288 Zweiundzwanzigstes Buch. Ton der alten Frömmigkeit des 16. Jahrhunderts gemildert wurde, der sich vielfach noch tief bis ins 18. Jahrhundert hinein erhalten hat. Der Vater führte ein patriarchalisches Hausregiment, und der ihm gebührende Gehorsam äußerte sich noch in festen Formen: „Herr Vater“ ist noch die herzlichste An— rede; Georg Friedrich Behaim aber redet noch 1635 seinen Vater brieflich folgendermaßen an!: „Edler, Ehrenwerter, Fürsichtig-, Hoch- und Wohlweiser, demselben kindliche Lieb treu vnd ge— horsamb neben frl. Salutation mit wünschung aller zeitlichen vnd ewigen wolfarth zuvor, Insonderß Hochgeehrter Herr Vatter.“ So ist auch die Stellung der Mutter gegenüber den Kindern, soweit sie durch den Vater bestimmt wird, eine sehr autoritäre, er spricht von ihr dem Kind gegenüber von „Deiner Frau Mutter“. Das hält nun freilich die Mutter nicht ab, sich im all— gemeinen mit den Kindern gegenüber dem Vater mehr solida— risch zu fühlen, wie das typisch noch in der Ehe des kaiser⸗ lichen Rates Goethe hervortritt. Der Grund ist einfach: gegen⸗ über dem Gatten spielt auch die Gattin eine untergeordnete Rolle. Denn mochte sie selbst rechtlich besser gestellt sein als im Mittelalter, immer war sie im Grunde daheim doch nur die Dienerin des Mannes, und außerhalb des Hauses erschien sie kaum ohne dessen Begleitung. Dazu war das Heim keines— wegs häufig geistig belebt; so sehr es noch Pflanz⸗— und Traditionsstätte von deutschem Gemüt und damit Humor und unbewußt nationalem Empfinden war, so entschieden fehlte doch eine höhere Bildung: abgesehen von den wenigen Mädchen, die von ihren gelehrten Vätern zu Neulateinerinnen erzogen wurden, sorgten nur die Mütter auf dem Wege dürftiger geistiger Inzucht für die Bildung ihrer Töchter. Der Verkehr nach außen hin aber galt weder als fein noch war er einiger⸗ maßen frei; er begrenzte sich auf gesellige Zusammenkunfte im weiteren Kreise der Familie oder der Freundschaft; dafür galten steife Formen von Urväter Zeiten her, und wo diese nicht be— Steinhausen, Gesch. d. deutschen Briefes 2, 62.