34 Einleitung. noch ein anderes fehlte. Die bildende Kunst bedarf einer ge— wissen Anzahl fesistehender und allgemeiner bildlicher Vor— stellungen, Ideenverbindungen, Symbole, um über die äußere Form hinaus den tieferen seelischen Inhalt einer Zeit zur Anschauung zu bringen. War nun diese Masse konkreter Hilfs⸗ mittel für eine neue Darstellung der bildenden Kunst selbst erst um 1800 bereits geschaffen? Keineswegs — um so weniger, als sich schon das vorhergehende Zeitalter des 16. bis 18. Jahr⸗ hunderts auf diesem Gebiete meist mit Anleihen aus der Antike beholfen hatte. So schleppte man sich denn mit diesen nirgends völlig passenden Anleihen zunächst noch mühsam weiter: und die Gründe, die es veranlassen, daß sich der geistige Gehalt der bildenden Kunst in jedem neuen Kulturzeitalter verhältnis— mäßig spät erst voll entwickelt, wirkten hier fort mit doppelter Gewalt. Endlich mag ein Drittes auch hier schon angedeutet sein. Die soziale Fuhrung der neuen Kultur übernahmen zunächst vornehmlich Kreise des bürgerlichen Mittelstandes: Kreise, die wirtschaftlich nicht in der Lage waren, das Mäcenat aus— zubilden, dessen eine sich reich entfaltende bildende Kunst be— darf, die vielmehr anfangs zumeist der Philosophie und Dichtung lebten und sich später vor allem der Durchbildung der höchsten Willensmomente der neuen Kultur, der Begründung eines subjektivistischen Staates und Rechtes, zuwandten. Auf dem Gebiete der öffentlichen Sittlichkeit und der dem Staate und der Gesellschaft gewidmeten Willenstriebe ist die bei weitem ständigste Eigenschaft des neuen Zeitalters sein Demokratismus, falls man darunter die allgemeine Neigung zu gleichartiger öffentlicher Behandlung und Einschätzung der Individuen versteht. Sehr natürlich; denn eine solche Art demokratischen Sinnes ist eine der unmittelbarsten Konsequenzen des Subjektivismus; Individualitäten als Subjekte können nur mit gleichem Rechte nebeneinanderstehen und werden aus gleichem Rechte alsbald gleiche Lebensgrundlagen und gleiche Voraussetzungen mindestens öffentlichen Wirkens zu folgern und zu fordern bereit sein.