Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 237 Ließen ältere Zeitgenossen den Willen noch auf gut rationa— listisch vom Verstande abhängen, so gab ihm eine Partei des Überganges schon eine besondere Widerstandsfähigkeit gegen erregende Vorstellungen; noch weiter Fortgeschrittene verliehen ihm das Vermögen, seine Beweggründe selbst zu schaffen oder wenigstens zu verändern; die Leute des ganz Neuen aber, der vollendeten Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges riefen: „kein Mensch muß müssen“; „man kann, was man will,“ und Hamann verkündete triumphierend: „Der freie Wille ist das Höchste, das Schöpferische in Gott und im Menschen,“ und selbst Sprache und Volkspoesie erschienen ihm als dessen Geschöpfe. Von dieser Entwicklungsreihe her ergab sich nun zunächst, gleichsam als eine erste Stufe subjektivistischen Selbstbewußt⸗ seins, die Vorstellung eines Genius, die niemand besser um— schrieben hat als Herder in einem berühmten Briefe an seine Braut Karoline Flachsland. „Ich glaube, jeder Mensch hat einen Genius, das ist, im tiefsten Grunde seiner Seele eine gewisse göttliche, prophetische Gabe, die ihn leitet . . . . Das war der Dämon des Sokrates, er hat ihn nicht betrogen, er betrügt nie; und er ist so schnell, seine Blicke so fein, so geistig, es gehört auch zu ihm so viel innerliche Treue und Aufmerksamkeit, daß ihn nur achtsame Seelen, die nicht aus gemeinem Kot geformt sind und die eine gewisse innerliche Unschuld haben, bemerken.“ Es ist jenes aristokratische Daimo— nion, das u. a. Goethe von Herder übernahm: Wen du nicht verlässest, Genius, Nicht der Regen, nicht der Sturm Haucht ihm Schauer übers Herz. Es ist der Genius zugleich, von dem Klinger rühmt, daß er, in Sturm und Drang, mit Feuerströmen in ihm brause. Hamann ist dann wohl der erste gewesen, der einen klaren Begriff von diesem Genius hatte, wenn er substanziert und damit zur vollen Person, zum Genie erweitert auftrat. Genie ist ihm jemand, der seine verborgenen Kräfte unbewußt wie die Natur entfaltet, dessen Schaffen aus der Seele, nicht aus