292 Zweiundzwanzigstes Buch. „Die Frauen müssen wohl prüde bleiben,“ heißt es im Athenäum, „so lange Männer sentimental, dumm und schlecht genug sind, ewige Unschuld und Mangel an Bildung von ihnen zu fordern. Denn Unschuld ist das Einzige, was Bedeutungs⸗ losigkeit adeln kann.“ Und an anderer Stelle des Athenäums findet sich schon die folgende Würdigung: „Die Frauen haben durchaus keinen Sinn für die Kunst, wohl aber für die Poesie. Sie haben keine Anlage zur Wissenschaft, wohl aber zur Spekulation. An Spekulation, innerer Anschauung des Un— endlichen fehlte es ihnen gar nicht, nur an Abstraktion, die sich weit eher lernen läßt.“ Eine merkwürdige Ähnlichkeit des Urteils verknüpft diese Stelle mit Beobachtungen, die man für die deutsche Urzeit machen kann, da die Frauen zum großen Teile noch Trägerinnen der geistigen Überlieferung der Nation waren: wer wird in diesem Zusammenhange nicht an das taciteische Aliquid sancti erinnert? Freilich: die Lockerung der geschlossenen Familienbande und die erste subjektivistische Emanzipation der Frauen, Ereig— nisse von segensreichster Wirkung für die Fortbildung der Nation hinein in ein neues Zeitalter, waren nicht frei von bedenklichen Nebenerscheinungen. Schon während des Dreißigjährigen Krieges und nach ihm war unter der Decke einer rigorosen Sitte vielfach Sitten⸗ losigkeit eingerissen. Ein Geschlecht, das die schmutzigen Romane Talanders und seinesgleichen las und die Schlüpfrigkeiten der zweiten schlesischen Dichterschule gierig verschlang, muß innerlich Mangel an wahrer Moral gelitten haben. Und in der bürger⸗ lich-aristokratischen Kultur, die sich nunmehr einstellte, begann sich sehr bald eine Atmosphäre offener Frivolität zu entwickeln: nichts charakteristischer, als daß von Rohr in seiner Zeremonial⸗ wissenschaft (1730) schon von dem Uberhandnehmen der „Ge— wissensehen“ sprechen kann. Und wirkte um diese Zeit nicht auch die steigende Mätressenwirtschaft der Fürsten auf Bildung und Bürgertum ein? Auf diesem Grunde erwuchs in der Zeit entfesselter neuer Regungen des Seelenlebens, vornehmlich seit den sechziger