Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 239 Kein Wunder, wenn dieser Übermut selbst an den Tüch— tigeren schon bei Lebzeiten von den Göttern gestraft wurde. Um im Bereiche nur der Dichtung zu bleiben, so kennt man das furchtbare Schicksal von Lenz; Maler Müller verkam moralisch; Leisewitz verfiel hypochondrischer Grübelei; Bürgern richtete sein simnlich gewendetes „neues Herz“ zugrunde. Und wie erging es gar solchen Genies, die nicht einmal die Grund— lage einer freien, aber doch noch geregelten Betätigung, wie sie die Beschäftigung mit der Dichtung darbot, einem festeren Lebensaufbau zugute kommen lassen konnten. Christoph Kauf⸗ mann, der „wellenhaarige Kraftapostel“, der Liebling Lavaters, einer der typischsten Vertreter dieser Zeit, ein Routinier des Sturmes und Dranges, mindestens schon Charlatan, vielleicht geradezu Schwindler, ist schließlich elendiglich zugrunde ge— gangen; das Los manches anderen war, günstiger, eine ver⸗ diente Vergessenheit. In den achtziger Jahren aber war dieser Taumel im Weichen. Die Sache wurde jetzt vulgär, und das war natür— lich ihr Ende. „Den glänzenden Namen Genie erhält man bald und wohlfeil,“ heißt es im Jahre 1783. „Eine kleine Portion deutscher Lektüre, ein Wips ins Schauspiel, hier Possen oder Deklamation weggehascht, aus jedem Studio ein paar Kunstwörter, aus Dichtern und Reisebeschreibungen aller Zeit eine Periode auswendig gelernt, die Miene eines Ver— ehrers der Kunst angenommen, so wie man ein Buch sieht oder nennen höret, es zu kennen scheinen, von großen Männern wie von Dummköpfen sprechen, anmaßlich über alles, was auf Erden ist, urteilen, einen Roman über Geniesucht schreiben, die Bühne zu bereichern nicht vergessen, die Werke eines ver⸗ storbenen großen Dichters sammeln und mit seinen eigenen Gedichten durchwässert herausgeben, das Publikum heimlich betrügen, Musenalmanache und Journale mit Beiträgen unter— stützen, die Dame seiner Gedanken in ungereimten Versen oder Epigrammen der Nachwelt bekannt machen, mit seichtem Raisonnement eine Gesellschaft unterhalten, einen witzigen Einfall so lange brauchen, bis man einen anderen gestohlen