Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 29 nur einem Schrankenpaar verlaufen zu können scheint, wie ein Dasein, das kaum noch fähig ist, von einem einzigen Mittel— punkte aus beherrscht zu werden. Und immer in Gefahr, aus Überfluß psychischer Aktualität in sich zu zerfallen, zeigt es in vielen, wenn nicht allen ausgesprochenen Fällen seiner Ent— wicklung die merkwürdige Erscheinung einer gleichsam elliptischen Existenz; neben dem Aktionsmittelpunkt steht ein Mittelpunkt bewußter Beobachtung dieser Aktion, und zwei Seelen scheinen in der einen Brust zu wohnen. Die eigenartigste Folge dieses ständigen Registrierens eines Selbstbeobachtungspostens im eigenen Innern ist zunächst eine merkwürdige Anderung des Wahrheitssinnes: früher mehr moralisch charakterisiert und abhängig von dem Bewußtsein transszendenter Mächte wird er jetzt gleichsam immanent und fatalistisch; ein Sinn der wahrhaftigen Beobachtung von Tat— sachen und Vorgängen, der sich, nicht selten mit im übrigen ausgesprochener sittlicher Indifferenz, ja Gleichgültigkeit, jeg— lichem Menschlichen und Natürlichen in gleicher Liebe zuwendet: eines der tiefsten seelischen Fundamente moderner Wissenschaft. Und auch die Phantasietätigkeit wird unter den Ein— wirkungen dieser Selbstbeobachtung eine andere. Sie wendet sich der bewußten phantasievollen Reproduktion des eigenen Innern zu, und Musik und Dichtung werden Selbstbekenntnis, bildende Künste Ausdruck persönlichen Stiles. Was bedürfte das an der Hand der Poesie Goethes noch weiterer Aus— führung? Goethe aber hat den neuen Standpunkt auch als den literarischen überhaupt des Subjektivismus formuliert: „Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann, ist, daß er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst, auf der jedesmaligen Stufe eigener und fremder Bildung, für recht und nützlich hält.“ Dabei prägt sich der all— gemeine Standpunkt bald in die beiden Möglichkeiten einer naturalistisch und einer idealistisch gewendeten Phantasiewirksam— keit aus, und dem Naturalisten erscheint die eigene Beobachtungs⸗ tätigkeit gegenüber seinem Innern nur als einfache Reproduktion, während der Idealist eine symbolisierende Wiedergabe an—