27 Einleitung. schiedenartiger Charaktere, von den tausend Formen modernen Vereinslebens zu schweigen, werden zum charakteristischen Aus— druck des 19. Jahrhunderts. Dabei glaubte man sich vor allem im Sinne beiderseits verstärkter geistiger Herrschaft über sich und andere fördern zu können. In dieser Richtung äußert sich schon Garve: „Freunde müssen die Beichtväter und Seelsorger voneinander sein . . Und was würde nicht Menschenkenntnis, Philosophie und Tugend dabei gewinnen, wenn oft genug zwei gute und auf sich achtgebende Leute einander alles, was sie von sich und von den anderen gelernt haben, mitteilten.“ Steckt in diesen Worten noch viel von der Lehrhaftigkeit des Rationalismus, so ist doch klar, daß eine solche ständige Disposition wie zu vertiefter Kunst der Menschenbeherrschung, so zu erweiterter Wissenschaft vom Menschen führen mußte. Psychologie ist darum die Losung des Zeitalters: Psychologie von den naiven empirischen Anfängen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zur Experimentalpsychologie und der Psychologie vertiefter Selbstbeobachtung sowie der Soziologie des heutigen Tages. Und schon im Beginne der neuen Zeit werden die weitestgehenden Forderungen auf diesem Gebiete gestellt. Man übt nicht nur Selbstbeobachtung bis zur Hypo⸗ chondrie, um die „Historie des eigenen Herzens“ zu schreiben, man sucht nicht bloß auf dem Wege der Physiognomik der Seelengestaltung durch Zergliederung der äußeren Erscheinung nachzuspüren, man treibt nicht bloß Charakterologie und die Anfänge einer rein beobachtenden Individualpsychologie: Männer, wie Herder, gehen schon weiter. „Da in den neuesten Zeiten,“ heißt es in den Ideen zur Geschichte der Menschheit, „der edle Bemerkungsgeist auch für unser Geschlecht wirklich schon erwacht ist und man von einigen, wie wohl nur von wenigen Nationen Abbildungen hat, gegen die in älteren Zeiten de Bry, Bruyn, geschweige die Missionare nicht bestehen, so wäre es ein schönes Geschenk, wenn jemand, der es kann, die hier und da zerstreuten treuen Gemälde der Verschiedenheit unseres Geschlechts sammelte und damit den Grund zu einer sprechenden Naturlehre und Physiognomik legte.“ Wie viele