenüber dieser neuen
Entwicklung ins Hintertreffen geraten mußte. Zunächst hatte
es unter den Mittelbehörden, unter den Kammern, allerdings
noch lokale Instanzen, allein rein fiskalischer Natur: die
Domänenpächter, die Zollverwaltung u. dgl. mehr. Die An—
fänge einer rein staatlichen Lokalverwaltung dagegen waren
nur unter den provinzialen Kommissariatsbehörden in Landrat
und städtischem Steuerkommissar vorhanden. Und in den
höheren Stufen, in dem Organismus der Territorial- und
der Zentralinstanzen erschienen jetzt die Kammern und das
Generalfinanzdirektorium als nur mit engerem Horizont aus—
gestattete, mehr fürstlich-privatwirtschaftlich charakterisierte Be—
hörden älteren Stils in unangebrachtem Wettbewerb mit den
Provinzialkriegskommissariaten und dem Berliner General—
kommissariat. In der Tat stellten sich zwischen diesen doppelten
oberen und mittleren Instanzen bald Reibungen ein, die, an
sich schon wenig erfreulich, geradezu schädlich dadurch wurden,
daß die Kammern ihrem ganzen Wirkungskreise nach vornehmlich
das platte Land begünstigten, während die Kommissariate,
jung, lebensfrisch, Vertreter der modernen staatswirtschaftlichen
Ideen, mehr für die Städte eintraten: so daß sachliche Gegen—
sätze allgemeinster Natur den Reibungen der Ressorts unvermutete
Schärfe gaben.
Unter diesen Umständen blieb nichts übrig, als die Zwie⸗—
heit der obersten Behörden je eher je lieber aufzuheben. Nach
manchen schwierigen Experimenten erreichte Friedrich Wilhelm J.
dies Ziel endlich durch die ganz von ihm entworfene und
der Verwaltung unversehens aufoktroyierte Instruktion für ein
zu begründendes „General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domänen—
44 *
        <pb n="308" />
        588 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

direktorium“ vom 20. Dezember 1722. Diese Instruktion ver—
schmolz, wie schon der Titel der durch sie eingeführten Behörde
besagt, die bisherigen beiden obersten Instanzen zu einer; am
19. Januar 1723 fiel der „Donnerschlag“, wie Friedrich
Wilhelm J. seine Instruktion nannte, auf die Häupter der
Räte beider Behörden; und bald trat das Generaldirektorium,
wie man die neue einheitliche Oberinstanz bald abkürzend
nannte, ins Leben.
Damit war denn für die gesamte innere Verwaltung eine
einzige große Zentralbehörde mit allein ihr untergeordneten
Mittel- und Unterbehörden geschaffen: erst jetzt konnte des
Königs Befehl gewiß sein, im Lande unverzügliche und ein—
deutige Ausführung zu finden. Zugleich aber hatte der König
schon längst begonnen, die Kontrolle für die neue Verwaltung
nach der finanziellen Seite hin, die besonders der Aufsicht be—
dürftig war, zu begründen. Bereits im Jahre 1714 war für
die beiden noch miteinander konkurrierenden Behörden die
Generalrechenkammer errichtet worden; und dem war 1721
und 1722 die Gründung einer ostpreußischen und einer magde—
burgischen Provinzialrechenkammer gefolgt. Freilich blieben das
immer noch unvollkommene Behörden; die finanzielle Kontrolle
der unteren Instanzen lag ihnen noch nicht ob; so war z. B.
vor allem die Prüfung der Akziserechnungen nach wie vor
Sache der Steuerkommissarien und entbehrte damit tatsächlich
des nötigen Fundamentes. Erst vom Jahre 1768 ab gingen
auch die Spezialrechnungen an die Oberrechenkammer und
wurde damit wenigstens die notwendigste Kontrolle der in—
zwischen mächtig emporgeblühten Bureaukratie erreicht.
Außer der inneren Verwaltung aber war es namentlich
das Heerwesen, dem Friedrich Wilhelm J. seine Sorge zu⸗
wandte. Hier war allerdings der miles perpetuus, wie früher
erzählt, schon durch den Großen Kurfürsten begründet worden.
Aber bei der Durchführung des Gedankens des stehenden Sold⸗
heeres war man doch in Preußen wie anderwärts bald auf

S. oben S. 650 ff.
        <pb n="309" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 689

große Schwierigkeiten gestoßen. Je mehr die Nation sich von
den Abenteurerjahren des Großen Krieges erholte und in
wirtschaftlich freierer Selbstbestimmung mit Erfolg tätig wurde,
um so schwerer fanden sich junge Leute zum Solddienst. Und
je mehr man die Heere vermehren wollte, um so mehr wuchsen,
auch verhältnismäßig, die Kosten.
Gegen diese Erscheinungen mußte Abhilfe gesucht werden.
Vor allem galt es, Mannschaften auf andere Weise als durch
Werbung und um Sold zu gewinnen!. Es geschah vielfach,
indem man auf die Pflicht des alten Landesaufgebots zurück—
griff und danach die kriegsfähigen Leute überhaupt, sei es
ohne Ausnahme, sei es unter Auslosung und unter Freilassung
gewisser Kategorien, als Miliz auszubilden suchte. In dieser
oder jener Form, noch sehr verschleiert, kündigte sich damit
gegenüber dem Soldheere schon das Volksheer, gegenüber der
Werbung die allgemeine Dienstpflicht an.
In Brandenburg-Preußen trat man dieser neuen Ideen⸗
welt seit 1691 in folgender Weise nahe: die Werbeoffiziere jedes
Regiments erhielten im Lande bestimmte, nur ihnen zugewiesene
Quartiere, Muster⸗- und Sammelplätze; den Bezirken, in welchen
diese lagen, wurde es dann gestattet, ihrerseits statt der Offiziere
Leute des Bezirks gegen ein sehr mäßiges Werbegeld, unter
Umständen zwangsweise, auszuheben. Man war damit, wenn
auch noch unsicher tastend, doch auf dem Wege zur zwangs⸗
weisen Dienstpflicht, die das Prinzip der Allgemeinheit nach
sich gezogen haben würde. Daneben aber experimentierte man
noch mit dem alten Landesaufgebot und der Lehnsdienstpflicht
der ritterlichen Zeiten?.
König Friedrich Wilhelm J. machte nun nach seiner Thron—
besteigung zunächst allem Schwanken ein Ende. Er brach end—
gültig mit den ältesten Formen, hob- also das Landesaufgebot
auf und löste die Pflicht der persönlichen Lehnsdienste mit
klingender Münze ab. Anderseits aber ging er, unter Aufgabe

VBgl. dazu schon Band VI I. 2, 432 ff.
2 S. schon oben S. 660f.
        <pb n="310" />
        590 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

aller neueren Versuche, völlig auf das ursprüngliche Werbe—
prinzip zurück, verbot daher jede Zwangsaushebung und ver—
legte, um sich gegenüber dem Mangel an Rekruten zu helfen,
weit mehr als bisher die Werbung ins Ausland. Es war
konsequent, aber an sich ein Rückschritt.
Und bös genug waren auch die Folgen. Das Geld für
die Werbung ging aus dem Lande; das Heer rekrutierte bis
zu zwei Dritteln des Bestandes seiner Mannschaften aus dem
Ausland; massenhafte Desertionen erfolgten; und die Nachbar—
staaten ergingen sich in immer heftigeren Reklamationen über
die preußischen Werbebureaus auf ihrem Gebiete. Kurz, die
gefundene Lösung erwies sich als auf die Dauer unhaltbar.
Darauf lenkte Friedrich Wilhelm J. in gewissem Sinne
radikal in die Bahnen der ältesten Heeresverfassung zurück,
indem er deren Grundlagen freilich in ganz moderner Form
erneuerte. Das Kantonreglement vom 15. September 1738
sprach den Grundsatz aus, daß alle Männer des Landes für
die Waffen geboren seien, und zog daraus die Konsequenzen.
Für die nichtadligen Bewohner des Landes wurde dieses
in Kantons von durchschnittlich 5000 Feuerstellen für ein
Infanterieregiment, von 1800 Feuerstellen für ein Kavallerie—
regiment geteilt; und in diesen Kantons wurden nun die jungen
Leute verzeichnet, enrolliert, und nach der Rolle in bestimmter
Anzahl jährlich zu dem Regimente des Kantons einberufen.
Es war das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht. Indes
durchgeführt wurde dies Prinzip nur bis zu einem gewissen,
ziemlich geringen Grade. Für die sogenannten besseren Kreise
kam es zu zahlreichen Ausnahmebestimmungen, in Wirklichkeit
diente nur die ländliche und kleinbürgerliche Bevölkerung, und
da sie nicht ausreichte, so standen neben ihr zahlreiche doch
wieder geworbene Leute im Heere!.
Für den Adel wurde daneben ein besonderes Verfahren
eingeschlagen. Er war keineswegs schon an den Dienst im
heimatlichen Heere gewöhnt; weit lieber ging er in dänische

Vgl. dazu Bd. VI, 433.
        <pb n="311" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickld. preuß. Königtums. 691

und holländische, russische und polnische Dienste. Jetzt aber
sollte auch er, in seiner Weise, der Kriegsdienstpflicht des
Landes unterworfen werden. Friedrich Wilhelm nahm die
Aufgabe, die hier zu lösen war, so ernst wie möglich; er war
sich bewußt, in diesem Zusammenhange an einem Grundpfeiler
seines Staates zu bauen. Zunächst steigerte er das Standes—
gefühl in dem bestehenden Offizierkorps seines Heeres; schlechte
Elemente wurden in ganzen Massen entfernt, und nur selten
noch brachten es, nachdem die Ernennung aller Offiziere an
den König übergegangen war, Gemeine, die von der Pike auf
dienten, zum Offizierspatente. Vielmehr wurde auf eine ge⸗—
eignete und schon standesgemäße Ausbildung in Kadetten⸗
häusern und Pagerieen der größte Wert gelegt; und neben
den Adligen wurden unter Friedrich Wilhelm, im Gegensatze
zu der Zeit seines großen Sohnes, auch Bürgerliche zugelassen.
Traten aber die Kadetten als Offiziere ins Heer, so galt für
sie das unverbrüchliche Gesetz des Gehorsams, es sei denn,
daß ein Befehl sich gegen die Offiziersehre richte.
In diese Laufbahn wurde nun die Jugend des Landes—
adels nicht bloß hineingezogen, nein völlig hineingezwungen;
in Ostpreußen sind geradezu Enrollierungslisten der Junker
zwischen zwölf und achtzehn Jahren aufgestellt worden, und
mehr als einer von ihnen wurde mit Gewalt durch Unter—
offiziere und Polizeiausreiter zum Berliner Kadettenhause
gepreßt. Es war der harte Weg, auf dem die ständische
Opposition der Bismarck, Alpensleben, Schulenburg in der
Altmark, der Kalckstein, Burgsdorf, Wilich in Preußen zugunsten
staatlichen Pflichtgefuhls beseitigt wurde; es war die Erziehung,
aus der der an Sprache und Bildung rohe Adel, der bisher
nur nach Titeln und Benefizien gehungert hatte, ja der teil—
weise verlumpt in dem Metier des Krippen- und Wurstreiters
im Lande herumgezogen war, zu dem stolzen, staatsmännischen
Junkertum Preußens im 19. Jahrhundert heranwuchs.
Vor allem aber wurde durch das ganze System der könig—
liche Dienst, und das hieß an erster Stelle wieder das Heer—
wesen gefördert. Das königlich preußische Heer, das 1713 aus
        <pb n="312" />
        592 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

etwa 38 000 Mann, eine schon beachtenswerte Zahl, bestanden
hatte, wuchs unter Friedrich Wilhelm J. bis auf 80000 an.
Es war zu einer Zeit, da Osterreich über etwa 100 000, Ruß—
land über 130000, Frankreich über 160000 Mann verfügten.
Unter Friedrich Wilhelm J. wuchs Preußen auf diese Weise über
ihm früher militärisch etwa ebenbürtige Mächte wie Sachsen oder
Sardinien um ein schier Unbegreifliches empor; um 1740 war
es unter den größeren europäischen Staaten an Bevölkerung
der dreizehnte, an Flächenraum der zehnte — an Kriegsmacht
der vierte.
Natürlich war eine solche Entwicklung nur unter kolossaler
Anspannung des Landesbudgets für militärische Zwecke denkbar;
beliefen sich die Staatseinnahmen auf etwa ẽ Millionen Taler,
so wurden davon 5 Millionen für das Heer verausgabt.
Da durfte man denn freilich fragen, ob nicht das all—
gemeine Staatsinteresse, insbesondere die Landeswohlfahrt unter
dieser Entwicklung bedenklich litte. —
Das 16. Jahrhundert war die große Zeit gleichmäßig
ständischer und fürstlicher Fürsorge für die territoriale Gesetz⸗
gebung und Wohlfahrtspflege gewesen. Im 17. Jahrhundert
hatten sich dann die Dinge gewandelt. An Stelle der beiden
staatlichen Brennpunkte der Territorien, der ständischen und
der fürstlichen Gewalt, war immer mehr allein nur die fürstliche
Gewalt getreten. Die Stände begannen zu verfallen, und einmal
im Verfall begriffen wurden sie eng in ihrem Wesen, egoistisch
in ihrem Tun, und somit Hindernisse des allgemeinen Fort⸗
schritts. In dessen Interesse mußte man daher schon gegen
Ende des 17. Jahrhunderts wünschen, daß ihr Einfluß volleuds
gebrochen werde.
Aber selbst dieser Wunsch war in Brandenburg⸗Preußen
wenigstens unter König Friedrich Wilhelm J. eigentlich nicht
mehr nötig. Gewiß versammelten sich die Stände in den
einzelnen Territorien des Staates noch ziemlich regelmäßig.
Aber sie hatten wenig mehr zu sagen. Mit gerechtfertigter
Geringschätzung konnte Friedrich Wilhelm J. mehr als einmal
äußern: „Ich lasse den Herrn Junkers den Wind vom Land⸗
        <pb n="313" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 693

tag.“ Die Stände, die unter dem Großen Kurfürsten noch
Mächte gewesen waren, gegen die Kampf nötig war und ein
Sieg sich verlohnte, waren inzwischen durch den Fortschritt
der fürstlichen Verwaltung und des Heerwesens innerlich aus—
gehöhlt worden; sie hatten das Mark ihrer Rechte verloren
und lebten nur als mürbe Träger äußerer einmal vorhandener
Verfassungsformen noch fort. Gewiß gaben sie einem so eigen—
richtigen und starrsinnigen Herrscher wie Friedrich Wilhelm J.
gelegentlich noch Anlaß zur Prägung brutaler Epigramme,
wie des vom „Rocher von Bronse“, aber irgendwie schaden
konnten sie der staatlichen Entwicklung nicht mehr. Gelegentlich
beharrten sie dabei wohl auch ihrerseits halsstarrig auf irgend—
einem ihrer veralteten Privilegien, z. B. auf der Stellung
ihrer „Ritterpferde“, als der König im Jahre 1717 die Allodi—
fikation der Lehen durchsetzen wollte; aber diese Stürme im
Glase Wasser hatten nichts mehr zu bedeuten. Das innere
Schicksal des Landes, der Fortschritt in Landeswohlfahrt und
Landesrecht war in Preußen wie auch sonst zumeist und
vielleicht noch mehr als anderswo Sache der Monarchie ge—
worden.
Suchen wir nun aber die Leistungen der Monarchie in
dieser Hinsicht festzustellen, so bedarf es zunächst der Be—
merkung, daß die Sorge für den inneren Fortschritt der Länder
in der Zeit der absoluten Monarchie ganz allgemein längst
nicht so groß gewesen ist, als man jetzt, in einem Zeitalter
sozialer Interessen, glaubt oder glauben machen will. An sich
hatte die absolute Monarchie keinerlei direktes inneres Ver—
hältnis zu den sozialen Fragen; und niemals hat sie den An—
spruch erhoben, ein soziales Königtum im Sinne gleich ver—
teilender Gerechtigkeit zu sein. Ihre Interessen waren viel—
mehr auf äußere Macht und äußeren Glanz des Staats ge—
richtet. Darüber hinausgehende Ziele wirklich demokrati—
sierenden Charakters, die uns heute teilweise als sozialpolitische
Anwandlungen erscheinen können, erhielt sie nicht aus der ihr
zugrunde liegenden politischen Ideenwelt, sondern aus dem
sich immer kräftiger regenden Geistesleben des dritten, bürger—
        <pb n="314" />
        694 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

lichen Standes. Dessen geistige Haltung aber war lange Zeit
hindurch, von etwa 1720 oder 1730 ab bis tief hinein in die
zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, vornehmlich durch Inter—
essen ganz anderer als politischer Art bestimmt: er suchte die
Verwirklichung der ihm innewohnenden demokratischen Tendenz
da, wo sie zunächst am leichtesten zu erreichen war, auf geistigem,
literarischem, wissenschaftlichem Gebiete; und überließ es zu—
nächst den Obrigkeiten, die politischen Folgerungen zu ziehen,
soweit sie dies wollten. In diesem Sinne und Zusammenhange
war in Deutschland seit etwa 1730 bis 1740 eine aufgeklärte
Monarchie möglich, d. h. eine Monarchie, die teilweise schon
unter den politischen Reflexen des Geisteslebens des Bürger⸗
tums arbeitete.
An dieser Stelle indes hält unsere Erzählung noch vor
der Mitte des 18. Jahrhunderts inne: und da findet sie denn
den Großen Kurfürsten und seine Nachfolger bis auf Friedrich
den Großen nach innen hin noch nirgends von den be—
herrschenden Impulsen jener späteren Jahre der Aufklärung
getragen; denn das Ziel dieser Herrscher war noch niemals so
sehr oder gar etwa allein die Wohlfahrt ihrer Völker, wie
die Größe und Würde ihrer Herrschaft. Und darum waren
sie sozialen Ideen an sich, wenn diese sich nicht ihrer Macht⸗
ind Würdepolitik anschlossen, keineswegs leicht zugänglich.
Deutlich zeigt sich das namentlich in der Behandlung der
Gesellschaftsschichten des platten Landes. Hier war, soweit
die Bevölkerung als Ganzes in Betracht kam, das einzige Be⸗—
treben der Herrscher die Peuplierung aus militärischen und,
wenn auch im weitesten Sinne des Wortes, fiskalischen Rück—
sichten. Dieser diente auch die innere Kolonisation, die schon
unter dem Großen Kurfürsten nicht unbedeutend gewesen ist und
neben Schlesiern, Lausitzern, Pommern und Rheinländern
namentlich, unter dem Schutze der Oranierin Louise Henriette,
auch Holländer ins Land führte: nach ihnen ist damals der Ort
Bötzow in Oranienburg umgetauft worden. Noch bedeutender
wurde dann die innere Kolonisation unter Friedrich Wilhelm J.;
vor allem die Aufnahme der Salzburger kommt hier in Be⸗
        <pb n="315" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 695

tracht. Sie wurden, von dem Erzbischof Firmian wegen ihres
protestantischen Glaubens verfolgt, vom Könige im Jahre 1732
nach Preußen eingeladen und hier besonders zur Wieder—
bevölkerung Ostpreußens verwendet, das im nordischen Kriege
schwer gelitten hatte; in den litauischen Gebieten speziell sind
sie mit über 15000 Seelen angesiedelt worden. Es war
ein Werk, das Friedrich Wilhelm J. mit großer Einsicht und
lebhafter Zuneigung betrieben hat; fanden hier doch neben den
wirtschaftlichen Interessen, die der König in den Worten:
„Menschen halte ich für den größten Reichtum“ zusammen—
faßte, zugleich auch seine religiösen und protestantischen
Neiqungen Befriedigung.
Über die innere Kolonisation hinaus aber sind die Hohen—
zollern bis auf Friedrich Wilhelm J., und ist auch Friedrich
Wilhelm J. selbst, der hierzu noch am ehesten Neigung gehabt
haben würde, der Besserung der sozialen Verhältnisse auf dem
platten Lande nicht nähergetreten. Vor allem der Große Kurfürst
hat nicht nur nichts für den Bauernstand getan, sondern ihn noch
mehr den adeligen Gutsherren ausgeliefert. Er folgte damit
ganz den politischen Grundsätzen seiner Zeit, die ihn vor allem
auf Willfährigmachung des ständischen Adels zur Mitarbeit an
fürstlicher Größe hinwiesen; seine Bauernpolitik unterscheidet
sich daher nur wenig von derjenigen Colberts. Im ganzen
auf dem gleichen Standpunkte stand aber auch noch Friedrich
Wilhelm J., und selbst unter Friedrich dem Großen wurde zur
Verbesserung der bäuerlichen Verhältnisse tatsächlich wenig
erreicht, trotz einer gewissen, übrigens noch geringfügigen
AÄnderung der leitenden Grundsätze.
Weit mehr als für das platte Land kann man, wenn auch
noch nicht von einer Sozialpolitik, so doch von einer Wirtschafts—
politik der Zeit vor 1740 reden, soweit das Bürgertum und
die Städte in Betracht kamen.
Der Ausgangspunkt dieser Politik liegt in der Zeit des
Großen Kurfürsten und knüpft zunächst an dessen Handels—
bestrebungen an. Wir wissen schon!, wie lebhaft bei den
S. Band VI S. 442 ff.
        <pb n="316" />
        896 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

deutschen Fürsten des 17. Jahrhunderts fast überall der Wunsch
war, den verlorenen Zusammenhang mit den Wegen des
Welthandels wiederherzustellen; und welche Fülle überseeischer,
leider nach Lage der Verhältnisse zum Mißerfolg vorher—⸗
bestimmter Pläne diesem Wunsche entstammten. Auch der
Große Kurfürst, und er mit am lebhaftesten, hat diesen Be—
strebungen gehuldigt. Aber daneben standen die Sorgen des
heimischen Verkehrs: er vor allem mußte nach dem Großen
Kriege gehoben werden, sollte die Nation nicht noch mehr in
naturalwirtschaftliche Verhältnisse zurücksinken. Es war die
fast einstimmige Ansicht aller einsichtigen Fursten: von der Hebung
des Verkehrs sind sie ausgegangen, um den noch aus dem
16. Jahrhundert her vorhandenen Herden der Industrie
und des Handwerks neue Anregung und neues Leben zu ver—⸗
schaffen.
Für den hohenzollernschen Herrschaftsbereich kamen dabei
wesentlich zwei Gesichtspunkte in Betracht: die weite Aus—
dehnung seiner einzelnen Teile über den ganzen Norden
Deutschlands vom Rhein bis zur Memel, und die zentrale
Lage der Mark Brandenburg im kolonialen Norden. Von
diesen Gesichtspunkten konnte der erste zu keiner geschlossenen
Handelspolitik führen: was hatten, unter den Verhaͤltnissen der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der Niederrhein, die
Mark und Preußen an Interessen zur Hervorrufung großer
Handelsverbindungen gemeinsam? Wohl aber erforderte hier
die Staatsfürsorge und, wie sich bald zeigte, auch das Privat—
interesse des Fürsten wenigstens die Herstellung einer ständigen
Einrichtung für den Austausch von Nachrichten und Ideen,
einer dauernden Postverbindung. Dem stand allerdings das
Taxissche Reichspostregal entgegen. Aber der Große Kurfürst
kehrte sich gleich anderen Fürsten größerer Territorien wenig
daran, sobald sich zeigte, daß die Taxisschen Einrichtungen dem
staatlichen Bedürfnis einer Zentralisation der Geschäfte in Berlin
nicht genügten. Schon in den letzten Jahren des Osnabrücker
Kongresses richtete er daher eine gut funktionierende Dragoner⸗
post von Berlin über Osnabrück nach Cleve ein; es war der
        <pb n="317" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 697

Anfang der glänzenden Entwicklung des brandenburg-preußischen
Postwesens, das schon unter seinem ersten Hofpostdirektor
Matthias (1654 -1684) zu hoher Blüte gedieh.
Die eigentliche Handelspolitik beschränkte sich auf die
Mark. Für sie suchte der Kurfürst, soweit das möglich war, all
die überaus günstigen Voraussetzungen! zu entwickeln, die in der
zentralen Lage des Landes gegeben waren. Aber die Hindernisse
erwiesen sich doch als außerordentlich. Die Oder, derjenige Fluß,
auf den das Land vornehmlich angewiesen war, so lange nicht
Magdeburg zu ihm gehörte, war im Norden mit Stettin im Be—
sitze Schwedens, im Süden mit Breslau im Besitze Österreichs.
Wie sollte da das zwischenliegende brandenburgische Frankfurt
gedeihen? Die Elbe aber, die sich dem Lande durch die Havel
öffnete, war durch Zölle halb geschlossen und führte, da ein
Verkehr nach den Odergegenden zu durch die dreiherrige
Handelsherrschaft an diesem Flusse ausgeschlossen schien, nur
nach Sachsen und in das Elster- und Saalegebiet mit Leipzig
als Hinterland.
Dementsprechend hatten sich, mit fast völliger Umgehung
Brandenburgs, Handelslinien des kolonialen Ostens aus—
gebildet, die von Breslau aus einmal auf Stettin verliefen,
vor allem aber von Breslau aus über Leipzig nach Hamburg
führten. In ihnen pulsierte ein Verkehr, der einerseits
die Produkte des europäischen Ostens Deutschland und
den Weststaaten vermittelte und anderseits den Osten mit
Kolonialwaren und den Erzeugnissen des westlichen Gewerb⸗
fleißes versah.
Der Große Kurfürst trat, zum Teil durch den Hofpost—
direktor beraten, diesem Stande der Dinge, der im Grunde
auf die Erwerbung von Stettin und Breslau, also von
Pommern und Schlesien, sowie auf die Entwicklung eines
brandenburgischen Einflusses auf der Unterelbe hinwies, zunächst
mit einem einfacheren, ihm zugänglichen Mittel entgegen: im
Jahre 1662 begann er und im Zahre 1668 vollendete er den

S. oben S. 601 ff.
        <pb n="318" />
        698 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Bau des drei Meilen langen Müllroser oder Friedrich-Wilhelm⸗
Kanals, der ein paar Meilen oberhalb Frankfurt aus der
Oder abzweigt und diese mit der Spree verbindet. Es war
der Versuch einer Ablenkung des Breslauer Verkehrs von
Stettin und Leipzig zugunsten Berlins.
Der Gedanke war richtig gefaßt, wenn er auch zunächst
zu einer Schädigung Frankfurts führte, das seine bisherige
Rolle nun immer mehr an Berlin abtreten mußte, und wenn
auch die Übertragung des Oderverkehrs auf den Kanal zunächst
den erbittersten Widerstand Schwedens und Sachsens hervorrief.
Berlin begann leise aufzublühen; gegen Schluß des 17. Jahr⸗
hunderts konnte es schon als eine Handelsstadt zweiten oder
dritten Ranges gelten.
Der weitsichtigen Förderung des Handels durch den Großen
Kurfürsten entsprach auch die Behandlung der Industrie.
Der Kurfürst hatte keine Sympathien mit den verfallenden
Organisationsformen des mittelalterlichen Handwerks. Er
kümmerte sich nicht um die skandalösen Zustände der städtischen
Gemeinwesen, wie sie aus dem Ruin der politischen Ver—
fassung des Mittelalters hervorgingen. Er suchte die Anfänge
einer neuen Industrie in freieren Formen. So berief er für
Industrien, die die isolierte Arbeit des einzelnen erforderten,
Handwerker von außen unter günstigen Bedingungen und Er—
leichterungen für die erste Einrichtung. Wo es sich aber um
größere Unternehmen kombinierter Arbeit handelte, da gab er
Monopole, trat auch wohl, für Eisenwerke, Blechhämmer, Glas⸗
hütten u. dergl., selbst als Unternehmer auf. Es waren ge—
sunde Anfänge einer merkantilistischen Politik, die sich nicht
selten mit anderen, geistigen und religiösen Rücksichten kom—
binierten: eine solche Kombination hat z. B. die Hugenotten
nach Brandenburg geführt. Darüber hinaus aber ist der Große
Kurfürst nicht gegangen. Dagegen haben seine Nachfolger, hat
vor allem Friedrich Wilhelm J. das System umfassend ausgebaut.
Was diesen interessierte, war allerdings weniger die Handels⸗
politik über die nächsten heimischen Grenzen hinaus; — hier war
auch durch den Müllroser Kanal und den Erwerb Pommerns
        <pb n="319" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 699

einstweilen genügend Hilfe geschaffen worden — als vielmehr
die innere Gewerbepolitik mit den Konsequenzen, die sich aus
ihr für die Handelspolitik nach außen ergaben. Und hier war
nun der König unausgesetzt bestrebt, neue Handwerker ins
Land zu ziehen und alte Industrien zu heben. Wen hat er
nicht alles unter günstigen Ansiedlungsbedingungen und Zusage
von anfänglicher Unterstützung in die Mark eingeladen:
Bankiers, Kommerzianten, Handelsleute, Künstler, Manu—
fakturiers, Tuchmacher, Strumpfweber, Stricker, Metallarbeiter,
Knopfmacher, Hutmacher, Gerber, Seifensieder, Bürstenbinder:
alle konnte er brauchen. Von heimischen Industrien aber war
er, gleich dem Großen Kurfürsten, bestrebt vor allem die alte
märkische Tuchindustrie wieder zu beleben: durch ein rigoroses
Verbot der Wollausfuhr, durch Verwendung von nur ein—
heimischen Tuchen für das Heer, durch Verbote an die Unter—
tanen, anderes als einheimisches Tuch zu tragen — und als
die Industrie sich wirklich hob, durch Begünstigung ihres Exports
nach dem Reiche und darüber hinaus, ja durch Einrichtung
einer besonderen „russischen Handelskompagnie“ für ihre
Zwecke (1725).
Zugleich aber ging Friedrich Wilhelm J. über die Maß—
regeln des Großen Kurfürsten hinaus, indem er sich der
Reform der verfallenen Verfassungszustände des Handwerks
und des Bürgertums annahm. Diese Reform bestand
allerdings wenigstens der Form nach in der Unterdrückung
aller selbständigen Verwaltung und Verfassung: wie der
Einfluß der verlotterten städtischen Aristokratien nach Mög—
lichkeit zugunsten selbstherrlicher Eingriffe der königlichen
Steuerkommissare beseitigt wurde, so wurden auch die Zünfte
ihres autonomen Lebens entkleidet und einer halb königlich
gewordenen Stadtverwaltung unterstellt. Dennoch blieben
dabei einige Ansätze künftiger Selbstverwaltung erhalten oder
wurden teilweise sogar neu entwickelt: so wurde z. B. die Zahl
der städtischen Beamten stark begrenzt, während schon die des
Mittelalters übergroß gewesen und später durch das Protektions—
bestreben einer gewissenlosen Ratsaristokratie noch mehr erweitert
        <pb n="320" />
        700 I Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

worden war; so wurden die Ratsstellen zum Teil dem jüngeren
Kaufmanns- und Handwerkerstande geöffnet, und neben den
Rat trat ein Bürgerausschuß als kontrollierende Körperschaft.
Das alles waren Ansätze zu frischerem Leben, die sich
nicht bloß auf wirtschaftlichem, sondern auch auf geistigem Ge—
biete bemerkbar machten.
Im übrigen aber war der Einfluß des Hohenzollernstaates
auf das geistige Leben der Nation — abgesehen etwa
von dem Hofleben König Friedrichs J. — noch überaus
gering: vergleicht man ihn z. B. mit dem, was noch in
derselben Periode oder gar früher Kursachsen bedeutet hat, so
tritt der Unterschied in greller Weise hervor. Und der Große
Kurfürst ist auf diesem Gebiete noch reger gewesen als Friedrich
Wilhelm J. Er hat die alten Universitäten Frankfurt und
Königsberg wiederhergestellt, er hat 1666 zu Duisburg eine
neue Hochschule für seine westlichen Länder begründet. Daneben
wurden zu seinen Zeiten einige Gymnasien neuerrichtet und
wiedereröffnet, so das Joachimsthal und das akademische
Gymnasium zu Hamm.
Unter Friedrich Wilhelm J. ist dann eher für den Elementar⸗
unterricht etwas geschehen, als für den Unterricht an den Mittel—
schulen: im Jahre 1717 hat der König mit Schulgesetz und
Schulzwang in gewissem Sinne den Grundstein zur späteren
preußischen Volksschule gelegt. Innerhalb des höheren Unter—
richtes dagegen hatte er Sinn eigentlich nur für die Staats⸗
und Kameralwissenschaften. Und da kam ihm zu Hilfe,
daß gerade eine preußische Universität, Halle, eine Schöpfung
Friedrichs J., im Beginn des 18. Jahrhunderts die Führung
in den juristischen Studien an sich gerissen hatte. So
ließ er es sich denn angelegen sein, mit ihnen alsbald das
kameralistische Studium zu verbinden — ist er doch selbst
in seinen Verordnungen mit ihren langatmigen Einleitungen
einer der besten auch theoretischen Kameralisten der Zeit ge⸗—
wesen. Und gerade mit diesen Bestrebungen blieb er dem
großen rivalisierenden Staate Osterreich um fast eine Generation
voraus; denn hier hat das Studium der Staatswissenschaften
        <pb n="321" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 701

erst mit der Begründung der theresianischen Ritterakademie und
der Berufung Justis (1750) sowie Josephs von Sonnenfels
(1763) begonnen.
Von dieser Seite her trat dann der König auch der
Reform des Justizwesens nahe. Hier war für die Gerichts⸗
organisation schon ein bedeutungsvoller Fortschritt unter
Friedrich J. mit der Errichtung eines Oberappellations—
gerichts in Berlin (1703) gemacht worden: es war oberste
Instanz für alle hohenzollernschen Lande mit Ausnahme der
Mark und Preußens, fur welche das Kammergericht in Berlin
und ein Königsberger Oberstes Gericht die letzten Instanzen
bildeten. Allein nicht diese Seite der Dinge bildete Friedrich
Wilhelm J. aus: er faßte die bestehenden Probleme tiefer.
Diese liefen im Grunde darauf hinaus, daß einmal kein
gutes Justizpersonal vorhanden war, auf das hin eine wirklich
einschneidende Reform der Gerichtsverfassung hätte begründet
werden können, und daß weiter die Einheit des materiellen
Rechts fehlte, die einem einheitlich durchgebildeten Personal
Einfluß auf jedes Gebiet des Staates verschafft hätte. Reform
der juristischen Vorbildung also in dem Sinne, daß alle
Richter fortan rechtsgelehrt sein sollten, Durchbildung einer
rationellen Gerichtsverfassung und Einführung eines allgemeinen
Landrechts wurden zu den Hauptforderungen des Königs.
Er hat sie alsbald im Beginn seiner Regierung aufgestellt:
aber wenig davon kam zur Durchführung. Die Schwierigkeiten
waren, trotzdem, daß der König in Samuel von Cocceji einen
trefflichen Berater fand, unübersteiglich; und erst Friedrich der
Große hat auf diesem Gebiete durchgreifend zu wirken gewußt.

IV.

Überschaut man die innere Entwicklung des brandenburgisch⸗
preußischen Staates von 1640 bis 1740, in dem Jahrhundert
des Großen Kurfürsten und Friedrich Wilhelms J., als ein
Ganzes, so wird man gewiß nicht alle Eindrücke mit ungeteilter
Befriedigung aufnehmen. Es bleibt kein Zweifel: wie schon
die Germanisation der Mark im Mittelalter wesentlich mili—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 45
        <pb n="322" />
        702 — Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

tärischer Kolonisation verdankt wurde, wie der Staat des
Großen Kurfürsten noch ein Kriegerstaat gewesen war, von
einem gewissen Standpunkte aus gleichsam ein auf den Besitz
eines größeren Landes fundiertes militärisches Soldunternehmen,
so war auch noch der Staat Friedrich Wilhelms J., wenn auch
schon ein wirkliches Staatswesen, so doch in erster Linie ein
Militärstaat. Darunter litten denn die inneren Reformen,
litt die Finanzgebarung, nahm die ganze Verwaltung, ja das
Königtum selbst einen vorzugsweise militärischen Charakter an;
seit 1725 hat Friedrich Wilhelm ständig die Uniform eines
Obersten seines Potsdamer Regimentes getragen.
Aber lag nicht in dieser Einseitigkeit zugleich auch eine
herbe Größe? Und bedeutete die Ausbildung einer für das
Land exorbitanten Kriegsmacht nicht eine beständige an sich
nicht ungesunde Bedrohung nicht bloß der Nachbarn, nein
auch der ganzen hergebrachten Zustände und der morschen Ver—
fassung des Reiches? Als Kriegerstaat ist Preußen schließlich
zur Führerschaft der Nation berufen worden.
Wie ganz anders hatte sich inzwischen Hsterreich fort—
gebildet. Obwohl in zahlreiche Kriege verwickelt, von denen
namentlich die Türkenkriege einen Teil gerade der kräftigsten
Bevölkerung, vornehmlich Steiermarks, lange Zeit hindurch
fast stärndig in Atem hielten, war es seiner ganzen Ver—⸗
gangenheit nach nicht an erster Stelle zum Militärstaat be—
stimmt. Um so mehr hätte seine innere Entwicklung nicht von
oben herab, wie die preußische, sondern von unten herauf, auf
breiter sozialer Grundlage, erfolgen sollen.
Waren nun aber in dieser Hinsicht seit dem 16. und
17. Jahrhundert, während all der Zeiten äußerer Konglomeration
und eines vornehmlich durch den Widerstand gegen die Türken
hervorgerufenen territorialen Wachstumes, die nötigen Schritte
getan worden? Nach dem Siege der fürstlichen Gewalt über
die alten Stände und den Uradel des Mittelalters, von dem
früher erzählt worden ist!, sowie nach der Entwicklung einer

1S. oben S. 518 ff.
        <pb n="323" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 703

stärkeren Monarchie im Verlaufe dieses Sieges hätten sie vor⸗
nehmlich in der sicheren Fundamentierung der Monarchie auf
die neuen Stände und in einer dadurch ermöglichten vollen
Brechung der Sonderexistenz der einzelnen Landesautonomien
innerhalb des Reichsverbandes bestehen müssen. Aber keiner
dieser Schritte ist vor Maria Theresia mit Erfolg unternommen
worden; und nicht einmal der Weg, auf den sie führen mußten,
wurde klar erkannt und folgerichtig angebahnt.
Die augenscheinlichsten Ursachen für diesen Mißerfolg sind
zunächst wohl darin zu suchen, daß ewige Kriege und der
Zusammenhang mit der allgemeinen habsburgisch-österreichisch—
spanischen Politik den Blick der Herrscher zu sehr nach außen
lenkten, und daß weiter, ein bei dem persönlichen Charakter
der absoluten Monarchie besonders wichtiges Element, sich unter
den Herrschern keiner fand, der kräftig genug gewesen wäre
oder lange genug regiert hätte, um die systematische Begründung
einer organisch im Volksleben verankerten Monarchie durch—
zusetzen. Es fehlten eben der österreichischen Entwicklung
Persönlichkeiten, wie der Große Kurfürst eine war; ja es
fehlte ihr sogar, trotz mancher Anlagen Karls VI. in dieser
Richtung, auch ein Friedrich Wilhelm J. mit seinem programm—
mäßig und instinktiv friedfertigen Charakter und seinem ganz
aufs Innere gerichteten Blick.
Allein neben diesen Zufälligkeiten kommen doch für den
Verlauf, wie er sich nun gestaltete, noch weit wichtigere innere
Gründe in Betracht. Mit Hilfe welcher gesellschaftlichen
Schichten hätte denn in dem Osterreich der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts eine wirkliche Staats- und Reichsgewalt
systematisch begründet werden sollen?
Zur Verfügung standen der Krone anscheinend der
katholische Klerus und der junge Adel, der nach der Unter—
drückung des Uradels, mit den Resten dieses gemischt,
zu einem allgemeinen österreichischen Landesadel zusammen—
gewachsen war.
Waren die Herrscher nun dieser Klassen sicher, und wenn
sie es waren, waren diese geeignet, ein dauerhaftes System
45 *
        <pb n="324" />
        704 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

staatlicher Reichsgewalt, etwa gar im Zeichen eines vollendeten
Absolutismus, begründen zu helfen?
Was den Klerus betraf — und er war der kräftigste und
verbreitetste der beiden Stände —, so zeigte sich bald, daß er
wohl auf den Pfaden der Gegenreformation mit dem Staate
gewandelt war, daß er aber für die Begründung einer die
Länder überschattenden monarchischen Zentralgewalt wenig
Neigung besaß. Er war im wesentlichen national.
So blieb der Adel. Dieser war nun wohl fügsam, aber
er hatte sich selbst noch zu befestigen. Zudem war in ihm
der einzelne wohl reich und mächtig, aber als Klasse war er
nicht zahlreich genug. Auch er versagte also oder zeigte sich
wenigstens zu schwach als vornehmste Stütze.
Bei dieser Lage der Dinge hätte die innere Politik vielleicht
am ehesten versuchen können, sich mit auf den Bauernstand,
jedenfalls aber auf den Bürgerstand zu stützen. Denn der
Bürgerstand zeigte die natürlichste Tendenz zur Einheit; schon
seine wirtschaftlichen Interessen drängten ihn in diese Richtung,
zudem war er fast in allen Ländern einheitlich national, nämlich
deutsch. Und daß eine starke innere Politik, selbst soweit die
Bauern in Betracht kamen, nicht ganz außer der Berechnung
wenigstens etwas früherer Zeiten gelegen hätte, das zeigt der
Rat des klugen Führers der österreichischen Protestanten,
Erasmus von Tschernembl, an die böhmischen Stände (1620),
sie sollten in ihrer verzweifelten Lage dem Kaisertum das
Wasser abgraben durch Aufhebung der Leibeigenschaft und
gerechtere Verteilung der Steuern.
Aber die österreichischen Herrscher konnten an eine Politik
dieser Art schwerlich ernsthaft denken. Eine vorurteilslose Pflege
der bäuerlichen Interessen hätte ihnen Klerus wie weltlichen
Adel entfremdet: und so hätten sie eine leidlich sichere, wenn
auch schwache Unterstützung gegen eine ungewisse eingetauscht.
Zudem war der Gedanke einer bäuerlichen Sozialpolitik im
17. und auch noch im 18. Jahrhundert nur das Eigentum
ganz weniger besonders weitschauender Männer.
Und nun gar eine Verbindung mit dem Bürgertum —
        <pb n="325" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 705

jenem Bürgertum, das eben noch vom Hause Habsburg als
Träger des Protestantismus im höchsten Grade befehdet worden
war? Der Zeit hat selbst der bloße Gedanke einer solchen
Verbindung fern gelegen. Und so suchten die österreichischen
Herrscher sich zunächst mit ihrer eigenen Macht und der leid—
lichen Stützung dieser auf Adel und Klerus zu behelfen und
ließen die Dinge, was Bauern und Bürger betraf, gehen, wie
sie gehen wollten.
Da hatten nun zunächst die Bauern wenigstens teilweise
aus dem Mittelalter ein besseres Recht in neuere Zeiten
herübergerettet als in den meisten anderen Gegenden des
Reiches; in Tirol waren sie sogar durch Abgeordnete der
freien Gerichte im Landtage vertreten, und im allgemeinen
stand ihr Recht auch sonst in den Erbländern auf etwas
besserer Stufe als wenigstens in Böhmen etwa und Mähren.
Auch hatten die Fürsten, belehrt durch die furchtbaren Auf—
stände im Anfange des 16. Jahrhunderts, die windische
Stara prayda von 1516 und die Bauernkriege der Jahre 1525
und 1526 in Tirol, im Salzburgischen und ˖ in Obersteiermark,
nach diesen Aufständen manches für das platte Land getan.
Allein schon in den Zeiten des Kampfes zwischen Ständen
und Fürsten, in der Periode der Gegenreformation war diese
Fürsorge wieder zurückgetreten, und die Schwierigkeiten des
bäuerlichen Zustandes, die sich im wesentlichen aus der nicht
beachteten Notwendigkeit einer Liquidation der mittelalterlich—
naturalwirtschaftlichen Wirtschaftsformen ergaben, führten zu
erneuten Aufständen. So hatte 1573 in Kroatien und Unter—
steiermark der zweite große windische Bauernkrieg gewütet
und ihm waren in den Jahren 1594 und 1596 Aufstände in
dem Land ob und unter der Enns gefolgt; worauf 1626
wiederum Österreich ob der Enns, 1631 Oberungarn, 1635
Südsteiermark, endlich 1680 Böhmen Schauplätze neuer
fürchterlich erbitterter Kämpfe geworden waren. Trotzdem
war es zu keinerlei durchgreifenden Reformen gekommen. Die
Aufstände waren blutig niedergeworfen worden; in Einzel—
heiten sah die Regierung seitdem wohl auch zum Rechten oder
        <pb n="326" />
        706 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

stellte wenigstens Untersuchungen an: im ganzen blieb alles
beim alten. Erst die Zeit nach 1740, der aufgeklärte Ab—
solutismus Maria Theresias und Josephs II. hat sich, dann
freilich überaus energisch, der Liquidation der durch und durch
veralteten agrarischen Wirtschaftsformen angenommen.
Die Entwicklung des Bürgerstandes aber verlief nicht viel
besser als die der Bauern. Wir wissen da schon: Osterreich
ist zunächst nie ein Land großer Städte gewesen, konnte es
auch bei seiner allgemeinen geographischen Lage und Boden—
konfiguration schwerlich werden. Dennoch war die handels—
politische Situation im 15. und teilweise auch 16. Jahrhundert
noch weit besser gewesen als später. In seinen Beziehungen zum
Welthandel hatte das Land damals von Italien abgehangen:
und noch war der Glanz Venedigs, wenn auch am Erbleichen,
nicht erloschen gewesen. Dazu war, als ein wertvolles Hebungs⸗
mittel der eben mit dem Schlusse des Mittelalters in primitiven
Formen erblühenden Großindustrie, der Metallreichtum des
Landes gekommen. So hatte man denn gegen Schluß des
15. Jahrhunderts, und im 16. Jahrhundert wieder nach der
großen Krise des Bauernkrieges noch auf einige Jahrzehnte
überall, wo Erze lagerten, und auch in einigen größeren Städten
noch rege Fortschritte der Industrie und des Verkehrs beobachten
können. Zu der in Böhmen schon seit dem 14. Jahrhundert
ausgebildeten Glasindustrie waren, wenigstens zum Teil von
Venedig her beeinflußt, neue Anfänge in Wien und in Tirol
getreten; daneben waren in den Alpen vor allem die Berg—
werke aufgeblüht und im Zusammenhange mit ihnen Silber⸗
schmelzen, Kupferhämmer und die verschiedenen Zweige der
Eisenindustrie, vor allem die Erzeugung von Waffen.
Aber seit spätestens der Mitte des 16. Jahrhunderts erscheint
dann der Rückgang schon unverkennbar. An der Gewinnung
von Edelmetallen beteiligte sich nunmehr die Neue Welt mit
einem Wettbewerb, dessen Last durch die steigenden Schwierig⸗
keiten des heimischen Abbaues noch vermehrt wurde, und aus
den großen europäischen Handelszusammenhängen trat das
Land heraus, als Venedigs levantinische Beziehungen erst zu
        <pb n="327" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 707

stocken, dann zu schwinden begannen. Denn damit begann
die österreichische Industrie das bisher so kaufkräftige Absatzgebiet
 des Mittelmeers zu verlieren, und der allgemeine Ver⸗
kehr, dem das Land als Durchgan gsgebiet von Süd nach Nord
gedient hatte, wurde verschüttet oder zog sich zum großen
Teile nach Westen.
Zu alledem war dann, um den Verfall zu beschleunigen,
die Gegenreformation gekommen: und mit seinem Vermögen und
seinen technischen Kenntnissen, mit dem noch gebliebenen Unter—
nehmungsgeist und Schaffenstrieb war vor allem das bessere
Bürgertum von dannen gezogen. In Böhmen aber und auch
sonst hatten sich die Schäden der Gegenreformation gar bald
mit traurigen Einwirkungen des Dreißigjährigen Krieges ver⸗
quickt. Schon im Beginn desselben zeigte die „Münzcalada“,
die in Hsterreich fürchterlich wütete, daß man am Ende größerer
geldwirtschaftlicher Beziehungen angelangt war; was aber von
diesen noch vorhanden, wenn auch schon ganz unterwühlt war,
das war dann in dem allgemeinen Zusammenbruch der dreißig
Kriegsjahre und der Folgezeit, in der man sich noch über eine
Generation hinaus nicht erholen konnte, des weiteren dahin—
gestürzt. In Prag hatten um die Mitte des 17. Jahrhunderts
noch an 1200 Handwerker gelebt, im Jahre 1674 gab es deren
noch 3551 In Iglau zählte man damals im ganzen 300
Bürger, während vor dem Kriege allein im Tuchgewerbe noch
7—28000 Personen beschäftigt gewesen sein sollen. Selbst
Wien, dessen Bevölkerung man doch auf etwa 100000 Seelen
schätzte, hatte nur noch etwa 20000 Gewerbtreibende — da—
neben aber etwa 8000 Bettler; und was klagt nicht Abraham
a Sancta Clara über deren Frechheit! So war der Bürger⸗
stand, soweit er auf wirtschaftlich gesunder Grundlage des
Gewerbes und des Handels beruht hatte, fast verschwunden,
und 1684 konnte der bekannte Nationalökonom Hörnigk es für
nötig erachten, über die Frage eine besondere Untersuchung zu
veranstalten: „ob die Teutschen, in specie die kaiserlichen Erb⸗
länder zu den Commercien und Manufacturen nicht natürlichen
Verstandes und Geschicklichkeit genug besitzen?“
        <pb n="328" />
        708 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Hätten nun die Herrscher der zweiten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts tatsächlich auf einen so herabgekommenen Stand bauen
sollen — zumal, da er durch die eigene, seit Generationen
konsequente Politik ihres Hauses eben am meisten geschädigt
worden war? Bis ins 18. Jahrhundert hinein dachten sie
kaum daran, ihn sozial und politisch zu heben, so gern sie
auch aus ihrem Lande, als einer großen Domäne, Handels—
und Industriegewinne gezogen hätten: apathisch sahen sie seinem
weiteren Verfalle zu, wenn sie ihn nicht gar beschleunigten.
Damit ging dann vor allem die schwache Autonomie,
deren sich die österreichischen Städte noch immer erfreut hatten,
fast gänzlich zugrunde. Die Elemente der Selbstregierung
und der Selbstverwaltung verkümmerten und starben in sich ab,
vornweg die Institution des Rates: die Räte werden Brutstätten
schlimmster Inzucht; von Zuführung frischen Blutes war keine
Rede mehr; in einer ganzen Reihe von Städten, in Leoben,
Graz, Bruck, Judenburg, Fürstenfeld und sonst kam es geradezu
zur Einführung „ewiger“ Räte. Kein Wunder daher, daß die
Klagen über die städtischen Verwaltungen bald so laut ertönten,
daß die Regierung schließlich doch von Aufsichts wegen ein⸗
schreiten mußte. Eine Instruktion an den Wiener Stadtanwalt
schon vom Jahre 1656 zeigt in dieser Hinsicht, daß es sich
nicht nur um die Rüge von Nachlässigkeiten, sondern um die
Beseitigung einer tief eingerissenen Korruption handelte. Unter
Karl VI. blieb dann schließlich nichts übrig, als städtische
Wirtschaftsdirektoren einzuführen, die das Gemeindevermögen
unabhängig vom Stadtrate unter Leitung einer kaiserlichen
Okonomiekommission verwalteten. Wie es bei dieser Lage in
der Hauptstadt, und nun gar erst in kleinen Orten ausgesehen
haben mag, läßt sich denken.
Hand in Hand mit dem Verfall der allgemeinen städtischen
Autonomie ging aber natürlich auch der Verfall der alten
körperschaftlichen Verfassungen des Handwerks und des Handels.
Was speziell die Zünfte betrifft, so waren sie den Staͤdträten

S. dazu schon oben S. 525 ff.
        <pb n="329" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Kösnigtums. 709

unterstellt und teilten deren Schicksal; eine Handwerkerordnung
Kaiser Karls VI. vom Jahre 1782 stellte darum alle Hand—
werkszusammenkünfte unter Aufsicht eines von der Obrigkeit
entsandten Kommissars.
Von einer positiven, fördernden Einwirkung der Herrscher
aber auf den Bürgerstand ist bei alledem auch hier nichts zu
bemerken. Man übertünchte die Erscheinungen des Verfalls;
mußte man sie aufdecken oder gar aufhalten, so griff man
ungern ein und systemlos.
Die Folgen dieser Politik für den Gesamtstaat waren
klar: noch auf Generationen hin war nicht daran zu denken,
daß das Bürgertum einen Kitt für die einzelnen Ländermassen
abgeben, daß es überhaupt für die staatliche Idee mobil gemacht
und in Dienst gestellt werden konnte. Der Steinschen Städte—
ordnung in Preußen hat keine österreichische Ordnung ent—
sprochen. sterreich hat sich damit für das 19. Jahrhundert
um eine der wichtigsten Stützen einer großen gesamtstaatlichen
und zugleich einer großen deutsch-nationalen Politik gebracht
und dadurch auch dem im 19. Jahrhundert wesentlich bürger—
lich charakterisierten Geistesleben innerhalb seiner Grenzen un—
heilbare Wunden geschlagen: und eben mit alledem zu großem
Teile den antiquierten Charakter seines neueren staatlichen
Daseins überhaupt herbeigeführt.
Versagte so das Bürgertum, ja versagten überhaupt alle
Momente der sozialen Schichtung und Entwicklung gegenüber
dem Bedürfnisse der Dynastie, einen gesamtstaatlichen
Absolutismus zu begründen, so hätte sich vielleicht denken
lassen, daß es der Zentralgewalt wenigstens gelungen wäre, die
territoriale Einseitigkeit der einzelnen Landesverwaltungen
innerhalb des Reichsverbandes mit irgendwelchen Mitteln nieder⸗
zukämpfen und dadurch wenigstens negativ, durch einen Akt
zunächst der Zerstörung, eine gemeinsame Basis zentralen Zu—
sammenhaltens zu schaffen.
Allein auch auf diesem Gebiete wurde nichts erreicht.
Kaiser Leopold hatte zur Kriegsführung gegen Franzosen und
Türken bedeutende Geldmittel gebraucht, die nur die Stände
        <pb n="330" />
        710 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

der einzelnen Länder gewähren konnten: also mußten diese,
so war wenigstens die Meinung des Kaisers, geschont werden:
Schonung der Stände aber hieß Aufrechterhaltung der Un—
abhängigkeit der einzelnen Länder“. Zudem war Leopold in
schwere Konflikte mit Ungarn verwickelt gewesen; der Tätigkeit
seines Großvaters in Böhmen entsprechend, wollte er die
Macht des Adels dämpfen: vergeblich: aber doch war er, indem
er dem Phantom eines Absolutismus in Ungarn nachjagte,
gezwungen gewesen, die Autonomie der deutschen Erbländer
zu schonen. Anderten sich nun diese Verhältnisse unter seinen
Söhnen Joseph J. und Karl VI.? Keineswegs: im ganzen ver—
blieb es beim alten; die Stände behielten überall noch wichtige
Teile ihrer eigenen Verwaltung, und sie übten aufs Um⸗
fassendste das Recht zur Beschwerde, durch dessen Hebelkraft
ihnen auch die Gesetzgebung in die Hand gespielt schien.
Dabei gab es im einzelnen wohl Unterschiede: Böhmen z. B.
war insofern freier gestellt, als es nicht dem Zusammenhange
der Pflichten und Rechte einverleibt war, den für die anderen
Länder die Teilnahme am engeren Verbande des deutschen
Reiches herbeiführte, während hier anderseits die Macht der
Krone seit der Verneuerten Landesordnung von 1627 besonders
verstärkt war; die der alten Türkengrenze benachbarten Länder
wiederum hatten manche sie einigende Besonderheiten des
Systems der Landesverteidigung usw. Im ganzen aber stand
jedes Land noch immer für sich und bewegte sich mit der
Freiheit etwa eines Bundesstaates in den mannigfachen Formen
heutiger föderativer Verfassungen: und so fiel ihm Polizei und
Rechtspflege, soziale Politik und soziale Fürsorge, Kirchen- und
Schulpolitik der Hauptsache nach selbständig zu. Ein wesent—
licher Unterschied aber bestand dabei gegenüber den föderativen
Bildungen der Gegenwart: das reiche territoriale und par—⸗
tikulare Leben wurde noch nicht durch straffe zentrale und all—⸗
gemeine Lebensformen überhöht und zusammengebunden,
sondern verlief an der Zentralstelle in eigene partikulare

1 S. dazu oben S. 538.
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        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 711

Spitzen, die der Hauptsache nach in der Hand des Monarchen
nur eine mechanische Einheit bildeten. So gab es in Wien
je eine böhmische, ungarische und siebenbürgische Hofkanzlei,
die ganz selbständig nebeneinanderstanden, genau wie der
italienische oder der niederländische Rat; und die geheime
tirolische, die oberösterreichische und die innerösterreichische
Hofkanzlei — letztere für Steiermark, Kärnten, Krain und die
südlich von ihnen gelegenen Länder — unterstanden zwar
einem der Vorstände der allgemeinen Hofkanzlei, handelten
aber doch im wesentlichen gesondert und selbständig. Die
allgemeine Hofkanzlei endlich beschäftigte sich, halb und halb
eine mehr persönliche Behörde des Kaisers, zwar auch mit
Landesangelegenheiten, aber doch immer nur vom Gesichtspunkte
der allgemeinen Reichs- und der Hof- und Hausbedürfnisse aus,
und ohne erfolgreiches direktes Eingreifen unmittelbar hinein
in den Betrieb der einzelnen partikularen Landesgeschäfte.
Einen Generalstab ohne Heer, ohne Divisionen oder wenigstens
ohne Brigaden, Regimenter, Bataillone und Kompagnien: so
hätte man diese Verwaltung wohl nennen können: wie sollte
sie da in der Lage sein, die Idee eines österreichischen Gesamt—
staates nicht bloß zu vertreten, sondern zu verlebendigen?
Unter diesen Umständen, da soziale Entwicklung wie Ver—⸗
waltung in gleicher Weise versagten, mußten die einigenden
Momente in nicht geringem Grade außerhalb der inneren
Entwicklung, in der äußeren Politik gesucht werden.
Den Übergang hierzu bildete in gewissem Sinne die
Handelspolitik. Auf diesem Gebiete wäre es darauf angekommen,
die Zollabgeschlossenheit der einzelnen Länder zu durchbrechen,
die sich durch Grenzzölle wirtschaftlich vollkommen isolierten und
durch Durchgangszölle verkehrspolitisch oft beinahe erdrosselten;
und weiter wäre es die Aufgabe gewesen, ein gemeinsames Ver⸗
kehrswesen des Transportes, der Münze und des Kredits zu be⸗
gründen, sowie dem österreichischem Handel nach außen nicht
bloß Luft zu schaffen, sondern auch Einheitlichkeit des Auf⸗
tretens zu vermitteln. Es waren Ziele, die die großen ökonomischen
Publizisten des Reiches, ein Becher, ein Hörnigk, schon im
        <pb n="332" />
        712 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapiten.

17. Jahrhundert mehr oder minder deutlich aufgestellt hatten;
Ziele, denen wenigstens Karl VI. teilweise nachzuleben begann.
Und gewiß gelang auf diesem Gebiete einiges. Die Zwischen—⸗
mauten fielen teilweise; der innere Handel belebte sich um ein
weniges; der Außenhandel über die Ost- und Südgrenzen nahm
zu unter dem Aufblühen Triests; auch in der Industrie machte
man Fortschritte. Allein bezeichnend war, daß sich der Handel nicht
der 1714 begründeten Staatsbank — mit der schönen amtlichen
Bezeichnung „Universal-Bankal-Finanzen-Hkonomie-Demon⸗
stration“ — anvertraute. Er zog vielmehr die 1705 entstandene
Wiener Stadtbank vor: es erschien den unterrichteten Zeitgenossen
gleichsam unnatürlich, daß sich das Reich der Habsburger um
Handel und Wandel bemühe. In diesem Zusammenhange
rächte sich die einst von gegenreformatorischen und noch immer
von ausschließlich katholischen Vorstellungen getragene Politik
gegenüber dem Bürgertum: wo der zentrale Gedanke am
feinsten und entscheidendsten mit den wichtigsten Tendenzen
der sozialen Entwicklung zusammentraf, da verflüchtigte er
sich. Daß unter solchen Umständen eine Politik österreichischen
Weltverkehrs, wie sie Karl VI. eine Zeitlang zu treiben ver—
suchte!, auch aus inneren Gründen scheitern mußte, versteht
sich von selber.
Es blieben also schließlich als zentralistisch wirkende Reichs—
klammern nur die einfachen Mittel der äußeren Politik! Hier
aber handelte es sich im Grunde wieder um zwei voneinander
getrennte Gebiete: um das Reich und um das europäische Staaten⸗
system in dem Sinne, wie es vornehmlich aus dem Utrechter
Frieden als ein System des Gleichgewichtes der Großmächte
hervorgegangen war. Und da ist nun für den Bereich des
ersten Gebietes vor allem Joseph J., aber auch Karl VI.
die Anerkennung nicht zu versagen, daß sie die Stellung des
Kaisers und damit Österreichs als der Reichsvormacht noch
einmal stärker zu betonen versucht haben. Es ist eine Richtung,
die namentlich Joseph J. sympathisch erscheinen läßt, so sehr

S. oben S. 589 ff.
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        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 713

er mit seinen Versuchen der Reform des Regensburger Reichs—
— D
Rechts- und anderen Sachen bei den furstlichen Zeitgenossen
anstieß. Denn so gewiß die Betonung der Reichshegemonie
der ideellen Einheit wenigstens des deutsch-habsburgischen Haus—
hesitzes zugute kommen mußte, so ist nicht zu verkennen, daß
Kaiser zu sein, schon im Beginn des 18. Jahrhunderts in vieler,
und namentlich in finanzieller Hinsicht eine Last war — eine Last,
die das Haus sterreich verdienstvoll getragen hat. Aber freilich:
weder der frohe, tatenlustige Joseph J. in seiner kurzen
Regierungszeit, noch der zurückhaltende, repräsentativem Wesen
geneigte Karl VI. in den dreißig Jahren fast seiner Herrschaft
haben Wesentliches erreicht. Zwar hat unter Karl VI. die
Reichsgesetzgebung noch einmal stärker gearbeitet; in der Sozial⸗
geschichte der Zeit wird davon zu erzählen sein“. Aber wie
fie die wichtigste Tätigkeit schließlich doch den Territorien
überlassen mußte, so wußten diese auch alle Versuche beider
Kaiser zu vereiteln, die Zentralgewalt sonst stärker zu betonen.
In letzter Instanz sah sich somit schon Joseph, namentlich
aber Karl VI., dessen persönlichen Neigungen diese Wendung
zugleich entsprach, für die Entwicklung einer österreichischen
Gesamtstaatsidee vor allem auf die auswärtige Politik des
Reiches als einer einheitlichen Großmacht und darum auch
eines einheitlichen Staates verwiesen. Aber selbst hier ergaben
sich Schwierigkeiten. Denn war denn etwa in der Anschauung
der Zeitgenossen auch noch Karls VI. das deutsch-habsburgische
Reich so ganz schon von dem spanisch-habsburgischen Besitze
geschieden? Auf alle Fälle lebte Karl VI. selbst in dem
Bewußtsein der eigentlich notwendigen Einheit dieses Besitzes
sogar noch lange nach dem Utrechter Frieden; er hat für die
ehemals spanischen Besitzungen, die ihm in diesem Frieden
—DD0
in Wien beibehalten: eine Sammelstelle zugleich von allerlei
zweifelhaften spanischen Existenzen, sehr zum Verdusse des

S. Band VIII, S. 168ff.
        <pb n="334" />
        714 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

eingeborenen Adels der deutsch-habsburgischen Länder. Aber
auch von diesen Besonderheiten Karls VI. abgesehen, die
schließlich zur Sonderbarkeit entarteten: war denn, vom Stand⸗
punkte einer österreichischen Großmachtspolitik aus, die Summe
des deutsch-habsburgischen Besitzes in der Tat so einfach und
leicht einer Gesamtstaatsidee zu unterwerfen? Länder, die sich
von den Niederlanden bis tief hinein nach Italien und von
Vorarlberg und Tirol bis zur serbischen Donau ausdehnten?
Noch Friedrich dem Großen ist es nicht gelungen, als Substrat
für seine kommerzielle und seine auswärtige Politik eine völlige
Staatseinheit der Länder herzustellen, die seiner Krone unterstellt
waren, obwohl die Aufgabe hier viel leichter war und der
König sie mit klarem Bewußtsein überschaute. Karl VI. aber
ist selbst die Idee einer gesamtstaatlichen Behandlung der Länder
der Casa d'Austria erst spät und auch dann erst in wenig
sicher umschriebenen Umrissen aufgegangen.
Es ist wichtig, sich das zu vergegenwärtigen: weil allein
von einer durchaus energisch erfaßten Idee dieser Art her
der Kaiser zu wirklich durchgreifenden Grundsätzen für
die Behandlung der Finanzen und des Heeres seines Reiches
hätte gelangen können. Denn Heer und Finanzen waren im
18. Jahrhundert schon wie heute die eigentlichen besten Nähr⸗
kräfte jeder äußeren Politik: wäre diese also scharf auf
Förderung einer österreichischen Gesamtstaatsidee zugeschnitten
gewesen, so hätten eben sie von einer solchen klaren Stellung⸗
nahme gewinnen und, selbst schon Elemente des inneren Lebens
des Reiches, diese zentrale Entwicklung entscheidend fördern
müssen. Das um so mehr, als sie, wie wir wissen, überall die
eigentlichen Hebel des Absolutismus gewesen sind!.
Aber nichts fast von alledem traf ein. Zwar pflegte man
Heer und Finanzen, aber nicht von der klaren Vorstellung
auch ihrer inneren Bedeutung aus, und am wenigsten mit
jener Ausschließlichkeit, womit dies in Preußen geschah.
Von Heer und Finanzen aber waren es in einer Zeit

S. schon Band VI, S. 410ff. 421 ff.
        <pb n="335" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. KöGnigtums. 715

noch immer bestehender Soldheere, zumal wenn man nicht zu
dem Kantonssystem Preußens seit Friedrich Wilhelm J. über—
ging, vor allem die Finanzen, die Beachtung verdienten; und
nicht vergebens hat noch Friedrich der Große einmal geäußert:
sie seien der Nerv des Landes; wenn der Fürst sie recht ver—
stehe, werde er immer Herr alles übrigen sein.
Nun hat man in Hsterreich im Beginne des 18. Jahr⸗
hunderts allerdings eine Finanzreform versucht; und es war
charakteristisch, daß der Anstoß dazu, letzten Ortes von Heeres—
bedürfnissen her, durch den Prinzen Eugen von Savoyen er—
folgte: im Jahre 1703 hat dieser das Präsidium des Hof—⸗
kriegsrates und damit zugleich die oberste Leitung des ge—
samten Heerwesens übernommen, während gleichzeitig dem
Grafen Gundaker von Starhemberg, einem der vortrefflichsten
Finanzkenner der Zeit, das Präsidium der Hofkammer und das
hieß des gesamten Finanzwesens übertragen wurde: die beiden
einzigen großen Zentralämter, die wirklich kräftiger funktio—
nierten und dem vollen Einflusse der Zentralgewalt unter⸗
standen, wurden damit den besten nur eben auffindbaren
Kräften anvertraut.
Dennoch kam es zu keiner wirklichen Reform von Finanz
und Finanzverwaltung, und zwar selbst dann nicht, als sich
mit der Thronbesteigung Josephs J. im Jahre 1705 die regste
Initiative des Herrschers selbst für sie einsetzte l. Schuld war
daran, daß man weniger von unten aufbaute, als sich durch
Manipulationen von oben her, die am Ende doch nur auf
Schuldenmachen hinausliefen, glaubte helfen zu können. So
kam es zu keiner Reform der Steuern und Zölle und zu
keiner Beseitigung der zahlreichen Mißbräuche in der Ver—
waltung: die Selbständigkeit der ständischen Verwaltungen
und die Vielköpfigkeit und Mannigfaltigkeit der kaiser—
lichen Einnahmeämter in den einzelnen Ländern war es
vor allem, die sich dem entgegenstellte. An der Zentralstelle
aber machte man mit der Fundierung des Staatskredites auf

4

Zum Einzelnen s. schon oben S. 519, auch S. 529.
        <pb n="336" />
        716 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

eine Staatsbank schlechte Erfahrungen, fiel bald der Kapital—
besorgung durch private Banken, namentlich die Wiener Stadt⸗
bank, und schließlich gar durch Einzelpersonen, die ausliehen,
anheim: und stand am Ende vor nicht viel weniger als dem
Bankrotte. Schon 1736 hatte man eine Reichsschuld von
über 100 Millionen berechnet, 1739 war es so weit gekommen,
daß man keine Pfandobjekte mehr fand: „es gab nicht zwanzig
Personen im Reiche, die 20000 Gulden ohne Beschwerde auf—
bringen konnten“: und nur durch faft übermenschliche An—
strengungen maskierte Starhemberg den Zusammenbruch.
Diese Entwicklung mußte natürlich auch auf das Heer—
wesen einwirken. Im Jahre 1718 waren die Bedürfnisse fur
die Armee im Friedensstand auf 28 Millionen Gulden jährlich
berechnet worden; dafür war ein Sollbestand von 58 Infanterie⸗,
22 Kürassier-, 17 Dragoner- und 5 Husarenregimentern, dazu
eine artilleristische Spezialtruppe zu erhalten. Es war gewiß
ein stattliches Heer, das größte nach dem des Königs von
Frankreich. Aber war mit 28 Millionen nicht schon die Trag⸗
fähigkeit des Budgets bei weitem überschritten? Bis zum
Tode Karls VI. hat kaum eine Vermehrung des Sollbestandes
stattgefunden, und hielt sich der Istbestand beträchtlich unter
diesem, so war er mit über 100000 Mann und 30000 Pferden
doch noch immer so groß, daß er einen finanziell zerrütteten
Staat vollends ruinieren und damit sich selbst schließlich
aufheben mußte. Nun ließ sich für den Fall eines großen
militärischen Engagements freilich entgegnen, daß Hsterreich
über höchst kriegerische Völker und vortreffliche Werbegebiete
im Reiche und darüber hinaus, vornehmlich auch in Ungarn
verfüge: für den Kriegsfall war daher seine kriegerische Macht
noch immer höchst beachtenswert und erschien auch eine
Besserung der Finanzen nicht ausgeschlossen, zumal wenn es
gegen Ungläubige oder Andersgläubige zu fechten galt: wo denn
zugleich von Papst und Bischöfen, Kurie und Kirche reichliche
Spenden erfolgreich beansprucht werden konnten. Aber das

v. Zwiedineck-Südenhorst, Maria Theresia S. 14.
        <pb n="337" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 717

waren doch Hilfsquellen, deren Erschließung nicht von heute
auf morgen möglich war: und den ganzen, wenig geordneten
Verhältnissen stand, warf man den Blick auch nur auf das
Reich, schon in dessen Grenzen Brandenburg-Preußen mit einem
jeden Augenblick schlagfertigen Heere von etwa der Höhe des
österreichischen Istbestandes gegenüber. Und wie konzentriert
kantonierte dieses Heer in seiner den österreichischen Drill weit
überragenden Ausbildung. In nicht ganz zwei Wochen konnte
es zum Ausmarsch vom Zentrum des Staates aus mobilisiert
werden, während die kaiserlichen Truppen schwer mobilisierbar
durch die Erblande und Ungarn hin getrennt standen bis zu
den türkischen, slawischen, italienischen Grenzen.
Es ist das Moment, auf dessen vergleichsweise Betrachtung
sich die Beurteilung des Verhältnisses der beiden deutschen
Großmächte in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts
immer wieder hingedrängt sieht. Friedrich der Große hat
später einmal bemerkt, nicht die Größe des Areals, sondern
die Stärke der Bevölkerung und der Landesreichtum in seiner
Konzentration bei der Staatsgewalt entscheide über die Be—
deutung der Staaten. Eine für die Zeit des aufgeklärten
Absolutismus durchaus zutreffende Anschauung. Betrachtete
man nach den in ihr liegenden Gesichtspunkten das Verhältnis
Osterreichs und Preußens in dieser Zeit zueinander, so mochte
man mindestens zweifelhaft sein, ob man OÖsterreich noch die
Palme zu reichen habe. Hier, im Norden, ein kurz und
stämmig gebauter junger Mensch gleichsam in den angehenden
Jahren voller Manneskraft, gut trainiert, in jeglichem auf
äußerste Kraftentfaltung hin erzogen, dort im Süden ein hoch⸗
gewachsener Mann jenseits vielleicht der besten Jahre, läßlich,
mehr der Vergangenheit fast als der Zukunft zugewandt: das
war der Eindruck.
War das nun ein Zustand, der auf die Dauer aufrecht—
erhalten werden konnte? — der nicht vielmehr zu kriegerischem
Messen der beiderseitigen Kräfte aufforderte? Friedrich
Wilhelm J. hat es schwer empfunden, daß die Diplomatie
Lamvrecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 46
        <pb n="338" />
        718 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

seiner Zeit diese Lage nicht voll erkannte und noch weniger im
Verlaufe ihrer Betätigung einschätzte. Friedrich der Große
hat dann, ein „Rächer“ seines Vaters, durch seine Taten den
latenten Zustand ins hellste Licht vor allem der deutschen Ge⸗
schichte gezogen. Aber schon die Ereignisse des letzten Jahrzehnts
der Regierung Karls VI., der 1740 starb, offenbarten in
den allgemeinsten europäischen Beziehungen die Schwäche des
Hauses Hsterreich.
Wie hatte man doch in einer vierzigiährigen Kampfes- und
Heldenzeit von Türkenkriegen seit dem glorreichen Jahre 1083
die Achtung Europas gewonnen: in ihnen vor allem war
Ästerreich zum Range einer der ersten Großmächte empor—
gestiegen. Wer hätte da wohl im Jahre 1736, im Todes⸗
jahre des größten Heros dieser Kämpfe, des Prinzen Eugenius,
glauben mögen, daß mit ihm der gute Geist der Heldenzeit
gewichen, daß schon in den nächsten Jahren eine schwere Nieder⸗
lage Österreichs in einem Türkenkriege möglich sei?
Das Haus Habsburg hat sich in diesen Krieg der Jahre
1736 bis 1739 eigentlich leichtsinnig eingelassen. Wollte man
die Verluste an Land, die man in Italien erlitten hatte, an
der Donau ersetzen? Glaubte man sich durch ein Defensiv⸗
bündnis mit Rußland, das seit 1726 bestand, in dem Grade
gebunden, daß man sich mit all seinen Kräften einsetzen müsse?
Kannte man zu wenig die innere Lage des eigenen Reiches,
insbesondere der Finanzen, um ein Unglück für unbedingt aus⸗
geschlossen zu erachten?
Die Türken hatten es seit Passarowitz mit schweren
Kämpfen am entgegengesetzten Ende ihres Reiches, gegen
Persien zu tun gehabt; erst im Jahre 1736 wurde dieser Zwist
durch einen für Persien vorteilhaften Frieden beendet. Ein
solcher Zustand war für Rußland, das durch seine Niederlagen
am Pruth im Jahre 1711 den Zugang zum Schwarzen Meere
verscherzt hatte, verlockend genug, um wieder einmal den alten
Kriegspfad gegen die Türkei zu betreten. Aber es geschah
ernstlicher erst eben um die Zeit des persischen Friedensschlusses,
        <pb n="339" />
        Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 719

und erst um sie herum wurde auch die im Vertrage von
1726 stipulierte Bundesgenossenschaft Österreichs nachgesucht.
sterreich gewährte sie im umfassendsten Sinne und über
seine Verpflichtungen hinaus, während sich die andern alten
Gegner der Pforte, Venedig und Polen, trotz dringlicher Auf—⸗
forderung vonseiten Rußlands und sterreichs dem Kriege
fernhielten.
Die Pforte aber erwies sich dem Doppelangriffe Rußlands
und sterreichs vollauf gewachsen. Und was beschämend war:
während die Russen nach glänzenden Waffentaten immerhin
einen in mäßigen Grenzen vorteilhaften Frieden erzwangen,
versagten in Österreich die Finanzen vollständig und erlitt das
Heer Niederlage auf Niederlage: zum Teil infolge Zwistes
seiner Fuhrer — denn nun vermißte man die hohe Autorität
eines Prinzen Eugen, der sich alle gebeugt hatten. Gewiß
gelangen dabei anfangs noch einige kühne Züge: General
Seckendorff nahm Nissa, Oberst Lentulus eroberte Novibazar:
Serbien schien gewonnen. Allein als sich die Türken seit dem
Jahre 1738 entschiedener entfalteten, gingen diese rasch er—
reichten Erfolge verloren, die Kaiserlichen wurden auf Belgrad
und Semlin zurückgedrängt, und die Schlacht von Krozka
entschied im nächsten Jahre, am 23. Juli 1739, endgültig
gegen sie. Der Friede, der bald darauf zu Belgrad ab—
geschlossen wurde, führte zum Verzicht auf einen großen Teil
der Errungenschaften des Passarowitzer Vertrages: Belgrad
fiel an die Türken und mit ihm Serbien und die Walachei
bis zur Aluta; in Bosnien wurde die türkische Grenze wieder
bis zu der des Friedens von Karlowitz (1699) vorgeschoben;
Donau und Sau wurden jetzt von neuem zu Grenzflüssen,
und noch jenseits von ihnen wurde Ästerreich verpflichtet, im
Banat die Festungswerke von Mehadia zu schleifen.
Welch rascher Fall von der Höhe, die zu erklimmen das
Blut mehr als eines, Menschenalters gekostet hatte! Und was
schlimmer war: welche im Grunde symbolischen Vorgänge! Wie
sollte eine Macht, die in den altbewährten Kriegsgängen an
46 *
        <pb n="340" />
        720 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

der Donau versagte, sich gegen einen ernsthaften deutschen
Gegner, gegen Preußen etwa, bewähren können? Traurig
war der Ausgang Karls VI., wenn er ihm auch mit der
Resignation vornehmer Frömmigkeit entgegensah. „Dieses
Jahr nimmt viele Jahre meines Lebens hinweg,“ hat er in
den Tagen des Belgrader Friedensschlusses geschrieben; „aber
an ihnen ist nur wenig gelegen. Gottes Wille geschehe.“
        <pb n="341" />
        Viertes Kapitel.

Erste Waffengänge österreichs und Preußens
Preußen europäische Großmacht.

Die deutsche politische Geschichte der Jahre etwa 1720
bis 1740 gehört insofern mit zu den verworrensten Zeiten der
deutschen Entwicklung, als sie im Grunde anfängt, schon durch
den zunehmenden, aber doch noch verborgenen Gegensatz zwischen
sterreich und Preußen bestimmt zu werden, und als dieser
Gegensatz sich nicht auf einem beiden Gegnern gemeinsamen
Schauplatze zu enthüllen beginnt, sondern vielmehr in weit
voneinander abgelegenen Bereichen der beiderseitigen Politik.
Denn für Osterreich ist die innere politische Entwicklung dieser
Zeit wie sein Verhältnis zum Reiche wesentlich durch die Sorge
um eine angemessene Regelung der zweifelhaften Erbfolge in
seinen Ländern bestimmt; Preußen dagegen konzentriert in der—⸗
felben Zeit all seine Aufmerksamkeit auf die auf dem Wege
einer zweifelhaften Erbfolge durchzusetzende Erwerbung von
Jülich-Berg. Wie hätten da nun die beiden Mächte mit gerader
Front aufeinanderstoßen sollen? Erst Friedrich der Große hat
durch sein kühnes Vorgehen in Schlesien alsbald diese gemein—
same Front hergestellt und damit die folgenreichste Wendung der
äußeren Geschicke der Nation im 18. Jahrhundert herbeigeführt.
In Osterreich hatte der gesamtstaatliche Gedanke, ein Er—
zeugnis vor allem des Aufrückens zu einer europäischen Groß—
macht, um 1700 in dem Herrscherhause doch schon so weit Fuß
gefaßt, daß man überzeugt war, man müsse wenn nicht allen
        <pb n="342" />
        722 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

und jeden, so doch mindestens den deutschen Besitz der Casa
d'Austria mit seinem Zubehör unbedingt in einer und derselben
Hand beisammen behalten. Die Sorge hierfür aber mußte sich
um so eher aufdrängen, als das Herrscherhaus auf wenigen,
und namentlich auf wenigen männlichen Augen stand.
Von diesem Standpunkte aus hatte schon Leopold J. 1703,
wenige Jahre vor seinem Tode, in einem Pactum mutuae
successionis bestimmt und dann in seinem Testamente vom
Jahre 1705 wiederholt, daß für den Fall, daß die damals
bestehenden Linien des Hauses Habsburg, die spanische seines
Sohnes Karl, des späteren Kaisers Karl VI., und die deutsche
seines Sohnes Joseph, des nachmaligen Kaisers Joseph J.,
ohne männliche Nachkommenschaft bleiben sollten, die weibliche
Erbfolge nach dem Rechte der Erstgeburt einzutreten habe:
und zwar derart, daß die weiblichen Nachkommen des älteren
Sohnes Joseph vor den Töchtern Karls rangieren sollten.
Dann war Leopold 1705 gestorben; 1711 starb auch
Joseph J., sein deutscher Nachfolger, mit Hinterlassung von
zwei Töchtern; und Karl, der Spanien aufgeben mußte, bestieg
jetzt den deutschen Thron. Nun hatte aber auch Karl, der
mit einer trefflichen braunschweigischen Prinzessin, Elisabeth,
vermählt war, von dieser unter den am Leben bleibenden
Kindern nur Töchter; die erste dieser, Maria Theresia, die
nachmalige Kaiserin, wurde am 18. Mai 1717 geboren. Auch
unter diesen Umständen wäre an sich, nach dem Paktum des
Jahres 1703, die Erbfolge wohl geordnet gewesen, hätte sich
nicht Karl VI. schon vorher entschlossen gehabt, aus eigner
Machtvollkommenheit als Haupt des Hauses seinen Kindern,
und falls er Söhne nicht hätte, auch seinen Töchtern das
Vorrecht der Erbfolge vor den Töchtern seines verstorbenen
Bruders Joseph zuzusprechen. Es geschah das in einer Be—
stimmung vom 19. April 1718, die, später erweitert und ver⸗
mehrt, als Pragmatische Sanktion bekannt geworden ist.
Als es nun immer unwahrscheinlicher wurde, daß Karl VI.
noch lebenskräftige Söhne haben werde, und als ihm in Maria
Theresia eine erste Tochter geboren wurde, da erwachte in dem
        <pb n="343" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 723

Kaiser immer stärker das Bedürfnis, die von ihm geschaffene
Erbfolgeordnung mit aller Gewähr zu umgeben, die ihren Bestand
nach seinem Tode sichern konnte; und es hat etwas sonderbar
Rührendes zu sehen, wie der Kaiser in dieser Hinsicht von
Jahr zu Jahr Garantien aufhäuft: zum großen Teile papierene
Garantien, an deren Wert er gleichwohl, merkwürdig genug
im Zeitalter der Kabinettspolitik, tiefsten Herzens geglaubt —
und doch reinsten Verstandes wieder gezweifelt zu haben scheint.
Denn warum hätte er sie sonst so systematisch vervielfacht?
Richtig war es gewiß, daß er zunächst die Zustimmung der
einzelnen Länder des Reiches zu seiner Erbfolgeordnung nach—⸗
suchte: im Innern Hsterreichs mußte diese alsbald unbestritten
sein, mußte man sich auch in sie eindenken und auf sie einrichten
können. Die deutschen Erbländer, Böhmen, Mähren und
Schlesien, nahmen nun die Pragmatische Sanktion im Jahre
1720, Ungarn nahm sie 1722 an!; den Schluß in der zu—
stimmenden langen Länderreihe bildeten 1724 die niederländischen
Provinzen. Aber darauf gewann Karl auch die Zustimmung von
Spanien und Rußland (1725, 1726), von den wichtigsten
deutschen Fürsten, so Brandenburg-Preußen, den drei geistlichen
Kurfürsten, Braunschweig, Kurbayern und Kurpfalz, bis 1732
eine allgemeine Reichsgarantie folgte, ferner von England bereits
1731, und weiter von den Niederlanden, Frankreich, Sardinien
und Sizilien.
Es war eine stattliche Reihe von Garantieurkunden bis
zum Jahre 1738. Und welche Mühe hatte es nicht gekostet, sie
zu erringen! Die europäische und deutsche Diplomatie dieser
Jahre ist voll von Minengängen und Breschen, die in diesem
Papierkriege gelegt und geschlagen wurden, und wiederholt schien
die Angelegenheit, zusammen mit Machtbestrebungen anderer
Staaten, insbesondere den Auseinandersetzungen in Italien?
und im Verlaufe des polnischen Erbfolgekriegs?, an den Rand
eines allgemeinen Krieges zu führen. Aber war denn schließlich
1VBgl. schon oben S. 510 ff.
2 S. oben S. 588 ff.
S. unten S. 727f.
        <pb n="344" />
        724 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
nun wirklich eine europäische und eine deutsche Garantie von
absoluter Sicherheit erreicht? Die von der Erbfolge aus—
geschlossenen Töchter Kaiser Josephs J. hatten, die eine, Maria
Josepha, den Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen,
die andere, Maria Amalia, den Kurfürsten Karl Albert von
Bayern geheiratet: natürlich unter Erbverzicht und unter
schließlicher Gewährleistung auch der Pragmatischen Sanktion
durch ihre Gemahle. Aber würden selbst solche Versprechungen
endqültig binden? Das war die Frage.
Diese aus all den Sorgen um die Anerkennung der
Pragmatischen Sanktion entstehende und schließlich immer
deutlicher zutage tretende Lage muß man sich an erster Stelle
ständig und in ihren einzelnen Phasen vergegenwärtigen, will
man die innere politische Geschichte der Nation in diesem Zeit⸗
raum und vor allem das Verhältnis Brandenburg-Preußens
zu Österreich während seiner Dauer verstehen.
In der Natur der Dinge lag es, daß sich zwischen den
beiden deutschen Ostmächten ständige Eifersüchteleien ergeben
mußten, sobald Brandenburg-Preußen zum Königreich erhoben
worden war und die Hohenzollern sich nach außen fühlen
lernten. Daher begannen die Zerwürfnisse schon unter König
Friedrich J. und setzten sich dann, dem leidenschaftlicheren und
härteren Charakter seines Nachfolgers entsprechend, unter
Friedrich Wilhelm J. um so entschiedener fort. Im September
1721 kam es so weit, daß der kaiserliche Resident Berlin ver—
ließ und der preußische aus Wien entfernt wurde: der Boden
eines gegenseitigen Einvernehmens der beiden Mächte schien
für lange zerstört.
Da brachte die jülich-bergische Angelegenheit den Berliner
Hof dem Wiener doch wiederum näher.
Mit dieser aber hatte es folgende Bewandtnis. Der
jülich-bergische Erbfolgekrieg! war, nach mehr als halbhundert⸗
jähriger Dauer, am 9. September 1666 durch einen endgültigen
Vergleich dahin erledigt worden, daß die beiden streitenden
Teile, Pfalz-Neuburg und Brandenburg, sich im Besitze der

S. oben S. 455f.
        <pb n="345" />
        Waffengänge Ofterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 725

damals von ihnen innegehabten Länder, also Cleve-Marks für
Brandenburg, Zülich-Bergs für Neuburg anerkannten. Dann
war Pfalz-Neuburg im Jahre 1685, mit dem Aussterben der
Pfalz-Simmerner Linie, in den Besitz der Kurpfalz ein—
getreten!: eine stattliche Reihe von Ländern am Rhein stand
jetzt unter seiner Herrschaft. Allein nunmehr, um 1720 etwa,
ging auch die Neuburger Linie ihrem Ende entgegen; und
ihrem letzten Fürsten, Karl Philipp (1716 bis 1742), hatte
damit die Linie Pfalz-Sulzbach in die Kurwürde zu folgen
Aussicht. Aber desgleichen auch in die jülisch-bergischen Be—
sitzungen am Niederrhein? Sie behauptete es; doch neben ihr
meldeten sich die Hohenzollern als Erben, und auch der Kaiser
glaubte einen Anspruch zu haben, denn er war der Sohn
einer neuburgischen Prinzessin.
Unter diesen Umständen hätte es zwischen sterreich und
Preußen alsbald zu den schwersten Konflikten kommen können,
hätte der Kaiser seinen Anspruch scharf betont. Allein das
war nicht der Fall; im Grunde verwertete er ihn nur, um
Preußen seine Beihilfe zu einem den hohenzollernschen An—
sprüchen günstigen Ausgange wertvoller zu machen — gegen
Anerkennung der Pragmatischen Sanktion seitens Preußens.
Ehe indes diese Frage eingehender erörtert wurde, hatte
Preußen schon im Jahre 1725 in dem Bündnis von Herren—
hausen von Frankreich und England die Zusicherung erhalten,
daß sie sich in der jülich-bergischen Angelegenheit für die
hohenzollernschen Ansprüche interessieren würden. Jetzt nun,
im Jahre 1726, kam es zu Wusterhausen zu einer Ver—
einbarung zwischen Österreich und Preußen, wonach dieses,
wie gesagt, die Pragmatische Sanktion anerkannte, jenes aber
dem Könige von Preußen das Einsetzen aller seiner Bemühungen
zur Erwerbung von Berg und Ravensiein versprach, während
der König seine Ansprüche auf Jülich aufgab. Und als es
sich zeigte, daß sterreichs Bemühungen in der stipulierten
Richtung erfolglos blieben, wurde der Wusterhausener durch

S. oben S. 496.
        <pb n="346" />
        726 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

einen Berliner Vertrag, vom 23. Dezember 1728, ersetzt, in
welchem der Kaiser dem Könige versprach, ihn in seinen Ab⸗
sichten, sowohl Berg als auch Jülich zu erwerben, zu unter⸗
stützen — wogegen Friedrich Wilhelm J. dem Kaiser die Förde—
rung seiner Reichspolitik in Regensburg, die Garantie der
Pragmatischen Sanktion und die Wahl des künftigen Gemahls
der Prinzessin Maria Theresia zum Kaiser, falls dies ein
deutscher Prinz sein werde, zusagte.
Es war die engste Verbindung der Häuser Habsburg und
Hohenzollern, die denkbar war, wenn man nicht so weit gehen
wollte, die künftige Vermählung des Kronprinzen Friedrich,
des späteren Königs Friedrich des Großen, mit Maria Theresia
in Aussicht zu nehmen: ein Plan, der um diese Zeit von
einer Partei des Wiener Hofes ganz ernstlich betrieben wurde.
War nun aber bei den großen sachlichen Gegensätzen an—
zunehmen, daß ein so intimes Verhältnis von Dauer sein werde?
König Friedrich Wilhelm J. war, wie noch mancher seiner
Nachfahren, im ganzen voll alten Reichsrespektes und darum
sehr geneigt, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers war; der
Kaiser dagegen mußte das Verhältnis zu Brandenburg-Preußen
seinem ganzen Wesen nach kühler ansehen, und tatsächlich hatte
er sich für die Erwerbung Jülichs und Bergs keineswegs in
dem Grade klar gebunden, wie das der Anschauung, fast
möchte man sagen dem Glauben Friedrich Wilhelms entsprach.
Aus dieser zunächst anscheinend geringfügigen Abweichung
der Ansichten und Neigungen entwickelte sich nun im Laufe
der dreißiger Jahre ein Zustand, der schließlich auf beiden
Seiten in bitterer Enttäuschung und schwerem Zwiste endete.
Im Anfange des vierten Jahrzehntes hatte sich Friedrich
Wilhelm ganz auf die habsburgische Seite gestellt: mit welchem
Eifer hat er nicht die Bestätigung der Pragmatischen Sanktion
durch das Reich betrieben! Man glaubt ihn selbst sprechen
zu hören, wenn es in der brandenburgischen Denkschrift, die
für den Regensburger Beschluß mit entscheidend war, heißt:
„daß ein jeder Deutschpatriotisch gesinnter Fürst, welcher es
mit sich selbst, wie auch mit des Deutschen Reiches Wohlfart,
        <pb n="347" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 727

Konservation und Sicherheit treu und redlich meint, nicht
anders tun könne und werde, als zur Garantie der Sanktion
zu stimmen“.
Schon einige Jahre darauf aber, vor und in dem
Verlaufe des polnischen Erbfolgestreites und der ihm nach⸗
folgenden Ereignisse, glaubte der König wahrnehmen zu müssen,
daß der Kaiser auf die Erwerbung Jülich-Bergs durch Preußen
nicht den vertragsmäßig stipulierten Wert lege, ja Preußen
überhaupt, soviel er vermöge, entgegenarbeite.
Am 1. Februar 17838 war August II. der Starke von
Polen und Sachsen gestorben: bis zuletzt ein eifriger politischer
Projektenmacher und nicht bedeutungslos unter den Männern
der zeitgenössischen Diplomatie. Natürlich trat nun sein Nach⸗
folger, Kurfürst August, mit dem Anspruche auf, wiederum in
Polen zum König gewählt zu werden. Aber hier hatte schon
seit Jahren Frankreich für einen anderen Kandidaten, Stanis⸗
laus Leszezynski, den ehemaligen Gegenkönig Augusts JII. von
Karls XII. Gnaden und nunmehr, seit 1725, den Schwieger⸗
vater Ludwigs XV., mit Überredung und Bestechung gewirkt.
Und eben er wurde dann, am 12. September 1783, auf dem
alten Wahlfelde von Wola zum König erkoren.
Indes war Rußland, das gleich HOsterreich und den meisten
deutschen Mächten für den Kurfürsten von Sachsen eingetreten
war — denn sie alle wünschten dem an sich schon übermächtigen
französischen Einfluß nicht noch eine Plattform im Osten —,
keineswegs geneigt, diese Lösung als endgültig anzuerkennen.
Ein russisches Heer überschritt die polnische Grenze, bestimmte
die Polen auf einem neuen Wahltage, am 5. Oktober 1738,
zur Wahl Augusts und vertrieb den unglücklichen Leszczynski,
der schließlich nach Frankreich zurückkehrte. Es war in gewissem
Sinne schon der Verlust der polnischen Selbständigkeit; denn
von nun ab haben russische Waffen unter dem Schattenkönig⸗
tum Augusts III. das Land beherrscht.
Wichtiger aber wurden all diese Dinge erst durch ihre
Rückwirkung auf Frankreich. Denn hier hielt der leitende
Minister, Kardinal Fleury, mit ihnen den Zeitpunkt für ge—
        <pb n="348" />
        728 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

kommen, eine andere, weit schwierigere Frage zu lösen, die durch
Ereignisse, die sich in Wien vorbereiteten, in Fluß gebracht
worden war. Wir erinnern uns, daß in den französisch-deutschen
Kämpfen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts das alte
Reichsland Lothringen an Frankreich so gut wie verloren ge—
gangen war!; seine Herzöge hatten das Land verlassen und
sich nach Wien zurückgezogen, wo sich namentlich Herzog Karl IV.,
der Türkenkämpfer, eines guten Andenkens erfreute. Dann
war allerdings Herzog Leopold durch den Frieden von Rijswijk
wieder in den Besitz seines Landes gelangt. Aber seine und
seines Hauses Beziehungen zu Wien blieben gleichwohl sehr
innig, und insbesondere schätzte Karl VI. die Familie. Da
lag es denn nahe, daß er für Maria Theresia, die künftige
Herrscherin Osterreichs, aus ihr einen Schwiegersohn suchte:
denn sie mit einem mächtigen Fürsten zu vermählen lehnte er
aus mancherlei wohl verständlichen Gründen ab. So hatte er
denn schon in dem lothringischen Prinzen Clemens, der 1728
starb, seinen künftigen Schwiegersohn gesehen; und nach dessen
Tode übertrug er seine Absichten auf dessen jüngeren Bruder
Franz Stephan, der sich dann in der Tat im Jahre 1736 mit
Maria Theresia vermählt hat und auf diese Weise der Stamm⸗
vater des heutigen österreichischen Kaiserhauses geworden ist.
Nun hatte aber Franz Stephan im Jahre 1729 die Regierung
Lothringens angetreten und sich 1730 in Paris mit Bar be—
lehnen lassen; 1732 dagegen kehrte er nach Wien zurück; und
von diesem Augenblicke an war eigentlich kein Zweifel an
seiner künftigen Vermählung mit der Erbtochter Osterreichs
mehr zulässig.
Das alles schien nun, so konnte man fürchten oder rechnen,
für Frankreich den Verlust jenes Lothringens zu bedeuten,
das man in den Kämpfen Ludwigs XIV. schon so gut wie
erworben zu haben glaubte; und sicherlich erschien zunächst ein
gewisses Vortreiben der österreichischen Macht in eine dem
Zentrum der französischen Herrschaft gefährliche Nähe in

S. oben S. 465 ff.
        <pb n="349" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 729

Aussicht. Natürlich meinte man in Frankreich, daß das
unter allen Umständen verhindert werden müsse. Ja es
erschien dies im Jahre 1733 als eine um so dringlichere Auf⸗
gabe, als damals mit der französischen Thronkandidatur
Leszezynskis in Polen überhaupt ein Schritt gegen Hsterreich
unternommen wurde, und als in dieser Zeit, wie wir schon
wissen!, das spanisch-bourbonische Haus bereit war, gegen den
italienischen Besitz des Hauses Habsburg vorzugehen.
Furwahr eine anscheinend für Frankreich überaus günstige,
für Ästerreich ziemlich gefährliche Kombination! Und aus
ihr ist denn in der Tat im Jahre 1734 ein allgemeiner
Angriff der beiden bourbonischen Mächte gegen Osterreich
hervorgegangen.
Da lag es gewiß im Interesse Karls VI., seine
Bundesgenossen zur Hilfe anzuspornen. In Betracht kamen
hier vor allem Rußland und Preußen. Und Rußland kam
dem Hause OÖsterreich auch in Polen bereits gegen Schluß
des Jahres 1738, wennschon zugleich im eigensten Interesse,
auf wirksame Weise zu Hilfe. Als aber Preußen dies für
den drohenden Angriff Frankreichs am Rheine in gleicher
Weise tun wollte und eine Hilfsarmee von 50000 Mann
anbot — wies man das in Wien zurück: die im Vertrage
von 1728 ausbedungene preußische Hilfskraft von 10000 Mann
werde genügen. Was konnte die Ursache dieser Haltung sein?
hatte man Grund sich in Berlin zu fragen. Und man meinte:
nichts als die Furcht, daß Preußen den Anlaß benutzen
werde, die Jülich-Bergische Erbfolgesache in seinem Sinne zu
regeln: wozu zu helfen sich doch im Grunde der Kaiser ver—
pflichtet habe! —
Inzwischen, imgrunde schon im Sommer 1738, hatte der
Krieg gegen sterreich begonnen: in dieser Zeit eroberten die
Franzofen das wehrlose Lothringen, um dann jenseits des Rheins
Kehl einzunehmen und Philippsburg zu belagern. Darauf,
im Sommer 1734, fiel Philippsburg — und nun schleppte sich

S. oben S. 5388 ff.
        <pb n="350" />
        730 Einundzwanzigstes Buch. vViertes Kapitel.

der Krieg auf rheinischem Boden in der tödlichsten Langenweile
von Märschen und Positionsänderungen hin, während die
entscheidenden Vorgänge sich auf dem italienischen Kriegs—
theater abspielten. Hier kam es im Jahre 1734 zu den
Schlachten bei Parma an der Secchia und bei Guastalla, die
alle Niederlagen Öfsterreichs bedeuteten“, und ihnen folgte
im Jahre 1785 der Friede. Was er nach dem Verlaufe des
Krieges für das mitteleuropäische Staatensystem bringen
mußte, war klar: den Verzicht des Reiches auf Lothringen.
Dabei wurde das lothringische Herzogshaus durch Toscana
entschädigt, während Frankreich auf das polnische Königtum
Leszezynskis verzichtete und dem flüchtigen Könige die Herzog⸗
tümer Lothringen und Bar auf Lebenszeit zur Entschädigung
zuwies.
War nun in all diesen Wendungen und Wandlungen
irgendwie von den preußischen Ansprüchen auf Jülich⸗Berg
die Rede gewesen? Bitter empfand es Friedrich Wilhelm J.
daß er ganz als nebensächliche Figur behandelt worden war.
Aber noch Schlimmeres drohte. Mit dem Wiener Frieden ent⸗
spann sich zwischen sterreich und Frankreich ein immer
freundlicheres Verhältnis — und Frankreich war von alters her
ein Beschützer der Pfälzer, die dem Könige von Preußen in
Jülich-Berg entgegenstanden. In diesem Zusammenhange kam
es denn 1738 zu einer Maßnahme, die Friedrich Wilhelm
bei seiner Auffassung der österreichischen Vertragstreue geradezu
als ein Verrat des Hauses Habsburg erscheinen mußte. In
diesem Jahre legten nämlich Frankreich, Holland und England,
die alle eine Hohenzollernherrschaft am Rheine nicht liebten,
und mit ihnen sterreich dem Berliner Hofe einen Vergleichs⸗
vorschlag mit der Pfalz vor, demzufolge der Pfalzgraf beim
Absterben des jülich-bergischen Herzogs zunächst, provisionell,
dessen Länder in Besitz nehmen sollte — unter Vorbehalt nur
des preußischen Anspruches.
Was sollte Friedrich Wilhelm darauf antworten! Er

S. oben S. 594.
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        Waffengänge OEsterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 731

sah ein, daß jetzt das Klügste noch eine direkte Verständigung
mit Frankreich sein würde. Aber so sah auch Kaiser Karl VI.
die Lage an, nachdem Preußen den Vergleichsvorschlag abgelehnt
hatte. Und so begannen denn beide deutschen Mächte ins⸗
geheim, und daher ohne Kenntnis voneinander, mit Frankreich
zu verhandeln: und eine beinahe operettenhafte Situation trat
ein, die niemand angenehmer sein konnte als Kardinal Fleury,
dem Leiter der französischen Politik.
Darauf, im Januar 1789, vertrugen sich Osterreich und
Frankreich dahin, daß bei Eintritt des Erbfalles in Jülich⸗Berg
dem Pfalzgrafen zunächst die provisorische Besitznahme aller
Erblande auf zwei Jahre gestattet werden solle; jeder anderen
Besitznahme, und das hieß eben der preußischen, versprachen
beide Mächte sich zu widersetzen.
Im April desselben Jahres aber wurden Preußen und
Frankreich darüber einig, daß bei Eintritt des Erbfalles Berg
uind Ravenstein mit Ausnahme gewisser Teile von Berg, darunter
Düsseldorf, preußisch werden sollten; und Frankreich verpflichtete
sich, die Zustimmung des Pfalzgrafen zu dieser Abmachung zu
erwirken, falls Preußen nach der Besitznahme diesem eine
Million Taler zahlen werde; lasse sich die Zustimmung des
Pfalzgrafen nicht erhalten, so sollte Preußen das Recht zu—
stehen, die abgegrenzten Gebietsteile sofort nach Eintritt des
Erbfalles zu besetzen.
Man sieht: diese Verträge widersprachen sich eben in den
wesentlichsten Punkten: Aussicht auf einen heillosen Zwist und
eine schwer zu lösende Verwirrung war gegen Ende der
dreißiger Jahre zwischen den beiden führenden deutschen
Mächten nicht ohne ihre Schuld geschaffen.
In diesem Momente ist Friedrich Wilhelm J. am 31. Mai,
Karl VI. am 20. Oktober 1740 gestorben.
Die neue Herrschaft, die darauf in Preußen begann,
erschien den Zeitgenossen wie die Aufrichtung eines Märchen—
reiches der Milde eines königlichen Friedensfürsten. Was
hatte der neue König Friedrich nicht unter der Härte seines
Vaters gelitten! Sein Zerwürfnis mit ihm, sein Fluchtversuch,
        <pb n="352" />
        732 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

seine Festungshaft waren Dinge, deren man mit Schaudern
gedachte; aber hell hatten sich dann von ihnen die Jahre
von Rheinsberg, die Mußezeiten eines fürstlichen Künstlers,
Philosophen und Mäcenes, abgehoben. Schien es jetzt nicht,
als wenn sie sich nun in Berlin, in größeren Verhältnissen,
fortsetzen würden? Der junge König, prunkliebend, geistreich,
wie man sich von Mund zu Munde zutrug, selbst mit literarischen
Arbeiten, die gedruckt werden sollten, beschäftigt, suchte den
früheren Glanz der Akademie der Wissenschaften wiederherzu⸗
stellen, ja das Vermächtnis Leibnizens zu mehren; und er
förderte nicht minder die Kunst: wurde Wolff nach Halle be—
rufen, so erhielt von Knobelsdorff Bauaufträge, und wurde
Voltaire angeregt, eine französische Schauspieltruppe für Berlin
verpflichten zu lassen, so reiste Graun nach Italien, um Sänger
und Sängerinnen für ein neues Opernhaus zu gewinnen, das
der König — sein Vater hatte es in bitteren Worten voraus⸗
gesagt — alsbald in Berlin zu erbauen beschlossen hatte.
Dies waren die ersten Aspekten: ganz schienen sie die
Regierung des jungen Roi charmant zu erfüllen, und es schien
das Bild nur abzuschließen, wenn Friedrich das Potsdamer
Regiment der langen Kerle, der Kriegskolosse, wie sie Voltaire
nannte, nach der Leichenparade für seinen Vater alsbald ab⸗
dankte: fern schien Mars, und das Regiment der Musen herein⸗
gebrochen.
Freilich fehlten diesem Bilde für ernster Blickende wenigstens
nicht auch tiefere Züge; der König kümmerte sich alsbald um
die Volkswirtschaft; Gotzkowsky, der große Kaufmann Berlins—
wurde zu Beratungen berufen; und an mehr als einer Stelle
wurden Maßregeln ins Werk gesetzt, die auf die Absicht einer
durchgreifenden Justizreform hinwiesen.
Gleichwohl: wer hätte an dem Friedenscharakter der neuen
Herrschaft zweifeln wollen, da eine Vermehrung des an sich
schon übermäßig starken Heeres von 80000 auf 90 000 Mann,
der weitere Indienststellungen folgen sollten, ganz offen ver⸗
kündet wurde: — also schlimme Absichten nicht bedeuten konnte.
Auch daß der König in einem Territorialstreit mit dem Bischofe
        <pb n="353" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 733

von Lüttich alsbald auf die herrischste Weise durchgriff, störte
die günstige Gesamtauffassung nicht, wenn auch der Kardinal
Fleury schon damals schrieb: „Der König von Preußen ist
eitel bis zum höchsten Grade und glaubt sich den größten
Kronen mindestens gleich.“
In Wien war es namentlich der Gemahl Maria Theresias,
Franz Stephan, der auf Grund früherer eigener Beobachtungen
die allgemeine Anschauung über den neuen König von Preußen
vertrat, obgleich Karl VI. diesem in der Lütticher Angelegenheit
noch kurz vor seinem Tode mit einem geharnischten Erlaß von
Reichswegen hatte entgegentreten müssen.
Im übrigen aber hatte man in Wien in den Herbsttagen des
Jahres 1740 vor allem mit sich selbst zu tun. Denn keines—
wegs so glatt wie der Regierungsantritt Friedrichs II. in
Berlin vollzog sich hier der Thronwechsel beim Tode des letzten
männlichen Habsburgers, Karls VI. Der Kaiser war, erst fünfund⸗
fünfzig Jahre alt, nach kurzer Krankheit gestorben: unerwartet
trat der Erbfall ein, den die Pragmatische Sanktion zu regeln
bestimmt war. Die Bestürzung war deshalb allgemein, und
in dem Durcheinander des Strebens und Meinens behielt im
Grunde nur eine Person den Kopf oben: die Erbin selbst,
Maria Theresia. Mit welcher angeborenen Würde und darum
Freiheit der Meinungsäußerung hat sie nicht in dem ersten
Kronrate ihren Entschluß ausgesprochen, durchaus nach den
Vorschriften der Pragmatischen Sanktion zu verfahren und
sich von ihnen nichts abdringen zu lassen. Und allerdings war
eine solche feste Aussprache nötig: denn nicht bloß von außen,
namentlich von Bayern her drohten Erbansprüche; auch in
den habsburgischen Landen sah man teilweise mindestens in
voller Lethargie einem etwaigen Zerfall des Landes entgegen,
und selbst die Wiener Bürgerschaft erörterte ohne besondere
Erregung die Möglichkeit, an Bayern zu fallen.
Friedrich von Preußen aber war nicht der Ansicht, sich
diese günstige Gelegenheit zu einer Auseinandersetzung mit
dem Hause Osterreich, das seines Vaters Politik in der Jülich—
Bergischen Sache so hingezogen hatte, entgehen zu lassen.
Lamprecht, Deutiche Geschichte. VII. 2. 47
        <pb n="354" />
        734 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Freilich: nicht am Rhein suchte er den Anlaß zu ihr. Längst
war er sich im klaren darüber, daß er günstig vielmehr
allein in Schlesien zu finden sei: „es handelt sich bei dem Ver—
suche, Schlesien zu erwerben, nur um die Ausführung von
Entwürfen, die ich seit langem in meinem Kopfe bewegt habe,“
hat er zwei Tage nach Empfang der Botschaft von des
Kaisers Tode geschrieben; und unmittelbar nach deren Ein—
treffen, am 26. Oktober 1740, sprach er die phrophetischen
Worte: „Es ist der Moment der völligen Umwandlung des
alten politischen Systems; der Stein hat sich gelöst, den Nebu—
kadnezar auf das Bild aus vier Metallen rollen sah, und der
sie alle zerstörte.“
Friedrich handelte rasch. Er verlangte von Maria Theresia
die Abtretung der Herzogtümer und Fürstentümer Jägerndorf,
Brieg, Wohlau und Liegnitz: auf sie habe er Erbrechte; und
jedenfalls besaß er für sie alle lange Rechtsdeduktionen, die, seit
Jahren hin und her erörtert, wenn auch nicht genau auf eben
den augenblicklichen Fall vorbereitet, dieses Erbrecht zu beweisen
oermeinten. Würde die junge Herrscherin auf die besagte
Weise auf Schlesien verzichten, so war Friedrich willens da⸗
gegen zu bieten: erstens das Versprechen, alle anderen Erbrechts⸗
ansprüche aus der Pragmatischen Sanktion zu verteidigen
sowie die Kaiserwahl Franz Stephans durchzusetzen; zweitens die
Zahlung einer noch zu bestimmenden Summe von barem Geld
an die österreichische Staatskasse; und drittens den Verzicht auf
Jülich-Berg. Würde Maria Theresia auf dies Angebot nicht
eingehen, so war der König entschlossen, ihr im Bunde mit
den anderen Erbprätendenten Bayern und Sachsen sowie Frank⸗
ceich den Krieg zu machen.
Am 14. Dezember 1740 hörte Maria Theresia durch den
Marchese Botta d'Adorno, der die Ankündigung ihrer Thron⸗
besteigung nach Berlin überbracht hatte, zum ersten Male von
diesen Absichten Friedrich; am 17. Dezember zeigte der
preußische Gesandte in Wien der Königin den Einmarsch
preußischer Truppen in Schlesien an, den alsbald zur Be—
tonung seiner Forderungen einzuleiten der König für gut be—
        <pb n="355" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 735

funden habe, und meldete die Ankunft des preußischen Ober—
hofmarschalls von Gotter, der die Forderungen seines Herren
bräzisieren werde.
Es ist leicht vorzustellen, mit welchen Gefühlen man in
Wien diese Art von Politik aufnahm. Den ersten Eindruck
fassen die Worte Franz Stephans an Gotter zusammen: „Kehren
Sie zu Ihrem Herrn zurück und sagen Sie ihm, solange nur
ein einziger seiner Soldaten in Schlesien stehe, habe man ihm
nichts zu sagen“: Worte, die in ihrem Schlusse fast mit der
bekannten Emser Antwort König Wilhelms J. im Jahre 1870
an Benedetti in der ursprünglichen wie in der Bismarckschen
Fassung übereinstimmen. Doch blieb am Ende nichts übrig,
als das Angebot Friedrichs immerhin genau zu überlegen.
Erfolgte dabei schließlich eine ablehnende Antwort, so war der
dafür ausschlaggebende Wille im Grunde der Wille der Königin
selbst. Maria Theresia glaubte an das Recht ihrer Ansprüche.
Sie fand das Vorgehen Friedrichs auch der Form nach
empörend. Und da Inhalt und Form der Angelegenheit ihre
Überzeugung in gleicher Richtung leiteten, so gab sie dieser
auch mit jener Bestimmtheit Ausdruck, die ihr eine ihrem
Wesen aufs tiefste eingeborene und darum auch niemals von
ihr aufgegebene moralische Betrachtung der Politik verlieh.
Zudem: war man so ganz ohne Hilfe? Das Wesen der
neuen preußischen Armee, wie es Friedrich Wilhelm J. ge⸗
schaffen hatte, kannte man noch nicht; man glaubte die
Preußen leicht aus Schlesien herauswerfen zu können, ohne
die eigene Armee wesentlich verstärken und damit den Staat
mit neuen Schulden belasten zu müssen. Vor allem aber
rechnete man auf den Beistand Rußlands, wo eine Intrige
den Sieg der Österreich freundlichen Kaiserin Anna Katharina,
einer Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel, der Mutter
des minderjährigen Zaren Iwan VI., zu versprechen schien.
Und bei der bloßen Defensive blieb man nicht stehen: zu zer—
stören, mindestens seines jüngsten Machtzuwachses zu entkleiden

S. oben S. 684 ff.
        <pb n="356" />
        736 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

sei dies räuberische Preußen, das war die Meinung. Und zu
diesem Zwecke glaubte man außer der Koalition mit Rußland
auch des Beistandes Englands gewiß zu sein, von dessen
Dependenz Hannover schon den König Friedrich Wilhelm J.
lange partikulare Zwiste sowie das Bestreben des Welfenhauses,
im Osten Norddeutschlands mit Preußen rivalisierend auf—
zutreten, getrennt hatten.
Inzwischen aber, während man so Preußen absagte und
dessen Aufteilung in Aussicht nahm, hatte sich König Friedrich
in Schlesien bequem und ordentlich festgesetzt. Und es gelang
auch im Jahre 1741 keineswegs, ihn zu vertreiben. Zwar
brach im Frühling dieses Jahres der Marschall Neipperg mit
16000 Mann von Glatz aus gegen die Neiße vor; aber in
der Schlacht von Mollwitz, am 10. April, wurde er, nach
anfänglichen Vorteilen seiner Reiterei, von der preußischen
Infanterie, die in zähem Kampfe ihre neue Gefechts- und
Feuerdisziplin zur Geltung brachte, geschlagen. Und nunmehr
zurückweichend und schlecht unterstützt sah er wohl ein, daß
wenigstens einstweilen an einen Widerstand oder gar ein an⸗
griffsweises Vorgehen im offenen Felde für ihn nicht zu
denken war.
Wenn er aber nicht unterstützt wurde, so hing dies damit
zusammen, daß sich inzwischen auch von anderen Seiten her
über das Haus gsterreich dunkle Wolken zusammengezogen
gatten.

Den Anstoß hierzu hatte natürlich Maria Theresias
Erbfolge nach der Pragmatischen Sanktion gegeben. Wenn
Karl VI. deren Geltung durch zahllose politische Zugeständnisse
namentlich seiner späteren Herrscherzeit gesichert zu haben
glaubte, so stellte sich jetzt der ganze Irrtum dieser Auffassung
heraus. Anerkannt wurde Maria Theresia im Grunde hnur
von den minder interessierten Mächten, so von England und
den Generalstaaten, von Sardinien und Venedig und vom
Papste; wer durch Nichtanerkennung zu gewinnen glaubte,
behielt diese trotz aller früheren Abmachungen in Aussicht oder
legte wohl gar unmittelbar Verwahrung ein.
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        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 737

Vor allem protestierte da der bayrische Kurfürst Karl
Albert; eine umfassende und eifrige bayrische Publizistik setzte
ein, um den Nachweis zu führen, daß das Recht der bayrischen
Kurfürsten auf die Marken des bayrischen Stammes und das
wollte sagen Österreichs im Grunde schon durch die legitime
Nachfolge dieser Kurfürsten am bayrischen Herzogshute der
Agilolfingen, mindestens aber durch Dutzende von anderen
politischen Transaktionen bereits des Mittelalters feststehe;
und für das Erzherzogtum Österreich ließ Karl Albert seinen
Regierungsantritt in Wien selbst feierlich verkünden.
Trat so aus den Reichsständen Bayern von vornherein
selbständig hervor, so verquickte sich für die übrigen deutschen
Stände die Frage der Pragmatischen Sanktion mehr oder
minder mit der Frage nach der Wahl eines neuen Kaisers.
In dieser Hinsicht war es nun Maria Theresias ganzes Be—⸗
streben, ihren Franz, den geliebten Gemahl, zum Kaiser er—
koren zu sehen; und fast war sie geneigt, die Kaiserkrone als
eine Art historischen Zubehörs ihres Hauses zu betrachten und
daher die Wahl Franzens als selbstverständlich zu betrachten.
Indes so dachten die deutschen Kurfürsten und Stände nicht;
für sie war die Wahlfrage offen. Und während der Kurfürst
von Bayern und nach ihm der sächsische Kurfürst, auch er ein
Prätendent auf das Erbe Maria Theresias, selbst als Bewerber
um die Krone auftraten, fragten sich selbst Österreich sonst
wohlgesinnte Stände, ob denn die Wahl Franzens dem Reiche
frommen könne: des Gemahls doch nur der österreichischen
Herrscherin, für sich allein nur des minder mächtigen Groß—
herzogs von Toskana, eines fremden Landes also; und
auch das Entgegenkommen Maria Theresias, daß sie ihren
Gemahl feierlich zum Mitregenten ihrer Länder ernannte,
entwaffnete diese Zweifler nicht. Dazu kam, daß sich bei den
bestehenden Verhältnissen auch Bedenken hinsichtlich der Aus—
übung des böhmischen Kurrechts regten: und die Folge von
alledem war zunächst eine, Österreich gewiß nicht günstige
Verschiebung des Beginnes der Wahlhandlung bis auf den
. März 1741.
        <pb n="358" />
        738 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Ehe nun aber dieser Termin herannahte, begann sich auch
zu zeigen, daß die Wahl selbst vielfach von den Wirkungen
französischen Einflusses abhängig sein werde: und daß dieser
Einfluß nicht zugunsten sterreichs, sondern zugunsten der
Gegner des Hauses Habsburg werde geübt werden. Eine
große Überraschung für den Wiener Hof; und doch nach Lage
der allgemeinen politischen Verhältnisse Westeuropas sehr be—
greiflich.
Nach dem Utrechter Frieden war der säkulare Gegensatz
zwischen Frankreich und England, der den Ausgang des
spanischen Erbfolgekrieges vornehmlich bestimmt hatte, zeit—
weilig einmal zurückgetreten: bis er in den dreißiger Jahren
infolge der vereinigten spanisch-französisch-bourbonischen
Familienpolitik von neuem erwachte. Wir haben diese Politik
in ihrer Bedeutung für Zentraleuropa, insbesondere Italien,
schon kennen gelernt!: in beiden Richtungen feindlich ausgreifend
mußte sie antihabsburgisch orientiert sein. Nun waren aber
die beiden bourbonischen Mächte auch gegen England vor—
gegangen und hatten es, Spanien die alte einstige Weltmacht,
Frankreich die eine Weltmacht anstrebende europäische Zentral—
gewalt, an seiner empfindlichsten Stelle berührt, in dem Versuche,
den Welthandel womöglich für sich allein zu gewinnen. Denn
das war doch im Grunde das letzte Ziel ihres damaligen Ein—
greifens im spanischen Amerika zugunsten der französischen
Flagge. Und regten sich nicht auch in der anderen, teutonischen
Hälfte Amerikas die Franzosen zu einer beängstigenden Um—
klammerung der englischen Kolonien auf dem Wege einer Ver⸗
bindung ihrer Herrschaftsbereiche am Mississippi mit denen am
St. Lorenzstrom durch Errichtung zentralamerikanischer Etappen
an den großen Seen, an den Nebenflüssen des Ohio, am Ohio
selbst und am Mississippi? Es war klar: ein erster großer Kampf
aller beteiligten europäischen Mächte um die amerikanischen
Küstengebiete des Atlantischen Ozeans — das Wort Küsten⸗
gebiet im weitesten Sinne genommen — entspann sich; eben

S. oben S. 591 ff.
        <pb n="359" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 739

im Jahre 1740 wurde er durch die Initiative Frankreichs er—
zffnet, und fast ein Jahrzehnt hindurch hat er die äußeren
Schicksale der europäischen Staaten aufs entscheidendste mit
heeinflußt.
Im diesem Kampfe aber war die Stellung Hsterreichs
schon durch seinen Gegensatz zu Preußen, das hannover—⸗
feindliche, gegeben: es stand zu England. Und dies wiederum
war wenn nicht der einzige, so doch der tiefste Grund, der
Frankreich schon seit 1735, trotz aller äußeren Freundschafts—
versicherungen, in ein ÄÖsterreich feindliches Fahrwasser ge⸗
trieben hatte.
Konnte es nun unter diesen Umständen für den Unter⸗
richteten wirklich auffällig sein, daß der Kardinal Fleury am
7. März 1741 erklärte, Frankreich könne der Ausführung der
Pragmatischen Sanktion nicht zustimmen, weil dadurch Rechte
Dritter verletzt würden?
Der hauptsächlichste Träger dieser Rechte Dritter aber
war für Frankreich Bayern. Und so trat es für dessen Kur⸗
fürsten ein; um ihn entschieden zu fördern, betrieb es
aufs lebhafteste seine Wahl auch zum römischen Kaiser; und
um Hsterreich womöglich zu zerstückeln, suchte es zugleich mit
König Friedrich von Preußen, dem Eroberer Schlesiens seither,
in die unmittelbare Fühlung eines Bündnisses zu gelangen.
Von diesen Schritten hatte zunächst der letzte am
4. Juni 1741 Erfolg: Friedrich versprach die brandenburgische
Stimme bei der Kaiserwahl an erster Stelle für Bayern ab⸗—
zugeben, wogegen Ludwig XV. sich zur kraftvollen Unter⸗
ftützung Bayerns im Kampfe gegen Ästerreich verpflichtete;
—DD
Juͤlich-Berg von Frankreich die Garantie des ungestörten Be⸗
sitzes Niederschlesiens.
Da war denn vom allgemeinen Standpunkte aus betrachtet
kein Zweifel mehr, was dies alles bedeutete: Krieg einer
franzosisch-bayrisch-preußischen Koalition gegen Osterreich. Und
schon im August 1741 marschierten die ersten französischen
Regimenter über den Rhein: der Vortrab einer ersten fran—
        <pb n="360" />
        740 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

zösischen Armee von 40 000 Mann, die von Bayern aus gegen
sterreich vorrücken sollte, während eine zweite französische
Armee von 30000 Mann am Niederrhein gegen England zu
kämpfen bestimmt war.
Welch eine Lage für die junge habsburgische Königin!
Und bald genug keine Aussicht, daß Bundesgenossen ihr helfen
würden! Insbesondere England zog sich zurück, sobald die
Tatsache des Bundesvertrages zwischen Frankreich und Preußen
zekannt wurde.
Aus dieser Not ist Maria Theresia durch niemand errettet
worden, als durch sich selbst. Tapfer, schön, lebendig, frisch
und vor allem menschlich hatte sie schon bald nach ihrer Thron—
besteigung die Herzen der Wiener und ihrer deutschen Völker
gewonnen. Mit welchem Mitleid zuerst, bald mit welcher
Begeisterung sah man die junge Frau trotzdem, daß sie
schwanger war, den Pflichten ihres Berufes nachgehen: sie
selbst kontrollierte die Gerichtshöfe und ihre Rechtsprechung;
iie selbst empfing jeden, der ihr Beschwerden vorzutragen hatte,
und Eingeweihtere wußten sehr bald, daß auch in den Be—
ratungen der höchsten Regierungskollegien eben sie den Aus—
schlag gab. Als sie nun gar noch, nach drei vorher geborenen
Prinzessinnen, eines Sohnes genas, des späteren Kaisers
Joseph II., da war sie in der herzlichen Begeisterung nament⸗
lich der Wiener für immer geborgen: wie eine Erfüllung der
Volkshoffnungen erschien diese Geburt und leise Ahnungen
innigster Zusammengehörigkeit dämmerten auf: wohl darf man
sagen, daß, wenn mit irgendeinem einzelnen Ereignisse, so
mit diesem das Aufkommen jenes allgemeinen Bewußtseins
der österreichischen Staatseinheit verknüpft werden kann, das
in dem dynastischen Sinne der Völker Ästerreichs in Resten
noch heute fortlebt.
Sollte aber der drohenden Koalition des Auslandes ent—
scheidender Widerstand geleistet werden, so bedurfte es nicht
bloß der Hilfe der Völker der westlichen Reichshälfte: auch
die Ungarn waren heranzuziehen. Und wiederum war es au
erster Stelle Maria Theresia selbst, die die Notwendigkeit ein⸗
        <pb n="361" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 741

sah, sich den Ungarn namentlich auch persönlich zu nähern;
schon am 19. Juni 1741 hatte sie sich zu Schiff nach Preßburg,
an den Ort des seit Mai tagenden ungarischen Reichstages
aufgemacht.
Die Zustände, in die sie auf ungarischem Boden hinein—
zublicken hatte, waren freilich ihrem Anliegen um Hilfe nicht
günstig. Finanziell konnte sie aus dem Lande schwerlich unter⸗
stützt werden; von alters her galt die Steuerfreiheit von Adel
und Geistlichkeit, und Bürger und Bauern zinsten wenig;
Karl VI. hat aus Ungarn schwerlich je mehr als eine Summe
von zweiundeinhalb Millionen Gulden jährlich gezogen. So
blieb nur kriegerische Unterstützung denkbar: und das hieß
allgemein organisierte Bewaffnung der Ungarn. War diese aber
möglich ohne Gefahr für das Haus Habsburg? Hatte es nicht
einen stets festgehaltenen Satz der Regierungsweisheit Karls VI.
gebildet, sie unter allen Umständen zu vermeiden? Oder
sollte man sich mit der schwächlichen Heereshilfe, der sogenannten
Insurrektion, begnügen, zu der sich die ungarischen Stände vor
noch nicht allzulanger Zeit verfassungsmäßig verpflichtet hatten?
Während Maria Theresia diese und ähnliche Fragen zu
erwägen hatte, umtobte sie der Lärm der Verhandlungen des
Reichstags: und verdichtete sich bald zu Beschwerden und
Forderungen, deren Erfüllung eine wesentliche Beschränkung
der an sich allerdings ziemlich starken Rechte des ungarischen
Königtums bedeutet haben würde. Genug des Erfolges schien
es da auf den ersten Augenblick, wenn Maria Theresia, vor⸗
nehmlich durch Vermittlung einiger Mitglieder des hohen Adels,
insbesondere des Palatins Grafen Johann Palffy, wenigstens
das eine erreichte, daß sie am 28. Juni, unter all dem her—⸗
gebrachten Umstand altertümlicher Feierlichkeiten, die ungarische
Krone empfing. Aber deuteten sich nicht schon bei dieser Ge—
legenheit Differenzen der Haltung an, die der ungarische Hoch—
adel einerseits und die unteren Stände einschließlich des
Landedelmannes anderseits gegenüber der Krone einnehmen
sollten? Konnte nicht der Hochadel in der Unterstützung der
jungen Königin, deren Regierung nun einmal feststand, ja
        <pb n="362" />
        742 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
überhaupt in einer Förderung der Interessen des Gesamtreiches,
dem er nun, nach Vertreibung der Türken, doch einmal an—
gehörte, einen vollen Ersatz zu finden hoffen für die selb—
ständige, zumeist halb insurrektionelle Stellung, die er in dem
halben Jahrhundert der Türkenkämpfe zumeist, gegen Ögsterreich
nicht minder wie gegenüber der Türkei, eingenommen hatte?
Maria Theresia hat die schwankende Lage aufs geschickteste
benützt. Als alles Werben um Hilfe beim Reichstag vergebens
schien und an den Bedenken ihrer Umgebung scheiterte,
berief sie am 7. September eine Anzahl von Mitgliedern des
Magnatenhauses zu sich auf das Preßburger Schloß und setzte
ihnen in rührender Offenheit, nicht ohne Tränen, ihre Lage
auseinander, indem sie schließlich sich bereit erklärte, sich auf sie
allein zu stützen: „ihre Person, ihr Haus und ihre Krone der
ungarischen Nation anvertraute“. Es sind die Worte, welche
die Magnaten angeblich mit dem begeisterten Zurufe aufnahmen,
daß sie der Königin Leben und Blut zu weihen bereit seien:
es ist eine Szene, in der, bei allem auf beiden Seiten vor—
waltenden realen Interesse, doch die Begeisterung für ein
edles weibliches Wesen und die Impulsivität einer jugendlichen
Kultur, in der allgemein Menschliches und ungarisch Nationales
in schönem Akkord zusammenklangen.
Gewißlich war aber auch der Entschluß der Königin, ihr
Schicksal gleichsam dem ungarischen Hochadel anheimzustellen,
ein Zeichen höchsten, zunächst noch nicht verdienten Vertrauens;
und teuer hat Maria Theresia diesen Schritt alsbald durch
starke Zugeständnisse an die Gewalten des ungarischen Reichs—
tags bezahlen müssen.
Wie dem aber auch sei: immerhin setzten jetzt die Magnaten
in kurzen Tagen die reichstägliche Bewilligung von 30000 Mann
zu Fuß, 15000 Mann Reiterei des ungarischen Adels,
14000 Mann aus Kroatien und Slawonien und 6000 Mann
aus Siebenbürgen durch; am 20. September wurden sie be⸗
willigt, und für Mitteleuropa stand damit das Erscheinen
neuer, noch halb barbarischer Kriegsvölker des Südostens in
Aussicht.
        <pb n="363" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 743

Mit welcher Vorsicht indes Maria Theresia selbst diesen
Erfolg eingeschätzt hat, ergibt am besten die Tatsache, daß fie
deshalb eben in dieser Zeit schwebende Verhandlungen mit
dem Könige von Preußen nicht abbrach. Am 8. September,
einen Tag nach der Szene im Preßburger Schlosse, hatte sie
Neipperg „mit größtem Herzeleid“ die Vollmacht erteilt, mit
Friedrich auf der Grundlage der Abtretung von Niederschlesien
zu verhandeln, um diesen von der französisch-bayerischen
Koalition abzuziehen und in einen gegen Bayern gerichteten
Bund einzuordnen. Es war ein kühner Schritt, der sich der
Behandlung des ungarischen Reichstages zur Seite stellt, und
man konnte wohl begierig sein zu sehen, wie er aufgenommen
werden würde. Friedrich entschloß sich in dem Protokoll von
Aleinschnellendorf vom 9. Oktober zu einem merkwürdigen
Mittelweg. Er wollte sich, bis zum Abschlusse eines offiziellen
Friedensvertrages im Dezember, mit der Besetzung Schlesiens
bis zur Neiße begnügen, und ließ zugleich das ihm gegenüber⸗
stehende österreichische Heer frei abjiehen — zum Kampfe gegen
Frankreich und Bayern. Er wurde also in der Tat der
französisch-bayrischen Koalition halb abspenstig. Grund hierfür
var einmal die Einsicht in französische Pläne, die auf eine
Vergrößerung Bayerns und Sachsens hinausliefen: vom
Marschall Belle-Isle vor allem betrieben, liefen sie zum
ersten Male ganz im Konkreten auf eine Organisation Deutsch⸗
sands in dem Sinne hinaus, daß sich eine gewisse Anzahl
größerer Staaten in ihm derart gegenseitig die Wage halten
follten, daß den Franzosen ein Eingriff in die deutschen
Geschicke jederzeit leichter Hand möglich sei. Es waren die
Anfänge der späteren, für Deutschland so verhängnisvollen
Politik Napoleons; selbstverständlich erschien es Friedrich, ihnen
schon aus preußischem Interesse entgegenzutreten. Dazu war
aber für sein Verhalten noch ein zweites, mehr vorübergehendes
Motiv maßgebend: er war über die Art, wie die Koalition
inzwischen den Feldzug gegen Osterreich betrieben hatte, in
hohem Grade erbittert.
Noch bevor die Franzosen, im August 1741, den Rhein
        <pb n="364" />
        744 J Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

überschritten hatten, hatte Karl Albert von Bayern Passau
besetzt: den Schlüssel zu weiterem Vordringen gegen Österreich.
Dann waren die Franzosen in Bayern erschienen; hatten mit
bayrischen Truppen zusammen die österreichische Grenze ohne
Hindernisse zu finden passiert; waren am 15. September in
Linz eingetroffen. Hätte man nun nicht einen raschen Vor—
marsch auf das ungeschützte Wien erwarten sollen?
Aber nichts dergleichen geschah. Der Kurfürst von Bayern
ließ sich in Linz von den oberösterreichischen Ständen
huldigen; die Franzosen schwenkten nach Norden, zur Er—
oberung Böhmens, ab. Sehr begreiflich, da Belle-Isle das
Oberkommando führte: Böhmen sollte einmal an Bayern
fallen, wie Mähren und Oberschlesien an Sachsen: da mußten
zunächst diese Gebiete erobert werden.
Und der Plan Belle⸗Isles wurde mit Erfolg durchgeführt!
In Böhmen fanden die Franzosen keinen Widerstand; mit
großem Pomp wurde Karl Albert am 7. Dezember zu Prag,
das mit sächsischer Hilfe uberrumpelt worden war, zum Könige
des Landes gekrönt, um ihn zahlreich die Stände des Reichs
mit dem Prager Erzbischof an der Spitze. Es schien ein
Siegeszug ohnegleichen. Und für Karl Albert setzte er sich
von dem erzherzoglichen Hute Osterreichs über die böhmische
Königskrone noch weiter fort — zur Kaiserkrone in Frankfurt.
Denn inzwischen hatten nun endlich auch, am 4. November,
die Konferenzen über die Kaiserwahl ernsthafter begonnen;
man hatte die böhmische Kurstimme „für dermalen denen be—
wandten Umständen nach“ als ausgeschlossen erklärt; und am
24. Januar 1742 ging dann Karl Albert aus der einstimmigen
Wahl der vertretenen Kurfürsten als römischer Kaiser hervor.
Es war der Höhepunkt im Leben des bayrischen Kurfürsten —
der Höhepunkt auch seines Kaisertums zugleich.
Denn inzwischen hatte sich die Vernachlässigung des Zuges
auf Wien denn doch nicht allein in der immer selbständiger
werdenden Haltung Friedrichs II. zu rächen begonnen. Die
Ungarn stellten nun wirklich die versprochene Armee wenn
auch nicht in der versprochenen Stärke, und neben sie traten
        <pb n="365" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 745

die irregulären Pandurenscharen des Freiherrn von Treuck
und anderer Bandenführer und die Völker der deutschen Länder:
borwärts gegen Westen wehte das Banner Österreichs. Und
dabei war der Eindruck dieser Bewegung weit größer als ihr
tatsächlicher Erfolg: denn was wollte der kleine Sieg über die
Bayern bei Schärding besagen? Aber die Welt stand gleichsam
unter dem Eindrucke der Erneuerung der Hunnenzüge; Un—
glaubliches wurde von den Truppen der Königin von Ungarn
»erichtet.

Unter diesen Umständen mochte sich nun Friedrich II. wohl
weiter fragen, ob er sich mit dem Kleinschnellendorfer Protokoll
des Herbstes 1741 genügend gesichert habe; ob es nicht richtiger
sei, in einem Feldzuge des Jahres 1742 dennoch, zunächst fast
nur von sich allein aus, den Versuch eines Vordringens nach
Wien zu wagen. Und so fiel er jetzt, unter Bruch der Klein—
schnellendorfer Punktationen, schon früh im Jahre, von den
Sachsen unterstützt, in Mähren ein, um von hier aus den Weg
nach Süden zu gewinnen. Allein dem großen Anfang entsprach
die Fortsetzung keineswegs. Die Sachsen wurden, vertragsmäßig
an Frankreich gebunden, schon im März zum Schutze von
Prag abberufen, gegen das ein österreichisches Heer unter Karl
Alexander von Lothringen, dem Schwager Maria Theresias,
heranzog; und dem König gelang es nur, dieses Heer am
17. Mai bei Chotusitz in der Flanke zu fassen und zu schlagen.
Aber war dieses Ereignis nicht für Maria Theresia Grund
genug, sich zu sagen, daß Böhmen schwerlich ganz zu sichern
sein werde, solange es außer von den Franzosen, Bayern und
Sachsen auch noch vom Könige von Preußen bedroht sei?
Wieder machten sich die Erwägungen des Septembers 1741
geltend, und sie führten, bei dem fortwährenden Mißtrauen
König Friedrichs in die Fähigkeit und Ehrlichkeit seiner Ver—
bündeten, unter der Vermittlung Englands am 11. Juni 1742
zu dem Frieden von Breslau, dessen Bestimmungen später in
einem Berliner Vertragsabschlusse in allem Wesentlichen bestätigt
worden sind. Danach wurde Schlesien, unter Wahrung der
konfessionellen Verhältnisse der Katholiken, an Preußen ab—
        <pb n="366" />
        746 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

getreten, während Friedrich seine Truppen aus Böhmen zurück⸗
zuziehen versprach und allen sonstigen Ansprüchen an das Haus
Osterreich entsagte.
Für Maria Theresia aber bedeutete der Breslauer Friede
die Freiheit des Handelns gegen Westen hin, gegen Bayern
und Frankreich. Und mit welchem Feuer ergriff sie nunmehr
den Moment: „Jetzt ist der Augenblick gekommen,“ schrieb
sie an den böhmischen Kanzler Grafen Kinsky, ‚wo man Mut
zeigen muß, um sich das Land zu erhalten und mit ihm die
Königin.“ In der Tat erwies sich wenigstens die Wieder—
eroberung Böhmens als eine Frage nur kurzer Zeit. Gegen⸗
über dem Andrängen der österreichischen Truppen konnten
sich die Franzosen nicht halten; bald haben sie sich auf
Prag beschränkt und in Prag eingeschlossen; eine Armee, die
sie dort entsetzen sollte, mußte in der Oberpfalz umkehren;
mühsam nur schlug sich Belle-Isle mit 14 000 Mann im Dezember
1742 von Prag nach Eger durch; am 2. Januar 1748 ging
die Hauptstadt wieder an die Osterreicher über: sang- und
klanglos, wie einst das Winterkönigtum der pfälzischen Wittels⸗
bacher, sank auch das böhmische Königtum der bayrischen
Wittelsbacher ins Grab. Maria Theresia aber war dem
Volke, das sich so leicht der Abtrünnigkeit ergeben hatte, eine
milde neue Herrscherin. Zwar wurde ihm nichts von seiner
früheren Selbständigkeit wiedergegeben, wie diese freilich schon
Ferdinand II. geknickt hatte, auch mußten die Stände sich zu
starken Kriegsleistungen bequemen, und besonders gegnerische
Geschlechter und Männer traf Konfiskation und Verbannung.
Im ganzen aber gewann die Königin das Land durch rasche
und unermüdliche Fürsorge und durch den freudigen Eindruck
ihrer Persönlichkeit; unter dem Jubel der Bevölkerung ist sie
am 12. Mai 1748 zu Prag gekrönt worden.
Es war etwa zu der Zeit, da sich auch in dem direkten
Kampfe sterreichs gegen Frankreich, der sich nun mit dem
noch immer fortwährenden Kriege zwischen England und
Frankreich verschmolz, der Erfolg auf die Seite der Königin
zu neigen begann: ihre Truppen durchzogen im Juni Bayern,
        <pb n="367" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 747

indem sie den Kurfürsten-Kaiser vor sich hertrieben; die Erb—
huldigung der oberösterreichischen Stände gegenüber Karl Albert
fand in einer bayrischen Erbhuldigung für Maria Theresia ihr
ernsteres Widerspiel; eine Armee unter dem abenteuersüchtigen
König Georg II. von England vereinigte sich mit den öster—
reichischen Truppen und schlug, am 27. Juni, die Franzosen bei
Dettingen am Main: es waren in kurzer Zeit gewaltige Erfolge.
Und schon faßten die Koalierten, nun aus der Defensive zur
vollen Offensive übergehend, höhere Pläne. Hatte Maria
Theresia in Italien schon bisher im Verbande mit Sardinien
im ganzen glücklich gegen die Spanier kämpfen lassen, so kam
es jetzt zwischen den beiden Mächten und England am 18. Sep⸗
tember 1743 zu einem förmlichen Bunde, wonach die Bourbonen
aus Italien vertrieben werden sollten, um einer teilweise öster⸗
reichischen, teilweise sardinischen Herrschaft Platz zu machen;
dabei war Österreich das Herzogtum Mailand vorbehalten;
zugleich aber sollte ihm nach einem geheimen Separatvertrage
vermutlich auch Bayern angegliedert werden, dessen Kurfürst
in diesem Falle durch das Königreich Neapel zu entschädigen
gewesen wäre.
Es waren, vom deutschen Standpunkte betrachtet, vor
allem Pläne wesentlicher Machterweiterung Osterreichs in
Deutschland: wollte Maria Theresia etwa den Verlust Schlesiens
als endgültig ansehen und durch die Erwerbung Bayerns wett
machen? Wie ein weiterer Vertrag Hsterreichs mit England
bom 14. Oktober, der freilich von England nicht ratifiziert wurde,
zeigte, keineswegs: durch ihn wurden die nächst zu erwartenden
Aklionen der drei nunmehr aufs engste verbündeten Mächte ge⸗
— Pragmatischen Sanktion von neuem
gewährleistet: — ohne daß dabei die durch den Berliner Frieden
des Jahres 1742 befestigte Ausnahme von der Sanktion, die
Abtretung Schlesiens an Preußen, erwähnt wurde.
So hatte Friedrich II. wohl alle Ursache, den Besitz
Schlesiens noch nicht als endgültig zu erachten; er begann
darum sein Pulver trocken zu halten, indem er Heer und
Finanzen von neuem ordnete; und er versuchte zugleich unter
        <pb n="368" />
        748 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

den deutschen Fürsten einen Bund zum Schutze des Kaisers
und der Reichsverfassung zu begründen.
Aber es war bezeichnend, wie wenig ihm das gelang; ja
wie wenig es sich überhaupt als möglich ergab, ein weiteres
Aufsteigen Osterreichs mit diplomatischen Mitteln zu verhindern.
Kursachsen-Polen schwenkte unter der Führung des Grafen
Brühl zu sterreich ab; in Rußland schien der österreichisch—
englische Einfluß, durch den Grafen Bestuschew-Rjumin vertreten,
siegen zu wollen; auch die Generalstaaten traten, im Schlepp⸗
tau Englands, auf die Seite der Feinde Preußens.
So schien es denn klar: suchte Osterreich keine Ver—
ständigung mit Preußen, so mußte im Jahre 1744 von neuem
um den Besitz Schlesiens gekämpft werden. Am 85. Juni schloß
darum König Friedrich ein neues Bündnis mit Frankreich, das
Großbritannien und Osterreich den Krieg erklärte; schon vor—
her hatte er wenigstens mit den Kurfürsten von Köln und von
der Pfalz wie mit Württemberg und Hessen-Kassel eine Union
zur Aufrechterhaltung der Reichsverfassung geschaffen, der am
24. Juli in Frankfurt ein Bündnis mit dem Kaifer selber
folgte.
Darauf, im August 1744, brach er gegen Österreich los.
Ein Manifest vom 10. August gab als Zweck feines Einmarsches
in Böhmen, den er durch Sachsen nahm, an, „das Systema
und die Freiheit des Reiches wider die ihm so gar nahe
drohende Gefahr zu garantieren und dessen Ruhe mittels eines
rechtmäßigen und billigen Friedens, dessen Gründlichkeit und
Dauer die schon wankende deutsche Freiheit wieder befestigen
könne, in den vorigen Stand zu stellen und zu versichern.“
Am 2. September stand er vor Prag, am 16. September
kapitulierte die Stadt und huldigte Karl Albert von neuem
als König: es schien wie eine Wiederherstellung des Zustandes
vor der böhmischen Krönung Maria Theresias.
Aber bald schlug das Glück Friedrichs um. Die Franzosen,
die nach der ursprünglichen Kriegsabsicht die österreichischen
Truppen am Oberrhein festhalten sollten, erlahmten, zumal nach⸗
dem Ludwig XV. in Metz erkrankt war, und begnügten sich
        <pb n="369" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 749

schließlich mit der Einnahme des Breisgaus; ungehindert von
ihnen und von den kläglichen Truppen der Reichsarmee nahm
der Prinz von Lothringen, der wichtigste Kriegspaladin Maria
Theresias in dieser Zeit, mit seiner Armee den Lauf durch
Süddeutschland, vereinigte sich mit bayrischen Truppen und
20000 Sachsen unter dem Kommando des Herzogs von Sachsen⸗
Weißenfels und zwang Friedrich, im Dezember Böhmen zu
räumen und sich nach Schlesien zurückzuziehen.
So war das erste Feldzugsjahr für Friedrich verloren.
Und mehr: auch die Stützen seiner Bündnisse brachen so gut
wie zusammen. Im Dezember starb die Herzogin von Chateau⸗
roux, die Mätresse Ludwigs XV., die auf Seite Preußens ge—
standen hatte; am 20. Januar 1745 sank Kaiser Karl VII.
ins Grab, und sein Sohn, Kurfürst Marximilian III. Joseph,
machte gegen Wiederzulassung in die Kur und in den Besitz
von Bayern seinen Frieden mit Osterreich.
Damit nicht genug. Für das Feldzugsjahr 1745 rüstete
die englisch-österreichische Koalition aufs beträchtlichste; Eng—
land hat in diesem Jahre allein 830 000 Pfd. Sterl. Subsidien
gezahlt. Und zugleich erweiterte und befestigte sich die Koalition
am 8. Januar 1745 in den Warschauer Stipulationen zur
Quadrupelallianz von England, Hsterreich, Sachsen und Holland:
schon sprach man wieder von der bevorstehenden Teilung
Preußens.
König Friedrich war gegenüber diesem Andrängen in
schlimmer Lage. Wohl gelang es ihm, im Feldzuge des Früh—
sommers, am 4. Juni, die Öpsterreicher bei Hohenfriedberg zu
schlagen und den Kriegsschauplatz nach Böhmen zu verlegen.
Aber weiter gehen zu können durfte er nicht hoffen. Denn
seine Verbündeten, die Franzosen, hatten inzwischen den Schau—
platz ihres Kampfes gegen England fast ausschließlich nach den
Niederlanden verlegt, und ihr Sieg bei Fontenoy, am 11. Mai,
war dem Könige darum wenig zu statten gekommen. Im
Grunde blieb ihm nichts übrig, als zu verhandeln, zumal er
dabei gegenüber Maria Theresia neben manch altem Angebot
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 48
        <pb n="370" />
        750 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

wenigstens noch einen neuen Vorteil auszuspielen hatte. Wie
gern hätte die Königin nach Karls VII. Tode ihren Gemahl
zum Kaiser gewählt gesehen! Fast etwas wie einen Anspruch
schien sie auch diesmal auf diese Wahl zu erheben; und auch
das deutsche Volk erwartete sie als etwas beinahe Selbst—⸗
verständliches und hier und da nicht ohne Ungeduld. So
vermochte Friedrich, ohne sich eben viel zu vergeben, der Königin
bei den Verhandlungen die brandenburgische Stimme für die
Kaiserwahl ihres Gemahles anzubieten. Es war dies damit
einer der Punkte, die in der Konvention von Hannover vom
26. August 1745 eine Rolle spielten, in der sich König Georg II.
bon England zu einer Vermittlung zwischen Preußen und
Osterreich erbot. Aber diese Vermittlung führte zu keinem
Ziele! Im Gegenteil: eben in diesen Tagen hatte sich Maria
Theresia, nun ihrer Sache gewiß, noch einmal kräftig mit
Sachsen zur Fortführung des Krieges verbunden; und trotz
brandenburgischen wie auch pfälzischen Einspruches setzte sie
am 13. September die Wahl ihres Gemahles zum Kaiser
durch. Ja sie reiste sogar zu dessen Krönung, am 4. Ok—
tober, selbst nach Frankfurt; mit hoher Freude hat sie
ihr beigewohnt und nachher dem soeben Gekrönten, da der
Krönungszug zum Römer ging, aus einem der dem Römer
benachbarten Häuser ein erstes begeistertes Vivat Franciscus
zugerufen.
Allein eben in jenen Tagen hatte in dieser an Um—
schwüngen so reichen Zeit ein neuer Aufflug des preußischen
Aars begonnen. Am 30. September schlug König Friedrich
den Prinzen von Lothringen bei Soor. Am 23. November
—
in das brandenburgische Zentrum begonnen hatte, in der Lausitz
bei Katholisch-Hennersdorf. Am 15. Dezember zersprengte der
Alte Dessauer bei Kesselsdorf die Sachsen unter Rutowski und
die Österreicher unter Grünne. Am 18. Dezember zog Friedrich,
nun bald wenn auch zunächst nur in seinen Staaten Friedrich
der Große genannt, in Dresden ein. Und schon am 28. De—
zember kehrte der König wiederum nach Berlin zurück — nach—
        <pb n="371" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 751

dem er inzwischen, am 25. Dezember, in Dresden Frieden ge—
schlossen hatte.
Es war wahrlich ein überraschender Wechsel. Aber Maria
Theresia sah ihre Mittel erschöpft; ihr sächsischer Bundesgenosse
ging der Vernichtung entgegen; und der Kampf in Italien
hatte sich in den letzten Zeiten ganz zugunsten der Bourbonen
entschieden. So blieb denn der Kaiserin in der Tat nichts
übrig, als den Frieden von 1742 noch einmal zu Recht an⸗—
zuerkennen; wogegen der König von Preußen durch nach—
trägliche Zustimmung zur Kaiserwahl Franz' J. seine Pläne
einer Reichsreform und einer Fürstenkoalition gegen Hsterreich
aufgab.

Es war der Abschluß der langen Kämpfe um die Pragma—
tische Sanktion im Reiche: der erste Abschluß zugleich jener
Waffengänge zwischen Osterreich und Preußen, in denen das
nächste Jahrhundert der äußeren Schicksale unseres Volkes zu
nicht geringem Teile verlaufen sollte. Und in diesem ersten
Kampfe, darüber konnte kein Zweifel herrschen, hatte schließlich
doch nicht Osterreich, sondern Vreußen einen ersten Vorteil er⸗
rungen.
Die europäischen Erbfolgekämpfe aber im Anschlusse an
die Pragmatische Sanktion dauerten noch fort; und erst der
Friede von Aachen, von Oktober bis Dezember 1748, hat sie
beendet. Sie schlossen mit der Anerkennung der Nachfolge
Maria Theresias nach dem Rechte der Pragmatischen Sanktion
und der Anerkennung der Erwerbung Schlesiens durch Preußen;
in Italien hatte sterreich Teile Mailands an Sardinien,
Parma, Piacenza und Guastalla an den Infanten Philipp von
Spanien abzutreten.

II.

Die nächsten Jahre, ja fast das ganze Jahrzehnt nach den
ersten schlesifchen Kriegen und dem österreichischen Erbfolge⸗
kriege bildeten für die beiden großen deutschen Gegner eine Zeit
12*
        <pb n="372" />
        752 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

des Verschnaufens und der Sammlung von Kräften zu neuem
Ringen. Denn so der Hauptsache nach haben beide, wenigstens
gegen Schluß der Zeit, die Tätigkeit dieses Jahrzehnts be—
rachtet.
Anfangs indes sah man Leben und Handeln doch wieder
breiter an; bei Friedrich regte sich, wenn auch begrenzter, aber
doch zugleich auch veredelt die alte Liebe zu Kunst und zu
Wissenschaft, zu Geselligkeit und zu Repräsentation; die öster—
reichische Herrscherin aber, nun junge Kaiserin — und eben als
zsterreichische Kaiserin, die sie nicht war, lebt sie bezeichnender—
weise im Gedächtnis der Nachwelt fort — entfaltete all ihren
Liebreiz und eine gleichsam mütterliche Sorge, die frohes Tage—
leben nicht ausschloß, in der unmittelbar praktischen Ver—
besserung der Regierung der ihr zugefallenen Lande. So waren
die beiden Rivalen und Nachbarn jeder in seinem Sinne treff⸗
lich tättg; und wenn dabei vom Standpunkte der deutschen
Allgemeingeschichte das Tun Maria Theresias zunächst fast
fruchtbarer und auch rascher abgeschlossen erscheint, so hat das
vornehmlich seinen Grund doch nur darin, daß sie gegen ihr
Land noch Pflichten des Absolutismus zu erfüllen hatte, denen
in Preußen schon die Regierung Friedrich Wilhelms J. gerecht
zeworden war.
Will man sich den Unterschied, der damit zwischen der
Tätigkeit Friedrichs und Maria Theresias obwaltete, gleichsam
symbolisch, nach den Eindrücken nur einer einzigen Tätigkeits⸗
seite beider veranschaulichen, so geschieht das vielleicht am
besten durch Gegenüberstellung dessen, was Friedrich wie Maria
Theresia in dieser Zeit ganz persönlich für ihr Andenken bei
der Nachwelt taten. Da sehen wir Friedrich alsbald nach den
schlesischen Kriegen, ja schon während deren Verlauf bereits
auch an deren Geschichte arbeiten; wie Cäsar seine Kommen⸗
tarien, nur weit allseitiger, schreibt er seine ‚Histoire de mon
temps“: und von vornherein berichtet er mit dem Gedanken
an die Offentlichkeit. Ja damit noch nicht zufrieden, beginnt
er zur selben Zeit auch schon die „Mémoires pour servir à
l'histoire de la maison de Brandebourg“, deren erster Ab—⸗
        <pb n="373" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 753

schnitt bereits 1748 erschien: will er das Urteil der Welt über das
Emporkommen seines Hauses bei allem Dienst an der Wahr⸗
heit doch von sich aus bestimmen. Wie bescheiden nehmen sich
demgegenüber die Aufzeichnungen aus, die Maria Theresia
im Zahre 1751 begonnen hat! Sie steht nicht unter dem
Drang ständigen schriftstellerischen Produzierens, der eine der
charakteristischsten Eigenschaften ihres königlichen Gegners war;
ihr fehlt aller literarische Ehrgeiz; schlicht diktiert sie einem
Sekretär Notizen ‚aus mütterlicher Wohlmeinung zu besonderem
Nutzen ihrer Posterität“.
Aber eben in diesen Notizen lernen wir sie nun un—
geschminkt kennen und sehen, wie sie nach den Kriegen vor
nneren Aufgaben stand, die ihrer weiblichen Hand zumuteten,
was Friedrich Wilhelm J. getan hatte und Friedrich der Große
leisten sollte. „Weilen Gott mich zu dieser großen Last der
Regierung auserwählt, so habe ich zum Principio gehabt, daß
solange als noch was finden werde zu helfen, oder einige
Resourcen vorhanden sein würden, ich solche anwenden wolle,
und daß ich dieses zu tun schuldig sei. Solches hat mich in
eine solche Gelassenheit des Geistes gesetzet, daß meine eigene
Begebnisse wie einem Fremden seine angesehen ... Bis zu
dem Dresdner Frieden habe herzhaft agiret, alles hazardiret
und alle Kräfte angespannet, weiter neben meinem vorhin an⸗
gesetzten Principio noch, ein besonderes gehabt, daß nämlich
einen armen Erblanden nichts Unglückseligeres geschehen
könnte, als in Preußische Hände zu verfallen: Wie dann, so
ferne nicht allezeit gesegneten Leibes gewesen, mich gewiß Nie⸗
mand aufgehalten hätte, selbsten diesem so meineidigen Feinde
entgegenzusetzen: Gott aber hat es anders verhänget ...
Und wie gesehen, daß die Hände zu dem Dresdner Frieden
reichen mußte, so habe auch auf einmal meine Gedenkens⸗Art
geändert und solche allein auf das Innerliche derer Länder
gewendet, um die erforderlichen Maßregeln zu ergreifen, wie
die Teutschen Erblande von denen so mächtigen beiden Feinden
Preußen und Türken bei ermangelnden Festungen und baren
Geldes und geschwächten Armeen noch zu erhalten und zu be—
        <pb n="374" />
        754 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

schützen wären ... Und seit dem Dresdner Frieden war mein
einziges Trachten, mich von der Länder Situation und Force
zu unterrichten, hiernächst die bei denenselben und in denen
Dicastériis eingeschlichene Abusus, in deren Ansehen alles in
dem verwirrtesten, übelsten Stande und Confusion befunden,
rechtschaffen zu ergründen und zu erkennen: Diejenigen, die
mir hiervon conpaisance geben sollten, waren dessen nicht
zapable oder wollten es nicht thun.“
So hat denn die Kaiserin, zunächst auf sich gestellt und
in der inneren Politik wohl in gleichem Grade selbständig wie
in der äußeren, seit dieser Zeit die Maximen ihrer inneren
Herrschaft durchgebildet; und auch ihr Franz hat sie dabei,
es sei denn in gewissen finanziellen Fragen, kaum entscheidend
beeinflußt.
Die allgemeinen Staatsgrundsätze, welche die Kaiserin auf
diese Weise entwickelte, hingen an erster Stelle natürlich mit
ihrer Weltanschauung zusammen, und die war streng katholisch.
Darum haßte sie die Juden — denen übrigens auch Friedrich
der Große nicht gewogen war — und war den Protestanten
bis zu dem Grade gram, daß sie noch 1751 eine offene Ver—
folgung gegen sie eingeleitet hat und allezeit eine Freundin
ihrer gewaltsamen Versetzung nach Ungarn und Siebenbürgen
geblieben ist. Indes ihre gutkatholische persönliche Frömmig-—
keit hinderte sie doch nicht, dem Absolutismus des Zeitalters
die Vorstellung von der weltlichen Superiorität des Staates
über die Kirche zu entnehmen; und nicht selten hat der Klerus
es von ihr zu fühlen bekommen, daß er an erster Stelle öster—
reichischer Reichsklerus sein solle. Von diesem Standpunkte aus
erschien ihr denn auch Schule und Unterricht keineswegs als
kirchliches Zubehör; das sei ein politisches Ding, konnte sie wohl
ausführen, und mehr als alle ihre Vorgänger zusammen hat sie
eben von diesem Standpunkte aus für die Elementarschulen,
in späterer Zeit namentlich unter dem Einflusse des frommen
Propstes Felbiger, für die Mittelschulen und besonders auch,
von dem Holländer van Swieten, ihrem Leibarzt, beraten, für
die Universitäten getan.
        <pb n="375" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 755

Indes an erster Stelle konnte es sich für sie noch nicht
im die schon feineren Aufgaben des Staatslebens handeln; sie
mußte schon glücklich sein, wenn es ihr gelang, aus diesem
Reichskonglomerat von Einzelländern, dessen Finanzen zerfallen
waren und dessen Heer sich nicht zur Genüge bewährt hatte,
einen wirklichen Staat oder wenigstens die Anfänge eines
nodernen Hfterreichs zu entwickeln. Erreichte sie dies Ziel
wenigstens bis zu dem Grade, daß der Einheitsgedanke des
Reiches für immer gesichert schien, und fügte sie ihm noch die
elementaren Wohltaten eines zum Höchsten und Letzten ent⸗
wickelten Absolutismus, Rechtssicherheit und leidliche Gleichheit
der Personen vor Gericht hinzu: so waren Aufgaben gelöst,
im denen sich die Kraft der letzten männlichen Habsburger
vergebens versucht hatte. Und es bleibt der gesicherte Ruhm
Maria Theresias, diese Aufgaben unter der Mitarbeit tüchtiger
Minister wie der Grafen Haugwitz und Chotek und auch des
Fürsten Kaunitz wirklich gelöst zu haben.
In den ersten Jahren aber, der Zeit des Ausganges der
triegerischen Verwicklungen, handelte es sich natürlich an erster
Stelle um eine Wiederherstellung und Weiterbildung des Heeres:
es sollte auf 108000 Mann in den Erblanden und Ungarn
gebracht und mit allem Nötigen für jeden Kriegsfall versehen
derden. Aber nach Lage der Dinge war diese Frage doch
eigentlich nur eine Finanzfrage; und Haugwitz berechnete die
jährlich für den genannten Zweck erforderliche Summe auf
14 Millionen Gulden.
Allein auch damit war schließlich noch nichts gesagt. Wer
sollte die hohen, hiernach notwendigen Einnahmen ständig
aufbringen? Die Zentralverwaltung war dazu völlig unfähig,
zudem stark verschuldet. Man mußte auf die ständische Be—
willigung der einzelnen Länder zurückgreifen, und kam damit
um so mehr mit den Ständen in Zwist, als Maria Theresia
oersönlich den aufgeklärtesten Steuerprinzipien der Zeit huldigte
und daher ebensosehr eine Besteuerung der bisher exemten
Stände, des Klerus und Adels, für gerecht hielt, wie die
Schonung der materiellen Interessen der unteren Stände
        <pb n="376" />
        756 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

forderte. Am Ende lief unter diesen Umständen die Sorge
für die ersten Erfordernisse des Gesamtstaates doch wieder, wie
in allen anderen deutschen Ländern, auf einen Kampf gegen
die Stände hinaus.
Auf diesem Gebiete aber hatte es die Kaiserin allerdings
leichter zu siegen, wie seinerzeit in Preußen etwa der Große
Kurfürst oder selbst auch noch Friedrich Wilhelm J. Die all—
gemeine Staatsanschauung eines vollkommenen Absolutismus
hatte inzwischen Fortschritte gemacht; die leise aufdämmernde
öffentliche Meinung des Bürgertums erwartete mehr von der
Milde und dem Pflichtgefühl der Fürsten als von den ver—
alteten Willensäußerungen der Stände; und diese selbst waren
in nicht wenigen Ländern schon so gut wie ihrer Rechte
beraubt: eine Erscheinung, die nicht geeignet war, ihre Kraft
und ihr Ansehen da, wo sie noch bestanden, zu heben. So
hat denn Maria Theresia zwar noch den Widerstand einzelner
Stände und Interessengruppen in diesen gefunden; im ganzen
aber gipfelte ihr Vorgehen in gewissem Sinne doch in dem
Kampfe nur gegen einen Mann, den obersten Kanzler des König⸗
reiches Böhmen und Stellvertreter des Landmarschalls von
Niederösterreich, Grafen Harrach; und als dieser 1748 gestürzt
und 1749 gestorben war, beruhigten sich im allgemeinen alle
Stände. Dabei mochte man im geheimen wohl noch gründlich
grollen: doch verhinderte das nicht, daß die zur Heeres—
reorganisation nötigen 14 Millionen jährlicher Steuern bewilligt
wurden, wenn sie auch niemals wirklich vollständig ein⸗
gegangen sind.
Was aber dieser Politik der Kaiserin, abgesehen davon,
daß sie das nächste Ziel erreichte, die besondere Signatur gab,
das war der Umstand, daß sie damit gegenüber dem Hochadel,
dessen zentralistisch-höfische Entstehung wir kennen, und der
längere Zeit hindurch zum eigentlichen sozialen Träger der
österreichischen Gesamtstaatsidee am ehesten berufen gewesen zu
sein schien!, aufs klarste Front machte: sehr im Gegensatze zu

S. oben S. 703 ff.
        <pb n="377" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 757

Friedrich dem Großen, der die Einheit seines Staates weit
mehr noch als seine Vorgänger eben auf den Adel zu stützen
gesucht hat. Es ist eine Erscheinung, die der Gesamtstaatsidee der
Kaiserin von vornherein einen moderneren Zug, etwas
Demokratischeres gleichsam verlieh, das übrigens auch mit
ihrer Art sich persönlich zu geben und zu regieren harmonierte:
und die späteren radikalen Reformen Josephs II. haben darin
einen, wenn auch erst schwach vorbereiteten Boden und einen
gewissen historischen Anhalt gefunden.
Klar aber war, daß die Kaiserin nach alledem zur ent⸗
schiedensten Betonung ihrer Regierungsrechte entschlossen sein
mußte, wie sie nur in der Durchbildung einer wirklichen
Zentralverwaltung verwirklicht werden konnten. Hauptaufgabe
war hier, nachdem eigentlich schon seit dem 16. Jahrhundert
Finanzen und Heerwesen in Hofkammer und Kriegsrat zu
selbständigen, den Herrschern gleichsam persönlich zugeteilten
Amtern erwachsen waren, endlich einmal die eigentliche innere
Verwaltung zu organisieren. Die Kaiserin griff diese Aufgabe
alsbald radikal an, indem sie zunächst, durch Schaffung einer
Obersten Justizstelle im Jahre 1749, wenigstens in der Zentrale
die Trennung von Rechtspflege und Verwaltung durchsetzte.
Die Verwaltung aber wurde weiterhin an der Zentrale dadurch
— EDD—
höhmischen und österreichischen, zunächst eine einzige Behörde,
»as Directorium in politicis et cameralibus, eingerichtet
wurde. Doch war dies nicht die letzte Lösung des Problems.
Vielmehr trat an die Stelle des Direktoriums seit 1761 die
Vereinigte österreichisch-böhmische Hofkanzlei, der im allgemeinen
die Geschäfte eines Ministeriums des Inneren zufielen, nachdem
'hm schon vorher, seit 1758, die Staatskanzlei als eigentliches
Reichsministerium für die Fragen der obersten Polizei, der
Entwicklung des Staatskredits, der Behandlung der kirchlichen
Angelegenheiten und andere Materien zur Seite getreten war.
Und auch damit, wie mit dem 17060 eingesetzten Staatsrat
für die höchsten politischen Geschäfte war an sich noch keine
virkliche Vereinheitlichung der Geschäfte, etwa gar nach heutigen
        <pb n="378" />
        758 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Begriffen, durchgeführt; zudem funktionierten außerdem auch noch
eine ganze Anzahl minderwichtiger Zentralstellen selbständig
fort: so die ungarisch-siebenbürgische und die illyrisch-banater
Hofkanzlei — ähnlich wie neben der österreichischen Finanz⸗
verwaltung die ungarische Hofkammer und das siebenbürgische
Thesaurariat bestehen blieben.
Trotzdem war doch so viel erreicht, daß einmal eine Stelle
vorhanden war, die auf die Entwicklung von Rechtsgleichheit
und Gleichheit des Gerichtswesens einwirken konnte, und daß
weiter unter der eigentlichen zentralen Administration wenigstens
der Rost einer gesamtstaatlichen Lokalverwaltung begründet
werden konnte.
Im Zusammenhange mit dem Loslösungsversuche der
Justiz aus der Verwaltung aber trat alsbald auch der Gedanke
eines gemeinsamen österreichischen materiellen Rechtes hervor,
wie denn Rechtssysteme und Rechtskodifikationen als eine
charakteristische Erscheinung von Aufklärungszeiten gelten
können; seit 1753 tagte eine „Kompilationskommission“ zur
Ausarbeitung eines Zivil- und Strafrechts, und als Ergebnisse
der von ihr und ihren Fortsetzerinnen geleisteten Arbeit erschienen
1767 der Codex Theéresianus und 1768 die Constitutio
criminalis Theresiana. Von ihnen hat das Strafrecht, in
dessen Gefolge unter den milderen Sitten der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts bald auch die Tortur fiel und die Todes⸗
strafe beschränkt wurde, noch über den Tod der Kaiserin hinaus
bestanden; der Codex Théreésianus dagegen erwies sich, wie
so manche erste Ansätze zur Kodifikation des bürgerlichen
Rechtes auch anderswo, zunächst als ungenügend; und erst im
Jahre 1811 hat Ästerreich ein abschließendes „Allgemeines
bürgerliches Gesetzbuch“ erhalten.
Sollten nun aber die Anfänge einer solchen allgemeinen
Gesetzgebung völlig zur Wirkung gelangen, namentlich wenn ihnen,
besonders auf dem Gebiete des länderverbindenden Handels
und der moderneren Geldwirtschaft überhaupt, noch eine stärkere
Spezialgesetzgebung zur Seite trat, so mußte die Zentralverwaltung
endlich mit lokalen Vollstreckungsorganen ausgestattet werden.
        <pb n="379" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 7 59

wie deren Preußen schon vor längerer Zeit aus Kriegskommissariat
und Landratsamt her entwickelt hatte. Für Hsterreich ist es nun
bezeichnend, daß die Ausbildung dieser unteren Organe nach
mancherlei früheren, wirkungslos gebliebenen Anfängen s chließlich
ohne jede Anlehnung an irgendwelche Entwicklungsrichtungen
sei es der Heeresverfassung oder der lokalen Selbstverwaltung
rein mechanisch durch bloße Anordnung von oben her, bureau⸗
kratisch würden wir heute sagen, erfolgte. Die Einrichtung,
die begründet wurde, war die der Kreisämter. Außer Zu—
sammenhang mit den herkömmlichen Verwaltungs- und Herr⸗
schaftsgrenzen wurde das Netz dieser Amter gleichmäßig über
die Länder gelegt, und ihre Vorstände, die Kreishauptleute, vom
Direktorium und später von der Hofkanzlei ernannte Beamte,
erhielten die wesentlich politische Aufgabe, Rechtspflege und
Verwaltung der ständischen Lebenskreise, insbesondere der
Grund- und Gutsherrschaften zu beaufsichtigen und für die
Ausführung der gesamtstaatlichen Gesetze und Verordnungen
zu sorgen.
Waren sie nun in der Lage, dies ausreichend zu tun?
Nur gering war die hinter ihnen stehende politische Gewalt
und geringer noch ihre soziale Fundamentierung in den Ver⸗
hältnissen, die sie beherrschen sollten: von vornherein bürgerte
fich daher in dieser Verwaltung ein Vielbefohlenwerden und
Wenigausführen ein, das dann für die österreichische Ver—
waltung überhaupt gegenüber der preußischen, in der im all⸗
gemeinen Befehl und Ausführung zusammenfiel, charakteristisch
geworden ist. Und war nicht bei dem Radikalismus der
ganzen Einrichtung auch hiermit wiederum etwas von der
Atmosphäre geschaffen, aus der Josephs Reformen hervorgehen
konnten?
Doch einstweilen handelte es sich noch nicht um eine volle
Ausgestaltung, um die Entfaltung gleichsam eines allseitig
entwickelten Musterstaates des aufgeklärten Absolutismus. Alle
prinzipiellen Lösungen in diesem Sinne lagen dem Wesen der
Kaiserin fern; und im Grunde mußten bei der auswärtigen
Lage ihre ernsteste Aufmerksamkeit doch immer wieder jene
        <pb n="380" />
        760 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
höchsten Blütenerscheinungen früherer Formen des fürstlichen
Absolutismus fesseln: Heer und Finanzen.
Da wäre denn den Finanzen, namentlich soweit es sich um
das weite Gebiet der indirekten Besteuerung handelte, am besten
durch einen glänzend entwickelten Merkantilismus zu helfen ge—
wesen. Aber ließ sich dies System in Österreich so einfach durch—
führen? Gewiß hatten es schon Karl VI. und seine nächsten Vor—
gänger an Anstrengungen in dieser Hinsicht nicht fehlen lassen!,
und Maria Theresia folgte ihnen darin: 1746 wurde als eine
besondere Behörde das Universal-Kommerzdirektorium für beide
Reichshälften errichtet; dann folgte die Begrundung einer neuen
Ministerial-Hofbankodeputation und 1771 die Errichtung der
Wiener Börse. Aber das Ergebnis stand zu den Anstrengungen
in keinem rechten Verhältnis. Triest allerdings, kommerziell fast
eine neue Schöpfung Karls VI., machte Fortschritte; aber die
vielen Millionen, die in die Hafenbauten unter persönlicher
Leitung des Grafen Chotek gesteckt wurden, kamen vielfach doch
mehr den fremden, namentlich den griechischen Kaufleuten zugute.
Denn den Handel von Triest aus durch den ganzen Reichs—
körper hin zu beleben, gelang schon deshalb nicht, weil es sich
als unmöglich erwies, die eingerostete Gewohnheit der Binnen—
zölle zu beseitigen; nach wie vor bestanden allein schon die
Erblande aus sechs verschiedenen Zollgebieten und blieb Ungarn
durch eine starke Zollgrenze von der westlichen Reichshälfte
geschieden. Wenn aber der Handel nicht zur Blüte zu bringen
war, wie hätten da Industrien entstehen können — moderne
Industrien, die auf weiten Absatz arbeiteten? Sogar der
Ackerbau blieb unter der Ungunst der allgemeinen Lage zurück;
vor allem in Ungarn, wo alle Versuche ihn zu heben altem
Mißtrauen begegneten.
Ließ sich trotzdem langsam eine wesentliche Zunahme der
Staatseinkünfte feststellen, so war das, abgesehen von der
Erhöhung der direkten Steuern der einzelnen Länder, vielfach
auch Folge der verbesserten Verwaltung. So stieg das öffent—

S. oben S. 715f.
        <pb n="381" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 761

liche Einkommen, eine Vermögenssteuer in der Höhe des
zehnten Teils des Einkommens nebst einer progressiven Kopf⸗
fteuer, von 20 Millionen im Jahre 1745 auf 40 Millionen
im Jahre 1754 und 54 im Jahre 1773, und die Grund⸗
steuer von 14 Millionen im Jahre 1747 auf 19 im Jahre 1773;
ja selbst die indirekten Steuern und Gefälle erschienen schließlich
auf das Doppelte gesteigert. Allein noch —RX
wiederum die Ausgaben; neue Rüstungen und schließlich Kriege
führten bald ein jährliches Defizit von 8 bis 10 Millionen
herbei, und im Jahre 1762, gegen Ausgang des Siebenjährigen
Krieges, ergab sich die Notwendigkeit, das erste staatliche
Papiergeld, die Bankozettel, auszugeben. Es war das Betreten
einer abwärts führenden Bahn, von der man so bald nicht
wieder hinweg gelangt ist; 1781 betrug die Bankschuld schon
20 Millionen.
Eins freilich ließ sich nicht verkennen: die Unterhaltung
des Heeres, die den größeren Teil fast des Budgets zu ver⸗
schlingen begann, war doch auch eines der wichtigsten Mittel
zur Durchführung der osterreichischen Reichseinheit. Denn
in ihm galt kein Unterschied der Länder und Provinzen; und
das Offizierskorps insbesondere erwuchs schon unter Maria
Theresia zu jenem starken Hort der Gesamtstaatsidee, der es
bis auf heute geblieben ist. So ist es fast symbolisch, daß
die Offiziersuniform an Stelle des spanischen Mantels zum
beliebtesiten Hofkleid wurde, nachdem im Jahre 1751 allen
Offizieren der Zutritt bei Hofe eingeräumt worden war. Indem
aber die Offiziere so, und zwar Bürgerliche und Adlige gleich⸗
mäßig, die Funktionen zu erfüllen begannen, deren Wirksam⸗
keit für die Gesamtstaatsidee man früher vom Hofadel erwartet
hatte, empfand schon Maria Theresia es als eine wichtige
Pflicht, den neuen Stand auch mit der Bildung auszustatten,
deren er für seinen Beruf wie seine politische Aufgabe bedurfte:
1752 ist die adlige Militärakademie in Wiener Neustadt ent⸗
standen, die noch heute blüht; 1754 wurde eine Akademie für
die Ingenieurkunst in Wien gegründet.
Baͤld aber zeigte sich, daß das Heer, bei allen inner⸗
        <pb n="382" />
        762 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

staatlichen Aufgaben, doch vor allem für den Schutz des Reiches
nach außen notwendig war. Denn die kriegsdurchtobten Jahr—
zehnte und Menschenalter des Absolutismus waren noch keines⸗
wegs zur Rüste gegangen; noch beherrschten fürstlicher Ehrgeiz
und Kabinettsintrige die politische Welt.
Innerhalb der deutschen Zustände blieb dabei auch nach
Beendigung des zweiten schlesischen Krieges das Verhältnis
Hsterreichs und Preußens zueinander das entscheidende Moment.
Nicht als ob sterreich und Preußen später wie früher von
speziell nationalen Gesichtspunkten aus gehandelt hätten; auch
ein zur Zeit des Dresdner Friedensschlusses rasch hingeworfener
Gedanke Friedrichs, die Kurhöfe von Dresden, München,
Mannheim und Bounn zu einer Einung unter preußischer Spitze
zusammenzufassen, darf schwerlich in diesem Sinne gedeutet
werden. Aber da die beiden Ostmächte nun ohne Zweifel
die weitaus bedeutendsten deutschen Mächte überhaupt waren,
so lag eben von diesem rein dynamischen Gesichtspunkte aus
in ihrem gegenseitigen Handeln die Zukunft Deutschlands be—
schlossen.
Und hier wollte es nun das Schicksal, daß die mannigfachen
Versuche der Einigung beider, die unternommen wurden, immer
wieder an gegenseitigem Mißtrauen und vor allem an dem
echt frauenmäßigen Haß der Kaiserin-Königin scheiterten.
Denn für sie blieb es im Grunde Axiom, daß der „böse
Mann“ in Berlin von Gott durch Wiederabnahme Schlesiens
gestraft werden müsse; für Schlesien war sie darum andere
Gebietsteile, italienische, niederländische, zu opfern bereit: und
diese Grundstimmung beherrschte die österreichische Politik bis
mindestens zum Hubertusburger Frieden. Friedrich anderseits
war diese Stimmung wohl bekannt: und so hieß es für ihn
toujours en vedéètte.
Die Stellung, die der König von Preußen von diesem
Standpunkte aus nahm, war, unter Fortdauer eines 1741 mit
Frankreich geschlossenen Bündnisses, die einer möglichst gleich—
mäßigen Neutralität zwischen den rivalisierenden Westmächten
England und Frankreich, von deren gegenseitigem Verhältnisse
        <pb n="383" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 763

bei der engen Verbindung Frankreichs mit Spanien auch die
Ruhe Italiens und Deutschlands abhing: und meisterhaft hat
er diese Politik bis zum Aachener Frieden und darüber hinaus
durchgeführt. Doch machte sich seit 1749 etwa eine immer
stärkere Hinneigung zu Frankreich bemerkbar; so wenig der
König die Schäden der französischen Entwicklung verkannte.
Die Geschäfte“, heißt es in dem „Politischen Testamente“ des
Jahres 1752, „werden in diesem Lande, dessen Gottheit das
Vergnügen ist, oberflächlich behandelt. Ein schwacher Fürst
redet sich ein, daß er diese Monarchie regiere, während seine
Minister sich in seine Autorität teilen und ihm nichts als einen
unfruchtbaren Namen lassen. Eine Maitresse, die nur auf
ihre Bereicherung hinarbeitet, Verwaltungsbeamte, welche die
Truhen des Königs plündern, viel Unordnung und viel
Räuberei stürzen diesen Staat in einen Abgrund von Schulden.“
sterreich hatte inzwischen, wesentlich durch seine Auf—
merksamkeit auf Preußen veranlaßt, sich vor allem Rußland
zu nähern gesucht, dessen Beherrscherin Elisabeth, von Friedrichs
scharfer Zunge oft verlästert, Preußen und seinen König haßte;
und schon am 2. Juni 1746 war es zwischen den beiden
Staaten zu einem Verteidigungsbunde gekommen, worin sie
sich insbesondere für den Fall eines preußischen Angriffes auf
sie oder Polen — denn immer wurde Sachsen-Polen in
diesen Verhandlungen mit verstanden — gegenseitige Hilfe zu—
sagten. Es war ein Bund, dem am 80. Oktober 1750 auch
England, bei gleichzeitiger stärkerer Annäherung Friedrichs an
Frankreich, fur gewisse Hauptbestimmungen beitrat, während
es zwischen Rußland und Preußen geradezu zum Abbruch der
diplomatischen Beziehungen kam. Dies alles sah, für einen
osterreichischen Betrachter, wie die Erfüllung der politischen
Ansichten aus, die Kaiser Franz in einem Gutachten vom
18. März 1749 niedergelegt hatte: man solle mit Rußland und
den Seemächten gute Freundschaft halten, dann werde auch
König Friedrich ruhig sein: „der einzige Preuß ist zu sorgen,
daß er von den friedfertigen Dispositionen von ganz Europa
zu profitieren sucht, um seine Streiche anzubringen. Man soll
        <pb n="384" />
        764 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

ihn aber auch nicht durch fortwährende Gehässigkeit reizen,
nicht den Leuten bei allen Gelegenheiten vorwerfen, daß sie
preußisch seien, aber deshalb nichts nutz.“ Hätte man nach
diesen Vorschriften gehandelt, so wäre der Friede wohl er—
halten geblieben, denn der „Preuß“ befand sich wenigstens
einstweilen im Ruhezustande der Sättigung.
Eine zunächst nur gedankliche, innerliche, virtuelle Störung
dieses Gleichgewichts erfolgte, soweit die deutschen Mächte in
Betracht kamen, zuerst durch Österreich. Im Jahre 1753 wurde
Kaunitz österreichischer Staatskanzler. Man hat von ihm schon
aus dem Jahre 1749 ein Gutachten, in dem er die Allianz
mit Frankreich empfiehlt, um mit ihrer Hilfe „unter Sakri—
fizierung einer Provinz in Italien oder den Niederlanden“
Preußen Schlesien wieder abzujagen. Von da ab hat Kaunitz
diesen Gedanken wohl niemals im Innersten wieder aufgegeben;
denn mit Sicherheit konnte er sich sagen, daß er damit auch
einem Grundbestreben, wenn nicht dem Grundbestreben seiner
Gebieterin entspreche; und gewißlich seit 1753 erwartete er
nur die Gelegenheit, ihn durchzuführen.
Diese Gelegenheit aber ergab sich schließlich aus Anlässen,
die fernab von Europa in die Neue Welt führen: so eng
hingen schon damals die äußeren Geschicke der Menschheit zu—
sammen. Der Wettbewerb Frankreichs und Englands um die
Herrschaft über den nordamerikanischen Kontinent war durch
den Frieden von Aachen wohl unterbrochen, nicht aber auf—
gehoben worden. Ja es war ein Wettbewerb, dessen Beseitigung
schon gar nicht mehr in der Macht der beiden Staaten lag,
und dessen Verlauf unbedingt zu ungunsten Frankreichs enden
mußte. Während die Franzosen versucht hatten, die ungeheuren
Weiten des Kontinents von zwei Punkten her zugleich zu er⸗
schließen: in Kanada den Lorenzstrom aufwärts und vom
Mexikanischen Golf den Mississippi aufwärts, und diese beiden
Aktionslinien einstweilen nur durch eine schwache Linie von
Forts den Ohio aufwärts und von ihm herüber zu den großen
Seen verbunden hatten, ohne das Land mit dichterer Be—
oölkerung füllen zu können, war die englische Kolonisation
        <pb n="385" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen enrop. Großmacht. 765

ganz anders verlaufen: nur den Seegestaden gemäßigten und
sfubtropischen Klimas angehörig, unterstützt von starken deutschen
und keltischen Volkselementen hatte sie, zunächst zwischen dem
Meer und den Bergen des Inneren, insbesondere den Alleghanies,
zur Anlegung volkreicher Siedlungsstaaten geführt. Dann
aber war die Zeit gekommen und jetzt eben in ihre erste Blüte
getreten, da die zunehmende Bevölkerung die Berge überschritt,
die Ostränder des Mississippitals einnahm: und nun eben hier
mit den magern Herrschaftszeichen der Franzosen in Kollision
geriet. In diesem Zusammenhange war es, daß die welt⸗
geschichtliche Person des jungen George Washington zum ersten
Male hervortrat; am 28. Mai 1754 haben er und seine Ge⸗
nossen am Ohio, bei Pittsburg, erste Schüsse mit den Franzosen
gewechselt.
Es war die GEröffnung einer neuen kriegerischen Phase
des säkularen Ringens zwischen England und Frankreich auch
in Europa. Und alsbald ergab sich die Frage, wie diese Aus⸗
sicht auf die bestehenden Machtverhältnisse Europas einwirken
werde. Da war denn zunächst klar, daß, abgesehen von der See,
der Kriegsschauplatz vor allem die Gegend der niederländischen
Barrierefestungen — im heutigen Belgien — und Hannover
sowie Braunschweig sein würden: diese gehörten zu England, jene
schlossen seit 1709 die franzöfische Machtsphäre nach Norden
ab. Versuchten darauf die gegnerischen Mächte weiterhin die
nächsten Kontinentalmächte, und dies waren die deutschen, in
ihren Zwist als Helfer hineinzuziehen, so mußte England
sterreich, Frankreich aber Preußen zu engagieren bestrebt sein.
Allein diese beiden Mächte zauderten, und indem sie dadurch
ihren westlichen Vertrauten beiderseits verdächtig wurden, ge⸗
lang es Kaunitz, den psychologischen Moment zu ergreifen, um
Frankreich von Preußen zu Hsterreich hinüberzuziehen, während
— Es war ein
merkwürdiges Chassez-croisez, das vornehmlich der über—⸗
legenen Staatskunst Kaunitzens verdankt wurde und für
Ofterreich um so mehr bedeutete, als es in Frankreich den
Erbfeind des Hauses Habsburg zu gewinnen galt; für Preußen
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 49
        <pb n="386" />
        766 I Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

aber hatte der Wechsel dadurch sein überaus Bedenkliches, daß
England im Grunde nur Seemacht und Finanzmacht war,
zudem auch sich gegenüber Preußen keineswegs so entscheidend
band und zu binden brauchte wie Frankreich gegenüber Oster⸗
reich. Er war der Keim des Siebenjährigen Krieges.
Von OÖOsterreich erfolgten die ersten Anknüpfungen mit
Frankreich seit August 1755; sie führten unter der stillen, aber
entschiedenen Führung der Marquise von Pompadour zunächst
zu dem Freundschafts- und Verteidigungsbündnisse von Jouy
vom 1. Mai 1756, in dem sich beide Mächte den Schutz ihrer
europäischen Gebiete und im Falle des Angriffes einen Bei—
stand von je 24000 Mann zusicherten; ergänzt wurde dieser
Vertrag später, am 1. Mai 1757, durch das Versprechen einer
Jahressubsidie von 12 Millionen Livres seitens Frankreichs,
das aber nicht lange gehalten worden ist.
Preußen hatte inzwischen mit England die Westminster⸗
konvention vom 16. Januar 1756 geschlossen, in der sich beide
Mächte ihre Länder garantierten und sich verpflichteten, dem
Einrücken fremder Heere ins Reich mit allen Kräften zu wider⸗
stehen; käme es darüber zum Kriege, so sollte England an
Preußen jährlich vier Millionen Taler an Kriegshilfe zahlen.
Man sieht: die auf diese Weise abgeschlossenen Verträge
bedeuteten an sich noch nicht den Krieg, so sehr die Kriegsgefahr
hinter ihnen lauerte. Entscheidend war im Grunde erst die
Art, in welcher Kaunitz seine französische Politik mit der seines
Staates gegen Rußland verquickte.
Rußland war in diesem Momente in einer merkwürdigen
Lage. Mit England wie mit Ästerreich verbündet sah es diese
beiden Freunde sich je mit einer Macht in ein Vertragsverhältnis
einlassen, die es als feindlich betrachtete: England mit Preußen,
Osterreich mit Frankreich. Nach welcher Seite hin sollte da
seine Entscheidung fallen? Eine Hofkabale gab schließlich gegen
Preußen den Ausschlag: und im März 1756 war damit die
Stellungnahme der drei großen Kontinentalmächte, sterreichs,
Frankreichs, Rußlands gegen König Friedrich gesichert. Freilich:
alsbald losschlagen wollten die vorsichtigen sterreicher, ungleich
        <pb n="387" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 767

den drängenden Russen, noch nicht. Kaunitz ließ daher am
22. Mai 1756 dem russischen Hofe mitteilen: „die Zeit sei schon
zu sehr verstrichen, als daß man noch in diesem Jahre beider⸗
seits die Armeen zusammenziehen, in Marsch setzen und die
Operationen zu gleicher Zeit anfangen könne. Man müsse also
bis zum nächsten Frühjahr warten. Inzwischen würde alles
darauf ankommen, das Spiel gut zu verdecken und den Ver—
dacht, den England und Preußen schon gefaßt hätten, tunlichst
abzumindern: denn das Vorhaben müsse bis zum wirklichen
Ausbruche geheim gehalten werden.“
Aber König Friedrich war schon längst auf seiner Hut,
so schwer es ihm wurde, sich von der absoluten Bestimmtheit
der Absichten seiner Gegner zu überzeugen. Vor allem Frank—⸗
reich traute er die ungeheure Schwenkung auf die Seite
Osterreichs nicht zu: dazu habe Richelieu denn doch zu viel
Mühe und Kosten daran gewendet, die Macht des Hauses
Ssterreich zu bedrücken. Indes allmählich wurde er besorgter.
Im Mai 1756 nimmt sein Mißtrauen zu. Im Juni erhält
er durch Verrat eines sächsischen Beamten Nachrichten, die
kaum noch einen Zweifel lassen; er beginnt zu rüsten. Dennoch:
gibt es kein Mittel mehr zu helfen als den Krieg? Eine
Denkschrift des Königs vom 28. Juni schließt: „Das Gleich—
gewicht ist verloren, sowohl zwischen den großen Mächten wie
innerhalb des Deutschen Reiches. ... Drei Dinge können
die Wege Europas wieder ins Gleiche bringen: die enge und
aufrichtige Verbindung zwischen den beiden Höfen von Berlin
und London; angestrengte Bemühungen um neue Allianzen,
die Anschläge der feindseligen Mächte zu durchkreuzen; —
wagender Mut im Angesicht auch der größten Gefahren.“
Aber die drohenden Nachrichten häuften sich. Am 16. Juli
endlich erfährt der König, die Reiterregimenter aus Ungarn
hätten bereits den Marsch nach Böhmen und Mähren an—
getreten.
Nun hält er sich nicht länger. Er fragt in Wien an
wegen dieser Rüstungen. Darauf verliest die Kaiserin dem
preußischen Gesandten am 26. Juli ihre Antwort ganz gegen
49 *
        <pb n="388" />
        768 —— Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

ihre Gewohnheit von einem Blatt; der Inhalt ist verlegen
und unklar. Und nun fragt Friedrich am 2. August von neuem
an. Aber erst am 25. erhält er Antwort, und sie „ist nichts
wert“; die Kaiserin-Königin erklärt, das Anbringen des
preußischen Gesandten sei derart, sachlich wie im Ausdruck,
daß sie, wollte sie auf den ganzen Inhalt eingehen, sich ge—
nötigt sehen würde, aus den Grenzen der Mäßigung heraus—
zutreten, die sie sich zum Vorsatz gemacht habe. Doch bestreitet
sie die Richtigkeit der Nachricht von einer Offensivallianz
zwischen ihr und der Kaiserin von Rußland: formell mit
Recht; das Bündnis bestand, war aber noch nicht besiegelt.
Friedrich aber wußte nun, woran er war. Begann er
den Krieg, so handelte er aus Notwehr. Und er begann ihn.
„Man erreicht große Dinge nur, wenn man sich großer Wag⸗
nisse unterfängt. Mit diesem Trost und dem festen Entschluß,
allen, die sich in den Weg stellen werden, über den Kopf zu
fahren, kann man der Hölle und dem Teufel trotzen, ruhig
seine Zeitungen lesen, vor den leeren Prahlereien der Feinde
nicht zittern und überzeugt sein, daß man sich mit Ehren
herausziehen wird ...“
Am 29. August 1756 rückte das preußische Heer unter
Führung des Königs in Sachsen ein; am 9. September war
Friedrich in Dresden, schlug ein österreichisches Heer unter
Browne, das den Sachsen zu Hilfe eilte, am 1. Oktober bei
Lobositz und brachte am 16. Oktober das verlotterte und seiner
Zahl nach reduzierte sächsische Heer in der Nähe des Königs⸗
steins zur Kapitulation. Sachsen lag zu seinen Füßen, ein
fettes, höchst willkommenes Objekt der Ausbeutung; in späteren
Kriegszeiten soll es im Jahresdurchschnitt 6 Millionen Taler
zur preußischen Kriegsführung haben liefern müssen. Und
noch eins: für das nächste Feldzugsjahr bot sich Böhmen an⸗
scheinend wehrlos dem königlichen Sieger dar; im Fluge war
die beste aller Offensivstellungen gegen Österreich gewonnen.
Durch die Herrscherkreise Europas aber hallte ein Schrei
des Fluches über den Friedensbrecher, den „Bösewicht“, wie
ihn die Zarin bezeichnet hatte. Natürlich: man war in seinen
        <pb n="389" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 769

stillen Vorbereitungen gestört, hatte Vorteile aus der Hand
gegeben, mußte sich jetzt hasten: selbst der Regensburger
Reichstag beschloß binnen kurzem Reichssteuer und Reichs⸗
exekution zugunsten Sachsens. In den mittleren und unteren
Kreisen aber auch der gegnerischen Staaten, z. B. Frankreichs,
begann jetzt schon für die Person Friedrichs jene mit Grauen
gemischte Neigung zur Bewunderung, die der Kriegsheld zu
allen Zeiten hervorruft.
Allein im Jahre 1757 fand der König nicht mehr das
leichte Spiel des sächsischen Feldzugs. sterreich und Rußland,
das Reich und ganz überflüssigerweise auch Schweden, endlich
auch Frankreich einigten sich zur Dämpfung des königlichen
Verbrechers; 480 000 Mann traten den 152000 Mann Feld⸗
truppen und 58800 Mann Garnisonssoldaten Preußens gegen—
über. Da sollte es denn ein hartes Jahr geben. Am 12. Januar
1757 verließ Friedrich Berlin — auf mehr als sechs Jahre.
Und vorher hatte er seine Befehle, auf alles gefaßt, gegeben.
„Geschähe es, daß ich getötet würde, so müssen die Dinge in
ihrem Zuge bleiben ohne die geringste Veränderung und ohne
daß man den Übergang in andere Hände gewahr wird; und
in diesem Falle müssen Eide und Huldigungen beschleunigt
werden, so hier, wie in Preußen und vor allem in Schlesien.
Wenn ich das Verhängnis hätte, vom Feinde gefangen zu
werden, so verbiete ich, daß man die geringste Rücksicht auf
meine Person nehme oder dem, was ich aus meiner Haft
schreiben könnte, die geringste Beachtung beimesse. Geschähe
mir solches Unglück, so will ich mich für den Staat opfern,
und man muß dann meinem Bruder gehorchen, der ebenso wie
meine sämtlichen Minister und Generäle mir mit dem Kopfe
dafür verantwortlich sein werden, daß man weder eine Provinz
noch ein Lösegeld für mich anbieten, sondern den Krieg fort⸗
setzen und seine Vorteile verfolgen wird, ganz als wäre ich
nie auf der Welt gewesen.“
Das Jahr 1757 war das der großen Offensive Friedrichs
und damit das reichste auch an größeren Schlachten. Am
5. Mai schlug Friedrich die Ögsterreicher bei Prag, Schwerin
        <pb n="390" />
        770 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

fiel: schon schien der Friede vor den Wällen Wiens zu winken,
wenn der Vorstoß nach' Süden seinen gewaltigen Fortgang
nahm. Da rettete Daun Hsterreich und die Kaiserin durch
den Sieg von Kolin, am 18. Juni; Friedrich mußte nach
Sachsen zurückweichen. Und Unglück häufte sich nun für ihn
auf Unglück. Die Schweden drangen in die Uckermark; die
Russen siegten gegen den Marschall Lehwaldt bei Groß—
Jägerndorf; v. Winterfeldt wurde bei Moys geschlagen; im
Spätherbst brandschatzten Kroaten Berlin. Inzwischen hatten
die Franzosen ein verbündetes Heer von Engländern und
Hannoveranern bei Hastenbeck geschlagen und zur Kapitulation
von Kloster Zeven gezwungen; frei lag der Weg in das Herz
Preußens vor ihnen, und sie drangen auch schon durch Thüringen
vor, wo sie sich vor Erfurt mit der Reichsexekutionsarmee ver⸗
einigten. Sollte sich die konzentrische Bewegung gegen Friedrich
vollends schließen? Am 85. November zersprengte Friedrich bei
Roßbach Reichsarmee und Franzosen; es war die erste große
Niederlage Frankreichs wieder seit Höchstädt: nach dieser Seite
hin war die preußische Aktionsfreiheit für lange gesichert. Und
auch in Schlesien, dem völlig von sterreichern besetzten,
wandten sich die Dinge, nach einer Niederlage des Herzogs
von Braunschweig-Bevern bei Breslau, noch zum Guten: am
5. Dezember schlug Friedrich Daun und den Herzog von
Lothringen bei Leuthen.
Auch die Feldzüge Friedrichs im Jahre 1758 zeigten noch,
getragen von den Erfolgen des Vorjahres, den Charakter der
Offensive. Dies um so mehr, als ein nunmehr vollständiger
Umschwung der englischen Politik zugunsten Preußens noch
eben vor der Eröffnung der Kampagne eintrat; am 11. April
1758 kam es zu einem Vertrage, wonach sich König Georg
und König Friedrich verpflichteten, nur im gegenseitigen Ein⸗
vernehmen Friedens-, Waffenstillstand-- und Neutralitäts⸗
verträge zu schließen, und Friedrich von England die Gesamt—
summe von über 1800000 Pfd. Sterl. zur Fortsetzung des
Krieges erhielt. Und schon vorher war die englisch-hannöversche
Armee auf deutschem Boden reorganisiert und dem Prinzen
        <pb n="391" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen enrop. Großmacht. 771

Ferdinand von Braunschweig, dem Schwager König Friedrichs,
unterstellt worden; mit dieser Armee hat dann der Prinz die
Franzosen bis zum Sommer 1758 noch über den Rhein zurück—
geworfen; am 28. Juni siegte er bei Krefeld. Die wichtigsten
Entscheidungen aber dieses Jahres fielen naturgemäß im Osten,
und zwar in der späteren Jahreszeit. Da gelang es Friedrich,
nach einem Vorbruch nach Mähren die Russen am 25. August
bei Zorndorf zu schlagen: wie die Westflanke seiner allgemeinen
Stellung, so war nun auch die Ostflanke gesäubert. Allein
im Zentrum, gegen Osterreich, entscheidende Vorteile zu ge⸗
winnen, gelang ihm nicht. Am 14. Oktober wurde er von
Daun bei Hochkirch geschlagen. Es war eine Niederlage, die,
anfangs vom Könige leicht getragen, ihn doch bald um so
mehr niederdrückte, als sie mit dem Tode seiner Lieblings⸗
schwester, der Baireuther Markgräfin, zusammentraf: wie ver⸗
nichtet erschien der König einige Tage; ganz trat die empfind⸗
sam⸗exzentrische Seite seines Wesens zutage. Es war die Zeit,
da er zu seinem Vorleser Catt in dumpfem Tone sagte: „Ich
kann die Tragödie enden, wann ich will,“ wobei er ihm eine
vor einem Jahre entstandene Apologie des Selbstmordes zeigte
ind das Gift hervorholte, das er seit langem bei sich trug.
Aber bald fand sich, wie stets bei solchen Schwankungen eines
starken Temperaments, die alte Energie wieder; es gelang
Friedrich, sich neuen Bedrohungen Dauns zu entziehen, und
gegen Schluß des Jahres war die allgemeine strategische Lage
fast so günstig wie ein Jahr zuvor: Schlesien, Vor⸗ und
Hinterpommern, die Marken und Mecklenburg, Hannover,
Hessen und Westfalen vom Feinde frei, und Friedrich selbst
auf einige Zeit, ehe er nach Schlesien ging, in behaglichem
Quartier in Sachsen. Denn diesmal bezog er im Dresdner
Schlosse die Zimmer König Augusts selbst; und den Vorleser
Catt hat er in ihnen eines Abends mit den Worten empfangen:
„Wohlan, mein Lieber, bald in den Hütten der Armen und
bald in den Palästen der Könige; hier ist, glaube ich, noch nie
eine Tragödie gelesen worden.“
Gleuͤhwohl: war die Lage des Königs, ja auch nur seine
        <pb n="392" />
        772 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Art der Kriegsführung auf die Dauer zu halten? Er ver—
hehlte sich nicht, daß dies unmöglich sei. Seine Feinde, ins—
besondere die Österreicher, machten militärische Fortschritte;
seine finanziellen Hilfsmittel schwanden reißend dahin; und
schon wurde es ihm schwer, die gelichteten Scharen seiner
Heere zu ergänzen. Denn am Ende rekrutierten sich die Sol—
daten der feindlichen Armeen aus einer Bevölkerung von
90 Millionen Seelen, während ihm zur Rekrutierung nur
5 Millionen zur Verfügung standen. Nun ließ sich freilich
der Aushebungsrayon erweitern; der König rekrutierte zwangs—
weise aus Sachsen, Anhalt, Schwedisch-Pommern, Mecklenburg;
er kleidete österreichische Gefangene ein; er ließ Freikorps zu;
er entsandte schließlich seine Werber über ganz Deutschland.
Dennoch nahm die Stärke und noch mehr die Güte seiner
Heere ab. Und war eme erfolgreiche Werbung nicht doch vor
allem von dem Stande der Finanzen abhängig? Hier aber waren
die von Friedrich Wilhelm J. aufgehäuften Schätze von mehr
als 10 Millionen Talern schon nach dem zweiten schlesischen
Kriege dahin gewesen und hatten erneute Ersparnisse nur noch
in die ersten Zeiten des neuen Krieges hineingereicht; und
schon im Jahre 1758 hatte der König, um sich über Wasser
zu halten, zu Mitteln gegriffen, die den Kredit Preußens
alsbald aufs schwerste schädigen und nach kurzer Frist ver—
nichten mußten. Die englischen Hilfsgelder in der Höhe von
4 Millionen Talern waren in 11 Millionen zu leichte Taler
umgeprägt worden; es war die Zeit der Ephraimiten, des von
den Berliner Juden Itzig und Ephraim zu leicht ausgemünzten
Geldes sächsischen, mecklenburgischen und anderen Gepräges,
von dem schließlich 20 Taler auf einen Louisdor gegangen
sind. Zudem schloß Friedrich mit kleinen falschmünzenden
deutschen Fürsten Verträge und gab ihrem Gelde gegen Provision
in Preußen Zwangskurs. Gleichwohl hörte seit 1759 in Preußen
die Barzahlung für Zivilausgaben und Zivilbesoldungen auf; statt
dessen wurde mit Kassenscheinen gezahlt, die schließlich auf ein
Fünftel des Nennwertes hinuntersanken. Es war ein maskierter
Staatsbankrott, dessen schlimme Folgen nach Möglichkeit auf
        <pb n="393" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 773

das Publikum abgewälzt wurden; furchtbar hat Preußen unter
ihm gelitten; und schon seit 1759 beherrschte die düstere Aus⸗
sicht auf ihn auch die Feldzugserwägungen des Königs.
Denn was blieb unter solchen Umständen übrig, als aus
der Offensive in die Defensive überzugehen? Aber bot sie nicht
auch Vorteile, namentlich die der kürzeren Operationslinie und
einer zunächst wenigstens die Feinde überraschenden Wendung?
Freilich: wie dann der schließliche Ausgang sein werde, das
wußte Gott allein: „Ich bin wie jemand,“ meinte Friedrich
nach Hochkirch, „der den Schluß eines Epigramms sucht und
ihn nicht findet.“
Aber so viel war doch bereits erreicht, daß auch die Gegner
—
den letzten Jahren zu schlechte kriegerische Erfahrungen gemacht,
um den Wunsch zu hegen, sie noch wesentlich zu erweitern.
In den Versailler Verträgen vom 30. und 81. Dezember 1758
zog es sich daher, bei aller Kriegslust noch der herrschenden
Kreise, insbesondere der Pompadour, von den Verpflichtungen
und Aussichten des Vertrages mit sterreich vom 1. Mai 1757
—DD———
sein Heeresbeitrag auf 24000 Mann normiert; und nur die
Wiedererwerbung Schlesiens durch Österreich erschien als Ver—
tragsziel. Dafür nahm Hsterreich sein Angebot der Nieder—
lande zurück, während Parma, Piacenza und Guastalla einst
an die Bourbonen fallen sollten.
Gleichwohl ist das Jahr 1759 für Friedrich vielleicht das
gefahrvollste aller Kriegsjahre gewesen. Zwar wurden die
Franzosen schließlich durch das Heer Ferdinands von Braun⸗
schweig in Schach gehalten; nach einer Niederlage bei Bergen
fiegte Ferdinand am 1. August bei Minden über die Marschälle
Contades und Broglie. Aber um so mehr bedeuteten die Miß—
erfolge auf dem zentralen Kriegstheater. Hier schlugen die
Russen die Preußen am 28. Juli bei Kay und vereinigten sich
dann in Frankfurt an der Oder mit einem österreichischen Heere
unter Laudon: worauf beide Armeen König Friedrich selbst
am 12. August in die schwere Niederlage bei Kunersdorf ver—
        <pb n="394" />
        774 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

strickten; die preußischen Truppen verloren in ihr 37,50/0
ihres Bestandes; vergebens hat Friedrich während der Schlacht
selbst den Tod gesucht. Und Kunersdorf war nur das Signal
eines allgemeinen Zusammenbruchs. Sachsen ging durch die
Kapitulation Schmettaus in Dresden verloren; Finck kapitu—
lierte bei Maxen gegenüber den sterreichern unter Daun; in
Pommern wurden die Schweden lästig. Und schon warfen
jetzt Friedrichs eigentliche Feinde, Rußland und sterreich, über
Preußen das Los; in einem Vertrage vom 1. April 1760
wurde wie OÖsterreich Schlesien, so Rußland Ostpreußen als
Siegespreis zugesprochen.
Allein entsprach der Verlauf der Feldzüge im Jahre 1760,
die sich nun immer enger um die preußischen Grenzen konzen⸗
trierten, diesen stolzen Erwartungen? Gewiß: Friedrich mußte
Teile Schlesiens, er mußte zeitweilig Sachsen aufgeben;
Schweden und Russen belagerten Kolberg; Russen und Öster⸗
reicher brandschatzten Berlin und Charlottenburg: aber schließlich
gewann Friedrich dennoch wieder die sächsischen Grenzen, besiegte
Daun am 3. November bei Torgau, setzte sich darauf in Sachsen
gründlich fest und sah mit Freuden, wie Ferdinand von Braun—
schweig Hannover gegen die Franzosen hielt, deren überseeischer
Krieg gegen die Engländer gleichfalls ungünstig ausging. Noch
also war nicht alles verloren. Und in England brachte der
Tod König Georgs II. sogar zunächst einen Vorteil, den sich
Friedrich recht eigentlich als persönlichen Gewinn anrechnen
durfte, denn er wurde der Begeisterung der Nation für sein
zähes Ausharren verdankt: am 12. Dezember 1760 kam es zu
einer Erneuerung des Subsidienvertrages mit Preußen unter
vorteilhaften Bedingungen.
Freilich: ein Feldzug, der zu wirklichem, zu militärisch
vollendetem Austrage des Kampfes hätte führen können, war
gleichwohl für das Jahr 1761 nicht zu erwarten; dazu war
der König doch schon zu ermattet und seine heimischen Hilfs⸗
quellen zu sehr erschöpft. So gelang es wohl, die Franzosen
nach wie vor von einer Vereinigung mit den Österreichern und
Russen fernzuhalten, allein Russen und sterreicher trafen im
        <pb n="395" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 775

August bei Striegau wieder zusammen; und nur die Uneinig⸗
keit ihrer Führer rettete wahrscheinlich Friedrich vor einem
bösen Ausgang, als er sich ihnen in dem Hungerlager von
Bunzelwitz gegenüberlegte. Jedenfalls war es jetzt mehr die
Wirkung der als unerschöpflich gefürchteten Persönlichkeit
Friedrichs, die Preußen verteidigte, als die Stärke seiner
Heere.
Da brachte der Anfang des Jahres 1762, gleichsam in
oxtromis, den erwünschtesten Umschwung. Am 5. Januar
starb Friedrichs vielleicht erbitterste Feindin, die Zarin Elisabeth;
und es wollte in diesem Zeitalter persönlicher Herrschaft, zu—
dem bei der starken Zuspitzung, die Friedrich den äußeren An—
gelegenheiten durch das Schroffe und Sarkastische seiner Persön⸗
uͤchkeit gegeben hatte, etwas bedeuten, daß ihr Nachfolger,
Peter III., ein begeisterter Bewunderer Friedrichs war. Schon
am 16. März kam es infolgedessen zwischen Preußen und Ruß⸗
land zum Waffenstillstand, und ihm folgte am 5. Mai der
endgültige Friede, ja am 19. Juni ein Bundnis, das auch
durch die Thronrevolution vom 9. Juli, die Katharina II.
zur allmächtigen Zarin machte, nicht gestört wurde. Die schwere
Sorge ständiger Angriffe aus dem Nordosten, die Friedrich
anfangs unterschätzt hatte, war damit beseitigt; und der Aus—
gang des Feldzugs von 1762 stand schon ganz unter diesem
Zeichen: Friedrich erstürmte am 21. Juli Dauns starke Stellung
bei Burkersdorf; Schweidnitz kapitulierte am 9. Oktober; die
Aussicht auf den Besitz Schlesiens wurde frei, während schon
im Sommer Pommern und Ostpreußen von den Russen ge⸗
räumt worden war und Franzosen und Sachsen im Thüringischen
und Hessischen den Kürzeren gezogen hatten.
Es war ein Verlauf, der bereits in seinen Anfängen, im
Mai, zum Frieden mit Schweden und auch mit Mecklenburg
geführt hatte. Nunmehr, im Spätherbst, kam es, nach gefähr⸗
lichen Weiterungen Englands, das am 3. November einen
Präliminarfrieden mit Frankreich geschlossen hatte, am 15. No⸗—
dember auch zu einem Waffenstillstand zwischen Preußen und
Frankreich: die Welt war des Blutvergießens müde, und allent—
        <pb n="396" />
        776 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
halben lernte man Worte wie die von Uz an Friedrich ge—
richteten beherzigen:
Die deutsche Muse soll nicht jauchzen, sondern klagen:
Denn Deutschand fühlt der Waffen Wut.
Mars donnert wild einher, und Blut
Umfließet seinen ehr'nen Wagen.
Sollten jetzt in der Tat die Deutschen unter sich allein
noch weiterraufen? Das Reich, noch zu guterletzt durch einen
fränkischen Kriegszug des preußischen Generals von Kleist ein⸗
geschüchtert, ja in der Vertretung seiner Stände zu Regens—
burg militärisch bedroht, hatte in seinen einzelnen Gliedern,
Bayern, Pfalz und anderen, schon länger gesucht, was des
Friedens war; nur Sachsen hielt noch treu zur Kaiserin.
Es war ein Umschwung, dem auch die Hartnäckigkeit
Kaunitzens und der Stolz Maria Theresias nicht gewachsen
waren; Friedensverhandlungen wurden zu Hubertusburg ein—
geleitet und führten am 15. Februar 1763 zum Abschlusse des
langen Kampfes.
Die Bestimmungen des Hubertusburger Friedens waren
einfach: in der Hauptsache wurden nur die Friedensschlüsse
des ersten und zweiten schlesischen Krieges erneuert; Schlesien
blieb bei Preußen.
Aber schon längst war Schlesien zu einem Symbol nur
des eigentlichen Kampfpreises geworden; und dieser hieß: An⸗
erkennung Preußens als einer zweiten deutschen Großmacht
Europas neben Osterreich, und Anerkennung damit auch einer
ebenbürtigen Stellung Preußens im Reiche.
War dies Ziel nun von Preußen erreicht worden? Darauf
muß eine doppelte Antwort gegeben werden: für das Preußen
Friedrichs des Großen muß sie bejahend lauten, verneinend
dagegen für Preußen überhaupt: wie es Goethe in der kon—⸗
kreten Form zeitgenössischen Denkens ausdrückte: nicht preußisch,
wohl aber fritzisch fuhlte man im Reiche. Es war das schönste
Zeichen der Anerkennung für den größesten aller Hohenzollern;
und unverwelkt ist ihm dieser Ruhm, der Ruhm des Großen,
geblieben bis zum Ende seiner und unserer Tage.
Aber auch für Preußen im allgemeinen, das Preußen ohne
        <pb n="397" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 777

Friedrich den Großen, war wenigstens viel gewonnen. Es
war nicht mehr zu verkennen: dieser Militärstaat begann sich im
Besitze Schlesiens über das Niveau der deutschen Mittelstaaten
hinwegzuheben; Sachsen und Hannover, Württemberg und
Bayern haben neben ihm seitdem nur noch Politik zweiten Ranges
gemacht. Aber war damit schon überhaupt und für immer
die Bohe der Geltung Osterreichs erreicht? Schon Friedrich
der Große selbst hat es gelegentlich bitter erfahren müssen, daß
nur sein Genius das feindliche Habsburg völlig schreckte; und
mehr als einer seiner Nachfahren noch an der Krone hat
Hsterreichs Herrschern auf gut konservativ als den Nachkommen
der alten Träger der Kaiserkrone ehrfurchtsvoll gehorsamt. Eine
Stufe erst, die wichtigste freilich, für die Erringung einer Stellung
unmittelbar neben Österreich war erklommen: und noch bedurfte
es des Versagens der österreichischen Initiative in den Freiheits⸗
kriegen, ehe der Deutsche in den Hohenzollern seine Führer,
noch des für Öpsterreich unglücklichen Ausgangs der Kriege
bon 1866 und 1870, ehe er in ihnen seine Kaiser begrüßte.

III.

Wie anders aber kehrte Friedrich der Große aus dem
langen Kriege zurück, als er in ihn gezogen war. Frisch, auf
der Höhe eines ungebrochenen Lebens, mit blitzendem Auge und
tatenfroh hatte er ihn begonnen; — als er sich am 30. März
1763, nach prunklosem Einzug, wieder in Berlin fand, war er
seiner eigenen Ansicht nach ein Greis geworden. Freilich: das
Feuer seiner blauen Augen ist erst mit seinem Tode erloschen,
und warm schlug sein Herz wie einst für alles Große. Aber
ein stählerner Idealismus in allem und jedem, größtem und
kleinstem war seitdem das Prinzip dieses Lebens. Hinweg ist
alles Flatterhafte, ja aller einst so freudige Sinn für das
Außere, wie aus dem früher vollen gesellschaftlich froh belebten
Antlitz die spitzen, charaktervollen Züge des alten Fritz geworden
find, und nur das menschlich Ewige fesselt diesen Herrscher
noch: sein Heer, sein Volk, seine Staaten.
Und da war denn auf all diesen Gebieten jetzt die erste
        <pb n="398" />
        778 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Losung: aufbauen, was zerstört, ersetzen, was verloren war:
Retablissement, wie es Friedrich der Große nannte, Retablisse—
ment in jedem Sinne.
Aber nicht nur das Alte sollte damit von neuem belebt
werden. Noch mehr wie der ersten Friedenszeit seiner Herrschaft
legte Friedrich jetzt den Jahren des langen Lebensabends,
der ihm blieb, unbewußt die Aufgabe unter, aus Preußen
den Musterstaat überhaupt zu schaffen, wie er sich diesen als
vollendetsten Ausdruck menschlichen Gemeinschaftslebens dachte.
Und diese Aufgabe zu lösen ist ihm im Bereiche seines Ver—
mögens und seiner Zeit in der Tat gelungen: als höchstes
Erzeugnis der Regierungskunst des aufgeklärten Absolutismus,
das überhaupt in die geschichtliche Wirklichkeit getreten ist, hat
er diesen preußischen Staat seinen Nachfolgern hinterlassen.
Friedrich brachte in die Lösung einer solchen Aufgabe als
kostbarstes Gut vielleicht vor allem seine Persönlichkeit ein. Er
war jetzt in langen Erfahrungen zum selbständigen politischen und
nationalökonomischen Denker gereift, der sich durch die Ein—
wirkungen der eben in seinen letzten Zeiten aufkommenden
deutschen öffentlichen Meinung kaum beirren ließ, an dem
auch die Theorien des absterbenden Individualismus wie die
Enthusiasmen des aufdämmernden wirtschaftlichen Sub—
jektivismus als solche fast gänzlich abprallten. Aus leiden—
schaftlichem Willen hatte ihn Glück und Unglück in besonders
reichen Erfahrungen dem abwägenden Urteil und ruhigen
Handeln des großen Staatsmannes zugeführt trotz alles tiefen
Pathos; und als Praktiker hatte er Geduld zu üben gelernt,
wo eine keimende Saat des langsamen Ganages allmählicher
Entwicklung bedurfte.
Und über all dem Allgemeinen, das er ins Auge fassen
mußte, hatte er sich zugleich den Blick für das Besondere, ja
die Freude am Kleinen, wenn es bedeutsam war, gewahrt.
In den Jahren von 1763 bis 1784 hat er für das Retablisse—
ment seines Staates die für seine Zeit und für preußische
Verhältnisse außerordentliche Summe von 40 Millionen Talern
angewiesen, jedes Zahr etwa 2 Millionen: im ganzen etwa
        <pb n="399" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 779

vier Fünftel der Höhe jener Summen, die er zugleich als
Kriegsschatz ersparte und an verschiedenen Stellen seines Landes
in bar hinterlegte. Aber die Manipulation mit diesen Summen
hinderte ihn nicht, in seinen ständigen Rundreisen in den Provinzen
bis auf Gartenzäune und Dünghaufen der Dörfer hinab zu
beobachten. Und mit welcher Freude verweilen seine Gedanken
hei der Summation eben dieses Individuellen! „Ich bin hier
in einer Provinz,“ schreibt er im Herbst 1766 aus Breslau
an Voltaire, „wo man die Physik der Metaphysik vorzieht.
Man bestellt die Felder, man hat 8000 Häuser wieder auf⸗
gebaut und man zeugt alljährlich Tausende von Kindern, um
die zu ersetzen, die die Raserei der Politik und des Krieges
dahingerafft hat.“ Und im nächsten Briefe teilt er, in freudigem
Stolze teilweise wiederholend, mit: „Wenn Sie die Gesamtzahl
der Verwüstungen wissen wollen, so vernehmen Sie, daß ich
im ganzen in Schlesien 8000 Häuser wieder aufgebaut habe,
in Pommern und in der Neumark 6500, macht nach Newton
und d'Alembert 14500.“
Schon diese Einzelheiten aber zeigen, worauf es Friedrich im
Staate an erster Stelle ankam: auf die Wohlfahrt, und wiederum
insbesondere die materielle Wohlfahrt der Bürger. In diesem
Sinne sind die Worte in den „Rétlexions sur l'administration
des finances“ vom Jahre 1784 zu verstehen: „Die Staatseinkünfte
 müssen heilig sein und als in Friedenszeiten einzig
und allein für den Vorteil der Bürger bestimmt betrachtet
werden, sei es, um das Land urbar zu machen, sei es um den
Städten die Manufakturen zu geben, die ihnen fehlen, sei es
schließlich, um alle diese Anlagen solider und die Privatleute,
hom Edelinann bis zum Bauern, aufriedener und wohlhabender
zu machen.“
Friedrich brauchte, steckte er sich diese Ziele, um die
Stählung der Werkzeuge, mit denen sie erreicht werden sollten,
nicht mehr viel besorgt zu sein. Hier hatte sein Vater vor⸗
gearbeitet; und mit voller Einsicht in das Geleistete hat der Sohn
es ihm ehrlich gedankt. Gewiß: das Heerwesen, das von nun
ab hur noch die Entfaltung eines reichen inneren Lebens vor
        <pb n="400" />
        780 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Eingriffen von außen her schützen sollte, hatte Friedrich in drei
Kriegen weitergebildet. Dennoch stammten auch hier die Grund⸗
lagen aus der Zeit seines Vaters. Nicht anders stand es um
die Verwaltung, die nunmehr stärker in den Vordergrund zu
treten bestimmt war. Auch hier wird wohl manches von
Friedrich noch anders gemodelt, abgebrochen und zugebaut;
sogar ganz neue Zentralbehörden entstehen, z. B. für Ge—
werbfleiß und Handel. Aber im ganzen handelt es sich mehr
um die Anwendung, als die Entwicklung der Exekutive: wie sehr
war in dieser Hinsicht Friedrich vor seiner großen Gegnerin, Maria
Theresia, bevorzugt! Freilich darf man sich auch die Exekutiv⸗
behörden Friedrichs noch keineswegs gleich jenen der Gegen⸗—
wart vorstellen: bei noch unsicher vollzogener Trennung zwischen
Justiz und Verwaltung, bei weit geringerer Arbeitsteilung waren
sie nach Tat und Gesinnung noch um vieles selbständiger als
heute, ja nicht selten störrisch und aufsässig; psychologische
Momente, deren man sich entsinnen muß, will man die muntere
Grobheit und den bissigen Sarkasmus so mancher Randnoten
von der Hand Friedrichs in den Akten seiner Zeit richtig
einschätzen.
War fuür Friedrich das Ziel des Staates die Wohlfahrt
der Untertanen in jeder, vor allem aber in materieller Hinsicht,
so versteht sich, wie auch von diesem Standpunkte aus, und
nicht bloß unter dem Drange von Kriegen, die Finanzen die
größte Rolle spielten.
Gute Finanzen aber gehen hervor aus Zahl und Reichtum
der Bevölkerung: Kapitalansammlung mithin und Zunahme
an Menschen sind vor allem zu fördern. Friedrich ging in
der Betonung dieser Prinzipien so weit, daß er für die Schätzung
eines Landes dessen bloßen Umfang durchaus als ein Moment
zweiten Ranges gegenüber Reichtum und Bevölkerungsziffer
ansah: eine gerade für ihn sehr tröstende Anschauung, da er
Preußen an Geviertmeilen seinen Gegnern ebenbürtig zu machen
niemals hoffen durfte.
Für steigende Bevölkerung zu sorgen aber lag dem Könige
schon aus den besonderen Schicksalen seiner Länder her vor⸗
        <pb n="401" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 781

nehmlich nahe. Ganz abgesehen von allen Kriegen hatten
schwere Pestjahre von 1709 bis 1711 Preußen und Pommern
entvölkert; dann waren volkswirtschaftliche Krisen über die
Länder, die sich kaum über die Schäden des 17. Jahrhunderts
hinweg erhoben hatten, hereingebrochen, am verhängnisvollsten
vielleicht in ihrer Wirkung jene Krise, die aus den Münzwirren
seit 1759 hervorging: und später, von 1770- 1774, haben
noch Hungersnöte, wenn auch durch eine geschickte Kornhandels—
politik in ihren schlimmsten Wirkungen gebrochen, der regel—⸗
mäßigen Vermehrung der Bevölkerung entgegengewirkt. Gegen
all diese Ereignisse, Elementarereignisse gleichsam, war anzu—
gehen; daneben aber stand eine schon von den Vorfahren
überlieferte!, nur noch weiter auszubauende „Peuplierungs⸗
politik“, die teils auf die „Konservation“ der Bevölkerung im
Lande, teils auf Erzielung fremden Zuzugs hinauslief. In
letzterer Hinsicht ist nichts von größerer Bedeutung gewesen,
als Friedrichs Besiedlung des platten Landes; es wird davon
später noch die Rede sein?“ Die Maßregeln zur Konservation
aber gingen so weit, daß Friedrich z. B. im Jahre 1766 das
Wandern preußischer Handwerksgesellen in fremden Ländern
schlechthin verbot: dadurch könnten Landeskinder verloren
gehen. Aus Gründen der Konservation ist der König auch
anfangs ein Feind der Maschinen gewesen; sie ersetzten ihm
zu viel Menschenkräfte. Anderseits ergab das Prinzip auch
leicht, ja bei Friedrichs landesväterlichem Wohlwollen eigentlich
ganz selbstverständlich gesunde Grundanschauungen einer ein—
fachen steuerlichen Sozialpolitik. Schon im Jahre 1748 hat
der König an den Minister Boden geschrieben: „Nach meinen
Prinzipiis ist allemal darauf zu denken, auf was Art die
Armut und der geringe Handwerksmann und Fabriquante
in denjenigen Stücken, so selbige zur Erhaltung ihres Lebens
unumgänglich nötig haben, soulagiert werden, und müssen daher
billig auf das Bier, Brot und Fleisch, wovon die Armut leben

S. oben S. 694f.
2 S. unten S. 791f.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2.

U
        <pb n="402" />
        782 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

muß, nur sehr geringe Taxen und Imposten gelegt werden.“
Indes so viel auch für die Zunahme der Bevölkerung gesorgt
wurde, so wenig ließ sich verkennen, daß dem Staate Friedrichs
dazu, an der Spitze der deutschen oder gar der europäischen
Staaten zu marschieren, vor allem das Kapital, der Reichtum
der Bevölkerung fehlte. Und so wurde es Aufgabe einer mit
allen merkantilistischen Feinheiten und Erfahrungen aus—
gestatteten, Inneres wie Außeres in gleicher Weise umfassenden
Politik, vor allem diesen Reichtum, und an erster Stelle wieder
einen möglichst großen Reichtum des Staates herbeizuführen.
Im Vordergrunde der Erwägungen, die Friedrich auf
diesem Gebiete Zeit seines Lebens, vor allem aber seit dem
Siebenjährigen Kriege beschäftigt haben, stand wiederum die
eigentlich merkantile, die Handelspolitik; und nur von ihrem
wenngleich an sich schon ziemlich verworrenen Getriebe her
läßt sich eigentlich das Ganze der Wirtschafts⸗ und Sozial⸗
politik Friedrichs in seinen konkreten Außerungen begreifen.
Für eine preußische Handelspolitik des 18. Jahrhunderts
machte sich dabei schon als Voraussetzung ein Moment geltend,
das in Österreich, wie wir sahen, erst in noch sehr ursprüng—
lichen Formen auftrat: die Einheit des Staates.
Auch Friedrich ist es freilich noch nicht gelungen, seinen
Staat in jedem Sinne zu einer vollen einheitlichen Persönlichkeit
umzuschmelzen. Aber er hat doch überaus erfolgreiche Schritte
dazu getan. Seit den fünfziger Jahren entwickelte er in
steigendem Maße eine Anschauung, zu der allerdings schon
durch die Politik Friedrich Wilhelms J., ja des Großen Kur⸗
fürsten der Grund gelegt, ja sogar ein gewisser Aufbau bereits
geleistet worden war!, daß es nämlich möglich sein müßte,
wenn nicht den ganzen Staat, so doch mindestens dessen mittlere
Provinzen, die Marken, Pommern, Magdeburg und Halberstadt
eben auf dem Wege der Handelspolitik zu einem gemeinsamen
Wirtschaftsgebiete mit Berlin als Industriemittelpunkt und der
Oder als Hauptverkehrsader zusammenzufassen, wobei von den

1S, oben S. 697f.
        <pb n="403" />
        Waffengänge Osterreichs n. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 788

Flügelländern des Staates das östliche, Preußen, als Dependenz
zu diesem Hauptkörper heranzuziehen sei, während die westlichen
Landesteile am Rhein allerdings vielfach außer Betracht bleiben
müßten. Es ist eine Anschauung, die schon 1747 in der Be—
seitigung der Zollschranken zwischen Schlesien und den alten
Provinzen, also der Hinzufügung Schlesiens zu dem gemein—
samen Wirtschaftsgebiete kräftig hervorbricht. Später, und
eigentlich schon in dem Testamente von 1752, hat sie dann
Friedrichs Anschauungen ganz beherrscht; und daraus sind so
wichtige Folgen hervorgegangen, wie die entschiedene Ver⸗
legung des wirtschaftlichen Verkehrszentrums Preußens an die
Ostsee — was für die Ereignisse der Zeit der Freiheitskriege
nicht ohne Bedeutung blieb — und die wirtschaftliche Ab—
wendung der preußischen Rheinlande von Preußen, — die noch
bis tief ins 19. Jahrhundert hinein ökonomisch wie politisch
nachgewirkt hat.
Ein eingehendes, schon auf durchdringender Erfahrung
beruhendes System der Handelspolitik hat Friedrich bereits in
der Idée générale du commerce de ce pays vom Jahre 1749
aufgestellt. Und noch früher, 1748, unterscheidet er schon,
für eine preußische Handelspolitik des 18. Jahrhunderts sehr
praktisch, zwischen Dreierlei: dem Absatze der eigenen Erzeug—
nisse gegen bares Geld, dem Durchgangshandel, und dem Ein⸗
tausche unentbehrlicher fremder Gegenstände gegen einheimische.
Und er meint: alle diese Dinge seien gut, aber das erste sei
das beste.
Exportsteigerung also: das war es, was an erster Stelle
beabsichtigt wurde. Allein die Hilfsmittel, welche die Handels⸗
politik hierfür an sich und allein zur Verfügung stellte, waren
doch nicht sehr zahl- und erfolgreich. Handelsverträge, die
die Ausfuhr preußischer Produkte fördern sollten, wurden
namentlich mit Frankreich und später, 1782 und 1785, mit
Spanien und den Vereinigten Staaten geschlossen; aber sie
bezeichneten mehr eine Entwicklungsstufe in der Energie
preußischer Wirtschaftspolitik, als einen Erfolg der Ausfuhr.
Daneben wurden Handelsgesellschaften gegründet und andere
50 *
        <pb n="404" />
        78 Einundzwanzigstes Buch. vViertes Kapitel.

Maßregeln getroffen, die, vornehmlich auch zur Hebung des
Exports, den direkten Verkehr mit dem weiteren Auslande
ohne Zwischenhand herbeiführen oder erleichtern sollten: im
Jahre 1750 entstand z. B. die Emdener Handelsgesellschaft
für den Verkehr mit Kanton, 1772 die Seehandelsgesellschaft
namentlich für den östlichen Handel. Aber diese Gesellschaften
nahmen einstweilen keinen Aufschwung, obwohl die Seehandlung
für gewisse Zweige des Handels im Weichselgebiete in besonderem
Grade durch Monopole begünstigt wurde; es fehlte an Kapital
im Lande; nicht einmal die ein bis zwei Schiffe, die unter
preußischer Flagge jährlich nach Kanton gehen sollten, waren leicht
aufzubringen; und wie sehr man noch von einem Wirtschafts—
leben größerer kapitalistischer Unternehmung entfernt war, zeigte
nichts besser als die laute Klage der „vornehmen“ Kapitalisten
innerhalb der Emdener Gesellschaft darüber, daß die Regierung
zur Aufbringung des Kapitals dieser Gesellschaft auch Schneider⸗
gesellen und Barbiere heranzöge. Wie weit war da doch der
Weg noch zu dem Non olet des echten Kapitalismus und
seinen auf den Inhaber lautenden Papieren! Unter diesen
Umständen mußte denn für den Export vornehmlich durch Er⸗
mutigung der heimischen Industrie und ihrer halbkapitalistischen
Anfänge gesorgt werden: und das Problem verwandelte sich
aus einem des Merkantilismus im engsten Sinne in ein solches
der Gewerbepolitik.
Um so mehr kam es darauf an, den Durchgangshandel
so zu regeln, daß er möglichst viel Geld im Lande und ver—
hältnismäßig noch mehr in den Kassen der Regierung ließ.
Es ergab sich hier ein gegen Hamburg und Danzig im Norden
sowie Sachsen, insbesondere Leipzig, und Hsterreich im Süden
gerichtetes Verfahren, für das ein Verständnis nur gewonnen
werden kann, wenn man sich erinnert, daß in den größeren Staaten
des 18. Jahrhunderts noch außer den Grenzzollstätten auch viel—
fach innere Zollerhebungs- und Verkehrsbelastungsstellen aus der
mittelalterlichen Verkehrspraxis her bestanden, denen gegenüber
die Grenzzollämter noch nicht in dem Grade wie heute be—
grifflich und administrativ getrennt erschienen: so daß es
        <pb n="405" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 785

denkbar war, noch mit dem Apparate der Grenz- und Binnen⸗
zollämter als einem Ganzen einen verhältnismäßig sehr starken
Druck auf den gesamten Verkehr auszuüben.
Was in dieser Hinsicht möglich wurde, das zeigt vielleicht am
besten die preußische Zollpolitik gegenüber Polen. Die Absicht
der Politik Friedrichs in dieser Hinsicht war schon früh, den
Weichselhandel, soweit er nicht an die Oder und somit in deren
Verkehr hineingezogen werden konnte, mit Umgehung von
Danzig auf Königsberg und also auf preußisches Gebiet und
vor das Forum preußischer Verkehrsabgaben zu leiten. In
dem preußisch-polnischen Handelsvertrage vom Jahre 1775
gelangte nun diese Tendenz vornehmlich durch die Bestimmung
zum Ausdruck, daß von den Zollämtern an der Grenze beider
Staaten Zölle erhoben wurden, die für die Erzeugnisse der
beiden Staaten 20/0, für die aller anderen Staaten dagegen
120/0 des Wertes betrugen. König Friedrich hoffte dadurch
vor allem den polnischen Kornhandel nach Königsberg und
auch nach Stettin zu ziehen, da Danzig als freie Stadt, obwohl
polnisch, mit 120/0 belastet wurde; daneben hegte er auch noch
die Erwartung, daß der polnische Markt für zahlreiche Waren
des preußischen Exports erobert werden könne.
Ihren wesentlichen Sitz aber hatte diese Zollpolitik
in den Provinzen der Krone Preußen selbst, und hier
vor allem wieder im Mittelgebiete. Alle die alten Verkehrs⸗
bindungen des Mittelalters wurden hier in der Absicht ge—
handhabt und modifiziert, unter Begünstigung der preußischen
Produktion den Handel zu vereinheitlichen und zu konzentrieren.
So wurden schon 1750 die Netze-, Warthe- und Oderzölle
zwischen Stettin und Polen aufgehoben und später die schlesischen
Durchgangszölle immer mehr so behandelt, daß sie den
polnischen Handel von Leipzig nach Stettin abdrängten; so
wurden 1752 die Oderzölle auf die Höhe der Elbzölle er—
niedrigt und so wurde, unter Aufhebung der Stapelrechte von
Breslau Frankfurt an der Oder und Stettin das Stapelrecht
auf der preußischen Strecke der Elbe, in Magdeburg, aufs
strengste so ausgebildet, daß dadurch Elbhandel unterbunden,
        <pb n="406" />
        788 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Hamburg und Leipzig lahmgelegt und auch der Handel des
Westens in die Marken und an die Oder gezogen werden
sollte. Und damit immer noch nicht genug. Neben mehr
repressive Maßregeln zur Verwirklichung der geschilderten Ab—
sichten traten positive, schöpferisch aufbauende. Lehrreich ist
in dieser Hinsicht namentlich der schon 1742 unternommene
Versuch, in Breslau eine Messe zu entwickeln, die, im Wett⸗
hewerbe mit Leipzig, den russischen, polnischen, siebenbürgischen,
ungarischen und österreichischen Handelsverkehr nach Schlesien
ziehen, die schlesische Industrie stärken und in Kombination mit
der schon bestehenden Messe zu Frankfurt an der Oder noch
einmal wieder den Oderverkehr zu einem zentralen des Ostens
gestalten sollte.
Es waren folgerichtig durchdachte Maßnahmen, die
schließlich in tausend und abertausend einzelnen Vorschriften
zutage traten: Willkürmaßregeln in gewissem Sinne, denn sie
gingen zum Teil an gegen die natürliche Lage der Dinge. Wie
konnte Friedrich hoffen, den österreichischen Verkehr vom Elbtal
ab auf das Odertal zu lenken! Die Entwicklung der Breslauer
Messe mißlang; der Handel der österreichischen Lande gravitierte
nach wie vor nach Leipzig. Und wie war zu denken, daß
Hamburg von seinem südöstlichen Hinterlande dauernd ab—
geschnitten werden könne! Eben der Schluß des 18. Jahr—
hunderts sah die steigende Blüte der alten Hansestadt.
Viel aber hat Friedrich gleichwohl erreicht. Vor allem
dadurch, daß er zugleich das Flußnetz des deutschen Nordostens
in einem Sinne ausbaute und durch Kanäle ergänzte, der
den Verkehrslinien seiner Zollpolitik erst die rechten, leichtesten
und für die Zeit besten Wege schuf. In diesem Zusammen⸗
hange ist der Plauensche Kanal von der Elbe nach der Havel
angelegt worden; wurde der seit dem Dreißiglährigen Kriege
berfallene Finowkanal zwischen Havel und Oder wieder in⸗
stand gesetzt; ist die Swinemündung der Oder schiffbar gemacht
und der Bromberger Kanal erbaut worden, der Oder und
Weichsel verbindet. Und zu der Fürsorge für diese groben
Bahnen, die eigentlichen Transportwege des großen Verkehrs,
        <pb n="407" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 787

kam mit den Jahren der Ruhe und Erholung nach 1763 bei
steigendem Wirtschaftsleben auch eine Politik, die Münzwesen
und Kreditsystem regelte und zu diesem Zwecke vor allem, wenn
auch dadurch zugleich der äußere Handel angeregt werden sollte,
im Jahre 1768 erfolgreich die Preußische Bank schuf.
Es sind Maßregeln, welche, zunächst handelspolitisch ge—
dacht, doch zugleich auch der heimischen Produktion, dem
Gewerbfleiße vornehmlich, aber auch dem Ackerbau zugute
kamen. In diesen Zusammenhang gehört auch die Zollpolitik,
insofern sie auf den Schutz der heimischen Produktion vor
überlegenem auswärtigen Wettbewerbe ausging. Friedrich der
Große hatte in dieser Hinsicht sehr entschiedene Ansichten. Er
hat einmal motiviert: „Ein von Natur so wenig gesegnetes
Land, wie Preußen, das Korn, Wein, Zucker usw. von außen
beziehen muß, ohne eigene Gold- und Silbergruben, würde
bei der jetzigen Größe des Luxus, wenn es auch fremde
Industrieerzeugnisse in Menge verbrauchen wollte, rasch von
aͤllem Geld entblößt werden. Der einheimische Gewerbfleiß
ist noch in der Wiege, der eigene Handel ist nicht viel mehr
als ein Handlanger des fremden Handels. Ich prohibiere,
soviel ich kann, weil dies das einzige Mittel ist, meine Unter⸗
tanen zu veranlassen, daß sie sich selbst machen, was sie von
anderswoher nicht erhalten können.“ Und so hat er denn
allerdings prohibiert, was nur irgend prohibiert werden konnte;
ein ganzes reiches und verwickeltes System von Einfuhr⸗
verboten — und auch von Ausfuhrverboten für Rohprodukte —
entstand; kurz nach 1763 sind allein 490 verschiedene Einfuhr⸗
artikel, die bis dahin hohen Zoll hatten, gänzlich verboten
worden. Und auf wieviel anderen lagen nicht wenigstens
drückende Zölle! Den Einfuhrverboten aber sekundierte eine,
wenn auch schließlich nicht zum vollsten System entwickelte Politik
von Monopolen. Da wurde zunächst das längst schon vor—
— Verkehrspolitik
hervorgegangene Salzmonopol beibehalten. Da brachte das
Jahr 1765 das Tabaksmonopol, das unter Verarbeitung meist
nländischen Tabaks bald 18/4 Millionen Taler, etwa ein Elftel
        <pb n="408" />
        788 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

des gesamten Staatseinkommens, abwarf. Da erhielt 1769
eine Herxingskompanie in Emden das alleinige Verkaufsrecht
für Heringe in einigen Provinzen. Da folgte endlich 1781
das vielbeklagte Kaffeemonopol für die östlichen Provinzen.
Zugute aber kamen die Schutzzölle und Einfuhrverbote
doch vor allem dem Gewerbfleiße. Und hier hatten sie wiederum
eine ganz bestimmte Tendenz: sie förderten die Manu—
fakturen mehr als das Handwerk, und sie hatten nicht sowohl
den sozialen Zweck einer Begünstigung eines Bürgertums der
Unternehmung, als ihnen die Absicht zugrunde lag, Reichtum
ins Land zu bringen und die Staatskassen zu füllen.
In der Idée générale du commerce vom Jahre 1749
unterscheidet Friedrich zwei Arten von Manufakturen: die,
welche einheimische, und die, welche ausländische Rohstoffe ver—
wenden. Dabei sind ihm die ersteren natürlich die besseren;
aber er findet, auch die zweiten seien nicht zu verachten. Und
er meint, daß die der ersteren Art in Preußen eigentlich ziem—
lich gut imstande seien; dagegen vermöchten die der zweiten
bei entsprechender Anstrengung einen geradezu unendlichen Auf—⸗
schwung zu nehmen. Dabei klingt es fast wie ein prophetisches
Wort über den Aufschwung unserer Industrie im 19. Jahr—
hundert, in den Zeiten voll entwickelter Unternehmung, wenn
der König hinzufügt: hierzu gehöre nur gute Regelung des
Handels, steigende Gelehrigkeit der Bevölkerung und — Kapital.
Aber eben an Kapital mangelte es, während Friedrich sich
für das übrige wohl durchweg aus eigenen Kräften zu sorgen
getrauen mochte. Was war da zu tun? Das Einfachste war,
fremde Kapitalisten ins Land zu ziehen. Der König hat sich
hierfür die erdenklichste Mühe gegeben; jedermann war ihm recht
außer jenen Juden, die den Kaufmannsverkehr durch unerlaubten
Schacher zu stören suchten; auch fleißige Arbeiter mit einigem
Kapital hat er gern aus dem Auslande aufgenommen. Da—
neben aber blieb nichts übrig, als mit Staatskapital ein⸗
zugreifen. Wenigstens ist das Friedrichs erster Gedanke ge—
wesen und lange geblieben. Und so unterstützte er denn
namentlich neue Manufakturen direkt mit Geldzuschüssen oder
        <pb n="409" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 789

verlieh ihnen geldwerte Monopolien, bis sie aus eigener Kraft
zu bestehen vermochten. Später hat er dann diese Maßregeln
freilich nicht mehr gleich gern ergriffen; die Erfahrung hatte ihn
gelehrt, daß jede Wohltat dieser Art leicht die wirtschaftliche
Energie lähme: es ist einer der Punkte, in denen sich der
alternde König, dem unausweichlichen Zuge der wirtschaftlichen
Entwicklung folgend, den Idealen des neuen Zeitalters des
wirtschaftlichen Subjektivismus, dem Grundsatze des freien
Wettbewerbs wenigstens von ferne näherte.
Unter seinem alten und schließlich veralteten Systeme aber
blühten doch nicht wenige Industrien verheißungsvoll auf: so
neue Schosse der uralten Webindustrien des Landes: der
Leinwandweberei in Schlesien und der Tuchindustrie in der
Mark, so die Seidenindustrie Berlins, daneben Besonderheiten
wie die Bandweberei und die Fabrikation von Watte. Und
neben den alten großen textilen Zweig der Gewerbe und manche
spezielle Neuerung wie die der Porzellan- und Papierindustrie
traten, vornehmlich infolge der Erwerbung Schlesiens, auch
schon stärkere Anfänge der schweren Industrie: so nahm der
Kohlenbau in Schlesien nach 1783 einen gewissen Aufschwung;
so machte die heimische Eisenerzeugung solche Fortschritte, daß
im Jahre 1779 die Einfuhr schwedischen Eisens verboten
werden konnte; so wurde, zugleich unter Aufstellung einer
ersten Wasserhebungsmaschine, im Jahre 1784 die Bleiförderung
in Tarnowitz wieder aufgenommen; und schon 1768 war,
unter der Leitung des trefflichen, aus dem industriellen Sachsen
stammenden Freiherrn von Heinitz ein Departement für Hütten⸗
und Bergwesen begründet worden.
Im ganzen aber gewann durch die Handels- wie die
Gewerbepolitik Friedrichs wohl keine Stadt mehr als Berlin.
Berlin wurde nun wirklich zur Hauptstadt des Landes und
zu einem wichtigen Mittelpunkt seines Verkehrs; bei der
Thronbesteigung Friedrichs noch in mancher Hinsicht Acker—
stadt, war es bei Friedrichs Tode zur Manufakturstadt ge—

1S. dazu oben S. 698.
        <pb n="410" />
        790 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

worden, und auf die Tätigkeit seiner Bewohner entfiel damals
fast ein Drittel des Wertes der Warenerzeugung im Lande.
Man hat Friedrich wohl als einseitigen Merkantilisten be—
zeichnet. Soll damit gesagt sein, daß er das Aufblühen von
Industrie und Handel besonders begünstigte, insofern sie an⸗
scheinend leichter Geld ins Land brächten als der Ackerbau,
so steckt in der Behauptung ein Kern von Wahrheit. Aber
anderseits war der König weit entfernt von den Einseitig—
keiten eines bloß merkantilistischen Standpunktes. Er meinte die
„Balance“ halten zu müssen zwischen den Interessen der Guts—
herren und Domänenpächter einerseits und der Industrie⸗
arbeiter und Soldaten anderseits. Und es gibt Aussprüche
von ihm, die ganz physiokratisch lauten. So hat er den Acker⸗
bauͤ die erste der Künste genannt, da es ohne ihn keine Kauf⸗
leute, Könige, Poeten, Philosophen geben würde. Und 1760
meint er sogar einmal, daß es keine anderen wahren Reich⸗
tümer gebe als die, welche der Boden hervorbringt.
Dabei sind es aber doch vornehmlich Motive der reinen
Wirtschaft und insofern eines rationalistischen, auf Plus und
Minus des Hauptbuches hinaus rechnenden Wirtschaftssinnes,
mit denen er an die Dinge ländlichen Wirtschaftslebens heran—
tritt. Bezeichnend hierfür ist, daß er vor allem bestrebt ist,
die landwirtschaftlichen Erträge durch Verbesserung der Technik
zu heben: daher die Einführung des Hopfenbaues schon 1748,
ferner die Anordnung feldmäßigen Anbaues der Kartoffel
bereits 1746 und endlich die Versuche mit der sogenannten
englischen Wirtschaft in der Anlegung von Rieselwiesen und
dem Anbau von Futterkräutern sowie die Verbesserung der
Milchwirtschaft.
Im ganzen suchte der König nun diese und andere Ver—⸗
besserungen der gesamten preußischen Landwirtschaft auf—
zudrängen; in dieser Hinsicht ging er von der Annahme eines
gewissen Verfügungsrechtes des Königs über alle Landnutzung
überhaupt aus; insbesondere habe da auch der Gutsherr seinen
Anordnungen zu folgen. In der Ausführung indes beschränkten
sich seine Bestrebungen doch wesentlich auf die königlichen
        <pb n="411" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 791

Domänen und Forsten, die freilich bei seinem Regierungs⸗
antritte etwa ein Viertel der Gesamtfläche des Landes aus—⸗
machten: so viel hatte sein Vater ererbt und zusammengekauft.
Auf diesem Areal aber, das er, wenigstens durch Erwerbung
neuer Rittergüter, grundsätzlich nicht weiter vermehrte, hat der
König im Laufe seiner langen Regierung in der Tat erstaun⸗
liche Veränderungen herbeigeführt. Vor allem seit 1763, und
im höchsten Grade in dem Sinne eines förmlichen Landes—
ausbaues, einer systematischen inneren Kolonisation des Landes.
Da waren vor allem die Forsten in regelmäßige Aufsicht
zu nehmen, nachdem sie während der langen Kriegsjahre durch
gewissenlose Forstbeamte in Voraussicht eines nahen staatlichen
Zusammenbruchs schmählich geplündert worden waren. Eine
geometrische Aufnahme und Schlageinteilung wurde durch⸗
geführt, die alte Plänterwirtschaft beseitigt, aufgeforstet, wo
es nötig schien, und geurbart, wo die bessere Qualität des
Bodens es gestattete.
Weit wichtiger aber für Besiedlung und Ausbau wurden
noch die weiten Brüche und Moore, in denen frühere Ge—
schlechter den Kampf mit Sumpf und Heide noch nicht auf⸗
genommen hatten: der Netze— und Warthebruch, wo Gebiete
hon vielen Geviertmeilen der Kultur harrten, die Havel⸗
niederungen, die toten Waldmoore des altmärkischen Dröm—
lings. Sie alle suchte Friedrich unter Kultur zu nehmen. Aber
auch in Friesland wie in Ostpreußen⸗Litauen wurden große
Strecken von Urwald und Unland geurbart.
Dabei handelte es sich in den meisten dieser Fälle wie auch
hei Meliorationen von Domanialgut alsbald um die Anlage ganzer
neuer Dörfer: und in ihnen wurden weniger Leute aus dem Über⸗
schusse der heimischen Bevölkerung als fremde Zuwanderer angesetzt;
auf den pommerschen Rodungen von 1751 ist die Besetzung mit
Landeskindern geradezu verboten worden; der König wünschte
ausdrücklich eine Mischung mit Fremden zur Hebung auch der
Energie der heimischen Bevölkerung; und namentlich die Faul⸗
—VD ihm in dieser Hin—
sicht verhaßt. Da nun gute Behandlung zugesagt wurde, und
        <pb n="412" />
        792 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

da die Kolonisten in der Tat als Erbzinsleute besseren Rechtes
angesiedelt wurden, so kamen sie in Massen: wegen ihres
Glaubens Verfolgte, aus überzahlreicher Bevölkerung Ab⸗
gestoßene, nicht selten wohl auch halbabenteuernde Gestalten,
aus Zweibrücken, Rheinhessen und Schwaben, aus Böhmen und
Sachsen, aus Mecklenburg und Schwedisch-Pommern, ja Männer
deutschen Namens aus Polen. Und ihre Zahl wuchs schließlich
gewaltig. Die Bevölkerung Preußens ist von 1756 bis 1775
bon etwa 4 Millionen Seelen auf 43 oder nach anderer
Zählung auf fast 4,5 Millionen gestiegen; und ein beträchtlicher
Teil dieses Zuwachses kam auf die Ausländer. Für die Kurmark
z. B. hat man berechnet, daß von dem Zuwachs der Jahre
1763 bis 1786 von 163614 Seelen 78656 auf Mehrgeburten
und 84958 auf Einwanderer entfielen; in Schlesien sind
zwischen 1742 bis 1786 mindestens 61000 Kolonisten angesetzt
wvorden. Im ganzen mögen zur Zeit des Todes Friedrichs
ein Sechstel, wenn nicht gar ein Fünftel der im Staate
lebenden Einwohner Kolonisten oder Abkömmlinge von Kolo—
nisten gewesen sein. Eine erstaunliche Ziffer, die nicht bloß
Bevölkerungszuwachs, sondern auch Bevölkerungsmischung be—
deutete: wie war doch Preußen durch diese Zuwanderung aus
dem Westen, aus dem höher kultivierten Mutterlande deutschen
Wesens in seiner Volksenergie gehoben, in seinem Volks—
charakter dem Westen angenähert: — und mit beidem taug⸗
licher gemacht worden für den Einigungsberuf, den es im
19. Jahrhundert erfüllt hat.
In Wirtschaftsverbesserung und Peuplierung liegt nun
aber auch der Schwerpunkt der ländlichen Politik Friedrichs.
Viel ferner stehen ihm dagegen soziale Gedanken; und wo sie dem
modernen Beobachter anfangs hervorzublicken scheinen, ergibt
sich bei näherem Zusehen doch häufig genug ein Gedankengang
wesentlich nur wirtschaftlich-technischer Art. So hat Friedrich in
den Dörfern, insbesondere den Domanialdörfern Gemeinheits⸗
teilung und Separation durchzuführen gesucht; für die pom—
merschen Domänen ergingen schon 1752 entsprechende An—
ordnungen. Aber dabei handelte es sich ihm nicht um Auf—
        <pb n="413" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 793

hebung des Flurzwangs und Entwicklung einer freiheitlicheren
Wirtschaftsenergie der Bauern überhaupt, sondern nur um
Erhöhung der Erträge, Aufhebung der großen, unproduktiv
liegenden Gemeinweiden und dergleichen. Nicht als ob er die
Notwendigkeit einer sozialen Reform, insbesondere dessen, was
man später Bauernbefreiung genannt hat, mißkannt hätte. Im
Gegenteil. Indem er aber die Verhältnisse klar — und gerecht —
übersah, fand er nirgends ein Mittel, die Rechte des guts—
herrlichen Adels in wirklich billig meinender Art abzulösen
und begnügte sich deshalb mit maßvoller Aufrechterhaltung
einer Lage, die seiner Ansicht nach vorläufig nicht geändert
werden konnte. So hat er schon 1749 ein strenges Verbot
des Bauernlegens erlassen. So verfügte er 1758, daß die
Spanndienste der Domanialbauern bei neuen Domänen—
verpachtungen auf Dienstgeld umgerechnet werden sollten. Und
überhaupt verbot er, die Pachtsummen der Domänen derart
zu steigern, daß der Bauer darunter leide.
Von einer wirklichen positiven Sozialpolitik Friedrichs
kann man am ehesten noch für die Gutsherren, die führenden
Schichten des platten Landes, sprechen. Und hier liegt sie
eigentlich in dem einen Gedanken beschlossen, daß diese Guts—
herren ihm der zu fördernde Adel waren und blieben. Denn
während an sich, nach der Allodifikation der Lehen durch Friedrich
Wilhelm J., die Rittergüter in Preußen in bürgerliche Hände
abergehen konnten, hat Friedrich solche Ubergänge doch so zu er—
schweren gewußt, daß sie schließlich so gut wie wegfielen. Adlige
Grundlage, Konservation des Adels aber setzte auch sonst voraus,
was der König an sozialpolitischen Maßregeln noch zufügte.
So namentlich die Gründung der ritterschaftlichen Kreditvereine,
der Schlesischen Kreditgesellschaft vom Jahre 1770, der Kredit—
sozietät für die Kur- und Neumark von 1777, der Pommerschen
Kreditanstalt von 17883: denn sie alle sind nur für adlige
Rittergutsbesitzer geschaffen. Indem aber Friedrich den Adel
so begünstigte, ging er freilich nicht bloß von einem allgemeinen
sozialkonservativen Gesichtspunkte oder gar einer unbewußten
Neigung irgendwelcher Art aus: sondern er privilegierte den
        <pb n="414" />
        794 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Adel nur, damit er ihm diene. Schon Richelieu hatte in
dieser Hinsicht die Konsequenzen des monarchischen Absolutismus
klar gezogen; der Adel, hatte er gemeint“, müsse militärisch
diszipliniert werden, sonst sei er unnütz, ja eine Last. Es war
der Gedanke auch des großen Königs. Und darum scheute er
sich nicht, ihn neben der wirtschaftlichen Privilegierung auch
wirtschaftlich zu organisieren: die ritterschaftlichen Kreditvereine
waren streng korporativ gebunden, jedes Rittergut mußte in
sie eintreten und solidarisch mithaften; und gegenüber der
Wirtschaftsführung notleidender Rittergutsbesitzer, namentlich
soweit er sie etwa unterstützt hatte, sind wirtschaftliche Ein—
griffe des Königs vorgekommen, die sich in nichts von der
Prarxis der Verwaltung seiner eigenen Domänen unterscheiden.
Bekannt aber ist, wie Friedrich den so disziplinierten Adel nun
politisch hart und scharf in den Dienst des Staates und in
den Dienst vornehmlich des Heerwesens gezwungen hat.
Unter diesen Umständen darf man sagen, daß der Begriff
der Sozialpolitik, wie wir ihn heute anwenden, dem Könige
überhaupt fremd war. Seine charitativen Seiten, sein Aus—
gehen nicht so sehr vom Staats- als vom Volksgedanken,
eine Gerechtigkeitsidee waren vielmehr in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts, soweit davon schon gesprochen werden
kann, Eigentum des neu emporkommenden Bürgertums der
Unternehmung und seines Geisteslebens, des Geisteslebens also
des aufkommenden Subjektivismus: Entwicklungserscheinungen,
denen der König innerlich und aus freudigem Herzen niemals
aahegetreten ist.
Von diesem Zusammenhange aus läßt sich nun auch am
sichersten beurteilen, was der König im Grunde der sozialen
Evolution des modernen Bürgertums gewesen ist. Gewiß hat
er diese Entwicklung durch seine Handels- und Gewerbepolitik
gefördert. Aber falsch würde es sein zu sagen, daß er seine
Handels- und Industriepolitik auf sie angelegt habe; ganz
andere Ziele vielmehr, finanzielle, politische, standen ihm vor

1Test. polit. I, Ch. 3, 1.
        <pb n="415" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 795

Augen. Und auch der Nebenertrag, der sich aus der Politik
des Königs schließlich für die primitive Kraftentfaltung des
modernen Bürgertums im 18. Jahrhundert ergab, ist nicht
so groß, wie er gewöhnlich geschätzt wird. Da dies Bürgertum,
wie später zu schildern sein wird!, nicht eigentlich durch die
Förderung der Industrie an sich, sondern vielmehr erst durch
die Entwicklung der Absatzmöglichkeiten für seine Produktion
zu autonomer Blüte entbunden werden konnte, so konnte ihm
lͤberhaupt weniger die Gewerbe⸗ als die Handelspolitik Friedrichs
zugute kommen. Hat diese aber irgendwie eingehender auf die
sozialen Bedürfnisse des neuen Bürgertums Rücksicht genommen?
Und ist sie überhaupt von besonderen Erfolgen getragen ge—
wesen? Obwohl die geographische Lage die preußische Re—
gierung seit 1760 etwa zur Mitbeherrscherin von fünf der
größten Flüsse und zur Meisterin der vorzüglichsten Handels⸗
straßen des nördlichen Mitteleuropas machte, blieb der Handel
dennoch, nach des Königs eigenem Eingeständnis, „schwach“.
Vor allem aber lag es gar nicht in Friedrichs Absichten,
das Bürgertum als solches oder etwa gar als Träger eines
künftigen nationalen Demokratismus zu fördern. Sein Ideal
auf sozialem Gebiete war vielmehr die Erhaltung des einmal
vorhandenen Standes der Dinge. Dieser Stand aber war, seit
spätestens dem Beginne des 18. Jahrhunderts, der, daß die
Trennung des platten Landes von den Städten nicht nur
— verschärft worden war,
und daß in den isolierten Städten jegliche Spur von Un—
abhängigkeit gründlich beseitigt erschien: Aufhebung aller Privi—
legien des Patriziates, Zerstörung der Selbstverwaltung, der
königliche Steuerrat schließlich Aufsichtsbeamter über das ganze
bürgerliche Wesen: das waren die Ziele, denen man nach⸗
ging?. Muß da nun noch gesagt werden, daß dies alles den
leisen Emanzipationsvorgängen und autonomen Bildungs⸗
anfängen des modernen Bürgertums im 18. Jahrhundert voll⸗

S. Band VIII S. 141 ff. 180 ff.
2S. oben S. 695 ff.
        <pb n="416" />
        796 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

ständig widersprach, wie allein schon der diametrale Gegensatz
zu der ersten sozialpolitischen Regelung des neuen Bürgertums
in der Steinschen Städteordnung beweist? Nicht gefördert,
eher, namentlich in seinen letzten Zeiten, gehindert hat der
große König das Aufkeimen des neuen Bürgertums.
Das Ideal seiner Politik gegenüber werdenden sozialen
Bildungen, wenn man von einer solchen sprechen will, war
überhaupt nicht das schöpferischen Eingriffes, sondern höchstens
das eines zurückhaltenden, gerechten Suum cuique. Und in⸗
sofern erschöpfte es sich in rigorosen Versuchen zur Entwicklung
einer unparteiischen Rechtspflege.
Die Grundlinien der preußischen Politik des 18. Jahr—
hunderts auf diesem Gebiete hat freilich auch bereits Friedrich
Wilhelm J. gezogen!. Schon er sah ein, daß es vor allem
der Besserung der Gerichtsverfassung und des Prozesses be—
dürfe, und daß daneben eine vernünftige Kodisikation des
geltenden Rechtes notwendig sei. Und wenn er es da in
ersterer Hinsicht nicht zu entscheidenden Fortschritten brachte,
so hat er doch die Aufgabe einer Kodifikation im Sinne des
18. Jahrhunderts erschöpfend formuliert. Auf ein Rechtsbuch,
führt eine Order von 1714 aus, komme es an, das auch von
dem gemeinen Manne könne verstanden werden, dem alle
fremden Benamsungen und Kunstwörter fehlen müßten, und
in welchem das römische Recht nur insoweit Aufnahme finden
dürfe, „als solches sich auf den Zustand dieser Länder schicket
und mit der gesunden Vernunft übereinstimmt“. Aber wie
ungeduldig, ja unsachlich hat der König dieses Rechtsbuch ge—
fordert: funf Mitglieder der Hallischen Juristenfakultät sollten
es binnen drei Monaten fertigstellen! So verstand es sich,
daß von Friedrich Wilhelm J. auch auf diesem Gebiete reine
Erfolge nicht erreicht wurden.
Friedrich der Große hat sich dann dieser ganzen Materie
alsbald nach seiner Thronbesteigung angenommen; schon am
vierten Tage seiner Regierung schränkte er die Tortur ein.

S. darüber schon S. 701.
        <pb n="417" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 797

Allein zu einem schärferen Eingreifen kam es erst nach dem
zweiten schlesischen Kriege. Nun wurde Cocceji, der Unermüd—
liche, zur Aufarbeitung der vielen schwebenden Prozesse von
Provinz zu Provinz geschickt; im Jahre 1755 ist er über dem
Werke gestorben. Aber immerhin war damit einmal in der
Justizpflege aufgeräumt, und zugleich hatte sich gezeigt, worin
sie zu bessern sei. Noch vor dem Siebenjährigen Kriege wurden
die Richter höherer Instanz in ihren Gehältern aufgebessert,
die Advokaten zur Gebührenforderung erst nach Abschluß eines
Prozesses zugelassen, und für beide Beamtenkategorien die
Vorbedingung wissenschaftlicher Ausbildung bis hinunter in
die Patrimonialgerichte aufgestellt. Zugleich wurde eine
strengere Staffelung und Kompetenzabgrenzung der Gerichte
durchgeführt: über die lokalen Domanial-, Patrimonial- und
Stadtgerichte traten die Regierungen in den einzelnen Ländern
unter Ausscheidung und starker Begrenzung der Verwaltungs⸗
gerichtsbarkeit der Kriegs- und Domänenkammern: und über
den Regierungen wiederum erhob sich in Berlin das Tribunal
als dritte und letzte Instanz unter Ausschaltung des Rechts
der Aktenversendung an die Spruchkollegien fremder Fakul—
täten des Rechtes. Es war die Vereinheitlichung und Ver—
selbständigung zugleich der heimischen Rechtsprechung. Und
wie sie vom Einflusse äußerer Gewalten befreit wurde, so
wußte sie sich auch den inneren Einwirkungen einer alther—
gebrachten Kabinettsjustiz zu entziehen. Es ist ein Gebiet, auf
dem vielleicht Coccejis größte persönliche Verdienste liegen. Wie
sein Vater, so hatte auch Friedrich schon früh die Abfassung
eines Landrechts für nötig erachtet und in die Hand eben
Coccejis gelegt. Fertig geworden aber und zur Einführung
gelangt ist von diesem Landrecht nur ein erster Teil, der im
Grunde ein Gerichtsverfassungsgesetz enthält. Und in seinen
Bestimmungen nun erschien das bisherige Eingriffsrecht des
Königs in den Gang namentlich der Zivilprozesse, wie es durch
tausend „Immediatsupplikationen“ immer wieder angerufen
vwurde und in seinen Wirkungen den ganzen regelmäßigen
GBang der Rechtspflege durchbrach, den beträchtlichsten Ein—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 51
        <pb n="418" />
        798 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

schränkungen unterzogen. Es war gegen Ende der vierziger
Jahre. Im Beginne der fünfziger aber war Friedrich den
klugen Einwirkungen Coccejis schon so weit gefolgt, daß er in
dem Testamente des Jahres 1752 die Worte niederschreiben
konnte: „Ich habe mich entschlossen, den Lauf der Prozesse
nicht zu stören.“
Nun aber, nachdem der stracke Gang Rechtens festgelegt
war, handelte es sich vor allem um die Einheitlichkeit, Klarheit
und Zugänglichkeit dieses Rechtes: und von neuem trat damit
das Problem einer umfassenden Kodifikation hervor. Aber erst
nach dem Siebenjährigen Kriege wurde das stärker empfunden;
and wiederum waren es beim Könige vor allem rein praktische
Bedenken an der Stetigkeit, Schleunigkeit und Ehrlichkeit der
Rechtspflege, die ihn zu starken Schritten vorwärts veranlaßten.
Die Helden dieser neuen Kodifikation, die mit den achtziger
Jahren begann, waren der Minister von Carmer und sein
Rat Svarez. Und schon im Jahre 1781 erschien ein erster
Teil des neuen Corpus iuris Fridericianum, das nach nun
schon alter Gewohnheit zunächst nur ein verbessertes Gerichts—
verfassungsgesetz enthielt. Von der Fortsetzung, die 1781 einer
besonderen Gesetzeskommission übertragen wurde, haben dann
dem Könige 1784 und 1785 nur noch die ersten Abschnitte
überreicht werden können. Aber Friedrichs Tod hat das große
Werk nicht unterbrochen, und im Jahre 1794 erhielt es, nun⸗—
mehr vollendet, als Allgemeines Landrecht für die preußischen
Staaten Gesetzeskraft. Es war noch im 18. Jahrhundert ein
ganzer Erfolg; auf keinem Gebiete der inneren Entwicklung
hat sich der deutsche Staat der Aufklärung schöner und reicher
ausgelebt — auf keinem auch länger nachgewirkt: denn fast
noch Generationen währte es, ehe sich die politischen Instinkte
und Anschauungen des neuen Zeitalters des Subjektivismus
zu der konkreten Forderung einer neuen Verfassung und schließlich
auch eines neuen Rechtes verdichteten.
Anders verlief die Entwicklung auf denjenigen Gebieten
der Kultur, in denen sich die geistigen Wirkungen des
neuen Zeitalters rascher zeigten und durchsetzten. Da, wo
        <pb n="419" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 799

dies im höchsten Grade der Fall war, in bildender Kunst
and namentlich Dichtung, hat sich allerdings der König
in keinerlei innere Beziehungen zu ihnen gesetzt; selbst die
führenden Geister der Übergangszeit, vor allem ein Lessing,
Charaktere, die ihm bei näherer Kenntnis so nahe hätten
treten müssen, sind ihm fremd geblieben: seit dem Siebenjährigen
Kriege lebte er vereinsamt und darum bald allein; die Schrift
„De la littérature allemandeé“ ist dafür wie für die innere
Leere, die den Einsiedler infolgedessen trotz aller französischen
Beziehungen überkam, ein zugleich grausames und rührendes
Zeugnis. Ein Gebiet indessen gab es, wo dennoch, in höchsten
Sphären, Altes und Neues im Bereiche der königlichen Teil—
nahme und Einwirkung zusammenstieß: das Gebiet der Er—
ziehung. Denn hier waren auf der einen Seite die päda—
gogischen Anschauungen, wie sie Rationalismus und Pietismus
gezeitigt hatten, noch frisch und lebenskräftig genug, um auf
Auswirkung in einer schöpferischen Schulpolitik zu drängen,
und schlugen sich anderseits die neuen Ideale subjektivistischer
Lebensführung schon sehr fruh in pädagogischen Problemen
und Systemen und, bis auf einen gewissen Grad wenigstens,
in Erziehungsidealen einer neuen Renaissance, eines Neu—
humanismus nieder, die ebenfalls zur Betätigung aufforderten.
Friedrich der Große hat selbst zeitlebens und namentlich
im höheren Alter eine starke pädagogische Ader verraten; auch
als Schriftsteller muß er unter die pädagogischen Klassiker
seiner Zeit gerechnet werden. Wie stellte er sich da nun zu
dem ungeheuren Wechsel der pädagogischen Ideale und Ziele
in den Jahrzehnten seines Alters? In seinen Ansichten
sticht zunächst ein Zug unbedingt hervor: er verabscheute
Rousseau. Und wie Rousseau so haßte er auch das freilich
zu seinen Lebzeiten noch unklare und nebelhafte Streben des
Subjektivismus, jeden Menschen auf sich, auf Selbstverant⸗
wortung im höchsten Sinne zu stellen. Aber anderseits war
der König doch auch schon weit von den ausgebildeten Theorien
des Rationalismus entfernt. Er war ein viel zu guter Kenner
von sich und anderen, um zu glauben, daß erzieherische Mächte
517*
        <pb n="420" />
        300 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

den tiefsten Grund eines Charakters ändern könnten; nur
oberflächliche Eigenschaften, glaubte er, ließen sich austreiben,
allen vornweg die Faulheit; und bilden könne man ja in erster
Linie gewiß Verstand und Urteilskraft, aber nicht nur sie,
sondern auch Phantasie und Gedächtnis seien in Pflege zu
nehmen. Stellte sich damit Friedrich gleichsam zwischen indi—
oidualistische und subjektivistische Erziehungsideale, so fand diese
Stellungnahme auch auf dem Gebiete der Einzelauffassungen
ihren Ausdruck: der König verlangte trotz seines engen Ver—
—
ohne Betonung des nationalen Geistes; und er zeigte in der
Auswahl der Unterrichtsgegenstände eine gewisse Vorliebe für
Geschichte und auch Griechisch — ohne doch deren spezifisch
subjektivistische Werte zu schätzen.
Bei dieser Haltung begreift es sich ohne weiteres, daß
Friedrich in der Fürsorge für die geistige Wohlfahrt seiner
Untertanen, die sich fast nur auf dem Gebiete des Unterrichts
iußerte, seine Teilnahme nicht an erster Stelle der Elementar—
schule und der, Hochschule zuwandte. Den tieferen Problemen
der Universitäten stand er trotz alles Strebens nach abgerundeter
Weltanschauung — oder vielleicht auch eben deshalb — fern;
er hielt sich für seine Bedürfnisse in dieser Hinsicht an seine
ranzösischen Freunde und die Berliner Akademie; gefördert
wurde an den Universitäten höchstens die Philosophie; im
übrigen mußte Halle mit einem Etat von 18116 Talern, Königs⸗
derg gar mit einem solchen von 6100 Talern auskommen. Der
Flementarschule aber trat Friedrich insofern nicht nahe, als
die Lösung der speziell erzieherischen Probleme, die ihn be—
wegten, seiner Ansicht nach nicht deren Sache war: sie sollte
iich damit begnügen, elementare Kenntnisse zu verbreiten. Das
ist es, was die Generalschulordnung vom Jahre 1763 predigt;
das entsprach der geringen Meinung des Königs von dem
pädagogischen Werte der Religion, so wenig er persönlich
unfromm war: denn höheren erzieherischen Idealen konnte die
Elementarschule wohl kaum anders als durch Entwicklung der
religiösen Erziehungsprobleme nähertreten.
        <pb n="421" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 801

Um so mehr eignete sich das Mittelschulwesen: Latein⸗
schule, Gymnasium, Realschule, niedrige akademische Bildung
und Kadettenbildung: zum Tummelplatze der Anschauungen
Friedrichs. Man findet ihn dabei vor allem seit dem Hubertus—
burger Frieden tätig: nun galt es der erziehlichen Bildung
der Offiziere, der Beamten, der Gebildeten überhaupt. Und da
ist es denn merkwürdig zu sehen, bis zu welchem Grade sich
Friedrich den Idealen des Neuhumanismus näherte, wie sie in
den sechziger und siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts ge—
formt wurden: eine Entwicklung seiner Persönlichkeit, die
sichtbar mit der Berufung von Zedlitzens zu einer Art von
Kultusminister im Jahre 1771 beginnt und sich dann in der
Fürsorge vor allem für die Gymnasien, insbesondere die
Berliner, Friedrichswerder und Joachimstal, bis zu seinem
Tode fortsetzt.
Was bedeuten nun diese Vorgänge für die Beurteilung
der staatsmännischen Persönlichkeit Friedrichs? Unzweifelhaft
haben wir hier eine Stelle erreicht, die tiefe, wenn nicht tiefste
Einsicht verstattet. Friedrich war in seiner Zeit verankert: als
die Vollendung des politischen Individualismus kann seine
Regierung gelten. Aber ihm fehlte doch nicht ganz ein Zug,
der über diese allgemeine Konstellation schon hinauswies.
Seine Jugend ist ausgezeichnet durch innige Verehrung einer
der höchsten Renaissancen, die sich bis dahin ereignet hatten,
der französischen Renaissance des Zeitalters Ludwigs XIV.
War es dieser Zug, der ihn, in neuem und doch altem Zu—
sammenhange, zum Neuhumanismus der deutschen Kultur der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts langsam und leise hinüber⸗
seitete? Oder war es gar eine innere Verwandtschaft mit
dem Entwicklungszuge dieser Kultur selbst, sobald sie sich in
langsamer Abklärung einem neuen, durch antike Momente
mit charakterisirten Klassizismus näherte? Friedrich der
Große hat Goethes „Götz“ verabscheut. Würde er Goethes
„Iphigenie“ geschätzt haben?
Erst ein voller Überblick über den König als Menschen,
erst die weitere Erkenntnis des Verlaufs seiner Herrscherlauf⸗
        <pb n="422" />
        802 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

bahn bis zu ihrem Ende wird eine Antwort auf diese Frage —
eine hypothetische Antwort natürlich — gestatten.

IV.

Für die Gestaltung der politischen Zustände im Reiche
und in Europa nach dem Hubertusburger Frieden ist es von
besonderer Bedeutung gewesen, daß der Gegensatz zwischen
England und Frankreich, auf den hin Friedrich schon seinen
ersten schlesischen Kriegsgang hatte unternehmen können, auch
jetzt noch fortwährte.
Freilich geschah das nunmehr keineswegs zu Friedrichs
Gunsten. Denn innerhalb dieses Gegensatzes oder wenigstens an
ihn angelehnt hielten Frankreich und sterreich fest zusammen;
und diese Freundschaft hat, wenn auch unter gelegentlichen
Trübungen, bis zur Revolution fortgedauert. England aber,
das sich bei dieser Konstellation an sich auf die Seite Preußens
hätte getrieben sehen können, erwies sich keineswegs als ein
gleich zuverlässiger Genosse.
So fühlte sich denn Friedrich unter den großen Mächten
des Reiches und des Westens dauernd isoliert. Und er wußte
wohl, daß damit der Besitz Schlesiens und darum auch die
junge Großmachtstellung Preußens noch immer gefährdet war.
Es blieb ihm daher nichts übrig, als irgendwo eine Anlehnung
zu suchen; und er konnte sie schließlich nur bei einem Staate
finden, dessen Bedeutung er bisher unterschätzt hatte, bei
Rußland. Zwar hatte er von jeher zu verhindern gewußt,
— DDD
in die Seite fiel; allein jetzt wollte und wünschte er mehr:
Rußland sollte ihm den Befitz Schlesiens dauernd gewährleisten.
Für die Kaiserin Katharina, an die Friedrich diesen
Wunsch schon früh, im Jahre 1763, zu bringen wußte, kom⸗—
binierten sich aber die Erwägungen, ob man Friedrich ent⸗
gegenkommen solle, von vornherein mit der Frage nach dem
Schicksal Polens. Denn in Polen erwartete man um diese
Zeit schon den Tod des tatenlosen Königs August; und damit
        <pb n="423" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 803

stand wieder einmal die Einmischung Rußlands in die polnische
Anarchie in Aussicht: wobei denn die Frage war, ob für diesen
Augenblick der König von Preußen ein geeigneter Bundesgenosse
ein werde oder nicht.
Eine klare Antwort hierauf konnte natürlich nur aus der
Zergliederung der Interessen geschöpft werden, die damals in
Polen vorhanden waren und zusammen- oder gegeneinander⸗
spielten. Da gab es nun zunächst im Lande selbst zwei
Parteien: die eine die Partei der sogenannten „Familie,“ deren
Mittelpunkt das Haus der Czartoryski war, und die einen
einheimischen König wählen wollte, und eine andere Partei,
welche die bisherige sächsische Dynastie fortführen wollte.
Innerhalb dieser Konstellation hatte nun Rußland, seinen
eigenen Interessen entsprechend, die auf die Aufrechterhaltung
einer ständigen Anarchie in Polen hinausliefen, für die
Familie“ Partei ergriffen, und Katharina hatte dieser einen
hrer Geliebten, den schönen Grafen Stanislaus Poniatowski,
als Königskandidaten annehmbar gemacht. Zugleich glaubte
Katharina dabei mit Hilfe der „Familie“ auch das Los der
zriechisch-katholischen Dissidenten erleichtern zu können.
Gab es nun in dieser Kombination Momente, die für
Rußland eine Verständigung mit Osterreich oder Frankreich
ausschlossen? Katharina meinte nein; und so ließ sie zuerst
hei diesen mächtigeren Staaten um ein Bündnis werben. Aber
sie wurde von Frankreich, das bisher fast regelmäßig einen
eigenen Kandidaten für die polnische Krone aufgestellt hatte,
kühl, und von gsterreich, dessen Sympathien mehr als erwartet
Sachsen galten, geradezu unfreundlich abgewiesen. Gleichwohl
zögerte sie noch immer sogar auch nur mit der generellen
Zusage eines preußischen Bündnisses.
Aber inzwischen war König August gestorben; der Wahl⸗
feldzug hatte begonnen; die sächsische Partei machte anfangs
entschiedene Fortschritte, ehe der treffliche neue Kurfürst von
Sachsen, Friedrich Christian, am 17. Dezember 1763 an den
Blatiern unerwartet starb: und es schien so, als wenn sich
Ssterreich und Frankreich für sie einsetzen würden. Unter dieser,
        <pb n="424" />
        804 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

übrigens sich später nicht bestätigenden Annahme zeigte sich
nun Katharina endlich zum Bündnis mit Preußen bereit. Es
kam am 14. April 1764 zustande und setzte in teils geheimen,
teils öffentlichen Artikeln vornehmlich fest, daß König Friedrich
der Kaiserin zur Wahl Poniatowskis behilflich sein sollte,
eventuell, beim Eindringen gegnerischer Heere in Polen, selbst
mit 20000 Mann, während sich gleichzeitig beide Mächte ihren
zuropäischen Besitzstand gewährleisteten: zunächst nur mit einer
geringen Truppenzahl, an deren Stelle auch Subsidien treten
konnten, eventuell aber sogar unter Aufbietung ihrer gesamten
Macht.
Es war ein Vertrag, durch den Friedrich schon gelegentlich
der polnischen Frage in arge Schwierigkeiten verwickelt werden
konnte: da indes Poniatowski am 7. September 1764 ein—
stimmig zum Könige gewählt wurde, so schien diese Sorge
einstweilen beseitigt: und übrig blieb nur die russische Garantie
des schlesischen Besitzes. Freilich stellte sich dabei schon bald
heraus, ein wie übermütiger Bundesgenosse das an militärischen
Hilfskräften dem Preußenkönige weit überlegene Rußland war.
Und selbst die besondere und persönliche Reputation Friedrichs
schloß Erfahrungen nicht aus, wie sie nachher im 19. Jahrhundert
von Preußen und anderen deutschen Staaten unter verwandten
Verhältnissen mit Rußland noch viel schlimmer gemacht worden
sind „Ich fange an, des Joches, das man mir auferlegen will,
zründlich müde zu werden,“ hat Friedrich einmal geäußert.
„Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, der Bundes—
genosse der Russen zu sein, aber so lange meine Augen offen
sein werden, werde ich nicht ihr Sklave sein.“ Und so drängte
sich denn dem Könige aus diesen Erfahrungen heraus immer
wieder der Gedanke auf, engere Beziehungen selbst zu Österreich
zu suchen, um mit diesem eventuell russischen Anmaßungen,
namentlich auch in den polnischen Wirren, wie deren fast un—
mittelbar nach der Königswahl Poniatowskis wieder ausbrachen,
entgegentreten zu können. Aber vermochte Preußen, damals
noch ohne das polnische Westpreußen, viel gegen Rußland zu
aunternehmen? Wenigstens Thorn, Elbing und eine Bann—
        <pb n="425" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 805

straßenverbindung zwischen Pommern und der Weichsel hätte
es beherrschen müssen, um sich entschiedener zu regen.
Rußland hatte inzwischen auch sonst die Eifersucht der
Mächte hervorgerufen, und sterreich und Frankreich traten ihm
jetzt nicht nur durch Begünstigung der antirussischen Parteiungen
in Polen, sondern noch mehr, und so namentlich Frankreich,
mit dem alten Mittel der Aufstachelung der Türken
entgegen. Am Goldenen Horn beschloß man daher im
Oktober 1768 wieder einmal einen Krieg gegen Rußland; und
zugleich näherten sich jetzt Frankreich und sterreich wiederum
Preußen, um durch engere Beziehungen zu ihm die russische
Initiative in Polen und nun auch gegen die Türkei zu schwächen.
Allein König Friedrich ließ sich dadurch nicht irre machen.
Da der Bündnisfall klar vorlag, so zahlte er an Rußland die
im Jahre 1764 ausbedungenen Subsidien für den Türkenkrieg
mit 400 000 Rubeln jährlich, und bei der Erneuerung des Ver—
trages, die eben jetzt vorgenommen werden mußte — sie er—
folgte am 23. Oktober 1769 unter Verlängerung des Bündnisses
bis Ende März 1780 — bedang er sich nur geringe neue
Vorteile aus: der Hauptsache nach nur die Anerkennung der
juristisch nicht zweifelhaften Erbansprüche seines Hauses in
Ansbach-Baireuth.
Inzwischen waren aber die Türken durch die Russen im
Kriege so in die Enge getrieben worden, daß die Pforte, 1770,
die Vermittlung sterreichs und Preußens anrief. Es war
seitens der Pforte ein kluger Schritt, denn gerade in dieser
Zeit hatte in den engeren Gleisen der deutschen Reichspolitik
eine Annäherung der beiden Mächte stattgefunden, die sogar
zu persönlichen Besuchen der Herrscher führte!: und diese
Annäherung zweier Mächte, die bisher für unversöhnlich ge—
golten hatten, machte alsbald in Petersburg Eindruck. Denn
konnte unter ihren Wirkungen Preußen noch so ganz im bis—
jerigen Zusammenhange der russischen Politik bleiben?
Den deutschen Monarchenzusammenkünften wurde von

S. unten S. 813f.
        <pb n="426" />
        306 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

seiten Rußlands ein Paroli geboten in einem Besuche, der den
Prinzen Heinrich von Preußen, des Königs Bruder, im Herbst
1770 lange Wochen hindurch in Petersburg festhielt: es zeigte
sich, daß Rußland Preußens bedurfte. Inzwischen waren aber
die Russen gegenüber den Türken von Sieg zu Sieg ges chritten,
aund gegen Ende des Jahres 1770 formulierte die Zarin ihre
Friedensbedingungen in einer Weise, die Österreich schwer
reffen mußte: neben asiatischen und pontischen Forderungen
sollten Moldau und Walachei entweder. unabhängige Staaten
werden oder zur Entschädigung für die russischen Kriegskosten
auf fünfundzwanzig Jahre in russischen Besitz übergehen:
gerade die Gebiete, die die österreichische Politik als das noli me
tangere ihrer Einflußsphäre ansah: noch mehr war damit die
Zarin der preußischen Unterstützung bedürftig, um diese An⸗
sprüche durchzusetzen.
Unter diesen Umständen, die Preußen für Rußland so
nentbehrlich zu machen schienen, daß dadurch selbst sein
lockeres Verhältnis zu Osterreich bedroht schien, und die Hster⸗
ceich sogar zum Kriege gegen Rußland, der zugleich auch
Preußen in Mitleidenschaft ziehen mußte, hätten veranlassen
können, schlug Prinz Heinrich, alten Lieblingsgedanken und
einer Anregung der Kaiserin Katharina folgend und an ein
an sich unbedeutendes Vorgehen Osterreichs anknüpfend, eine
Konsolidation des Verhältnisses der drei östlichen Großmächte
unter Heranziehung eines ganz anderen Gebietes, des pol⸗
nischen, vor.
Osterreich hatte seit dem Sommer 1769 ganz in der
Stille von Ungarn aus Teile der polnischen Zips, einen von
Norden über die Hohe Tatra nach Ungarn vorspringenden
Bezirk, sowie weitere polnische Gebiete, auf Grund angeblich
alter ungarischer Rechte, besetzt. Das veranlaßte die Zarin
Anfang 1771 die Frage aufzuwerfen, ob nicht auch Rußland
und Preußen Gebietsteile der in tausend Faktionen zerriebenen,
tatsächlich schon anarchischen Republik einnehmen sollten. Prinz
Zeinrich berichtete darüber seinem königlichen Bruder bei seiner
Rückkehr nach Potsdam; den Kern seiner Anschauungen gibt
        <pb n="427" />
        Waffengänge Osterreichs u. Prenßens; Preußen europ. Großmacht. 807

ein wenig später geschriebener Brief an seinen Bruder wieder:
„Sie halten die Wage zwischen sterreich und Rußland; Ruß—
land wird sich schließlich dazu bequemen müssen, für die Vor—
teile, die Sie ihm verschaffen, Ihnen einen Vorteil zuzugestehen;
wenn das die Österreicher sehen, werden sie ebenfalls einen
Vorteil suchen, und so werden die drei Mächte über ihre
wahren Vorteile zu einem Vergleich auf Gegenseitigkeit ge—
langen.“
Es war das Programm einer ersten Teilung Polens;
König Friedrich hat es sich, gegen seine ursprüngliche Ab⸗—
sicht, von seinem Bruder angeeignet: „Wenn unsere kleinen
Akquisitionsprojekte glücken,“ schreibt er im März 1771, „so
werden sie Ihnen, mein lieber Bruder, ausschließlich gedankt
werden.“
Indem nun die drei Mächte, von denen Ästerreich im
Juli 1771 geradezu ein geheimes Bündnis mit der Türkei
reinging, das ihm die Abtretung der kleinen Walachei eintrug,
jetzt über eine Teilung großer Gebiete der polnischen Republik
zu verhandeln begannen, gingen sie, auf Preußens Andrängen,
für die türkischen Fragen ausdrücklich von der Voraussetzung
aus, daß Moldau und Walachei unter türkischer Oberherrschaft
bleiben sollten, und leiteten daraus ein Entschädigungsrecht
Rußlands und sterreichs, sowie Preußens für seine geleisteten
guten Dienste, in Polen ab. Damit war denn die türkische
Frage erledigt, da ein sterreich genehmer Friede zwischen den
kriegführenden Parteien gesichert war: am 21. Juli 1774 ist
er zu Kütschük-Kainardschi bei Silistria zustande gekommen.
Polen aber wurde unter den Großmächten zum Quartus
sugens. Aus der Teilung des Jahres 1772 erhielt Rußland
einen bisher noch polnisch gebliebenen Rest von Livland und
die weißrussischen Gebiete Litauens östlich von der Düna und
bon der Quelle des Drujak bis zu dessen Einmündung in den
Dujepr — etwa 1710 Geviertmeilen; sterreich nahm die
Qönigreiche Galizien und Lodomerien — etwa 1500 Geviert⸗
meilen; Preußen endlich erhielt das Bistum Ermland, die
Woiwodschaft Marienburg, das Kulmerland und Pomerellen,
        <pb n="428" />
        308 I Einundzwanzigstes Buch. Viertes LKapitel.

doch ohne Danzig und Thorn; dazu Teile der großpolnischen
Woiwodschaften Posen, Gnesen, Inowrazlaw und Brzesk —
etwa 660 Geviertmeilen.
Widerstand fanden die Besitzergreifenden in Polen nicht;
die Schande der Nation ging so weit, daß der polnische Reichs—
tag des Jahres 1773, überredet, bedroht, vor allem bestochen —
eine polnische Fürstenstimme hat nur 30 Dukaten gekostet —
den Raub der Lande sogar feierlich guthieß.
Schon auf einem polnischen Reichstage des Jahres 1662
hatte König Johann Kasimir das Ende Polens als kommend
vorausgesagt. Gott möge ihn einen falschen Propheten sein
lassen: aber er fürchte, daß, Dank dem weltberühmten Rechte
der freien Königswahl, dereinst noch der Moskowiter, der
Brandenburger und der Ästerreicher die Republik Polen unter
sich tellen würden. Dann hat im nordischen Kriege, zu Anfang
des 18. Jahrhunderts, ein König von Polen selbst, August
von Sachsen, die Teilung des polnischen Staatsgebietes an—
geregt: ein Los sollte an Schweden fallen, eins an Branden—
burg, der Rest als Erbkönigreich an Sachsen. In der Tat
sind der Republik bereits im 17. Jahrhundert die Eroberungen,
die ihr unter der kräftigen Fremdherrschaft der litauischen
Jagellonen zugefallen waren, zum nicht geringen Teile wieder
berloren gegangen: Livland an Schweden, Preußen an Branden⸗
burg, weite Landschaften am Dnjepr an Rußland. Das acht⸗
zehnte Jahrhundert hat dann die Aufteilung der Kernlande ge—
bracht: als unvermeidlichen Ausgang sittlichen Verfalls und
bolitischer Selbstzerfleischung.
Von den drei Teilmächten aber hatte Preußen unstreitig
den verhältnismäßig größten Gewinn davongetragen. Wo
waren die Zeiten hin, da die Oder unter der Herrschaft
fremder Völker, der Schweden, vorübergehend selbst der Russen
gestanden hatte! Das Ende des nordischen Krieges, noch
mehr der Verlauf der Kämpfe um Schlesien hatte sie un—
widerruflich zu einem preußischen Strom gemacht, und wir
wissen, wie stark die innere Politik Friedrichs des Großen aus
dieser Tatsache Nutzen zog. Jetzt aber wurde auch die Weichsel
        <pb n="429" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 809

in ihrem unteren Laufe preußisch. Und was mehr war: die
Lande an Weichsel und Oder wurden zugleich durch eine
preußische Landbrücke miteinander verbunden. Mit Recht hat
Kaunitz geurteilt, daß die Erwerbung dieser Landesverbindung
zwischen Weichsel und Oder für Preußen von noch größerem
Vorteil sein werde als die Eroberung Schlesiens: erst die
erste Teilung Polens hat Preußen zu einer Großmacht von
stärkerer Konstanz gemacht; wie denn auch der neue Zuwachs
an Bevölkerung und an Erträgen erst eine Vermehrung des
preußischen Heeres bis zu der Zahl gestattete, die König
Friedrich schon im Jahre 1752 als für die Sicherheit der
Landesgrenzen erforderlich bezeichnet hatte.
Da versteht es sich denn, daß Preußen, auch ganz ab—
gesehen von der besonderen Verwaltungsenergie Friedrichs,
der neuen Erwerbung ganz andere Sorgfalt zuwendete
als etwa sterreich. Wie in Preußen das neue Land, das
den Namen Westpreußen erhielt, geradezu zu einer Änderung
des königlichen Titels Anlaß gab — der Titel „König in
Preußen“ wurde jetzt, „regno redintegrato“, in „König von
Preußen“ verwandelt —, so war es das Bestreben, den Er—
werbe alsbald dem übrigen Besitze nach Wirtschafts- und
Ertragshöhe gleichzugestalten. Freilich: leicht war diese Mühe
nicht. Wie oft hat König Friedrich nicht über das „schlechte
polnische Zeug“ geklagt: es seien Kanadier, Sibirier, Jro—
kesen, Menschen ohne Kultur, ohne Zucht, ohne Ordnung.
Dennoch umfaßte er das Land mit besonderer Liebe; Jahr
für Jahr besuchte er es, um für seine „Halbwilden“ zu sorgen;
und im Juni hielt er dann im Dorfe Mokrau, zwischen
Marienwerder und Graudenz, in der Nähe des Truppenmusterungsplatzes,
 in einem schlichten Fachwerkbau mit Stroh—
dach königlichen Hof. Für die Hebung von Land und Leuten
gelangten dabei, nachdem die alte polnische Verwaltung völlig
beseitigt und die neue preußische eingeführt worden war, im
wesentlichen die Grundsätze des Retablissements zur Anwendung,
aach denen in den alten Landen seit 1768 verfahren worden war:
Kanalbau, Kolonisation, Hebung der Bauern, Begünstigung
        <pb n="430" />
        310 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

einer freilich noch in den Windeln liegenden Industrie, alles
dies unter stetig festgehaltenen Tendenzen der Germanisierung,
spielten die Hauptrolle.
Erreicht wurde die Verdeutschung der Städte und wesent—
licher Teile des platten Landes, in das binnen wenigen Jahren
Mecklenburger und Lausitzer, Pfälzer und Thüringer, Schwaben
und Sachsen einzogen, etwa 11000 Köpfe auf eine Gesamt—
bevölkerung von etwa einer halben Million; erreicht wurde
weiter die freiwillige Unterordnung der Polen, da diese noch
keinen solidarischen Gegensatz zu der neuen Herrschaft kannten,
zie sie der alten Anarchie und Willkür bei weitem vorzogen;
erreicht wurde endlich bereits zu Friedrichs Zeiten eine be—
scheidene wirtschaftliche Blüte des Landes.
Inzwischen aber, während diese Dinge sich an den öst—
lichen Grenzen des deutschen Wesens abspielten, hatte sich
zugleich das Verhältnis sterreichs und Preußens im Reiche,
insofern sie deutsche Mächte waren, beträchtlich zu verschieben
begonnen. Maßgebend war hierfür wie für die nächste Weiter—
entwicklung der deutschen Dinge überhaupt bis zu einem ge—
wissen Grade ein Wechsel der wichtigsten Personen, der sich
in sterreich im Verlaufe der sechziger Jahre teilweise voll⸗
zog, teilweise wenigstens anbahnte.
Im Jahre 1765 starb Kaiser Franz J., aufs tiefste von
seiner Gemahlin Maria Theresia betrauert. In der Tat ver—
lor diese in ihm ein wesentliches Stuück ihres Lebens: denn
ihr war es gegeben, nicht bloß Fürstin, sondern auch Frau zu
—
eben Franz bei Maria Theresia eine andere Auffassung Friedrichs
des Großen wenn nicht durchgesetzt, so doch eingeleitet. Franz,
der den Verlust Lothringens niemals verscherzt hat, war kein
Freund der französischen Politik Kaunitzens; mit Bewunderung
folgte er dagegen schon seit frühen Zeiten, und zwar auf
Grund persönlicher freundlicher Berührungen, dem Genius
Friedrichs. Es lag in der Natur der Dinge, daß bei dem
zwar temperamentvollen, im Grunde aber überaus glücklichen
Verhältnisse der beiden Ehegatten zueinander von dieser Teil—
        <pb n="431" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 811

nahme auch etwas auf Maria Theresia abfärbte. Und weiter:
hatten sie sieben Jahre schweren Kampfes nicht gelehrt, von
dem hartnäckigen Verlangen nach dem Besitze Schlesiens schließ⸗
lich dennoch abzusehen?
Franzens Tod aber zog eine andere Veränderung von
noch größeren Folgen nach sich. Maria Theresias Erst⸗
geborener, Joseph, im Jahre 1764 einstimmig zum römischen
Könige gewählt, wurde nun Kaiser. Und damit erhob sich die
Frage, inwieweit eine Gemeinsamkeit der Regierung von
Mutter und Sohn innerlich erreichbar oder auch nur denkbar
war. In die Schwierigkeiten, die sich hier ergaben, führt
nichts besser ein als eine Charakteristik des neuen Kaisers
durch seine erste Gemahlin, Isabella von Parma. „Der Kaiser
besitzt ebensowohl große Eigenschaften als Fehler, auf die
man sehr achtsam sein muß. Es ist ein redlicher Mann, und
sein Herz ist gut, man kann auf ihn zählen als auf einen
wahrhaften Freund. Aber man muß sich hüten vor seiner Will—
fährigkeit, Leuten Gehör zu geben, welche in keiner Weise die
gütige Gesinnung verdienen, die er für sie hegt ... Im all—
gemeinen ist zu vermeiden, ihn jene Anhänglichkeit und jenes
wahrhafte Vertrauen erkennen zu lassen, welche man für die
Kaiserin hegt. Er ist eifersüchtig auf dieses Vertrauen, und
darum habe ich mit ihrer ausdrücklichen Zustimmung ihr zwar
mmer die Ehrfurcht und die Zärtlichkeit bewiesen, welche meine
Pflicht erfordert; aber ich habe niemals vor ihm die Gefühle
gezeigt, von denen ich für sie wahrhaft durchdrungen war.
Alles würde hierdurch verdorben worden sein, und das Glück,
der Kaiserin zu gefallen, hätte mir das Herz des Kaisers
völlig entfremdet.“ In welch seltsame Lage blickt man durch
diese so vorsichtigen und schließlich doch so offenen Zeilen!
Joseph II., heißspornig, leicht lenkdar, im höchsten Grade
assoziationsfäßhig und darum bei schwankendem Willen im
rinzelnen oft abspringend und ohne Schwierigkeit umzustimmen,
war doch in gewissen Gefühlsmomenten von jener hartnäckigen
Zähigkeit, die ein Kennzeichen von Charakteren seiner Art zu
sein pflegt. Und eines dieser Gefühlsmomente ging im tiefsten
        <pb n="432" />
        312 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitei.

Grunde gegen seine Mutter! Da wurde es denn freilich der
Kaiserin nicht leicht, einen Einfluß, den Erfolg und Persön—
lichkeit wahrlich in gleicher Weise rechtfertigten, in befriedigender
Weise weiter zu üben. Immer mehr ist sie von den Ge—
schäften zurückgetreten, nunmehr in Fürsorge für ihre zahl—
reiche Familie aufgehend, schließlich eine wenn auch immer
noch jugendliche Patriarchin mehr ihres Geschlechtes als des
Staates. In diesem letzten Stadium aber ihres Lebens taucht um
so mehr in ihr das rein Menschliche empor. Nicht ohne allerlei
Schlacken zu hinterlassen, leuchtet in ihr zentral, als das
eigentlich Bestimmende ihres Wesens, das milde Feuer einer
katholisch bestimmten Frömmigkeit. Aber sie verbindet diese
leitende Eigenschaft, eine Mitgift wohl des habsburgischen
Wesens, mit einer edlen Menschlichkeit, die, wie das ganze
Äußere ihrer schönen Erscheinung, ein Erbteil von mütterlicher
Seite her, ein braunschweigisches Erbstück war. Und diese
Eigenschaft war es, die den Zeitgenossen zunächst am ent—
schiedensten und weithin fesselnd entgegentrat. Mit ihr hat
sie das Wiener Leben durchsonnt und auf jene vornehme
muntere Freudigkeit eingestimmt, die uns aus den Werken
Haydns entgegentönt. Sie war es, die Friedrich der Große
in der monumentalen Grabschrift anerkannt hat, welche der Satz
eines seiner Briefe an d'Alembert nach dem Tode der Kaiserin
enthält: „Sie hat dem Thron Ehre gemacht und ihrem Ge⸗
schlecht. Ich habe Krieg gegen sie geführt und bin niemals
hr Feind gewesen.“ Und sie war es, die auch Klopstock pries,
indem er das Urteil der Nation in die schönen Worte goß:
Schlaf' sanft, du Größte deines Stammes,
Weil du die Menschlichste warst.

In den sechziger und auch noch den beginnenden siebziger
Jahren indes des Jahrhunderts wirkten Joseph II. und Maria
Theresia innerhalb der deutschen Dinge wenigstens insofern
noch glücklich zusammen, als die Mutter Friedrich den Großen
anzuerkennen begann, während der Sohn ihn begeistert schätzte.
Und dies war die Grundlage gleichsam, auf der sich die inner—
        <pb n="433" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 8138

deutsche Politik nach dem Siebenjährigen Kriege zunächst ent—
wickelte.

Friedrich der Große, der diese Dinge wachsen sah, legte
sich in diesen Jahren dann wieder die Frage vor, ob nicht
doch eine Annäherung von Österreich und Preußen möglich
sei. Und er sah eine solche Wendung sofort auch unter inter⸗
nationalem Gesichtspunkte für günstig an. Gewiß hatte er in
dieser Hinsicht, durch ein russisches Bündnis gesichert, nicht viel
zu fürchten. Aber wuchs nicht dieser russische Koloß zusehends;
war Es nicht wünschenswert, daß die deutschen Großmächte
eben als solche gegen seinen steigenden Einfluß in Europa
zusammenstanden? Und eben im Jahre 1765, nach dem Tode
Kaiser Franzens, unter der nunmehr eintretenden Mitregent—
schaft des jungen Kaisers Joseph II., schien es eine Zeitlang,
als ob ein solches Zusammengehen der deutschen Mächte ein—
treten könne: bis die uns bekannte verschiedene Stellungnahme
zu den polnischen Wirren! der zunehmenden Annäherung ein
jähes Ende bereitete.
Doch schien gar nicht lange darauf, im Jahre 1768, beiden
Mächten die notwendige breitere Stellungnahme gegen Rußland
runmehr am besten dadurch ermöglicht zu werden, daß man
zunächst die Verhältnisse im Reiche beruhigte. Von König
Friedrich angeregt, fiel ein solcher Gedanke in Wien, namentlich
bei Maria Theresia, auf fruchtbaren Boden. Und wie lebhaft
sprach sich dann erst Friedrich selbst gegenüber dem österreichischen
Botschafter in Berlin hierüber aus: „So lange wir zwei, das
Haus österreich und ich, uns wohl einverstehen, hat Deutsch—
land von Kriegsunruhen wenig zu befahren. Die Kaiserin—
Königin und ich haben lange verderbliche und kostspielige
Kriege wider einander geführt, und was haben wir endlich
davon?“
Gleichwohl kam es auf einer Zusammenkunft König
Friedrichs und Kaiser Josephs zu Neiße, die infolge dieser Ver—

S. oben S. 803 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2.
        <pb n="434" />
        314 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

handlungen stattfand, zu keinerlei wichtigerem positivem Ergebnis:
zu tief und breit wurde doch die Kluft gefühlt, die beide Mächte
trennte; Friedrich meinte jetzt, vielleicht erst in zwanzig Jahren
werde das „deutsch-patriotische System“ einmal möglich sein —
freilich nicht ohne ein andermal zu äußern: er werde die
Versöhnung überhaupt nicht erleben. Dagegen machte der
jugendliche Kaiser dem Könige bei dieser Gelegenheit einen
recht guten persönlichen Eindruck. Er war, so heißt es in
der 1775 entstandenen Fortsetzung der „HPistoire de mon
temps“ „von der liebenswürdigsten Lauterkeit und Offenheit,
voll Lebhaftigkeit und Frohsinn. Eine schöne Seele, reine
Absichten verbanden sich mit einem unermeßlichen Verlangen,
sich zu unterrichten, und dem edlen Ehrgeiz, seinem Vaterlande
nützlich zu sein.“
Auch der Gegenbesuch König Friedrichs auf österreichischem
Boden, der am 3. September 1770 in Mährisch-Neustadt statt⸗
fand, und bei dem der König mit Kaunitz unmittelbar ver⸗
handelte, führte nur für einige Zeit zu einer auf gegenseitigem
Wohlwollen beruhenden persönlichen Stellungnahme, konnte
dagegen, naturgemäß, die grundlegenden Gegensätze nicht be—
beseitigen, die immer tiefer greifen als Menschengewalt. Wieder
lebendig aber wurden diese Gegensätze schließlich doch vor allem
durch die Leidenschaftlichkeit, mit der Joseph II., neben seiner
Mutter nun immer mehr hervortretend, die durch die Er—
werbung Schlesiens und Westpreußens gehobene Stellung
Preußens durch neuen österreichischen Machtzuwachs auf
deutschem Gebiete wettzumachen suchte. Anlaß aber in dieser
Hinsicht gab ihm zuerst in entscheidender Weise die bayrische
Erbfolgefrage.
In Bayern war am 30. Dezember 1777, erst fünfzig—
jährig, Kurfürst Maximilian Joseph, der letzte der alten
rudolfinischen Wittelsbacher, gestorben. Das Erbe hatte damit
an die pfälzische, wilhelminische Nebenlinie zu fallen, deren
Vertreter der Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz war: ein
für deutsche Verhältnisse ungeheurer Besitz im Süden und
Südwesten des Reiches war damit im Übergange in nur eine
        <pb n="435" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens: Preußen europ. Großmacht. 815

Hand begriffen. Sollte das nun Österreich, nach seinen Ver—
lusten an Preußen, ruhig mit ansehen? Wie schon Karl VII.
von Bayern aus versucht hatte, den Besitz der beiden mächtigsten
Fürstengeschlechter des Südens, der Habsburger und der
Wittelsbacher, unter einem Zepter zu vereinigen, so versuchte
es jetzt, von Österreich aus, Kaiser Joseph.
Karl Theodor von der Pfalz war kinderlos; er kümmerte
sich wenig um das Nachfolgerecht, das eine Pfalz-Zweibrückner
Nebenlinie nach ihm geltend machen konnte: und so gelang es
der österreichischen Politik, ihn, Anfang 1778, zu einem Ver—
trage zu bewegen, indem er einen Erbanspruch Osterreichs
auf alle jene bayrischen Gebiete anerkannte, die Herzog Wilhelm
von Bayern auf Grund einer Teilung von 1353 besessen
hatte — nach österreichischer Auslegung gehörte dazu
namentlich ein großer Teil von Niederbayern —, weiterhin
die Herrfchaft Mindelheim abtrat und das Recht der Krone
Böhmen zur Einziehung der böhmischen Lehen in der
Oberpfalz zuließ. Zur Abrundung der damit anerkannten
zsterreichischen Rechte wurde weiter ein Landesaustausch vor⸗
behalten, in dem Kaiser Joseph, eventuell unter Dreingabe noch
vorhandener vorderösterreichischer Besitzungen am Oberrhein,
vielleicht auch Limburgs, Luxemburgs und der österreichischen
Anwartschaft auf Württemberg, womöglich ganz Ober— und
Niederbayern östlich einer Linie von dem böhmischen Wald—
münchen bis Donauwörth zu erhalten hoffte.
Und schon am 16. Januar 1778 rückten 10000 Hsterreicher
zur Besitzergreifung in die abgetretenen Gebiete ein: ohne daß
zunächst ein Widerspruch erfolgte: „Alle Welt scheint ruhig
und zufrieden,“ konnte der Kaiser noch Ende Januar schreiben.
Allein bald zeigte sich, daß man mit dem Widerspruch Preußens
zu rechnen hatte.

Noch vor dem Tode Marimilian Josephs, doch wohl
sicher schon in Erwartung der bayrischen Erbfolgefrage hatte
Osterreich Preußen durch Untergrabung seiner europäischen
Machtstellung zu schwächen gesucht. Da in dieser Zeit und
589 *
        <pb n="436" />
        316 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Napitel.

auch noch viel später die allgemeine Konstellation der Mächte
noch immer durch den Gegensatz Rußland-Preußens einerseits
und Österreich-Frankreichs anderseits bestimmt wurde, während
sich England durch den wiederum beginnenden Kampf um
Nordamerika den europäischen Dingen auf längere Zeit bis zu
einem gewissen Grade entzogen sah, so mußte es Ästerreichs
Bestreben sein, Rußland von Preußen zu trennen. Und hiermit
hatte Kaunitz noch vor dem Abschlusse des russisch-türkischen
Friedens begonnen. Brüsk brach er mit den Türken, nachdem
er sich noch eben heimlich mit ihnen verbündet hatte, nicht ohne
ihnen zugleich, wie vorher die kleine Walachei, so jetzt einen
Teil der Moldau, die Bukowina, als angeblich einstmaliges An—
hängsel von Galizien, abzunehmen. Doch hatten die Ver—
suchungen Rußlands durch Osterreich schließlich keinen Erfolg
zehabt; Friedrich war es gelungen, sein Bündnis mit Ruß—
land im Zahre 1776 auf geraume Zeit, bis zum 31. März
1788, zu verlängern: und so stand er im Anfange des Jahres
1778 den bayrischen Ereignissen gegenüber frei und gerüstet da.
Und alsbald, noch in der Nacht des Tages, da er vom
Ableben des bayrischen Kurfürsten unterrichtet worden war,
hatte er eingegriffen. Natürlich kam es dabei, sollten die
Pläne des Kaisers vereitelt werden, darauf an, ein erbberechtigtes
Mitglied des pfälzisch-wittelsbachischen Hauses zum Protest
gegen den Vertrag zwischen Karl Theodor und österreich zu
veranlassen. Ein solches Mitglied fand sich schon in dem
nächsten erbberechtigten Agnaten, dem Herzog Karl von
Pfalz⸗Zweibrücken. Und so legte dieser und mit ihm vereint
König Friedrich am 16. März bei dem Reichstage zu Regens—
burg gegen das Vorgehen sterreichs Verwahrung ein, und am
26. März verbürgte König Friedrich dem Herzog Karl ver—
tragsmäßig sein bayrisches Erbrecht.
Nachdem aber die Angelegenheit auf diese Weise amtliche
Reichssache geworden war, zeigte sich bald, und noch mehr als
früher, daß die Mehrheit der Reichsstände mit ihren Sympathien
auf preußischer Seite stand. Wenn aber Friedrich geglaubt
hatte, die Teilnahme der Reichsstände werde bis zu einer
        <pb n="437" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen enrop. Großmacht. 817

aktiven Verbindung der Reichskreise gegen den Kaiser gehen,
so sah er sich freilich, wie schon öfter in der Energieberechnung
der Reichsstände, getäuscht. Wo sollten im Reiche noch so
kräftige Außerungen von Gunst und Ungunst, ja auch nur von
Furcht und Hoffnung herkommen? Nur der junge Kurfürst
von Sachsen, durch seine Mutter Maria Antonie, eine bayrische
Prinzessin, unmittelbar beteiligt, verband sich mit Friedrich
und stellte ihm für einen etwa nötig werdenden Feldzug
21000 Mann zur Verfügung.
Denn in der Tat: Friedrich war entschlossen, vom Leder
zu ziehen, weniger zur Rettung der Reichsfreiheit, auch nicht
um im Reiche Einverleibungen vorzunehmen, sondern in rein
preußischem Interesse: zur Bekämpfung der von neuem drohenden
UÜbermacht der österreichischen Herrschaft. Bevor aber der
Krieg begann, kam es, zumeist auf Veranlassung des Prinzen
Heinrich, noch zu langen Verhandlungen mit Osterreich, die
schließlich scheiterten, da die Österreicher nicht recht an den
Kriegsernst des Königs glaubten: eine schlechte Vorbedeutung
für den Feldzug selbst.
Dieser Feldzug, der sogenannte Kartoffelkrieg, ist denn
wirklich tragikomisch genug verlaufen; Friedrich hat seine Zeit
später niemals als Kriegsjahr gelten lassen wollen. Zwei
preußisch-sächsische Heeresmassen ergossen sich unter der Führung
des Prinzen Heinrich und des Königs von der Elbe und von
Schlesien her nach Böhmen hinein, um unter mannigfachen
gegenseitigen Mißverständnissen, die das Verhältnis der beiden
Bruüder dauernd trübten, im Grunde nichts zu erreichen: es war
nach Friedrichs Ausdruck eine insipide Kampagne.
Inzwischen aber hatte sich doch gezeigt, daß Osterreich
dem Erwachen des greisen preußischen Helden mit Schrecken
entgegensah. In der ersten überraschung, kurz nach Beginn
des Einmarsches in Böhmen, hatte die alte Kaiserin, ohne
Wissen des Kaisers, durch den Baron Thugut gleichsam
persönlich Frieden angeboten — in dem ersten Handschreiben,
das sie an den König richtete: ihr Mutterherz sei beunruhigt;
Preußen und Österreich müßten wieder in gutes Einvernehmen
        <pb n="438" />
        818 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Napitel.

treten. Jetzt nun, am Schlusse des Feldzugsjahres, rief
Hsterreich die Vermittlung Frankreichs an, und Frankreich
nahm sie an unter der Bedingung, daß mit ihm zugleich auch
Rußland vermittle.
Darauf kam es zu einem lebhaften Hin und Her von
Verhandlungen, und endlich einigte man sich auf einem Kongreß
zu Teschen an der Elbe am 13. Mai 1779, dem Geburtstage
der Kaiserin Maria Theresia, darauf hin, daß sterreich nur
einen kleinen Teil Bayerns, das Innviertel, erhalten, und daß
das Erbrecht des Pfalzgrafen von Zweibrücken sichergestellt
werden sollte. Die Bürgschaft des Friedens aber übernahmen die
beiden vermittelnden Großmächte Frankreich und Rußland:
ein Umstand, der Rußland das Recht einer verwandten Ein—
mischung in die deutschen Angelegenheiten eröffnete, wie es
Frankreich schon seit 1648 besaß, und im Grunde besagte, daß
Friedrich dem Großen eine Ordnung der eigenen, deutschen Ver—
hältnisse in seinem Sinne doch nicht völlig ohne fremde Hilfe
gelungen war.
Freilich: die Zeitgenossen sahen diese Lücke in den Er—
folgen des Königs nicht. Ihre Meinung sprach vielleicht am
besten, wenn auch emphatisch, die geistreiche Marie Antonie
von Sachsen aus, die mit Friedrich dem Großen und Maria
Theresia zugleich im Briefwechsel stand: „Man dachte 1777,
daß Friedrich, Sieger in drei Kriegen, Gesetzgeber und Vater
seiner Völker, sich höher nicht erheben könne ... Bis dahin
hatte er vornehmlich für die Seinen gekämpft; jetzt kämpfte
er für die anderen; er wurde der uneigennützige Schiedsrichter
in den Händeln der Herrscher, das Werkzeug der obersten
Gerechtigkeit, welche die Nationen richtet.“
Aber waren mit diesem entschiedenen Einschreiten Friedrichs
die Ausdehnungsgelüste des jungen Kaisers nun wirklich be—
seitigt? Friedrich glaubte es nicht, so sehr er wußte, daß
Maria Theresia bis zum letzten Atemzuge jeder Verwirklichung
dieser neuen, fast abenteuerlichen Phase der österreichischen
Politik widerstehen würde. Aber 1780, mit dem Tode der
Kaiserin, fiel diese Hemmung hinweg.
        <pb n="439" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 819

Ja schon vorher war Joseph von neuem unruhig geworden.
War es ihm nicht gelungen, Bayerns weltlichen Besitz zu
erlangen, so wußte er es um so mehr in seinem Einfluß auf und
seiner Herrschaft über den geistlichen Besitz auszustechen. Von
1583 bis 1761 war, eine wesentliche Unterstützung des welt—
lichen Wittelsbacher Hauses, das Erzstift Köln ständig im Besitze
bayrischer Herzöge gewesen und mit ihm eine bald größere,
bald geringere Anzahl benachbarter Bistümer; um 1750 war
ihre Zahl sogar, am Rhein und in Bayern, einmal auf sieben
gestiegen. Jetzt, im Sommer 1780, wurde der jüngste Bruder
des Kaisers, Maximilian, zum Koadjutor von Köln und
Münster gewählt: Bayern schied definitiv aus der Beherrschung
dieser wichtigen Bistümer aus: es war eine unzweifelhafte
Niederlage auch der Politik König Friedrichs.
Und schon machte Joseph dem alternden König nun auch die
wichtigste Hilfe seiner auswärtigen Politik, die Freundschaft Ruß—
lands, ernstlich streitig. Im Juni und Juli 1780 weilte er zu
langem Besuche am Hofe der Zarin: es war ein erster Wende⸗
punkt in deren Verhältnis zu Friedrich, wenn auch das preußisch—
russische Büundnis formell bis Ende März 1788 fortlief. Eine
zweite Phase trat dann im nächsten Jahr ein. Die Zarin
war willens, ihre Angriffspolitik gegen die Türkei, vielleicht
auch gegen Polen, wieder aufzunehmen; darin trat ihr der
saturierte und vorsichtig gewordene Preußenkönig entgegen:
so schloß sie mit Osterreich im Mai 1781 ein Verteidigungs⸗
bündnis auf acht Jahre. Völlig aber schien Rußland zu
sterreich im Jahre 1782 abschwenken zu wollen. Damals
vertraute Katharina dem Kaiser Joseph rückhaltslos ihre
ehrgeizigen Absichten auf den Südosten an, wie sie auf ein
byzantinisches Kaiserreich als russische Sekundogenitur und ein
Königreich Dacien unter einem Herrscher griechischen Glaubens
hinausliefen: und nur die Aufstellung einer gewaltigen Gegen—
forderung durch Joseph, die außer großen Teilen der Balkan—
halbinsel auch die venezianische Terra ferma Hsterreich zuwies,
verhinderte ein gewaltätiges gegenseitiges Zus ammengehen. Doch
wurden die Besitzergreifung der Krim durch Rußland im
        <pb n="440" />
        820 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Jahre 1783 und die gleichzeitigen Rustungen Osterreichs in Europa
ganz allgemein als Anfang vom Ende der Türkei gedeutet.
Unter diesen Umständen mußte König Friedrich wohl
einsehen, daß sein Bund mit Rußland nur noch dem Namen
nach bestand. Schon am 18. Oktober 1782 klagte er: „Ich
werde ad patres gehen und unser Land ohne Verbindungen,
ohne Freunde zurücklassen, in einer Lage, in der es die Streiche,
die der Kaiser ihm beizubringen trachtet, nicht parieren
kann.“ Und so begann er, nachdem ein Bündnisantrag bei
Frankreich zu keinem Erfolg geführt hatte, an eine Kombination
zu denken, die ihm nach früheren Erfahrungen vielleicht am
fernsten lag — an einen Bund der deutschen Fürsten gegen
den Kaiser. Es sollte sich um eine Konföderation handeln
einzig und allein zu dem Zweck, das Reichssystem, so wie es
gegenwärtig war, aufrechtzuhalten; als vornehmste Mitglieder
waren gedacht: Hannover, Braunschweig, Hessen, die Bundes—
genossen aus dem Siebenjährigen Kriege, weiterhin die geistlichen
Fürsten von Bamberg-Würzburg, Vaderborn, Fulda und
Hildesheim.
Am 6. März 1784 erteilte der König den ersten Befehl
zur Einleitung entsprechender Verhandlungen. Aber diese
gingen nur langsam vorwärts. Die Minister, die bisher die
Reichsangelegenheiten bearbeitet hatten, gingen nur mit Be—
denken auf des Königs Plan ein, dieser selbst verlor gelegentlich
die Sache fast aus den Augen, da er Rußland und sterreich
zunächst im.Südosten beschäftigt sah, und die Reichsfürsten,
namentlich die geistlichen, fürchteten zwar Josephs gewalt—
samen Sinn, trauten aber teilweise auch Preußen nicht: am
liebsten hätten sie sich gänzlich ohne Osterreich und ohne Preußen
beholfen.
Da trieb Kaiser Joseph die Frucht selbst zur Reife. Im
Herbst 1784 hörte man von neuen deutschen Plänen des
Kaisers: er regte einen „freien und freiwilligen“ Tausch von
Bayern nebst dem Erzbistum Salzburg gegen die österreichischen
Niederlande an. Es war ein Projekt, das schon im Jahre
1778 einmal aufgetaucht war und bereits damals von Frank—
        <pb n="441" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 821

reich wenig günstig betrachtet worden war: was sollte dazu
gar die deutsche Fürstenwelt sagen?
Während Frankreich in Wien darauf hinweisen ließ, daß
es die Durchführung eines solchen Planes von einer Ver—
ständigung mit dem Könige von Preußen abhängig denke, von
der es genau wußte, daß sie nie zu erreichen war, nahm
Friedrich nunmehr die Verhandlungen zum Abschluß eines
Fürstenbundes aufs schleunigste auf — trotz des noch immer
fortwährenden Widerstandes seiner Minister. Inzwischen ver⸗
zichtete dann allerdings der Kaiser, gewohnt, chimärische Pläne
oft schon beim geringsten Widerstande aufzugeben, auf sein
Projekt, wie König Friedrich von Paris aus gegen Ende
Janunar 1785 hörte. Aber das hielt den König nun nicht mehr
ab, fortzuverhandeln: denn er wußte, daß Joseph mit diesen oder
verwandten Plänen wiederkommen werde. Und so wurde am
27. Juli 1785 ein Bund deutscher Fürsten im Sinne der
alten Kurvereine geschlossen; Kurbrandenburg, Kursachsen und
Kurhannover nahmen an ihm zunächst teil; und sein Zweck
war, allen Reichsständen, auch den geistlichen, den Besitz ihrer
Lande und ihrer Gerechtsame zu sichern. Durch den Beitritt
des Kurfürsten von Mainz gewann der Bund dann bald die
Hälfte der Stimmen im Kurfürstenrat. Außerdem aber traten
ihm noch bei: Pfalz-Zweibrücken, Hessen-Kassel, Gotha, Weimar,
die beiden Mecklenburg, Ansbach, Baden, die Fürsten der
drei anhaltischen Linien und der evangelische Bischof von
Osnabrück.
Mit der Begründung des Bundes hatte sich zunächst ein
innerdeutsches Ereignis vollzogen. Seit dem Rheinbunde
des Jahres 1658 war eine Vereinigung, die ihre Spitze
—D
Und keiner der früheren gegenkaiserlichen Bünde seit dem
16. Jahrhundert hatte sich ohne intime Beziehungen, wenn
nicht gar Schutzverhältnisse zu auswärtigen Mächten gebildet.
Dieser Bund dagegen war rein deutsch, und eifersüchtig wurde
er von Friedrich dem Großen in dieser Form erhalten, wenn
sich der König auch sagen durfte, daß sein Dasein den West—
        <pb n="442" />
        322 Einundzwanzigstes Buch, Viertes Kapitel.

mächten angenehm sein mußte: England mit Rücksicht auf
Hannover, Frankreich entsprechend seiner alten politischen Lieb—
haberei für die Libertät der deutschen Fürsten.
War damit der Bund zugleich auch ein internationaler
Schutz Preußens als Großmacht und wurde es um so mehr,
je mehr sich Osterreich und Rußland in orientalische Wirren
verstrickten, so hat er ihm doch vor allem innerhalb Deutsch—
lands zu einem Ansehen verholfen, das über jenes durch das
Einschreiten der Jahre 1777 und 1778 erworbene noch weit
hinausging.
Freilich: als ein Verein zur Reform der deutschen
volitischen Verhältnisse ist der Bund nicht gedacht gewesen, und
noch viel weniger hat er in dieser Richtung gewirkt. Erst
unter ganz anderen Verhältnissen, mit dem Reichsdeputations—
hauptschluß des Jahres 1803, beginnt, von HÖsterreich und
Preußen gleichmäßig veranlaßt und gefördert, die revolutionäre
Zerschlagung des alten Reiches und damit die Vorbereitung
anderer, neuerer Zeiten.
Für die alten Zustände aber schien durch den Fürstenbund
das Gleichgewicht zwischen Preußen und sterreich, zu dessen
Herstellung Friedrich Schlesien erobert hatte und das durch
die Erwerbung Westpreußens noch stärker begründet worden
war, nun tatsächlich befestigt. Ja den Zeitgenossen erschien
die Lage unter dem überwältigenden Einflusse der Persönlich—
keit des großen Königs noch anders: „auf seiner Kraft ruhend“,
hat Goethe gemeint, blieb Friedrich „der Polarstern, um den
sich Deutschland, Europa, ja die Welt zu drehen schien“.
Friedrich der Große selbst hat die Lage nicht in diesem
Lichte gesehen. Er wußte, daß Preußen zu einer den anderen
Großmächten in jedem Betrachte ebenbürtigen Macht noch
immer nicht geworden war. Im Jahre 1781 hat er einmal
in schwer- und übermütiger Laune zugleich seinen Tischgenossen
einen Vorschlag für neue Ordensinsignien entwickelt: für
Osterreich den donnernden Jupiter, für England den Piraten⸗
häuptling Merkur, für Frankreich den Stern der Venus, „und
— D
        <pb n="443" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 823

ohne eine zu sein“. Würde er im Jahre 1786 um vieles
anders gescherzt haben?
Aber eine solche Anschauung traf doch nur eine Seite
der Dinge. Gewiß, auch nach der Erwerbung Schlesiens und
Westpreußens galt noch das Wort Friedrich Wilhelms J., daß
Preußen für eine Großmacht zu klein und für eine kleine
Macht zu groß sei. Aber eben in diesem Mißverhältnis lag
der Ansporn zu Höherem: zu weiterer Expansion, zu stärkerer
Festigung. Und Friedrichs Verdienst ist es gewesen, daß er
die sittlichen Voraussetzungen für diese Fortentwicklung zum
großen Teile erst geschaffen und überall erst völlig ausgebaut
hat. Was unter ihm, unvergänglich bis heute, erwachsen ist,
das ist das preußische Selbstgefühl und die preußische Inttiative.
Und in diesem Sinne ist der Gedanke richtig, den wohl zum ersten
Male Süvern, ein preußischer Patriot von 1808, in seinen
Königsberger Vorlesungen geäußert hat: daß bis auf Friedrich
die Mitte Europas leer gewesen sei, „daß sie erst durch sein
Preußen Zusammenhang, Gehalt und Fülle erhalten habe“.
Am 16. August 1786 ist Friedrich der Große gestorben.
Es war bezeichnend, wer um ihn trauerte. Nicht seine nächste
Umgebung, nicht seine Beamten, seine Offiziere. In der Natur
der Bureaukratie liegt es, daß sie sich von großen Persönlich—
keiten erdrückt fühlt; zudem war der alternde König ungeduldig
und von rauhen Formen; darunter hatten auch die militärischen
Befehlshaber, die sich zu keinen Großtaten mehr berufen sahen,
zu leiden gehabt. Aber erlagen nicht auch sie vor allem der
lastenden Schwere des großen Mannes? Sanssouci ist der
einzige Palast der Hohenzollern, der einen durchaus persönlichen
Eindruck macht; noch heute glaubt man, wenn man durch
seine Säle schreitet, eine Tür müsse sich öffnen und der König
selbst hereintreten. Es ist der Eindruck, den ungefähr schon
Goethe gehabt hat, als er im Mai 1778 in Berlin weilte,
ohne den König zu treffen, und eben er unter Einbeziehung
auch der Umgebung: „Dem alten Fritz bin ich recht nah
worden, da hab' ich sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber,
Marmor, Affen, Papageien und zerrissene Vorhänge, und
        <pb n="444" />
        324 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

hab' über den großen Menschen seine eigenen Lumpenhunde
räsonnieren hören.“
Mit wie anderen Gefühlen begleitete die Menge, die
Nation Alter und Tod des Königs! Es war, als ob der
Ruhm der Jahrhunderte voraus ertönte. Ritt der Greis nach
einer Truppenbesichtigung in Berlin vom Tempelhofer Felde
in die Stadt ein, unaufhörlich grüßend, dann war, nach dem
Berichte eines Zeitgenossen, „das ganze Rondell und die
Wilhelmstraße gedrückt voll Menschen, alle Fenster voll, alle
Häupter entblößt“; und doch war nichts geschehen: — „nur
ein dreiundsechszigjähriger alter Mann, schlecht gekleidet, staub⸗
bedeckt, kehrte von seinem mühsamen Tagewerke zurück; aber
jedermann wußte, daß dieser Alte auch für ihn arbeite, daß
er sein ganzes Leben an diese Arbeit gesetzt und sie seit fünf—
undvierzig Jahren auch nicht einen Tag versäumt hatte“.
Friedrichs Dasein ist Aktivität gewesen, Aktivität im höchsten
Sinne des Wortes, und darum Herrscherinstinkt und Herrschaft
selber. Von wie wenigen Königen kann man, gleich wie von
ihm, das triviale Wort mit Nachdruck aussprechen: er sei zum
Herrscher geboren gewesen! Und Herrschaft hieß ihm Ruhm.
„Was würde aus den tugendhaften und löblichen Handlungen
werden, wenn wir nicht den Ruhm liebten?“ hat er abgeklärten
Sinnes im Alter geäußert. „Alle, die sich um ihre Vaterstadt
verdient gemacht haben, sind in ihren Handlungen durch jenes
Vorurteil ermutigt worden. Wohl kann nach unserem Tode
unser Ruf uns ebenso gleichgültig sein, wie alles, was beim
Turmbau zu Babel gesprochen worden ist: — und doch, gewöhnt
zu leben, sind wir empfindlich gegen das Urteil der Nachwelt,
und die Könige müssen es mehr sein als die Privaten, da
das der einzige Richterstuhl ist, den sie zu fürchten haben.
Wer nur ein wenig Empfindung hat, strebt nach der Achtung
seiner Mitbürger, man will mit etwas glänzen, man will
nicht mit der vegetierenden Menge zusammengeworfen werden.
Dieser Instinkt ist eine Wirkung der Ingredienzien, aus denen
die Natur uns zusammengeknetet hat; ich habe mein Teil
davon.“
        <pb n="445" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 825

Dieser Instinkt zum Herrschen aber wurde bei Friedrich
schöpferisch erst vermöge eines unerbittlichen Hanges zu
realistischer Anschauung der Welt. Er ist sein Glück und
Unglück gewesen: daher sein Idealismus, den er als aus der
Betrachtung der Dinge her im Tiefsten berechtigt erkannte —
und daher seine kritische Veranlagung, seine Neigung zum
Spott, und nicht weniges von jener erschütternden Verachtung
der Menschen, der race maudite, die sein Alter bedrückte.
Aber diese Eigenschaften wurden durch andere, fast ent—
gegengesetzte, gegengewogen. Friedrich gehörte zu den komplexen
Naturen; es schien, als ob alle heterogenen Eigenschaften seiner
Ahnen sich in seiner Bildung Stelldichein gegeben und zudem
noch mit den welfischen Eigenschaften seiner Mutter, milderem
Sinn, Sinn auch für die phantasievollen Seiten des Daseins,
verknüpft hätten.
Friedrich war sich dieses Zwiespalts seines Innern wohl
bewußt. Wenn seit den Zeiten des Individualismus Naturen
aufzutauchen beginnen, die der mittelalterlichen einheitlichen
Gebundenheit des Seelenlebens fern auf die Beobachtung ihrer
inneren Differenzen, auf eine Selbstbeobachtung peinlicher
Art gestellt sind: Naturen, wie es in Italien schon Kaiser
Friedrich II. und Dante waren: so hat Friedrich der Große
in Deutschland mit zu den frühesten Menschen dieser Art ganz
ausgesprochen und im reinsten Sinne gehört. Oder sollen wir
schon die religiösen Zwiespältigkeiten und Bedrängnisse eines
Luther zu den frühen Formen dieser Doppelausstattung rechnen?
Was Friedrich neben mehr realistischen Grundtrieben aus—
zeichnete, war ein außerordentlicher Empfindungsreichtum, aus
dem heraus er sich zur Heiterkeit nur durch das souveräne
Gefühl geistiger Überlegenheit über seine Umgebung — dies
Wort im weitesten Sinne genommen — emporschwang. Aber
selbst in den freundlichsten, ja in übermütigen Stunden blieb
ihm etwas von dieser Zartheit und diesem Überschwang der
Empfindung zugleich. So wird er uns im äußeren Verkehr
geschildert: sprudelnd von Witz und Laune, geschmackvoll und
gedankenreich, epigrammatisch und ironisch, voller unerwarteter
        <pb n="446" />
        826 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Einfälle und Spitzen, auch sich selbst nicht schonend: und
dennoch von dem unwiderstehlichen Zauber des empfindungs⸗
vollen Charmeurs, von sanftem Tonfall der Stimme, von der
ansprechendsten Bewegung der Lippen, auf denen die Anmut
frei sich außernder Gefühle lag.
Und von diesem Empfindungsreichtum war auch sein
Innerstes getragen. Wir finden ihn vor allem wieder auf
religiössem Gebiete. Denn Friedrich war von tief religiöser
Anlage, und eben darum gleichgültig gegen die Kirchen, die
ihm die Religion nicht oder nicht rein zu enthalten schienen.
Tief vor allem lag in ihm, ein untrügliches Zeichen vollen
und zugleich klaren Gefühles, das Bedüfnis nach einem per—
sönlichen Gotte; fern stets hat er dem Pantheismus gestanden,
und der Materialismus eines Holbach war ihm ein Greuel.
Aber freilich dachte er sich seinen Gott nicht mit jeder Kleinig—
keit der Weltregierung beschäftigt; es lag in ihm etwas von
der ehrfurchtsvollen Bescheidenheit Leibnizens, dem ein letzter
Verursacher zugleich auch eine causa remota war. Etwas
von der Resignation eines durch bittere Erfahrungen bedrückten
Gemütes aber legte sich immerhin auf diesen Glauben seit den
Todesstunden des letzten großen Krieges; „Gott kann sich nicht
zu uns herablassen,“ meinte nun der König: genug jetzt,
wenn die Vorsehung ihn das heißeste seiner Gebete, in welchem
er ihr die Zukunft seines Staates anheimstellte, zu erhören
würdigte: — „im Falle, daß sie ihre Blicke zu menschlichen
Erbärmlichkeiten herabsenkt“.
Es sind diese herben Erfahrungen eines frommen Gemütes
unter dem Drucke schwersten Schicksals, die ihn auch zu den
wichtigsten Weltanschauungsfragen seiner Zeit, denen der
Willensfreiheit und der Unsterblichkeit, in bestimmter Weise
Stellung nehmen ließen. Da war ihm der Mensch eine Marionette,
nicht weil er sich an sich nicht frei entschließen könnte, sondern
weil die Verwirklichung seines Willens von „Seiner Majestät
dem Zufall“ abhängt. Und die Unsterblichkeit? Friedrich
zweifelte im Grunde kaum, daß ein „Wiedersehen im Tale
Josaphat“ kaum zu erhoffen sei: tiefes Vergessen, ewig währende
        <pb n="447" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 827

Ruhe, das ist alles, was er sich von Atropos' Schere ver⸗
sprach. Ließ er aber dennoch einmal die Möglichkeit zu, daß
der Geist die irdische Hülle überleben werde, so getröstete er
sich eines Allerbarmers: denn undenkbar war ihm, daß der
Schöpfer auch nur eines seiner Geschöpfe mißhandeln könne.
Aber — und hierin lebte wiederum das andere Teil
gleichsam seines Wesens empor: die Seele ging ihm überhaupt
nicht in Philosophemen auf, sondern im Handeln; und vom
Handeln her hob sich der königliche Sänger in feierlichen
Augenblicken fromm, ehrfurchtsvoll, dem Geheimnisvollen ver⸗
trauend empor zu den Mächten, die über uns wohnen.

Nicht darfst du Gottes Weisheit ständig nennen,
Statt deiner Einsicht Schwäche zu bekennen.
Er, der Allmächt'ge, setzte dir die Schranken,
Die all dein Vorwitz nimmer bringt ins Wanken.
Vielleicht will er durch diese Finsternisse
Demüt'gen die Vernunft, die selbstgewisse,
Die schon frohlockte, wenn sie hie und da
Im Streiflicht eine Wahrheit dämmern sah.
Vermess'nes Menschenkind, rebellisches Atom!
Wie viel fehlt dir, daß sich dein Glück erfüllte
Und deinem blöden Blicke sich enthüllte
Das ewige Gesetz im Weltenstrom!

Liegt in diesen Worten der Quietismus frommer Resig⸗
nation? Mit nichten! Wie dem Könige der Glaube am Ende
nichts als die verdichtete Erfahrung menschlichen Handelns
war, so führte er ihn zum Handeln zurück. Und Handeln
hieß ihm tätig sein für andere. Und so ergab sich für ihn
als zentrale Kraft einer praktischen Frömmigkeit der harte
Begriff der Pflicht: und in ihm allein, im Bewußtsein könig—
licher Pflichten mehr denn königlicher Rechte hat er geatmet.
Aber selbst in diesen Höhen erschloß sich ihm wieder ein
Kreis weitflutender Empfindung. Gerade nach großen Er—
folgen neigte schon der jugendliche König zu weltschmerzlichen
Stimmungen — Stimmungen, die aus der Betrachtung der
Geringfügigkeit des Erreichten im Verhältnis zu den erstrebten
Idealen hervorgingen. Und diese Neigung wuchs mit den
        <pb n="448" />
        328 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Jahren. Auf eine Beglückwünschung zum ruhmreichen Ende
des Siebenjährigen Krieges, dessen letzter Tag der schönste
seines Lebens sein müsse, hatte der König die Antwort: Der
schönste Tag des Lebens sei der, an dem man es verlasse.
Nun aber, in den beiden Jahrzehnten nach dem Sieben⸗
jährigen Kriege, kamen sie, die Tage der Einsamkeit. Dahin
war die frohe Tafelrunde von Sanssouci; nur mühsam, und
nie wieder in alter Frische erneuerte sich die Potsdamer Ge—
sellschaft. Dazu starben die liebsten Verwandten des Königs —
niemand von ihnen mehr betrauert als der neunzehnjährige
Prinz Heinrich, der Sohn des schon 1758 gestorbenen Prinzen
von Preußen. „Mein Kind hatte mir das Herz entwandt
durch eine Menge guter Eigenschaften, denen kein Fehler
gegenüberstand. Ich sah in ihm einen Prinzen, der den Ruhm
des Hauses aufrecht erhalten würde. Wenn ich denke, daß
dieses Kind das beste Herz der Welt hatte, angeborenes Wohl⸗
wollen besaß und für mich Freundschaft empfand, so treten
mir unwillkürlich Tränen in die Augen und ich muß den Ver—
lust des Staates und meinen eigenen tief beklagen. Ich bin
niemals Vater gewesen, aber ich bin überzeugt, daß kein Vater
seinen einzigen Sohn anders betrauert, als ich dieses liebens⸗
würdige Kind.“
Und zogen sich nicht auch sonst die Freunde zurück bei
aller Bewunderung? Bitter sprach es Friedrich aus: „Ich
lebe mit der Welt in Ehescheidung und trenne mich von ihr,
ehe sie mich verläßt.“ Aber auch dem unbefangenen Beobachter
schien in den letzten Jahren das Bild des Königs „kaum noch
der Gegenwart anzugehören, so sichtbar waren die Spuren
der Hinfälligkeit in dem zusammengesunkenen Körper und der
schlaffen Bewegung der Glieder“.
Dennoch gehörte diese Heldenseele der Welt bis zum letzten
Atemzuge mit jeder Fiber an und suchte Weltliches wie
Geistiges mit gleich heißer Sehnsucht umfassend zu beherrschen.
Dem Staate galt an erster Stelle ihr Dasein, und dies Dasein
war ihr Pflicht. Noch immer residierte der König wenn
auch nur kurze Zeit während des Winters in Berlin, um dann
        <pb n="449" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 829

freilich, mit dem ersten Frühlingssonnenstrahl, in sein geliebtes
„Loch“ nach Potsdam zurückzukehren; noch immer bereiste er
seine Provinzen; noch immer erging Order auf Order über
Kleinstes und Größtes vom königlichen Schreibtisch.
Was aber den König noch frischer erhielt, war im Grunde
ein doch noch Tieferes und Anderes: der Verkehr mit den
Musen. Kunst und Wissenschaft hoben ihn immer wieder über
die Misere der Einsamkeit und den trockenen Gang der Ge—
schäfte in die Höhenluft eines harmonischen Daseins. Und
auch auf diesem Gebiete erst werden Charakter und Schicksal
des Königs, von den herben Stunden der Jugendzeit bis zu
den kalten Tagen des Greisenalters in Sanssouci, ganz ver—⸗
ständlich.
Friedrich war in mehr als einer Hinsicht ein frühgeborener
Sohn der Empfindsamkeit; und eben aus dem Reichtum seines
Gemütes her hat er den großen Strömungen der deutschen
Kulturentwicklung seinen Tribut entrichtet. Allein in dieser
Stimmung und Haltung vereinzelt aufgewachsen, zudem in
ihr durch alle Härten einer verständnislosen Erziehung zu
frühreifer Klärung und Sammlung vorwärts getrieben, suchte
er die geistige Heimat seiner Wahl nicht in dem langsamen
Heranreifen seines Volkes aus Empfindsamkeit über Sturm
und Drang zum Klassizismus. Und hätte er es denn auch
nur zeitlich vermocht? Jenseits seines Lebens liegen die Höhe—
zeiten jener Dichtung der Weimarer Großen. Vielmehr rück—
wärts gewandt fand er die Sehnsucht seiner Seele im fran⸗—
zösischen Klassizismus befriedigt und bewunderte in Voltaire
dessen spätesten noch auf Erden weilenden Sendling.
Es war eine Stellungnahme, die er sein Leben lang nicht
aufgegeben hat. Nur daß die aus ihr entspringenden Forderungen
mit steigendem Alter immer innerlicher, immer geschlossener
wurden. Da kehrte er nun erst recht bei den Franzosen ein
und unterhielt sich mit den jüngsten Toten, mit Voltaires
Schriften oder Rollins „Geschichte des Altertums“. Da gewann
er in immer klarer hervortretendem Fortschritte noch lieber die
Alten selbst, las Curtius und Diodor, befragte Seneca und
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 53
        <pb n="450" />
        830 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

Ciceros Buch „De senectute“. Es war die Wendung, die ihn
den Anfängen des deutschen Neuhumanismus näher brachte:
aus diesem Zusammenhange her grüßte der Greis unbewußt
noch das neu erblühende Geistesleben seines Volkes.
Daß er dies Leben freilich ergriffen hätte, wer wollte es
behaupten? Scharf muß es betont werden, daß schon die
Sprache ihn daran hindern mußte. Denn Friedrich las Deutsch
nur mit Schwierigkeit und konnte deutschen Texten eigentlich
nur folgen, wenn man sie vorlas. Es war die tragischste
vielleicht aller Schlußerscheinungen des Alamodetums und
der Französelei des 17. Jahrhunderts; denn bei seinem von
grundaus deutschen Wesen blieb dem Könige doch auch das
Französische im Innersten fremd; und eines der größten schrift⸗
stellerischen Talente der Nation brachte es im Deutschen zu
nichts, und in französischen Versen nur zum vieux
rimailleur tudesque. Das junge künstlerische und literarische
Leben aber seines eigenen Volkes sah dieser geistige Anachoret
nur von ferne; und so vermochte er es nicht zu verstehen.
Sein absprechendes Urteil über die neue Dichtung hat dabei
die Zeitgenossen am meisten geschmerzt: aber er hat auch die
Musik der Anfangszeiten eines Gluck, Haydn und Mozart als
zu einem Charivari entartet bezeichnet, und er hat von dem
spärlichen Beginn einer neuen Zeit deutscher bildender Kunst
überhaupt nichts gewußt.
War es aber ein Vorurteil, das ihn diesen Weg führte?
Oder nicht vielmehr eine unerhörte Tragik der Zeitstellung
zwischen Individualismns und Subjektivismus, zwischen ab—
solutistischem Hofleben und aufblühendem Bürgertum? In der
Schrift „De la littérature allemande“ liest man die Worte:
„Wir werden unsere klassischen Autoren haben; jeder wird sie
lesen wollen, um von ihnen zu gewinnen; unsere Nachbarn
werden das Deutsche lernen; die Höfe werden es mit Ver—
gnügen sprechen, und es wird dahin kommen, daß unsere
Sprache, verfeinert und vervollkommnet, sich dank unserer guten
Schriftsteller von einem Ende Europas zum anderen verbreitet.
Diese schönen Tage unserer Literatur sind noch nicht ge—
        <pb n="451" />
        Waffengänge Osterreichs u. Preußens: Preußen europ. Großmacht. 831

kommen, aber sie nähern sich. Ich kündige sie Euch an, sie
werden erscheinen; ich werde sie nicht schauen, mein Alter ver—
sagt mir diese Hoffnung. Ich bin wie Moses: von ferne
schaue ich das gelobte Land, aber werde es nicht betreten.“
Und so geschah's. Was Friedrich mit fast prophetischen
Worten verkündet hatte, trug sich zu; und sein heißgeliebter
Staat führte mit den Mitteln jenes neuen Geisteslebens, dessen
Anfänge der große König verabscheut hatte, die ihm von eben
diesem Könige auferlegte Mission weiter: bis sie zu seiner
Vorherrschaft in Deutschland und zur Einheit eines neuen
Reiches geführt hat.
        <pb n="452" />
        IJ. Hachregister.

A.

Aachen, Friede von 1668 465 f., 469
545. — Friede von 1748 751, 763f
Absolutismus 240, 244, 861, 421,
424, 535, 655 f., 672, 714, 717,
754 ff. 750 f. 762, 778.
Abteien, Neubauten in der Zeit
des Barock 195.
Académie royale de l'archi,
tecture 224.
Ackerbau 790 ff.
Adels(siehe auch die einzelnen Länder),
rranzösische Einflüsse vom 16. bis
18. Jahrhundert 25ff. — nach dem
Dreißigjährigen Kriege 34, 837 ff.,
47. — soziale Stellung 282. —
Wachstum seiner Macht im 16. Jahr⸗
hundert 831ff. — Beamtenadel 48.
— Berufsadel 48. — Briefadel 48.
— österreichischer Hofadel 518 ff.
Admont in Niederösterreich,
Abtei 195.
AÄgypten 406, 468.
Akademie der Wissenschaften
siehe Gesellschaft der Wissenschaften.
Akrostichon 282.
At zise 666f. 670. 678, 676, 679 f.,
883f., 686 688
Alamannen 412.
———3 19ff. 53 ff. 254. 262,
Albanien in den Türkenkriegen 588.
Alleghanies 765.
Allemanden 327.
Allianz, Große, gegen Ludwig XIV.
500, 562 bis 585, 637 ff.
Allongeperücken 5, 186.
Alsen 449.
Abtertumswissenschaft 34,
360. — holländische 18.

A pore unter Friedrich Wilhelm J.
Altranstädt, Friede von 1706 631.
638, 635.
Amadisromane 28, 276, 278.
Amerika siehe Nordamerika und
Südamerika.
Amsterdam, Geistesleben 59. —
— Handel 18. — Malerei 288. —
Thedter und Musik 294.
Amtsmusketiere 661.
Anakreontiker 229, 250, 299, 346.
350, 382 877, 808.
Analogieschluß 75, 82.
Ancona 589.
Andachtsbücher 231.
Andlau 4538.
Anhalt, Calvinismus 21. — fran⸗
zösische Bildung 21. — im 18. Jahr—
hundert 772, 821.
Annaberg im Erzgebirge, Bergbau
im 16. Jahrhundert 604.
Ansbach, Fürstentum 805, 821.
Antike 235, 268, 283, 310, 385 ff.,
343 f., 346, 350 ff., 867, 372, 378.
— als Trägerin der Aufklärung
390 ff. — Einfluß auf Deutschland
10ff., 105 ff. — auf Frankreich
3 — auf die Erziehunaslehre
Antitrinitarismus 319.
Antwerpen 207. — Handel 590.
Arad, Festung 557.
Archäologie fiehe Altertumswissen—
schaft.
Architektur 189ff., 288, 360ff.,
387f. — französische 29f., 189. —
italienische 18f., 190. — nieder—
ländische 17, 180ff.
Arie 2091ff., 296, 311, 331.
Aristoteles-Häuser 128.
        <pb n="453" />
        Sachregister.

838

Armagnaken 4284.
Arminianer 151.
Arzte 625 Anm.
Asow, Türkenkriege 557, 586.
Assyrien 406.
Astrologie 75.
Astronomie 74ff.
Astrophysik 79.
Athen 360. — in den venezianisch⸗
türkischen Kämpfen 550.
Auditeure 662.
Aufklärung 82, 118, 121, 123,
126ff., 2838, 336ff., 371, 390f.
393, 395, 694, 798.
Aufrichtige Gesellschaft von der
Tanne in Straßburg 59, 247.
Augsburg 27, 169. — Baukunst
302. — 38 303. — Kunst⸗
gewerbe 212f. — Malerei 223.—
Generallandtag von 1526 530.
— spanischer Erbfolgekrieg 570.

Batoschina, Schlacht von 1689 553.
Bauernlegen 793.
Bauernstand nach dem Dreißig—
jährigen Kriege 34f.
Bauinspektoren 686.
Baukunst siehe Architektur.
Baumwollindustrie 286, 319.
Bayern, Volksstamm 412.
Bayern (Königreich), Hofleben 420.
— Politik im 17. Jahrhundert
(siehe auch Max Emanuel) 458,
469, 474, 481, 487, 496 f., 545,
548 f., 571f., 654. — im 18. Jahr⸗
hundert 723, 733, 739, 748 bis 749,
776f., 814 bis 819.
BZayreuth, Fürstentum 805.
Bayrischer Erbfolgekrieg 814
bis 818.
Beamtenadel 49.
Beamtentum (vergl. auch die
einzelnen Länder), Anfänge 418.
Beeskow 676.
Beiträge, Neue, zum Vergnügen
des Verstandes und Witzes siehe
Bremer Beiträge.
Belgien im 18. Jahrhundert 576,
583, 765. — Handel 589f.
Belgrad, Türkenkriege 551, 554 ff.
587 f., 719f.
Belt, Kleiner 448.
Benrath bei Düsseldorf 210f.
Berg, Herzogtum 455f. 496, 667,
725 ff. 731.
Bergbau im 16. Jahrhundert 6904
— brandenburgisch-preußischer 683,
789. — in österreich 706.
Bergen bei Hanau, Schlacht von
1759 773.
Bergordnung Maximilians J. 512.
Berlin 189, 146, 173, 214, 218,
257, 603 ff. — Bevölkerung 651.
— Zeit des Großen Kurfuͤrsten,
König Friedrichs J. und Friedrich
Wilhelms J. 657, 696, 726 — Zeit
Friedrichs des Großen 745, 747,
30 76ö/ α 77, 782, 828. —
Industrie 788. — Handel 698. —
Postwesen 696. — Bauten 197,
199, 211, 219, 293, 366f. — Dicht—
kunst 344f., 350. — Theater und
Musik 292f, 732. — Schulwesen
700, 801.
Berthelsdorf (ausitz) 176.

Babylonien 406.
Backhausteinstil 14, 362.
Baden (roßherzogtum), politische
Geschichte im Zeitalter Lud—
wigs XIV. siehe Ludwig Wilhelm,
Maͤrkgraf von Baden. — im Zeit—
alter Friedrichs des Großen 821.
Baden in der Schweiz, Friede von
1714 577, 583f.
Baden bei Wien 614.
Bälle 39.
Ballett 293.
Balten 625.
Bamberg im 18 Jahrhundert 820
Banat in den Tuͤrkenkriegen 557,
587 f. 719.
Banken 782, 716. 787.
Bankozettel 761.
Bannrichter, österreichische 525.
Banz in Franken, Abtei 195.
Bar, Grafschaft 728, 730.
Barock 11, 15, 28f. 189ff. 202 ff.,
209 ff., 229, 239, 248, 362, 888 f.
— in der Schweiz 320.
Barockdichtung 253ff., 256.
Barriérevertrag von 1709 und
1718 583f., 590.
Basel 168, 320f. 453. — Bürger—⸗
tum 228. — Dichtkunst 321. —
Handel 603. — Protestantismus 5.

BR.
        <pb n="454" />
        334

Sachregister.

Berufsadel 48ff.
Besangon im 17. Jahrhundert 485.
Bessarabien im nordischen Kriege
535.
Bibliothek der schönen Wissen—
ichgien 146. — allgemeine Deutsche
Bijouterie 286.
Bildende Kunst 789, 880.
Bildnismalerei 222, 416.
Biologie 394.
Blankenberghe 5090.
Blasinstrumente 290, 327.
Blechhämmer 688.
Bleibergbau 789.
Blekinge, schwedische Landschaft
448.
Blumenorden, pegnesischer 59,
247f., 253, 256, 274, 297. 309.
Blutrache 403.
Böhmen, Bauernstand 705. — Dich—
tung 248. — Verfassung 509. —
Verwaltung unter den Habsburgern
507 bis 520, 523, 526, 532 f. 535,
707, 710. — im 18. Jahrhundert
73, 740 bis 749, 60 α 9
Bohuslän, schwedische Landschaft
448.
Bonn 474. — in den Kriegen Lud—⸗
wigs XIV. 500, 567. — im weiteren
Verlaufe des 18. Jahrhunderts 762.
— Uniüversität 210.
Bornholm 448.
Börsen 760.
Bos nien, Türkenkriege 551. 556
588, 719.
Botanik 124.
Bötzo w siehe Oranienburg.
Bourées 827.
Boyne, Fluß in Irland, Schlacht
von 1690 5083.
Brabant 463.
Brandenburg (Kursürstentum, s.
auch Preußen) 180. — Charakter
des Staates 618. — Kämpfe gegen
Frankreich im 17. Jahrhundert
152 bis 506. — gegen Polen 444.
— gegen Schweden 436, 439, 441 f.,
448f. 452. — Politik im Dreißig⸗
jährigen Kriege 437. — Zulich—
Klevescher Erbfolgestreit siehe da—
selbst. — Türkenkriege 542, 549,
555. — Spanischer Erbfolgekrieg

565, 575. — Beamtentum 655
dis 659, 685 bis 688, 699. — Ent⸗
wickelung der Verwaltung und des
Heeres unter dem Großen Kur—
fürsten und Friedrich Wilhelm J.
650 bis 703,7 17. — Wachstum seiner
Macht 418, 604f., 628. — Ent⸗
wickelung zum Königreiche 604 bis
621. — Eroberung Preußens
428, 452. — Justizwesen 701.
— Finanzen 651, 662 bis 667,
673 bis 701. — Industrie 698. —
Kirche 21, 669f. — Hof 21, 674.
— Landtag 652. — Bevölkerungs⸗
stärke 651. — Bauernstand 35. —
Schulwesen 700.6
Brandenburg Etadt), Bevölke—
rungszahl 651.
Braunau in Böhmen, Abtei 195.
Braunschweig (Herzogtum, siehe
auch Braunschweig-Lüneburg und
Welfische Länder) in der Hildes—
heimer Allianz 4868. — im 17. Jahr⸗
hundert 478, 481, 487, 550, 607,
09. — im 18. Jahrhundert 723.
765, 820. — Hof 21, 26.
Braunschweig (Stadt) 7. —
Theater und Musik 292.
Braunschweig-Lüneburg,
Herzogtum 607, 610.
Breifach im 17. Jahrhundert 454,
485, 505. — im spanischen Erb—
folgekriege 570.
Breisgauim 18. Jahrhundert 749.
Bremeéen als Hanse- und Handels—
stadt 485, 603. — Calvinismus
21. — unter schwedischer Herrschaft
446f., 458, 478f., 621 ff. 638. 642.
645 ff.
Bremer Beiträge 824, 353f.
Breunerpaß im spanischen Erb—
folgekriege 568f.
Bre'slau 263. — Altertums—
museum 245. — Hondel 651, 697,
785f. — Theater und Musik 3183.
— Zeit Friedrichs des Großen
745f., 770, 779.
Briefadel 48.
Briefe 60.
Brieg 494, 7344
Brixen 511.
Bromberg, Vertrag von 1657 447.
— Kanal 786.
        <pb n="455" />
        Sachregister.

885

Bruck, Stadt in Österreich 708.
Brühl bei Köln, Schloß 211.
Brünn, Türkenkriege 542.
Brüssel, Vertrag von 1522 508.
-Zeit Ludwigs XIV. 5683.
Brzefk 808.
Buchhandel 3885.
Bukowina 816.
Bunzelwitz im Siebeniährigen
Kriege 775.
Bunzlau 236.
Bürgerausschüsse 700.
Bürgermeister in Osterreich 526.
Bürgertum (sehe auch die einzelnen
Länder) 282f., 394f. — Sinken
seiner Macht i. 16. Jahrhundert 32ff.
Burgund im 17. Jahrhundert 465.
496v8of 20.
Burkersdorf bei Schweidnitz im
Siebenjährigen Kriege 775.
Byzantinisches Kaisertum 431,
544. 625.
C.
Cabinet, Eröffnetes, großer Herren
41 Anm.
Calenberg 607.
Calvinismus 12.
Cambrai im Frieden von 1678 481.
Candia 540, 645.
Cannons bei London 329.
Oantus firmus 334.
Canzonett 282.
Carpi, Schlacht von 1701 567.
CTafale, Festung 488, 501, 504.
Cäfaropapismus 409.
d eoerghe Schlacht von 1677
Tatalonien im spanischen Erb—
folgekriege 581.
Celle 607.
Cerigo, Insel 586, 588.
Champagne 454.
Charlerdi 465, 475.
Tharlottenburg 210. — zur Zeit
Friedrichs des Großen 774.
Chemie 74.
Chiari, Schlacht von 1701 567.
China 54. — Porzellan 214.
Chinoiserie 54f.
Choräle 327, 382ff.
Chotusitz, Schlacht von 1742 745.
Ciacconen 327.
6046x Thereésianus 758.

Collegia biblica 169f.
Collegium philosophicum
zu Rostock 58
Colmar siehe Kolmar.
Concetto 258.
Gonseil souverain de
l'Alsace 484.
Constitutio criminalis
Theresiana 758.
Conz, Gefecht von 1675 478, 607.
Corfu in den venezianisch-türkischen
Kämpfen 586.
Dorpus evangelicorum 588.
dorpus iuris Fridericianum
 788.
Lourtrai siehe Kortrijk.
Fremona im spanischen Erbfolge—
kriege 567.
Czenstochau 442.

D.

Dalmatien, Türkenkriege 557, 588.
Dänemark, Entwickelung nach der
Reformation 429, 433, 435. —
Grafenfehde (1534 bis 36) 480. —
bildende Kunst 287. — Kämpfe
gegen Schweden 45 bis 448, 451f.,
178f., 482, 628. — politische Ge—
schichte im 18. Jahrhundert 621,
3099 bis 649. — Heer 690. — Bünd⸗
ais mit Frankreich und Branden—
burg 491. — Sprache 287, 429,
621ff. — Pietismus 170.
Danzuig 265, 485, 442. — in pol-⸗
nischem Besitz 4894, 444, 557, 614.
bei der ersten Teilung Polens 808.
— Geistesleben 59. — Handel 784f.
Darmstadt 169.
Deduktion 79ff.
Deismus 130, 393. — in Enaland
141f.
Delft 214.
Delmenhorst 621.
Dessau 146.
Dettingen, Schlacht von 1748 747.
Dplheonoerien Ludwias XIV.
Devolutionsrecht 463.
Diadochen 408.
dichtkunst 282, 834, 872f. 878 ff.
3on ff, 409. französische 285,
237. — geistliche 231. — neu—
sateinische 237. — niederländische 18.
        <pb n="456" />
        336

Sachregister.

Dienstpflicht im Heere 689.
Differentialrechnung 91.
Diplomatischer Verkehr, Ent—
wicklung 415.
Directorium in politicis et
cameralibus 757, 759.
Discurse der Mahlern, Zeit—
schrift 138, 281, 323.
Dissenters 578.
Dithmarschen 261.
Dixmuyden 4892.
Domänen, brandenburgisch-preußi—
sche 673 bis 676, 682f., 687, 791
oͤis 794.
Domänenämter 682f.
Domänenkammern “797.
Domanialgerichte 797.
Dominium maris baltici 428,
435, 441, 448, 451, 623, 6365.
Donauwörth im spanischen Erb—
folgekriege 571. — im bayrischen
Erbfolgekriege 815.
Doornick (Tournai) 466. — im
Barriérevertrag von 1713 590.
Dordrecht, Synode 1618/19 149,
164.
Dorpat 430, 432 f., 444.
Douai 217, 465.
Dover, Geheimvertrag von 1670
467.
Drama 239, 246, 258, 263ff., 311,
313, 352, 354, 857, 377, 389.
— französisches 354, 377. — nieder⸗
ländisches 315.
Drammaper musicas6s, 291f.
Dresden 41, 90, 169, 173, 257,
265, 855, 604. — bildende Künste
196, 198, 860, 366 ff. — Frauen—
kirche 209. — katholische Hofkirche
196 158, 209, 219 871Hlalerei
368. — Theater und Musik 292,
295, 314. — Zwinger 198, 366.
— Einzug Friedrichs des Großen
750 762.Friede von 1745 731
753. — im Siebenjährigen Kriege
768. 771, 774.
Drömlings 791.
Drontheim 448.
Drosteien 685.
Duisburg, Universität 700
Dünaburg 440.
Dünkirchen im spanischen Erb—
folgekriege 581.

Düsseldorf 603. — im Jülich—
Bergschen Erbfolgestreit 731. —
Kuhkrieg 456. — Provisional⸗
vergleich von 1647 455, 457.
Dynamik 67f. 73f., 77.

Ebrach in Franken, Abtei 195.
Echo (Komposition) 232.
eqe 303. — Zeit Maria Theresias
Einsiedeln, Abtei 195.
Eisenach 382.
Eisenindustrie 698, 706, 789.
Elbing 42, 447, 804.
Elb-⸗Schwanen-Orden 251.
Eleaten 62.
Elsaß, französische Bildung 21. — in
den Raubkriegen Ludwigs XIV.
428, 453 f., 461, 465, 473, 475,
484 bis 488, 491, 504f. — im
spanischen Erbfolgekriege 568, 572,
576, 588.
Emden, Handel 784, 788.
Empfindsamkeitszeitalter 829.
Empirismus 87, 90, 96.
Ems, Vorgänge von 1870 735.
England, politische Geschichte zur
Zeit Ludwigs XIV. 426, 447,
450f., 464 bis 467, 470 bis 474, 502f.,
505, 553, 558 bis 585, 592 f. , 594,
610, 629. — im nordischen Kriege
344 bis 649. — Personalunion mit
Hannover 564f., 610. — Machttellung
 im Mittelmeere 627. —
politische Geschichte um die Mitte
und gegen Ende des 18. Jahr—
hunderts 728, 725, 7380, 736, 738ff.,
vbis 740, 762 764 ff. 770 778
774, 802, 816, 822. — Whigs und
Tories 579 f. — Kirche 141 f., 155.
dvandel 286 f. 448 521, 3785.
590 f., 593. — Aufklärung 134,
140 ffi, 188. — Dichttunst 227
265, 273, 281, 320 f., 336, 378.
— geistiger Einfluß auf Deutsch⸗
land 105 30. — Philosophie 30,
ZUff. — Schauspielkunst 265 ff. —
Baukunst 365. — Reisen nach Eng—
land 4. — Zeitschriften 137.
Eusheim, Conseil souverain de
l'Alsace 484.
Fntelechie 90.

A—
        <pb n="457" />
        Sachregister.

837

Enzheim, Schlacht von 1674 476.
Eperies 551.
Ephraimiten 772.
Epigramm 289, 297, 311.
Epos 289 f., 246, 268. — komisches
—X
Erbauungsschriften 231.
Erfurt, Geistesleben 59. — Uni—
versität 169.
FErkenntnistheorie 81ff. —
Leibniz' 93 f.
Erlangen, Universität 185.
Ermes, Schlacht vom 2. Auqust
1560 488.
Ermland 434, 442, 447, 807.
Erziehungstehre 840f., 799 ff.
— des Pietismus 181. — des
Rationalismus 112f. 181.
Esseg, Türkenkriege 554.
Essen 169.
sand 433, 627, 630, 634, 641,
348.
3 empirische 113. — Leibniz'
Ewige Union von 1692 609.

Forstwesen, brandenburgischpreußisches
 683.
Fort von Knocke bei Blanken⸗
berghe 590.
Franche-Comté 465, 475, 484 f.
— im Frieden von. 1678 481.
Franken, Volksstamm, siehe Fränki⸗—
sches Reich.
Frankfurt (Main) 265. — Handel
303. — Buchhandel 304. — Frei—
maurer 139. — politische Geschichte
im 17. Jahrhundert 471, 475, 488.
— politische Geschichte im 18. Jahr⸗
hundert 5881, 748, 750. — Pietismus
 170, 173. — Protestantismus
5. — Verfassung 285. — moralische
Wochenschriften 385.
rankfurt GOder) unter Friedrich
dem Großen 778. — Bepölkerungszahl
 651. — Handel 697, 785 f.
— Universität 700.
Fränkische Kaiser 415.
Fränkisches Reich 409, 412.
Frankreich, Aufklärung 134, 140ff.
— bildende Kunst 22, 24, 28 f.,
199 ff. 224, 365. — geistiger und
sittlicher Einfluß auf Deutschland
8, 9, 18ff., 28, 39 ff. 256 f., 297,
309. — Dichtkunst 227, 285, 287,
320f., 3154 884, 878. C als
Deutschlands politischer Gegner
128. — Handel 286f., 591, 183.
— Aufschwung der Wissenschaften
22. — Reisen nach Frankreich 4. —
Adel 549. — Heer 692, 716. —
Hofleben 421f. — Kirche 5, 20, 108.
— Musik 22, 293. — politische
Geschichte im 17. und 18. Jahr—
hundert 443, 447, 450 bis 506, 511,
538, 558 bis 585, 592 bis 596, 598f.,
624, 644 f., 723 bis 731, 7838 f.,
743 bis 749, 762 bis 766, 770 bis
775, 802 bis 805, 810, 816 bis 822.
Frauen, Einfluß an den Höfen 39f.
Fraustadt, Schlacht von 1706 631.
Freiberg in Sachfen, Bergbau im
16. Jahrhundert 604.
Freiburg im Breisgau zur Zeit
Ludwigs XIV. 480 f., 505, 888.
Freihertskriege 777, 788.
Freiherrenstand in Osterreich
515.
Freikorps 772.

3.

Fabeln 263, 858.
Fabrikinspektoren 686.
Fabrikkommissarien 686.
Fagotte 200, 327.
Fähnlein 5385, 662.
Falster 448.
Fastnachtsspiele 309.
Fayenceindustrie 89, 214.
Fehrbellin, Schlacht von 1675
477, 482.
Festungsingenieure 18.
Finnland 444, 628, 685, 688. 648.
Finowkanal 786.
Flandern, politische Geschichte im
17. Jahr,undert 465. — Kunst
14, 17. — Literatur 10.
Fleurus, Schlacht von 1690 503.
Florenz 269. — Accademia della
crusea 248. — Palazzo Pitti 202.
— im 18. Jahrhundert 594.
Flöten 327.
Flugschriften 263.
Fontainebleau, Friede von 1679
Fontenai, Schlacht von 1745 749.
        <pb n="458" />
        338

Sachregister.

Freimaurer 139.
Fridericia 447, 449.
Friede, Westfälischer 109, 317, 417,
427, 435, 489, 452 f., 459, 461,
465, 469, 473, 481, 485, 505, 6338.
Friede, Pyrensischer (1659) 451,
461, 466.
Friedlingen, Schlacht von 1702
568.
Friedrichshall, norwegische
Festung, Belagerung von 1718 643.
dDedd Dilbermde Komolede
riesen 412.
Friesland, Landwirtschaft 791.
Fruchtbringende Gesellschaft
(Palmenorden) 49, 58. 243 f. 274.
Fugen 327.
Fulda, im 18. Jahrhundert 820.
— Kathedrale 188.
Fünen 448.
Fürsten 282. — Kämpfe mit den
Kaisern 415. — Kämpfe mit den
Städten 485. — die Fürsten nach
dem Dreißigjährigen Kriege 87 ff.
— Wachstum ihrer Macht im
16. Jahrhundert 31 ff.
Aunnsenfetd bei München, Abtei
195.
Fürstenfeld in Steiermark 708.
Zürstenschulen 339.

Geisteswissenschaften, Auf—
schwung 100 ff. 184.
Geistlichkeit, verliert die Führung
im Bürgertum 51.
Geldern 468. — im Utrechter
Frieden 584.
G ano irtschaft, Entwickelung 408.
Gelnhausen 499.
Beneraldirektorium in Bran—
denburg⸗Preußen 688.
Generaldomänendirektorium
683.
Generale 536.
Generalfinanzdirektorium
683, 687.
Generalhufenschoß 676, 678.
Generalifssimi 586
Generalkriegskommissare 684f.
General-Ober-Finanz-Kriegs—
und Domänendirektorium
687.
Beneralrechenkammer, preußi—
sche 688.
Beneralschulordnung, preußi—
sche von 17683 800.
Beneralstagten siehe Niederlande.
Genf 168. — Protestantismus 5, 319.
Genremalerei 288.
Gent im 17. Jahrhundert 480.
—— österreichische
5.
Germersheim 496, 585.
Gertruidenberg 580, 588.
Geschichtsphilosophie 122.
Geschichtswissenschaft im
18. Jaͤhrhundert 118 ff.
Geschlechter, ihre Bedeutung bei
den alten Deutschen 405.
Geschwister Christi 175.
Gesellschaft der Wissenschaften,
 Petersburger 89. —
soruhische 59, 78, 89 616, 732.
00.
Besellschaften, geheime 198f. —
ezhrte und litexrarische 58 ff.,
24 f., 127, 248, 251, 274, 305.
Seehea sigi venl. französisches
3ff.
Gesetzbuch, österreichisches allge—
meines bürgerliches 758.
Gibraltars881.
Giebelschoß 676.

3.

su im nordischen Kriege
Gaillarden 22f., 282.
Galanthomme 42.
Galizien bei der ersten Teilung
Polens 807.
Gartenkunst 211.
Gavotten 327.
Begenreformation 10. — in
Spanien 558. — Wirkung in
öfterreich 529 ff., 587. 546 548,
551, 704 ff.
Geheimbündelei 1838f.
Beheime Finanzkonferenz in
Wien 519. J
Beheime Konferenz in Otster—
reich 518.
Beheimer Rat in Brandenburg
ob ffi, 882. in sterreich 518.
Geigen 327.
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        Sachregister.

889

Gießen 261.
Glasindustrie 698, 706.
Glatz in den schlesischen Kriegen 736.
Glogau 494.
Glückstadt 622.
Gnesen bei der ersten Teilung
Polens 808.
Gobelinwirkerei 989.
Goldene Horde 4900f.
Görz zur Zeit Maximilians II. 517.
Gossembrotscher Vertrag Kaiser
Maximilians J. 529.
Gotik 192.
Göttingen 274, 607. —- Universität
104, 117, 121, 1835, 840 f.
Gottorp 622f.
Göttweig bei Krems, Abtei 1956.
Grafenfehde, dänische, siehe Däne—
mark.
Gräfenhainichen, 252.
Grafenstand in Ästerreich 515.
Gran 550.
Graz vom 16. bis 18. Jahrhundert
517, 520, 531, 708.
Greifswaäld im 17. Jahrhundert
479.
Griechenland (iehe auch Antike)
360. — Verkehr im Altertum 407f.
— venezianisch-türkische Kämpfe
550. — Handel 760. — Reisfen
dahin 392.
Grimma zur Zeit des nordischen
Krieges 631.
Groblanus 288.
Grodno 631.
Großjägerndorf in Ostpreußen,
Schlacht von 1757 770.
Groß-Stresow, Gefecht von 1715
642.
Großwardein 541l, 548, 555.
Grubenhagen 607.
Grundherrschaften 759.
Gruüfsau in Schlesien, Abtei 108.
Guastalla 751, 778. — Schlacht
594, 730.
Gutsherren 85, 759.
Gymnasien 339, 392. — Reformen
durch den Pietismus 182.

Haarlem, Malerei 288.
dagenau im Elsaß 458.
Halberstadt 8860. — im Dreißig—
jährigen Kriege 622. — unter
Friedrich dem Großen 782.
Halland, schwedische Landschaft 448.
Halle a. S. 130, 274, 302, 829.
Dichtkunft 844 ff, 348 385.—
Franckesche Stiftungen 173, 176,
gi. Univerfitat 104, 117, 124
120 f., I34i34 169 172
181, 421, 616, 700, 732, 796, 800.
damburg 8, 118, 138, 168, 261.
284 ff. — Architektur 288. —
Bürgertum 47, 228. — politische
Geschichte im 18. Jahrhundert 644.
Bichttunst 280. 295 309, 320,
348. — Elb⸗Schwanen⸗-Orden 251.
— Freimaurer 189. — Geistes⸗
leben 59, 274. — Industrie 286.
— als Hansestadt 435. — Handel
und Verkehr 8, 285 ff., 303, 608.
o28, 645, 651, 697, 484 786. —
— Künste 287 ff. — Michaeliskirche
 288. — Musik 288 ff., 318,
327, 329. — Renaissancekunst und
dichtung 284 ff. — Stände 285 f. —
Unionsrezeß 286. — Verfassung 285.
damm, Gymnasium 700.
Zandel siehe Welthandel sowie die
einzelnen Staaten.
dandelsgesellschaften 590,
593 f., 699, 788f.
dandelskompagnie, russische 699.
Zandelsstädte, Bürgertum 8357.
Handwerkin Brandenburg-Preußen
851, 696, 698 f., 788. — in Oster⸗
reich 709.
annover (Königreich, siehe auch
Welfische Länder) 89f. — im
17. Jahrhundert 605, 608 ff., 654.
— Enistehung der Personalunion
mit Englande 564f. 610. — im
nordischen Kriege 648, 645 bis 649.
spalere Geschichte im 18. Jahr⸗
hundert 736, 765, 770 f.,774, 777,
820 ff. — Hof 26, 90.
dannover (Stadt) 8329, 607. —
Zeit Friedrichs des Grotzen 750.
danse 5321. — Ostseehandel 480,
432, 484 f. — Hansetag von 1630
435. — Vordringen nach Rußland
625. — Verfall 650. 6

5

H.
saag 198, 562. — Friedensverhand—
lungen von 1709 577. — Kon—
vention von 1710 686. — Geistes—
Jeben 59.
        <pb n="460" />
        340

Sachregister.

Hartenstein im Vogtlande 251.
Hastenbeck, Schlacht von 1757 770.
Hausteinstil siehe Backhausteinstil.
Heerwesen, stehende Heere 56 f.
661, 688.
deidelberg 241 ff. — Kriege Lud⸗
wigs XIV. 499 f. — Universität
21, 115, 235f., 288.
heiducken 546.
heilbronn im spanischen Erbfolge—
kriege 571.
degan Entstehung des Begriffes
412.
deldenbriefe 311.
Zelmstedt, Universität 104, 125.
dennersdorf (Katholisch Henners—
dorf), Schlacht von 1745 750.
derculaneum 11, 860.
Deendanson, Vunduis von 1725
Herrnhut 178ff, 386.
Herzog Ernst, Gedicht 263.
Hessen (Kurfürstentum), politische
Geschichte im 17. und 18. Jahr⸗
hundert 550, 564, 748, 771, 820 f.
— Wirtschaftsleben 420, 792. —
Talvinismus 21. — französische
Bildung 21. — Ritterakademie 41.
dildesheim, Allianz von 1652
158. — Bistum 497, 568, 820. —
Dom 195.
dochkirch, Überfall von1738771778.
Höchstädt; Schlacht von 1703 570. —
Schlacht von 17094 571 f., 574, 770.
dofkammer, österreichische 518f,
715, 757. — preußische 669, 682 f.
— ungarische 758.
Hofkanzleien 518f. 711, 757 ff.
Hofkriegsrat (Kriegsministerium)
in Wien 518f. 567, 715, 757.
Hofleben 5. — nach dem Dreißig—
jährigen Kriege 19 ff., 420.
sofpfalzgrafen 48.
Hofrat in Osterreich 518.
Hofschranzen 45.
Hohenasperg 4098.
dohenfriedberg, Schlacht von
1745 749.
dohensalza (Inowrazlaw) 808.
Holland (siehe auch Niederlande)
im 17. Jahrhundert 467, 471. —
enae ff. 616. — Wissenschaften

Zolstein, Herzogtum 621f. — Holz⸗
chnitzkunst 212. — Kämpfe um die
Ostsee 446 f., 449. — im 17. und
18. Jahrhundert 621 ff, 638 bis 649.
dolzschnitzkunst 212.
Jomme de la cçcour 42.
Zopfenbau 790.
Zörner (musikalisch) 327.
dosenstricker 651.
ubertusburg, Friede von 1763
762, 776, 802.
dufenschoß, Hufensteuer 676.
dugenotten 58, 305, 688.
dumanismus 4, 11, 51, 56, 106,
335 ff., 391. — in den Nieder—
landen 12, 227. — bei den Ra—
tionalisten 112 f. — in der Schweiz
319. — Neuhumanismus 801, 830.
düningen im spanischen Erbfolge—
kriege 568.
—

J.

Ideenlehre, historische 122.
Fdentitätsphilofsophie 88.
Iglau 707.
Flfeld, Pädagogium 339.
zlluminatenorden 139.
Immediatsupplikationen 797.
Fndividualismus g98, 95, 99 f.,
172f., 175, 184, 416, 426, 778,
301, 830.
Induktion 7Off.
Induktionsschluß 75.
Industrie (siehe auch die einzelnen
Länder). — Import von Frank—⸗
reich her 26f. — nach dem Dreißig—
jährigen Kriege 696.
Juͤfinitesimalrechnung 70f., 77.
Ingenieurwesen 761.
Ingermanland444, 627, 641, 648.
Inusbruck, Ausschußtag von 1518
513. — 16. und 17. Jahrhundert
517, 520, 531, 604. — im spani⸗
schen Erbfolgekriege 569.
Fnowrazlaw siehe Hohensalza.
Instrumentalmusik 293, 327 f.,
330, 332.
Intellektualismus 58, 66f.,
185, 255.
Intelligenzblätter 385.
Intendanturen 662.
Inventionen 10, 38.
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        Sachregister.

841

Jonische Inseln in den Türken—
kriegen 588.
Irland, Unterwerfung durch Wil—
helm III. von England 503.
Islam (iehe Türkei).
Falien(siehe auch Römisches Reich),
Architektur 189 ff. 863, 365. —
Dichtkunst 227, 287, 268f. —
Mufik 268, 291 ff., 326. — Plastik
13, 217f. — Ingenieurkünste 15. —
Fayencefabrikation 214. — geistiger
Finfluß auf Deutschland6,8, 11ff.,
15, 215, 270, 782. — Reisen nach
Italien 4, 392. — politische Ge—
schichte um die Wende des 17. und
s3. Jahrhunderts 504, 538, 550,
567, ιν, 688, 0180ö. -
im 18. Jahrhundert 723, 720 f.,
751, 763f. — Handel 706. —
Kirche 5.

stammermusik 327.
Kanada 764.
Kantate 296, 311, 8326, 333.
Kanton, Stadt in China 784.
Kantonreglement von 17383 690.
Kanzler unter Joseph J. und
Karl VI. 518.
danzonen 21.
dardis, Friede von 1661 627.
Farelien 627, 641, 648.
darikatur 259.
darlowitz, Friede von 1699 557.
586, 719.
darnevals 389.
ärnten 507. — zur Zeit Marxi—
milians II. 517 — kirchliche Ver—
hältnisse 531.
arthago 408.
Kartoffelbau 790.
Kartoffelkrieg siehe Bayrischer
Erbfolgekrieg.
dasfel 276. — Collegium Mauricianum
 21.
dataster in Brandenburg-Preußen
676., 684.
datholizismus 107, 614.
dausalität 83, 86.
davaliertouren 4, 22.
davalleriegeld 676.
day, Schlacht von 1759 778.
dahsersberg im Elsaß 458.
deh!l, Zeit Ludwigs XIV. 508, 569.
inm späteren Verlaufe des
18. Jahrhunderts 594, 729.
dempften, Abtei 195.
xentadort Schlacht von 1745
diel, Universität 287.
Kimbern 466.
Zirche zur Zeit der Merowinge
410. — als Trägerin der Aufklärung
390f. — ihre Stellung in der
mittelalterlichen Wissenschaft 103.
Verhältnis zur Schule 342.
dirchenbau 189, 195ff., 209.
dirchengeschichte 120.
kirdendtieder 281, 285.
dirchenmusik 825ff.
Klagenfurt 521.
silabinetten 290, 327.
lafsizismus, der Architekur 365ff.
— der Dichtung 829.
Klausenburg, Türkenkriege 541.

ů.

Jägerndorf 494, 734.
Fanitscharen 541, 548.
Jena 274. — Universität 108, 839.
Jefuiten 10, 185. — in Osterreich
516. — Tätigkeit für die Um—
wandlung Brändenburgs in ein
Koönigreich 618. — Literatur 54.
I n grhal— Gymnasium 700,
Jouy, Bündnis von 1756 766.
Juden, Antisemitismus 754. —
Zeit Friedrichs des Großen 788.
Juͤdenburg 708.
Fudensteuer in Preußen 676, 682.
Juditten (Judithenkirchen) in Ost⸗
preußen 312.
Juͤlich Klevescher Erbfolge—
streit 486, 4857f., 496, 653, 667,
721, 724 bis 734, 739.
Jütland 47.

K.

Kaffee 679f., 788.
Kaiserswerth im spanischen Erb—
folgekriege 567.
Kalisch 441, 448. — Schlacht von
1706 632.
dameralia 700.
Kaminiec, Türkenkriege 557.
aannernrricte preußisches 659,
        <pb n="462" />
        za⸗

Sachregister.

laviere 327, 333.
dleinschnellendorf, Protokoll
von 1741 748, 745.
Klerus, in sterreich 516, 754. —
verliert seine führende Stellung
im Bürgertum 51.
Keleve, Herzogtum 486, 455 f., 471,
351, 67 voösß 6677. 606, 725
Klissow, Schlacht von 1702630, 639.
Klosterneuburg bei Wien, Abtei
195.
Kohlenbergbau 789.
aehherg im Siebenjährigen Kriege
774.
Kolin, Schlacht von 1757 770.
Kolmar im Elsaß 453, 484f.
Köln (Kurfürstentum) 88, 211, 819
— im 17. Jahrhundert 457 f.
468 ff., 472, 496. — im 18. Jahr⸗
hundert 563, 723, 748, 819.
Köln (Stadt) 265. — Baukunst 302.
— Handel 6083. — im 17. Jahr—
hundert 471, 478.
Komitive 48.
Komorn 539.
Kompilationskommission,
österreichische 78588.
Rönigsberg in Preußen im 17. Jahr—
hundert 235, 312, 435, 437, 442,
182, 619, 669. — Dichtkunst 250.
— Handel 785. — Universität
Doe 800, 823. — Oberstes Gericht
101.
dönigstein in Sachsen im Sieben—
jährigen Kriege 768.
Königs-Wusterhausen 728.
Konkordienformel 106, 149.
Konstantinopel 431, 626.
Konstitutionalismus 82.
Kontrapunkt 328, 333.
Kontribution in Brandenburg—
Preußen 665ff., 670, 673, 676,
37 688
Konvenienzpolitik 425.
sopenhagen 287, 448f. — im
nordischen Kriege 629, 644. —
Theater 854. — Universität 287.
Korinth 360.
Kortrijk (Courtrai) 465, 492.
Krain 507, 514, 523. — zur Zeit
Maximilians II. 517. — Gegen—
reformation 531.
drakau 441f., 446, 541, 614.

Kreditanstalt, Pommersche 793.
xde diesefellscaßt. Schlesische
Kreditsozietät für die Kur- und
Neumark 7898.
Kreditvereine, ritterschaftliche
798f.
Kreditwerk, Ständisches 665.
Krefeld, Schlacht von 1758 771.
Kreisämter in Osterreich 759.
Kreishauptleute 759.
Kremsmünster, Abtei 195.
Kreta 540, 544 f., 586, 588.
Krieg, nordischer siebenjähriger
1563 bis 1570 434.
drieg, Dreißigjähriger 462. — Poli⸗
tik der einzelnen Länder siehe bei
diesen. — Beginn 532. — Folgen
8, 399, 417, 420, 428, 512, 537,
598, 653. — seine Wirkung auf
die Verschiebung der ständischen
Verhältnisse 32ff.
Krieg, spanisch-französischer 1635
bis 1659 460, 465.
rieg, Hordischer 1700 bis 1721 588,
629 bis 649.
drieg, Siebenjähriger 145, 766 bis
777. — Ursachen 766. — Ein—
wirkung auf die Porzellanindustrie
215. — Einwirkung auf die Dicht—
unst 378, 388. — Folgen für
Osterreichs Finanzen 761.
Krieg, deutsch-österreichischer von
1866 777.
Krieg, deutsch-französischer von
1870 und 1871 777.
Kriegskammern 797.
Kriegskommissare 684, 686f.,
759.
Kroatien im 17. Jahrhundert
705. — im 18. Jahrhundert 510.
48 770.
Krozka, Schlacht von 1739 719.
Kulm in Westpreußen 434. —
Kulmerland bei der ersten Teilung
Polens 807.
sKunersdorf, Schlacht von 1759
773f.
Kunstgewerbe 190. — Einfluß
Italiens 13.
Kunstsammlungen 305.
Kupferhämmer 706.
Kurie siehe Papsttum.
        <pb n="463" />
        Sachregister.

848

Kurland 4833f., 450, 452, 684.
suürrheinisches Bündnis 457f.,
460 f., 464, 542.
Kurtraktat von 1692 609.
—D
Kütschük-Kainardschi 807.

Thomaskirche und -Schule 306,
332f., 8340f. — Universität 124,
129, 134f., 169, 302 ff, 839, 341.
353. — Zeitschriften 138. — Zeit
des nordischen Krieges 631.
demberg 442.
Lenezycz, Woiwodschaft 443.
eoben 708.
Zeubus in Schlesien, Abtei 195.
deuthen, Schlacht von 1757 770.
dewenz an der Gran, Schlacht von
1664 5438.
diegnitz 494 734.
dille 465.
Zimburg, Herzogtum, im 18. Jahr—
hundert 815.
dingen 565f.
Linz unter Kaiser Matthias 518.
— unter Maria Theresid 744.
dippstadt im 17, Jahrhundert 483.
Sitauen 338, 630, 698, 791, 807.
diteratur 227ff. — Beeinflussung
durch fremde Literaturen 6.
Livland 480, 432, 434, 440, 444,
452, 482f., 621, 623, 627 f., 630,
634 f., 638, 648, 807 f.
Lobositz, Schlacht von 1756 768.
dodomeéerien bei der ersten Teilung
Polens 807.
Lombardeiim 18 Jahrhundert 595.
ondon 241. Academia Londinensis
 59. — Paulskirche 365.
— Royal Society 59. — Theater
und Musik 2685, 329.
Lothringen im 17, Jahrhundert
461, 468f., 484f., 491, 505. - im
18. Jahrhundert 894 f., 728 ff. 810.
u beck 355. — Geschichte im 18. Jahr⸗
hundert 644. — Bautunst 392. —
Friede von 1570 435. — Handel
iach den Ostseeprovinzen 434. —
als Hansestadt 435.
rzund schlacht von 1676 479.
düneburg 172, 607.
dure, Stadt bei Belfort 453.
Luthertum 884. — im 16. Jahr⸗
huudert 611f. — als Boden für
den Pietismus 164ff., 176. — seine
Rationalisierung 3091.
düttich im 17. Jahrhundert 468,
188, 497. — im 18. Jahrhundert
563, 568, 733.
Lützelstein 486.

4

Laaland 48.
Zabiau, Vertrag von 1656 445.
La Hogue, Kap, Seeschlacht von
1692 803.
Laibach 521.
Jandau in der Pfalz 458 — im
spanischen Erbfolgekriege 568, 570.
588, 585.
Landeck in Tirol im spanischen
Erbfolgekriege 569.
dandesaufgebot 660, 680.
dandräte 686f. 759.
Zandrecht, Preußisches allgemeines
7di, 797.
Landsknechte 828, 662.
Jandsteuer in Preußen 676.
dandwirtschaft 790ff.
Langeland, dänische Insel 48.
dangobarden 406.
Lauenburg 6084.
Zaufitz im“ 16. Jahrhundert 508.
rkommt an Säachsen 611. — im
18. Jahrhundert 614, 631, 804, 810.
Zdautern, Furstentum 486.
Laxenburger Bündnis von 1682
489, 495.
Lehnritterpferdegeld 676.
dehnswesen, 413f., 693.
Jeiden 286, 270. — Gewerbe 18.
deihbibliotheken 188 Anm.
Leinenmanufaktur 319,
Leiningen, Fürstentum 41 Anm.
deipzig 809, 801 ff., 885. — Bau⸗
kunst 302, 305. — Buchhandel 304.
Buürgertum 47, 228. — Deut⸗
sche (deutschübende) Gesellschaft
274, 310, 312. — Dichtkunst 248,
250f., 258, 284, 8301, 306, 309,
321, 344, 847, 358, 390. — Frei⸗
maurer 139. — gelehrte Gesell⸗
schaften 305. — Kunstschule 368.
— Leihbibliotheken 138 Anm. —
dandel do n ff. 680f. 607 f. 7834 ff.
Moefse zoeff. 314 611. -Musik
und Theater 289, 306f., 313f. —
        <pb n="464" />
        344

Sachregister.

Luremburg im 17. Jahrhundert
461, 484, 488, 491f., 505. — im
18. Jahrhundert 815.
Luzzara, Schlacht von 1702 567.
Lyrik 240ff. 311.

Naskeraden 80f.
Materialismus 87, 90, 826.
Mathematik des 17. und 18. Jahr⸗
hunderts 70, 74, 81, 86, 105, 388.
— Leibniz' 71 ff.
Mätressen 421f.
Maubeugeim Frieden von 1678 481.
Mauten 712.
MNaxen, Gefecht von 1759 774.
Mechanik 67 ff., 105, 387.
Mecklenburg im 18. Jahrhundert
638, 644, 771f., 775, 792, 810, 821.
Medizin 138f.
Mehadia im Banat 719.
Meißen zur Zeit des nordischen
Krieges 631. — Fürstenschule
St. Afra 339, 353. — Porzellan⸗
fabrikation 214 f.
MNeistersinger 288, 247.
Melk, Abtei 195.
Memel 437, 483.
Menuetts 327.
Uereure, galant 41 Anm. —
historique 41 Anm.
Nerkantilismus 82, 39, 210,
Iis, 462, 608, 760, 162, 7184.
Merseburg 611.
Messen Gottesdienste) 832.
Messen (Gandels-) Leipzig 802 ff.
Messerschmiede 651.
Messingschläger 651.
62, 65 ff., 75, 81,
Metz im 17. Jahrhundert 453, 465,
485. — im 18. Jahrhundert 748.
Mezzaine 186.
Nilanenmeister 39.
Milchwirtschaft 790.
Nititärakademien 761.
Rindelheim 815.
Minden im 17. Jahrhundert 483.
— Schlacht von 1759 773.
Ministerial-Hofbankodepu—
tation, österreichische 760.
Nittelschulen 335, 389, 341 f.
— Reform im 18. Jahrhundert
186 f. voi.
Mohacz, Schlacht von 1526 5608.
— von 1687 551.
Mokrau in Westpreußen 809.
Moldau, Fürstentum, Türkenkriege
556, 587. — im 18. Jahrhundert
8306 f., 816.

M.

Maastricht 473.
Madrid im spanischen Erbfolge—
kriege 572.
Madrigal 14f., 21, 282.
Nagdeburg 130, 803. — im
17. Jahrhundert 499. — Handel
650, 697, 785. — Verwaltung 671,
685, 688, 782.
Magyaren, Einfälle im 9. und
10. Jahrhundert 538.
Mähren 406, 508, 514, 523, 526,
535, 542, 728, 744 f., 771.
— Bauernstand 705.
Mährisch-Neustadt 814.
Mährische Brüder 118, 176.
Mailand, Zeit Ludwigs XIV. 504,
562, 574 f., 583, 388. — Zeit
Maria Theresias 747, 751. — Ge⸗
werbe 18.
Mainz (Kurfürstentum) 457 f., 468.
8 18. Jahrhundert 564, 728,
Mainz (Stadt) in den Kriegen
Ludwigs XIV. 500. — Dom 468.
Nakedonien 408.
Malerei 216, 220 ff. 288, 867 ff.,
387 ff. — französische 29. — italie⸗
nische 13f. — niederländische 17,
191, 220 ff., 359.
——— Schlacht von 1709
Mannheim im 17. Jahrhundert
ͤgp 499. — im 18. Jahrhundert
Marburg in Hessen, Collegium
Mauricianum 21 f.
Marienburg in Westpreußen 484,
468. — Vertrag von 1656 448.
n bei der ersten Teilung VPolens
Marinismus 6, 248, 253 f., 308,
311.
Mark (staatsrechtlich) 405.
Mark, Grafschaft 456, 667 f., 725.
Markomannen 4606.
Maschinentechnik 72.
        <pb n="465" />
        Sachregister.

Mollwitz, Schlacht von 1741 736.
Mömpelgard 241. — im 17. Jahr—
hundert 486. — Kollegium 22.
Monatsschriften 41, 129.
Monodien 291.
Monopole in Brandenburg-Preußen
679 f., 698, 784, 787,
Mons, Eroberung im Jahre 1691 503.
Morea (Peloponnes) in den vene—
zianisch-türkischen Kämpfen 550.
557, 586, 588.
Mörs 56585 f.
Moskau 431 ff., 634.
Moskowiter 48383, 444, 540.
Motetten 3832.
Moys, Schlacht von 1757 770.
Mucker 174.
Müllrose 697.
München, Baustile 211f. — Kirche
St. Kajetan 196. — Theater und
Musik 292. — Zeit Max Emanuels
568, 570. — im weiteren Verlauf
des 18. Jahrhunderts 762.
Münster im Elsaß 453.
Münster in Westfalen, Bistum
8 468, 470, 472. 474. 478, 481.
—19.
Münzwesen ssiehe auch die ein—
zelnen Länder) 512. — Münz
calada 707.
Murbach, Abtei 453.
Musik 166, 282, 288 ff. 306, 325 ff.,
887, 390 f. — französische 293.
— italienische 14. — kirchliche
231, 285, 289. — niederländische 14f.
Musikdrama 283.
Musikkapellen 827.
PMusikwerkzeuge 290, 326 f.,
330, 333.
Musketiere 661.
Mystik, Mystizismus 167, 175.

NRamur, Eroberung im Jahre 1692
503. — Barriérevertrag 590.
Nancy 465.
Rantes, Aufhebung des Ediktes
492, 494.
Narrenteidinge 45.
Rarwa 431, 433 ff. 630.
Nassau, Calvinismus 21.
NRationaler Gedanke 412, 426.
Nationalökonomie 118 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2.

N.

845
Ns eliwe Religion 111, 186,
56.
dprnhnosoobie 58, 80, 101,
Naturrecht 111ff. 128, 126.
Naturwissenschaften 59, 80,
86, 100 ff., 393 f. — in Holland
18, 107. — Schriften in deutscher
Prosa 129.
eapel 291. — Zeit Ludwigs XIV.
562, 575, 584, 588, 595. — Zeit
Maria Theresias 747.
Neerwinden, Schlacht von 1693
504.
Negroponte in den venezianisch—
tuͤrkischen Kämpfen 550.
ngziße Zeit Friedrichs des Großen
seostoizismus 386.
Ressau bei Thorn, Friede 484.
Neuenburg MNeuchätel) unter ora—
nischer Herrschaft 566.
Neuhäusel, Festung 542 f.
Neuhausen in Kurland 433.
Neukatholizismus 241, 248 f.
Neulatéinische Dichtung 287.
Neumark unter Fiedrich dem
Großen 779.
Neuß 468.
Niederlande (sehe auch Holland
4, 427, 488, 441, 450. — Armi-⸗
nianer 151. — Baustil 28, 189,
191, 188 ff, 219, 362. — Dichtkunst
 18, 236, 269, 315, 336. —
geistige Entwickelung 104 f., 107 f.,
111, 153, 166, 385. — Entstehung
418. — Heer 691. — Handel 8
41, 444, 448, 521, 589 ff., 598.
— Finanzen 666. — Humanisnus
 12, 19, 339. — Kirche 5, 12,
51, 155, 241. — geistiger Einfluß
uuf Deutschland 8f. 16 ff., 256,
270, 284. — Ansiedelung von
Niederländern in Deutschland 694.
— Kunst 13, 17 f., 189 ff. —
diteratur 65, 227. — Malerei 18,
91, 220 ff. 288. — Musik 14 f.,
292, 294. — politische Geschichte
mn Zeitalter Ludwigs XIV. 449ff.
155f., 459, 463 bis 506, 558,
558 bis 585, 592, 594, 629, 645, 667,
320. — spätere Geschichte im
18. Jahrhundert 730, 736, 748 f.,
        <pb n="466" />
        346

Sachregister.

764, 773. — Theater 10, 269,
284. — Verhältnis zur Schweiz
317 f. — Osterreichische Nieder—
lande 723. — Universitäten 191.
Nisch (Nissa), Stadt in Serbien, in
den Türkenkriegen 554, 719.
Nissa siehe Nisch.
Nobilitierte 48.
NRominalismus 103.
Nordamerika (iehe auch Ver—
einigte Staaten von Nordamerika)
Kolonisation 578, 602. — Handel
— — 18. Jahrhundert 738, 764,
16.
Nordsee, Handel 605, 650.
Rormannen 4606.
Norwegen 287, 446, 448.
Novibazar 719.
Nowgorod 480 f., 625.
Nürnuberg 265. — Baukunst 302.
— Dichtkunst 247 f., 250. —
Handel 303, 603. — Kunstgewerbe
212 f. — Pegnesischer Blumen—
IDen 59, 247 f. — Verfassung
Nyborg, Schlacht von 1659 451.
Rymphenburg 210f. — Porzellan⸗
fabrik 214.
NRymwegen, Kongreß 480 f. —
Friedensschlüsse von 1678 und 1679
481, 486 f.
Nystad, Friede von 1721 648.

Dliva, Friede von 1660 451, 664,
668 f.
Dlmürtz, Türkenkriege 542.
Dnod, Bündnis vom Jahre 1707
573
Dperetten 291.
Dpern 10, 15, 88, 246, 2809 ff. 326,
338 ff.
Drange, Fürstentum 566.
Dranienburg (Bötzow) 694.
Rratorium 15, 291, 296, 326. 330.
Irchester 327.
Irdà, mongolische 480.
Irgeln 327.
Drnamentik 228, 363ff. — italie—
nische 18.
IArphika 340.
Irsowa 554.
NRel, russische Insel 488.
Isnabrück im 17. Jahrhundert
6396. — im 18. Jahrhundert 821.
Rstende, Handel 5090.
Dstendische Handelsgesell—
chaft 590, 593 f.
terreich, Kaisertum 427. — nach
dem dreißigjährigen Kriege 418,
157. — Begründung seiner Groß—
nachtstellung 508, 585, 626, 654.
— Heer 6989, 755, 761. — Ver—
)jältnis zu Frankreich im 17. Jahr⸗
zundert 459 bis 506. — Stellung
ur Frage der neunten Kurwürde
309. — Stellung zur polnischen
Thronfolgefrage nach Sobieskis
Tode 613. — Kämpfe gegen
Schweden im 17. Jahrhundert 445
h»is 451. — Türkenkriege 532, 537
is 558, 585 bis 588. — Spanischer
Erbfolgekrieg 558 bis 5885. — Folgen
desselben 588 bis 596. — erster und
weiter schlesischer Krieg und öster—
ꝛeichischer Erbfolgekrieg 426, 721
»is 751. — Siebenjähriger Krieg
7168 bis 777. — politische Geschichte
zegen Ende des 18. Jahrhunderts
202 bis 822. — Rechtsleben und Ver⸗
valtung 512, 517 bis 537, 701 bis
20, 751 bis 762. — Handel 589,
593, 595, 608 611, 697, 708, 711,
782, 784. — Finanzwesen 534, 715,
755, 760. — Induftrie 706 f. 712.
— Bergbau 604, 706. — Stände 521
bis 537, 704 ff. — Adel 513 bis 516.

O.
OAberehnheim 453.
Dberkriegskommissare 684.
Oberräte 669.
— preußische
388.
Obersten 535f. 661.
Obersthofmeister 39, 518.
Oboen 327.
Oden 242. — italienische 14.
Dderhandel 650, 697, 785.
DOfen, Zeit der Türkenkriege 509,
539, 550.
Dffenbarungsglaube 63, 75.
fffentliche Meinung, Auf—
kommen 778.
Offiziere, preußische 660, 691.
— österreichische 761.
land, Sclacht 479.
Dldenburg, Großherzogtum 621.
        <pb n="467" />
        Sachregister.

847

523, 704 . — Heerwesen 586 f.
716 bis 720. — Klerus 516, 704f.
kirchliches Leben 880f. — Bau⸗
funst 14, 29, 209. — Malerei 221.
pPflege der Wissenschaften 700.
— Schuͤlwesen 1836, 754.
Rsterreich, Erzherzogtümer 507,
523, 705. — zur Zeit Maximi—
lians II. 517. — Maria Theresias
744.
Ostindien, Handel 590.
Istfee dos dundel 484ff. 445,
3083, 622, 645. — russische Herrschaft
827. — im nordischen Kriege 629
bis 649.
Ostseeprovinzen, (iehe besonders
—— ff.,
621.
Ottensen 251.
Dudenaarde 465. — Schlacht von
1708 577.
Oxford 365.
83ean, Atlantischer 603.

ßassionen 383.
Faffionsmusik 166.
Zästum 360.
Zatrimonialgerichte 797.
zatriot, Zeitschrift 138.
Javanen 327.
degnitzschäfer siehe Blumen—
orden, pegnesischer.
Beloponnes siehe Morea.
wennfsylvanien 170.
Zergamentmacher 651.
erfien, Kämpfemit den Türken 718.
detersburg, Gründung 634.
Feterwardein 554, 587.
Zetrikau in Polen 443.
Kralz, spanischer Erbfolgekrieg 564.
— Calvinismus 21. — Pflege der
Dichtkunst am Hofe 241f. — Kur—
vürde 608. — französtisches Leben
im Hofe 20f. — politische Ge—
schichte im 17. Jahrhundert 455f.,
äαα 406, 103 66 667, 724
— im 18.Jahrhundert 723, 730f.,
48 776 , ss, se. —
Wirtschaftsleben 420f. — Ritter—
akademie 41.
Phantasie (musikalisch) 327.
bhilippsburg in Baden 481,
498, 505, 594, 729.
Philologie 11, 335 ff. — hollän—
dische 18, 107, 835, 339.
Philbsophie, englische 30. —
holländische 18.
Physik 74
Zlacenza im 18. Jahrhundert 591
bis 595, 751, 773.
Biaristen 186.
Piemont im 17. Jahrhundert 488.
Jietismus 104, T40f. 121, 162 ff.,
1426, 180ff., 206, 332 f.. 885 895
biö, 799.
illau 437.
Binerolo, Stadt in Italien 501,
504.
Pittsburg 765.
sßlänterwirtschaft 791.
blastik 217ff., 360, 372 ff. —
französische 29. — italienische 13,
217. niederländische 17 f.
Plauenscher Kanal 786.
ßlejaden 242.
ßodolien, Türkenkriege 557.
Zoefie siehe Dichtkunst.
54 *

P.

Pactum mutuae successionis
Leopolds J. 722.
Pädagogik siehe Erziehungslehre.
Paderborn im 18. Jahrhundert
820.
Padua 249.
Palästina 544.
Jalnenorden siehe Frucht—
bringende Gesellschaft.
Panduren 745.
Jandynamismus 63f., 75, 79.
Papiergeld 761.
Papierindustrie 789.
Papsttum 410.
dai 20, 22, 24, 26 f., 207, 212,
241, 475. — Ätademie 59. — Bau—
kunst 365f. — Invalidendom 224.
Loubre 202. — Pantheon 366.
— Schlacht von 1683 550,
Parma im 18. Jahrhundert 591 bis
595, 730, 751, 773.
Passacaglien 327.
Paffarowitz, Friede von 1718
587, 589, 718f.
Pafsau, im spanischen Erbfolge—
kriege 570. — in den schlesischen
Kriegen 744. — Dom 195.
        <pb n="468" />
        348

Sachregister.

Polen 406, 426, 428, 482 ff., 448,
538. — Heer 691. — politische
Beschichte im 17. Jahrhundert 489
hʒis 446, 449, 464, 476, 545 bis 550,
557, 599, 629, 668 f. — im 18. Jahr⸗
hundert 613, 618, 6205., 629 bis
249, 719, 729, 748, 768, 785, 792,
302 bis 810.
Polizeireiter 686.
Polonaisen 327.
Polozk, Stadt in Rußland 4831, 440,
Pomerellen, bei der ersten Teilung
Polens 807.
Pommern, in den Kämpfen des
17. Jaͤhrhunderts 187, 4807. 450,
178, 482, 493 f., 628. — herzog⸗
icher Hof 21. — im nordischen
Kriege 639 ff, 647f. — unter
prandenburgisch-preußischer Ver⸗
waltung 677f., 680, 685, 694,
171f. 774f., 779, 781f. 791, 805.
— Schwedisch-Pommern 697, 792.
Pompei 11, 360, 365.
Pont-a-Mousson 4583.
Popularphilosophie 128, 14.ff.
Port Mahon S5881.
Porta Westfalica 488.
Porträtmalerei siehe Bildnis—
malerei.
Portugal 288. — im spanischen
Erbfolgekriege 570, 572.
Porzellanindustrie 39, 54,
214 f., 220, 789.
Posaunen 327.
Posen (Provinz) 441, 443.
Posen (tadt) bei der ersten Teilung
Polens 808.
Posse, römische 263.
Postwesen in Brandenburg-Preußen
383, 696 f. — Taxissches Reichs⸗
postregal 696.
Potsdam, Bauten 210 f., 367.
-Zeit Friedrichs des Großen
828 f. — Sanssouci 210 f., 828,
828 f.
Prag 517. — Bauten 197. —
Landtag von 1617 509. — Beginn
des dreißigjährigen Krieges 5382.
— Gewerbe 707. — Zeit Maria
Therestas 744 ff. 748, 769.
PBragmatische Sanktion 425 f.,
91 f. 596, 722 bis 726, 733 f. 736f.,

Präludien 338.
Prenzlau 652.
Breßburg, Türkenkriege 547. —
Zeit Maria Theresias 741.
Presse 50.
Preußen (Gönigreich, siehe auch
Brandenburg) Handel 780, 782 bis
790, 795. — Industrie 784, 789 f.,
— Finanzen 780 bis 790. — Land⸗
wirtschaft 790 bis 793. — Münz—
vesen 682 f., 772, 787. — Wachs⸗
um seiner Macht 596, 604. —
Entwickelung des preußischen König—
ums 615 bis 621. — nordischer
drieg und spanischer Erbfolgekrieg
iehe dieselben. — sonstige politische
seschichte im 18. Jahrhundert 426,
»21 bis 751, 762 bis 777. — Heer—
vesen 779f. — innere Entwickelung
inter Friedrich dem Großen 777 bis
331. — Adel 793 f. — Bürgertuni
794 ff. — Justizwesen 701, 780,
796 ff. — Pflege der Kunst 616.
— Pflege der Wissenschaften 616.
— Schulwesen 841, 800 f.
Preußen (provinzen) Entstehung
des Herzogtums 432. — Kämpfe
des Großen Kurfürsten 437, 442 f.,
445, 447, 450, 452, 482 f. 808.
— im siebenjährigen Kriege 769,
774 f. — Verwaltung 657, 668,
668 bis 672, 677 f., 680, 685, 688,
781, 783, 791. — Luthertum 669 f.
Priorau bei Dessau 251.
Jrofanbau 190, 209.
Protestantismus 107. — in den
Niederlanden 12. — in Osterreich
530 bis 538. — in Sachsen 612. —
in den Türkenkriegen 545, 552.
Provinzialkriegskommissa—
riate 684, 686 f.
Provinzialrechenkammern,
preußische 688.
Pruth, Friedensschluß von 1711
586, 643.
3skow, Stadt in Rußland 480 f.
Psychologie 81, 98.
waw a, Schlacht von 1709 634 f.,
M.

Radzyn, Friede von 1681 545, 547.
Ramillies, Schlacht von 1706 576.
Nappoltsweiler 168.
        <pb n="469" />
        Sachregister.

849

Rastatt, Friede von 1714 577,
583 f.
Rathenow, Einnahme von 1675 477.
Rationalismus 66, 87, 90, 984 ff.,
107f. 1i0 f. Ia8, 288, 8386, 386,
359, 393, 616. — Wirkung auf
das Erziehungswesen 799. — Po—
pularisierung in der Zeit der Auf—
klärung 126 ff. — in der Theologie
48 ff. 168 f., 171, 181 ff.
Rava, Zusammenkunft Peters des
GBroßen mit August dem Starken
1698 628.
R Ipen 8berg, Grafschaft 456, 725,
Rechtsanwälte (Advokaten) 797.
Rechtswissenschaft, Schriften in
deutscher Prosa 129.
Reformation 11f., 106, 148, 416.
120, 398, 606.in osterreich
n f. — in den Ostseeprovinzen
Regalien, brandenburgisch-preußi⸗
sche 673 ., 679, 682, 687.
Régenee 89. — Stil während der—⸗
selben 29, 206, 209.
Regensburg, Reichssstag von 1613
20. — Reichstag von 166364 542.
— im spanischen Erbfolgekriege
570. — dauernder Reichstag 474,
632, 718, 726, 769, 776, 816.
Regimenter 535f.
A Isdeputationshauptschluß
22.
Reichskammergericht 484.
Reichskriegsverfassung von
1681 487, 501.
Ragsmunzordnung von 1551
512.
Reichsritterschaft 34.
Reichsstädte 525. — Baukunst 14.
Reiherbeizen 39.
Reihermeister 39.
Reifsehandbücher 4.
Reifen, Aufkommen derselben 4.
Religionsgespräche 1608.
Religionsphilosophie 115ff. —
Leibnig 97 ff.
Renaissance 4, 10ff., 17, 56, 272,
283, 335 ff. — in Frankreich 24.
Renaissancearchitektur 180 ff.,
200, 368. — in Italien 192. —
in den Niederlanden 14, 180 ff.

stenaissancedichtung 12, 236ff.,
240, 244, 24s. 230 261, 268
267f., 272, 275, 279 ff., 345. —
italienische 23.
Renchen in Baden 277.
Restitutionsedikt von 1629 533.
Reunionen zur Zeit Ludwigs XIV.
484 f. 498, 505, 583.
Reunionsbestrebungen zwischen
Katholiken und Protestanten 108ff.
seval 251, 430, 483.
Revoluti,on, französische. —
Stellung Hsterreichs 802.
Rezesse 334.
Rezitativ 296.
Rheinberg im spanischen Erbfolge—
kriege 8663.
Rheinbund 457. — des 17. Jahr—
hunderts s. Kurrheinisches Bündnis.
Rheinlande im 16. und 17. Jahr—
jundert 604. — im 18. Jahr-⸗
hundert 694, 783.
Kheinsberg 732.
Richter in Preußen 797.
Riczsk, Bündnis von 1655 442.
Riefelfelder 790.
Riga 434, 440, 444. — Handel
430. — im nordischen Kriege 630.
Rijswiik, Friede von 1697 466,
505, 553, 558, 728. — Rijswiiker
z Fian 506. *
Ringelrennen, ingelstechen
38, 268. v
Kitornell 232.
Ritterakademien 22, 41.
Rittergüter in Preußen 677. 685,
793 f. J
Ritterstand in sterreich 515.
Rocaille 213.
Roeskilde, Friede von 1658448, 451.
Rokoko 5, 11, 29, 190, 195, 199 ff.
209 ff. 229, 368, 388 f.
Rom (siehe auch Römisches Reich
und Antike), Altertumswissenschaft
368, 370. — im 17. Jahrhundert
15. — Malerei 370f. — Peters⸗
kirche 194.
Roman 275ff. — französischer 28.
— spanischer 277f. — volkstüm—
licher 262, 275 ff.
Romantik388.
Römisches Reich, Verkehrsentwicke—
lung 407 bis 410.
        <pb n="470" />
        850

Sachregister.

Rosenkreuzergesellschaft 59.
Ros heim im Elsaß 453.
Roßzbach, Schlacht von 1757 770.
Rostock 261. — Collegium philosophicum
 58. — Universität 287.
Rothenburg an der Tauber 168.
Rügen (gInseh) im 17. Jahrhundert
478 f. — im nordischen Kriege
638, 642, 646 f.
Ruhrort 6608.
Rührstücke 357.
Rußland, Wachstum 538. — Heer
891 f. — Handel 480f. 521, 625,
845. — Deutsche Einflusse 625f.
— Kämpfe gegen Polen 440, 448 f.,
308. — Ostseeprovinzen 428, 480,
433, 439. — Kämpfe gegen Schwe—⸗
den 443, 447, 4582, 624 bis 649. —
Türkenkriege 545, 557, 586, 628,
637, 718f. — 18. Jahrhundert
620f., 723, 727, 729, 7285 f. 748,
768, 766 f. 770 f. 773 ff., 802 bis
307. 818. 815 bis 822.

Zachsen-Weißenfels 611.
Sachsen-Zeitz 611.
Saint-Germain, Vertrag von
1679 483, 489.
Zaint-Omer 481.
Zaiteninstrumente 827.
Salm, Grafschaft, im 17. Jahr⸗
hundert 486.
alzburg 705. — Dom 194. —
Schloß Mirabell 211. — im 18. Jahr⸗
zundert 820. — Aufnahme der
Iriebenen Salzburger in Preußen
6594.
Zalzgewinnung 404.
Zalzregal und Salzmonopol 679,
683, 787.
A
Zamogitien 488.
Zankt'Gallen, Abtei 195.
Zankt Georgenthal, Benedik—
tinerkloster 453.
Sankt Gotthard an der Raab,
Schlacht von 1664 548.
Zanssouci siehe Potsdam.
Zarabanden 827.
Sardinien, Königreich 723, 736.
— Heer 692. — im Utrechter
Frieden 583f. — Einnahme durch
Spanien 1717 592. — in den
Kriegen Maria Theresias 747, 751.
3asbach, EGefecht von 1675 478.
Zatire 239, 258ff. 263. 278. 352,
355 ff.
avoyen in den Kriegen Lud—
wigs XIV. 501, 504, 574. — im
weiteren Verlaufe des 18. Jahr—
hunderts 5092.
Schäfergeschmack 241.
chäferspiele 39, 53f., 358, 392.
chärding, Schlacht 745.
Scharfrichter, österreichische 525.
Schatullenverwaltung in Bran—
denburg⸗Preußen 682f.
Schatzkammer schöner zierlicher
Oratorien 28.
Schauspiel 88, 264ff., 282, 307,
354, 377, 732.
chelmenromane 10, 277f.
chlesien im 16. und 17. Jahr—⸗
jundert 508, 535. — Calvinismus
21. — Dichtkunst 244f. — Handel
ind Industrie 785f., 789. —
dultur 245. — Verwältung 678,

Sor ucen im 17. Jahrhundert
Sacco di Roma 15.
Sachsen, Volksstamm 412.
Sachsen (önigreich) im 16. Jahr⸗
hundert 604. — im 17. Jahr⸗
Jundert 487, 501, 542, 549 f. 604,
309, 612. — Kurwürde 608. —
Beheimer Rat 657. — Gymnasien
ind Fürstenschulen 339, 841. —
Verwältung 700. — Personal—-hereinigung
 mit der polnischen
Krone 614. — Hof 21, 421, 612.
— Heer 692. — Adel 612. —
kirchuͤche Verhältnisse 618f., 631ff.
— Industrie und Handel 611f.
6975. — wordischer Krieg 1700
his 1721 629 bis 649. — Zeit Fried⸗
richs des Großen 743ff, 748 bis
751, 763, 768, 770 bis 777. 784, 792.
810, 821.
Sachsen-Gotha, Herzogtum, im
18. Jahrhundert 821.
Sachsen-Lauenburg, Herzog—
tum 608f.
Sachsen-Merseburg 611.
Sachsen-Weimar, Großherzog—
tum, im 18. Jahrhundert 821.
        <pb n="471" />
        Sachregister.

851

880, 694, 723, 779, 783. — Schulen
245. — Eroberung durch Preußen
426, 494, 697, 781, 734 bis 751,
768 bis 777, 802, 809, 822. — im
nordischen Kriege 633.
Schleswig(Herzogtum) 621f. — in
den schwedisch-dänischen Kämpfen
447. — im 17. und 18. Jahr⸗
hundert 621ff., 646 f.
Schleswig (tadt) im nordischen
Kriege 629.
Schleswig-⸗Holstein, Verhältnis
zu Dänemark 429.
Schlettstadt 453.
Schöne Seelen 170, 180.
Schonen, schwedische Landschaft
146, 448, 478, 628, 685, 688, 644.
Schranz 45.
Schuldramen 12, 254, 263f.
Schulpforta 339, 353f.
Schulpoesie, lateinische 248.
Schulwesen, Aufklärung 186. —
oreußisches 800f.
Schwaben, Volksstamm 412. — in
den Türkenkriegen 548, 550. — im
18. Jahrhundert 810.
Schwaben, Land, Zeit Friedrichs
des Großen 792.
S panenorden an der Elbe 59,
251.
Schwank 268. — satirischer 261.
Schwarzfärber 651.
Schweden, im dreißigjährigen
Kriege 428, 487. — Kampf, um
die Ostseeküsten 426, 480, 483 bis
136, 489 bis 452, 627 f. — sonstige
Politik im 17. Jahrhundert 460,
462, 466 f., 476 bis 479, 481 ff. 489
491, 494, 496, 599. — Handel
8397f. — Industrie 789. — im
i8. Jahrhundert 576, 769f. 77145.
nordifcher Krieg 1700 bis 1721
zon ff. 628 vbis 648. — Veerwesen
860. — Pietismus 170.
Schweidnitz unter Friedrich dem
Großen 775.
Schweinfurt. 169.
Schweiz 316ff. — Dichtkunst 250,
282, 318, 8316ff. 325, 342 f., 8351,
353, 378 ff. — Entwicklung der
Fidgenossenschaft 418. — Kirche
155, 319. — Verhältnis zu Frank—
reich im 17. Jahrhundert 484. —

Musik 282. — Renaissancekunst u.
dichtung 284. — Schauspiel 282.
— Verhaͤltnis zu den Niederlanden
317 f., 466. — moralische Wochen⸗
chriften 385.
Schwenckfeldianer 176.
Schwertorden 40 bis 438.
5Ichwetzingen, Schloß 211.
5chwiebus 494f., 617.
Zeechia, Schlacht 730.
3eehandlung 784.
Zeeland, dänische Insel 448.
Seidenindustrie 89, 286, 319,
651, 789.
Selz, Ritterakademie 22.
⸗emendria 554.
Semgallen 434.
emlin in den Türkenkriegen 719.
enef, Schlacht von 1674 475.
eparatismus 175f.
Serajewo, Türkenkriege 556.
Zerbien in den Türkenkriegen
—587, 719.
Sevilla, Vertrag von 1729 598 f.
Sévres, Porzellanfabrik 2145.
Siebenbürgen 445. — während
der Türkenkriege 540 ., 548, 551,
554, 556. — unter Kaiser Karl VI.
9— — unter Maria Theresia 742,
eradz, Woiwodschaft 448.
Uberfschmelzen 706.
ilistria 807.
mmern, Fürstentum 496.
engspiel Wl, 293.
inzheim, Schlacht von 1674 475.
Zittenlehre, natürliche 111.
Zizilien, Königreich beider, im
8. Jahrhunderk 592, 594 f. 728.
zilien, Insel, Zeit Ludwigs XIV.
562. — Einnahme durch Spanien
92, 595.
fandinavien (siehe auch Nor—
vegen und Schweden), Handel 521.
—“ Einfluß der deutschen Dich—
tung 6.
Slankamen, Schlacht von 1691554.
Zlawen 406.
Slawonien, Türkenkriege 557. —
unter Maria Theresia 742.
—A
Smolina, Schlacht an ihr 4832.
Zocinianismus 151.

—
        <pb n="472" />
        852

Sachregister.

Söldnertum 527, 535 ff., 553,
626, 661, 684, 688.
Soor, Schlacht von 1745 750.
Soziale Fragen 6893.
Sozialpolitik Friedrichs des
Großen 792 ff.
Spanien, Dichtkunst 227. — Handel
591, 783. — Kirche 5. — geistiger
Einfluß auf Deutschland 10. —
Literatur 24, 277 ff. — politische
Geschichte im 17. und 18. Jahr—
hundert 425, 455, 457, 461, 465 f.,
168, 4783, 475, 480 f., 489, 491 f.,
196, 501, 5304 f. 558 bis 5385, 588,
592 bis 596, 713, 728, 738, 747, 763.
Spanischer Erbfolgekrieg
558 bis 585, 588, 599, 619.
Spätrenagissance 189. — hollän⸗
dische 189, 191, 198, 219.
Spektralanalyse 79.
—333 Kriege Ludwigs XIV.
500.
—A
Spiritualismus 87, 90.
Splitter bei Tilsit 483.
Sponheim, Grafschaft 486, 496.
Sprache 102. — Deutsche Sprache
272ff. — Fremdwörterunwesen
27 f. 273 f.
——3 österreichische 712,
716.
Staatskanzlei, österreichische 757.
Staats- und Gesellschafts
vissenschaft 113ff., 128.
taats- und Rechtsphilo—
ophie 115.
aatswissenschaften 700.
radtanwälte 526, 708.
tädte, ihre Entwicklung 414. —
Rechtspflege 525. — nach dem
dreißigjährigen Kriege 34.
Städteordnung, preußische 709.
Stadtgerichte 525 f., 797.
Stadträte 526.
Stara pravda von 1516 705.
Statik 67, 73f. 387.
Steenkerke, Schlacht von 1692 504.
Steiermark 507, 514, 702, 708.
zur Zeit Maximilians II. 517.
— kirchliche Verhältnisse 531.
Stempelabgaben in Branden—
burg⸗Preußen 679.
Stendal651.

Stettin im 17. Jahrhundert 487,
450, 479. — im nordischen Kriege
oss, 640 f., 618. gandel 6077.
785.
Steuerkommissare 686ff. 699.
Steuern in der Merowingenzeit 410.
Steuerräte in Preußen 795.
Stockhohm, Friede von 1719 und
1720 646 ff.
toizismus 105, 336.
bolbowa, Friede von 1617 485,
627.
torkow 676. J
—— in Österreich
3295.
tralsund im 17. Jahrhundert
479. — im nordischen Kriege 638,
641f., 646.
traßburg (Bistum) im 17. Jahr—
hundert 453, 468, 485.
braßburg (tadt) 168, 236, 265,
276, 603. — Aufrichtige Gesell⸗
chaft von der Tanne 59, 247. —
Baukunst 302. — bischöfliche
Residenz GKunstgewerbemuseum)
i. Dichttunst 247, 280.
in den Kriegen des 17. Jahr—
junderts 458, 475 f., 478, 485 ff.,
192.498, 505, 549. — im spanischen
Erbfolgekriege 569, 585. — Uni⸗
versität 21.
Sirega u im siebenjährigen Kriege
775.
Stuplweißenburg, Türkenkriege
551.
Sturm- und Drangzeit 145,
161, 184, 230 390, 829.
Stuttgart 241f. — im 17. Jahr—
X 498. — Theater und Musik
292.
Subjektivismus 103, 174, 180,
182, 185, 283, 388, 387, 389 f.
393 ff., 4806, 778, 789, 794, 798 f.
8830. — in der Musik 290.
Substantialität 86.
Südamerika im 18. Jahrhundert
738. — Handel 582.
Zuite (musikalisch) 328.
Sulzbach, Schlacht von 1672 471.
Sumerisches Reich 406.
Sund, Niederlage der Schweden
1658 449.
Zundgau im 17. Jahrhundert 484.
        <pb n="473" />
        Sachregister.

858

Szatmar, Friede von 1711 578.
Szegedin 551, 556.
Szigeth 540.

Torgau, Schlacht von 1760 774.
Tortur 758, 796.
Toskana zur Zeit Ludwigs XIV.
562, 584. — im späteren Verlaufe
des 18. Jahrhunderts 591 bis 595,
730, 737.
Toul 453.
dournai siehe Doornick.
TDravendal, Friede von 1700 629.
Tribunal in Berlin zur Zeit
Friedrichs des Großen 797.
Trient 511. — Konzil 149, 194.
im spanischen Erbfolgekriege
569.
Trier, Kurfürstentum 458, 486. —
im 18. Jahrhundert 564, 723.
Trier, Stadt, im 17. Jahrhundert
478, 491.
Triest, Aufblühen 589, 712. —
Handel 760.
Trompeten 327.
Tschechische Sprache 512.
Tübingen, Universität 135.
Tuchgewerbe 8319, 651, 707, 789.
d ee an der Donau, Türkenkriege
548.
Turin in den Kriegen Ludwigs XIV.
501, 574. — Superga 574.
ürkei 624f. — Entstehung des
»smanischen Reiches 538. — Die
Türkei im 17. Jahrhundert 406,
127, 447, 479, 488, 599. — Türken⸗
riege 485, 401 f., 301, 5008, 337
dis 558, 585 bis 589, 592, 718 ff. —
deren Folgen 595. — Kämpfe mit
den Ruͤssen 626, 805ff. — sonstige
GBeschichte im 18. Jahrhundert
316, 819.
dürkheim 453.
duttlingen im
folgekriege 569.
Tykoczin 448.

7

Tabak 680, 787.
Tangermünde 616.
Tänze 827, 333.
Tarnowitz unter Friedrich dem
Großen 789.
Taxissches Reichspostregal696.
Technik, Einfluß Italiens 18.
Teleolbogie 68.
Temesvär, Türkenkriege 557, 587.
Territorien, Kampf mit den
Städten 414. — Wachsen ihrer Be—
deutung im 18. Jahrhundert 424 f.
TDeschen, Kongreß von 1779 818.
Teutonen 406.
Theater, deutsches 10, 134. —
niederländisches 10.
Theatrum BRuropaeum 41
Anm.
Theismus 109.
Theokratie 409 ff.
Theologie, Einfluß auf die Er—
ziehungslehre 112. — ihre geistige
derrschaft 103 ff, 111. — deren
Verfall 111 ff., 124. — rationa—
istische 148 ff. — subjektivistische
162 ff.
Tyesaurariat, siebenbürgisches
Thorn 442. — Friede von 1466
134. — im nordifchen Kriege 635.
— Zeit Friedrichs des Großen
804, 808.
Thüringen im 17. Jahrhundert
496. — im 18. Jahrhundert 810.
Dilsit 488.
Tine, Insel 586.
Tirol, als österreichisches Erbland
507, 517. — Bauernstand 705. —
Auswanderung des Adels 514. —
Bergbau 604. — Zeit Kaiser Fer—
dinands J. 519. — im spanischen
Erbfolgekriege 569. — kirchliches
Leben 531.
Titularadel 48ff.
Toccata 327 f., 338.
Todesstrafe 758.
Toleranz 110f.
Tönning 629, 638 f., 641.

spanischen Erb—

u.

Uckermark im 17. Jahrhundert
652. — im 18. Jahrhundert 770.
hrenindustrie 319.
Ukraine, Türkenkriege 557.
Ulmn 603 — im 17. Jahrhundert 498.
Ungarn, Ackerbau 760. — Handel
760. — Adel 540, 548, 546, 741.
— politische Geschichte im 17. und
18. Jahrhundert 488, 499, 507 bis
        <pb n="474" />
        854

Sachregister.

520, 5835, 539, 546 bis 558, 572 f.
576, 584, 588, 613, 705, 716, 723,
740 ff. 744, 754.
Universal-Bankal-Finanzen—
Okonomie-Demonstration
712.
n ersalbanvaddd in Wien
Universal-Kommerzdirekto—
rium, österreichisches 760.
universitäten 101 107, 120, 124
— im dienste der Aufklärung 184.
— Humanismus 8385. — Reform
186f. — in Österreich 754. — in
Preußen unter Friedrich dem
Großen 800.
Unterbeamtentum , staatliches in
Brandenburg⸗Preußen 685.
Uscie, Schlacht 440.
Usedom kommt an Preußen 648.
Utrecht, 108, 471. — Friede von
1713 577. 582 f. 638. 712 f., 738.

idin, Eroberung im Jahre 1689
VBierbrüderbund 176.
Villach 520.
—4 Schlacht von 1710
Villingen, spanischer Erbfolge—
krieg 570.
Violinen 8327.
Vokalmusik 327, 332.
Völkerrecht, nach Grotius 114.
Völkerwanderung 406.
Volkslied 231f., 263, 272, 299.
Vorderösterreichische Länder
451, 453, 538. — zur Zeit Maxi—
milians II. 517.
Vossem, Vertrag von 1673 472f.

W.

Walachei, Türkenkriege 551, 554,
556, 587 f. 719. — im 18. Jahr⸗
hundert 806 f., 816.
Waldhörner 290.
Waldmünchen 815.
Warschau 441 f., 541. — Schlacht
is α im nordi⸗
chen Kriege 630. — Zeit Friedrichs
des Großen 749. — “
Wasserhebungsmaschinen 789.
Wattefabrikation 789.
Weberei, Aufschwung unter Fried—
rich dem Großen 789.
Wedel bei Altona 59, 251.
Wehlau, Vertrag von 1657 447.
Weimar, Fruchtbringende Gesell—
schaft 58.
Weingarten, Abtei 195.
Weißenburg im Elsaß 458.
Weißenfels 292, 611.
Weißer Berg, Schlacht 248.
Welfische Länder im 16. und
17. Jahrhundert 604 f.
Welthandel 602. — im 16. Jahr—
hundert 597, 650. — im 17. Jahr⸗
hundert 654, 696, 706. — um 1700
578, 588. — im 18. Jahrhundert 7388.
Wertheim 169.
Wesel im 17. Jahrhundert 4838.
Westfalen im 17. Jahrhundert 472.
— im 18. Jahrhundert 771. —
Verwaltung 685.
Westminsterkonvention von
1756 766.

BV.

Valenciennes 206. — im Frieden
von 1678 481.
Valengis, Grafschaft 566.
Vasallenheere 527.
Vasvar, Waffenstillstand von 1664
543.
Vaterland, Aufkommen des Be—
griffes 413.
Vaterlandsliebe 418.
Veldenz 486.
Benedig, Türkenkriege 540, 543,
548 ff. 556 f., 586 ff, 719. —
sonstige Geschichte im 17. Jahr—
hundert 15. — im 18. Jahrhundert
736. — Heerwesen 527. — Handel
18, 27, 521, 5344, 589, 706. —
Baukunst 365.
Verden 415, 458, 478 f., 621 ff.,
642, 645, 647.
Verdun 4583, 465.
Vereinigte Staaten von Nord—
amerika, Handel 783.
Verkehrswesen der Merowingen—
zeit 410.
Versailles 421. — Verträge von
1758 773. — Schloß 208, 210.
Beurne, belgische Stadt, im
Barriérevertrag 590.
        <pb n="475" />
        Sachregister.

8658

Westpreußen im nordischen Kriege
5331. — Verwaltung 678, 680. —
Zeit Friedrichs des Großen 804,
809, 822.
Widin siehe Vidin.
Wiedertäufer, ihr Einfluß in
den Ostseepropinzen 432.
Wielun, polnische Landschaft 448.
Wien 89, 257, 294, 603 f. — Bauten
211, 8366. — Belvedere des Prinzen
Eugen 211. — Buchhandel 385.
Deutsche Gesellschaft 385. —
Industrie 214 f. 706. — Karls⸗
heater 294. — Palast Pallavicini
366. — Theresianische Ritteraka—
demie 701. — Akademie für die
Ingenieurkunst, 761. —. Schön—
Zrunn 211, 366. — Börse 760.
Stadtbank 712, 716. — Theater
und Musik 292, 294. — Uni—⸗
bersität 186. — Verwaltung
525 ff. — Wien im 16. u. 17. Jahr⸗
hundert 517, 519f. — im 18. Jahr⸗
undert 570, 075., 788 710 812
Türkenkriege siehe Türkei.
Wiener Neustadt 761.
Wilhelmsthal bei Kassel 210.
Wilna 434.
Wirtschaftsleben, Entwickelung
des territorialen Charakters 419.
Wismar 628, 638, 640 f., 644, 647.
Witebsk 440.
WDittenberg, Universität 21, 180.
Wiltftock, Gefecht 1675 477.
Wochenschriften, moralische 137,
146, 385.
Wohlau 4094, 734.
Ig, in Polen, Wahl Leszezynskis
Wollin kommt an Preußen 648.
Wunderaglaube 171.

Württemberg 241. — Pflege der
Dichtung am Hofe 241 f. —
französische Bildung 21. — Kirche
168 170. — Ritterakademie 41.
— Politik im 17. Jahrhundert
458. — im 18. Jahrhundert 748,
777, 815.
Würzburg im 18. Jahrhundert
820. — Schloß 211.
Wusterhausen siehe Königs-Wuster—
hausen.
Vyubranzen 66l.

M.

Ypern 480 f., 590.

3.
Zeitschriften 41, 60, 127, 129,
137, 146.
zeitz 611.
zenta, Schlacht von 1697 556.
zeven, Kloster, Kapitulation der
gsgonver und Hannoveraner 1757
770.
Zink 327.
Zips 5339, 806.
Zölle in Brandenburg-Preußen
6n78f., 679, o8 687, 7824 bis 780.
— in Osterreich 760.
Zorndorf, Schlacht von 1758 771.
zuckersiederei 286.
Zünfte in Brandenburg-Preußen
699. — in Österreich 709.
Zürich 137, 818. 820 f. — Bürger⸗
tum 228. — Dichtkunst 321.
Zweibrücken, Zeit Friedrichs des
Großen 792.
Zwinalianismus 319.

II. Personenregister.

A.
Abraham a Sancta Clara 707.
Abschatz, Hans Erasmus Freiherr
von, Dichter 255.

Achard, Franz Karl 101.
Addison, Joseph, Dichter 314.
Adelaide von Savoyen, Gattin
des Dauphin Ludwig 504.
        <pb n="476" />
        856

Perfsonenregister.

Agilolfingen 737.
Agrippa von Nettesheim,
Heinrich 148.
Alberoni, Giulio, Kardinal 591.
Albrecht J., deutscher König, ver—
einigt Böhmen mit den öster—
reichischen Erblanden 507.
Albrecht HDB., deutscher König 507.
Albrecht, Markgraf von Branden—
burg-Ansbach, Hochmeister des
Deutschen Ordens 4832.
Aleman, Mateo 277.
Alembert, Jean d' 73, 146, 779,
312.
Alexander der Große 408.
Alexei Michailowitsch, Zar
(1645 bis 1676) 440, 444, 627.
Alexei Petrowitsch, Zar 648.
Algarotti, Franz Graf von,
Künstler 224.
Althus, Johann 65.
Alvensleben, Familie 691.
Anakreon siehe Anakreontiker
(Sachregister).
Andreä, Johann Valentin 274.
Angelus Silesius siehe Scheffler,
Johann.
Anjou, Herrscherhaus 507.
Anna, Gattin Kaiser Ferdinands JL.,
Schwester Ludwigs II. von Un—
garn und Böhmen 568.
Anna, Königin von England 137,
564 610.
Anna Katharina, Zarin 135.
Anna Petrowna, Tochter Peters
des Großen 643.
AntonUlrich, Herzog von Braun—
speige Wohenduue 276, 568,
Apafy, Michael J., Fürst von
Siebenbürgen 547, 551.
Archimedes 67f.
Arco, Adelsfamilie 514.
Ariosto, Lodovico 243.
Ariovist 406, 409.
Aristophanes 340.
Aristoteles 82, 90, 124, 160, 237,
268, 810, 378 ff. 392. — Aristo⸗
teles⸗Häuser 128.
Awgdt- Johann, Theologe 167 f.
Armin 405.
Arnold, Gottfried 121, 170, 174.

Asseburg, Rosamunde Juliane
von 170.
Assig, Hans von, Dichter 255.
Aubery, Antoine d' 462.
August der Jüngere, Herzog von
Braunschweig-Wolfenbuͤttel (1579
bis 1666) 420.
August, Kurfürst von Sachsen 656.
August II. der Starke (S Friedrich
August J.), König von Polen,
Kurfürst von Sachsen 38, 421, 555,
612ff. 618, 627 bis 649, 727.
08.
ugust III. (Friedrich August II.),
Koͤnig von Polen, Kurfuͤrst von
Sachsen 771, 802. — UÜbertritt
zum Katholizismus 614. — Ver—
nählung 646, 724. — Thronfolge
in Polen 727. — im österreichischen
Erbfolgekriege 787. — Tod 8038.
Augustin, der Heilige 149.
Ayrer, Jakob 267.

B.

Bach, Johann Sebastian 292, 296,
306. 326 320, 8331 ff., 800.
Baco von Verulam, Francis
82 f., 87, 92, 94, 107, 337
v Georg, Dresdener Architekt
Balde, Jakob, Dichter 248.
Balzac, Jean Louis Guez de 24.
Bartas, Guillaume de Salluste du,
Dichter 284.
Barth, Kaspar, Dichter 243.
Basedow, Vohann Bernhard 118.
B 310 ory, ungarische Adelsfamilie
Baumgarten, Siegmund Jakob
150, 154 f.
Bayle, Pierre 148.
Boder, Johann Joachim 27, 588,
2.
Beethoven, Ludwig van 301.
Bellay, Joachim du 242.
Belle-Isle, Charles-Louis-Auguste
Fouquet, Herzog von, Marschall
von Frankreich 748 f. 746.
Benedetti, Vincent Graf von 735.
Benedikt XIV., Papst 736.
Bentley, Richard, Philolog 389.
Berchem, Nikolaas, Maler 222.
bernhard von Clairvaur lG7.
        <pb n="477" />
        Personenregister.

857

Bernini, Giovanni Lorenzo, Bild—
hauer 204, 218 f., 254, 363, 367.
Besold, Johann George, Staats—
rechtslehrer 114.
Beffsel, Christian Georg, Schrift—
steller 46.
Besser, Johann von, Dichter 29,
240, 257, 312.
Bestuschew-Rjumin, Alexej
Petrowitsch Graf 748.
Bethlen, Grafen 540.
Biéfoe, Eduard de, belgischer
Maler 17.
Birken, Sigmund von 247.
Bismarck, Familie 691.
Bismarck, Dtto Eduard Leopold
Fürst von, Vorgänge in Ems 735.
Britzius, Albert (Jeremias Gott⸗
helf) 319.
Blac, Josef 101.
Blondel, Frangçois Architekt 29,
221, 866.
Blumenthal, Joachim Friedrich p.,
brandenburgischerStaatsmann 673.
Böcklin, Arnold 320.
Boden, August Friedrich von,
preußischer Minister 781.
Bodinus, Johannes 108 f.
Bodmer, Zohann Jakob 138,
321 ff., 8376.
Boerhaave, Hermann 18, 101.
Boffrand, Germain, Architekt
204 212.
Böhme, Jakob 67, 275.
Botledau⸗Despréaux, Nicolas 24,
29, 288, 256, 296, 299, 810, 3809.
Borck, Kaspar Wilhelm von, Staats⸗
mann 378.
Bor doni, Faustina, Sängerin 292.
Bgrpis, Jakob, Staatsrechtslehrer
Bossuet, Jacques Bénigne 124.
Bostel, Lukas von 297.
Boftel, Nikolaus von 297.
Bottad' Adorno, Marchese An—
somello. Gesandter Maria Theresias
4.
Böttcher, Johann Friedrich, Er⸗
finder des Porzellans 214.
Boucher, François, Maler 207, 299.
Bourbonen (iehe auch Spanien
und Frankreich) im spanischen
Frbfolgekriege 562, 582, 594.

Bournonville, Herzog von, Feld⸗
herr Ludwigs XIV. 475.
Boyle, Robert, Naturforscher 101.
Zraähe, Tycho de 76.
Zrämer, Schriftsteller 372 Anm.
8rant, Sebastian 258.
— Joachim Wilhelm von 354,
Breidenbach, Emmerich Joseph
von, Erzbischof von Mainz 153.
Breitinger, Johann Jakob 188,
321 ff., 375 f.
Briseur, Charles Antoine, franzö—
sischer Künstler 204.
Brockes, Heinrich 296 ff., 320 f.
351, 395.
Broglie, Victor Frangçois, Herzog
von, Marschall von Frankreich 7783.
Browne, Maxim. Ulysses, Reichs—
graf von, Baron de Camus and
Mountany 768.
Brückner, Alexander 625 Anm.
Bruggenoye, Herm. von, Meister
des Ordens der Schwertritter 433.
Brühl, Heinrich Reichsgraf von,
sächsischer Minister 41, 7848.
Bruno, Giordano 15.
Buchholtz, Andreas Heinrich 276.
Budaeus (Budé) Guillaume 19.
Buddeus, Johann Franz 174.
Bünau, Heinrich Graf von, Staatsmann
 und distoriker 120, 123, 368.
Burgsdorf, Familie 691.
Büscher, Statius 106 Anm.

C.

Laldara, Antonio, Tonsetzer 292.
Lalixt, Georg, Theolog 104.
Lalvin, Johann 319.
Fampanella, Thomas 15.
Tanitz, Friedrich Rudolf. Ludwig
Freiherr von, Dichter 29, 256f.,810.
Fadracei, Malerfamilie 367.
Laraffa, Antonio, General 551.
Animi, Giovanni, Tonsetzer
Larmer, Johann Heinrich Kasimir
Graf von, preußischer Minister 798.
Larpzov, Gelehrtenfamilie 304.
Farpzov, Johann Benedikt 169,
304.
Tarstens, Asmus Jakob, Maler
287.
        <pb n="478" />
        383

Personenregister.

Cäsar 408f.
Casaubonus, Isaak 19.
Catinat, Nicolas de, Marschall von
Frankreich 505, 567.
Cats, Jakob, Dichter 284, 298.
Catt, Heinrich Alexander de 771.
Caylus, Anne Claude Philippe de
Tubières, Graf von 360.
Cervantes Saavedra, Miqguel de
278.
Chandos, Herzog von 329.
Lharlotte Christine Sophie,
Zarin, geb. Prinzessin von Braun—
schweig⸗Wolfenbüttel 648.
Charron, Pierre 19.
Thateauroux, Marie Anne, Her—
in von, Mätresse Ludwigs XV.
4 Guillaume Amfrye de
Chemnitz, Martin 149.
Chiaveri, Gaetano, Architekt 196.
Chlodobech I Aod, 415.
Chotek, Rudolf Graf von, böh—
mischer Statthalter 755, 760.
Thristian J., König von Dänemark
429 62i.
Thristian IV., König von Däne—
mark 430.
Christian V., König von Däne—
mark 473, 623.
Christian II. Kurfürst von Sachsen,
seine Hofhaltung 38.
Christian Albrecht, Herzog von
Holstein⸗Gottorp 496.
Cicero 24, 52, 830.
Clairaut, Alexis Claude, Mathe—
matiker 78.
Clajus siehe Klaj.
Ann nense Prinz von Lothringen
Flemens XIL., Papst 575, 586,
Cocceji, Samuel von 701, 797 f.
Cochin, Charles Nicolas, Kupfer—
stecher 365.
Colbert, Jean Baptiste 462, 695.
Colerus, Johann, Landwirt 49.
Coligny, Johann, Graf von 543.
Colonna-Fels, Adelsfamilie 514.
Comenius, Johann Amos 112f.
Londé, Ludwig Heinrich Joseph,
Prinz von 464. 475. 618.

Tontades, Louis Georges Erasme
Marquis de, französischer Mar—
schall 773.
Conti, Franz Ludwig, Prinz von
Roche⸗sur⸗Yon und 557, 613f.
Conti, Francesco, Tonsetzer 292.
Cordemoy, Géraud de 224.
Corneille, Pierre 24, 345.
Correggio 870
Cotte, Robert de, Architekt 204, 211.
Cramer, Johann Andreas 353.
Argzpford, Adair, Naturforscher
Trequi, Charles J. Marquis de
466, 478, 480, 483, 491.
Lronegk, Johann Friedrich von 354.
Turtius Rufus 829.
n lriss. François, Baumeister
Czarniecki, Stephan, polnischer
General 449.
Czartoryiski, Familie 808.
D.
Dach, Simon 250.
Dalberg, Karl Theodor, Reichs-Veherr
 von, Kurfürst von Mainz
Damad Ali Pascha 586.
Danckelmann, Eberhard Freiherr
von, preußischer Kanzler 615.
Dante Alighieri 825.
Darwin, Charles 93, 394.
Daun, Leopold Joseph Maria Graf
von 770f. 774 f.
Dedekind, Friedrich, Dichter 258.
A, (Denk) Johann, Wiedertäufer
149.
Denner, Balthasar, Maler 222, 285.
Derfflinger, Georg Reichsfreiherr
von 482, 660.
Dernbach, Peter Philipp von,
Bischof von Bamberg 489.
Descartes, René 15, 18 f. 65, 83,
85 f., 90ff., 101, 105, 107, 116,
127 f., 181, 152, 386.
Deschamps, Frangçois Michel
Chroͤtien, Dichter 314.
Diderot, Denis 146.
Dietherlin, Wendel, Maler 228.
Dietrich (— Dietricy), Christian
Wilhelm Ernst, Maler 221f.
Dietrichstein, Adelsfamilie 514.
        <pb n="479" />
        Dersonenregister.

859

Dinzenhofer, Christoph 197.
Diocletian 409.
Diodor 8209.
Dippel, Johann Konrad 170f.
Dohna-Schlodien, Graf zu, Prä—
sident der ständischen Regierung
in Ostpreußen 678.
Domenichino siehe Zampieri, Do⸗
menico.
Doni, Giambattista, Archäolog und
Tonsetzer 269.
Dubos, Jean Baptiste, Abt 321.
Duifhüis, Hubert, Pfarrer in
Utrecht 108.
Dürer Albrecht 13, 222, 332, 362.

Ernst August, Kurfürst von Han—
nover 469, 489, 499, 545, 565, 607
bis 610.
Ernst Ludwig, Landgraf von Hessen⸗
Darmstadt (1667 bis 1738) 38, 420.
Erthal, Franz Ludwig von, Fürst⸗
bischof von Würzburg und Bam—
berg 153.
Fugen, Prinz von Savoyen 529,
zn, böä 367 571. 374 577.
583, 587, 595, 715, 718f.
Euler, Leonhard, Mathematiker
73, 78.
Euripides 310, 354.
Eyck, Hubert van 387.
Eyck, Jan van 387.

3 —

*8*.

3858 Johann Arnold, Dichter
Effner, Joseph, Architekt 212.
Eggenberg, Adelsfamilie 514.
Slisabeth von Luxemburg, Gattin
Koͤnig Albrechts II. 507.
El 8 eth, Gaͤttin Kaiser Karls VI.
722.
A pbetb— Königin von England
Elisabeth, Prinzessin von Hessen 21.
Slisabeth, Kurfürstin von der
Pfalz, Tochter Jakobs J. von Ena—
land 564.
Elisabeth, Zarin 768, 768, 775.
Flifabeth, Gattin König PhilippsV.
von Spanien 591ff.
Elisabeth Charlotte (iselotte),
Herzogin von Orleans 26, 88, 496.
Elsheimer, Adam, Maler 220, 222.
Emmerich Joseph, Erzbischof von
Mainz siehe Breidenbach, Emme—
rich Joseph von.
Enghien, Ludwig Anton Heinrich
von Bourbon, Herzog von 464.
Ephraim, Berliner Kaufmann zur
Zeit Friedrichs des Großen 772.
Epikur 344.
Frasssmus von Rotterdam, Desi—
derius 12, 148, 150, 188.
Ernesti, Johann August, Theologe
155, 338, 341.
Ernst J., der Fromme, Herzog von
Sachsen-Gotha und Altenburg
1601 bis 1674) 112, 420.

Fabricius, Johann Albert 340.
zarnese, Familie 591 f., 594.
zarnese, Anton Herzog von 594.
zaust, Maximilian 114.
elbiger, Johann Ignaz von 754.
ferdinand J., Deutscher Kaiser,
seine Ehe mit Anna von Ungarn
508. — als König von Böhmen
508, 514. — von Ungarn 5608f.
— Gesetzgebung und Verwaltung
in Österreich 319f., 517 ff. 326, 530.
erdinand II., Deutscher Kaiser
137. — im dreißigjährigen Kriege
533. — Ungarische Königswahl
510. — sein Hof 22. — Adel
inter ihm 516. — Wiedervereini—
zung der österreichischen Länder
3177 — Verwaltunastätigkeit 509,
535, 746.
»rdinand III., Deutscher Kaiser
146, 459. — Regierung in Böhmen
309. — Eingreifen in die schwedisch⸗
volnischen Kämpfe 444. — in den
Wia Kleveschen Erbfolgestreit
Ferdinand, Prinz von Braun—
schweig 771, 773f. J
Ferdinand, Erzherzog von Oster⸗
reich, Sohn Kaiser Ferdinands J.
36, 517, 531.
Fexrdinand Franz, Erzherzog von
sterreich, Sohn Kaiser Ferdi—
nands III. 459.
Ferdinand Maria, Kurfürst von
Bayern 481; 489.
        <pb n="480" />
        360

Personenregister.

Fichte, Johann Gottlieb 67.
Finck, Friedrich August von, preußi—
scher General 774
3— ian, Erzbischof von Salzburg
Fischart, Johann 22, 260.
Fischer von Erlach, Johann
Bernhard, Architekt 1988, 211.
Fischer von Erlach, Joseph
Emanuel, Architekt 211.
Flacius Illyricus, Matthias
—c
Fleckenstein, Freiherren von 453.
Fleming, Paul, Dichter 251f., 284.
Flemming, Jakob Heinrich Graf
von, kursächsischer Staatsminister
und Feldmarschall 614.
Fleury, Andié Hercule de, Kardi—
nal 727, 731, 733, 789.
Flink, Govert, Maler 220.
Forster, Georg 156.
Franck, Johann 149.
Francke, August Hermann 169,
171ff. 178, 181, 8386, 395.
Iran enen Adelsfamilie 540.
Franklin, Benjamin 101.
Franz J., Deutscher Kaiser, Herzog
von Lothringen 466, 733. —
Regierungstätigkeit 754. — erhält
Toskana 595. — Vermählung mit
Maria Theresia 728. — Kampf
um den Kaiserthron 734, 737, 750 f.
— in den Kämpfen gegen Fried—
rich den Großen 735, 763. — Tod
310f. 818.
Franz J., König von Frankreich,
Hofleben 20.
Franz, Wolfgang, Theologe 150.
Friedrich J. Barbarossa, Deutscher
Kaiser 415.
erie drich II., Deutscher Kaiser 415,
5.
Friedrich III., römisch-deutscher
Kaiser (1440 bis 1493) 572.
Friedrich II, König von Däne—
mark 2665.
Friedrich III., König von Däne—
mark, Kampf gegen Schweden 445.
Friedrich 1Y., König von Däne—
mark 628 bis 649.
Friedrich, Landgraf von Hessen—
Kassel, Gatte der Königin Alrike
Eleonore von Schweden 643.

Friedrich IV., Herzog von Holstein⸗
Gottorp 623, 628f., 639.
Friedrich III. von der Pfalz 22.
Friedrich V. von der Pfalz 248,
564.
Friedrich J., König von Preußen
41. — als Kurprinz 494 f., 656.
— als Kürfürst Friedrich III.,
199 ff. 503. — im spanischen Erb—
'olgekriege 566. — Heerwesen 661.
— Musik unter ihm 292f. — Hof⸗
eben 700. — seine Regierung
5Iis bis 621, 673f. 688, 00.
Kerhalten während des nordischen
drieges 636ff. — Verhältnis zu
Isterreich 724. — Tod 638.
riedrich II., der Große, König
von Preußen 8, 26, 349. — sein
Charakter 345, 422f., 438, 754,
769, 771, 777 bis 831. — Dichtkunst
unter ihm 344f., 349, 799. —
Musik unter ihm 293. — Antise⸗
nitismus 788. — seine Philo—
ophie 180, 145, 156f., 826. —
Pädagogische Ansichten 799 ff. —
Pflege der Wissenschaften und
dünste 616, 829. — Sozialpolitik
92 f. — staatsrechtliche An—
chauungen 117f., 425, 491, 715,
117, 762. — Politik und Ver—
valtungstätigkeit 605f., 659, 679f.,
395, 701, 732, 757, 777 bis 881. —
ein Heer 691, 718, 732, 779f. —
Kämpfe mit sterreich 721, 738
his 751, 766 bis 777. — Plan einer
Lermählung mit Maria Theresia
726. — Regierungsantritt 7317.
Bezeichnung „Ver Große“ 750.
— sein Tod 823. — Briefwechsel
318. — Mèmoires pour servir
4 lhistoire de la maison de
Zrandebourg 752. — Histoire
de mon temps 752, 814. — politisches
 Testament von 1752 763,
783, 794 Anm., 798. — Idéé
générale du commerce de ce
pays 783, 788. — Antimacchia—
dest 491. — De la littérature
allemande 799, 830.
Friedrich J., Herzog von Sachsen—⸗
Gotha 489.
Friedrich J. Herzog von Württem⸗—
herg 22.
        <pb n="481" />
        Personenregister.

861

Friedrich August J., Kurfürst von
Sachsen, siehe August II., der
Starke.
Friedrich August II. Kurfürst von
Sachsen, siehe August III. (Fried⸗
rich August II.) Konig von Polen,
Kurfürst von Sachsen.
Friedrich August J., König von
Sachsen, Beteiligung am bayrischen
Erbfolgekriege 817.
Friedrich Christian, Kurfürst
von Sachsen 803.
Friedrich Wilhelm, der Große
Kurfürst 110, 256, 420, 487 bis 495,
566, 605, 607, 615f., 624, 636f.,
541. — seine Verwaltungstätigkeit
6583 bis 673, 676, 678 bis 682, 688,
6393 bis 702, 782.
Friedrich Wilhelm J., König von
Preußen 131, 345, 618, 828. —
als Kurprinz 619, 675. — seine
Verwaltungstätigkeit 617, 637,
6ö,. böο G7 bis 768, 714
717, 785f., 758, 772, 779f., 782,
793, 796f. — Regierungsantritt
338. — Pflege der Wissenschaften
und Künste 616. — kirchliche An—
ernn 182. — im wordischen
Kriege 6388 bis 649. — Verhältnis
zu sterreich 724, 726, 730. —
Tod 731.
Friedrich Wilhelm II. König von
Preußen, Hofleben 175. — Finanz⸗
verwaltung 680.
Friedrich Wilhelm III. König von
Preußen, Finanzverwaltung 680.
Frischlin, Nikodemus 227.
Fritsch, Johann, Buchhändler 304.
Fürstenberg, Franz Egon von,
chef vpon Straßburg 468, 485.
Fürstenberg, Johann Wilhelm
von, Meister des Deutschordens 433.
Fürstenberg, Wilhelm Egon von,
Kurfürst von Köln 468, 497.
Furx, Johann Joseph, Tonsetzer 292.

Bärtner, Karl Christian, Schrift—
steller 3833.
Barve, Christian 146, 156.
Bellert, Christian Fürchtegott 52,
134, 228 f. 807 ff., 339, 348, 353 f.,
357 ff. 389, 395.
Beorg JL. König von England, Kur—⸗
fürst von Hannover 566. — Auf⸗
nahme in das Kurfürstenkolleg 610.
— im nordischen Kriege 642.
Beorg II., König von England,
Kurfürst von Hannover 747, 750,
770, 774.
sSeorg III., Fin von England
und Hannover 610.
Beorg Friedrich, Fürst zu Waldeck,
siehe unter Waldeck.
Beorg Wilhelm, Kurfürst von
Brandenburg (1619 bis 1640) 437.
hßeorg Wilhelm, Herzog von
Braunschweig 545, 607, 610.
—333 Paul 110, 166. 281, 2409,
f.
Berstenberg, Heinrich Wilhelm
von 287.
vInere Johann Matthias 340 f.,
Beßner, Salomon 319, 852, 390.
Biopanni da Bologna 217.
Blaffey, Adam Friedrich 278.
lassius (Glaß), Salomon 150.
Bleditsch, Johann Friedrich, Buch—
händler 304.
Bleim, Johann Wilhelm Ludwig
250, 346 ff., 359, 892.
Bluck, Christoph Willibald 880.
Bolau, Salomon von — siehe
Logau, Friedrich von.
Boldmann, Nikolaus, Mathe—
matiker 224
ßomarus, Franz, reformierter
Theologe 149.
derde Karl von, Baumeister
Börtz, Georg Heinrich Freiherr von,
siehe Schlitßz, Georg Heinrich Frei—
herr von, genannt von Görtz.
Boethe, Johann Kaspar 54, 895.
Boethe, Johann Wolfgang von
iveö so, 30ö3 8ι, 868,
381. — Faust 279. — Götz von
Berlichingen 801. — Iphigenie
201. — Wilhelm Meister 279. 290.
*8

6

GBalen, Christian Bernhard von,
Bischof von Münster 468, 474. 478.
Balenus 124.
Balilei, Galileo 15, 64, 69 ff. 717.
Ballait, Louis, belgischer Maler 17..
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII.2
        <pb n="482" />
        z6o2

Personenregister.

— Liebe zur Musik 290. — seine
Naturwissenschaft. 101, 393. —
Goethe üher Friedrich den Großen
76, 880 .
Gothofredus (Godefroy), Diony⸗
sius 19.
vher Gustav Adolf Graf von
Botthelf, Jeremias, siehe Bitzius,
Albert.
Bottfsched, Johann Christoph 28,
134, 248, 368, 272, 306, 812 ff.
352ff. 376 ff. 895, 421. — Kampf
mit den Schweizern 821 ff., 325,
342 f., 853, 375f, 390. — seine
Zeitschriften 138, 2381.
Bottsched, Luise ÄAdelgunde Viktoria
28, 353.
Götz, Johann Nikolaus, Dichter 346.
Gohßkowsky, Johann Ernst, 7332.
Goudimel, Claude, französischer
Tonsetzer 242.
Gracian, Baltazar, spanischer
Schriftsteller 129.
GBraun, Karl Heinrich, Komponist
203, 730
GBravesande, Wilhelm Jakob
van's 101.
Brimmelshausen, Hans Jakob
Christoffel von 276, No ff.
Großgebaur, Theophil 168.
Grotius, Hugo 18, 65, 114f., 151.
Brünne, Nikolaus Franz Reichsgraf
 von 750.
GBryphius, Andreas 245, 258,
270 f. 318.
Gryphius, Christian 2565.
Sundlins⸗ Nikolaus Hieronymus
Bünther, Johann Christian 54,
245, 857 5., 8390.
Bustav II. Adolf, König von
Schweden 485, 440, 627.

Hagedorn, Friedrich von 52, 229,
ff., 309, 343, 347 f., 3808, 889,
Hake, Schauspieler 8307.
Hales, Stephen 101.
Haller, Albrecht von 18, 107, 124
320, 351, 357, 390.
Hanau, Grafen von 453
Händel, Georg Friedrich 292, 295f.,
326, 329 ff., 390.
Hardenberg, Friedrich Leopold
Freiherr von — Novalis) 175,
177.180.
dardouin-Mansart, Jules,
Architekt 208, 224.
darrach, Adelsfamilie 514.
Zarrach, Friedrich August, Graf
von, böhmischer Kanzler, 756.
Harsdörffer, Philipp 59, 247.
Zartmann, Eduard, von 62.
Zaffe, Johann Adolf 282, 829.
Haugwitz, Friedrich Wilhelm Graf
don, ofterreichischer Minister 755.
daydn, Joseph 8851, 818, 830.
Hegel, Georg Friedrich Wilhelm 8,
8 67, 161 8608.
deine, Heinrich 251, 348.
Heinitz, Friedrich Anton Freiherr
von, preußischer Staatsmann 789.
zeinrich der Löwe 666.
Zdeinrich, Prinz von Preußen,
Bruder Friedrichs des Großen
806 f., 817.
deinrich, Prinz von Preußen,
Neffe Friedrichs des Großen 828.
deinfins, Daniel 12, 286 f., 268.
284, 315.
heister, Siegbert von, kaiserlicher
General 578.
demming, Nikolaus 114.
Hemsterhuis, Tiberius 840.
heräus, Karl Gustav, Dichter 257.
Zerberstein, Adelsfamilie 514.
ßerberstein, Siegmund von,
Moskowitische Commentarien“ 624.
Herder, Johann Gottfried von 101,
107, 260 398.
dero'ld, Porzellanmaler 215.
Hetzendorf, Edler von Hohenberg,
Johann Ferdinand 366.
Heyne, Christian Georg 338.
Zildebrand, Johann Lucas von,
Architekt 211.

9

Habermann, Franz Taverius,
Maler 223.
84bsburg, Kaiserhaus (siehe auch
Hsterreich und Spanien) — im,17.
und 18. Jahrhundert 428, 451, 455,
461f., 466, 488, 497 f. 506 bis 586,
595 f., 598, 609. 713. 726, 812.
        <pb n="483" />
        Personenregister.

863

Hippokrates 128.
Hirt, Emil, Archäolog 375.
Hobbes, Thomas 88ff., 115.
Hoeck, Theobald, Dichter 241, 248.
Hoffmann, Melchior, schwäbischer
Agitator 432.
Hofmann von Hofmannswaldau,
Christian 245, 283 ff., 271, 889.
Hohenberg, Johann Ferdinand
von, siehe Hetzendorf.
dohenzollern, Fürstenhaus 724,
736. — Erbfolge in Jülich und
Kleve siehe Jülich-Klevescher Erbfolgestreit.
 — Erwerbung und
rüheste Regierung der Mark
Braͤndenburg 650.
dolbach, Paul Heinrich Dietrich
Baͤron vdon, Philosoph 826.
Dy hein. Hans, der Jüngere, 222
Holberg, Ludwig Freiherr von 287
Somburg, Ernst Christoph 250.
Zomer 287, 322, 333 Anm. 340, 376.
Hontheim, Johann Nikolaus von
sronium Weihbischof von Trier
doraz 237, 256, 299, 310, 312, 322,
343 ff., 350.
Doͤrn Graf, schwedischer General 482
Horn, Georg, Historiker 152 Anm.
Zörnigk, Paul Wilhelm, bischöf⸗
lich passauischer Rat 5388, 707, 712.
Hotomannus (Hotman), Franz 19.
Hunold, LChristian Friedrich 297.
Hutten, Alrich von, in der Satire
260.
uyghens, Christian, niederländi—
dsder Mathematiker 72, 77.

Jacobs, Jurigen, Naler 288.
Fagellonen 532, 808.
Fakob L. König von England 564.
Jakob II. König von England 503,
505, 564.
Johannl. König von Dänemark 431.
Johann Adolf, II. Herzog von
Sachsen-Weißenfels 749.
Johann Friedrich, Herzog pon
Braunschweig⸗Lüneburg 515 474.
Johann Friedrich, Herzog von
Württemberg 241.
Johann Geödrg J., Kurfürst von
Sachsen 611.
Johann Georg II., Kurfürst von
Sachsen 459, 473, 489. — seine Hof⸗
haltung 88. — Musik unter ihm 208.
Iohann Georg III. Kurfürst von
Sachsen 489, 498, 847.
Johaun Georg IV., Kurfürst von
Sachsen 612.
Johanun II. Kasimir, König von
Polen 440ff. 444 f., 476, 540 808.
hann P'hilipp, Kurfürst von
Mainz, siehe Schönborn, Johann
Philipp von.
Johann Sigismund, Kurfürst
don Brandendurg 650 bis 688, 657.
ohann III. Sobieski, König
pon Polen 476, 479, 490, 545,
547 bis 550, 555, 618.
Johann Wilhelm Friso, Prinz
von Nassau⸗Diez 566.
Johannes Silesius stehe Scheffler,
 Johann.
Fones, Inigo, Baumeister 365.
Foseph IL., Deutscher Kaiser 552,
560, 722, 724. — Kaiserkrönung
553. — wird König von Ungarn
510, 552. — Verwaltung Oster⸗
reichs 517f, 710, 712f., 718. —
Regierungsantritt 572. — Spa—
nuscher Erbfolgekrieg 574. — Nor⸗
discher Krieg 632 f., 637. — Tod
578, 580.
Jofeph II., Deutscher Kaiser, Ge—
burt 740. Thronbesteigung 811f.
Charakter 811f. — erne
uind Verwaltungstätigkeit 526, 706,
757, 759, 818ff. — Bayrischer
Erbfolgekrieg 815. — Verhältnis
zu Friedrich dem Großen 812f.
——

J (6).

J ci).

Ickstadt, Johann Adam von 136.
Innozenz XIL., Papit 109, 467.
547 f.
Ighella— Gattin Kaiser Josephs II.
Itzig, Berliner Kaufmann zur Zeit
Friedrichs des Großen 772.
Jdan T.RKalits, Großfürst von
Moskau 480.
Iuer Wassitzewitsch, har
430.
Iwan VI., Zar 735.
        <pb n="484" />
        864

Personenregister.

Joseph Clemens, Herxzog von
Bayein, Kurfürst von Köln 497,
563, 567, 565.
Joseph Ferdinand, Kurprinz
von Vayern 560 ff.
Julius II. Papst 185.
Fungius, Joachim 58.
Jundus, Franciscus 191.
JFuftti, Johann Heinrich Gottlob
von 701.
Juvenal 2566, 261.

Karl, Landgraf von Hessen⸗Kassel
(1670 -1780) 489, 499.
Karl W., Herzog von Lothringen
405 s., 4783, 478, 500 f., 728.
Karl, Kurfürst von der Pfalz 496.
Karl, Herzog von Pfalz-Reuburg
618.
K e Herzog von Pfalz⸗Zweibrücken
Karl X. Gustav, König von Schwe—
den 440 bis 4852, 459, 540 f., 623.
Karl XI., König von Schweden
628 f. 628.
Karl XII., König von Schweden
441, 623 f. 629 bis 648, 727. - sein
Tod 648.
Karl II., König von Spanien 463f.,
469, 559, 561, 5863.
Karl' III. König von Spanien, als
Infant Don Carlos 583 ff.
Karl Alexander, Prinz von
Lothringen 745, 749 f., 776.
an Emil, Prinz von Preußen
Karl Eugen, Herzog von Württem—
berg 422.
Karl'Friedrich, Herzog von Hol⸗
stein-Gottorp 639, 648.
Karl V. Leopold, Herzog von Loth—
ringen 480.
Karl'Leopold, Herzog von Mecklen—
burg⸗Schwerin 644.
Karl'Ludwig, Kurfürst von der
Pfalz 26, 51, 421, 460, 469, 472.
Na ads, 664.
Karl' Philipp, Kurfürst von der
Pfalz (1716 bis 1742) 725.
Karl Theodor, Kurfürst von der
Pfalz 422, 814 ff.
darlinge 409, 516.
darolinger siehe Karlinge.
ehnner Abraham Gotthelf 353,
— I II. Zarin 775, 802 ff.,
Fdaufmann, Angelika, Malerin 871.
Kaunitz, Wenzel Anton Dominik,
d von 755, 764 bis 767, 776,
ogf., dia, 816.
Keiser, Reinhard, Tonsetzer 295.
Keller, Gottfried 319f.
Kendler, Porzellanplastiker 215.
Kepler, Johann 65, 76 ff., 80, 127.

Kalckstein, Familie 691.
Kalckstein, Christian Ludwig von
445, 670f.
Kampen, Jakob van, Architekt 18
Kannenberg, Christoph von, bran⸗
denburgischer General 660.
Kant, Immanuel 78, 84, 96, 101,
184, 289, 391.
Kara Mustafa 547f.
Karl der Große 462. — sein
Wesen 410, 415.
Karl IV., Deutscher Kaiser, seine
Sorge für Prag 197.
Karl V., Deutscher Kaiser 276, 508,
511. — Diplomatie seiner Zeit
415. — Großstädte unter ihm 7.
— sein Hof 20. — Stellung zur
Reformation 530.
Karl VI., Deutscher Kaiser 8388,
518 f., 552. — als spanischer König
Karl III. 360, 570, 572, 575, 582,
591. — Pragmatische Sanktion 510,
722, 726, 728, 7386. — Thron⸗
besteigung als Kaiser 581. — seine
Regierung 534, 5809 bis 596, 703,
708, 710, 712 ff. 720, 725 bis 729,
733, 741, 760. — im nordischen
Kriege 646. — österreichisches Heer⸗
wesen 716, 718. — sein Tod 331.
Karl VII. (Karl Albert), Deuischer
Kaiser, Kurfürst von Bayern 422,
724, 815. — Kampf um den Kaiser—
thron 737, 739, 744, 747 f. — Kaiser⸗
wahl 744. — sein Tod 749f.
Karl, Herzog von Braunschweig—
Bevern 770.
Karl der Kühne 317.
vaen II., König von England 141
        <pb n="485" />
        Personenregister.

8685

aer Johann Kaspar, Tonsetzer
Zettler, Gotthard, Koadjutor des
Schwertordens 433 f.
Ahlesl, Melchior, Kardinal 529.
Kinsky, Wenzel, Norbert Detavian
Graf' von, bshmischer Kanzler
746.
Klaj, Johann, der Altere, Gramma—
tiker 234, 236.
Klal, Johann, der Jüngere 247, 291.
Rleist, Ewald von 351, 359.
Keleist, Franz Ulxich von, preußi⸗
scher General 776.
lettenberg, Susanne Katharine
von 174 f. 180.
Klock, Kafpar, Nationalökonom 52.
lopftock, Friedrich Gottlieb 287,
321 338, 318, 358, 357, 359, 390,
393, 812. — Messias 357.
rneller, Gottfried, Maler 221.
Knoöobelsdorff, Hans Georg Wen—
eslaus Freiherr von, Baumeister
211, 732.
Knüpfer, Nikolaus, Maler 220.
hansen Dodo Freiherr von
28.
a nowsdi⸗ Andreas, Dichter
ae Menows die Johann, Dichter
Kochanowski, Peter, Dichter 245.
Kölbe Graf von Wartenberg, Johann
Kasimir, preußischer Minister 41.
Köoͤnig, Johann Ulrich von, Dichter
257, 312.
Königsmark, Otto Wilhelm Graf
pon? venezianischer Feldherr 550.
Ktonstantin der Große 409. —
Konstantinische Schenkung 411.
— F—
Köpriti, Achmed 541,
Köprili, Mustafa 554.
Kreéig, Adelsfamilie 514.
Frußfacius, Friedrich August,
Baumeister 366.
Kerul, Jan Hermansz, Tonsetzer 294.
Kuhlmann, Schauspieler 307.
Külmus, Luise Adelgunde Viktoria
siehe Gottsched.
Kupetzky, Johann, Maler 222.
Kues, Nikolaus von 80, 82, 84.
Züfser, Hamburger Tonsetzer 295.

Ladislaus Posthumus 508.
Sa Fayette, Marie Madeleine
Pioche de Lavergne, Gräfin de 281.
dafontaine, Jean de 299 f., 358.
Zagrange, Joseph Louis 73, 79.
Ige— Samuel Gotthold, Dichter
Zanghans, Karl Gotthard, Bau⸗
meistex 367.
2daplace, Pierre Simon Marquis
de 78.
dafssus, Roland de 242.
daudon, Gideon Ernst Freiherr
von 773.
daugier, Mare Antoine, Architekt
224, 366.
danremberg, Johann 27, 236,
261, 355.
Lavater, Johann Kaspar 175.
daw, John 29, 206.
Zebrun, Charles, Architekt 202.
Ldehwaldt, Hans von, preußischer
Generalfeldmarschall 770.
deibniz, Gottfried Wilhelm var
zuf., 39, 67, 86, 80 ff., 100 ff.
124 1. 12 f. 130f, 134, 183 f.,
274, 386, 616, 732. — Briefe 60.
Verhältnis zum Christentum
35, d oo, Tai, Tio, I83 f.
38. Gousilium Aogyptiacum
68. — Erkenntnistheorie 93f. —
Fouveaux éessais 97, 131. —
Sthik 97. — Geschichtswissensch aft
18f. — Mathematik 71ff. — Meta⸗
hyfik 131f. — Monadenlehre 91ff.
* Religionsphilosophie 97 ff. —
Aber die Sekurität des Reiches
s68. Theodicee 90 f., 124, 298.
dely, Sir Peter, Maler 221.
Lemercier, Jacques, Architekt 200.
dendtre, André, Gartenkünstler
204, 210.
Lentulus, Robert Seipio von,
österreichischer Feldmarschall 719.
eo, Heinrich 426.
deopold JL., Deutscher Kaiser 459 f.,
ö α
B8e ff. 494 bis 506, 518, 534 617 ff.
Rerwaltungstätigkeit 538, 710.
— Stellung zur Frage der neunten
Qurwürde v00. — Heerwesen, 537.
n den Türkenkriegen 541 f.,
        <pb n="486" />
        366

Personenregister.

547, 551. — im spanischen Erb—
folgekriege 559 bis 572. — Erbfolge—⸗
ordnung 722. — sein Tod 572.
— Krönung Josophs J. 558.
Leopold J., Fürst von Anhalt—
Dessau 36, 750.
Leopold Joseph, Herzog von
Lothringen 613, 728.
Leopold Wilhelm, Markgraf von
Baden 542.
Lepautre, Jean, Kupferstecher 223.
defsing, Gotthold Ephraim 30,
146, 262, 310, 314, 339, 345, 349,
351. 358. 357, 359, 874 f. 8377ff.
390, 392, 799. — Minna von
Barnhelm 382 f. — Emilia Galotti
381. — Hamburgische Dramaturgie
378 f. — Laokdon 371 ff., 377 f.
— Miß Sara Sampson 357, 381.
— Nathan der Weise 381 f. —
Philotas 8381. — seine Sprache 27.
— seine Weltanschauung 1858 ff.,
5 — Wolfenbüttler Fragmente
Leszezynski, Stanislaus 631f.,
635, 727, 720 f.
Leutholhd, Karl Edwin 604 Anm.
Levau, Louis, Architekt 24, 200, 202.
Leveiller, Architekt 212.
Leyen, Karl Kaspar von der, Kur—
fürst von Trier 473 f.
Limburg-Styrum siehe Styrum.
Liude, Philander von der siehe
Mencke, Johann Burkhard.
Lingelbach, Johann, Maler 220
Lionardo da Vinci 68 f. 82.
Liscow, Christian Ludwig 855.
Lisola, Franz von, österreichischer
Diplomat 462.
Lobwasser, Ambrosius, Dichter
21, 285, 241.
Locke, John 29, 84 ff., 141, 148.
— Rechtsphilosophie 115 ff.
dedeli, Carlo Conti de. Künstler
Logau, Friedrich Freiherr von 40,
215, 267. 301.
Lohenstein, Kaspar Daniel von
255 ff. 271, 297, 309, 318.
Lotter, Hieronymus, Bürgermeister
von Leipzig 303.
Louvois,' François Michel le
Tellier Marquis de 499.

Lucian 340.
Zdudewig, Johann Peter von 421.
Lüdinghausen genannt Wolff,
Friedrich von, Jesuitenpater 618 f.
Ludwig, Fürst von Anhalt-Köthen
49, 58, 243.
Ludwig XI. König von Frankreich,
Hofleben 20.
Ludwig XII., König von Frankreich,
Hofleben 20.
2udwigXIV. König von Frankreich,
39, 202 f., 362, 364, 461 ff. —
Finnahme der Niederlande 464 ff.
— sein Hof 421. — Stil seiner
Zeit 206, 218, 228. — seine Re—
gierung bis zum Frieden von
Rijswijk 464 bis 5060, 8542, 546, 549,
552, 554, 728. — im spanischen
Erbfolgekriege 557 bis 586. — sein
Zeitalter 5, 19 ff. 257, 801.
Ludwig, Dauphin von Frankreich,
Sohn Ludwigs XIV. 504, 560.
Ludwig, Herzog von Burgund,
Enkel Ludwigs XIV. 560.
Ludwig XV., König von Frank—
reich 727. — Bündnis mit Friedrich
dem Großen 1741 739, 748 f. —
Stil seiner deit 209.
Ludwig XVI., König von Frank—
reich, Stil seiner Zeit 366.
Ludwig V., Kurfürst von der
Pfalz 20.
2udwig II., König von Ungarn
und VBöhmen 508.
udwig Wilhelm J., Markgraf
von Baden 498, 501 f., 504, 549,
551, 553 bis 556, 564. 568. 570 f.
585, 618.
Luise Henriette, Kurfürstin von
Brandenburg 253, 694.
Lully, Jean Baptiste, Komponist
293, 328.
Luther, Martin 61, 106, 806, 825.
— Auffassung von den Pflichten
der Fürsten 420. — in der Satire
260. — Einfluß seiner Lehre in
den Ostseeprovinzen 482.
dütkemann, Joachim 424.
Lützelstein, Pfalzgrafen von 453.
Luxembourg, Frangçois Henri de
Montmorency, Herzog von, Mar—
schall von Frankreich 504.
Luxemburg, Herrscherhaus 507.
        <pb n="487" />
        Personenregister.

867

Mabillon, Jean 360.
Nacchiavelli, Niccolo 491.
HRäacekeriinck, Maurice 17.
RNaintenon, Frangoise d' Aubigno
Marquise de 208, 576.
Malebranche, Nicole 87.
Hdansard Mansart), Francois,
Architekt 24, 29, 200, 202, 204.
Mardefeld, Axel Arwed von, schwe—
discher General 632.
Mavla, Gattin Wilhelms III. von
England 480.
Mar a, Schwester Karls V., Gattin
dudwigs II. von Ungarn und
Bohmen 508, 530.
Mara Amalig, Gattin Kaiser
Karls VII. 724.
Märia Antonie, Kurfürstin von
Bayern, Gattin Mar Emanuels 560.
Marka Antonie, Gattin des Kur—
fürsten Friedrich Christian von
Sahhsen 20, 8177.
Maria Josepha, Gattin Kurfürst
Friedrich Augusis II. von Sachsen
846, 724.
Mara Margareéta, Gattin Kaiser
Leopolds I. 462f., 560.
Maria Theresia, Deuische Kaiserin
466, 595, 818. — Anhuen 153.
cCharakter 422f., 740, 754, 810ff.
— Ehe mit Kaiser Franz IJ. 728,
310. . Sicherung ihrer Nachfolge
Ai, α α 833, B8-Schuͤlreformen
 186 754. — Ver⸗
valtungstätigkeit 537 703, 706,
i bia 780. — Kämpfe mit
Friedrich dem Großen 734 bis 751,
66 bis 774. spätere, Stellung
u ihm 810 bis 818, 817. — ihre
Aufzeichnungen 753. — ihr Tod 818.
Mara Thedesia, Gattin Lud⸗
igs XV. 462f, 860.
Marino, Giambattista 258.
Marlborough, John Churchill
Lord 571f. 576 f. — Lady Marl⸗
borough 580.
Marobod 405f., 408.
Marot, Clément, Dichter 235.
Rarot, Daniel, Architekt 198.
Martial 261.
Nartin von Kochem, Pater 163.
34tinelli. Architekt 211.

M.

Mascow, Johann Jacob 120, 123.
Agsheson. Johann, Tonsetzer 38,
Matthias, Deutscher Kaiser 5183
529, 532.
Matthias, Michgel, brandenburgi⸗
scher Hofpostdirektor 697.
Maupertuis, Pierre Louis Moreau
de 78, 188.
Maximilian J., Deutscher Kaiser
7. 308. — Regierung Osterreichs
5ief, 517, 523 626f. , 529. —
Adel unter ihm 515.
Maximilian II., Deutscher Kaiser
57. seine protestantischen
Neigungen 530.
NMaxrimitian IJ., Kurfürst von
Bayern 654.
Max'Il. Emanuel, Kurfürst von
Bayern 212, 421, 489, 499, 1347,
A öα, b b, v63, Ses bis
572, 582f., 885, 587.
Maximilian Franz Xaver
Id seph, Kurfürst von Koln, Erz⸗
derzog von OÖsterreich 153, 819.
MarHeinrich, Herzogvon Bayern,
Kuüͤrfürst von Koͤln 469, 474, 496.
Naxrimilian III. Jofseph, Kur⸗
fürft von Bayern 749. — Schul⸗
wesen 186. — sein Tod 814.
Nayer, Tobias, Astronom 78.
RKazarin, Jules 454, 460, 462.
Revdici, Haus, im 18. Jahrhundert
—58
Medici, Gaston, Großherzog von
Toscana 594.
Meisfonier Ernest, Maler 207.
Retanuchthon, Philipp 128. 280.
seine Erziehungslehre 112.
Melissus siehe Schede, Paul.
encke, Gelehrtenfamilie 304.
tencke, Johann Burkhard 810, 312.
Reudelsfohn, Moses 128, 140,
146f., 338 Anm⸗
Mendoza, Don Diego Hurtado de
277.
Mengs, Raphael 225, 367 Anm., 370.
enschikoff, Alexander Danilo⸗
witsch Fürst 641.
Merowinge 410.
Retternich, Lothar Friedrich von,
Kurfürst von Mainz 474.
Meyer, Konrad Ferdinand 319.
        <pb n="488" />
        368

Hersonenregister.

Meyerfeldt, von, schwedischer
General 640.
Meyfart, Johannes Matthäus 168.
Michael, Zar 627.
Michaelis, Johann David, Theo—
loge 155.
Michelangelo 217, 221, 369.
Milizia, aia Künstler 224
Milton, John 29, 322.
Mirabegau, Honoré Gabriel Ri—
queti Graf von 134.
Mohammed IV., Sultan 541.
Moliére, Jean Baptiste 265.
Montaigne, Michel Eyquem de 19.
Montecüccoli, Raimund Reichs—
fürst, Generalissimus 240, 449, 474,
— ——
Montesquieu, Charles de 80.
117, 345.
Montfaucon, Bernard de 360.
Morhof, Daniel Georg, Dichter 8.
258, 310, 312.
Moritz J. von Hessen 21f., 248.
Moritz, Kurfürst von Sachsen 611.
Morosini, Francesco, veneziani—
nischer Admiral 545, 550.
Moscherosch, Joh. Michael 26. 40.
or ff, 281
Moser, Johann Jakob 120.
Moser, Karl Friedrich von 436.
Nysoim— Johann Lorenz von 121,
Mozart, Wolfgang Amadeus 830.
Mühlpforth, Heinrich, Dichter 255
Müller, Joseph Theodor 177.
Münchhausen, Gerlach Adolf
Freiherr von, Kurator der Uni—
versität Göttingen 135.
Nyge llo,. Bartholomé Estéban 222,
277.
Mustafa II., Sultan 556.
Mylius, Abraham van der 236
Mylius. Gottlob Friedrich 305

Netscher, Kaspar, Maler 220.
Neuber, Friederike Karoline, Schau⸗
spielerin 807, 314, 328.
Nenhere Johann, Schauspieler 307,
314.
33 Benjamin, Dichter 29,
Neumann, Johann Balthasar,
Baumeister 211.
Newton, Isaac 64, 71, 77 f. 79,
90, 98, 101, 142f. 150, 779.
Nicolai, Christoph Friedrich 146,
338 Anm., 378.
Nilson, Johaun Esajas, Maler 228.
Novalis fiehe Hardenberg, Friedrich
Leopold Freiherr von.

D.

Oberstein, Herren von 453.
Dldenburg, Fürstenhaus 420 f.,
621f.
Rlorinus, Johannes, siehe
Sommer, Johann.
Iden niederländischer Admiral
44.
Opitz, Martin 229, 286 f., 289 f.,
243ff., 247, 249, 251, 253 ff., 267 *
272f. 275, 280, 284, 301. 309
312, 392.
Dppenort, Gilles Marie, Architekt
206 f., 223.
—43533 Herrscherhaus 456, 565.
Orlando di Lasso siehe Lassus,
Roland de.
Deser, Friedrich, Maler 368.
Osta de, Adriagen van, Maler 222.
Otto das Kind 606.
Drenstierna, Axel Graf 435

B

Nadasdy 540, 546.
Naogeorg, Thomas 259.
Napoleon J. 627, 748. — Russischer
Feldzug 634.
Neander, Joachim 165.
Neer, Aert van der, Maler 222.
Neipperg, Wilhelm Reinhard Graf
don 7361 742

Palffy, Johann Graf 741.
Palladio, Andreaq, italien. Architekt
14, 28, 189, 199 f.
Vonge⸗ Jean Baptiste Joseph, Maler
Patkul, Johann Reinhold von 628,
630 f.
Pauli, Schauspieler 307.
Peine, Kunstgärtner 305.
Perrault, Eläude 29, 224.
        <pb n="489" />
        Personenregister.

869

Perthes, Friedrich Christoph, Buch—
händler 885. h Chesiwbe
Pestalozzi, Johann Heinrich 319.
Peter der Große, Vordringen nach
Konstantinopel 557. — Nordischer
Krieg 628 bis 649.
Peter III., gar 775.
Petrarca, Francesco 21.
Peutinger, Konrad 50.
Pfuhl, Jürgen Adam von, branden—
burgischer General 660.
Philipp von Schwaben, Deut—⸗
scher König 415.
Philipp, Herzog von Orleans 29.
Philipp IV., König von Spanien
462 f., 559 f.
Philipp V., König von Spanien
560, 562, 572, 581, 591 f.
Philipp, Infant von Spanien, Sohn
Philipps V. 751.
Philipp Wilhelm, Kurfürst von
der Pfalz 457f., 469, 496.
Philippi, Johann Ernst, Professor
in Halle 355.
Pietsch, Johann Valentin, Dichter
312, 421.
Pindar 346.
Pipin der Kleine 485.
Pirckheimer, Willibald 50.
Pithöus (Pithou), Peter 19.
Plato 310, 340.
Plettenberg, Walter von, Meister
des Ordens der Schwertritter 481 ff.
Poelenburgh, Cornelis van,
Maler 222.
Poinsot, Louis, Mathematiker 74.
Pompadour, Jeanne Antoinette
Poisson Marquise de 365, 766, 773.
Pope, Alexander 299.
Pöppelmann, Matthäus Daniel,
Architekt 198, 366.
Postel, Christian Henrich 297.
Poussin, Nicolas, Maler 24, 224,369.
Prätorius, Michgel 297.
Premysliden 507.
Priestley, Joseph 101.
Prior, Matthew 299.
Ptolemäus 76.
Pufendorf, Samuel 37, 52, 115,
117, 119, 616.
Pyra, Jakob Immanuel, Dichter
323, 345 f.
Pyrker, Ladislaus 158.

S.

Quast, von, brandenburgischer
General 660.
Quellin, Artus (der Altere), Archi—
tekt 18.
Duevedo y Villegas, Don
Franeisco de 278.
d ault, Philippe, Operndichter
Quintilian 344.

RM.

Rabelais, François 260, 311.
Rabener, Gottlieb Wilhelm 358 ff.
Rachel, Joachim, Satiriker 261.
Racine, Jean Baptiste 24, 257, 345.
Radziwill, Familie 618.
Radziwill, Bogislav Fürst 669.
Agwitt. Nikolaus Fürst (— 1565)
Raffael 221, 369f.
Rakoczy, Adelsfamilie 540.
Rakoczy, Franz II. 570, 573.
Rakoczy, Georg II., Fürst von
Siebenbürgen 445, 541.
N ean⸗ Jean Philippe, Tonsetzer
Ramler, Karl Wilhelm 262, 346, 392.
Ramus (de la Ramée), Petrus 19.
Ratichius, Wolfgang 112f.
Rebhuhn, Paul, dichter 234, 236.
Reimarus, Hermann Samuel 157.
Rembrandt 18, 194, 220, 222,
859, 8387.
Reni, Guido 221.
Revett, Nicolas, englischer Reisen⸗
der 360.
Richardson, Samuel 281.
Riche lie u, Armand Jean du Plessis,
Herzog von, Kardinal 200, 462.
Richelieu, Louis Frangçois Ar—
mand du Plessis, Herzog von,
Marschall von Frankreich 767.
Rist, Johann 59, 251, 297.
Ritschl, Albrecht 177.
Rollin, Charles 829.
Romanow, Herrscherhaus 440, 626.
Nnnede Pierre de. Dichter 237 ff.,
1f.
Roos, Johann Heinrich 222.
Rosa, Salvator, Maler 222.
Rost, Johann Christoph, Dichter 323.
        <pb n="490" />
        370

Personenregister.

R — „Hieronymus, Schöppenmeister
Rottal, Adelsfamilie 514.
Rottmayr, Johann Friedrich,
Maler 221.
sousseau, Jean Jacques 280,
319, 351, 799.
Rubens, Peter Paul 18, 17, 189,
193, 207, 217, 220, 359, 887.
Rueber, Adelsfamilie 514.
Rudnick, Paul Jakob, Dichter 346.
Rudolf I., Deutscher Kaiser 532.
den IV., Herzog von Osterreich
589.
Ruhnke, David, Philolog 340.
Rurik, der Gründer des russischen
Reiches 625.
Rutowski, Friedrich August Graf,
sächsischer General 750.
I3 Michiel Adriaanszoon de

ðleser— Johann Adolf, Dichter
Schlegel, Johann Elias 287, 853 f.,
357, 877.
Schleiermacher, Friedrich Daniel
Ernst 150, 175, 180.
Schleswig-Holstein-Gottorp,
derrscherhaus 622 f., 629.
Schlitz, Georg Heinrich Freiherr
von Schlitz genannt von Göoͤrtz,
holsteinischer, später schwedischer
Staatsminister 689.
Schlüter, Andreas 197, 219, 616.
Schmettau, Karl Christoph Graf
von, preußischer General 774.
Schmid, Konrad Arnold 358.
Schoch, Johann Georg, Dichter 250.
Schönborn, Johann Philipp von,
Kurfürst von Mainz 89, 109, 211,
420, 458 ff., 467.
Schorer, Christoph 274.
Schott, Gerhard 295.
Schulenburg, Familie 691.
Schulenburg, Johann Matthias
Graf von der 550, 586.
Schuppius, Balthasar, Pfarrer
in Hamburg 118, 168, 261, 274.
Zchüttz, Heinrich, Tonsetzer 167,
295, 8333.
Schwartzenberg, Graf Adam von
487 f.
Schwerin, Kurt Christoph Graf
33 preußisch. Generalfeldmarschall
Schwerin, Otto Reichsfreiherr von,
brandenburgisch⸗preußischer Ober⸗
präsident 673.
Schwieger, Jakob 250.
creta, Carlo, Maler 221.
Sceudéry, Madeleine de 281.
Seckendorff, Friedrich Heinrich
Reichsgraf von, österreichischer Feld⸗
marschall 719.
Zemler, Johann Salomo 180,
154 ff. 158.
s enders Johann Christian
Seneca der Ältere 269, 315, 829.
Servandoni, Giovanni Nicolà,
Maler und Baumeister 8685.
Servede, Michael 819.
Shaftesbury, Anthony Ashley
Kooper Graf von 141 ff.

.

Sachs, Hans 280, 288, 264, 267.
—A———
Sannazaro, Jacopo, Dichter 284.
Sarbieski, Mathias Casimir,
Dichter 245.
Scaliger, Joseph Justus (Sohn) 19.
Scaliger, Julius Cäsar (Vater)
227, 237 f.
Scamozzi, Vincenzo, italienischer
Architekt 189, 200.
Scarlatti, Alessandro 291.
Schede, Paul Melissus), Dichter
285, 242.
Scheffler, Johann (S Angelus
Silesius) 163, 249, 253.
Scheits, Matthias, Künstler 288.
Schelling, Friedrich Wilhelm
Joseph von 67, 101, 161.
Schiller, Friedrich von 357. —
seine Sprache 27. — Abhandlung
über naive und sentimentalische
Dichtung 381f. — Kabale und
Liebe 36. — Liebe zur Musik 290.
— Lied an die Freude 301. —
Demetrius 614.
Schinkel, Karl Friedrich 367.
Schirmer, David 250, 258.
Schlegel, August Wilhelm von
314, 339.
Schlegel, Friedrich von 339.
        <pb n="491" />
        Personenregister.

871

nesveare William 265, 322,
Sicius siehe Sivers, Heinrich
Jakob.
idney, Algernon, englischer
Staatsmann 29.
idney, Sir Philip, Schriftsteller
Dr y Philip, Schriftst
Simonides 869.
Sivers, Heinrich Jakob 38585 chier
irrtümlich Sicius genannt
Stawalta, Wilhelm, Graf von
Ehlum und Koschumberg 53.
Sobieski, Jakob 490, 618.
Sobieski Iohann, siehe Johann III.
Sobieski, König von Polen.
Solari, Santino, Architekt 194.
Sommer, Johann (⸗ Olorinus,
Johannes) 6.
inenfe 1s, Joseph von 136, 8385,
Sonnin, Ernst George 288.
Sophie, Kurfürstin von Hannover
40, 565.
Sophie Charlotte, Königin von
Preußen 40, 89, 618.
Sophokles 269, 378.
Souches, de, kaiserlicher General
450, 475, 541.
Soufflot, Baumeister 366.
Sozzini, Fausto 149.
Sozzini, Lelio 149.
Sparr, Otto Christoph Freiherr von,
brandenburgischer General 660.
Spee, Friedrich Graf von 83, 163,
281, 248f.
Spener, Johann Jakob 305.
Spener, Philipp Jakob 130, 168 ff.
176, 386, 895.
Spinoza, Baruch Genedikt) 18,
37. seine Rechtsphilosophie 115f.
seine Woeltanschauung 159.
Spon, Jacques 360.
Stanislaus II. August, König von
Polen 803.
Starhemberg, Guido Graf von,
kaiferlicher Marschall 572f.
Skarhemberg, Gundakar Graf
von 715 f.
Starhemberg, Rüdiger Graf von
548, 555.
Steenbock, Magnus Graf, schwe—
discher General 638f.

Stein, Heinrich Friedrich Karl
Freiherr vom 709.
Sfephanus, Karl 278.
Stertzinger, Martin, Pfleger von
dandeck 569.
Stevin, Simon 18, 64, 68 ff. 79.
Ztosch, Friedrich Wilhelm, Philo⸗
oph 88.
rauch, Lorenz, Maler 222.
rauß, David Friedrich 157.
trudel, Peter, Maler 221.
Stuart, englische Königsfamilie
426, 564.
tuart, James, englischer Reisen—
der 360.
ubenberg, Adelsfamilie 514.
turm, Begte 171.
zurm, Johann Christoph, Philo⸗
'oph 88.
urm, Leonhard Christoph 224.
byrum, Hermann Otto Graf zu
Limburg-Styrum und Bronchorst,
kaiserlicher General 570f.
338 Johann Wilhelm, Philolog
Svarez, Karl Gottlieb, Jurist 798.
Swieten, Gerhard van, Leibarzt
Maria Theresias 136, 754.

F

Tacitus 52, 402ff.
Tallart, Camille Graf von, Herzog
von Hostun 571.
Dasso, Torquato 248.
Tauler, Johann 167.
Taxis, Familie, Postregal, siehe
Tarxissches Postregal (im Sach⸗
register).
elr?mann, Georg Philipp, Ton⸗
setzer 295, 306.
deld, Wilhelm 8320.
Zemanza, Tommaso, Künstler 224.
dersteegen, Gerhard 165.
Dhomafius, Christian 53 115f.,
as ff, 154. 187, 169 181, 274 421.
Thomson, James, Dichter 351.
Thorwaldsen, Bertel 287, 374.
Thugut, Franz Maria Freiherr von,
oͤsterreichischer Staatsmann 817.
Thurn, Adelsfamilie 514.
Tizian 370.
Tzrks1yi,. Adelsfamile 540.
        <pb n="492" />
        372

Dersonenregister.

Lag yi, Emmerich Graf 546f., 554,
Tornow, brandenburgischer Staats—
mann 678.
Trautson, Adelsfamilie 514.
Trenck, Franz Freiherr von der,
Pandurenoberst 145.
Inneim (Trithemius), Johannes
650.
Truch seß zu Waldburg siehe Wald—
burg.
Tschernembl, Erasmus von 704.
Turenne, Henri de Latour d' Au—⸗
vergne Vicomte de 454, 472, 474,
476. 478.

Vondel, Joost van den, Dichter
is, Ii8 260 f.
Vosstus, Gerhard Johannes 12,
286, 266, 315.
Vossius, Isaak 60.
Bouet, Simon, Maler 24, 224.
Vries, Vredeman de, Maler 228.
Waldburg, Graf Truchseß zu,
preußischer Staatsmann 678.
Waldeck, Georg Friedrich Fürst zu
447, 488 f., 508 678.
Waldemar 1IV. Atterdag, König
von Dänemark 622.
Wallenstein (Waldstein), Albrecht
Graf von, Herzog von Friedland
I97, 536
Wallis, General 551.
Warmund, Gottlieb 114.
Wartenberg, Grafvon, siehe Kolbe.
Wasa, Fürstenhaus 430.
Washington, Georg 765.
Watteau, Antoine, französischer
Maler 206 f, 222.299
Weckherlin, Georg Rudolf, Dichter
236, 241.
Veigel, Valentin 67.
Weise, Christian 53, 281, 808 ff.,312.
Weiße, Christian Felix 314, 854.
Welfen 606 f. — im 17. Jahr—
hundert 474.
Wellingk, Graf, schwedischer
Generalstatthalter 640.
Welser, Philippine 36.
Werder, Dietrich von dem, Dichter
241, 248
Werff, Adriaen van der, Maler 54,
222, 299.
Wernicke, Christian, Dichter 29.
297, 8355.
Wesselenyi, Adelssamilie 540.
Vessenberg, Ignaz Heinrich Karl
Freiherr von 153.
Wettin, Herrscherhaus 611f.
Wieland, Christoph Martin 359.
Wilhelm J., Deuͤtscher Kaiser,
Vorgänge in Ems 735.
Wilhelm, Herzog von Bayern 815.
Wilhelm III. König von England,
Prinz von Oranien 456, 473 f.,
180, 488 f. 492, 500. 503 f. 553.
564 ff. 578.

u.

Ulrike Eleonore, Königin von
Schweden 648.
Ungnad, Adelsfamilie 514.
Uz, Johann Peter, Dichter 346, 776.

B

Valckenaer, Ludwig Kaspar, Philo—
log 340.
Valle, Pietro della 326.
Vander-Milius siehe Mylius,
Abraham van der.
Vasari, Giorgio, italienischer Künst—
ler 192.
Vauban, Sebastian le Proͤtre de 486.
Velde, Hubert van der 17.
VBelten, Johannes, Schauspieler
307, 314.
Vendôme, Ludwig Joseph, Herzog
von 567f., 573.
Vergil 237, 239, 246, 372.
Beronese, Paolo 221.
Vetter, Konrad 248.
Bignola, Giacomo Barozzi da,
italienischer Architekt 189.
Biktor Amadeus, Herzog von
Savoyen 501, 504, 574, 5398.
Billars, Claude Louis Hector
Herzog von 568f., 577, 583.
Villerdi, Franz von Neufville.
Herzog von 5867.
Vitruv 860, 363.
Bolta, Jesuitenpater 618f.
Roltaire, Frangois Marie Arouet
de 80, 78 138, 143ff., 157, 240,
344f. 732., 779. 899.
        <pb n="493" />
        Personenregister.

373

Wilhelm VI., Landgraf von Hessen—
Kassel 458. — vess
Wilhelm I. von Oranien 456.
Wilbelm II. von Oranien siehe
Wilhelm II. König von England.
Wilhelm, Prinz von Preußen
(1714 bis 1740) 340.
Wilhelmine, Markgräfin von
Bayreuth 771.
Wilich, Familie 691.
Wilson, Alexander, englischer
Naturforscher 101.
Wiünckelmann, Johann Joachim
80, 860, 368 ff. 373.
Winkler, Benedikt 114.
winterfeldt, Hans Karl von,
preußischer Generalleutnant 770.
Wutt, Jan de 467.
Wolff, Christian Freiherr von 128ff.,
140, 144 7. 147, 308, 806, 732
Wolff, Pankratius, Philofoph 88.
Woligang Wilhelm, Graf von
der Pfalz⸗Neuburg 456.
Wolfram von Eschenbach 279.
v— “ Sir Christopher, Baumeister
Wulifen, Luben von 674
wuültenwever, Jürgen 480.
— — Paul, schwedischer General

3
Zachariä,, Just Friedrich Wilhelm
353, 355 f.
Zachau, Friedrich Wilhelm 329.
zaluski, Andrzej Chrysostom,
Bischof von Ermland 619.
Zampieri, Domenico, Maler 221.
225.
Zaͤpolya, Johann Vater) 509.
3 ne Uya, Johann Sigmund (Sohn)
509.
Zedlitz, Karl Abraham Freiherr
von, preuß. Staatsmann 341, 801.
Zesen, Philipp von 59, 250 f.
253, 273.
Ziegler und Klipphausen,
Heinrich Anselm von 276.
— Hans Joachim von 750.
Mare Julius Wilhelm, Dichter
Zinzendorf, Nikolaus Ludwig
Graf von 176 ff., 249, 886
Zrinyi, Nikolaus GGraf (der Jüngere
1616 bis 1664) 540.
Zrinyi, Peter Graf 546.
dete Johann Heinrich Daniel
—19.
Zwiedineck-Südenhorst, Hans
pon 716 Anm.
        <pb n="494" />
        Altenburg.
Pierersche Hofbuchdruckerei
Stephan Geibel &amp;amp; Co.
        <pb n="495" />
        7
8330
712
250
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rreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 799

nn Grade der Fall war, in bildender Kunst
„) Dichtung, hat sich allerdings der König
Nnere Beziehungen zu ihnen gesetzt; selbst die
ter der Übergangszeit, vor allem ein Lessing,
e ihm bei näherer Kenntnis so nahe hätten
nd ihm fremd geblieben: seit dem Siebenjährigen
vereinsamt und darum bald allein; die Schrift
ure allemandeé“ ist dafür wie für die innere
Einsiedler infolgedessen trotz aller französischen
erkam, ein zugleich grausames und rührendes
Gebiet indessen gab es, wo dennoch, in höchsten
und Neues im Bereiche der königlichen Teil—⸗
wirkung zusammenstieß: das Gebiet der Er—
hier waren auf der einen Seite die päda—
auungen, wie sie Rationalismus und Pietismus
noch frisch und lebenskräftig genug, um auf
einer schöpferischen Schulpolitik zu drängen,
h anderseits die neuen Ideale subjektivistischer
schon sehr früh in pädagogischen Problemen
und, bis auf einen gewissen Grad wenigstens,
Sdealen einer neuen Renaissance, eines Neu—
eder, die ebenfalls zur Betätigung aufforderten.
er Große hat selbst zeitlebens und namentlich
er eine starke pädagogische Ader verraten; auch
r muß er unter die pädagogischen Klassiker
chnet werden. Wie stellte er sich da nun zu
Wechsel der pädagogischen Ideale und Ziele
huten seines Alters? In seinen Ansichten
ein Zug unbedingt hervor: er verabscheute
wie Rousseau so haßte er auch das freilich
ten noch unklare und nebelhafte Streben des
jeden Menschen auf sich, auf Selbstverant⸗
hsten Sinne zu stellen. Aber anderseits war
auch schon weit von den ausgebildeten Theorien
us entfernt. Er war ein viel zu guter Kenner
deren, um zu glauben, daß erzieherische Mächte
51 *

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        <pb n="497" />
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        <pb n="499" />
        <pb n="500" />
        <pb n="501" />
        <pb n="502" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
