Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 85 Fragen des neuen Lebens, die auf sittlichem und rechtlichem Ge— biete eine normative Bindung und eine Festigung zur Freiheit zugleich der subjektiven Persönlichkeit zur Folge haben mußte. So ist es denn diese Zeit gewesen, die in manchem Betracht die frohe Erbin all der nun zu reiferem Ergebnis gediehenen Mühen der vorhergegangenen Phasen des Subjektivismus ge— worden ist: in ihr gewann das Sehnen der Väter Gestalt, und die bisher enthusiastisch gemeinte Freiheit erwuchs in einer den Bedürfnissen der Nation angepaßten Form, wenn auch noch nicht zur Wirklichkeit, so doch schon zu einem klarer und klarer umschriebenen, der Wirklichkeit sich nähernden Ideale. Da begreift es sich denn, wenn bis in diese Jahrzehnte hinein bieles von dem geistigen Tone gleichsam der früheren Phasen des Subjektivismus fortlebte: noch war man gefühlsinnig und weich, geistvoll und empfindungsreich, den Interessen vor allem der höchsten geistigen Zivilisation und in erster Linie wiederum der dichterischen und philosophischen Kultur zu— gewendet: es sind die Jahre der ästhetischen Tees, der breiten Briefwechsel, die Blütejahre der Leihbibliotheken. Aber so sehr in dieser Zeit neue Dominanten des Lebens für Kunst und Wissenschaft, für Individuum und Familie und in gewissem Sinne auch für die Gesellschaft gefunden wurden: in dem herben Bereiche des öffentlichen Lebens, in der Ver— wirklichung eines neuen Staats- und zugleich des Einheits— ideales scheiterte die Zeit. Es wird später eingehend zu erzählen sein, wie das ge— schah, und welches die inneren Gruünde des Mißerfolges im einzelnen waren, sowie in welcher Weise die Führung der preußischen Politik die Unfähigkeit der Nation schließlich wenig— stens zum Teile ausglich: hier muß nur betont werden, daß der allgemeine Verlauf des deutschen Seelenlebens nach etwa 1850 die Wiederaufnahme von Versuchen politischer Neubildung durch die Nation selbst sehr unwahrscheinlich machte. Denn mit der Kultur des Realismus hatte sich der Subjektivismus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der ersten Jahr— zehnte des 19. Jahrhunderts in seinen eigensten Formen aus—