Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 28 vor allem die Talion verschwanden; wo noch das 16. und 17. Jahrhundert gelegentlich die Zunge des Gotteslästerers geschlitzzt oder verschnitten oder den Arm, dem ein Frevel nachgewiesen war, abgehauen hatte, empörte sich das Mensch— lichkeitsgefühl schon des 18. Jahrhunderts. Nun wurden Folter und Verstümmelungen abgeschafft und Untersuchungshaft und Strafhaft unterschieden; und die Strafe erschien nicht mehr lediglich als Rache. Und auch auf die strafrechtlichen Be— stimmungen an sich griff diese Bewegung über, wenn deren Milderung und Veränderung schließlich auch weniger be— stimmten Willenseinflüssen als der sich auswirkenden Folge— richtigkeit juristischer Gedankensysteme verdankt wurde. Doch sieht man von dergleichen Sondererscheinungen ab, so bleibt für das Ganze bestehen, daß das Recht der Teil— nahme des einzelnen an der öffentlichen Gewalt und damit eine der entscheidendsten Willensäußerungen des Individuums unterdrückt erschien zugunsten einer von den Fürsten allein nach besten Zweckmäßigkeitsgrüunden ausgeübten, beinahe rein persön⸗ lichen Macht; noch in Engelhards Versuch eines allgemeinen privaten Rechtes vom Jahre 1756 ist die Wahrung der indivi— duellen Rechte auch im Strafrecht ausschließlich einer absolu— tistischen Staatsgewalt zugesprochen. Daß unter diesen Umständen die auswärtige Politik in steigendem Maße nichts anderes sein konnte als, an heutigen Begriffen gemessen, private Fürstenpolitik, braucht wohl kaum noch ausgesprochen zu werden, wie man denn dieser Entwicklungs⸗ stufe auch den stigmatisierenden Namen der Kabinettspolitik zu geben pflegt; nur der persönliche Wille des Fürsten entschied, und alle sozialen, geschweige denn nationalen Gefühle schwiegen. —ADV unseren Begriffen Deutschland fremde, ja oft deutschfeindliche Politik betrieb; sang- und klanglos wurde der Verlust der Niederlande und der Eidgenossenschaft hingenommen; und die Begeisterung, welche sterreichs große Zeit während des Türkenkrieges oder das Preußen Friedrichs des Großen weckte, beruhte nicht auf einem kräftigen, fruchtversprechenden Anbau