28 Einleitung. Erziehungskunst von der eigentlichen Pädagogik bis zur Straf⸗ rechtspflege eröffneten sich mit den neuen Perspektiven niemals gekannte Aufgaben. Was nun Trieb hieß, sollte nicht mehr unterdrückt, sondern veredelt werden und damit, wenn auch vielleicht ursprünglich verwerflich, doch in Wahrheit ein Teil dessen sein, das stets das Böse ist und stets das Gute schafft. Indem aber so aller Fortschritt menschlicher Bildung auf das spezifische Innere des Menschen abzuzielen begann, wollte der subjektivistische Mensch nur als sittliche und geistige Perfön— lichkeit geschätzt, nicht aber mehr oder doch nur nebenher als ästhetische Erscheinung bewundert werden. Da führte denn ein vollentwickeltes subjektivistisches Selbstbewußtsein zu der Vorstellung, daß man nicht Objekt, sondern durchaus Subjekt sei ästhetischen Genießens, und ein verfeinerter Geschmack verwarf die äußerlichen Mittel persönlicher Wirkung, er— zwungenes Zermoniell und das Abzeichen der Trachten. Die Kleidung ging damit zusehends ins Einförmige, Gleichartige, Nüchterne, Farblose, Unpersönliche über, und nur die Frauen hlieben Verehrerinnen einer an ihren Körper gebundenen praktischen Asthetik. Ja in besonders demokratischen Gesell⸗ schaftssphären ging man noch weiter: die glänzende Uniform wurde, wo sie nicht umgangen werden konnte, zur bloßen Tracht der Amtsstunde, und Prahlen mit Rang und Reich⸗ tum, ja Schönheit erregte Anstoß. Es war eine Richtung der Entwicklung, die nur — und zwar in steigendem Maße — durch eine andere Bewegung scheinbar gegengewogen wurde, welche die Form und damit auch die äußere Lebens— und Daseinsform des Individuums für eine noch sicherere Wehr zum Schutze innerster persönlicher Freiheit erachtete als die Schlichtheit. Und ist die Schlichtheit der Männertracht der letzten Generationen schließlich nicht schon an sich zur Form geworden? Hinter dem im Vergleiche zur Kultur früherer Jahr— hunderte unscheinbaren Außern steht nun aber diese unendlich reiche moderne Persönlichkeit mit der ganzen Tiefe der Er— kenutnis ihres Selbst wie ein Leben, das fast nicht mehr in