Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 69 eine Auffassung, die, praktisch durchgeführt, natürlich zu immer wiederholtem gegenseitigen Totschlag und damit nicht selten fast zur Vernichtung der Geschlechter führen konnte. Es ist wie ein Kriegszustand von heute; niemand ist des anderen persön⸗— licher Feind; es gibt keine individuellen Beziehungen selbst der Freundschaft und Feindschaft; Masse ist Masse entgegengesetzt. Und wie heutzutage sich ein solcher Ausnahmezustand nur ein— leiten und durchführen läßt bei strengster Drillung der Masse, derart, daß in der Masse, hinter der Uniform die Persönlich— keit verschwindet: so war der gesamte Zustand der Urzeit überhaupt auf solch ein Verschwinden, richtiger Ungeborensein der Persönlichkeit gestellt; in härtesten, allgemein gültigen Ordnungen lebte der einzelne dahin, noch nicht innerlich indivi— duell durcharbeitet und durchpulst, sondern ein Herdenwesen, einer dem anderen gleich, ja sogar äußerlich gleichend; römische Zeugnisse berichten uns von dem Erstaunen, das immer wieder die zum Verwechseln starke Ähnlichkeit der Germanen unter— einander bei den Kulturvölkern des Mittelmeeres hervorrief. Wenn nun eine einzelne Person sich dieser allgemeinen Gebundenheit entwinden konnte oder wenn sie ihr irgendwie entzogen wurde: dann allerdings war sie auch frei: aber frei im Sinne der Ungebundenheit. Keine tiefe innerliche Erziehung aus den Zeiten der Gebundenheit her gab ihr noch Maß und überlegene Bildung; auf Willkür gestellt, war sie wie das Tier, wie ein Wolf, ein Günger des Waldes. Was ihr noch blieb, das war fast nur noch das Moment anererbter Tüchtigkeit; mit ihm mochte sie wuchern. Hält man diesem seelischen Zustande das Bild der sub— jektivistischen Freiheit entgegen, so sieht man wohl den Unter— schied. Das subjektive Leben hat jede äußerliche Gebundenheit abgeworfen, und die Freiheit der Personen zu gehen und zu wandeln, zu tun und zu handeln erscheint, von außen betrachtet, unbedingt. Aber wie ist es doch umgrenzt von sittlichen Handlungsmöglichkeiten, die an sich schon eine Willkür aus— zuschließen scheinen, und denen es sich im Sinne des Gewinnes höherer Variabilität und Verselbständigung anzupassen hat. Und