— Einleitung Ausbildung dieses Elementes, in der Verbürgerung gleichsam der Menschen, eine höchste Aufgabe der Kulturgeschichte er— blicken wollen. Wie dem aber auch sei: die Kultur selbst gipfelt sicherlich nicht in dem persönlichen Wohlbefinden des einzelnen, sondern im schöpferischen Zusammenwirken aller; und nur die sozialpsychischen Mächte erhalten das Individuum auf die Dauer in ungebrochener sittlicher Kraft. Insbesondere wird auch die moderne sittliche Lebenssphäre, so sehr sie als eine persönliche der bewußten Ausbildungspflicht des einzelnen überlassen ist, innerlich doch durch die Sozialisierung dieses einzelnen bedingt. Denn jeder hat heute tausend und aber⸗ tausend Beziehungen; und verfolgt er individuelle Zwecke, so ist das unmöglich, ohne tausend Fäden dieser Beziehungen in Bewegung zu setzen: und das heißt: sich sozialer Vermittlungen zu bedienen, die das allgemeine Interesse schon versittlicht hat. Wie anders erscheint gegenüber dieser persönlichen Frei— heit sittlicher Bewegung bei aller Moralisierung der ihr zu Gebote stehenden Mittel die empirische Freiheit der Urzeit! Es war die Freiheit der Recken, der Helden, die wilde Frei— heit der großen Persönlichkeit noch unserer ältesten Helden⸗ fagen. Denn wer ist zu Urzeiten frei? Der Ungebundene. Wohin wir auch schauen in den Urzeiten der verschiedensten Völker und nicht zum mindesten in der Urzeit unserer eigenen Nation, da erblicken wir eine gesellschaftliche und staatliche Kultur, in der der einzelne noch kaum organisches Glied des Ganzen ist: als die Glieder, die Staat und Gesellschaft bilden, erscheinen vielmehr noch Familie und Geschlecht. Innerhalb dieser schon einigermaßen individualisierten, mit besonderen Kennzeichen und Eigenschaften ausgestatteten Verbände aber erscheint der einzelne doch nur als Exemplar und darum noch nicht als individuell, sondern als fungibel. Nichts ist in dieser Hinsicht charakteristischer, als daß es bei Blutrache eines Ge⸗ schlechts gegen das andere dem beleidigten Geschlechte ur— sprünglich gar nicht darauf ankam, den dem anderen Ge— schlechte angehörigen Mörder, sondern überhaupt nur einen Angehörigen dieses Geschlechts dem Rachegedanken zu opfern: