Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 41 kritik des reinen Verstandes hinaus und ist insofern eine Fort⸗ setzung der verhältnismäßig erst spät entwickelten Wertkritik des Verstandes überhaupt, die auf dem Boden der neueren euro— päischen Geschichte eigentlich erst mit Locke und Hume, den großen Philosophen des englischen Subjektivismus, begonnen hat, während ästhetische und ethische Wertkritik viel früher ge— blüht haben. Die Folge dieses Umstandes ist, daß noch heute die Zeitgenossen die Kantsche Verstandeskritik als eine absolute zu betrachten gewohnt sind, während die zeitliche Relativität jeder ethischen oder ästhetischen Wertkritik viel leichter und oft ohne weiteres eingesehen wird. Allein auch jener Verstand, den Kant, vor allem in seiner Kategorienlehre, analysiert hat, ist nur der des angehenden Subjektivismus, und nur in einem durch diese Erkenntnis beschränkten Sinne kann von unserem Philosophen wie einst von Sokrates gesagt werden, daß er die Philosophie vom Himmel gerufen habe. Was Kant erkenntnistheoretisch charakterisiert, ist vor allem die Zerstörung der realen Gewißheit der gegebenen Wirklichkeit. Es ist der philosophische Ausdruck der entwicklungs⸗ geschichtlichen Tatsache, daß die Persönlichkeit der neuen Zeit —0 aktiv wurde im höchsten Grade; es ist das Eingeständnis und die stolze Behauptung, daß der Mensch als ein empfindendes, denkendes Wesen zum mindesten eine Mitbedingung sei alles dessen, was ihm als Wirklichkeit erscheinen mag. Aber bei dieser Kritik des Verstandes, die sich noch bis in die psychischen Bedingungen der Gegenwart hinein als wesentlich zutreffend bewahrheitet, blieb die Untersuchung der menschlichen Seele nicht stehen. Vielmehr wurde schon früh in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunders, wenngleich lang— samer und tastender, auch eine volle Psychologie des neuen Seelenlebens entwickelt. Da hatte man sich freilich erst aus der fein ausgearbeiteten Vermögenslehre des Rationalismus herauszuschälen, und das ist weder Kant noch auch den enthu⸗ siastisch-äfthetischen Anfängen der subjektivistischen Psychologie gelungen, deren später, zum Teil im Zusammenhange mit dem