Üübersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 9 hunderts ausgegangen war, dem Luthertum in der Nutzbar⸗ machung der neuen Seelenkräfte für ihr Gebiet, wie in der Durchsaͤuerung der neuen Kultur mit religiösen und sittlichen Kräften den Vorsprung abgewann; zum Teil mit hierauf be⸗ ruht die Rolle, welche vielfach England, vor allem aber die Niederlande und die Schweiz, sowie auch das protestantische Frankreich in der Geistesges chichte des 16. und 17. Jahrhunderts zespielt haben. Aber auf dem Boden des Luthertums selbst erfolgte eine Reaktion gegen die dogmatische Festlegung des 16. Jahr⸗ hunderts. Freilich nicht in dem Sinne, daß diese selbst nun beseitigt worden wäre; das geschah so wenig, wie die Mystik des Mittelalters auf ihrer Suche nach der Unmittelbarkeit versönlicher Beziehungen zu Gott die Kirchenlehre ihrer Zeit hatte umstürzen wollen. Vielmehr fand man unter An—⸗ rkenntnis der einmal bestehenden Lehre der Kirche in gewissen frommen Kreisen einen unmittelbareren Weg zu Gott. Es zeschah in dem etwa seit 1670 erwachenden Pietismus und einigen ihm verwandten Begleit- und Folgeerscheinungen, nach⸗ dem mannigfache Vorzeichen, die persönlichere Fassung 3. B. von Text und Melodie des evangelischen Kirchenliedes, schon seit etwa 1600 die kommende Bewegung vorgedeutet hatten. Und dieser Strömung auf evangelischem Boden lief eine ähnliche, nur schwächere innerhalb der katholischen Kirche parallel. Es waren Bewegungen, die bis auf einen gewissen Grad den Vorgängen auf philosophischem Gebiete während des 16. und teilweise 17. Jahrhunderts entsprachen; wie in der pan— — einen alle Tore zugleich öffnenden mystischen Schlüssel zur Er— chließung des Alls zu entdecken, so wurde hier der Versuch einer unmittelbarsten noch unabgeklärten, teilweise mystischen Annäherung des Selbstbewußtseins an das Gottesbewußtsein Jewagt. Aber auch auf diesem Gebiete war die weitere Entwicklung durch das Einschlagen mehr rationaler Wege gekennzeichnet. Wäbhrend das Herrnhutertum wenigstens teilweise noch auf