88 Einleitung. wenn auch nicht in der persönlichen Größe des Schaffens, so doch in dessen Gesamttendenz merkwürdige Analogien zeigt zu den Tagen des Klassizismus? Bilden doch selbst die neuesten physiologischen und psychologischen Untersuchungen zum Seelenleben nur die Kantsche Erkenntnistheorie weiter; knüpft doch, um ein ganz disparates Gebiet heranzuziehen, die jüngste kriminalistische Bewegung an Ideen aus dem Ende des 18. Jahrhunderts an; ist doch Herder der Führer fast aller jener neuen Richtungen der geisteswissenschaftlichen Forschung, denen heute die Zukunft siegversprechend zuwinkt. In zahl—⸗ reichen Beziehungen also erscheint diese neue große Periode des subjektivistischen Zeitalters im Sinne einer nur auf eine höhere Stufe gehobenen Analogieentwicklung zu der früheren; und es bleibt schon heute nichts mehr übrig, als das Zeitalter des Subjektivismus demgemäß in zwei große Perioden zu zer— legen: eine erste der Jahre 1730/1750 bis etwa 1870 und eine zweite der Jahre 1830/,1870 bis hin zur Gegenwart. Ist es aber Aufgabe der Geschichtsschreibung, auch schon Umfang und Entwicklung der zweiten Periode darzustellen? Man kann am Ende zweierlei Aufgaben der Historie unter— scheiden: die eine bestände im Festhalten des geschichtlichen Momentes und widmete sich so wesentlich der Gegenwart, der anderen fiele die monumentale Darstellung des mehr schon Vergangenen zu; die eine schüfe gleichsam auch Material für die monumentale Geschichtsschreibung der Zukunft, die andere brächte die Auffassung der Zeitgenossen von der Vergangenheit zum treffendsten Ausdruck; von der einen würde gelten, daß sie als historische Quelle ständig fortfließend gleichsam zeitlos und jedenfalls über ihre Zeit hinaus lebt, auf die andere würde, wenn auch in begrenztem Sinne, das resignierende Wort zutreffen, daß die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht. Unterscheidet man in dieser Weise, so sieht man wohl, daß es eine Zielveränderung bedeuten würde, käme auch die jüngste Vergangenheit unseres Volkes, die Entwicklung der zweiten Periode des Subjfektivismus, in dem hier gegebenen Zusammen—