34 Einleitung. hellenische Renaissance genannt hat, von etwa 1720 bis 1880. Diese Renaissance ist bekanntlich dem Rationalismus und dem Frühsubjektivismus in gleicher Weise eigen gewesen; die Renaissancebestrebungen begannen noch im Zeitalter der Perücke und des Zopfes auf der Grundlage älterer Renaissanceformen ihren Aufschwung zu nehmen, und sie gingen erst lange nach den Freiheitskriegen einer stärkeren Abschwächung entgegen. In der Tat konnten auch Rationalismus und Frühsubjektivismus in gleicher Weise von ihnen zehren. Denn entnahm der Ratio—⸗ nalismus ihrem Einflusse vor allem den Gedanken, daß Kunst und Dichtung lehr- und lernbar seien vom schlichten Gebrauche des Gradus ad Parnassum bis zu den Konzeptionen höchster Phantasie, und begeisterte sich der Frühsubjektivismus ganz im Gegensatze hierzu an der phantasievollen Ursprünglichkeit Homers und dem Genius eines Sophokles, so lag doch beiden Strömungen der Gedanke gleich nahe, im tieferen Fortschritte der eigenen Kultur sich vor allem auf das Vorbild der Alten zu stützen, sich von ihnen fördern zu lassen. Und nebensächlich war es dabei, daß am Ende doch auch für den Subjektivismus das lehrhafte Element überwog, daß dem unter seinem Ein⸗— flusse entwickelten Bedürfnisse nach Kunstgesetzen, nach starker gedanklicher Klarheit, nach bestimmender philosophischer Bildung schließlich ein Zustand folgte, in dem die Sucht der Vertreter der Antike, die Poesie über alle Gebiete des Geistes aus— zudehnen, zu einer pragmatischen Wissenschaft wenigstens des Geistes, und die Neigung, dieselbe Poesie praktisch zu ver— werten, zur Rhetorik führte: denn diese Entwicklung gehört erst dem reifen 19. Jahrhundert und damit einer Zeit an, in der auch der allgemeine mystische Charakter der Frühzeit des Subjektivismus einer anderen Stimmung, dem Realismus der dreißiger bis siebziger Jahre, gewichen war. Eines aber ergibt sich doch auch aus diesen Zusammen— hängen: die sekundären Gegensätze, wie sie soeben nur kurz geschildert sind, während sie sich den beiden ersten Abschnitten dieser Einleitung leicht in der vollen Breite ihrer Wirkung entnehmen lassen, bargen in sich auch schon ein grundsätzliches,