36 Einleitung. Es sind seelische Krankheiten oder wenigstens pathologische Auswüchse des Subjektivismus, die am Ende nur dadurch überwunden werden können, daß der einzelne trotz alles Ausdehnungstriebes seine innere Bedingtheit anerkennt, möge er sie nun als praktische Forderung der Zeit verstehen oder aus dem Wesen der menschlichen Seele ableiten: wobei beide Motive im letzten Grunde miteinander zusammentreffen. Und so tritt denn der Erpansion des Subjektivismus ein Streben der Selbstbindung, ein besonders hoher Grad der Selbsterziehung als eine weitere charakteristische Eigenschaft des neuen Zeit⸗ alters gegenüber. Diese Selbstbindung äußert sich auf allen Gebieten: auf denen der Kunst in dem freilich erst spät erfolgreichen Streben nach den Anfängen einer neuen objektiven Stilbildung, wie sie namentlich Architektur und Kunstgewerbe der Gegenwart aufweisen, auf dem der Verstandestätigkeit in der überaus regen Wirksamkeit in der Bildung idealistischer Systeme der Philosophie und in den zunehmenden Regungen kirchlicher Frömmigkeit sowie in den ersten Stadien, da diese neuen Aus— wirkungen erst noch zu erwarten waren, in der merkwürdigen Um- und Heimkehr so vieler besonders freier Geister in die Gebundenheiten des Katholizismus. Am lebendigsten aber und anschaulichsten hat sie sich selbstverständlich doch auf dem Ge— giete der Willenstätigkeit entfaltet. Hier ist das eigentlich Bezeichnende alsbald die Ent— wicklung starker und immer stärker werdender Gemeingefühle gegenüber dem grundsätzlichen Ichgefühl, das Stern und Kern des Subjektivismus zu sein schien. Aber trägt das Subjekt, indem es gegenüber den Objekten der Natur und Menschen⸗ welt lebendig wirksam wird, nicht unauslöschlich in sich eben auch altruistische Gefühle? Und erscheint sich das Subijekt, indem es sich als lebendigen Mikrokosmos betrachtet, nicht jeden Augenblick auch als Durchgangspunkt unendlich vieler, an sich doch auch aktueller Beziehungen, die es mit Natur und Willenswelt verknupfen? Und mußte nicht endlich das zu— nehmende Bewußtsein der auflösenden Wirkungen eines rein