322 Einleitung. doch vor allem die Musik die führende Kunst. Was haben sie nicht eben die großen Dichter dieser Zeit schon unendlich ge⸗ liebt! Von den Denkern aber hat Leibniz bereits mit allem Ent— zücken von ihr gesprochen, bis sie in späterer Zeit, bei Schopen⸗ hauer z. B., geradezu als wichtiger Bestandteil philosophischer Spekulation in metaphysische Systeme eingegangen ist. In der Tat ist sie insofern die subjektivste aller Künste, als sie mehr als jede andere Phantasietätigkeit nur Symbole von Emp⸗ findungen und Gefühlen schafft, die sich jeder Hörer in sein Gefühl und seine Empfindungen umzusetzen hat: so daß dem Genießenden die vollste Fülle seiner Subjektivität erhalten bleibt, insofern sie aktuell ist und die Umsetzung vornimmt. Die Dichtung dagegen und selbst die Lyrik gibt menschlichen Gefühlen doch stets bereits eine unmittelbar und konkret um— rissene sprachliche Form und prägt also die Empfindung schon mmer mit stärkerer Bezugnahme auf persönliche Auffassung aus. Und insofern zwingt sie den Hörer, sich als Subjekt doch immer bis zu einem gewissen Grade in sie hinein zu verlieren: entspricht mithin nicht in gleich hohem Grade den Anforderungen eines strengen seelischen Subjektivismus. Aber freilich, soweit die Dichtung die Mitwirkung und gleichsam sekundäre Autorschaft und Schöpferkraft des Ge⸗ nießenden in Anspruch nehmen kann, so weit hat sie das in dem neuen Zeitalter auch getan, und gerade im Verfolge dieses Weges besteht seit Mitte des 18. Jahrhunderts ihre innerste Geschichte. Ein erstes, alsbald entwickeltes Mittel war es hier, Dichtung überhaupt als Selbsterlebnis zu empfinden. Damit war nicht bloß ein persönlicher Stil mit dem besten aller Förderungsmittel zu ihm hin eingeführt; der subjektive Dichter durfte auch hoffen, bei den subjektiven Bedürfnissen der Hörer den Anklang zu finden, der das Stehen gleichsam auf dem gleichen seelischen Resonanzboden verbürgte. Unter diesen Umftänden ist es denn nicht zu verwundern, wenn man schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei den Asthetikern, z. B. bei Eberhard, tiefgreifende und einsichtsvolle Bemerkungen über persönlichen Stil und Subjektivismus der