1 Einleitung. Sind aber diese äußeren Ereignisse und andere verwandter Art die eigentlichen Ursachen des Nationalismus? Die Frage bejahen, hieße soviel wie die Erklärung der seelischen Tiefen eines Individuums in den Äußerlichkeiten seines Lebensganges suchen. Nein: weit mehr im unmittelbaren Wesen des Subjektivismus ist der Nationalismus verankert. In subjektivistischen Zeiten führt die steigende Erweiterung des Lebenskreises, in der recht eigentlich sich jedes Subjekt auswirkt und auswirken kann, all— mählich jedem eine unendliche Fülle und Verschiedenartigkeit der debensbeziehungen, den aufeinanderfolgenden Geschlechtern aber zugleich eine ebensolche Fülle und Verschiedenartigkeit der Ver⸗ erbungen zu: eine ungeheuere Durchflechtung der Interessen ist die Folge. Es ist klar, daß ein solches Leben nur in der Freiheit gedeihen kann. Klar ist aber auch, daß es seine Be— grenzung haben muß, soll es nicht dem Siechtum und dem Tode der Zersplitterung verfallen. Dies ist nun die Stelle, wo der nationale Rahmen wirksam wird: er allein noch, in seinem weiten Umfange, hält dies Leben zusammen. Und so erklärt es sich, daß sich auf seine Erhaltung oder, wo er noch nicht erreicht ist, seine Erringung alle großen Interessen einstellen, alle begeisternde Liebe, aller Nationalstolz der Vergangenheit einwirkt. Indem aber der ersehnte oder errungene Gesamt— zustand nicht ohne ungezwungenste innere Bewegung erhalten werden kann, vereinigt sich die Liebe der Freiheit mit der zum Vaterland: werden Nationalismus und Liberalismus zu Kampfrufen des Jahrhunderts. Aber sie sind nicht letzte Worte des subjektivistischen Zeit— alters. Die Jahre nahen, da der Nationalstolz nach er— rungener Einheit und Freiheit von den früheren Schlacken der Bewegung gereinigt wird: nur das Bewußtsein eines be— sonderen Wertes der Nation und besonderer Volksgaben soll er nun noch sein, von Gaben, deren Bestand zu ihrer Entwicklung, ihrer Behauptung und Mehrung in der Welt verpflichtet. Es ist ein Nationalstolz, der, indem er die eigene Nation als be— sondere Persönlichkeit und darum als notwendiges Glied der veltgeschichtlichen Entwicklung erachtet, sich nun auch in neuen,