Einleitung. verhalfen; nicht mehr als Exemplar seiner Gattung, nicht mehr als Typus bloß wurde das menschliche Einzelwesen be— trachtet. Im Mittelalter hatte der einzelne gegolten eigentlich nur im Kreise seines Geschlechtes und seiner Familie und in der eng genossenschaftlichen Standesgliederung der bäuer⸗ lichen Nachbarn, der Zunftbrüder, der Gildekaufleute, der Universität oder des Klerus, der Ritterschaft oder des Adels; und in seinen religiösen Bedürfuissen vor allem hatte er sich nicht unmittelbar an Gott gewiesen erblickt, sondern war ge— bunden gewesen an die kultischen und sakramentalen Einrichtungen der Kirche. Nunmehr dagegen, seit dem 16. Jahrhundert, stand der einzelne viel freier da in all diesen Beziehungen; die Re— formation stellte ihn dem Christengotte unmittelbar nur noch unter Christi Vermittlung gegenüber, und Familie wie Genossen⸗ schaft umfaßten sein Leben nicht mehr mit der bindenden Be⸗ hormundung früherer Zeiten. So erschien er im wesentlichen schon geistig selbständig und auf eigene Füße gestellt. Aber — und das ist das Bezeichnende der Lage des 16. bis 18. Jahrhunderts — er war isoliert selbständig; es wurde nicht vornehmlich an seine Auswirkung hinein in die Umwelt im Sinne der Betätigung eines lebendigen Subjektes gegenüber dem Objekte der Erscheinungen im Natur⸗ und vor allem im Menschendasein gedacht. Indem die Welt des 16. Jahr— hunderts bis dahin lastende Fesseln abstreifte, zerstörte sie die As der Gebundenheit des Mittelalters her bestehenden all⸗ gemeinen Zusammenhänge der Individuen; und soweit sie die— selben nicht ableugnen und aufheben konnte, wie z. B. im Staate, sah sie in ihnen nur durch den freien Zusammenschluß der Individuen geschaffene Summationen von Einzelkräften ohne eigenes Leben, Massen nur von Individuen, deren Eigenschaft allein darin zu bestehen bestimmt schien, eine Summe zu sein, ohne ein Leben, das darüber hinausging und etwa aus der Tatsache der Gemeinsamkeit als solcher und aus der gemein— samen Durchdringung aller entfaltet war. Es ist der seelische Zustand, der die Möglichkeit zur Entwicklung der absoluten