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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Lamprecht</surname>
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78

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        Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte.

übersicht der Einteilung des Gesamtwerks.

Abteilung und Inhalt

Band!

Der
ganzen
Reihe
Band

Buch

'ahl der
dapitel
in den
Büchern

Zäsur-Abschnitte

.Bc“verk.
. Urzeit und Mittel—
alter.
Symbolisches, typi—
sches und konventio—
nelles Zeitalter.

.
2.
3.

ĩ.
II.
III.
IV.

1. 2.3. 4. 2.8. 2.3.
5. 6. 7. 3. 4. 8.
8. 9. 10. 8. 4. 3.
1. 12. 13.3. 4. 3.

4

J Neuzeit.
Individuelles Zeit⸗
alter.

1. 2.

V, 1. 2.
VI.
VII. i. ↄ.

4. 15. ie 4. 4.
17. 18. 4. 4.
19. 20. 21.

2.
3. 1. 2.
III. Neueste Zeit.
Subjektives Zeitalter,
erste Periode.

l. 1. 2.

VIII, 1. 2.
IX.

X.

XIL, 1. ⸗.

22.
28.
24.
25.

5.
2.
3.
4.1. 2.

.
5.
5.

Registerband.

XII.

B Cqre? ungs werk.
. 2.3. 4. 6. 6. 6.
5. 6. 7. 8. 6. 6. 6. 6.

Jdüngste Vergangenheit.
Zubjektives Zeitalter,
Anfaͤnge der zweiten
Periode..

4

Einleitung.

Einleitung.

Finleitung.

EFinleitung.

Schluß.

Finleitg. Umschau.
Umschau, Schluß.

Erschienen sind: vom Hauptwerke Band J bis VIII einschließlich, vom Er⸗
gänzungswerke das Ganze. Die noch fehlenden Bände IX bis XII des Hauptwerkes
sind in wenigen Jahren zu erwarten.
        <pb n="5" />
        Deutsche Geschichte

Karl Lamprecht.

Der ganzen Reihe achter Band.

Erste Bälfte.

Erste und zweite Auflage.

Ireiburg im Breisgau.
Verlag von hermann Hepfelder.
1906.
        <pb n="6" />
        Deutsche Geschichte

Rarl Lamprecht.

Dritte Abteilung:
Neueste Seit.

Zeitalter des subijektiven Seelenlebens.

Erster Vand.

Erste Bälfte.

Erste und zweite Auflage.

Ireiburg im Breisgau.
Verlag von hermann Hepyfelder.
1906.
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        Alle Rechte vorbehalten.

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8*
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R.

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2
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Altenburg
Pierersche Hofbuchdruckere
Stevhan Geihel &amp; Co.
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        A

Einleitung.
Übersicht über den inneren Verlauf des indivi—
dualistischen Zeitalters....— PF
Allgemeiner Charakter des Seelenlebens des 16. bis 18. Jahr
hunderts. Seine Perioden. Entwicklung der einzelnen Seiten
des Seelenlebens: Sitte, Weltanschauung und Glaube:
Wissenschaft; Phantasietätigkeit (bildende Kunst, Dichtung
Mufik); Willenstätigkeit (Verfassung, äußere Volitik). Grund
ergebniffe.
Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters
Zentralerscheinungen: Freistellung der Perjfönlichkeit; Über⸗
stromen der Perfönlichkeit in die Umwelt; Selbstbindung
der Persönlichkeit. Wichtigste Auswirkungen: auf dem Ge—
biete der Verstandeskätigkeit (Verständnis des eigenen Juneren:
Erkenntnistheorie, Psychologie; Beherrschung der Natur- und
Menschenwelt: Aniverfalismus, Historismus; Verhältnis
zum Kosmos und überweltlichen: Philofophie, Religion) —
auf dem Gebiete der Phantasietätigkeit (Musik, Dichtung,
bildende Kunst) — auf dem Gebiete der Willenstätigkeit (Ent—
wicklung des Demokratismus, Kosmopolitismus und Nationa⸗
lismus).
Das subjektivistische Zeitalter in seinem Ver—
hältnis zu den früheren Kulturzeitaltern der
deutschen Geschichte, insbesondere zum indivi—
dualistischenn.. 6*
Subjektivismus und Individnalismus: sekundäre und
— Subjekti⸗
bismus sowie Individualismus in ihrem Verhältnis zu den
Kulturzeitaltern der Urzeit und des Mittelalters: zur Urzeit
zunächst, dann zum Mittelalter. Zum inhaltlichen und
erkenntnistheoretischen Charakter der Kulturzeitalter über—
haupt. Allgemeinster Sinn der geschichtlichen Entwicklung. —
Kurze Übersicht über die Epochen und Perioden des sub—
jektivistischen Zeitalters von der Mitte des 18. Jahrhunderts
bis zur Gegenwart. Begrenzung der Erzählung auf die erste
Periode des Zeitalters (ca. 1750 - 1870).

J

1T1

Seite
3224

24-6

61290
        <pb n="9" />
        1]

Juhalt.

Zweiunndzwanzigstes Buch.
Erftes Kapitel. Entstehung und erste Enlwicklungsperiode
des modernen Würgertums. otde

L.Verfall des alten Bürgertums: Verfall des
Handels..... * . 93-111

Unterschied zwischen mittelalterlichem und neuzeitlichem
deutschem Bürgertum: Verfall des alten Handels, insbesondere
auch am Rhein, aus heimischen Gründen: Feindfeligkeit der
Fürsten, Gleichgültigkeit und Unfähigkeit des Reiches, Un⸗
einigkeit des Bürgertums; spezieller Verlauf der Entwickluug
im Südoften. Verfall des Handels infolge internationaler
Einwirkungen: allgemeine Wandlungen des Welthandels X
dent 16. Jahrhundert, Einwirkungen der Engländer im Norden
ind innerer Verfall der Hanse; Verfall der jüddeutschen Geld—
mächte. Einwirkungen des Dreißigjährigen Krieges; Verfall
auch des Warenhandels.

II. Verfall des alten Bürgertums: Verfall der In—
dustrie. Lage der wichtigen Städte des 16. Jahr
hunderts im 17. und 18. Jahrhnndert *

Entwicklung der Manufaktur im Gegensatze zum Zunft⸗
wesen vom 14. bis ins 16. Jahrhundert: Entstehungsgründe
und verschiedenartige Formen, Ausbreitung auch auf das
blatte Land bis zum 16. Jahrhundert, Aussichten weiterer
Entwicklung gegen Schluß der Periode. Entwicklung uud
Verfall des älteren Zunftwesens und der Gesellenverbände
bis gegen Schluß mindestens des 17. Jahrhunderts. Rück⸗
wirkung auf die großen Städte der früheren Zeit, insbesondere
die Reichsstädte in Wirtschaftsleben, sozialen Zuständen und
Verfafsung.

III. Reste und Weiterbildungen der alten Blüte:
Städte der nördlichen und füdlichen Grenzen 1831-141

Motive der befonderen Entwicklung dieser Städte. Spezielles
über die Ost- und Nordfeestädte, Kulmination der Entwicklung
dieser in Hamburg. Die oberrheinischen und schweizerischen
Städte, insbesondere Zürich und Basel.

1V. Eutwicklung eines neuen Haudelsstandes in den
Broßstädten des mittleren Deutschlands . . . 141-158

Aufblühen eines mitteldeutschen Handels seit Ausgang
des Mittelalters: die Straßen Fraukfurt —,Halle, Köln⸗—
        <pb n="10" />
        Inhalt.

VII

Seite
Braunschweig — Leipzig —¶Breslau, Nürnberg —Leipzig — Ham⸗
burg und ihre Bedeutung. Emporblühen der Städte dieser
Handelswege, insbesondere Frankfurts und Leipzigs. Schick⸗
sale der Handelsstellung Frankfurts und Leipzigs vom 16.
zum 18. Jahrhundert.

7. Die Entwicklung der Manufaktur in den nächsten
Menschenaltern nach dem Dreißigjährigen Kriege 153-166

Allgemeine Lage im 16. Jahrhundert und nach dem
Dreißigjährigen Kriege. Autonome Bildungsformen der
Manufaktur: ländliche Manufaktur ursprünglich kleiner
Meister mit Hausiererverlegern; hausindustrielle Manufaktur
städtischer Kapitalisten auf dem platten Lande; günstige Ent⸗
wicklung beider. Fürstliche Förderung der Manufakturen,
vornehmlich z. B. in Hfterreich. Grenzen des Erfolges einer
solchen Förderung. Unterschiede der katholischen und der
protestantischen Länder in der Förderung der Manufaktur.
Bedeutung der Refugiés für die Entwicklung der deutschen
Industrie bis hinein ins 18. Jahrhundert.

VIJ. Erster Aufschwung in der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts; Umgestaltung der Zunft und
Reglementierung der Manufakturen . · 7

Entwicklungsgeschichtlicher Charakter von Zunft und
Manufaktur um 1700; leiser Aufschwung des Wirtschafts⸗
lebens. Die Zunftreform seit den zwanziger Jahren des
18. Jahrhunderts: Eingriffe des Reiches in die Gesellen—⸗
verfassung, territoriale Gesetzgebung; freiheitliches Wesen der
Reform. Die Reglementierung der Manufaktur: innere
soziale Durchbildung der Manufaktur, Drang nach größerer
Freiheit bei Unternehmern wie Arbeitern; territoriale Politik
gegenüber den Mannfakturen, Regalisierung, Reglementierung,
Charakter und soziale und wirtschaftliche Einzelbestimmungen
des Reglements.

166—179

Zweites Kapitel. Neue Geseslschast, neues Seelenleben.
lL.Allgemeiner Entwicklungsgang der neuen bürger—
lichen Schichten . . 180 - 200
Genereller Verlauf der Entwicklung des Wirtschaftslebens:
erste Periode des Zeitalters der Unternehmung; Charakter
dieser Periode. Um⸗ und Ausbildungen des Bürgertums: die
zürgerliche Aristokratie der ersten Hälfte, ihr Verfall in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts; Entwicklung der mitt⸗
leren Klafsen seit dem dritten Jahrzehnte des 18. Jahr⸗
        <pb n="11" />
        VIII

Inhalt.

Seite
hunderts, ihre Zusammensetzung, ihre Blüte in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts, ihre Bedeutung für das Geistes—
leben. Anteil der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung
überhaupt an dem seelischen übergange zum Subjektivismus.
Entwicklung der gebildeten Gesfellschaft des 18.
aund 19. Jahrhundertzsszs..
Allgemeiner Charakter und generelle Entwicklung dieser
Bildung. Die soziale Rekrutierung der Gebildeten im 18. Jahr—
hundert: Bürgertum, Bauerntum, Gelehrte, Beamte, Adel,
Fürsten. Bürgerliche Grundlage. Intellektualistischer Kern
m Verhältnis zu den früheren Formen geistiger Gesellschaften.
III. EUmpfindsamkeit und Sturm und Drang.. ...
Verlust der alten seelischen Dominante überhaupt. Psychische
Dissoziationen infolge Gleichgewichtsstörung durch ein Über—
maß neuer Reize. Störungen des Strebens und Wollens.
Störungen des Anschauens und Urteilens. Neue Empfindungs—⸗
nuancen. Mischgefühle. Ausgang.
lV. Neue Anschauung, neues Urteil....*
Fremde Einflüsse und ihre Bedeutung. Neue Anschauung
der Natur: Erweiterung der Naturanschauung, Umgestaltung
des inneren Verhältnisses zur Natur. Neue Anschauung der
Menschen: Annäherung der Menschen untereinander, Freund—
chaftsgefühle, Menschenkenntnis und Pfychologie, natura—
listisches Verständnis des erweiterten Seelenlebens. Neuer
Naturalismus überhaupt: in Dichtung, Kunst, Wissenschaft.
Umgestaltung des Naturalismus zum Idealismus: neue
isthetische Dominanten.
Neues Fühlen und Wollen, neue Frömmigkeit
und Sittlichkeitt......270302
Auflösung der alten sittlichen und religiösen Dominanten.
Neue Frömmigkeitsgefühle: freie Entwicklung, Entwicklung
auf dem Boden der Kirche, vornehmlich des Luthertums.
Neue ethische Bestrebungen: sittliche Gärung hin zu neuen
Gefühlen der Liebe, der Freundschaft, des Kosmopolitismus;
Rückwirkung auf die bestehenden sittlichen Institutionen, ins—
besondere die Familie (Frauenemanzipation); neue theoretische
Synthese innerhalb des Bereiches der Einzelperjfönlichkeit,
noch nicht darüber hinaus in sozialpsychischem Gebiete;
oraktische Synthese in der Erziehung (früheste Ideale, Philan—
thropinismus, Gymnasialbildung).

200 -230

230 -250

250- 270
        <pb n="12" />
        Einleitung.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1.
        <pb n="13" />
        <pb n="14" />
        Vom Eintritte in das Zeitalter des Subjektivismus ab
hat unsere Erzählung über Jahrzehnte und jetzt schon Jahr—
hunderte nationaler Geschichte zu berichten, die namentlich in
ihrem Anfange gleich herrlich und von mindestens gleich großer
veltgeschichtlicher Bedeutung waren wie die der Reformation
und die der schönen Kaiserzeit des Mittelalters. Um wie viel
näher aber liegen diese Zeiten dem lebenden Geschlechte! Und
wie gut überschauen wir für sie Keime des Werdens, Wachstum,
Fruchtansatz und Reife!

Es sind Zeiten von einer Bedeutung, daß sich ihnen der
Historiker nur mit scheuem Schritte nahen wird; und wohl mag
ihm zumute werden wie Mose, da er die Schuhe auszog: denn
dieser Ort ist heilig. In früheren Jahrhunderten würde er in
derdoppelter Inbrunst die Muse angerufen haben. Und auch
heute werden wir in keinem anderen Gefühle als dem der Ehr—
furcht von den geistigen Großtaten zunächst der Männer der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hören wollen, jener Ahnen,
deren persönliches Gedächtnis, von Enkel zu Enkel überliefert,
teilweis auch heute noch nicht verschwunden ist, deren Gestalten
jedenfalls schon Fleisch waren von unserem Fleisch und Geist
von unserem Geiste.

Vergegenwärtigen wir uns, bevor der Versuch gemacht
wird, eine allgemeine Charakteristik des subjektivistischen Zeit⸗—
alters in seinen hauptsächlichsten Zügen zu geben, noch einmal
kurz das geistige Wesen des Individualismus, der Zeiten also
vom 15. bis zum 18. Jahrhundert.

Man kann von ihnen sagen, daß sie den einzelnen Menschen
schon als Individuum kannten und ihm als solchem zum Leben

1 2*
        <pb n="15" />
        Einleitung.
verhalfen; nicht mehr als Exemplar seiner Gattung, nicht
mehr als Typus bloß wurde das menschliche Einzelwesen be—
trachtet.
Im Mittelalter hatte der einzelne gegolten eigentlich
nur im Kreise seines Geschlechtes und seiner Familie und
in der eng genossenschaftlichen Standesgliederung der bäuer⸗
lichen Nachbarn, der Zunftbrüder, der Gildekaufleute, der
Universität oder des Klerus, der Ritterschaft oder des Adels;
und in seinen religiösen Bedürfuissen vor allem hatte er sich
nicht unmittelbar an Gott gewiesen erblickt, sondern war ge—
bunden gewesen an die kultischen und sakramentalen Einrichtungen
der Kirche. Nunmehr dagegen, seit dem 16. Jahrhundert, stand
der einzelne viel freier da in all diesen Beziehungen; die Re—
formation stellte ihn dem Christengotte unmittelbar nur noch
unter Christi Vermittlung gegenüber, und Familie wie Genossen⸗
schaft umfaßten sein Leben nicht mehr mit der bindenden Be⸗
hormundung früherer Zeiten. So erschien er im wesentlichen
schon geistig selbständig und auf eigene Füße gestellt.

Aber — und das ist das Bezeichnende der Lage des 16.
bis 18. Jahrhunderts — er war isoliert selbständig; es wurde
nicht vornehmlich an seine Auswirkung hinein in die Umwelt
im Sinne der Betätigung eines lebendigen Subjektes gegenüber
dem Objekte der Erscheinungen im Natur⸗ und vor allem
im Menschendasein gedacht. Indem die Welt des 16. Jahr—
hunderts bis dahin lastende Fesseln abstreifte, zerstörte sie die
As der Gebundenheit des Mittelalters her bestehenden all⸗
gemeinen Zusammenhänge der Individuen; und soweit sie die—
selben nicht ableugnen und aufheben konnte, wie z. B. im Staate,
sah sie in ihnen nur durch den freien Zusammenschluß der
Individuen geschaffene Summationen von Einzelkräften ohne
eigenes Leben, Massen nur von Individuen, deren Eigenschaft
allein darin zu bestehen bestimmt schien, eine Summe zu sein,
ohne ein Leben, das darüber hinausging und etwa aus der
Tatsache der Gemeinsamkeit als solcher und aus der gemein—
samen Durchdringung aller entfaltet war. Es ist der seelische
Zustand, der die Möglichkeit zur Entwicklung der absoluten
        <pb n="16" />
        Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 5
Monarchie bot, indem er das staatliche Bewußtsein des einzelnen
einschläferte, in seiner Entwicklung unterbrach, ja schließlich
aufzuheben geeignet schien.

Das Individuum stand also in dieser Zeit für sich da
als ein gleichsam mit Grenzsperren gegen andere Individuen
versehener, aus sich selbst nur lebender Mikrokosmos: fenster⸗
los, wie es Leibniz bezeichnet hat. Zum Ausdrucke kam das in
der Tatsache, daß das Seelenleben nicht als eine Reihenfolge
von aktuellen Vorgängen und die Seele selbst als Trägerin
einer solchen Aktualität, gegenwärtiger wie festgehaltener ver—
gangener und geahnter zukünftiger, begriffen wurde, sondern
als ein in sich abgezirkelter Vorgang auf der Grundlage der
Vorstellung von einem ständigen innerlichen Sichgleichbleiben
der seelischen Auswirkung.

Dementsprechend erschienen dann, bei der Isoliertheit des
seelischen Lebens der Individuen, die Willenskräfte der Seele,
wie sie ja wesentlich nur auf einen äußeren Anstoß und nach
außen hin wirksam werden, als untergeordnet, als grund⸗
sätzlich gleichsam geleugnet, als jedenfalls minder wichtiger
Teil der menschlichen Individualität. Und noch geringer
wurde das Gebiet der Afsekte, das Gemütsleben und die eng
mit ihm verknüpfte Tätigkeit der Phantasie, weil ebenfalls
von außen bedingt und nach außen trachtend, eingeschätzt. In
den Vordergrund traten dagegen die Verstandeskräfte, und
auf ihrer Grundlage gipfelten die seelischen Anlagen dem Zeit—
alter in einer Vernunft, die als konstant und als dem Menschen—
geschlechte von Gott in besonderer Gnade verliehenes Erbteil
angesehen wurde, als eine Gabe, die es von der Tierwelt grund⸗
sätzlich scheide; und Wille wie Trieb und Gemüt wie Phantasie
galten als nichts denn als von der Vernunft zu beherrschende
und ständig zu leitende, ihr also untergeordnete praktische Aus⸗
wirkungen der Seele.

Da war es denn freilich selbstverständlich, daß die Kultur
des 16. bis 18. Jahrhunderts je länger je mehr eine extreme
Kultur des Verstandes wurde; in der Tat hat sich darum in
ihr nichts gewaltiger entwickelt als die Wissenschaft, während
        <pb n="17" />
        Einleitung.
praktisch-sittliches Handeln, religiöses Gefühl und künstlerische
Phantasietätigkeit zurücktraten und schließlich teilweise fast ver—
dorrten. Und so erklärt es sich weiter, daß in der allgemeinen
Weltanschauung des Zeitalters allmählich zwei Pole als all—
beherrschend und von jedermann angenommen hervortraten:
die individuelle und die allgemeine Vernunft: Gott und Per—
sönlichkeit. Dabei hieß Persönlichkeit im Verstande der Zeit eine
Seele, die in sich frei, von niemand behindert, dahinlebt, und
deren Kern ein in sich weiterhin nicht mehr begreifliches, festes,
unabänderliches X, ein Teil der allgemeinen Vernunft ist. Und
demgemäß erschien als allgemeinster Ausdruck der Ideale der
Zeit allmählich die Formel: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit.

Dies ganze Zeitalter aber, das in seinen engeren Grenzen
etwa von 1500 bis 1750 gewährt hat, zerfiel wiederum in
zwei Perioden, die etwa durch den dreißigiährigen Krieg ge—
schieden wurden.

In der ersten dieser Perioden war die neue individua—
listische Psyche noch in Entwicklung begriffen. Die Zeitgenossen
waren sich über den Begriff der Individualität noch nicht voll⸗
kommen klar; sie lebten sich erst unbewußt in die neue Art
der Persönlichkeit ein, taten teilweise enthusiastisch die hier⸗
zu nötigen Schritte, strebten unabgeklärt nach demjenigen
Grade der persönlichen Ausübung, den dann die spätere
Periode aufweist. Sie wurden darin zumeist gefördert, bis—
weilen auch gehemmt durch den Einfluß der Renaissance, die
ihnen Bestandteile einer Kultur zuführte, welche dem von
ihnen ersehnten Kulturideale entsprach. Indem sich aber eigenes
Streben und fremder Einfluß in dieser Periode so miteinander
verbanden, erhielt die Kultur schon dieser Zeit ein etwas
buntscheckiges Aussehen, zumal noch starke Reste des Mittel⸗
alters fortlebten; und es fällt der Geschichtschreibung bis—
weilen nicht leicht, in dem Chaos sich kreuzender Strömungen
die wesentlichen Richtungen aufzufinden und lückenlos zu ver—
folgen.

Die zweite Periode, in den weitesten Grenzen die Zeit
bon 1600 bis 1750, ja in gewissen charakteristischen Ausläufern
        <pb n="18" />
        Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 7
noch bis 1840 und länger, zeigte demgegenüber den klaren
Ausdruck des Zeitalters vom Vernunftvollen bis zum Nüchternen,
vom noch menschlich Vollsäftigen bis zu einem Punkte, da
alles, auch die Kunst und die Macht, als auf dem Wege der
Verstandestätigkeit erreichbar betrachtet wurde. In ihr er—
schienen also die Konsequenzen der seelischen Entwicklung deut⸗
lich und umfassend gezogen, um so mehr, als der Einfluß des
Altertums zurücktrat oder nur noch ins rein Rationale umgebogen
fortwirkte. Nun wuchs allerdings demgegenüber und gleichsam
zum Ersatze der Einfluß der fremden Nationen, eine Folge—
erscheinung jenes Rückganges der deutschen materiellen Kultur
wenigstens des Binnenlandes seit der zweiten Hälfte schon des
16. Jahrhunderts, der noch wesentlich durch die Einwirkungen
des dreißigjährigen Krieges verschärft wurde; aber dieser Ein—
fluß erfolgte von Kulturen her, die sich schon im selben,
nur etwas weiter fortgeschrittenen Entwicklungsgange befanden
wie die deutsche und der deutschen auch sonst in wesentlichen
Stücken verwandt waren: so daß er den Verlauf unserer Ge—
schichte zwar verwickelte, aber längst nicht in dem Grade ein—
gehend und umgestaltend bedingte, wie dies die Renaissance
des 16. Jahrhunderts getan hatte.

Dieser allgemeinste und tiefere Verlauf der seelischen Ent—
wicklung vom 16. bis zum 18. Jahrhundert läßt sich nun in
seinen Einzelwirkungen auf jeglichem Gebiete des Geisteslebens
und der einzelnen psychischen Betätigungen verfolgen.

Am tiefsten und klarsten vielleicht im Bereiche des mora—
lischen und religiös-philosophischen Lebens, in Sitte, Welt—⸗
anschauung und Glauben. Während das sittliche Leben des
16. Jahrhunderts noch einen Wirrwarr der verschiedensten Er—
scheinungen aufwies — die oberen Stände, selbst die Fürsten,
verharrten wesentlich noch in der bürgerlichen Sitte der feinsten
städtischen Kreise der ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts, die
Humanisten lebten halb römisch, die Bauern noch mittelalter—
lich —, standen das 17. und 18. Jahrhundert in steigendem
Grade und in allen Schichten uͤnter dem Einflusse rationaler
Nutzlichkeitslehren. Und wenn in der Philosophie das 16. Jahr—
        <pb n="19" />
        Einleitung.
hundert und auch noch das 17. in gewissen ihrer geistigen
Strömungen unabgeklärte panpsychische Systeme aufwiesen, ob⸗
gleich auch sie schon ganz in dem Felsen des Selbstbewußtseins
als des Kerns der Individualität und des Gottesbewußtseins
verankert waren, wie auch noch der mystische Pantheismus
Spinozas: — so zeitigte die spätere Zeit dagegen die Versuche
einer rationalen Erklärung der Welt von den Gegensätzen der
unsterblichen Seele und Gottes aus, am vollendetsten vielleicht
in dem Denken von Leibniz.

Nicht ganz so einfach verliefen die Dinge in der Theo⸗
sogie. Auf dem Gebiete des christlichen Glaubens war der
entscheidende Bruch mit dem Mittelalter erfolgt; nirgends war
darum so frisch und so klar die Freiheit des Individuums
proklamiert worden wie in der theologischen Wissenschaft.
Indem man aber diese Freiheit aussprach, ließ man doch noch,
als einen letzten Rest von Bindung, das Mittlertum Christi
zwischen Individuum und Gott bestehen, und zwar nicht im
Sinne einer objektiven, sondern einer rein persönlich-willkürlich,
sakramental und magisch wirkenden Vermittlung. So wenigstens
auf dem Boden des für Deutschland zunächst in Betracht
kommenden Luthertums. Damit war die Möglichkeit gegeben,
hbei der unabweislichen Dogmatisierung der neuen kirchlichen
Lehre — denn keine Kirche ohne Dogma — dennoch wieder
die Unselbständigkeit des Individuums vor allem gegenüber
Goͤtt zu betonen und das Mittlertum Christi an derjenigen
Stelle erdrückend einzuschieben, die während des Mittelalters
die Kirche mit dem Apparate ihres Klerus und ihrer Heiligen
innegehabt hatte. Indem dies im Verlaufe der dogmatischen
Kämpfe der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts geschah, ge—
wann die lutherische Kirche zwar einen konservativen Anschluß
an das mittelalterliche, keineswegs mit einem Male ver—
schwundene Denken, stieß aber anderseits die neuen, freier
Individualität zustrebenden geistigen Kräfte von sich ab.

Die Folge war, daß zunächst in der ersten der beiden
Perioden die reformierte Kirche, die in ihrer Abendmahlslehre
don der vollen Würdigung der Individualität des 16. Jahr—
        <pb n="20" />
        Üübersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 9
hunderts ausgegangen war, dem Luthertum in der Nutzbar⸗
machung der neuen Seelenkräfte für ihr Gebiet, wie in der
Durchsaͤuerung der neuen Kultur mit religiösen und sittlichen
Kräften den Vorsprung abgewann; zum Teil mit hierauf be⸗
ruht die Rolle, welche vielfach England, vor allem aber die
Niederlande und die Schweiz, sowie auch das protestantische
Frankreich in der Geistesges chichte des 16. und 17. Jahrhunderts
zespielt haben.
Aber auf dem Boden des Luthertums selbst erfolgte eine
Reaktion gegen die dogmatische Festlegung des 16. Jahr⸗
hunderts. Freilich nicht in dem Sinne, daß diese selbst nun
beseitigt worden wäre; das geschah so wenig, wie die Mystik
des Mittelalters auf ihrer Suche nach der Unmittelbarkeit
versönlicher Beziehungen zu Gott die Kirchenlehre ihrer Zeit
hatte umstürzen wollen. Vielmehr fand man unter An—⸗
rkenntnis der einmal bestehenden Lehre der Kirche in gewissen
frommen Kreisen einen unmittelbareren Weg zu Gott. Es
zeschah in dem etwa seit 1670 erwachenden Pietismus und
einigen ihm verwandten Begleit- und Folgeerscheinungen, nach⸗
dem mannigfache Vorzeichen, die persönlichere Fassung 3. B. von
Text und Melodie des evangelischen Kirchenliedes, schon seit
etwa 1600 die kommende Bewegung vorgedeutet hatten. Und
dieser Strömung auf evangelischem Boden lief eine ähnliche,
nur schwächere innerhalb der katholischen Kirche parallel.
Es waren Bewegungen, die bis auf einen gewissen Grad
den Vorgängen auf philosophischem Gebiete während des 16.
und teilweise 17. Jahrhunderts entsprachen; wie in der pan—
— einen
alle Tore zugleich öffnenden mystischen Schlüssel zur Er—
chließung des Alls zu entdecken, so wurde hier der Versuch
einer unmittelbarsten noch unabgeklärten, teilweise mystischen
Annäherung des Selbstbewußtseins an das Gottesbewußtsein
Jewagt.
Aber auch auf diesem Gebiete war die weitere Entwicklung
durch das Einschlagen mehr rationaler Wege gekennzeichnet.
Wäbhrend das Herrnhutertum wenigstens teilweise noch auf
        <pb n="21" />
        9

Einleitung.
dem vom Pietismus betretenen Boden weiter schritt, entstand,
diese Bewegungen auf dem Gebiete des Gemütslebens über⸗
holend, spätestens seit etwa 1730 die Strömung der theo—
logischen wie der allgemeinen Aufklärung; und eine natürliche
Theologie, in ihren Anfängen bis auf den Einfluß des antiken
Stoizismus seit dem 16. Jahrhundert zurückreichend, brachte das
Individuum in unmittelbaren, rational vermittelten Zusammen⸗
hang mit dem Prinzip der allgemeinen Vernunft.
Wurde damit auf dem Gebiete des Glaubens, wie leicht
hegreiflich, verhältnismäßig erst spät der Kultus des Ver—
standes zugelassen, so war dessen eigentliche Domäne von vorn—
herein das Gebiet der Wissenschaften. Vor allem natürlich
hder Naturwissenschaft; denn hier störten am wenigsten die
schwer aufzulösenden und deshalb auch unseren Tagen noch
so vielfach grundsätzlich irrational erscheinenden Einwirkungen
der menschlichen Seele. Allerdings begann auch hier das Zeit⸗
aAllter alsbald mit dem Drange nach verstandesmäßigem Wissen
und befriedigte ihn in der ersten Periode fast durchweg durch
magische, panpsychische, astrologische Annahmen oder Aufnahme
antiker, vielfach recht fabulöser Überlieferung; nur in der Mathe⸗
matik begann die Reihe der eigentlich rationalen Fortschritte.
Ganz anders dagegen in der zweiten Periode, seit Galilei und
Descartes. Jetzt wurden nicht durch Suchen unmittelbaren und
traditionellen Wissens, sondern forschungsgemäß, und zwar zu—⸗
nächst deduktiv die Mathematik, experimentell und induktiv da⸗
gegen die Mechanik so gewaltig gefördert, daß wenigstens die
Mechanik mit dem Abschlusse des Zeitalters als im einzelnen
bollendet, wenn auch noch nicht auf die letzten Prinzipien der
einmal eingeschlagenen Betrachtungsweise zurückgeführt gelten
konnte, und daß aus ihr auf rationalem Wege schon die
wichtigsten astronomischen und physikalischen, ja auch teilweise
bereits chemischen Kenntnisse als ableitbar erschienen. Daß
diese Kenntnisse freilich, mit ihrer vollkommenen Verschiebung
zunächst des geozentrischen, dann sogar des heliozentrischen
Standpunktes zugleich eine unwiderrufliche Umbildung jeder
anthropozentrischen Betrachtungsweise und damit im tiefsten
        <pb n="22" />
        Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 11
Grunde eine Aufhebung des individualistischen Selbstbewußt⸗
eins des 16. bis 18. Jahrhunderts unbedingt zur Folge haben
sußten, das ahnten im 18. Jahrhundert doch nur wenige.
Inzwischen aber hatte der Individualismus des Zeitalters
auch jene Wissenschaften ergriffen, die man sich im 19. Jahr⸗
hundert gewöhnt hat als Geisteswissenschaften zusammen—⸗
zufassen. Diese Wissenschaften werden der tiefsten Wurzel ihrer
Eutwicklung nach immer stark von den jeweiligen psychologischen
Anschauungen bestimmt; den Charakter des jeweils herrschenden
psychologischen Wissens und Meinens gilt es also vor allem
festzustellen, will man ihre Entfaltung verstehen. Da stößt
man nun im 16. Jahrhundert noch auf eine ganz mystische
Anschauung vom Wesen der im übrigen individuell gefaßten
Seele; ihre Kräfte gelten als indefinit, unter Umständen über
menschliches Vermögen hinausragend und dann verknuüpft mit
Gott und Teufel; die weiße und schwarze Magie spielen
noch eine Rolle; doch wird für das Wirken der seelischen
Kräfte schon das Individuum verantwortlich gemacht. In der
zweiten Periode dagegen erscheint die mystische Auffassung des
individualen Seelenlebens ganz einer rationalen gewichen; die
Seele ist jetzt im tiefsten Kerne zur Vernunft geworden; denn
die Vernunft regiert ihre anderweitigen Außerungen als Be⸗
tätigungen ihr untergeordneter Kräfte. Uber der individualen
Vernunft aber wird, wie wir schon wissen, eine allgemeine Ver⸗
nunft angenommen, ein Absolutes, das die individuale Vernunft
in ihren Einzelerscheinungen, den jeweils lebenden Personen,
eitet und die Welt zu ihrem Besten regiert.

Diese psychologische Anschauung wurde nun sowohl in
der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Vergangenheit wie
in den wissenschaftlichen Wertungs⸗ und Regelungsversuchen
der Gegenwart lebendig; Geschichte also und Rechtswissenschaft
wie Ethik und Nationalökonomie standen auf ihrem Boden.

In der Geschichte überwog dabei allerdings noch das
antiquarische Element; man versank rettungslos im Stoffe,
die Philologie lebte im ersten Zeitraum wesentlich noch der
durch die Renaissance praktisch gestellten Aufgabe einer ge—
        <pb n="23" />
        *

Einleitung.
naügenden Interpretation der Alten und einer Ansammlung
des hierzu nötigen Materials an systematisiertem Wissen,
während man in der zweiten Periode, ohne zu höheren An—
schauungen zu gelangen, noch mehr in der zum Selbstzweck
gewordenen Stoffanhäufung verkümmerte. Aber neben alledem
stand doch auch schon eine Geschichtschreibung mit leisen An—
sprüchen an eine höhere Auffassung. Wir sehen sie in der
ersten Periode das geschichtliche Geschehen durchaus als
Schöpfung irrationaler Einzelpersonen begreifen, während sie
in der zweiten Periode der Vernunfttätigkeit dieser Einzel—⸗
personen das teleologische Moment göttlicher Fügung von
einem höchsten Nützlichkeitsstandpunkte aus zufügt. Und damit
war denn für dieses Gebiet, das zunächst als dasjenige des
isolierten praktischen Handelns vornehmlich in den Ereignissen
der äußeren Politik begriffen wurde, soweit, als dieses bei der
Geringschätzung der Willenstätigkeit überhaupt möglich war, der
Anschluß an den allgemeinen Verlauf des Denkens gewonnen.

Im Rechte, dessen Wissenschaft anfangs noch die Ethik,
soweit sie von der Religion unabhängig war, sowie die
ethische Seite der Nationalökonomie mit umschloß, muß
zwischen der wissenschaftlichen Behandlung der privaten und
der öffentlichen Materien unterschieden werden. Das Privat⸗
recht wurde über den römischen Leisten geschlagen, und die
Wissenschaft erschöpfte sich damit so ziemlich in der philo—
logischen Wiederbelebung antiken Wissens. Im öffentlichen
Rechte dagegen folgte die Durchführung der tieferen Strö—
mung der Zeit, wie denn auf diesem Gebiete der wissen—
schaftliche Fortschritt unmittelbar mit dem Handeln der
praktischen Politik des Zeitalters verknüpft wurde. Das
16. Jahrhundert hatte da bereits jene Erschlaffung des Inter—
esses für öffentliche, d. h. eminent gemeinsame Angelegen—
heiten gezeigt, die für das Zeitalter des Individualismus
charakteristisch blieb; daher der Zerfall der inneren Reichs—
politik in Streitigkeiten der Reichsglieder, der Rückgang der
Verfassungen in den städtischen Republiken, und in den Terri—
torien das Emporkommen des Absolutismus. Erhielt dieser
        <pb n="24" />
        Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 13
dabei einstweilen einen patriarchalischen Ausdruck, so geschah
das unter der allgemeinen Nachwirkung der religiösen Inter⸗
essen noch in diesem Zeitraume, wie denn die gleichzeitigen
nationalökonomischen Lehren noch ganz mit Theologie verquickt
auftraten. In der zweiten Periode dagegen erschien einer—
seits das öffentliche gemeine Interesse so gesunken, daß sich
der Absolutismus widerstandslos entfalten konnte, und war
anderseits der Individualismus sich so seiner selbst bewußt
geworden, daß er in der nunmehr voll entwickelten naturrecht⸗
lichen Lehre vom Staatsvertrage das Mittel fand, von seinem
Standpunkte aus, ohne diesen anscheinend aufzugeben, sogar
den Staat zu konstruieren. Und dem Wirken der privaten
und individuellen Vernunft in dieser Konstruktion entsprach
auf volkswirtschaftlichem Gebiete das System des Merkantilis⸗
mus: der Versuch, die Staatswirtschaft nach der Analogie
eines nützlich haushaltenden Privatmannes zu betrachten.

Wie aber stellte sich nun zu all diesen Bewegungen die
Entfaltung der Phantasietätigkeit? Es ist klar, daß die Ent—
wicklung des 16. bis 18. Jahrhunderts auf diesem Gebiete je
länger je mehr ungünstig verlaufen, ja daß sie unter der er—
kältenden Einwirkung des Verstandeslebens mindestens in ihren
leidenschaftlichen und besonders phantasievollen Tiefen je länger
je mehr absterben mußte. In der Tat kam in ihre Schöpfungen
auf allen Gebieten allmählich ein Zug des Verstandesgemäßen,
Tändelnden, Schwülstigen, unter Umständen Frivolen, überwog
allmählich die Form den Inhalt, war Glätte und absichtliche
Munterkeit oder gemachte Bedeutung Vorbedingung des Beifalls,
ging der Ernst verloren, hörte die Problemstellung auf.

Nirgends aber zeigte sich diese Entwicklung deutlicher als
auf dem Gebiete der bildenden Kunst. Die bildende Kunst ist
an sich fast stets der beste Gradmesser des ästhetischen Ver⸗
mögens einer Zeit. Schon aus der besonderen Evidenz ihrer
Denkmäler folgt das: denn diese bieten im Raume zwei⸗ und
dreidimensionale und daher mit besonderer Eindringlichkeit
unterrichtende generische Merkmale dar, die alle anderen
Formen der Phantasietätigkeit erst im Verlaufe einer gewissen
        <pb n="25" />
        Einleitung.
Zeit, sukzessidv, vielfach auch unanschaulich und darum minder
sicher entwickeln köunen. Zu diesem Umstande aber kam für
das 16. bis 18. Jahrhundert noch ein spezielles Moment, welches
die bildende Kunst als Wertmesser der individualistischen Ent—
wicklung besonders geeignet erscheinen läßt. Es ist in der Ge—
schichte des individualistischen Zeitalters bereits erzählt worden!,
wie das Absterben des Individualismus auf vielen Gebieten,
vor allem aber auf denen der Literatur und Musik schon
rüh von immer stärker werdenden Gegenströmungen begleitet
wurde, die sich im Bürgerstande bildeten und die das neue
Zeitalter des Subjektivismus einzuleiten bestimmt waren. Diese
Gegenströmungen machten sich nun auf dem Gebiete der bildenden
Aunst minder bemerkbar, da diese, wie gewöhnlich, noch lange
Domäne vornehmlich der sozial einstweilen noch herrschenden
Schichten, der Fürsten und des Adels blieb; und so er—⸗
scheint eben sie zur Beobachtung des Ablaufes der individna⸗
listischen Strömungen ebenso geeignet, wie sie das Empor—
kommen des neuen Subjektivismus besonders schwer zu ver⸗—
folgen gestatten muß.

Die Führung aber hatte innerhalb der bildenden Künste des
16. und auch noch des 17. Jahrhunderts entwicklungsgeschichtlich
wiederum die Malerei übernommen. Denn die Architektur
und das Kunsthandwerk dieser Zeit standen noch lange unter
den entgegengesetzten Tendenzen der forthallenden Gotik und
der volksfremden Renaissance, und die Plastik ging fast im
Kunstgewerbe auf. So rang sich unter diesem Fortwuchern des
Hergebrachten und des Antiken der neue Baustil der Zeit, das
Barock, erst langsam empor. Die Malerei aber hatte die
Führung inzwischen um so mehr erreicht, als in dieser Zeit
leilweise noch der alte Bürgerstand des 15. bis 16. Jahr⸗
hunderts der soziale Träger der Kunstbestrebungen gewesen
war; die Lieblingskunst dieses Standes aber war von An—⸗
bheginn eben die Malerei gewesen.

In der Malerei erfolgte jetzt entwicklungsgeschichtlich, in

1Bd. VII, 1, S. 282 ff. der Deutschen Geschichte.
        <pb n="26" />
        Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 15
Fortsetzung der Errungenschaften des 15. Jahrhunderts, der Ab⸗
schluß der Fähigkeit, die Gegenstände der Außenwelt künstlerisch
wboll plastisch, d. h. dreidimensional zu sehen und wiederzugeben.
Er wurde gewonnen, indem man der realistischen Wiedergabe
des Umrisses die Wiedergabe der Lokalfarbe und dieser die
Wiedergabe des Lichtes einfügte. Erreicht wurde aber dabei
ene Wiedergabe des Lichtes, welche die heutige Kunst kenn⸗
‚eichnet, auch durch Rembrandt und Rubens, die den Höhe—
„unkt der Entwicklung des Zeitalters bezeichnen, noch nicht.
Denn beide setzten die Dinge noch nicht in das natürliche, die
Dinge umfächelnde Tageslicht, sondern vielmehr erst in ein
künstliches, sie mit besonders intensiven Reflexen umspielendes,
cie damit zugleich aber auch isolierendes Licht. Beide Maler
jahen mithin künstlerisch die Welt noch nicht in dem gemein⸗
amen Fluidum eines in unendlichen Dimensionen — oder
wenn man will dimensionslos — lebenden Lichtes, wie es die
moderne Freilichtkunst wiederzugeben sucht als das eigentlich
aktivste Element der Malerei, hinter dem das Körperhafte zurück⸗
tritt, sondern sie suchten die Körper, die ihnen noch immer
die Hauptsache blieben, nur durch ein künstlich geschaffenes
und künstlich geleitetes Lichtfluidum nach unserer Anschauung
mehr äußerlich zu verbinden. So waren ihnen im Grunde die
Gegenstände, die sie plastisch voll erfaßten, doch noch so isoliert,
wie dem Pfychologen die Individualitäten der einzelnen Per—
sonen, und nur durch künstliche Mittel, dort das Licht, hier
etwa die Theorie des Naturrechtes, wurden hier die Gegen—
tände, dort die Personen miteinander verbunden.

Während aber so das Problem der Lichtführung maß—
gebend wurde in der Entwicklung der Malerei schon von Dürer
zis auf Rembrandt, um dann auf der Höhe der Lösung,
welche die großen Meister des 17. Jahrhunderts gefunden
hatten, während des 18. Jahrhunders ungefördert, nur mehr
in bloßen Übertragungen ins Geleckte, Verstandesmäßige,
Nüchterne zu verharren, war inzwischen in der Architektur
der neue, für die Zeit charakteristische Stil gefunden worden:
das Baryck.
        <pb n="27" />
        ls

Einleitung.

Die Malerei hatte im Verlaufe der Lösungsversuche der
Lichtführung etwas Pathetisches und Großartiges angenommen,
jene maniera grande, die als zunächst inhaltliches Ideal der
Kunst in diesem Zeitalter bekannt ist. Und in der Tat läßt
sich der Charakter des Erhabenen in der Malerei am ehesten
durch eine verständnisvolle Behandlung der Lichtprobleme er—
reichen, da diese den Umrissen jenes Unbestimmte gibt, das
eine bevorzugte Voraussetzung des Erhabenen zu sein scheint.
Außerdem aber wurde der Zug zur maniera grande eben in
dieser Zeit durch eine ganze Anzahl anderer Tendenzen unter—
stützt: durch den zunehmend aristokratischen, ja höfischen Charakter
der Gesellschaft, durch die Fortschritte des Katholizismus in der
Gegenreformation und am tiefsten wohl durch jenen Zug zum
rein Repräsentativen, der jeder Zeit abnehmender Macht des
Gemütes und steigender Kräfte des Verstandes eignet.

Die maniera grande war damit der Hauptsache nach ein
ähnliches Charakteristikum der Baukunst, wie es zu gleicher
Zeit der Schwulst war der Musik und Dichtung. Zur Folge
hatte sie, daß im Barock die baulichen Glieder der Renaissance
einerseits ins Überladene getrieben, anderseits wuchtig zentral
zusammengefaßt wurden. Dazu kam dann aber ein fast noch
Wesentlicheres. Auch die Baukunst unterlag schließlich dem
Problem der Lichtführung; das Barock verdankte ihm bald
das Hineinziehen der Außenarchitektur in das Innere zur Er—
zielung starker Licht- und Schattenwirkungen, das Bestreben,
im Inneren geheimnisvolles Helldunkel mit magischer Be—
leuchtung wechseln zu lassen, sowie überhaupt die Sorge für
packende Reflexe. Vor allem aber vollzog sich vom Problem
der Lichtführung her die Weiterbildung des Barocks in das
Rokoko. Indem die Lichtzufuhr des Barocks durch kleine
Fenster, wie sie in Italien, dem Ursprungslande des Barocks,
unter dem Einflusse südlicher Hitze und grellen Lichtes ein—
geführt worden war, in Frankreich und Deutschland weit—
flutendem, durch große Fenster hereinbrechendem Lichte wich,
bedurften die schweren Barockmassen einer Umbildung in die
leichter schattenden Formen eines neuen Stils, dessen Eigen—
        <pb n="28" />
        Überficht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 17
heiten durch einen tändelnden Geschmack, der den Kunstbetrieb
längst als Sache des Verstandes ansah, in der Ornamentik
des Rokokos noch des weiteren ausgebildet wurden. Und eine
Reaktion erst des natürlichen Gefühls und des Gemütes gegen
diese Belustigungen eines heiteren Witzes hat dann den Klassi—
zismus und in ihm eine neue Architektur, wenn auch unter
Aufnahme antiker Formen, heraufgeführt.

Der Entwicklung der bildenden Künste überaus ähnlich
war die der Dichtung. Auch hier bildete den Kern der Vor—
gänge der Versuch, die Welt, vor allem die seelische Welt des
Menschen, möglichst plastisch, gleichsam mehrdimensional als
bisher zu erschauen: und daher die Blüte der Satire und die
Anfänge des Dramas. Freilich, die Satire erhob sich am Ende
noch nicht viel über das Typische trotz reichster Begabung einiger
Dichter des 16. Jahrhunderts; es fehlte ihr noch die aus—
reichende Erfahrung, und ihr Horizont verengerte sich sogar
mit dem Rückgange der äußeren Stellung der Nation, statt sich
zu erweitern. Im Drama aber versuchte das 16. Jahrhundert
zunächst in Binnendeutschland, unterstützt von Erfahrungen,
die aus den klassischen Überlieferungen gezogen wurden, in
naivster Weise sich der Charaktere vornehmlich einer litera⸗
rischen Gattung zu bemächtigen, die der Regel nach eine grobe
Charakterzeichnung gleichsam in zwei Dimensionen schon in der
Erzählung aufwies, des Schwankes. Es war ein an sich ver⸗
heißungsvoller Anfang, wäre es gelungen, hier zu vertiefen
und damit zum ernsten Drama volkstumlicher Gattung fort—⸗
zuschreiten.

Aber dieser Fortschritt, ja schon diese Vertiefung blieben
aus, trotzdem daß ihre subjektiven Momente, Tendenz zur
Stimmungsmalerei und Neigung zum repräsentativen Pathos
borhanden waren. Es fehlten die objektiven Elemente. Es
gab in Binnendeutschland, dessen große Städte verfielen,
nirgends eine Theaterluft und nirgends ein Theaterpublikum.
Es gab folglich auch keinen Schauspielerberuf. Nur an zwei
Stellen auf deutschem Gebiete waren die Umstände vielleicht
günstiger, freilich an den Grenzen deutschen Wesens, in Hamburg

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1.
        <pb n="29" />
        Einleitung.
und in Amsterdam. Aber in Hamburg bildete sich der Sinn
für das Schauspiel erst aus, als die Anfänge des Dramas im
ganzen vertrocknet waren, und so verfiel die reiche Stadt, wie
Handelsmetropolen so gern, einer leichten Oper. In Amster⸗
dam wiederum erwuchs um 1600 zwar eine ziemlich hochstehende
Posse, aber das ernste Schauspiel lehnte sich zu sehr an Bei—
spiele der Alten, vor allem an das des sogenannten Senecas
an, um sich eigenständig, ja auch nur lebenskräftig zu entfalten.
So fand Vondel keine Nachfolger, und die vorzeitige Blüte
verdorrte. In Binnendeutschland aber waren inzwischen die
Fürsten Pfleger des Schauspiels geworden; und deren nirgends
fast durch ein großstädtisches Publikum beeinflußte Bühnen
wurden einstweilen nur zu Schauplätzen individueller, meist
der Pflege des Fremden gewidmeter Laune, nicht aber zu Pfleg⸗
stätten nationaler Dichtung.

So waren denn die Keime einer großen individualistischen
Dichtung, wie sie im Drama vornehmlich und in der Satire
hätten aufgehen können, um die Mitte des 17. Jahrhunderts
schon nirgends mehr unversehrt; wo sie aber getrieben hatten, da
wurden ihre jungen Schößlinge von dem Geistesleben der nun⸗—
mehr beginnenden zweiten Periode des Zeitalters nur noch
verstandesmäßig gepflegt. Die Satire wurde damit im ganzen
gutmütig, salonmäßig, witzig, munter und galant, gelegentlich
auch wohl ehrbarlich frivol; und die in dieser neuen Zeit fest⸗
stehende Lehre, daß die Dichtung eine Kunst der Vernunft
und der Dichter ein kenntnisreicher Reimschmied sei, ver—⸗
scheuchte jeden Gedanken an die großen Leidenschaften des
Dramas. Wo auf diesem Gebiete daher noch Größeres ge⸗
schaffen wurde, nahm es eine Ausnahmestellung ein; und um
1730 gab es überhaupt kein deutsches Drama mehr.

Freilich war darum die Dichtung als Ganzes um diese
Zeit keineswegs völlig abgeblüht. Indes stand dem Drama
Ind der Satire in ihrem Verfalle eine Lyrik nicht minder
traurigen Charakters zur Seite, die nach der Vorstellung ge—
fertigt wurde, die Poesie sei eine „Wissenschaft, ein Gedicht
zu machen, an welchem kein gelehrter Voet etwas Erhebliches
        <pb n="30" />
        Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 19
auszusetzen finden kann“!. Aber daneben hatten sich doch schon
längst die Keime von etwas Neuem geregt: im Kirchenlied, in
einer frommen Persönlichkeitslyrik, im Kneip- und Gesellschafts—
lied: bis Dichter wie Günther oder Haller mit einer neuen Poesie
ganz aus den Vorstellungen des ausgehenden Individualismus
heraustraten. Man strebte zum Gefühl, zur Empfindung hin
und leitete damit eine volle Annäherung zum jugendlichsten,
frühesten Subjektivismus ein, bis der volle Schritt zur litera—
rischen Revolution getan wurde.

Und schon hatte neben alledem vom 16. Jahrhundert ab
ein Gebiet der Phantasietätigkeit geblüht, das sich, reicher ent—
wickelt, den seelischen Anforderungen des Individualismus über—
haupt nur schwer fügte: das der Musik. Denn die Musik ist die
ausgesprochene Kunst der gestaltungslosen Empfindung, die kon—
krete Gedanken, ja individuelle Vorstellungen abwehrt — jener
Empfindung, deren volle seelische Gültigkeit ja eben das indivi—
dualistische Zeitalter mit steigender Hartnäckigkeit verneinte. Frei—
lich ist sie auch anderseits eben besonders die Kunst individua—
listischer und subjektivistischer Zeitalter, indem sie Gefühle durch
Töne symbolisiert und damit die Zurückführung der von ihr
gefundenen Tonsymbole in Empfindungsreihen ganz dem künst⸗
lerischen Nachleben und damit dem persönlichen Geschmacke
des einzelnen Zuhörers überläßt.

Diese Doppelstellung der Musik erlaubte es, sie im Ver—
laufe des 16. bis 18. Jahrhunderts trotz alles Absterbens der
Zeit gegen das Gefuühl schon glänzend zu entwickeln und eben
von ihr aus in gewissem Sinne am frühesten von den letzten
Stufen einer individualistischen auf die Höhe einer subiekti—
vistischen Kultur überzutreten.

Das 15. Jahrhundert hatte auf musikalischem Gebiete in
der vollsten virtuosen Entwicklung des Kontrapunkts eigentlich
nur Tonexerzitien gekannt. Das 16. Jahrhundert, überhaupt
die erste Periode des Individualismus brachte dagegen schon
die Freude am schönen Ton, wenn auch noch in den herben

So Teuber, ein Anhänger Gottscheds; Borinski S. 375.
2*
        <pb n="31" />
        20

Einleitung.
Akkorden einer Harmonielehre, die man sich heute am einfachsten an
den protestantischen Choralsätzen der Frühzeit vergegenwärtigen
kann. Von hier schritt dann die Freude am Gefälligen unter
Ausscheidung aller herberen Dissonanzen in der zweiten Periode
des Zeitalters zu jener Harmonielehre fort, die den Werken
der großen Klassiker der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
zugrunde liegt, und das volle Behagen am Bel canto ent⸗
wickelte sich.

Indes gleichzeitig gelangte man innerlich schon viel weiter.
Bereits dem größten Musiker am Schlusse der ersten Periode,
Schütz, war die Musik keineswegs bloß mehr Ohrenschmaus,
und die Helden am Schlusse der zweiten Periode, ein Händel,
ein Johann Sebastian Bach, erreichten, bei aller Anwendung
noch der Mittel strenger alter Kunst, doch schon jene Beseelung
der Musik, von der ein nur kleiner Schritt hinübertrug zu Gluck
und mit ihm in die Anfänge des Subjektivismus.

Hier also, auf dem Gebiete der Musik, hatten sich Gemüt
und Empfindung auf die Dauer doch nicht als Komplexe nur
unterer Seelenvermögen behandeln lassen: es lag im Charakter
eben dieser Kunst wie in dem allgemeinen, dem Wesen der
Entwicklung innewohnenden Vordrängen zu neuen, subjekti⸗
vistischen Zielen, daß sie Anerkennung fanden eben in den
Zeiten, da sie von der vollendeten Theorie des Individualismus,
der Aufklärung und dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts,
besonders entschieden geleugnet wurden.

Und gilt nicht etwas Ähnliches auch von der geschichtlichen
Entwicklung des Trieblebens und der Willenskräfte? Sicher—
lich waren sie seit dem 16. Jahrhundert gegenüber dem ständig
wachsenden Intellektualismus zurückgetreten; vor allem auf
den Gebieten öffentlichen Handelns hatten sie immer mehr
versagt: die alten Ordnungen des Mittelalters, in denen sie
sich nach gewisser Umbildung der mittelalterlichen Form weiter
hätten entfalten können, waren aufgegeben und entweder
verknöchert oder zerschlagen worden. Neue Formen aber
öffentlichen Handelns hatten sich nicht gebildet. So war denn
Platz geschaffen worden für eine absolute Monarchie, die je
        <pb n="32" />
        Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 2]
länger je mehr sich gegenüber nur noch die Individuen, die
Einzelnen sah. Das ist der Zustand, den schon die ersten mehr
ausgebildeten Theorien des Naturrechts voraussetzten, ins⸗
besondere da, wo sie von Philosophen bis auf die untersten
seelischen Bildungselemente der Zeit hin abgeteuft wurden. Und
hier war denn das Ergebnis, gleichgültig von welchen meta—
physischen Voraussetzungen aus man operierte, in bemerkens—
werter Weise immer dasselbe. Zieht man zum Nachweis die
großen Philosophen der westlichen Nationen schon des 17. Jahr—
hunderts heran, da für diese Zeit und in dieser Richtung das
deutsche Denken versagt, so erklärte Hobbes: nur der einzelne
sinnlich wahrnehmbare Körper sei reale Substanz, und sah von
diesem materialistischen Standpunkte aus in den Einzelpersön⸗
lichkeiten die individualen Kernpunkte des Staates; Descartes
aber, der Spiritualist war und darum in der individuellen
Seele eine übersinnliche Substanz erblickte, kam darum in der
Konstruktion des Staates, bei der er jede Einwirkung von
Gemeingefühlen ausschloß, nicht minder zu einem dem be—
stehenden Absolutismus entsprechenden Ergebnis gleich Hobbes.

Auf deutschem Boden erhielten diese Anschauungen und
Tatsachen durch das Übereinander von Reich und Einzel—-
staaten einen besonderen Charakter. Innerhalb des Reichs⸗
verbandes mußten die einzelnen staatlichen Glieder doch immer
noch nach dem alten Genossenschaftsprinzip des Mittelalters
angesehen werden: hier erhielt sich also ein Rest von politisch⸗
altruistischen Gefühlen. Aber man weiß aus der Geschichte
des inneren Zerfalls des Reiches in dieser Zeit, wie gering
er schließlich wurde und wie schwach er von dem Gedanken
an das Ganze der Nation getragen gewesen ist. Zudem: hatte
die Reichsgesetzgebung, indem sie nur das Verhältnis der
Stände zum Reiche und untereinander regelte, nicht von vorn—
herein rein partikularistische und aristokratische Aufgaben?
Nichts trug sie dazu bei, in den Einzelstaaten auch nur den
Begriff des Staatsbürgers im Sinne eines Trägers von
Pflichten und Rechten gegenüber dem öffentlichen Wesen aus—
zubilden; und ein Anonymus, der gegen Ende des 18. Jahr—
        <pb n="33" />
        8

Einleitung.
hunderts vom deutschen Nationalgeiste sprach, hatte recht mit
der zusammenfassenden Bemerkung: „Das Recht der Oberen
war fest genug gesetzt, an das Recht der Untertanen dachte
niemand.“

Dieser Verlauf und Ausgang hing, sehen wir auf die
Entwicklung nunmehr der Einzelstaaten allein, damit zusammen,
daß sich im Verlaufe des 16. bis 18. Jahrhunderts die Vor⸗
stellungen über öffentliches Recht und Ziel der staatlichen Ent—
wicklung schließlich ganz ins Individualistische abgewandelt
hatten. War dem mittelalterlichen Staate schließlich Friede
als oberstes Ziel gesetzt gewesen, so hätte man daraus leicht
die spätere und heutige subjektivistische Staatsidee ableiten
können, wonach als Zweck einer Staatsordnung das Gesamt⸗—
interesse in jedem Sinne, wenn auch unter möglichster Wahrung
persönlicher Entwicklungsfreiheit gilt: hier wie an tausend
anderen Stellen scheinen gewisse Fäden der Entwicklung un—
mittelbar aus dem Mittelalter zur Gegenwart der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts und zum 19. Jahrhundert herüber⸗
zuführen — nur daß nun bewußt gehandhabt und frei er—
worben erscheint, was früher unbewußt und unfrei bestand.
Aber das 16. bis 18. Jahrhundert hat diesen Entwicklungs—
gang mit nichten eingeschlagen. Schon seit dem 16. Jahr⸗
hundert wurde der Schwerpunkt des Staatsbegriffes, nicht
ohne Anschluß an gewisse Lehren der Alten, in die obrigkeit—
liche Gerechtigkeitspflege gelegt, und die spätere Zeit setzte
dann an Stelle dieser Anschauung, teilweise unter starkem
Einfluß der Naturrechtslehren und der Theorien des ethischen
Utilitarismus, gar nur noch das Prinzip des zweckmäßigen
vpolitisch-autoritären Handelns.

Nun soll nicht geleugnet werden, daß auch unter diesem
Systeme bei wohlwollender Handhabung der Staatsgewalt
außerordentliche Fortschritte der inneren Politik gemacht werden
konnten. Um ein wichtiges Gebiet zu berühren, so ist das
zweifellos auf dem Gebiete des Strafrechts und der Straf—⸗
rechtspflege geschehen. Die letzten Reste der Blutrache wurden
unterdrückt, der alte Symbolismus in der Strafvollstreckung,
        <pb n="34" />
        Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 28
vor allem die Talion verschwanden; wo noch das 16. und
17. Jahrhundert gelegentlich die Zunge des Gotteslästerers
geschlitzzt oder verschnitten oder den Arm, dem ein Frevel
nachgewiesen war, abgehauen hatte, empörte sich das Mensch—
lichkeitsgefühl schon des 18. Jahrhunderts. Nun wurden Folter
und Verstümmelungen abgeschafft und Untersuchungshaft und
Strafhaft unterschieden; und die Strafe erschien nicht mehr
lediglich als Rache. Und auch auf die strafrechtlichen Be—
stimmungen an sich griff diese Bewegung über, wenn deren
Milderung und Veränderung schließlich auch weniger be—
stimmten Willenseinflüssen als der sich auswirkenden Folge—
richtigkeit juristischer Gedankensysteme verdankt wurde.

Doch sieht man von dergleichen Sondererscheinungen ab,
so bleibt für das Ganze bestehen, daß das Recht der Teil—
nahme des einzelnen an der öffentlichen Gewalt und damit
eine der entscheidendsten Willensäußerungen des Individuums
unterdrückt erschien zugunsten einer von den Fürsten allein nach
besten Zweckmäßigkeitsgrüunden ausgeübten, beinahe rein persön⸗
lichen Macht; noch in Engelhards Versuch eines allgemeinen
privaten Rechtes vom Jahre 1756 ist die Wahrung der indivi—
duellen Rechte auch im Strafrecht ausschließlich einer absolu—
tistischen Staatsgewalt zugesprochen.

Daß unter diesen Umständen die auswärtige Politik in
steigendem Maße nichts anderes sein konnte als, an heutigen
Begriffen gemessen, private Fürstenpolitik, braucht wohl kaum
noch ausgesprochen zu werden, wie man denn dieser Entwicklungs⸗
stufe auch den stigmatisierenden Namen der Kabinettspolitik zu
geben pflegt; nur der persönliche Wille des Fürsten entschied,
und alle sozialen, geschweige denn nationalen Gefühle schwiegen.
—ADV
unseren Begriffen Deutschland fremde, ja oft deutschfeindliche
Politik betrieb; sang- und klanglos wurde der Verlust der
Niederlande und der Eidgenossenschaft hingenommen; und die
Begeisterung, welche sterreichs große Zeit während des
Türkenkrieges oder das Preußen Friedrichs des Großen weckte,
beruhte nicht auf einem kräftigen, fruchtversprechenden Anbau
        <pb n="35" />
        J
24

Einleitung.
aller oder wenigstens der wichtigsten Gebiete öffentlicher Sitt⸗—
lichkeit, sondern sie war eine bloße Surrogaterscheinung eines
wahren Patriotismus, die dem Enthusiasmus für Einzeltaten
und Einzelpersonen verdankt wurde.

II.
Soll jetzt dem Allgemeinbilde des Verlaufes des individua—
listischen Zeitalters ein gleiches Bild der subjektivistischen Ent—
wicklung seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts gegenüber—
gestellt werden, um die Möglichkeit zu erhalten, durch den
Vergleich dieser Bilder Wesen und Unterschied beider Zeit—
alter möglichst tief zu erfassen, so versteht es sich, daß dies
zweite Allgemeinbild nicht in gleicher Art gezeichnet werden
kann wie das erste. Die Geschichte des individualistischen Zeit⸗
alters ist in früheren Bänden unserer Erzählung eingehend
dargestellt worden: darum war es hier möglich, schon Gesagtes
in einer kurzen, wenn auch zugleich weiter fördernden Gesamt—
beleuchtung zusammenzufassen. Das Buch der Geschichte des Sub⸗
jektivismus dagegen liegt noch nicht aufgeschlagen vor uns; es
können keine Erinnerungen mobil gemacht werden; ins Unbekannte
hinein gleichsam ist zu zeichnen. Und so wird die Darstellung
stärker einer gleichsam impressionistischen Methode folgen müssen:
über den Einzelheiten werden vor allem die charakteristischen
Massenerscheinungen entscheidend und breit hervortreten.

Da ist denn das erste Wort, die Losung gleichsam der
neuen Zeit die Freistellung der Persönlichkeit in noch ganz
anderem Sinne, als die individualistischen Jahrhunderte eine
seelische Freiheit der Einzelperson gekannt hatten. „Sei wie
du willst!“ ruft Karl Moor in Schillers Räubern aus, du
„namenloses Jenseits — bleibt mir nur dieses mein Selbst
getreu. — Sei wie du willst, wenn ich nur mich selbst mit
hinübernehme — Außendinge sind nur der Anstrich des
Mannes — Ich bin mein Himmel und meine Hölle“. Was
hier, im Momente revolutionären Emporbrechens der neuen Zeit
emphatisch betont wird, blieb ruhiger, ständiger und tiefster
        <pb n="36" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 25
Ausdruck des ganzen Zeitalters. Und eben in dem Punkte
der religiösen Freiheit des einzelnen, dem höchst und letzthin
entscheidenden, werden schon früh die ganzen Folgerungen des
neuen Seelenlebens gezogen. Jeder sein Pfadfinder zum freien
Himmel, jeder Bildner seiner Weltanschauung, jeder wahrhaft
und wirklich sein Priester und darum vollste Gewissensfreiheit:
das wird der Kriegsruf. So konnte schon Mendelssohn es an
der Schwelle des neuen Zeitalters für nötig erachten, die Frage
des Selbstmordes nach dreifacher Adresse hin zu erörtern: für
die Offenbarungsgläubigen, für die ungläubigen Leugner der
Unsterblichkeit und für die Anhänger der natürlichen Religion.
Und zu der Zeit, da in Frankreich der Religion durch Dekret
und in Deutschland dem Christentum auf Grund philosophisch—
literarischer Erörterungen die Abschaffung drohte, konnte
Friedrich August Wolf die Worte sprechen: „Glückselig sind wir
Philosophen, daß uns weder Götter noch Menschen hindern,
in den Tag zu leben, d. h. frei und ungebunden nach allseitiger
Erwägung so oder anders uns zu entscheiden.“

Neben die Freiheit des Intellekts aber trat nicht minder
grundsätzlich die Freiheit des Trieb- und Willenslebens wie
die Freiheit phantasievollen Schaffens. Mit dem Zurückgehen
des Subjekts nur auf sich selbst schien die Moral eine dieser
Isolierung entsprechende Gestalt erhalten zu müssen; der
Egoismus begann zu herrschen, und Wirtschaftstheorien ent—
standen, denen wirtschaftliche und soziale Entwicklung un—
wandelbar bestimmt und darum auch regulierbar erschien durch
die Triebfeder des Eigennutzes. Auf dem Gebiete der Kunst
aber fielen allmählich die alten kanonischen Regeln der christ—
lichen Malerei, die Ikonographie verlor ihre alte Bedeutung,
die Alleinherrschaft eines allgemeinen Stiles schien zum Unter—
gange bestimmt; und persönlicher Stil und freie Wahl der
Art phantasievoller Wiedergabe auf jeglichem Felde der Kunst
wurde Ziel höchsten Strebens.

So schien denn das Individuum nur auf sich selbst ge—
stellt; und schon in den siebziger und achtziger Jahren des
18. Jahrhunderts versuchte M. J. Schmidt in seiner Geschichte
        <pb n="37" />
        26

Einleitung.
der Teutschen die ganze Summe der nationalen Entwicklung
unter dem Gedanken einer Geschichte des Selbstgefühls zu be—
greifen.

Freiheit und Selbständigkeit der Individuen aber hieß
zugleich deren Verschiedenheit. Und wie wurde diese schon im
Beginne des neuen Zeitalters aufgesucht und anerkannt und
in welcher Höhe gar in seinem weiteren Verlaufe entwickelt.
Im Sinne von etwas Neuem konnte Haller in seiner Vorrede
zum dritten Teile von Buffons Allgemeiner Naturgeschichte
äußern, kein Mensch sei im inneren Bau dem anderen ganz
ähnlich; er unterscheide sich im Laufe seiner Nerven und Adern
Millionen von Millionen Fällen, so daß es fast schwer er—
scheinen könne, das Gemeinsame aller Menschen festzustellen.
Hallers physiologische Beobachtungen aber übertrug Herder in
nmer wiederholten Ausführungen ins Psychologische: bei
keiner Gattung des Lebendigen herrsche eine so große Ver⸗
schiedenheit genetischer Charaktere wie beim Menschen; da
fehle zwar der hinreißende blinde Instinkt, aber dafür liefen
alle Strahlen der Gedanken und Begierden auseinander. Und
schon ins Feinere ergießt sich die Beobachtung Herders; er
sieht, daß jeder Mensch gleichsam sein eigenes Maß, seine eigene
Stimmung der Gefühle habe, so daß in außerordentlichen
Fällen oft die wunderbarsten Äußerungen zum Vorschein
kämen und gelangt von diesen Beobachtungen aus zu einer
besonderen Theorie der Idiosynkrasien. Gleichwohl: welcher
Fortschritt noch von alledem bis zu den Beobachtungen der
neueren Psychologie, die mit etwa 13 000 unterscheidbaren
Qualitäten der Empfindungen arbeitet und damit die unend⸗
liche Verschiedenheit der Individualitäten aus dem ungeheuren
System der Kombinationen und Permutationen solcher Quali⸗
fäten und der ihnen zugrunde liegenden Lebensprozesse zu er⸗
klären gestattet.

Indem sich aber so die Verschiedenheit der Individuen
aufdrängte, ergab sich zugleich die Beobachtung der Mannig⸗
altigkeit der Einzelseele in sich und damit wiederum die
Forderung einer neuen Lebenslehre und Pädagogik, um diese
        <pb n="38" />
        Der Charakter des subjektivistischen Feitalters. 27
Mannigfaltigkeit für neue, höhere Daseinsformen zu nützen.
Was verlangt von diesem Standpunkte aus nicht schon Goethe
für die Entstehung eines Kunstwerkes: Abgründe der Ahndung,
ein ficheres Anschauen der Gegenwart, mathematische Tiefe,
physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft, Schärfe des Ver—
standes, bewegliche sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle Freude
am Sinnlichen: nichts von alledem kann nach ihm entbehrt
werden. Besondere Schwierigkeiten und Probleme aber tauchten
in diesem Zusammenhange für die Pädagogik, das Wort im
weitesten Sinne der Menschenerziehung genommen, auf. Das
Entscheidende war dabei, daß im subjektivistischen Menschen
mehr wie früher an sich unvereinbare Eigenschaften in derselben
Person nebeneinander stehen und als solche erkannt wurden.
So zeigte sich z. B. das Sinnliche, gleichsam ein fest ab—
getrennter, aber wohlbekannter Bestandteil besonderer, niedri—
gerer seelischer Aktualität, bei mancher sonst hochstehenden
Persönlichkeit als schwer geschädigt, namentlich nach der sexuellen
Seite hin: ja es konnte sich in weiten Kreisen die Meinung
bilden, Unsittlichkeit auf diesem Gebiete schädige nicht. So
gab es und gibt es ferner Persönlichkeiten, bei denen die
Verstandessphäre alles zu überwuchern schien, so andere, bei
denen ein früher kaum erhörtes Übergewicht der Gemütssphäre
hervortrat. Das Endergebnis dieser außerordentlichen Differen⸗
zierung war dann, daß mit der Empfindung auch das Urteil
so abschattiert wurde, daß nicht bloß Gemütszustände, sondern
auch Wahrheiten subjektiv und schwankend erschienen; und
eine auf so besonderem Boden aufgebaute Einseitigkeit, ja
Bizarrerie des Charakters mußte als moderne Erscheinung
gelten. Kein Charakter aber konnte unter diesen Umständen
mehr als ganz gut oder als ganz böse betrachtet werden; und
jedermann erschien als ein Mikrokosmos zu grundsätzlich eigenem
Rechte. Diese Weite und Intensität der Entwicklung zugleich
gestattete nun auch die Vorstellung von der Möglichkeit, an
sich schlechte Eigenschaften in gute umzubiegen, so wie sich hohe
Kulturen die stärksten Gifte zunutze zu machen wissen. Damit
wurde denn das Menschlichkeitsgefühl ein anderes: und der
        <pb n="39" />
        28

Einleitung.
Erziehungskunst von der eigentlichen Pädagogik bis zur Straf⸗
rechtspflege eröffneten sich mit den neuen Perspektiven niemals
gekannte Aufgaben. Was nun Trieb hieß, sollte nicht mehr
unterdrückt, sondern veredelt werden und damit, wenn auch
vielleicht ursprünglich verwerflich, doch in Wahrheit ein Teil
dessen sein, das stets das Böse ist und stets das Gute schafft.
Indem aber so aller Fortschritt menschlicher Bildung auf
das spezifische Innere des Menschen abzuzielen begann, wollte
der subjektivistische Mensch nur als sittliche und geistige Perfön—
lichkeit geschätzt, nicht aber mehr oder doch nur nebenher als
ästhetische Erscheinung bewundert werden. Da führte denn
ein vollentwickeltes subjektivistisches Selbstbewußtsein zu der
Vorstellung, daß man nicht Objekt, sondern durchaus Subjekt
sei ästhetischen Genießens, und ein verfeinerter Geschmack
verwarf die äußerlichen Mittel persönlicher Wirkung, er—
zwungenes Zermoniell und das Abzeichen der Trachten. Die
Kleidung ging damit zusehends ins Einförmige, Gleichartige,
Nüchterne, Farblose, Unpersönliche über, und nur die Frauen
hlieben Verehrerinnen einer an ihren Körper gebundenen
praktischen Asthetik. Ja in besonders demokratischen Gesell⸗
schaftssphären ging man noch weiter: die glänzende Uniform
wurde, wo sie nicht umgangen werden konnte, zur bloßen
Tracht der Amtsstunde, und Prahlen mit Rang und Reich⸗
tum, ja Schönheit erregte Anstoß. Es war eine Richtung der
Entwicklung, die nur — und zwar in steigendem Maße —
durch eine andere Bewegung scheinbar gegengewogen wurde,
welche die Form und damit auch die äußere Lebens— und
Daseinsform des Individuums für eine noch sicherere Wehr
zum Schutze innerster persönlicher Freiheit erachtete als die
Schlichtheit. Und ist die Schlichtheit der Männertracht der
letzten Generationen schließlich nicht schon an sich zur Form
geworden?

Hinter dem im Vergleiche zur Kultur früherer Jahr—
hunderte unscheinbaren Außern steht nun aber diese unendlich
reiche moderne Persönlichkeit mit der ganzen Tiefe der Er—
kenutnis ihres Selbst wie ein Leben, das fast nicht mehr in
        <pb n="40" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 29
nur einem Schrankenpaar verlaufen zu können scheint, wie ein
Dasein, das kaum noch fähig ist, von einem einzigen Mittel—
punkte aus beherrscht zu werden. Und immer in Gefahr, aus
Überfluß psychischer Aktualität in sich zu zerfallen, zeigt es in
vielen, wenn nicht allen ausgesprochenen Fällen seiner Ent—
wicklung die merkwürdige Erscheinung einer gleichsam elliptischen
Existenz; neben dem Aktionsmittelpunkt steht ein Mittelpunkt
bewußter Beobachtung dieser Aktion, und zwei Seelen scheinen
in der einen Brust zu wohnen.

Die eigenartigste Folge dieses ständigen Registrierens eines
Selbstbeobachtungspostens im eigenen Innern ist zunächst eine
merkwürdige Anderung des Wahrheitssinnes: früher mehr
moralisch charakterisiert und abhängig von dem Bewußtsein
transszendenter Mächte wird er jetzt gleichsam immanent und
fatalistisch; ein Sinn der wahrhaftigen Beobachtung von Tat—
sachen und Vorgängen, der sich, nicht selten mit im übrigen
ausgesprochener sittlicher Indifferenz, ja Gleichgültigkeit, jeg—
lichem Menschlichen und Natürlichen in gleicher Liebe zuwendet:
eines der tiefsten seelischen Fundamente moderner Wissenschaft.

Und auch die Phantasietätigkeit wird unter den Ein—
wirkungen dieser Selbstbeobachtung eine andere. Sie wendet
sich der bewußten phantasievollen Reproduktion des eigenen
Innern zu, und Musik und Dichtung werden Selbstbekenntnis,
bildende Künste Ausdruck persönlichen Stiles. Was bedürfte
das an der Hand der Poesie Goethes noch weiterer Aus—
führung? Goethe aber hat den neuen Standpunkt auch als
den literarischen überhaupt des Subjektivismus formuliert:
„Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben
kann, ist, daß er niemals bringt, was man erwartet, sondern
was er selbst, auf der jedesmaligen Stufe eigener und fremder
Bildung, für recht und nützlich hält.“ Dabei prägt sich der all—
gemeine Standpunkt bald in die beiden Möglichkeiten einer
naturalistisch und einer idealistisch gewendeten Phantasiewirksam—
keit aus, und dem Naturalisten erscheint die eigene Beobachtungs⸗
tätigkeit gegenüber seinem Innern nur als einfache Reproduktion,
während der Idealist eine symbolisierende Wiedergabe an—
        <pb n="41" />
        30

Einleitung.
nimmt. In diesem Sinne hat sich schon Goethe geäußert; in
späterer Zeit vertritt z. B. Hebbel den idealistischen Stand⸗
punkt: „Als die Aufgabe meines Lebens betrachte ich die
Symbolisierung meines Innern, soweit es sich in bedeutenden
Momenten fixiert, durch Schrift und Wort.“ Den natura—
listischen aber mag, aus gleicher Zeit etwa mit Hebbel, Herwegh
zum Ausdrucke bringen:
Laß steigen Schmerz und Wonne,
Laß steigen Leid und Lust,

Wie aus dem Meer die Sonne
Empor aus deiner Brust.
Natüurlich aber wird durch diese intensive Selbstbeobachtung
nun auch der Inhalt der Phantasietätigkeit reicher; eine große
Anzahl von Gefühlen und Empfindungen, die früheren Zeit⸗
altern unbewußt blieben, treten jetzt ins Bewußtsein; und der
seelische Reichtum des neuen Lebens wird zarter schattiert, wie
seine Träger zugleich mehr als die früherer Zeitalter von
Gefühlen und Empfindungen, kurz elementaren psychischen
Vorgängen abhängig erscheinen. Darauf beruht die Vorliebe
des neuen Zeitalters für die Musik als die spezifische Kunst
der Stimmungswiedergabe, sowie für die Malerei, die ihre
Schöpfungen ebenfalls zusehends mehr in das Stimmungsvolle
einsenkt; wie denn in jüngster Zeit auch die Schwarz⸗Weiß⸗
Künste, ja sogar die Plastik desselben Weges gezogen sind.

Und ist in diesem Zusammenhange nicht auch am ehesten
das Naturgefühl der modernen Zeiten verständlich? Ist nicht
auch hier die phantasievolle Beobachtung der Außenwelt der
Erscheinungen ähnlich wie die des menschlichen Innern mit
Gefühlen und Stimmungen verwebt; erscheint uns nicht an
erster Stelle die Natur als Objekt unserer Beseelung?

Gewiß ging der Anfang des modernen Naturgefühls um
1750 vor allem von der Reaktion gegen die seelisch ver—
knöchernde Abwendung von der Natur aus, wie sie gegen
Schluß des individualistischen Zeitalters herrschte. Und in⸗
dem die Verfeinerung des modernen Seelenlebens zu jener
uns schon bekannten Zerspaltung der Individuen führte, die
        <pb n="42" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 31
ohne eine gewisse gekünstelte Form der Lebensführung kaum
denkbar ist, ist von diesen Reaktionsgefühlen durch das ganze
Zeitalter des Subjektivismus hindurch bis zur Gegenwart
immer etwas, ja sogar viel erhalten geblieben. Aber daneben
führte doch vor allem die innerste Seelenanlage der neuen
Zeit zur Beseelung der Natur. Wer sich so selbständig als
Mensch fühlte und so empfindungsfähig zugleich, der sollte
nicht den Überfluß seines psychischen Daseins in geistiger
Herrschbegier über diese Welt der Erscheinungen haben hin—
strömen lassen? Schon Herder lebte in diesen Gefühlen. „Das
Fiberngebäude des Menschen ist so elastisch fein und zart und
sein Nervengebäude so verschlungen in alle Teile seines
vibrierenden Wesens, daß er als ein Analogon der alles durch⸗
fühlenden Gottheit sich beinahe in jedes Geschöpf setzen und
gerade in dem Maße mit ihm empfinden kann, als das Ge—
schöpf es bedarf und sein Ganzes es ohne eigene Zerrüttung,
ja selbst mit Gefahr derselben leidet.“

Sehr natürlich aber, daß diese Art aktuellen Naturgefühls
sich vor allem der unorganischen, gleichsam passiven Natur zu—
wandte. Und so trat das Landschaftsgefühl an die erste Stelle.
Dabei knüpfte man zunächst an das Landschaftsgefühl des
Individualismus an, das flache Gegenden und, als höchsten
Ausfluß seines Wesens, regulierte Parkanlagen geliebt hatte.
Und welche Wandlungen führte hier alsbald, schon seit etwa
1760, das neue Gefühl herbei! Die steife Symmetrie der
Kunstlandschaft wich fein berechneter Regellosigkeit; an Stelle
ebener Flächen mit gradlinigen Wegen trat wechselndes Terrain
mit bunt verschlungenen Pfaden, an Stelle abgezirkelter Teiche
mit uniformen Springbrunnen ein frischer Wasserlauf mit dem
Rausch- und Gurgeltone kleiner und großer Kaskaden; die
verschnittenen Hecken und Baumreihen verwandelten sich in
malerisch freie Baumgruppen mit wechselnder Farbe des Laubes;
verschnörkelte Blumenbeete wurden durch saftige Rasenplätze
ersetzt, und das ganze Heer der kleinen Pavillons, der künst—
lichen Ruinen, der Vexierhäuschen und der Glorietten ver—
schwand vor Bänken an Stellen weiter Aussicht und lauschigem
        <pb n="43" />
        2

Einleitung.
Waldplatz. Zugleich aber schwärmte man hinaus über Park
und Ebene; das Behagen an der großen freien Natur und
ihren elementar⸗einfachen Zügen wuchs von Jahrzehnt zu Jahr⸗
zehnt und die unendlich wechselvolle Schönheit des deutschen
Mittelgebirges wurde entdeckt; was ist in diesem Zusammen⸗
hange Thüringen den Heroen unserer Dichtung, vor allem
Goethe gewesen! Und schon hatte man weiter gegriffen. Noch
im Jahre 1775 konnte Goethe keinen Geschmack finden an den
„wilden Felsen, Nebelseen und Drachennestern“ des Alpen—
landes. Aber bereits ein Menschenalter zuvor hatte Haller, ein
Sohn des Landes, die Schönheiten der Schweiz besungen.
Und wenn Goethe im Jahre 1779 die Größe der Alpen auf⸗
ging, wenn gegen Ende des Jahrhunderts sein zunächst senti—
mentales Interesse für sie in eine mehr objektive, aber darum
nur noch um so mehr unmittelbare Anschauung umschlug, so
bezeichnete dieser persönliche Entwicklungsgang im allgemeinen
die Entfaltung des modernen Naturgefühls überhaupt. Hatte
die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts die Schönheit der
freien Natur in ihren besonders harmonischen Gliederungen
durch enthusiastisches Versinken in sie, das doch zugleich ein

Beherrschen bedeutete, gefunden, so zog mit der Romantik der

Sinn für das Unsymmetrische der Naturerscheinungen senti⸗

mental herauf: bis der Realismus schon der dreißiger Jahre des

19. Jahrhunderts, vor allem aber des modernen Großstadt⸗

lebens jenen beinahe wissenschaftlich indifferenten Sinn für jeg⸗
liche Schönheit der Natur erstehen ließ, der alles genießt, indem
er sich, ungewohnt selbst des einfachsten Glanzes einer einsamen
Natur, in allem zu finden weiß.

In der Entwicklung des Naturgefühls aber erscheint zugleich
eine der elementarsten Seiten der modernen Psyche überhaupt
zunächst nach einer bestimmten Richtung hin entfaltet, die im
Grunde für alle Arten seiner Außerung charakteristisch ist: das
Bedürfnis, der Umwelt etwas zu sein, sich in sie hinein zu er—
ziehen, sie zu erfüllen, zu beherrschen. Welch Unterschied der
Auffassung gegenüber dem in sich abgeschlossenen, in sich zurück—
gezogenen Individuum des vorhergehenden Zeitalters, wenn
        <pb n="44" />
        Der Charakter des subjektivistischen Feitalters. 33
schon Goethe seinem Prometheus auf die Frage: „Wie vieles
ist denn dein?“ die stolze Antwort in den Mund legt:

Der Kreis, den meine Tätigkeit erfüllt, —

Nichts drunter und nichts drüber.

Einem der trefflichsten Sänger aber der angehenden zweiten
Periode des Subjektivismus, Gottfried Keller, erscheint der
Mensch des 19. Jahrhunderts

geschaffen, durch das All zu schweifen
Mit hellem Mute und gestählten Sinnen,
Zu wünschen, wo des Lebens Quellen rinnen,
Und forschend jeden Abgrund zu durchstreifen.
Dies eben ist es: Erkenntnis der Welt und Beherrschung der
Welt im weitesten noch eben möglichen Umkreise: das schlummert
im letzten Grunde jeder Seele des neuen Zeitalters tief ein—
gebettet bis zu dem Grade, daß dem naiven Sohne dieser Zeit
die Annahme eines gleichen Grundgefühls für alle Zeiten und
Ereignisse menschheitlicher Entwicklung als selbstverständlich er—
scheint, ja, daß er selbst Dichtung und Kunst voll nur glaubt
genießen zu können, wenn fie die Eigenschaft besitzen, seine
schöpferische Selbstaneignung aufs stärkste, auf Kosten seiner
Nervenkraft und sogar seiner Lebenszeit, hervorzurufen.
„Der vornehmste Gegenstand dieses Überströmens und
Übergreifens der modernen Persönlichkeit auf die Umwelt aber
war von Anbeginn der Mensch. Wie oft ist doch im 18. Jahr—
hundert Popes Wort „The proper study of mankind is man“
auch in Deutschland wiederholt worden!“ Wie strebte man dem—
gemäß seit 1750, sich gegenseitig näher zu kommen, wie galt für
diese Zeit und alle folgenden Menschenalter Lessings freundliche
Mahnung an seine Frau: „Bedenken Sie fein, daß der Mensch
nicht bloß von geraͤuchertem Fleische und Spargel, sondern,
was mehr ist, von einem freundlichen Gespräche, mündlich oder
schriftlich, lebet!“ Es find die Zeiten, da die enthusiaftischen
Freundschaftsbünde der Empfindsamkeit und des Sturmes und
Dranges geschlossen werden, denen eine Periode so enger Gemein—
schaften wie die Goethes und Schillers folgt: und weitgehende
und wohlverstandene Interessengemeinschaften auch sehr ver—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 2
        <pb n="45" />
        27

Einleitung.
schiedenartiger Charaktere, von den tausend Formen modernen
Vereinslebens zu schweigen, werden zum charakteristischen Aus—
druck des 19. Jahrhunderts. Dabei glaubte man sich vor allem
im Sinne beiderseits verstärkter geistiger Herrschaft über sich
und andere fördern zu können. In dieser Richtung äußert sich
schon Garve: „Freunde müssen die Beichtväter und Seelsorger
voneinander sein . . Und was würde nicht Menschenkenntnis,
Philosophie und Tugend dabei gewinnen, wenn oft genug
zwei gute und auf sich achtgebende Leute einander alles, was
sie von sich und von den anderen gelernt haben, mitteilten.“
Steckt in diesen Worten noch viel von der Lehrhaftigkeit
des Rationalismus, so ist doch klar, daß eine solche ständige
Disposition wie zu vertiefter Kunst der Menschenbeherrschung,
so zu erweiterter Wissenschaft vom Menschen führen mußte.
Psychologie ist darum die Losung des Zeitalters: Psychologie
von den naiven empirischen Anfängen der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts bis zur Experimentalpsychologie und der
Psychologie vertiefter Selbstbeobachtung sowie der Soziologie
des heutigen Tages. Und schon im Beginne der neuen Zeit
werden die weitestgehenden Forderungen auf diesem Gebiete
gestellt. Man übt nicht nur Selbstbeobachtung bis zur Hypo⸗
chondrie, um die „Historie des eigenen Herzens“ zu schreiben,
man sucht nicht bloß auf dem Wege der Physiognomik der
Seelengestaltung durch Zergliederung der äußeren Erscheinung
nachzuspüren, man treibt nicht bloß Charakterologie und die
Anfänge einer rein beobachtenden Individualpsychologie:
Männer, wie Herder, gehen schon weiter. „Da in den neuesten
Zeiten,“ heißt es in den Ideen zur Geschichte der Menschheit,
„der edle Bemerkungsgeist auch für unser Geschlecht wirklich
schon erwacht ist und man von einigen, wie wohl nur von
wenigen Nationen Abbildungen hat, gegen die in älteren Zeiten
de Bry, Bruyn, geschweige die Missionare nicht bestehen, so
wäre es ein schönes Geschenk, wenn jemand, der es kann, die
hier und da zerstreuten treuen Gemälde der Verschiedenheit
unseres Geschlechts sammelte und damit den Grund zu einer
sprechenden Naturlehre und Physiognomik legte.“ Wie viele
        <pb n="46" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 35
psychologische, ethnologische, kulturgeschichtliche Bestrebungen
des 19. Jahrhunderts gelangen in diesen Worten zu ahnungs—
ooller Andeutung.

Indem aber der Mensch des neuen Zeitalters über sich
hinweg in breiteste Einflußsphären seines Geistes und Willens
strebte, erhielt sein Wesen etwas ewig Unbefriedigtes: denn
da andere der gleichen Anlage waren und sind wie er, so er—
gab sich alsbald ein unendlich verschärfter Wettbewerb, und
da sich zudem passive Widerstände der breiten Umwelt ein—
stellten, so störte zugleich die „Tücke des Objekts“. Schon
Goethe hat diese Empfindung von gemindertem Glücke, ge—
hemmter Tätigkeit und unbefriedigten Wünschen als allgemeinen
Zug der neuen Zeit erkannt und zuerst, wenn auch in einem
pathologischen Extrem, in Werthers⸗ Leiden zur Darstellung ge—
bracht.

Eine verhältnismäßig milde Form dieses Unbefriedigtseins
trat dann ein, wenn das Individuum, das darnach strebte, sich
ein besonderes Weltbild im eigenen Inneren zu erbauen, um
es nach außen wirken zu lassen, die Erfahrung machte, daß
die Welt, wie sie ist, hinter dem geschaffenen Bilde zurück⸗
blieb. Dann zog der Weltschmerz in ihm ein: Verzweiflung
an der Welt und Verzweiflung an dem Schöpfer des falschen
Bildes: Verzweiflung am eigenen Selbst. Es ist eine Form,
die in fortgeschrittenen Zeiten des Subjektivismus vornehmlich
iugendlichen Köpfen eigen ist; in den Anfängen des Zeitalters
war sie für eine ganze Periode bezeichnend. Indem nun aber
im Verlaufe des Zeitalters das neu Weltbild, wie es dem
allgemeinen Fortschritte eines mit wachsender Breite sich ent⸗
wickelnden Seelenlebens entsprach, immer klarer wurde, und
damit zugleich die individuel— Konstruktion einer Welt—

anschauung von immer konkreteren Gegebenheiten ausging,
wurde bei einem Fehlgriffe der individuellen Zeichnung die
Kollision immer heftiger, schwerer, verhängnisvoller. Und so
entstand neben dem Weltschmerz des Pessimismus und schließlich
neben dem Pessimismus das Prometheusgefühl als Zeitausdruck,
der Satanismus.
        <pb n="47" />
        36

Einleitung.
Es sind seelische Krankheiten oder wenigstens pathologische
Auswüchse des Subjektivismus, die am Ende nur dadurch
überwunden werden können, daß der einzelne trotz alles
Ausdehnungstriebes seine innere Bedingtheit anerkennt, möge
er sie nun als praktische Forderung der Zeit verstehen oder
aus dem Wesen der menschlichen Seele ableiten: wobei beide
Motive im letzten Grunde miteinander zusammentreffen. Und
so tritt denn der Erpansion des Subjektivismus ein Streben der
Selbstbindung, ein besonders hoher Grad der Selbsterziehung
als eine weitere charakteristische Eigenschaft des neuen Zeit⸗
alters gegenüber.

Diese Selbstbindung äußert sich auf allen Gebieten: auf
denen der Kunst in dem freilich erst spät erfolgreichen Streben
nach den Anfängen einer neuen objektiven Stilbildung, wie
sie namentlich Architektur und Kunstgewerbe der Gegenwart
aufweisen, auf dem der Verstandestätigkeit in der überaus
regen Wirksamkeit in der Bildung idealistischer Systeme der
Philosophie und in den zunehmenden Regungen kirchlicher
Frömmigkeit sowie in den ersten Stadien, da diese neuen Aus—
wirkungen erst noch zu erwarten waren, in der merkwürdigen
Um- und Heimkehr so vieler besonders freier Geister in die
Gebundenheiten des Katholizismus. Am lebendigsten aber und
anschaulichsten hat sie sich selbstverständlich doch auf dem Ge—
giete der Willenstätigkeit entfaltet.

Hier ist das eigentlich Bezeichnende alsbald die Ent—
wicklung starker und immer stärker werdender Gemeingefühle
gegenüber dem grundsätzlichen Ichgefühl, das Stern und Kern
des Subjektivismus zu sein schien. Aber trägt das Subjekt,
indem es gegenüber den Objekten der Natur und Menschen⸗
welt lebendig wirksam wird, nicht unauslöschlich in sich eben
auch altruistische Gefühle? Und erscheint sich das Subijekt,
indem es sich als lebendigen Mikrokosmos betrachtet, nicht
jeden Augenblick auch als Durchgangspunkt unendlich vieler,
an sich doch auch aktueller Beziehungen, die es mit Natur und
Willenswelt verknupfen? Und mußte nicht endlich das zu—

nehmende Bewußtsein der auflösenden Wirkungen eines rein
        <pb n="48" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 37
egoistischen Subjektivismus zur Betonung gerade der sozialen
Seite des Daseins führen? Oder wem unter den denkenden
Zeitgenossen der Gegenwart liegt die Befürchtung fern, daß
unsere Kultur zugrunde gehen könnte, wenn nicht die altruisti⸗
schen Triebe der Träger dieser Kultur gestärkt würden?

Und so erschien die subjektivistische Persönlichkeit wohl
als das grundlegende Element der neuen Welt, aber diese
selbst als Organismus mußte sozial gestaltet werden, wenn
auch die neue Gestaltung nicht mehr als geistig gebunden,
sondern als seelisch frei und darum unendlich wandelbar er⸗
scheinen mochte. Und damit zogen in diese neue Welt tausend
neue Gemeingefühle ein, von dem Gefühle einer neuen Freund⸗
schaft bis zum Kosmopolitismus, von dem Gedanken eines
konstitutionellen Staatsbürgertums bis zur Idee der staatlichen,
sozialen und wirtschaftlichen Gleichheit aller, vom Nationa⸗
lismus bis zum weltpolitischen Idealismus jüngster Zeit. Und
sie kämpften insgesamt gegen die alten sozialen Gebunden⸗
heiten und die drohende Freiheit der Willkür zugleich: alle
schließlich unter dem Gesichtspunkte, daß durch Staat und
Gesetz der freiesten Bewegung der individuellen und auch der
kollektiven Persönlichkeit nur eine äußerste Schranke gezogen
werden dürfe, während innerhalb dieses weitabgesteckten Ge⸗
hietes der neuen Kultur das Recht der Selbstentwicklung zu
wahren sei.

Doch wir haben hier nicht schon der Durchbildung der Gemein⸗
gefühle nachzugehen, die auf Grund dieser allgemeinen Ten⸗
denzen in einer unerhörten Mannigfaltigkeit von Institutionen
erfolgt ist. Was uns fesselt, ist die Rückwirkung auf den
Charakter der allgemeinen Persönlichkeit, der Psyche überhaupt.
Und da ergibt sich alsbald ein wiederum neues Verständnis
dieser Persönlichkeit. Sie ist nicht bloß insofern Subjekt, als
sie sich organische und unorganische Welt als Objekt zu unter⸗
werfen sucht, sie ist es auch insofern, als sie sich selbst die
Normen setzt, die für ihr Leben und dieses Leben im Ver⸗
hältnis zu dem Dasein der Umwelt objektiv gültig sind: sie
ist mithin keine willkürliche, sondern eine gefestigte Persön⸗
        <pb n="49" />
        388

Einleitung.
lichkeit. Dabei liegt es nicht bloß im Sinne, sondern fast
schon in den Worten der letzten Ausführungen, daß diese Er—
scheinungen des Subjektivismus erst langsam völlig zutage treten
konnten: die ersten Menschenalter der neuen Zeit haben mehr
Programme von Normen gebracht, als daß diese dem tätigen
Leben bindend entwachsen wären: und sittliche Vorstellungen,
wie die der Nationalität, des objektiv Wahren der Natur—
wissenschaft, des subjektivistisch Christlichen haben erst im
19. Jahrhundert und auch dann teilweis erst in dessen späterem
Verlaufe in voller Klarheit eingewirkt.

Was aber von vornherein feststand, war die bewußt vor⸗
getragene oder unbewußt bestehende UÜberzeugung, daß der
Mensch nunmehr durch Selbstbestimmung ein persönlicher
Charakter werden müsse. Es war eine Vorstellung, die dem
Begriffe des Berufes, wie er sich in frühester Ausbildung schon
seit dem 12. Jahrhundert eingestellt hatte, sofort eine neue
Wendung, ja einen ganz neuen Inhalt gab. Indem jetzt die
Arbeit zu einer freien Tätigkeit erhoben wurde und zugleich für
seden über alle möglichen Gebiete ersprießlichen Wirkens aus—
dehnbar erschien, fand sich erst eigentlich recht die Berufstreue
als innerlichstes sittliches Pflichtgefühl ein. Ja mehr. Goethe
hat einmal die tiefgreifende Bemerkung gemacht: „Wir bilden
uns nicht, wenn wir das, was in uns liegt, nur mit Leichtig⸗
keit und Bequemlichkeit in Bewegung setzen. Jeder Künstler
wie jeder Mensch ist nur ein einzelnes Wesen und wird nur
immer auf eine Seite hängen. Deswegen hat der Mensch
auch das, was seiner Natur entgegengesetzt ist, theoretisch und
oraktisch, insofern es ihm möglich wird, in sich aufzunehmen.“
Was Goethe hier von der Natur der Menschen seiner Zeit
sagt, gilt erst recht von ihrem Berufe. Der subjektivistische
Mensch begnügt sich nicht mit dem ihm zunächst eigenen Be—
rufe, er sucht vielmehr über dessen notwendige Einseitigkeit
hinaus den Ausgleich einer Beschäftigung freier Wahl. Es ist
der Ursprung des modernen Dilettantismus, es ist zugleich
eine der tiefsten Wurzeln auch des modernen Sports, die
hier zutage tritt. Dilettantismus und Sport ergänzen den
        <pb n="50" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 39
Beruf und heben eben dadurch dessen Sittlichkeit in eine
freiere Sphäre.
War aber mit alledem die soziale Einordnung der sub—
ektivistischen Persönlichkeit gewährleistet? Man glaubte es
lange Zeit. In jugendfrohem Optimismus sah man die
Harmonie der Entwicklung gesichert, wenn jeder sich nach
Kräften auswirke: es waren die Zeiten des laissez aller,
saissez faire nicht bloß auf wirtschaftlichem Gebiete. Aber
schon die Erfahrung weniger Generationen zeigte, daß dieser
Glaube nur ein Anfangsglaube des Subjektivismus sein
konnte. Nicht bloß, daß gewisse Folgen einer solchen Lebens⸗
haltung äußerlich unleidlich hervortraten. Vor allem zeigten
inere Abwandlungen der Psyche, daß ein höherer Grad der
Selbstbindung erreicht werden müsse. Um nur einige Momente
zu erwähnen, so entwickelte sich z. B. in dem modernen Ehrgefühl
eine wenig erfreuliche Mischung von Gewissen und Selbstsucht,
und schoß allmählich aus fatalistischen Keimen das wuchernde
Gestrüpp eines frivolen Skeptizismus hervor, der ebensowenig
wie die früher erwähnten Erscheinungen des Weltschmerzes,
des Pessimismus, des Satanismus, durch eine bloße würdige
Resignation, jene humorvoll⸗ wehmütige Selbstbegrenzung der
eigenen Persönlichkeit, die namentlich hohe Geister der Mitte
des 19. Jahrhunderts oft geübt haben, beseitigt werden konnte.
Was hier nottat und noch nottut, war und ist die Entwicklung
bon neuen objektiven Werten, sittlichen Normen, frommer Lebens⸗
kunst, staatlichem Hochgefühl, von Werten, die naturgemaß erst
in langem Ringen um eine neue Dominante des Zeitalters
überhaupt zur Entfaltung gelangen konnten.

Kein Zweifel indes, daß schon in den wichtigsten Aus⸗
wirkungen der neuen Kultur seit Mitte des 18. Jahrhunderts die
wertvollsten Vorarbeiten für solche höchste Ziele vorliegen, denen
auch unsere Gegenwart zunächst nur sehnsuchtsvoll nachjagt.

Vor allem auf dem Gebiete der Verstandestätigkeit ist das
der Fall. Denn am Ende konnte sich der neue Mensch doch noch
mit nichts leichter orientieren als mit dem Verstande. Eine
neue Regelung phantasievoller Tätigkeit, noch mehr eine neue
        <pb n="51" />
        Einleitung.
Bindung des Willens, geschweige denn eine neue Selbst—
orientierung der Triebe bedarf, vor allem bei hoher Kultur,
des Intellektes als voranschreitenden Pfadfinders hinein in das
Dickicht urwüchsiger Erscheinungen einer neuen Zeit: was nicht
ausschließt, daß der Verstand sich zunächst in enthusiastischen, ja
dithyrambischen Formen äußert.

Bei dem Übergange von den letzten Zeiten des individua—
listischen Zeitalters zu den Anfängen des subjektivistischen frei⸗
lich trat dies nicht ein. Indem die alte Kultur vornehmlich
rational gewendet war, bestand, unter der Fortdauer gewisser
alter Tendenzen, die besondere Möglichkeit, den Inhalt der
veränderten inneren Erfahrung alsbald in klare begriffliche
Formen zu gießen. Es ist die Entwicklung, aus welcher her
die besondere geschichtliche Stellung Kants begreiflich wird.
Mußte bei dem ungeheuren Andrange neuer Reize und Vor—
stellungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wie er
den Übergang zu dem neuen Kulturzeitalter hervorrief und von
diesem Übergange wiederum wirksam hervorgerufen wurde, die
geistige Durchdringung dieser Erfahrungen alsbald durch müh—
same Abstraktionen eines Verstandes erfolgen, der eben in
dieser Arbeit eine höhere Ausbildung seiner Entwicklung er—⸗
hielt; führte weiterhin die Durchbildung des absolutistischen
Staates zu einem Frieden der Untertanen untereinander, in
dessen Bereich die nackte Vergewaltigung eines überschäumenden
Wettbewerbs der Einzelpersonen durch gesellschaftliche List,
diesen Krebsschaden des Subjektivismus, ersetzt werden mußte,
was eine außerordentliche Fortbildung des praktischen Ver—
standes veranlaßte, wie sie auch sonst durch wirtschaftliche Fort⸗
schritte eingeleitet ward; erwuchs aus diesen und anderen
Gründen eine höhere Verstandestätigkeit, die Goethe den Kausal—
begriff schon als den „angeborensten und notwendigsten“ des
Menschen bezeichnen ließ und Lichtenberg zur Benennung des⸗
selben Menschen als eines „rastlosen Ursachentieres“ führte:
so ist es Kant gewesen, der die Erkenntnistheorie dieses neuen
Verstandes in früher Vollendung geschaffen hat.

Kants Kritik der reinen Vernunft läuft auf eine Wert—
        <pb n="52" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 41
kritik des reinen Verstandes hinaus und ist insofern eine Fort⸗
setzung der verhältnismäßig erst spät entwickelten Wertkritik des
Verstandes überhaupt, die auf dem Boden der neueren euro—
päischen Geschichte eigentlich erst mit Locke und Hume, den
großen Philosophen des englischen Subjektivismus, begonnen
hat, während ästhetische und ethische Wertkritik viel früher ge—
blüht haben. Die Folge dieses Umstandes ist, daß noch heute
die Zeitgenossen die Kantsche Verstandeskritik als eine absolute
zu betrachten gewohnt sind, während die zeitliche Relativität
jeder ethischen oder ästhetischen Wertkritik viel leichter und oft
ohne weiteres eingesehen wird. Allein auch jener Verstand,
den Kant, vor allem in seiner Kategorienlehre, analysiert hat,
ist nur der des angehenden Subjektivismus, und nur in einem
durch diese Erkenntnis beschränkten Sinne kann von unserem
Philosophen wie einst von Sokrates gesagt werden, daß er
die Philosophie vom Himmel gerufen habe.

Was Kant erkenntnistheoretisch charakterisiert, ist vor
allem die Zerstörung der realen Gewißheit der gegebenen
Wirklichkeit. Es ist der philosophische Ausdruck der entwicklungs⸗
geschichtlichen Tatsache, daß die Persönlichkeit der neuen Zeit
—0
aktiv wurde im höchsten Grade; es ist das Eingeständnis und
die stolze Behauptung, daß der Mensch als ein empfindendes,
denkendes Wesen zum mindesten eine Mitbedingung sei alles
dessen, was ihm als Wirklichkeit erscheinen mag.

Aber bei dieser Kritik des Verstandes, die sich noch bis
in die psychischen Bedingungen der Gegenwart hinein als
wesentlich zutreffend bewahrheitet, blieb die Untersuchung der
menschlichen Seele nicht stehen. Vielmehr wurde schon früh
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunders, wenngleich lang—
samer und tastender, auch eine volle Psychologie des neuen
Seelenlebens entwickelt. Da hatte man sich freilich erst aus
der fein ausgearbeiteten Vermögenslehre des Rationalismus
herauszuschälen, und das ist weder Kant noch auch den enthu⸗
siastisch-äfthetischen Anfängen der subjektivistischen Psychologie
gelungen, deren später, zum Teil im Zusammenhange mit dem
        <pb n="53" />
        12

Einleitung.
Freundschaftskulte dieser Zeit, eingehend Erwähnung getan
werden soll. Aber doch war man schon damals auf dem
rechten Wege des Suchens nach einer Kausalpsychologie, und
selbst dem Gedanken des psychologischen Experiments stand
man nicht mehr fern, wie denn das Wort zum erstenmal schon
in Krügers Versuch einer Experimentalseelenlehre vom Jahre
1756 vorkommt. Indes kam man doch trotz aller feinsinnigen
Ahnungen und aller entschiedenen Ablehnung des Rationalis⸗
mus, wie sie namentlich von Herder und Jacobi ausging,
nicht zu einer befestigten Lehre, bevor die aus den Voraus—
setzungen der Kantschen Philosophie her entwickelte mystische
Identitätsphilosophie die ganze Breite höheren Denkens be—
herrschte. Und nun, in den spekulativen Zeiten Fichtes,
Schellings, Hegels, kam es natürlich auch zu keiner reinen
Psychologie, sondern die Wissenschaft des Seelenlebens trat
noch einmal in den Kernschatten metaphysischer Vorstellungen.
Dann aber, seit Herbart, erfolgte die Befreiung: der positi⸗
vistische Sinn reiner Wissenschaft siegte, und eine Individual⸗
psychologie wie Sozialpsychologie wurde entfaltet, die den
seelischen Voraussetzungen der Gegenwart und leise auch schon
denen aller bekannten menschlichen Vergangenheiten gerecht zu
werden sucht und damit in einen konstitutiven und einen bio⸗
logischen Zweig zu zerfallen beginnt.

Und wie verschieden auch die Ergebnisse dieser neuen
Wissenschaften sein mögen, die sich eben erst anschicken, ihr
drittes Menschenalter zu vollenden: so viel ist gewiß, daß sie
schon jetzt die entscheidende Grundlage aller Geisteswissenschaften
bilden. Aber sind sie es nicht schon weit früher, seit Beginn
des neuen Zeitalters, für alle wissenschaftliche Beherrschung
der Natur und namentlich der Menschenwelt gewesen? Sie
waren es mindestens in dem Grade, in welchem sie das Eigenste
des Seelenlebens des Zeitalters zu klarem und vollständigem
Ausdrucke brachten.

Nach den frühen Ahnungen und späteren Gewißheiten
dieser Lehren wie nach der modernen Erkenntnistheorie seit
Kant gibt es nun für uns kein sinnliches Sein, das nicht
        <pb n="54" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 43
Wahrnehmung und Vorstellung wäre; und alles Verhältnis
von Wahrnehmung und Vorstellung zur Wirklichkeit ist daher
immer wieder nur ein Verhältnis von Wahrnehmung und
Vorstellung zu Wahrnehmung und Vorstellung, so daß die
sinnliche Welt für uns in Wahrheit in einem Relationssysteme
von Wahrnehmungen und Vorstellungen besteht. Aber dieses
System ist nicht starr und von fester Gebundenheit. Wenn
die Beobachtung des modernen Seelenlebens einen Satz mit
höchster Sicherheit festgestellt hat, so ist es der, daß unsere
Vorstellungen nicht als etwas fertig Vorhandenes, in unser
Bewußtsein Eintretendes und aus ihm wieder Verschwindendes
angesehen werden können: in stetiger Kombination vielmehr
des Werdens und Vergehens bilden sie sich als vorübergehende
Resultanten, erzeugen sie sich neu gleich den tausendfarbigen
Widerscheinen der fallenden Kaskade, sind sie wechselvollstes
Geschehen, sind sie Werden und Vergehen zugleich. Und so
ist ihr Sein Entwicklung, und die Welt verwandelt sich aus
einem Schauplatze des Lebens in das Leben selbst.

Das Leben daher und die Entwicklung als die Form des
Lebens werden jetzt nun zu den eigentlichen großen Problemen der
subjektivistischen Wissenschaft; und durch tausend Schattierungen
hindurch, von sehr einfachen Vorstellungen im Anfang beginnend,
bis hinauf zu den verwickelten Ansichten der Natur- und Geistes—
wissenschaften der Gegenwart, sind die hierher gehörenden
Probleme fortgebildet worden bis auf den heutigen Tag.

Selbstbewußtsein aber und Weltbewußtsein sind Korrelate,
und so begreift sich, daß als Objekt dieses evolutionistischen
Denkens alsbald eine Welt erschien, die nach Zeit und Raum
der Unersättlichkeit subiektivistischer Persönlichkeit zu entsprechen
hatte:
„Und wie der Pilger, flüchtend vor Welt und Schicksalswucht
Heil'ge Wanderstätten wallfahrend fromm besucht,
So nachts in alle Weiten zieht meines Sehnens Traum:
Zeiten- und Völkerformen find meiner Andacht Tempelraum.“
(R. Hamerling.)
So ward vor allem der irdische Kosmos in jeder Hinsicht
dem Denken, der Forschung, dem menschlichen Besuche er—
        <pb n="55" />
        Einleitung.
schlossen, und schon Herder rief triumphierend aus: „Unsere
Erde ist nicht mehr auf ewige Pfeiler gegründet; der mensch⸗
liche Geist hat getan, was Hiob ihm nicht zutraute: über die
Erde von Pol zu Pol die Meßschnur gezogen; sie wie in der
Faust gewogen; er hat den Lichtstrahl geteilt; er schickt Blitze
aus, und sie gehen und sagen: hier sind wir!“ Dabei trat
der Eroberung des Erdenraumes wie seinem Ergebnisse, einem
terrestrischen Universalismus, die Eroberung der Erdenzeit und
damit ein bis in tiefste geologische Perioden hinein erstreckter
Historismus zur Seite. Es war einer der merkwürdigsten Unter⸗
schiede gegen die ablaufende Zeit eines geschichtslosen Rationalis—
mus, und so lag es nahe, daß seine Entwicklung zunächst im Sinne
starker Reaktion gegen diese verlief. Dazu kam der Instinkt, daß
eine neue Zeit angebrochen sei; eben er ließ die verflossene als—
bald geschichtlich begreifen. Noch stärker wirkte dann die Tatsache
der sich in Staat und Gesellschaft weit auswirkenden Individuen:
erschienen diese in der Gegenwart ihrer Tätigkeit nach in alle
Breiten verzweigt, so mußten sie auch tief in die Vergangenheit
reichen: und so brachen Jahrzehnte historischer Erforschung des
Staats- und Verfassungslebens herein. Am tiefsten aber entfaltete
sich historischer Sinn doch da, wo der Entwicklungsgedanke aus
ihm unmittelbar hervorleuchtete. Es war zuerst in den Natur⸗
wissenschaften der Fall; auf biologische Anfänge folgte die
Entwicklungslehre Darwins, die paläontologisch und geologisch
gestützt wurde, und neuere Zeiten haben deren Kritik und
Weiterbau erlebt: bis auch in den Geisteswissenschaften das
Zeitalter rein entwicklungsgeschichtlicher Forschung mit der
modernen Kulturgeschichte hereinbrach.

Diese Anfänge und Übergänge aber waren ohne die
Folge einer völlig neuen Orientierung der menschlichen Seele
im allgemeinsten Kosmos der Erscheinungen auf die Dauer
nicht denkbar: neue Systeme metaphysischen Deutens und An⸗
schauens, neue Frömmigkeitsgefühle, neue Ansichten der be⸗
stehenden Religion mußten hervortreten. So wurde schon der
Begriff der Menschheit aufs weiteste ausgedehnt; zunächst in
dem Idealismus des 18. Jahrhunderts, für dessen Anschauung
        <pb n="56" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 45
sanfte Gefühle der Humanität auch schon die Naturvölker
durchleuchteten; konkreter dann in der wissenschaftlichen Er—
forschung und praktischen Verbindung der Völker des Erdballs,
wie sie das 19. Jahrhundert bis zur Verwirklichung erster
Anfänge der Weltpolitik gebracht hat. Und daneben erschien nun
zugleich das Universum als unendlich; das Widerstreben, die
Kopernikanische Lehre anzuerkennen und vor allem ihre Folge—
rungen völlig zu ziehen, das noch das ausgehende individua—
listische Zeitalter gekennzeichnet hatte, verging in nichts, und
gleichsam raum- und zeitlose Anschauungen des Universums
gewannen unter voller Einführung des Entwicklungsgedankens
selbst für die Weltkörper den Sieg, von der Kant-Laplaceschen
Hypothese bis zu den jüngsten spektralanalytischen Vermutungen
der Gegenwart.

Indem aber der erhabene Gedanke eines ewigen Fort—
ganges gleichsam der Schöpfung durch fortdauernde Bildung
selbst neuer Welten in unendlichen Fernen des Raumes ge—
faßt wurde, weiteten und festigten sich auch die Ansichten vom
Werte und von der Bedeutung der Persönlichkeit. Da fragte
schon Kant am Schlusse seines astronomischen Werkes, ob denn
die unsterbliche Seele wohl in der ganzen Unendlichkeit ihrer
künftigen Dauer, die das Grab selbst nicht unterbricht, sondern
nur verändert, an diesen einen Punkt des Weltraumes, an
unsere Erde, jederzeit geheftet sein solle? Und während hier
frommer Sinn an der Unsterblichkeit der Seele festhielt, kam
der entgegengesetzte realistische Sinn eines Gottfried Keller zu
einem zwar völlig anderen, aber für die Anschauung der
neuen subjektivistischen Persönlichkeit nicht minder bezeichnenden
Schlusse: „Die Welt ist mir unendlich schöner und tiefer ge—
worden, das Leben ist wertvoller und intensiver, der Tod
ernster, bedenklicher und fordert mich nun erst mit aller Macht
auf, meine Aufgabe zu erfüllen und mein Bewußtsein zu
reinigen und zu befriedigen, da ich keine Aussicht habe, das
Versäumte in irgendeinem Winkel der Welt nachzuholen.“ In
beiden Fällen aber war das Ergebnis das gleiche: eine Vertiefung
der Bedeutung der Persönlichkeit, eine stolz-bescheidene Haltung
        <pb n="57" />
        46

Einleitung.
menschlicher Subjektivität, die bei aller unübersteiglichen Be—
grenzung ihres Wesens von der oft halb unbewußten An—
schauung durchdrungen ist, daß sie in menschlichen Schranken
freier Herr sei aller Dinge.

Es ist die Zentralvorstellung, von der alle Metaphysik
und alle Frömmigkeit, alle Ethik und alle Asthetik, alle
Phantasie- und alle Willenstätigkeit des subjektivistischen Zeit—
alters getragen ist.

Das Erscheinungsjahr der Kritik der reinen Vernunft
(1781) war das Todesjahr Lessings, das Jahr, in dem Schillers
Räuber gedruckt wurden, das Jahr der Toleranzedikte Josephs II.
und im Grunde auch das Geburtsjahr der subjektivistischen
Metaphysik. Denn indem Kant sich von den Objekten der
Philosophie wegwandte zu dem erkennenden Subjekt und dessen
Erforschung in den Mittelpunkt seiner philosophischen Tätigkeit
stellte, wies er der Metaphysik die Stellung an, die sie seitdem be—
halten hat: die Stellung einer von der menschlichen Erkenntnis—
theorie und damit der Methodologie der Wissenschaften abhängigen
Funktion. Entscheidend aber für die Durchbildung dieser Funktion
war doch wieder der spezifische, soeben festgestellte subjektivistische
Charakter der Persönlichkeit. Indem für diese die Vorstellung
eines ständigen Werdens die eines bloßen Seins früherer Zeiten
abgelöst hatte, indem die moderne Persönlichkeit damit sozu—
—
von neuem als wirklich erzeugen mußte, mußte sie auch meta—
physisch mit höchster Kraft und Selbständigkeit ausgestattet
werden, sollte sie, in ihrem Wirklichkeitsbewußtsein nur auf
ein Geschehen angewiesen, das sich im letzten Grunde allein
in ihr ereignete, nicht schwächlich straucheln.

Kant war der erste, der eine diesen Forderungen ent—
sprechende Metaphysik geschaffen hat. Ihm stand über der
Welt der Erscheinungen, die wir durch unsere Verstandeskräfte
kennen lernen, und der wir durch den Charakter der Funktionen
dieser die Gesetze geben, welche sie uns verständlich machen,
eine andere Welt: die Welt der selbstherrschenden Vernunft,
der Ideen. Es ist eine, an sich betrachtet, ideologische Welt:
        <pb n="58" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 47
es gibt von ihr keine unserem Verstande adäquate Erkenntnis.
Aber gleichwohl, ja um so mehr lebt diese Welt in uns, und Gott,
Freiheit und Unsterblichkeit sind ihre unbedingten Forderungen.
Indem diese Forderungen unser Handeln bestimmen, soll es
anders ein sittliches sein, sind sie, Geschöpfe unserer Vernunft,
zugleich die Beherrscher unseres an sich freien Willens durch
das Gebot der Pflicht, und indem sie über uns herrschen, be⸗
herrschen sie, selbstgewählte Souveräne unseres Innern, die
Welt. So wird diese Welt in der Art, wie wir sie erkennen,
theoretisch, der Ausdruck unseres Verstandes und unserer An⸗
schauung, in der Art aber, wie wir sie in sie hineinwirken,
praktisch, der Bereich unserer selbstgeschaffenen sittlichen Mächte
und damit uns untertan in jedem Betracht. Das Bibelwort,
daß der Mensch herrschen solle über die Welt der Erscheinungen,
über die Tiere des Waldes, die Vögel der Luft, die Fische
im Wafßfer, jene primitiv anschauliche Lehre von der geschicht—
lichen Entwicklung im Sinne eines Fortschrittes äußerer mensch⸗
licher Beherrschung der Umwelt, hier erhält sie die tiefste
Wendung auf die geistige Abhängigkeit dieser Außenwelt von

uns, unserem Subjekt, unserem Verstand und Willen. Es ist
die triumphierende Lehre von der anthropozentrischen Ent—
faltung aller Kultur: noch nie war der Mensch in seinem
theoretischen Vermögen wie in seinen praktischen Bedürfnissen
so sehr als beherrschender Mittelpunkt höchster Entwicklung be—
griffen worden.

Zugleich aber wurde durch diese Lehre die Sittlichkeit in ge⸗
wissem Sinne von der Religion gelöst. Gewiß sind aktive Willens—
kräfte des Menschen immer noch erst in Verbindung mit Ideen
über das Unsichtbare vollends entbunden worden; und auch der
Ethik Kants fehlt diese Verbindung nicht. Aber ihren Zusammen⸗
hang speziell mit der christlichen Offenbarungsreligion wird man
doch nur durch Heranziehung einer losen Verwandtschaft der
Postulate Gott, Freiheit und Unsterblichkeit mit christlichen Ideen
herstellen können. Und eines war jedenfalls etwa zu derselben
Zeit erreicht worden, da in der französischen Revolution der
Staats- und Rechtsbegriff der neuen Zeit zum erstenmal ent—
        <pb n="59" />
        *

Einleitung.
schieden ausgeprägt wurde: neben jenem Pflichtenkreise, dessen
Inhalt durch den äußeren Zwang staatlicher oder kirchlicher
Gesetze eingeschärft werden muß, war, unabhängig von jeder
Offenbarung, rein aus den Bedürfnissen der subjektiven Persön—
lichkeit heraus eine Summe von Pflichten proklamiert worden,
deren Gefühl als uns einfach eingeboren behauptet wurde.
Es ist im Grunde eine Summe nicht transzendenter Natur,
sondern der Niederschlag des sittlichen Empfindens aller früheren
Kulturzeitalter und des jüngsten zumal; es ist der Ausdruck
der Tatsache, daß die sittliche Erziehung der Persönlichkeit
innerhalb der nationalen Entwicklung bis zur Mündigkeit ge⸗
diehen war. Indem aber der Kreis dieser autonomen Pflichten,
der sich nun in kräftigem Wachssstum neben dem Kreise des
heteronomen Pflichtenkodex des Rechtes, des Staates und der
Kirche aufbaute, schon so groß war, daß es seiner begrifflichen
Zusammenfassung unter wenigen transzendent erscheinenden
Ideen bedurfte, wurde zum erstenmal etwas wie ein Koder
der Humanität entwickelt: erschienen die innersten Pflichten⸗
gebote als Ausdruck einer, wenn auch noch in begrenzten
Kreisen großgewordenen geschichtlichen Menschlichkeit.

Wird es dabei möglich sein, schon jetzt aus einer bloßen,
dazu noch stizzenhaften Betrachtung nur Kants die Haupt⸗
elemente subjektivistischer Weltanschauung überhaupt abzuleiten?
Es bezeichnet die überragende Stellung des Philosophen, wie
sie sich ja auch in der nicht enden wollenden Nachblute des Neu—
kantianismus ausspricht, daß dies mindestens für die Charakte⸗
ristik jener Menschenalter möglich ist, die seit Kant bis zum
heutigen Tage verflossen sind. Und da ergeben sich denn zwei
Grundnormen der Betrachtung. Einmal wird von der Welt des
Seienden mit ihren besonderen Gesetzen eine Welt der Werte
unterschieden, deren Vorstellungen von denen der Welt des
Seienden so getrennt sind, daß beide gar nicht in Konflikt
geraten können. Und zweitens wird die Annahme eines Über—
weltlichen und Unbedingten auf Postulate der praktischen Ver⸗
nunft und Bedürfnisse des Gemütes zurückgeführt.

Nach alledem ist klar, in welchem Sinne sich Frömmigkeit
        <pb n="60" />
        Der Charakter des fubjektivistischen Feitalters. 49
und christliche Offenbarungsreligion in dem neuen Zeitalter
entwickeln mußten. Sie konnten zunächst ihre engverwandte
und beherrschende Stellung zur Ethik vielfach beibehalten.
Denn da deren Inhalte nicht zum letzten Forderungen des Ge—
mütes verdankt wurden, Forderungen, die auch im religiösen
Leben, wenngleich zumeist unter anderem Gesichtswinkel, auf⸗
traten, so ergab sich, daß religiöse Vorstellungswelt und philo⸗
sophische Begriffswelt im Grunde vielfach nur verschiedene
Mittel waren zur Erreichung des gleichen Zieles: zur Schaffung
des sittlich-subjektiven Menschen.

Freilich, eine einseitige Herrschaft der Offenbarungsreligion
konnte der neue Subjeltivismus auf dem Gebiete der Willens⸗
tätigkeit ebensowenig zulassen wie auf dem der Weltanschauung.
Vielmehr erscheinen beide durch die ganze Breite der beiden
allgemeinen Entwicklungstendenzen, von denen oben die Rede
war, grundfätzlich getrennt. Hieraus ergeben sich dann für
Religion und Philosophie als Weltanschauung Folgen, die im
Verlaufe des neuen Zeitalters immer umfangreicher und tiefer
hervorgetreten sind.

Die Metaphysik als philosophische Weltanschauung wird
Ergänzung vor allem unseres Wissens, indem sie auf Grund
der tatsächlichen wissenschaftlichen Bewältigung der Welt, die
Grenzen dieser noch sehr unvollkommenen Bewältigung über—⸗
schreitend, den Weltzusammenhang auf dem Wege der Ver—
mutung als Ganzes herzustellen sucht, und zwar als Konsequenz

und Auswirkung irgendeines obersten Prinzipes, das den
Zusammenhang der Erscheinungen zwar bedingt, aber sich nicht
unmittelbar in ihm zu erkennen gibt. Die Religion dagegen
wird vor allem Ergänzung des dem Diesseits zugewendeten
Gemütslebens; und indem sie die Frage nach dem allgemeinen
Werte des Lebens aufwirft, strebt sie nach dem subjektiv
sicheren Bewußtsein eines höchsten Gutes, und nach Erkenntnis
des Weltzusammenhanges höchstens insofern, als eine solche
Erkenntnis den inneren Besitz des Glaubens an ein höchstes
Gut zu sichern geeignet ist. Das höchste Gut aber erscheint
ihr als etwas Jenseitiges, dem unser Gemut zuflüchtet, das
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. J.
        <pb n="61" />
        Einleitung.
es in sich zu erleben bestrebt ist, als wirkendste aller Mächte,
die aus den Schranken des Gemütslebens der Zeitlichkeit un⸗
mittelbar in ein höheres Dasein entreißen.

Es ist selbstverständlich, daß in diesen durch das Seelen—
leben des neuen Zeitalters aufs tiefste motivierten Zusammen⸗
hängen die christliche Religion nicht mehr die alte gebundene
ind bindende Offenbarungsreligion des Mittelalters, ja auch
nicht mehr die Religion der Kirchen des 16. Jahrhunderts
sein kann. Die neue Religion ist im Grunde überhaupt nicht
mehr kirchlich und insofern auch nicht christlich: sie ist reine
subjektivistische Frömmigkeit. Und gewinnt sie in der einzelnen
Persönlichkeit, wie das der Regel nach der Fall ist, Beziehungen
zum Christentum, so sind diese doch eben rein persönlicher Art
und insofern wechselnd:
Es ist der Glaub' ein schöner Regenbogen,

Der zwischen Erd' und Himmel aufgezogen,

Ein Trost für alle, doch für jeden Wandrer

Je nach der Stelle, wo er steht, ein andrer. (Geibel.)

Und so sollte denn Toleranz eine der hervorragendsten
Erscheinungen des Subjektivismus sein, soweit zu religiösen
Fehden zwischen Person und Person Anlaß gegeben erscheint.
In der Tat ist das grundsätzlich anerkannt und wird auf dem
Gebiete der Adiaphora auch leidlich geübt: in Erfurt steht
Luthers Statue gegenüber dem katholischen Ursulinerinnen⸗
kloster. Der inneren Durchführung aber setzt sich doch jegliche
Art von Niederschlagsbestand der alten Kirchen entgegen,
während das praktische Prinzip eines folgerichtigen Subiekti—
dismus kein anderes sein kann als das der freien Kirche im
freien Staate.

Für Gegenwart und Zukunft aber könnte bedacht werden,
daß der religiöse Subjektivismus nicht in Antireligion aus—
mündet, sondern in Kirchenlosigkeit, in eine religiöse Gesetz⸗
losigkeit mithin, die nicht das letzte Wort der Entwicklung sein
kann: denn jegliche Frömmigkeit bedarf zur vollen Auswirkung
ihrer Erlebnisse der symbolischen Sprache von Mythus und
Dogma; und selbst die Transzendenz der Philosophen ist nichts
        <pb n="62" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 51
als ein symbolischer Notbehelf höchster, die Naturbegriffe über⸗
schreitender sittlicher Erfahrung.

Philosophie und Religion, Weltanschauung und Frömmig-⸗
keit werden immer tiefster, wenn auch nicht stets klarster Aus—
druck eines Zeitalters sein; sie sind darum in diesen ein⸗
leitenden Bemerkungen in den Vordergrund gestellt; und es
ist nicht die Aufgabe, über die anderen großen Gebiete seelischen
Lebens, konkrete Phantasie- und konkrete Willenstätigkeit, gleich
ausführlich zu berichten.

Hierzu könnte am ehesten die Phantasietätigkeit verlocken:
denn sie hat das Besondere, dem Verständnis am leichtesten zu⸗
gänglich zu sein, die Ergebnisse und Motivierungen des Neuen
gleichsam in einfachster, anschaulichster, schönster Form zu ver—⸗
mitteln. Dazu würde der weitere Vorteil kommen, daß sich auf
keinem Gebiete deutlicher und vielleicht auch stärker als auf
diesem die neue Kultur im Gegensatze zu der vorhergegangenen
entwickelt, mithin gerade anfangs nirgends breiter und voller
entfaltet hat. Trat doch jetzt dem Ralionalismus Goethes
Spruch entgegen:
Fortzupflanzen die Welt sind alle vernünft'gen Diskurse

Unvermögend; durch sie kommt auch kein Kunstwerk hervor.
Und verlief doch anfangs selbst das Denken in halbdichterischen
Formen; der gedankenstrenge Kant ist es gewesen, der das
Symbol als Erregungs- und Ausdrucksmittel gesteigerten
Empfindungslebens wieder zu Ehren brachte, und Dichtungen
waren die philosophischen Systeme in romantischer Zeit.

Dennoch soll hier von der Phantasietätigkeit nur kurz die
Rede sein. Denn gerade ihre anschaulichste Verkörperung, die
bildende Kunst, entwickelte sich doch besonders langsam und lange
Zeit besonders unvollständig. Hängt das mit der öfters be⸗
obachteten Tatsache zusammen, daß sich die Kraft der Phantasie
mit wachsender Kultur gern auf die tiefere Menschendarstellung
als ihr eigenstes Gebiet und damit zum guten Teile auf Musik
und Dichtung zurückzieht? Wir werden später jedenfalls auch
andere Gründe kennen lernen.

Von Musik und Dichtung aber wurde jetzt im Grunde
        <pb n="63" />
        322

Einleitung.
doch vor allem die Musik die führende Kunst. Was haben sie
nicht eben die großen Dichter dieser Zeit schon unendlich ge⸗
liebt! Von den Denkern aber hat Leibniz bereits mit allem Ent—
zücken von ihr gesprochen, bis sie in späterer Zeit, bei Schopen⸗
hauer z. B., geradezu als wichtiger Bestandteil philosophischer
Spekulation in metaphysische Systeme eingegangen ist. In der
Tat ist sie insofern die subjektivste aller Künste, als sie mehr
als jede andere Phantasietätigkeit nur Symbole von Emp⸗
findungen und Gefühlen schafft, die sich jeder Hörer in sein
Gefühl und seine Empfindungen umzusetzen hat: so daß dem
Genießenden die vollste Fülle seiner Subjektivität erhalten
bleibt, insofern sie aktuell ist und die Umsetzung vornimmt.
Die Dichtung dagegen und selbst die Lyrik gibt menschlichen
Gefühlen doch stets bereits eine unmittelbar und konkret um—
rissene sprachliche Form und prägt also die Empfindung schon
mmer mit stärkerer Bezugnahme auf persönliche Auffassung
aus. Und insofern zwingt sie den Hörer, sich als Subjekt
doch immer bis zu einem gewissen Grade in sie hinein zu
verlieren: entspricht mithin nicht in gleich hohem Grade den
Anforderungen eines strengen seelischen Subjektivismus.

Aber freilich, soweit die Dichtung die Mitwirkung und
gleichsam sekundäre Autorschaft und Schöpferkraft des Ge⸗
nießenden in Anspruch nehmen kann, so weit hat sie das in
dem neuen Zeitalter auch getan, und gerade im Verfolge
dieses Weges besteht seit Mitte des 18. Jahrhunderts ihre
innerste Geschichte. Ein erstes, alsbald entwickeltes Mittel war
es hier, Dichtung überhaupt als Selbsterlebnis zu empfinden.
Damit war nicht bloß ein persönlicher Stil mit dem besten
aller Förderungsmittel zu ihm hin eingeführt; der subjektive
Dichter durfte auch hoffen, bei den subjektiven Bedürfnissen
der Hörer den Anklang zu finden, der das Stehen gleichsam
auf dem gleichen seelischen Resonanzboden verbürgte. Unter
diesen Umftänden ist es denn nicht zu verwundern, wenn man
schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei den
Asthetikern, z. B. bei Eberhard, tiefgreifende und einsichtsvolle
Bemerkungen über persönlichen Stil und Subjektivismus der
        <pb n="64" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 53
Dichtung antrifft. Aber die Dichtung des 19. Jahrhunderts,
vor allem der späteren Jahrzehnte dieser Zeit, ging weiter.
Durch Mittel, die vielfach den Wirkungsmitteln der Musik
nachgebildet wurden oder ihnen wenigstens innerlich entsprachen,
hat sie ihren Schöpfungen etwas Suggestives gegeben, etwas,
das Substitutionsgefühle und Reaktionsgefühle des Hörers er—
weckt, vermöge deren er das Objektive der Dichtung persönlich
nachfühlt und in sich subiektiv poetische Wirkungen schöpferisch
entwickelt.

Vermochte nun die bildende Kunst auf ihrem Gebiete
leicht in die Entfaltung analoger Wirkungen einzutreten?
Längst nicht mit den Tiefen des Wortes, geschweige denn der
abgründigen Einflußgewalt des Tones ausgestattet, konnte sie
den ästhetischen Anforderungen des neuen Zeitalters erst nach
den stärksten Anstrengungen auf technischem Gebiete gerecht
werden; und im Grunde erst mit der Entwicklung der Freilicht⸗
malerei haben diese Bestrebungen zu einem vollen Ergebnis
geführt: denn erst mit einer so hochstehenden Bewältigung des
Lichtes als eines Elementes, das die feinsten seelischen Stim—
mungen wiederzugeben ermöglicht, war ein volles Ausdrucks—
mittel für die psychischen Aktualitäten des neuen Zeitalters
gewonnen. Ehe man aber dies Mittel errungen hatte, ist die
Malerei des Subjektivismus, jetzt noch mehr als bisher die
führende der bildenden Künste, eigentlich in der Wiederholung
früherer Entwicklungsstufen malerischen Könnens stecken ge—
hlieben: von den Gotikern des 14. und 15. Jahrhunderts an
bis auf Rubens und Rembrandt, ja Watteau und Boucher.
Es war eine Vorbereitungszeit auf das Neue, die mehr als
zwei Menschenalter gewährt hat und die in der Bildnerei, wie
auch in der Baukunst, selbst heute noch nicht ganz überwunden ist:
denn erst ganz neuerdings wurden vornehmlich durch energische
Zusammenfassung und Erweiterung der Lichtwirkungen in der
Plastik wie in der Architektur Mittel subjektivistischer Kunst—
wirkung aufgesucht.

Von alledem aber, wie von der Freilichtmalerei, war in
den Anfängen des neuen Zeitalters noch nicht die Rede. Und
        <pb n="65" />
        34

Einleitung.

noch ein anderes fehlte. Die bildende Kunst bedarf einer ge—
wissen Anzahl fesistehender und allgemeiner bildlicher Vor—
stellungen, Ideenverbindungen, Symbole, um über die äußere
Form hinaus den tieferen seelischen Inhalt einer Zeit zur
Anschauung zu bringen. War nun diese Masse konkreter Hilfs⸗
mittel für eine neue Darstellung der bildenden Kunst selbst erst
um 1800 bereits geschaffen? Keineswegs — um so weniger,
als sich schon das vorhergehende Zeitalter des 16. bis 18. Jahr⸗
hunderts auf diesem Gebiete meist mit Anleihen aus der Antike
beholfen hatte. So schleppte man sich denn mit diesen nirgends
völlig passenden Anleihen zunächst noch mühsam weiter: und
die Gründe, die es veranlassen, daß sich der geistige Gehalt
der bildenden Kunst in jedem neuen Kulturzeitalter verhältnis—
mäßig spät erst voll entwickelt, wirkten hier fort mit doppelter
Gewalt.
Endlich mag ein Drittes auch hier schon angedeutet sein.
Die soziale Fuhrung der neuen Kultur übernahmen zunächst
vornehmlich Kreise des bürgerlichen Mittelstandes: Kreise, die
wirtschaftlich nicht in der Lage waren, das Mäcenat aus—
zubilden, dessen eine sich reich entfaltende bildende Kunst be—
darf, die vielmehr anfangs zumeist der Philosophie und
Dichtung lebten und sich später vor allem der Durchbildung der
höchsten Willensmomente der neuen Kultur, der Begründung
eines subjektivistischen Staates und Rechtes, zuwandten.

Auf dem Gebiete der öffentlichen Sittlichkeit und der
dem Staate und der Gesellschaft gewidmeten Willenstriebe ist
die bei weitem ständigste Eigenschaft des neuen Zeitalters sein
Demokratismus, falls man darunter die allgemeine Neigung
zu gleichartiger öffentlicher Behandlung und Einschätzung der
Individuen versteht. Sehr natürlich; denn eine solche Art
demokratischen Sinnes ist eine der unmittelbarsten Konsequenzen
des Subjektivismus; Individualitäten als Subjekte können nur
mit gleichem Rechte nebeneinanderstehen und werden aus
gleichem Rechte alsbald gleiche Lebensgrundlagen und gleiche
Voraussetzungen mindestens öffentlichen Wirkens zu folgern
und zu fordern bereit sein.
        <pb n="66" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 55
Dieser Demokratismus war in der frühesten Zeit vor
allem ein solcher der gesellschaftlichen Gesinnung. Als eines
seiner schönsten Denkmäler kann der bekannte Brief des Her—
zogs Friedrich Christian von Augustenburg und des Grafen
Schimmelmann an Schiller betrachtet werden: „Zwei Freunde,
durch Weltbürgersinn miteinander verbunden, erlassen dieses
Schreiben an Sie, edler Mann! Beide sind Ihnen unbekannt,
aber beide verehren und lieben Sie“ usw. Und der edle,
wenn es erlaubt ist zu sagen aristokratisch-demokratische Sinn,
der hier in dem Einzelakte eines Unterstützungsangebotes hervor⸗
tritt, war die Lebensluft, in der auch die Freundschaft Goethes
und Karl Augusts von Weimar gediehen ist; von ihm getragen,
hat der Herzog den Dichter seinen lieben alten Freund und
Waffenbruder in dieser stürmischen Welt genannt.

Natürlich wurde dieser demokratische Ton der Großen,
der fast die ganze spätere Zeit des 18. Jahrhunderts aus—
zeichnete, von den Niedrigerstehenden mit respektvoller Offenheit
erwidert; hier kann wiederum das Antwortschreiben Schillers
an seine Holsteiner Gönner als Musterbeispiel dienen, während
noch Gellert Fürsten gelegentlich in kriechender Unterworfenheit
genaht ist. Doch lag es in der Natur der Dinge, daß eben dieser
hochstehende, gleichsam fast abstrakte Demokratismus, wenn auf
die große und umfassende Wirklichkeit bezogen, in Radikalis⸗
mus entartete: und so wurde er namentlich, politisch gewandt,
leicht republikanisch. Aber anderseits konnte nur ein spielender
rRepublikanismus aus ihm hervorgehen. Aus diesem geistigen
Zusammenhange heraus haben die Grafen Stolberg in der
Göttinger Hainbundszeit Mord' den Tyrannen gepredigt, sind
epigrammatische Sätze Herders wie der folgende aus dem
Jahre 1779 zu verstehen, daß die kühnsten, göttlichsten Gedanken
des menschlichen Geistes, die schönsten und größten Werke in
Freistagten vollendet worden seien, — in dieser Atmosphäre
endlich spricht Posa in Schillers Carlos.

Später, nach den harten Schicksalsschlägen der Revolutions—
und Freiheitskriege, in einer Periode schon tatsächlicher Aus—
wirkung eines neuen Freiheitsbegriffes in nenen Staats—
        <pb n="67" />
        36

Einleitung.
verfassungen, hat dann der grundsätzliche Demokratismus des
Zeitalters neue Formen angenommen: er bezog sich jetzt mehr
auf die Auffassung des Geisteslebens und die Durchbildung
der sozialen Schichtung. Auf geistigem Gebiete ist dabei viel—
leicht nichts bezeichnender, als daß der alte aristokratische, ja
despotische Begriff des Genies, wie er den ganzen Verlauf
des 18. Jahrhunderts und auch noch manches Jahrzehnt des
19. beherrscht hatte, verloren ging: Richard Wagner hat später
an seine Stelle etwas mystisch eine „kommunistische“ Volks⸗
kraft gesetzt: „eine gemeinsame Kraft, die in ihrer einzig er⸗
möglichenden Wirksamkeit die individuelle Kraft, die wir blöd⸗
sinnig bisher mit der Bezeichnung Genie ergründet zu haben
glaubten, als solche in sich schließt.“. In seiner Wirkung auf
die Entwicklung der Stände und Berufe aber führte der
demokratische Gedanke ohne weiteres zu einem irgendwie ge—
nauer charakterisierten Sozialismus. Wie der Zusammenhang
mit am schönsten und in dieser Allgemeinheit frühesten in einer
der Ausführungen des Dr. Braun in Spielhagens Problema⸗
tischen Naturen (1860— 1861) dargestellt ist: „Wer die Soli—
darität aller menschlichen Interessen — das oberste Prinzip
aller moralischen und politischen Weisheit — begriffen hat,
der weiß auch, daß seine individuelle Existenz nur ein Tropfen
in dem ungeheuren Strome ist, und daß diese Tropfenexistenz
weder das Recht noch die Möglichkeit der absoluten Selb—
ständigkeit hat. Wir dürfen uns nicht länger sträuben, zu
ein, was wir wirklich sind: Menschensöhne, Kinder dieser Erde,
mit dem Rechte und der Pflicht, uns hier auf diesem unseren
Erbe einzuleben nach allen Kräften mit den anderen Menschen—
söhnen, unseren Brüdern, die mit uns gleiche Rechte und folg—
lich auch gleiche Pflichten haben.“

Diese Stimmung, die man wohl — in einem anderen
als dem politischen Sinne — als eine sozialdemokratische be—
zeichnen kann, ist dann freilich in den letzten Jahrzehnten des
19. Jahrhunderts anscheinend durch eine ganz andere abgelöst
worden. Man wollte nichts mehr wissen von der Masse, von
den „Vielzuvielen“, man schrie nach „Riesennaturen“, und ein
        <pb n="68" />
        Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 57
Geniekultus brach herein, dem gegenüber Richard Wagner, hätte
er ihn noch erlebt, vielleicht ein grobes Epitheton wiederum
nicht gespart haben würde. Zugleich fühlte man sich erdrückt
von der Überlieferung der Jahrhunderte und den übergroßen
Massen neuer Reize der Gegenwart, wie ein „Fossil“ und wie
ein „Zermalmter“, und die Literatur begann „die Abhängigkeit
des Menschen von Zeit und Umgebung, mit einem Worte:
die völlige Unfreiheit des Menschen“ zum Mißfallen mancher
Kreise zu erörtern.

Diese Kreise erkannten nicht, daß es sich hier, wie in den
Ergänzungsbänden der Deutschen Geschichte schon geschildert
worden ist, um Übergangserscheinungen, die zu einer neuen,
zweiten Periode des Subjektivismus hinüberführten, handelte —
Erscheinungen, die, wie das heute schon unwiderleglich ist, in
einer höheren Stufe der Entwicklung den Erscheinungen der
Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges des 18. Jahr—
hunderts entsprachen: — und so haben sie erleben müssen,
daß, aus den eingeborensten Wesenszügen des Subjektivismus
her, allem Emanzipationsdrange die wenn auch noch nicht
pöllig ausgebildete Zeit eines neuen Demokratismus gefolgt
ist, den man einstweilen als Sozial-Aristokratismus be—
zeichnen mag.

Nun versteht es sich, daß der Abwendung dieser öffentlich—
sittlichen Grundstimmung des Subjektivismus konkretere Aus—
prägungen auf dem Gebiete des Staatslebens und der poli—
tischen Geschichte wie des Familienlebens und der Gesellschaft
parallel gelaufen sein müssen.

In letzterer Hinsicht ist namentlich die volle Umwandlung
des Familienlebens im Sinne freiheitlicherer Entwicklung und
die fortschreitende Emanzipation des Frauendaseins seit der
Mitte etwa des 18. Jahrhunderts charakteristisch. Indes führt
ihre Geschichte so tief in tausend Verzweigungen der psychischen
Entwicklung überhaupt, daß sie an dieser Stelle nicht erzählt
werden kann.

Vgl. namentlich Bd. J, 44 ff.
        <pb n="69" />
        38

Einleitung.
Gröber und leichter faßbar ist dagegen die Abwandlung
der politischen Grundmaximen.

Natürlich entsprach dem verschwommenen, rein geistig—
gesellschaftlichen Demokratismus des 18. Jahrhunderts ein
zrundsätzlicher Kosmopolitismus: ja eben in ihm hat er sich
am sichtbarsten ausgewirkt. War die älteste Art der Nächsten⸗
liebe, jener früher gleichsam patriarchalischen Auswirkungsform
des Demokratismus, an die Kreise des Geschlechtes und der
Familie bis zu dem Grade gebunden gewesen, daß eben die
Beschlechtsgenossen die „Nachbarn“ waren; hatte dann die
mittelalterliche Kirche die Nächstenliebe als eine Form der
Askese und der zumeist äußerlichen Charitas gepredigt, die
man in den Schenkungen pro salute animae als vor allem
dem eigenen Ich zugute kommend ansah: so gründete sich der
praktische Kosmopolitismus des 18. Jahrhunderts auf die
Humanität: auf den Gedanken der innerlichen Gleichheit und
darum Einheit eines zu höchsten Zielen bestimmten Menschen—
geschlechts. In dieser Begründung vor allem ist er enthusiastisch
gehegt und gefeiert worden:
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder — überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.
Man höre Schillers Verse in der triumphierenden Ekstase des
bierten Satzes von Beethovens neunter Symphonie: und man
vird sich lebendig umrauscht fühlen von dem Flügelschlage
dieses lebensfrohesten aller Kosmopolitismen.

Und es war ein Kosmopolitismus doch schließlich nicht
ohne starken realen Hintergrund. In welch umfangreicher
Stärke hatte doch schon ständiger geistiger Austausch zwischen
den großen europäischen Nationen des Westens und der Mitte
zum erstenmal ein immer internationaler werdendes Geistesleben
gefördert! „Wir klagen über den engen Kreis der Ideen,
die im Mittelalter Nation von Nation trennten; bei uns sind
gottlob alle Nationalcharaktere ausgelöscht. Wir lieben uns
alle, oder vielmehr keiner bedarf's, den anderen zu lieben; wir
        <pb n="70" />
        Der Charakter des subjektipistischen Zeitalters. 59
gehen miteinander um, sind einander völlig gleich, gesittet,
höflich, glückselig, haben zwar kein Vaterland, keine Unseren,
für die wir leben, aber sind Menschenfreunde und Weltbürger.“
Es sind übertreibende Worte Herders aus dem Jahre 1774;
doch konnte Goethe in den Greisenjahren seines Lebens mit
Recht von einer beginnenden Weltliteratur sprechen. Und auch
die politischen Faktoren fehlten nicht ganz. Nachdem sich das
Jahrhundert von 1650 bis 1750 in Handels- und Industrie⸗
kriegen erschöpft hatte, lernte man einsehen, daß es über all
dem Streit ein Höheres gebe: die Gemeinsamkeit aller wirt—
schaftlichen und sozialen Interessen. Und indem diese Er—
fahrung durch die Lehren des nationalökonomischen Subjekti—
vismus zunächst in England und Frankreich, dann auch in
Deutschland eine wenigstens den Frieden Europas fördernde
Gewähr erhielt, konnte man sich einem ruhigen internationalen
Fortschritte hingeben, der eigentlich erst mit der Freihandels⸗
ära von 1860 bis 1875 sein Ende erreichte.

Inzwischen war aber das eigentlich erst klassische Gemein—
gefühl des Subjektivismus der ersten Menschenalter des
19. Jahrhunderts erwachsen: der Nationalismus. Derselbe
Herder, der für einen unbedingten Kosmopolitismus schwärmte,
hatte sich doch schon mit Stolz der Taten der Ahnen gerühmt:
von den Germanen an bis herab auf die Tage Friedrichs des
Großen. Denn historischer Nationalstolz ist das eigentliche
Grundgefühl des Nationalismus; schon im Prolog zur Lex
dalica hat er sich in der Form des Stammesgefühls in berühmten
Worten ein Denkmal gesetzt. Dazu kam dann die Empfindung
der anschwellenden Kraft des neuen Seelenlebens: im Grunde
fühlte man sich in den Tagen der klassischen Dichtung und
der individualistischen Philosophie allen Völkern überlegen und
sprach das auch aus. Als dann aber der Fremdling von
Westen her eindrang, als die Jahre der Bedrängnis in den
Freiheitskämpfen ein erstes kriegerisches Heldentum der neuen
Welt zeitigten: da flammte der Nationalstolz auf in dem
herrlichsten seiner Brände, um in dieser Glut, wenn auch
gelegentlich unter Aschen glimmend, bis heute nicht zu erlöschen.
        <pb n="71" />
        1

Einleitung.

Sind aber diese äußeren Ereignisse und andere verwandter
Art die eigentlichen Ursachen des Nationalismus? Die Frage
bejahen, hieße soviel wie die Erklärung der seelischen Tiefen eines
Individuums in den Äußerlichkeiten seines Lebensganges suchen.
Nein: weit mehr im unmittelbaren Wesen des Subjektivismus
ist der Nationalismus verankert. In subjektivistischen Zeiten
führt die steigende Erweiterung des Lebenskreises, in der recht
eigentlich sich jedes Subjekt auswirkt und auswirken kann, all—
mählich jedem eine unendliche Fülle und Verschiedenartigkeit der
debensbeziehungen, den aufeinanderfolgenden Geschlechtern aber
zugleich eine ebensolche Fülle und Verschiedenartigkeit der Ver⸗
erbungen zu: eine ungeheuere Durchflechtung der Interessen
ist die Folge. Es ist klar, daß ein solches Leben nur in der
Freiheit gedeihen kann. Klar ist aber auch, daß es seine Be—
grenzung haben muß, soll es nicht dem Siechtum und dem Tode
der Zersplitterung verfallen. Dies ist nun die Stelle, wo der
nationale Rahmen wirksam wird: er allein noch, in seinem
weiten Umfange, hält dies Leben zusammen. Und so erklärt
es sich, daß sich auf seine Erhaltung oder, wo er noch nicht
erreicht ist, seine Erringung alle großen Interessen einstellen,
alle begeisternde Liebe, aller Nationalstolz der Vergangenheit
einwirkt. Indem aber der ersehnte oder errungene Gesamt—
zustand nicht ohne ungezwungenste innere Bewegung erhalten
werden kann, vereinigt sich die Liebe der Freiheit mit der
zum Vaterland: werden Nationalismus und Liberalismus zu
Kampfrufen des Jahrhunderts.

Aber sie sind nicht letzte Worte des subjektivistischen Zeit—
alters. Die Jahre nahen, da der Nationalstolz nach er—
rungener Einheit und Freiheit von den früheren Schlacken der
Bewegung gereinigt wird: nur das Bewußtsein eines be—
sonderen Wertes der Nation und besonderer Volksgaben soll er
nun noch sein, von Gaben, deren Bestand zu ihrer Entwicklung,
ihrer Behauptung und Mehrung in der Welt verpflichtet. Es
ist ein Nationalstolz, der, indem er die eigene Nation als be—
sondere Persönlichkeit und darum als notwendiges Glied der
veltgeschichtlichen Entwicklung erachtet, sich nun auch in neuen,
        <pb n="72" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 61
nicht mehr bloß ideologischen, sondern sehr realen, ja mate—
riellen internationalen Beziehungen, und vor allem in einem
neuen Kosmopolitismus dieser Beziehungen bewähren kann.

Dieser neue Kosmopolitismus aber ist seit den späteren
Zeiten des 19. Jahrhunderts immer reicher entfaltet worden.
Jetzt erscheint die Nationalität nicht mehr in dem Grade wie
früher als das höchste, noch denkbare Gefäß menschlicher
Gemeinschaftsentwicklung. Jetzt wird es denkbar, daß mit
mmer entschiedenerer Uberwindung der Raumhindernisse auf
Erden größere Gemeinschaften wenigstens in gewissen Lebens—
beziehungen an die Stelle der Nationen treten könnten; und
schon scheinen einige der wichtigsten Vorbedingungen einer solchen
Fortbildung erfüllt oder der Erfüllung nahe.

Werden da nicht ganz neue Gemeingefühle mehr inter—
nationaler, bis zu einem gewissen Grade kosmopolitis ch⸗praktischer
Art auftreten? Die Nationen schaudern in Chauvinismen, in
Paroxysmen des Nationalstolzes, vor der Möglichkeit ihres
Nahens. Denn soviel ist klar: mehr als je werden sie dann
arbeitsteilig und damit berufsunfreier eingeordnet werden in
den ehernen Gang der universalen Entwicklung.

Aber wir brechen ab; ein rückwärts gewandter Prophet
zu sein, ist allein die Rolle, die dem Erzähler zukommt.

III.
Versucht man das Seelenleben des individualistischen Zeit⸗
alters mit dem des subjektivistischen auch nur in den größesten
Erscheinungen zu vergleichen, so ergibt sich alsbald, daß das
zwar in jedem Punkte möglich, bei der sast unendlichen Zahl
dieser Punkte aber im ganzen wiederum ungemein schwierig,
ja in einem kurzen Rahmen einleitender Bemerkungen un—
möglich ist: schließlich wird die ganze Erzählung der nächsten
Bände innerlich immer wieder auf eine solche Vergleichung
hinauslaufen oder sie wenigstens zwischen den Zeilen nahe⸗
legen.

Dennoch ist es nicht ohne Berechtigung, hier, noch vor
den Eingangspforten der Darstellung des neuen Zeitalters,
        <pb n="73" />
        82

Einleitung.
einige der auffallendsten Unterschiede zu erwähnen: zur Fest—
stellung der Bedeutung des subjektivistischen Zeitalters in
Ablaufe der nationalen Geschichte, wie zum besseren Ver—
ständnis seiner später mehr im einzelnen zu schildernden Eigen—
schaften.

Zu unterscheiden ist bei einem solchen Vorhaben vor allem
zwischen primären Gegensätzen, in denen sich der Gesamt—
verlauf der beiden Zeitalter des Individualismus und Sub—
jektivismus jederzeit und grundsätzlich vollzieht, und sekundären
Kontrasten, deren beide Glieder nur die letzten Zeiten des
Individualismus und die Anfänge des Subjektivismus um—
fassen. Solche sekundäre Kontraste sind überaus zahlreich, wie
auch an sich noch immer tiefgreifend genug; und ihr reicher
Bestand wird den nicht wundernehmen, der sich erinnert, daß
der Übergang' von einem Zeitalter zum anderen unter allen
Umständen nach dem psychologischen Prinzipe der Kontrast⸗
verstärkung verläuft. Denn alle geschichtliche Entwicklung
schon, vor allem aber jene spezifisch starke, die in Übergangs—
zeiten wahrgenommen werden kann, beruht mit auf dem Um—
schlagen von Gefühls- und Willensrichtungen in ihre Gegen—
sätze, der Lust in Unlust, des Begehrens in Widerstreben usw.
Ja es ließe sich eine, wenn auch hier nicht vertretene und an
sich gewiß einseitige Geschichtsauffassung denken, der mensch—
liche Entwicklung als nichts denn eine Resultante aus den
Schwankungen erscheinen könnte, die fortwährend zwischen
jenen zwei entgegengesetzten Phasen vermitteln.

Zu diesen sekundären Gegensätzen gehört nun vor allem
der zwischen dem Rationalismus des endenden individuaglistischen
und dem Mystizismus des beginnenden subjektivistischen Zeit⸗
alters; denn wenn auch nicht zu leugnen ist, daß das indivi—
dualistische Zeitalter sich von vornherein durch eine Bevorzugung,
ja fast einen Kult des Intellekts auszeichnete, so bleibt doch
bestehen, daß seine erste Periode alles andere als rein ratio—
nalistisch gewesen ist: es war die Zeit der enthusiastischen
Verstandeskultur des 15. und 16. Jahrhunderts, der halb
mystischen Frömmigkeit des ursprünglichen Luthertums, der
        <pb n="74" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 63
hohen Blüte der Phantasietätigkeit in Malerei und Plastik,
des naturwissenschaftlichen und philosophischen Pandynamismus.
Erst die zweite Periode des individualistischen Zeitalters hat
demgegenüber die volle Entfaltung einer Rationalisierung des
Seelenlebens gebracht; wie denn jedes Kulturzeitalter in seinem
späteren Verlaufe zur Rationalisierung seiner früher in schöpfe—
rischer Un- und Halbbewußtheit entwickelten Errungenschaften
neigen wird. Aber wird nicht, eben in diesem Zusammenhange,
der Beginn auch jedes neuen Zeitalters mystisch gerichtet sein,
wie es der frühe Subjektivismus in Dichtung und Religion,
vor allem aber in spekulativer Philosophie gewesen ist? So
ergeben sich denn die Gegensätze von Rationalismus und früh—⸗
subjektivistischem Mystizismus nur als besondere zeitliche Aus⸗
prägungen eines allgemeinen Gegensatzes, der der psychischen
Mechanik von Übergangszeiten der Kultur überhaupt eignet.

Was aber umschließt dieser einfache Kontrast nicht alles
an gewaltigen und ausgedehnten Kulturerscheinungen des
18. und 19. Jahrhunderts: hier nüchtern-teleologische An—
schauung der Welt — dort enthusiastisches Erfassen des kausalen
Entwicklungsgedankens; hier das Nützlichkeitsprinzip der Moral
Wolffs — dort Kants ethischer Rigorismus; hier die Lehre
von der Lernbarkeit der Phantasietätigkeit — dort die Vor—
stellung von organischem Wachstum von Dichtung und Kunst
und von einem unpersönlichen Stile der Zeiten: sind es nicht
Gegenfätze, die ganze und höchste Lebensgebiete so gut wie be⸗
herrscht haben? Und viele tausend andere ordnen sich ihnen
darum wieder unter; es sei auf dem Gebiete dec Phantasie—
tätigkeit nur an den Gegensatz zwischen Pedant (Philister) und
Kraftgenie erinnert.

Wesentlich für all diese sekundären Kontraste ist, daß ihre
Polarität nicht so groß ist, als daß sich nicht für sie noch
während ihres verhältnismäßig kurzen Verlaufes, der selten
mehr als einige Menschenalter umfaßt, starke innere gegen—
seitige Beziehungen positiver Art und verbindende Elemente
mit Sicherheit nachweisen ließen. Charakteristisch ist in dieser
Hinsicht namentlich die Stellung der Antike, dessen, was man
        <pb n="75" />
        34

Einleitung.
hellenische Renaissance genannt hat, von etwa 1720 bis 1880.
Diese Renaissance ist bekanntlich dem Rationalismus und dem
Frühsubjektivismus in gleicher Weise eigen gewesen; die
Renaissancebestrebungen begannen noch im Zeitalter der Perücke
und des Zopfes auf der Grundlage älterer Renaissanceformen
ihren Aufschwung zu nehmen, und sie gingen erst lange nach
den Freiheitskriegen einer stärkeren Abschwächung entgegen.
In der Tat konnten auch Rationalismus und Frühsubjektivismus
in gleicher Weise von ihnen zehren. Denn entnahm der Ratio—⸗
nalismus ihrem Einflusse vor allem den Gedanken, daß Kunst
und Dichtung lehr- und lernbar seien vom schlichten Gebrauche
des Gradus ad Parnassum bis zu den Konzeptionen höchster
Phantasie, und begeisterte sich der Frühsubjektivismus ganz
im Gegensatze hierzu an der phantasievollen Ursprünglichkeit
Homers und dem Genius eines Sophokles, so lag doch beiden
Strömungen der Gedanke gleich nahe, im tieferen Fortschritte
der eigenen Kultur sich vor allem auf das Vorbild der Alten
zu stützen, sich von ihnen fördern zu lassen. Und nebensächlich
war es dabei, daß am Ende doch auch für den Subjektivismus
das lehrhafte Element überwog, daß dem unter seinem Ein⸗—
flusse entwickelten Bedürfnisse nach Kunstgesetzen, nach starker
gedanklicher Klarheit, nach bestimmender philosophischer Bildung
schließlich ein Zustand folgte, in dem die Sucht der Vertreter
der Antike, die Poesie über alle Gebiete des Geistes aus—
zudehnen, zu einer pragmatischen Wissenschaft wenigstens des
Geistes, und die Neigung, dieselbe Poesie praktisch zu ver—
werten, zur Rhetorik führte: denn diese Entwicklung gehört
erst dem reifen 19. Jahrhundert und damit einer Zeit an, in
der auch der allgemeine mystische Charakter der Frühzeit des
Subjektivismus einer anderen Stimmung, dem Realismus der
dreißiger bis siebziger Jahre, gewichen war.

Eines aber ergibt sich doch auch aus diesen Zusammen—
hängen: die sekundären Gegensätze, wie sie soeben nur kurz
geschildert sind, während sie sich den beiden ersten Abschnitten
dieser Einleitung leicht in der vollen Breite ihrer Wirkung
entnehmen lassen, bargen in sich auch schon ein grundsätzliches,
        <pb n="76" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 65
ein primäres Element. Um es an einem einzelnen Beispiel
noch deutlicher zu kennzeichnen: wenn man es in den Zeiten
des Rationalismus nicht zu einer Erkenntnis des Begriffes
des Stiles brachte, so hing das gewiß mit der rationalen
Anschauung von der Lehrbarkeit der Phantasietätigkeit zu—
sammen, entsprach doch aber auch tiefer noch der Eigenart
des Individualismus, sich die vielen seelischen Bedingungen
eines phantasievollen Schaffens ausschließlich an das Einzel—
individuum gebunden zu denken — während der Subjektivis—
mus diese Isolierung des Individuums grundsätzlich nicht
kannte und darum schon in seinen Anfängen auch enthusiastisch⸗
mystischen Auffassungen der Phantasietätigkeit freie Bahn schuf.

Und wie sollte es denn auch anders sein? Sekundäre
Gegensätze werden mit einem Teil ihrer Spannung stets
in primären wurzeln. Diese aber sind für den Unterschied
zwischen Individualismus und Subjektivismus natürlich in
dem Charakter der Persönlichkeit als dem Diapason des ge—
samten seelischen Lebens überhaupt gegeben.

Auf diesem Gebiete ist das, was äußerlich am meisten als
unterschiedlich zwischen Individualismus und Subjektivismus
auffällt, zunächst wohl in der Äußerungsfähigkeit der beider⸗
seitigen Persönlichkeiten zu suchen: hier ein grundsätzliches
Sichbeschränken auf sich selbst und den nächsten Umkreis dieses
Selbst; dort ein reiches Auswirken nach außen, wie nachher
ins eigene Innere zurück: ein Überströmen der Willens- und
Gemütselemente der Seele in Natur und vor allem Mensch—
heit, und im Gegensatze zu dem isolierenden Individualismus
die reichste Entwicklung der Gemeingefühle. Aber dieser Unter⸗
schied führt doch noch nicht ganz in das Kernhafteste der beider⸗
seitigen Abweichungen. Näher treten wir diesem schon, wenn
wir die Frage nach der spezifischen Freiheit des Diapasons,
der Kollektivpersönlichkeit beider Zeitalter erheben. Hier läßt
sich auf dem Gebiete, das die freiheitliche Entwicklung am
besten zu übersehen erlaubt, auf dem religiösen, wahrnehmen,
wie allerdings zugunsten des Subjektivismus ein wichtiger
Unterschied besteht, der einen Fortschritt der Entwicklung be⸗—

Lamprecht, Deuütsche Geschichte. VIII. 1. J
        <pb n="77" />
        66

Einleitung.
deutet. Auch die Seelen des Individualismus waren religiös
noch gebunden, im Luthertum an Dogma und Sakrament, in den
reformierten Kirchen schließlich doch auch an ein dem Sakra—
mentalen nahe stehendes Dogma. Und Sakrament und Dogma
galten als unverbrüchlich. Das Zeitalter des Subjektivismus da⸗
gegen kennt keine dieser Bindungen mehr: ganz als ihre eigene
Priesterin und Lehrerin, völlig frei soll die Seele des einzelnen
ihre Lebens- und Weltanschauung bilden, ihren Gott suchen,
fürchten, lieben, verfluchen. Es ist eine Freiheit, die nur höchster
Selbsterziehung gewährt werden kann, und darum setzt ihre Er—
ringung Persönlichkeiten aktivster Natur voraus, die sich selbst
wie andere zu beeinflussen, zu bilden und zu binden wissen.

Allein ist zu verkennen, daß, neben diesen Unterschieden
der Psyche des Individualismus von der des Subjektivismus,
zwischen beiden doch auch wieder viele Übereinstimmungen be⸗
stehen, die sie beide — und mit ihnen den Charakter der ganzen
Neuzeit — als gemeinsam abweichend von früheren psychischen
Ausgestaltungen — und damit von dem seelischen Charakter
des Mittelalters und der Urzeit — erscheinen lassen? Als
Untergrund dieser Übereinstimmungen wird sich vor allem jene
stärkere Hinneigung zur Wissenschaft herausstellen, die allen
höheren Kulturen eigen ist, und das heißt jene intellektuell⸗
kausale Formgebung alles Seelenlebens, die mit dem Übergange
zum häufigeren Gebrauche des induktiven Schlusses aufzutreten
pflegt und wie eine größere seelische Freiheit, so ein rascheres
Wachstum des Erfahrungsreichtums bedeutet.

Von dieser gemeinsamen Grundlage aus läßt sich dann
der wesentlichste Unterschied des Individualismus und Sub⸗
jektivismus nochmals tiefer begreifen. Je reicher die Er⸗
fahrungen sind, deren sich die Einzelperson zu bemächtigen
hat, um voll zu leben, um so stärker und allseitiger muß ihre
psychische Energie entwickelt sein, um so mehr muß sie sich
als Mittelpunkt wichtiger Beziehungen anzuschauen wissen, um
so mehr muß damit auch ihre persönliche Daseinsempfindung
wachsen. Es sind die nunmehr eigentlichsten Unterschiede des
Subjektivismus vom Individualismus auf der gleichen all—
        <pb n="78" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 67
gemeinen Entwicklungsgrundlage: eine höhere Freiheit, ein
breiteres Wirken in sich selbst hinein und in die Welt, ein
bewußteres Hervortreten der sogenannten unteren Seelenkräfte,
des Gemütes, des Willens, der Triebe, der Empfindungen:
eine allgemeine Intensivierung des seelischen Diapasons über—
haupt gegenüber der individualistischen Zeit bezeichnet den
Subjektivismus.

Soll nun nach alledem noch der Unterschied des jüngsten
Kulturzeitalters von den früheren Zeitaltern des Mittelalters
und der Urzeit mit zwei Worten erörtert werden, so begreift
sich ohne weiteres, daß die wichtigsten Unterschiede dann am
einfachsten und anschaulichsten herausspringen werden, wenn
man die entferntesten Zeitalter, das der letzten anderthalb
Jahrhunderte und das der Urzeit, sich gegenüberstellt. Dabei
wird es bei der, in dieser Perspektive gesehen, engeren Verwandt⸗
chaft des Subjektivismus und Individualismus wiederum mög⸗
lich sein, in die Betrachtung auch gelegentlich Bemerkungen
über die Stellung des Individualismus einzustreuen. Haben
doch besonders fortgeschrittene Geister schon der ersten Menschen⸗
alter des Individualismus gelegentlich Lichtblicke bis in sub—
jektivistishhe Fernen hinein getan: so Zwingli, wenn er mit
dem Ausspruche „Vom Himmel ist das „erkenne dich selbst'
herabgestiegen“ Kants praktische Philosophie, so Servede, wenn
er mit dem Satze, daß für die menschliche Erkenntnis das
Erkenntnisobjekt jederzeit in der Anschauung gelegen sein
müsse, Kants theoretischen Kritizismus in bestimmterer Ahnung
vorweg nahm.

So allgemeine Betrachtungen über den historischen Ver—
lauf, wie sie nunmehr nötig sind, werden aber immer an erster
Stelle von der Tatsache auszugehen haben, daß der Mensch
als geschichtliche Kraft ein gesellschaftliches Wesen ist. Ja man
kann in diesem Zusammenhange vielleicht geradezu von einem
grundsätzlichen Element der menschlichen Geistesanlage reden,
das in den Regungen des Gewissens wie den Idealen der
Kunst auf Einheit von Gott und Welt, auf Zusammenwirken
wenigstens aller Menschen gerichtet wäre, und kann in der
        <pb n="79" />
        —

Einleitung

Ausbildung dieses Elementes, in der Verbürgerung gleichsam
der Menschen, eine höchste Aufgabe der Kulturgeschichte er—
blicken wollen. Wie dem aber auch sei: die Kultur selbst
gipfelt sicherlich nicht in dem persönlichen Wohlbefinden des
einzelnen, sondern im schöpferischen Zusammenwirken aller;
und nur die sozialpsychischen Mächte erhalten das Individuum
auf die Dauer in ungebrochener sittlicher Kraft. Insbesondere
wird auch die moderne sittliche Lebenssphäre, so sehr sie als
eine persönliche der bewußten Ausbildungspflicht des einzelnen
überlassen ist, innerlich doch durch die Sozialisierung dieses
einzelnen bedingt. Denn jeder hat heute tausend und aber⸗
tausend Beziehungen; und verfolgt er individuelle Zwecke, so
ist das unmöglich, ohne tausend Fäden dieser Beziehungen in
Bewegung zu setzen: und das heißt: sich sozialer Vermittlungen
zu bedienen, die das allgemeine Interesse schon versittlicht hat.

Wie anders erscheint gegenüber dieser persönlichen Frei—
heit sittlicher Bewegung bei aller Moralisierung der ihr zu
Gebote stehenden Mittel die empirische Freiheit der Urzeit!
Es war die Freiheit der Recken, der Helden, die wilde Frei—
heit der großen Persönlichkeit noch unserer ältesten Helden⸗
fagen. Denn wer ist zu Urzeiten frei? Der Ungebundene.
Wohin wir auch schauen in den Urzeiten der verschiedensten
Völker und nicht zum mindesten in der Urzeit unserer eigenen
Nation, da erblicken wir eine gesellschaftliche und staatliche
Kultur, in der der einzelne noch kaum organisches Glied des
Ganzen ist: als die Glieder, die Staat und Gesellschaft bilden,
erscheinen vielmehr noch Familie und Geschlecht. Innerhalb
dieser schon einigermaßen individualisierten, mit besonderen
Kennzeichen und Eigenschaften ausgestatteten Verbände aber
erscheint der einzelne doch nur als Exemplar und darum noch
nicht als individuell, sondern als fungibel. Nichts ist in dieser
Hinsicht charakteristischer, als daß es bei Blutrache eines Ge⸗
schlechts gegen das andere dem beleidigten Geschlechte ur—
sprünglich gar nicht darauf ankam, den dem anderen Ge—
schlechte angehörigen Mörder, sondern überhaupt nur einen
Angehörigen dieses Geschlechts dem Rachegedanken zu opfern:
        <pb n="80" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 69
eine Auffassung, die, praktisch durchgeführt, natürlich zu immer
wiederholtem gegenseitigen Totschlag und damit nicht selten fast
zur Vernichtung der Geschlechter führen konnte. Es ist wie
ein Kriegszustand von heute; niemand ist des anderen persön⸗—
licher Feind; es gibt keine individuellen Beziehungen selbst der
Freundschaft und Feindschaft; Masse ist Masse entgegengesetzt.
Und wie heutzutage sich ein solcher Ausnahmezustand nur ein—
leiten und durchführen läßt bei strengster Drillung der Masse,
derart, daß in der Masse, hinter der Uniform die Persönlich—
keit verschwindet: so war der gesamte Zustand der Urzeit
überhaupt auf solch ein Verschwinden, richtiger Ungeborensein
der Persönlichkeit gestellt; in härtesten, allgemein gültigen
Ordnungen lebte der einzelne dahin, noch nicht innerlich indivi—
duell durcharbeitet und durchpulst, sondern ein Herdenwesen,
einer dem anderen gleich, ja sogar äußerlich gleichend; römische
Zeugnisse berichten uns von dem Erstaunen, das immer wieder
die zum Verwechseln starke Ähnlichkeit der Germanen unter—
einander bei den Kulturvölkern des Mittelmeeres hervorrief.

Wenn nun eine einzelne Person sich dieser allgemeinen
Gebundenheit entwinden konnte oder wenn sie ihr irgendwie
entzogen wurde: dann allerdings war sie auch frei: aber frei
im Sinne der Ungebundenheit. Keine tiefe innerliche Erziehung
aus den Zeiten der Gebundenheit her gab ihr noch Maß und
überlegene Bildung; auf Willkür gestellt, war sie wie das Tier,
wie ein Wolf, ein Günger des Waldes. Was ihr noch blieb,
das war fast nur noch das Moment anererbter Tüchtigkeit;
mit ihm mochte sie wuchern.

Hält man diesem seelischen Zustande das Bild der sub—
jektivistischen Freiheit entgegen, so sieht man wohl den Unter—
schied. Das subjektive Leben hat jede äußerliche Gebundenheit
abgeworfen, und die Freiheit der Personen zu gehen und zu
wandeln, zu tun und zu handeln erscheint, von außen betrachtet,
unbedingt. Aber wie ist es doch umgrenzt von sittlichen
Handlungsmöglichkeiten, die an sich schon eine Willkür aus—
zuschließen scheinen, und denen es sich im Sinne des Gewinnes
höherer Variabilität und Verselbständigung anzupassen hat. Und
        <pb n="81" />
        70

Einleitung.
wie ist es schon von unzähligen solcher Handlungsmöglichkeiten
durch zahlreiche Generationen der Vergangenheit herab innerlich
erzogen worden zu einer Freiheit, die eben eine Freiheit der
Erziehung ist und darum innerliche Gebundenheit an ein persön⸗
liches wie ein soziales Gewissen voraussetzt.

Und so erhält man für jüngste und älteste Zeiten einen
merkwürdigen Entwicklungsgang der Freiheit und damit der
alle Willenstätigkeit regelnden Elemente: die Urzeit kennt bloß
eine Freiheit der Willkür für solche Individuen, die sich den
starken äußerlichen, wenn auch unbewußten Zwangseinrichtungen
jener Kultur entziehen; innerhalb dieser aber erscheint der
Wille unbewußt gebunden, da die Zahl der Ursachen und
Ursachenkombinationen, die ihn bestimmt, gering ist; — das
Zeitalter des Subjektivismus dagegen und verhältnismäßig
auch schon das des Individualismus kennt nur eine bewußte
Gebundenheit, dagegen eine äußerlich gewährleistete Freiheit
des Handelns, da die Zahl der Ursachen, die den Willen be—
stimmen, gewaltig gestiegen ist. In dem einen Zeitalter herrscht
Willkür neben engster äußerlicher Gebundenheit, in dem anderen
ein Wille, vor dem die Willkür schweigt, neben weitester äußer⸗
licher Freiheit des Handelns: die Freiheit des Handelns ist in
niederer Kultur real und unbedingt, in hoher Kultur dagegen
formal und bedingt: Abwesenheit von störendem Zwang in der
Ausübung innerlicher Erzogenheit.

Dabei versteht sich, daß durch die Feststellung dieses
Gegensatzes der Beantwortung der philosophisch-⸗metaphysischen
Frage nach Freiheit und Notwendigkeit nicht vorgegriffen wird.
Denn da im Bereiche historischer Forschung und Erzählung
niemals alle Determinanten eines Willensaktes aufgesucht und
geschildert werden können, so bleibt in diesem Bereiche, gleich⸗
viel welches die Ergebnisse für die einzelnen Kulturzeitalter
sein mögen, noch immer die Alternative der philosophischen
Lösung möglich: daß nämlich die Determinanten entweder
noch ein unauflösliches persönliches Element bergen, oder aber,
daß sie sämtlich einfachste außerpersönliche Ursachen sind.

Das eine aber ergibt sich ohne weiteres aus der so ver—
        <pb n="82" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem VDerhältnis z. individualistischen. 71
schiedenartigen empirischen Ausbildung der Willenstätigkeit auf
hoher und niederer Kulturstufe: daß auch der Intellekt in
beiden sehr verschieden entwickelt sein muß. Denn sicher ist
der Satz richtig, daß der Mensch eine Freiheit genießt, deren
Charakter davon abhängt, bis zu welchem Grade er sich daran
gewöhnt hat, sich bei seinen Handlungen von der Überlegung
statt von unmittelbaren Eindrücken leiten zu lassen. Oder
sollte es gar der Intellekt sein, der von sich aus, aus eben
seiner Entwicklung her, vorwiegend die Entwicklung der Willens⸗
tätigkeit leitet? Man steht da vor einer Frage, die das Zeit⸗
alter des Subjektivismus zugunsten einer primären Stellung
des Willens zu entscheiden geneigt sein wird; die individua⸗
listischen Köpfe des 16. bis 18. Jahrhunderts dagegen würden
fie mit Bestimmtheit zugunsten des Intellekts beantwortet haben.

Bedenkt man nun aber, daß die Möglichkeit und Tat—
sächlichkeit der UÜberlegung sich mit der wachsenden Zahl der
Vorstellungen verstärkt, die ihrerseits wiederum von der Zu⸗
nahme der Reize abhängt, die der Seele zugeführt werden, so
versteht man, wie mit dem Emporschnellen der Reizmassen von
Qulturzeitalter zu Kulturzeitalter auch Gefühl und Empfindung
sich wandeln müssen: denn diese erscheinen um so freier, je
größer die Zahl der Vorstellungen ist, durch die sie nüanziert
werden. Daher steht denn der massiven Leidenschaftlichkeit
der Urzeit die äußerliche Ruhe und Abtönung der modernen
Empfindung gegenüber; das Gefühl erscheint jetzt gleichsam
vom Willen losgelöst, so namentlich auf ästhetischem Gebiete;
und wo dem Menschen der Urzeit gleichsam von Zeit zu Zeit
elektrische Funken unter lauten Detonationen entsprangen, da
phosphoresziert die Seele des subjektiven Menschen fast nur
noch von innen heraus, und Empfindsamkeit und Reizbar⸗
keit werden zu charakteristischen Bezeichnungen ihrer Gesamt—
verfassung in gewissen Momenten ihrer Entwicklung. —

Mit diesen wenigen Bemerkungen soll die Schilderung
des Gegensatzes zwischen frühester und jüngster Zeit deutscher
Geschichte keineswegs erschöpft sein. Das reiche Leben dieses
Gegensatzes läßt sich nicht in ein paar Formeln bannen: dem
        <pb n="83" />
        72

Einleitung.
Historiker zudem wird es immer näher liegen, zu erzählen, als
zu definieren; und seine Philosophie, der die mehr oder minder
starke Begrenztheit der Gedankenbauten der verschiedensten Zeit⸗
alter gegenwärtig ist, bleibt gern die des Aphorismus.

Immerhin aber mögen diese Andeutungen genügen, um
zeigen zu können, wie sich nun zwischen die Gegensätze von
Urzeit und Neuzeit die Kultur der mittleren Zeiten einschiebt.

Wenn wir uns dabei zunächst auf dem Gebiete der in—
tellektuellen Entwicklung umsehen, so wird dadurch zugleich das
bisher gezeichnete Bild ergänzt. Spricht man für die jüngste
Zeit von einer Freiheit der Willenstätigkeit in der Wahl des
Berufes, wie in der Ausübung sozialer und politischer Rechte,
die früher nie bestand, so läßt sich daneben eine Freiheit des
Denkens und der Meinungsäußerung wahrnehmen, die eben—
falls in früheren Zeiten, geschweige denn in der Urzeit, keinerlei
Gegenbild findet. Und wiederum wie bei der sozialen und
politischen Freiheit spielt hier das Moment des Bewußt-
Unbewußten herein. Der heutigen Freiheit des Denkens sind
wir uns in hohem Grade bewußt, denn sie ist erkämpft worden
und muß gelegentlich noch erkämpft worden; die Gebunden—
— D
Bewußtsein.

Unter diesen Umständen nahm nun das Denken dieser
Zeit eine sehr eigenartige Form an. Da die Einheit des
Denkenden und der Welt als Denkstoff noch durch keinerlei
Bewußtsein der Denkfreiheit aufgehoben war, so wurde die
Welt nach Analogie des menschlichen Daseins, in gleichsam
unbewußter Einverleibung in menschliches Dasein, verstanden:
und ein durchgehender Symbolismus bevölkerte Baum und
Strauch mit konkreten, dem Menschen analog gestalteten
Bildungskräften, wie er den Donner Thor, das Wehen des
Windes Wotan, das Blitzen der Sonne Ziu zuschrieb. Es ist
genau der Gegensatz zum Denken des Kantschen Kritizismus
und der Philosopheme, die diesem folgten. Während diese
die Welt bewußt zu einer solchen der Vorstellung machen und
in diesem Sinne der menschlichen Seele einschreiben, vollzieht
        <pb n="84" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 73
die Kultur der Urzeit diesen Prozeß unbewußt: und dem—
gemäß ist der Symbolismus für die Urzeit ein natürliches
Denkmittel, während er für den Subiektivismus eine Form
bewußter Mystik darstellt.

Zwischen diesen beiden Welten steht nun die Form des
mittelalterlichen Denkens. Dieses Denken vollzog noch nicht
die subjektive Inkorporation der Welt in die menschliche Seele:
das subjektiv Beobachtete galt ihm unbedingt noch als das
auch objektiv Seiende. Aber es stand auch nicht mehr mit
der unbewußten Naivität der Urzeit in der Welt; doch hatte
es aus deren Identifikation von menschlichem und weltlichem
Wesen noch die Vorstellung beibehalten, daß menschliche Zweck⸗
setzung von den Dingen nicht zu trennen sei; und so ver—
harrte sein Denken und seine Wissenschaft noch unter streng
anthropozentrisch⸗teleologischem Zeichen.

Wie klar aber läßt sich gerade auf diesem Gebiete auch
wiederum die Stellung des individualistischen Zeitalters zu
Mittelalter und Subjektivismus darlegen: sehr natürlich,
handelt es sich doch um das vom 16. bis zum 18. Jahr—
hundert besonders gepflegte Gebiet des Verstandes. Da war
nun die Philosophie dieser Zeit gewiß noch nicht hinab—
getaucht in die Tiefen des menschlichen Seelenlebens, die
durch die Kultur und Psychologie des Subjektivismus er—⸗
schlossen worden sind, so sehr gelegentlich schon einmal die
Frage aufgeworfen wird, ob denn das bloße Vermögen leben—
diger Tätigkeit nicht am Ende doch den Urquell psychischen
Seins bilde. Gleichwohl galt das Individuum doch schon
als eine von der Natur in jedem Betrachte geschiedene Einheit,
und der Versuch, ihm die Welt einzuverleiben, wurde daher
auch schon, zwar noch nicht mit den Mitteln des Kantschen
Kritizismus, doch aber durch die Statuierung einer höheren
intellektuellen Auswirkungsfähigkeit des Individuums in der
Vernunft gemacht. Diese Vernunft galt nämlich als das
Mittel, die Welt zu beherrschen, indem man diese rationalisierte,
in Begriffe auflöste. So kam es zu der Lehre von den der
menschlichen Seele eingeborenen Ideen, von deren Summe aus
        <pb n="85" />
        7

Einleitung.
einerseits die Welt deduktiv entwickelt, anderseits die Einheit
des Seienden mit scheinbar unwiderleglicher Logik zumeist in
einem geistigen Prinzipe, in der absoluten Form des indivi⸗
dualen Ichs, in Gott gefunden wurde. Es ist eine Lösung,
die das Denken des 16. bis 18. Jahrhunderts näher zu dem
des 19. Jahrhunderts herandrängt, so wenig gewisse Be⸗
ziehungen zu dem früheren, mittelalterlichen Wesen des Denkens
herkannt werden konnen: und in diesem Zusammenhange spiegelt
der Intellekt des 16. bis 18. Jahrhunderts die gesamte geschicht⸗
liche Stellung des individualistischen Zeitalters vorbildlich wider.

Aber auch auf dem Gebiete der Willenstätigkeit läßt sich
der Charakter des mittelalterlichen Kulturzeitalters als ein
mittlerer zwischen Urzeit und Individualismus und ins—
besondere Subjektivismus nunmehr leicht erfassen: folgt er
doch, bei dem engen Zusammenhange zwischen Verstand und
Willen, im Grunde wiederum schon aus der soeben dargestellten
Stetigkeit der intellektuellen Entwicklung.

Der voluntaristische Charakter der Urzeit war am deut⸗
lichsten und sichtbarlichsten durch die Tatsache der großen ge—
bundenen Lebensgemeinschaften, vor allem des Geschlechtes, be—
stimmt gewesen: ihnen gegenüber war die Einzelpersönlichkeit
noch kaum individuell entfaltet. Demgegenüber geht die neuere
Zeit seit dem 15. und 16. Jahrhundert von dem Pol des
Individuums aus. Das Individuum so frei, wie sich das
mit der Freiheit der anderen Individuen noch eben verträgt:
daher auf geistigem Gebiete immer vollere Freiheit des Denkens
und Bindung auf sozialem Gebiete nur, soweit es das Heil
der ganzen Gesellschaft erfordert, das ist das Ideal dieser
Zeiten. Und in ihm treffen sich daher auch die Zeitalter dieser
Jahrhunderte: kennt der Individualismus noch einige Bin⸗
dungen an geistige Autoritäten namentlich der Kirche, so daß
er autonomen sozialen Zusammenschlusses der Individuen ent—
behren kann, so ist der Subjektivismus der neuesten Zeit dieser
Autoritäten entledigt, zu sittlicher Begrenzung durch praktische
soziale Rücksichten in einer ungemein lebendigen freien Vereins—
bildung übergegangen.
        <pb n="86" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 75
Das Mittelalter aber steht zwischen den genealogisch
charakterisierten und so besonders stark gebundenen Lebens⸗
formen der Gemeinschaft und der freien Vereinsbildung des
Subjektivismus, wie er von dem Freundschaftskult der Mitte
des 18. Jahrhunderts bis zu den Interessengemeinschaften der
Gegenwart geführt hat: und sein Wesen heißt Genossenschaft:
Genossenschaft in mittlerer Bindung des Lebens von den Mark—
gemeinden des ausgehenden ersten Jahrtausends ab bis zu den
Gilden und Zunften der Städte der späteren Kaiserzeit und
zu den Adels- und Bildungsgenossenschaften des 14. und
15. Jahrhunderts, den Ritterbünden, freieren pädagogischen
Gemeinschaften auf kirchlichem Boden, Universitäten. Und so
ergibt sich auch hier ein großer Zug der Entwicklung des
Gemeinschaftslebens hin durch die Kulturzeitalter und Jahr—
hunderte: der natürlichen Gemeinschaft von stärkster Bindung
folgt die mittelalterliche Genossenschaft und dieser die natur—
rechtliche und sozialautonome Vereinigung jüngerer Zeiten.

Es ist ein Zug, in dessen Verlauf, da er das individuelle
Korrelat zur Entwicklung der sozialen Freiheit darstellt, sich auch
die Entfaltung der sozialen Schichtung bewegt hat und bewegt
haben muß. Die Urzeit hat Jahrhunderte, wenn nicht Jahr⸗
tausende der Standesbildung nach Geburtsrecht, dem natür⸗
lichen Rechte gebundener Individuen, gesehen: und so war der—
jenige Teil der Bevölkerung des Landes, der nicht nach Geburt
germanisch war, unfrei im schlimmsten Rechtssinne des Wortes
und Objekt nur von Rechten. Dann nahten mit dem Mittel—
alter die Zeiten genossenschaftlich-sozialer Rechtsbildung, und
das heißt einer Ständeentwicklung nach dem Prinzipe des
Berufsrechtes, und gottgesetzt und unveränderlich erschien
ihrem Ausgange im 15. Jahrhundet die Scheidung der sozialen
Welt in gelehrt⸗geistlich und laienhaft-weltlich und, innerhalb
der Welt der Laien, in Bauer, Bürger und Edelmann. Aber
die kommenden Jahrhunderte hoben diese Unterschiede auf,
das Individuum mit seinem besonderen Besitz und Interesse
wurde unter der Herrschaft persönlichen Rechtes auch die sozial
maßgebende Gewalt, und eine freie Standesbildung nach den
        <pb n="87" />
        76

Einleitung.
Kategorien des vom Besitze her wirksamen wirtschaftlichen Ver⸗
mögens und des im Personalkredit sich ausdrückenden Inter—
esses wurde zum Grundzuge der gesellschaftlichen Entwicklung—
wenn auch in der Geburts- und Geistesaristokratie noch Motive
der älteren Standesbildung nach Geburt und Berufszusammen⸗
hang fortwähren.

Dieser ganze Verlauf aber hat wiederum auch auf die
Entwicklung der Einzelpersönlichkeit mächtig eingewirkt: sicherte
ihr das Geburtsrecht in frühen Zeiten schon von Kindesbeinen
an die nötigen Unterlagen der Lebenshaltung im nationalen
Verbande, so daß sie in sehr jungen Jahren selbst auch politisch
mündig erschien, so verschob das Berufsrecht des Mittelalters
diese Grenze an den Schluß der Jünglingszeit, und die
neuesten Zeiten mit ihrem Recht des Besitzes und der Aus—
wirkung erst völlig ausgebildeter, bewährter uud vertrauens⸗
werter Persönlichkeit haben den Termin erst recht bis in die
kräftigen Mannesjahre verzögert. Braucht aber noch gesagt zu
werden, daß durch diesen Verlauf Erziehung und autonome
Einwirkungsfähigkeit des Individuums von Jahrhundert zu
Jahrhundert einem ganz bestimmten Entwicklungsgange unter⸗
worfen worden sind? —

Wir stehen in einem gewissen Sinne am Ende der Be—
trachtungen, die dem inneren Zusammenhange der Kulturzeitalter
der deutfchen Entwicklung gelten sollten, soweit diese geschichtlich
erhellt werden kann. Es sind nicht vollständige und ununter—
brochene Linien dieser Entwicklung, die sich hier, innerhalb des
schmalen Rahmens einleitender Worte zur Geschichte der letzten
anderthalb Jahrhunderte, vorführen ließen. Aber auch bei
größerem Spielraume würde es nicht an der Zeit gewesen sein,
so verlockend die Aufgabe an sich sein mag, das beabsichtigte
Bild noch um vieles zu erweitern. Denn geschähe dies, so wäre
zu bedenken, daß die Kulturentwicklung des deutschen Volkes
nur eine ist der vielen nationalen Entwicklungen, die die Welt
sieht und gesehen hat, und daß es zu ihrem tiefsten Ver—
ständnisse daher der Anwendung nicht bloß nationaler, sondern
miversaler Maßstäbe der Betrachtung bedürfen würde. Wo
        <pb n="88" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualisti schen. 77
aber sind diese bisher schon zu finden? Ganz in den Anfängen
noch stehen Studien und Erörterungen der Art, wie sie hier
erfordert werden; und tastend und aphoristisch soll man darum
vorläufig verfahren, wenn der Drang der Übersicht eine all—
gemeinere ÄAußerung erfordert. Soviel aber hat sich immerhin
ergeben, daß die Kulturzeitalter durch den Verlauf von großen
Entwicklungslinien aufs innigste aneinander gekettet sind —
von Entwicklungslinien, deren allgemeiner psychischer Charakter
offen zutage tritt — und daß weiterhin innerhalb der einzelnen
Linien der Entwicklung keine so gewertet ist, daß sie die anderen
völlig beherrschte: daß vielmehr ein allgemeines Durcheinander
der Wechselwirkung stattfindet.

Eben diese letzte Erscheinung ist für die Forschung be—
schwerlich, und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß ein voller
Überblick, eine entscheidende geistige Herrschaft über sie aus der
Betrachtung der Entwicklung bloß einer einzigen großen mensch—
lichen Gemeinschaft kaum gewonnen werden kann. Vielmehr bedarf
es hier universalgeschichtlicher Kenntnisse und eines universalen
Horizonts, um ganze Klarheit zu erreichen. Von diesem Stand—
punkte aus aber ist der Überblick auch bald errungen. Denn als
dominierende Faktoren der einzelnen menschlichen Gemeinschafts—
entwicklung können von ihm aus nur diejenigen Elemente in
Betracht kommen, die in die universalgeschichtliche Entwicklung
regelmäßig und reichlich eingehen. Dies aber sind die spezifisch
geistigen, die Elemente der Religion, der Kunst, der Dichtung,
der Wissenschaft, denn eben sie vornehmlich erweisen sich als
durch Zeiten und Räume übertragungsfähig, wenn auch die Über—
tragung anderer Elemente nicht gänzlich ausgeschlossen erscheint.
Darum sind die nationalen Entwicklungen nach ihrem Ver—
laufe zu orientieren, und deren Kulturzeitalter erscheinen daher
vor allem als Zeitalter der Willenstätigkeit und der Welt—
anschauung, der Phantasietätigkeit und des Fortschritts des
Intellektes. Freilich: die Betrachtung dieser geistigen Vorgänge
führt alsbald in die Tiefen auch der sozialen und wirtschaft—
lichen, wie der politischen und selbst der äußeren Entwicklung:
kein Moment der nationalen Geschichte bleibt ihr fremd, und
        <pb n="89" />
        78

Einleitung.
indem sich das zweidimensionale Bild zu plastischer Tiefen⸗
wirkung erweitert, erfordert es eine Kunst der Erzählung,
die mit stets wechselnden Mitteln den wandelnden Aufgaben
des Moments und der Periode, des Zeitalters und der Jahr⸗
hunderte gerecht wrrd.

Soll es aber dem Historiker, der nichts vermag als zu
erzählen, nicht vergönnt sein, in besonderen Augenblicken seiner
Epopöe einmal inne zu halten und hinter den Vorhang zu
schauen, auf den er die bunten Bilder des Lebens fallen läßt?
Soll er nicht eine Wißbegier pflegen dürfen, die fragt, was
denn eigentlich der Inhalt dieser Vorgänge sei und welches
die Mittel, durch deren Wirkung sie hervorgezaubert werden?

Die erste Frage, die sich solcher Wißbegier darböte, möchte
wohl die sein, in welcher Weise denn eigentlich die einzelnen
Kulturzeitalter innerlich miteinander zusammenhängen. Und
da ließe sich denn wohl sagen: es wirke sich in ihnen eine
wachsende Intensität des Seelenlebens aus. Freilich: ist mit
einer solchen Antwort viel mehr erreicht, als ein zusammen⸗
fassender Oberbegriff? Sind die Kammern des Lebens damit
erschlossen?

Wenn aus dem Wahrnehmungsinhalte eines Kultur—
zeitalters der Wahrnehmungsinhalt des nächstfolgenden nicht
abgeleitet werden kann, wenn es sich hier im Grunde nur um
anschauliche Kenntnisnahme, nicht um Verständnis handelt, so
liegt darin nichts Wunderbares. In einem neuen Zeitalter
frisch auftauchende psychische Erscheinungen verknüpfen sich
mit denen eines früheren Zeitalters auf ebensowenig voraus⸗
zusehende Weise, wie vorauszusehen ist, daß aus der Ver—⸗
knüpfung der Wahrnehmungsinhalte Sauerstoff und Wasserstoff
der Wahrnehmungsinhalt Wasser hervorgehen werde. Denn:
ein Ding entsteht aus zweien oder mehreren anderen: heißt
doch eben nur, daß sich zwei oder mehrere Wahrnehmungs—
inhalte in einen zusammenhängenden, den ersteren gegenüber
für uns durchaus neuen, verwandelt haben.

Das tiefste Leben ist in der Geschichte für uns gleich un—
erkennbar wie in der Natur. Ein lebendiges Blatt bildet
        <pb n="90" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 79
unter dem Einflusse von Licht Zucker, ein totes nicht. Warum?
Es ist ein Geheimnis für Weise wie für Toren. Ein neues
Zeitalter des Seelenlebens bildet sich aus einfachen Vorgängen
verstärkter Reizaufnahme bis zur Höhe seiner Vollendung.
Warum? Du suchst wohl seine Bedingungen oder Ursachen
auf: warum aber das geschichtliche Leben diesen Bedingungen
oder Ursachen gerade diese und keine anderen Wirkungen folgen
läßt: wirst du es je ergründen?

Und so bleibt als Rest wohl nur der bescheidene Ver⸗
such, den Verlauf der Intensitätszunahme menschlichen Seelen⸗
lebens innerhalb großer Gemeinschaften zu beschreiben — zu
erzählen. Und da ließe sich, provisorisch, aus den geringen
Aufängen vergleichender und universaler und nicht bloß
nationaler Erforschung dessen, was man mit vollem Rechte
menschliche Kulturgeschichte nennen mag, etwa folgendes sagen.
Als primitives, zusammenfassendes Element des Seelenlebens
kann ein konkretes, rein anschauliches Selbstbewußtsein an⸗
genommen werden, als ein Ganzes von Gefühlstatsachen,
deren jede zur Identität zwischen Subjekt und Objekt ver⸗
dichtet ist. Der in einem solchen konkreten Selbstbewußtsein
vorhandene Bestand von Empfindungen, Reflexen, Funktionen
des sogenannten automatischen Handelns, aus denen erst Vor—⸗
stellungen, Urteile, Gemütsbewegungen, Willensakte erwachsen,
wird dann, eben in diesem Prozesse des Anwachsens, im Laufe
der aufeinander folgenden Kulturzeitalter steigend in Ver—
standes⸗ und Vernunftbewußtsein umgesetzt. Und diese Um—
setzung erneuert sich im Verlaufe des Seelenlebens jeder mensch⸗
lichen Gemeinschaft so lange, bis eine gewisse Leerung des
Urbestandes erreicht und statt dessen erkennendes Bewußtsein
eingetreten ist. In diesem Sinne setzt das Selbstbewußtsein
hoher Kulturen Weltbewußtsein mit ausgedehnter Erinnerung,
ja Gattungserinnerung, und das heißt geschichtliches Bewußt⸗
sein voraus, und kann man behaupten, daß ein gewisses Ziel
der Entwicklung menschlicher Gemeinschaften auch in der Er—
kenntnis der ihm angehörenden Individuen bestehe, daß sie
geschichtliche Wesen seien.
        <pb n="91" />
        80

Einleitung.
Daß dabei freilich noch starke Reste des Primitiven auch
in sehr hoch entwickelten Kulturen bestehen bleiben, daß es sich
in der Entfaltung primitiven „unbewußten“ Bewußtseins zu
hohem „bewußten“ nur um polare Gegensätze handelt, darüber
bleibt für den geschichtlich Denkenden kein Zweifel. Welche
Bedeutung hat z. B. in unserer Sprache, unserem Denken
und Dichten nicht noch heute das Symbolische der germanischen
Urzeit! Kann man nicht geradezu sagen, daß auf den meisten
Gebieten auch heute noch die Synthese des Inneren und
Außeren, die Verinnerlichung des AÄußeren, die Verkörperung
des Geistigen nur metaphorisch gewonnen wird?

So heißt es denn auch auf diesem Gebiete letzter Synthese,
zu dem ein Historiker sich heutzutage wird äußern wollen, vor—
sichtig sein — vorsichtig und bescheiden. Denn hohe intellektuelle
Werte werden nur sehr schrittweise, unter stärkster Anstrengung
und bei größter Nüchternheit des Denkens trotz aller heuristischen
Phantasie gewonnen.

Gewiß haben frühere Zeitalter, und je weiter man zurück⸗
blickt, um so mehr, zahlreichere allgemein feststehende Wahr—
heiten gehabt oder zu haben geglaubt als wir; die Gegen—
wart ist ihnen gegenüber arm; und man könnte ihr wohl den
Vorwurf dieser Armut machen. Aber wie ungerecht würde er
sein! Was ist denn Wahrheit? Wahrheit besteht schließlich aus
Wahrheiten, und jede einzelne dieser ist doch am Ende nichts
als eine unter einem bestimmten Gesichtspunkte zutreffende
Übereinstimmung einer Anzahl von Tatsachen oder Erscheinungen.
Da ist denn doch wohl klar, daß solche Übereinstimmungen sich
bei mangelhafter Erfahrung, mithin geringerer Zahl beobachteter
Tatsachen und Erscheinungen viel eher einfinden werden, als
bei weit ausgedehnter Kenntnis. Denn diese weitere Kenntnis—
nahme zeigt erst recht die Ausnahmen und hebt dadurch viele
alte Wahrheiten auf. Gewiß: eine bestimmte Anzahl von
Erfahrungen bleibt darum gleichwohl bestehen, ja wird in
der Feuerprobe einer erneuten Prüfung erst recht noch fester.
Auch treten zugleich aus dem immer mehr erhellten Horizonte
neuer Tatsachen und Erscheinungen auch neue Wahrheiten
        <pb n="92" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 81
hervor: und so vereinfacht und vertieft sich nicht nur, so er—
weitert sich auch die Erkenntnis. Aber es ist ein langsamer
Prozeß, der sich hier vollzieht, und nur dann erscheint die
Teilnahme an ihm des Schweißes der Edlen wert, wenn er
jeglicher Überstürzung fern gehalten wird.

Galt es in diesen einleitenden Worten vor allem, das
Wesen des subjektivistischen Zeitalters gegen die Vergangenheit
der anderen Zeitalter, insbesondere des nächstvorhergehenden,
abzugrenzen, so wird es zum Schlusse von Nutzen sein, auch
einen kurzen Blick in die Zukunft des Subjektivismus, in die
Stufen seiner Entwicklung bis hin zur Gegenwart zu werfen.
Es ist das Programm der letzten vier Bände dieses Werkes:
mit zwei Worten sei es hier gezeichnet.

Mit den Jahren 1740 etwa und 1750 verschwindet der
alte Gegensatz des Rationalismus und Pietismus, jener
Strömungen, die in den Zeiten ihrer reinen Bildung für den
Ausgang des individualistischen und die Vorzeit des subjekti—
vistischen Zeitalters so bezeichnend waren. Der Rationalismus
wird zur Aufklärung, die in die weitesten Kreise dringt.
Der Pietismus lebt in ursprünglicher Haltung nur noch als
Separatismus einzelner Kreise fort; im allgemeinen geht er
in eine mehr ästhetisch als religiös charakterisierte Senti—
mentalität über, die das Gemüt neben der verstandesmäßigen
Aufklärung zu seinem Rechte kommen läßt. Beide neuen
Außerungen bedeuten in diesem Zusammenhange einen aller
dogmatischen Fesseln entkleideten Individualismus: und damit
den Übergang zu dem neuen Zeitalter des Subjektivismus.
Wie durchaus aber in diesem neuen Zeitalter tiefste Regungen
nationaler Fortbildung zum Ausdruck gelangen, ergibt sich
aus der Tatsache, daß beide Strömungen schon in dieser
Übergangszeit besonders das Deutschtum betonen.

Mit dem Emporblühen der Periode der Empfindsamkeit
die zumeist nur aus der Literaturgeschichte bekannt ist, aber

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1.
        <pb n="93" />
        32

Einleitung.
eine ganz allgemeine psychische Erscheinung war, beginnt dann
recht eigentlich das Zeitalter des Subjektivismus: gesteigerte
Empfindungen, mit subjektiven Gefühlsmomenten geschwängert,
rufen eine neue, noch unruhig und unsicher tastende Kultur
des Herzens und teilweise auch schon des Verstandes und
Willens hervor. Dem folgt dann der volle Durchbruch des
Neuen in Sturm und Drang, in vulkanisch wallenden und
gärungsreichen Formen: bis in dem Idealismus oder Klassi⸗
zismus der reifen Zeit Goethes und Schillers eine erste Höhe⸗—
erscheinung des neuen Zeitalters erreicht wird. Das, was diese
Zeit kennzeichnet, war eigentlich eine Art Notreife des Sturmes
und Dranges: gegenüber der auflösenden Wirkung der neuen
Slemente wurde nach einer raschen Entfaltung rettender Domi—
nanten der neuen Kultur sowohl auf dem Gebiete der Willens—
tätigkeit wie der Verstandeskultur wie endlich auch des Phantasie⸗
lebens gesucht: und sie fanden sich ein in der Philosophie Kants
wie in der klassischen Dichtung wie in der Musik eines Haydn
und Mozart und auch noch Beethovens: der Abschluß schon
des neuen Zeitalters in hohen Werten einer für den Sub⸗
jektivismus unvergänglichen Kultur schien gesichert.

Allein es war doch nur ein schnell herbeigeführtes Zusammen-
fassen, das bloß durch Heranziehung fremder Mächte zu raschester
Klärung der Elemente des Sturmes und Dranges erreicht
werden konnte: so stützte sich das Denken Kants noch auf den
Rationalismus, so wurde für den dichterischen Klassizismus
der Einfluß der Antike und zum Teil auch der älteren Zeit-—
alter der deutschen Dichtung von Bedeutung, und nur in der
Musik fand, trotz gelegentlichen Hineinragens fremder, nament⸗
lich romanischer Einflüsse, ein durch keinerlei Umbiegung um—⸗
gestalteter rein nationaler Entwicklungsgang seine Vollendung.

Immerhin war am Schlusse dieser Periode schon eine
völlig klare Vorstellung von dem Wesen der neuen, sub—
jektivistischen Persönlichkeit gewonnen. Sie ist es, die die
Ethik Kants belebt; aus ihrer Vorstellung erwächst eine neue
Erziehungslehre in der Pädagogik Pestalozzis und in der
praktischen Ästhetik Schillers; und von ihren Grundvesten her
        <pb n="94" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 83
beginnt Wilhelm von Humboldt den Aufbau eines Staatsideals
des Subjektivismus. Ja selbst die Grundanschauungen einer
subjektivistischen Frömmigkeit werden durch Schleiermacher schon
entwickelt, was eine volle Tiefe der Erkenntnis subjektivistischen
Seelenlebens voraussetzt: „Der ewige Verstand befiehlt es,
und auch der endliche kann es einsehen, daß diejenigen Ge—
stalten, an denen das einzelne am schwersten zu unterscheiden
ist, am dichtesten aneinander gedrängt stehen müssen; aber
jede hat etwas Eigentümliches; keiner ist dem anderen gleich,
und in dem Leben eines jeden gibt es irgendein Moment, wo
er, sei es durch die innige Annäherung eines höheren Wesens
oder durch irgendeinen elektrischen Schlag, gleichsam aus sich
selbst herausgehoben und auf den höchsten Gipfel desjenigen ge—
stellt wird, was er sein kann.“ (Reden über die Religion, 1799.)

Aber dieser Abschluß war, wie gesagt, nur ein vorüber—
gehender. In den Tiefen der Anteil nehmenden Gesellschaft
dauerte die Gärung fort; Goethe ist in den Zeiten seiner
höchsten Klärung keineswegs populär gewesen. Und ergriff
nicht selbst die Dioskuren von Weimar der weiterwallende
Strom von neuem, wenn sie, Goethe seit etwa 1798, Schiller
seit etwa 1800, neben dem Klassizismus Neigungen zur Romantik
verrieten? Denn die Romantik ist die ganz legitime, in ihren
tiefsten Tiefen ganz nationale Fortsetzung des Sturmes und
Dranges: wie sie denn an diesen unmittelbar in all den
Gegenden anschloß, in welche die Einwirkungen des Klassizis⸗
mus nicht gelangt waren.

In der Romantik rrecht eigentlich verbinden sich erst alle
emanzipatorischen Formen des neuen Seelenlebens: der Punkt
wird erreicht, in welchem sich das Neue, nur dem Genius
seiner eigensten Freiheit folgend, am entschiedensten auslebt.
Und wie verschieden erscheint da doch das Persönlichkeitsideal
auch noch von dem des Klassizismus! Man geht wohl gelegent⸗
lich schon von dem Grundsatze aus, daß das höchste Sittlichkeits⸗
prinzip nur dem Quell der reinsten persönlichen Intuition ent—
springen könne: so gibt es denn keine normative Ethik mehr,
denn jedes Sittengesetz mache den Menschen zum Automaten;
        <pb n="95" />
        —*

Einleitung.
der freie Geist dagegen möge nach den freien Impulsen
seiner moralischen Phantasie handeln: und nur der Trost
bleibt noch, daß diese Freiheit nicht für unreife und un—
produktive Naturen, sondern nur für die „wirklich“ Freien
gefordert wird.

Waren damit bedenkliche Folgen eines radikalen Sub—
jektivismus offen ausgesprochen, so kann es fast als eine Wohl⸗
tat des Schicksals erscheinen, daß der Verlauf der Romantik
nahezu in seiner Mitte durch die ungeheuere Umwälzung des
äußeren Geschickes unserer Nation unterbrochen ward, die durch
die französische Revolution und das Wirken Napoleons IJ. herbei—
geführt wurde. Da trat der raschen und gefahrdrohenden Ent⸗
wicklung im Reiche des mehr abstrakten und kontemplativen
Seelenlebens der Ernst und das Schrecknis schwerer Schicksals⸗
schläge des äußeren Daseins entgegen und lehrte Einkehr, Be—
grenzung und Selbstzucht. So gewannen die selbstbin denden
Tendenzen der neuen Kultur höhere Kraft; und durch ihren
seit etwa 1808 bis 1810 immer stärker wachsenden Einfluß
wird die Zeit des romantischen Seelenlebens geradezu in zwei
Abschnitte zerlegt, die durch je etwa ein Menschenalter be—
zeichnet sind: einen Abschnitt der Frühromantik (etwa 1785
hbis 1815), die als ein abklärender Sturm und Drang, unter
Verlegung des Mittelpunktes der Entwicklung vom Dichten
in das Denken, bezeichnet werden kann, und in einen Abschnitt
der Spätromantik (etwa 1810 bis 1830), in dem das Zentrum
der Entwicklung schon auf die Wissenschaft, besonders die
Pflege der Geisteswissenschaften, übergeht.

Dieser zweite Abschnitt hat dann leise und in mancher
Hinsicht beinahe unmerklich in eine neue Phase des Sub⸗
jektivismus übergeführt: die realistische. Der Ausdruck Realis⸗
mus ist für das Seelenleben der dreißiger, wenn nicht teilweise
schon zwanziger bis fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts
gebräuchlich: und deutlich in der Tat prägt sich in ihm das
Emporkommen eines Zeitalters der Naturwissenschaften und
der rein empirisch gemeinten Geisteswissenschaft aus, sowie einer
Sinwendung zur Losung der politischen und auch schon sozialen
        <pb n="96" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 85
Fragen des neuen Lebens, die auf sittlichem und rechtlichem Ge—
biete eine normative Bindung und eine Festigung zur Freiheit
zugleich der subjektiven Persönlichkeit zur Folge haben mußte.
So ist es denn diese Zeit gewesen, die in manchem Betracht
die frohe Erbin all der nun zu reiferem Ergebnis gediehenen
Mühen der vorhergegangenen Phasen des Subjektivismus ge—
worden ist: in ihr gewann das Sehnen der Väter Gestalt,
und die bisher enthusiastisch gemeinte Freiheit erwuchs in einer
den Bedürfnissen der Nation angepaßten Form, wenn auch
noch nicht zur Wirklichkeit, so doch schon zu einem klarer und
klarer umschriebenen, der Wirklichkeit sich nähernden Ideale.
Da begreift es sich denn, wenn bis in diese Jahrzehnte hinein
bieles von dem geistigen Tone gleichsam der früheren Phasen
des Subjektivismus fortlebte: noch war man gefühlsinnig
und weich, geistvoll und empfindungsreich, den Interessen vor
allem der höchsten geistigen Zivilisation und in erster Linie
wiederum der dichterischen und philosophischen Kultur zu—
gewendet: es sind die Jahre der ästhetischen Tees, der breiten
Briefwechsel, die Blütejahre der Leihbibliotheken.

Aber so sehr in dieser Zeit neue Dominanten des Lebens
für Kunst und Wissenschaft, für Individuum und Familie und
in gewissem Sinne auch für die Gesellschaft gefunden wurden:
in dem herben Bereiche des öffentlichen Lebens, in der Ver—
wirklichung eines neuen Staats- und zugleich des Einheits—
ideales scheiterte die Zeit.

Es wird später eingehend zu erzählen sein, wie das ge—
schah, und welches die inneren Gruünde des Mißerfolges im
einzelnen waren, sowie in welcher Weise die Führung der
preußischen Politik die Unfähigkeit der Nation schließlich wenig—
stens zum Teile ausglich: hier muß nur betont werden, daß der
allgemeine Verlauf des deutschen Seelenlebens nach etwa 1850
die Wiederaufnahme von Versuchen politischer Neubildung
durch die Nation selbst sehr unwahrscheinlich machte. Denn
mit der Kultur des Realismus hatte sich der Subjektivismus
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der ersten Jahr—
zehnte des 19. Jahrhunderts in seinen eigensten Formen aus—
        <pb n="97" />
        86

Einleitung.
gelebt: und was ihm folgen konnte, wenn nicht von außen—
—DDDDD0
Impulse des Seelenlebens gegeben wurden, konnte nichts sein
als ein schaler Nachtrag. In der Tat hat sich die Kultur—
entwicklung der fünfziger bis siebziger Jahre in dieser Richtung
bewegt; und die Angehörigen dieser Zeit selbst haben mit
richtiger Einsicht schon von einem Epigonentum der großen
Zeiten des Subjektivismus gesprochen.

Aber war damit die Entfaltung des Subjektivismus über—⸗
haupt abgeschlossen und vollendet?

Wer wollte das heute noch behaupten wollen! Schon
längst hatten sich Spuren eines neuen, höheren Subjektivismus
gezeigt: jenes Seelenlebens, das sich auch heute noch erst auf
dem Wege zu seiner vollen Entfaltung befindet. Die Un—
summen neuer Reize, die dies neue Seelenleben auslösten,
indem sie die Vorstellungswelt und in ihrem Gefolge auch die
Welt der Phantasie und des Gemütes, der Triebe und der
Willensakte von Grund aus änderten, sind bekanntlich der
Hauptsache nach von den gewaltigen wirtschaftlichen und bald
auch sozialen Umwälzungen ausgegangen, welche die deutsche
Welt seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zu be—
wegen begannen, um in der Zeit der großen Kriege, im siebenten
und achten Jahrzehnt etwa, zu vollem Siege vorzudringen.
Von da ab begann mithin eine neue Entwicklungsperiode des
Subjektivismus: jene, in deren Mitte wir groß geworden sind
und heute atmen.

Nicht als ob nicht auch schon die erste große Entwicklungs⸗
reihe der Zeit von 1750 bis etwa 1870 mit unter dem Ein—
flusse der Entfaltung wirtschaftlicher und sozialer Faktoren
gestanden hätte. Im Gegenteil: es wird sehr bald genauer
erzählt werden, wie das Zeitalter des modernen Wirtschafts—
lebens, die Volkswirtschaft des Unternehmertums, auf deutschem
Boden nicht eben viel später, als auf dem westeuropäischen
Englands und Frankreichs Fuß gefaßt hat, und wie ein erster
Höhepunkt dieser Entwicklung schon in die Jahre etwa 1720
bis 1730 oder 1740 fällt. Und schon damals sind aus dieser
        <pb n="98" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis 3. individnalistischen. 87
Entwicklung her Reize hervorgegangen, deren Einfluß auf das
Seelenleben sich in der frühsubjektivistischen Kunst der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts wiederspiegelt. Indes diese erste
Höhenbewegung gleichsam in der Durchbildung des modernen
deutschen Wirtschaftslebens war, wenn auch entwicklungs⸗
geschichtlich von höchstem Interesse, doch quantitativ und
dynamisch nicht von allzustarker Wirkung; und so erschöpft
sich, wenn man das Ganze der deutschen Geschichte der letzten
Jahrhunderte betrachtet, ihre vornehmste Bedeutung fast darin,
daß fie aus ihrer ganzen inneren Struktur her den Beweis
erbringt, daß die Zeit seit etwa 1730 bis 1750 bis zur Gegen⸗
wart auch wirtschafts⸗— und sozialgeschichtlich einen innerlich
aufs innigste zusammenhängenden Verlauf von Tatsachen dar⸗
stellt. Von wie anderer Bedeutung sind dagegen die wirt⸗
schaftlichen und sozialen Schicksale gewesen, die unser Volk seit
den dreißiger Jahren etwa des 19. Jahrhunderts erlebt hat!
Aufs tiefste haben sie in den ganzen Bau unseres Volkslebens
eingegriffen, und niemand wird daran zweifeln, daß ihrer
Einwirkung vor allem jene neuen Reizmengen verdankt wurden,
die eine völlig neue Periode des Subjektivismus herbeigeführt
haben. Denn noch zittert in dem modernen Seelenleben allent⸗
halben dieser Ursprungscharakter aus dem rastlosen Treiben vor
allem des Wirtschaftslebens nach:
Flügel weit, den Blick nach oben,
Windgesellen, hoch erhoben,
Fliegen wir den Sternen zu,
Und an Paradiesesküsten
Neuer Welten rastend, lüsten
Hoͤher wir. Unruhige Ruh.
(Falke, Tanz und Andacht, 1893.)
Dabei weist diese neue Zeit, soweit sie bisher verlaufen ist,
der älteren Zeit analoge Einzelphasen der Tntwicklung auf:
der Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts entspricht die Reiz⸗
samkeit der siebziger und achtziger Jahre des neunzehnten;
wie das 18. Jahrhundert haben auch wir einen Sturm und
Drang erlebt; und wer wird perkennen, daß die Gegenwart,
        <pb n="99" />
        88

Einleitung.

wenn auch nicht in der persönlichen Größe des Schaffens, so
doch in dessen Gesamttendenz merkwürdige Analogien zeigt
zu den Tagen des Klassizismus? Bilden doch selbst die
neuesten physiologischen und psychologischen Untersuchungen
zum Seelenleben nur die Kantsche Erkenntnistheorie weiter;
knüpft doch, um ein ganz disparates Gebiet heranzuziehen, die
jüngste kriminalistische Bewegung an Ideen aus dem Ende
des 18. Jahrhunderts an; ist doch Herder der Führer fast aller
jener neuen Richtungen der geisteswissenschaftlichen Forschung,
denen heute die Zukunft siegversprechend zuwinkt. In zahl—⸗
reichen Beziehungen also erscheint diese neue große Periode
des subjektivistischen Zeitalters im Sinne einer nur auf eine
höhere Stufe gehobenen Analogieentwicklung zu der früheren;
und es bleibt schon heute nichts mehr übrig, als das Zeitalter
des Subjektivismus demgemäß in zwei große Perioden zu zer—
legen: eine erste der Jahre 1730/1750 bis etwa 1870 und
eine zweite der Jahre 1830/,1870 bis hin zur Gegenwart.

Ist es aber Aufgabe der Geschichtsschreibung, auch schon
Umfang und Entwicklung der zweiten Periode darzustellen?
Man kann am Ende zweierlei Aufgaben der Historie unter—
scheiden: die eine bestände im Festhalten des geschichtlichen
Momentes und widmete sich so wesentlich der Gegenwart, der
anderen fiele die monumentale Darstellung des mehr schon
Vergangenen zu; die eine schüfe gleichsam auch Material für
die monumentale Geschichtsschreibung der Zukunft, die andere
brächte die Auffassung der Zeitgenossen von der Vergangenheit
zum treffendsten Ausdruck; von der einen würde gelten, daß
sie als historische Quelle ständig fortfließend gleichsam zeitlos
und jedenfalls über ihre Zeit hinaus lebt, auf die andere
würde, wenn auch in begrenztem Sinne, das resignierende
Wort zutreffen, daß die Nachwelt dem Mimen keine Kränze
flicht.
Unterscheidet man in dieser Weise, so sieht man wohl, daß
es eine Zielveränderung bedeuten würde, käme auch die jüngste
Vergangenheit unseres Volkes, die Entwicklung der zweiten
Periode des Subjfektivismus, in dem hier gegebenen Zusammen—
        <pb n="100" />
        Das subjektivistische Zeitalter i. seitem Verhältnis z. individualistischen. 89
hange mit zum Vortrag: denn dieser Zusammenhang ist ein
monumentaler, und die monumentale Geschichte unseres Volkes
schließt einstweilen mit den siebziger Jahren des vorigen Jahr⸗
hunderts.

Und so wird denn die zeitgenössische Geschichtsschreibung,
die Momentaufnahme gleichsam der Ereignisse und des Seelen⸗
lebens der Nation in der zweiten Periode des Subjektivismus,
einer besonderen Darstellung zu überlassen sein, die sich der
hier verlaufenden Erzählung nur anhangsweise und insofern
ergänzend anreihen kann!.

Diese Erzählung aber, nach dem Gesagten die Schilderung
der ersten großen, nunmehr ganz vollendeten Periode des sub⸗
jektivistischen Zeitalters, erscheint jetzt in der Gliederung ihrer
einzelnen Momente schon anschaulich vor unseren Blicken. Dem
Schattenriß eines vollendet schönen vulkanischen Kegels gleich
steigt sie innerhalb der beiden letzten Mens chenalter des 18. Jahr⸗
hunderts in den Phasen der Empfindsamkeit, des Sturmes und
Dranges und des Klassizismus, sowie auch schon in Anfängen
der Romantik auf bis zu höchsten Höhen eines enthusiastischen
und dennoch schon durch zurückhaltende Elemente der Ver—
gangenheit wie innere Selbstbesinnung gemäßigten Subjektivis⸗
mus. Dann erfolgt ein jäher Zusammenbruch der äußeren
Lebensformen der Nation, und ernste Sorgen für ihren er—
neuten und besseren Aufbau erheben sich, nachdem die bürger—
lich-gebildeten Schichten, die Träger der geistigen Bewegung,
den aͤußeren Feind in den Jahren eines Heldenzeitalters ihrer
sozialen Entwicklung vertrieben haben. Nach alledem aber treten
dann wieder die geistigen Seiten der Entwicklung in den
Vordergrund: jenseits des revolutionär gärenden und zischenden

1 Eine solche Darstellung liegt vom Verfasser dieser Erzählung schon
vor in den Ergänzungsbänden zur Deutschen Geschichte: Zur jüngsten
deutschen Vergangenheit, erster Band (Tonkunst, bildende Kunst,
Dichtung, Weltanschauung) 1902; zweiter Band, erste Hälfte (Wirtschafts⸗
leben, soziale Entwicklungh 1903; zweiter Band, aweite Hälfte linnere
Politik,. äußere Volitik) 1904.
        <pb n="101" />
        0

Einleitung.
Kraters der Zeit von 1795 bis 1815 erscheinen neue reine
Umrisse der Bergsilhouette, und in reich entwickelten Stufen
—EDDDD—
und Realismus zu der Epigonie der Ausgangszeiten herab.

Der Schilderung dieses Verlaufes werden die letzten vier
Bände und Bücher unserer Erzählung gewidmet sein.
        <pb n="102" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
        <pb n="103" />
        <pb n="104" />
        J.
Entstehung und erste Entwicklungsperiode des
modernen Bürgertums.

1. Das 16. und 17. Jahrhundert ist in der deutschen
Geschichte gekennzeichnet durch den tiefen Verfall des Bürger⸗
tums, nachdem sich dieses vom 15. bis zum 16. Jahrhundert
zur Höhe einer wirtschaftlichen und auch geistigen Kultur ent⸗
faltet hatte, deren Formen geeignet scheinen konnten, unmittel⸗
bar in die Formen der zweiten Hälfte des 18. und 19. Jahr⸗
hunderts hinüberzuführen!.

Die Ursachen dieses Verfalls sind mannigfach; neben all⸗
gemeinen ganz Deutschland treffenden Schlägen gehen besondere
für die einzelnen Landschaften her: und die ersteren wenigstens
ist es möglich in ihren hauptsächlichsten Momenten kurz zu—⸗
sammenzufassen. Eine solche Zusammenstellung aber ist hier
nötig, denn erst aus der Art des Verfalls dieses älteren Bürger⸗
tums erklärt sich das Wesen des Aufschwunges jenes neuen,

1 In den Darlegungen dieses Abschnittes finden sich Gegenstände mit
berührt, die zum Teil schon in Buch VII S. 382 ff. behandelt worden
sind. Die Erzählung konnte nicht anders, als geschehen, gegliedert werden,
sollte der Abteilung III (Bd. 8-11) des Gefamtwerkes ebenso wie den
beiden früheren Abteilungen eine selbständige Stellung in dem Sinne, daß
ihr Inhalt rein aus sich allein verständlich ist, gewahrt werden. Um
gleichwohl Wiederholungen zu vermeiden, ist schon in Bd. VII der Text
derart gestaltet worden, daß er sich, mit dem jetzt gegebenen Texte zusammen⸗
gehalten, mit diesem zu einem noch vollständigeren Gesamtbilde ergänzt.
        <pb n="105" />
        *

Zweiundzwanzigstes Buch.
zweiten, modernen deutschen Bürgertums, das die deutschen
Geschicke seit Mitte des 18. Jahrhunderts zu beherrschen be—
gonnen hat.

Die Erscheinungen, welche die deutsche Volkswirtschaft des
15. Jahrhunderts aufweist, kann man, insoweit sie für die
Schicksale des älteren Bürgertums von Wichtigkeit waren, auf
die eine Anschauung zurückzuführen suchen, daß zunehmender
innerer Verkehr wie wachsender internationaler Handel die
mittelalterliche geschlossene Stadtwirtschaft zu sprengen drohten.
Diese Stadtwirtschaft war eigentlich lokalisiert gedacht gewesen;
sie hatte zunächst allein der Stadt und einem begrenzten
Wirtschaftskreise um sie herum dienen sollen. Sie besaß daher
etwas Selbstgenügsames, sie hatte nicht die Tendenz, auch
nur die Wirtschaftsinteressen der einzelnen deutschen Städte,
geschweige denn auch noch die des Auslandes untereinander
eng verflochten und in Lebensfragen voneinander abhängig zu
sehen.
In diese Auffassung und Praxis hatte natürlich ein zu—
nehmender Handel und das heißt bis zu einem gewissen Grade
ein Erzeugnis dieser Stadtwirtschaft selbst Bresche legen
müssen: es war im Laufe des 15. Jahrhunderts zu immer
entschiedeneren interurbanen, interterritorialen, internationalen
Beziehungen gekommen. Und diese Beziehungen hatten sich in
den ersten, noch glücklichen Zeiten, ja fast in der ganzen ersten
Hälfte des 16. Jahrhunderts noch vergrößert.

Waren das Vorgänge, welche die ursprünglich engräumige
Wirtschaft der einzelnen Stadt zu sprengen drohten und hin—
wiesen auf eine einheitliche regionale, ja wenn möglich natio—
nale Ordnung der Handelspolitik, so widersprach dem aber
der allgemeine Gang der deutschen Geschicke außerhalb des
Bereiches der städtischen Interessen. Während in England
und Frankreich, ja selbst in Spanien und Portugal und auf
deutschem Gebiete wenigstens in den selbständig werdenden
Niederlanden kräftige Regierungen den raumverbindenden Be—
dürfnissen des erweiterten Verkehrs grundsätzlich den Anlaß
entnahmen, eine Volitik entschiedener staatlicher und nationaler
        <pb n="106" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 95
Einigung einzuschlagen, geschah dergleichen im eigentlichen Be—
ringe der deutschen Reichsgrenzen so gut wie nicht.

Soweit da die Territorien in Betracht kamen, hatten
diese im 16. Jahrhundert allerdings den Sieg über die großen
Städte errungen. Aber sie waren damit noch weit davon
entfernt, sie verschlungen und ihren Machtbestrebungen ein⸗
geordnet zu haben. Dagegen war bei den Fürsten noch hier
und da einige Bitterkeit aus früheren und teilweise noch an—
dauernden Kämpfen zwischen Territorien und Städten zurück—
geblieben. Waren das Verhältnisse, welche eine kräftige terri—
doriale und regionale Politik zugunsten einer Volkswirtschaft
gestatten konnten, die den kräftig eingeschlagenen Weg zu einer
industriellen und kommerziellen Entfaltung weiter verfolgt haben
würde, wie sie dann zweifelsohne zunächst den Städten zu⸗
gute gekommen wäre? Von den Fürsten war eine solche
Politik nicht zu erwarten: sie unterbanden vielmehr, soweit
es in ihren besonderen Interessen lag, alle weiträumigen, auf
große Verkehrsbeziehungen gerichteten Bestrebungen der Städte.
Zur Veranschaulichung sei in dieser Hinsicht nur an die Ver—
hältnisse am Rhein erinnert. Hier erlebte man, seitdem mit
dem Zahre 1519 die Zollhoheit den Territorialherren endgültig
preisgegeben war, eine beständige Steigerung der Rheinzölle
bis zu dem Grade, daß der große Verkehr dauernd der Land⸗
straße zugetrieben wurde. Da verbanden sich denn freilich die
rheinischen Fürsten in den Jahren 1557 und 1571 gegen die
Benutzung der Nebenwege von Straßburg bis Rheinberg am
Niederrhein; sie wollten sie mit gleichen Zöllen belegen wie die
Rheinstraße. Infolge davon wie infolge technischer Verbesserungen
hat sich dann der Flußverkehr wieder ein wenig gehoben, — blieb
aͤber immer einer furchtbaren Belastung unterworfen, die sich
sogar von Jahrzehnt zu Jahrzehnt noch gesteigert hat.

Bestimmungen des westfälischen Friedens beseitigten dann
allerdings wieder einmal alle während des Krieges reichs⸗
verfassungswidrig eingeführten Zölle und sonstigen Belastungen
des Handels und erklärten die völlige Freiheit und Sicherheit des
Verkehrs im Reiche wiederhergestellt. Auch sollte jeder neue Kaiser
        <pb n="107" />
        öä

Zweiundzwanzigstes Buch.
in der Wahlkapitulation versprechen, nach Krästen auf diese
Freiheit der Kommerzien“ zu halten. Aber wie hob sich von dem
guten Willen dieser papierenen Aktenstücke die Wirklichkeit ab!

Von Straßburg bis zur holländischen Grenze gab es im
18. Jahrhundert auf dem Rhein nicht weniger als dreißig Zoll⸗
stätten; in dem engen Tale von Bingen bis Koblenz, wo eine
Umgehung der Wasserfahrt zu Lande besonders schwierig war,
allein neun — fast jede Stunde eine! Zudem lagen sie auf ver—
schiedenen Ufern: die Schiffe mußten also kreuzen, um an die
Zollstätten zu gelangen, und so mußten bei der Bergfahrt die
Leinpfadpferde wiederholt übergesetzt werden. Dabei trugen die
Rheinzölle damals im ganzen jährlich nur etwa 600 000 Taler.

Aber auch in anderen Flußgebieten sah es um diese Zeit
nicht besser aus. An der Weser gab es auf einer Strecke
bon 27 Meilen oberhalb Bremens 26, an der Elbe zwischen
Hamburg und Magdeburg 19 Zollstätten, zwischen Dresden
und Magdeburg wiederum 16. An der Elbe hat es sogar
noch bis zum Jahre 1858 als Rest früherer Praxis 16 Zoll-⸗
stätten gegeben, bei denen im Durchschnitt jährlich etwa 2 Mill.
Mark gezahlt wurden; das meiste an Mecklenburg und Hannover,
die wahre Raubzölle erhoben.

Indes im 16. und 17. Jahrhundert wurde der nationale
HZandel noch durch ganz andere Maßregeln behindert: die
Territorialfürsten bemächtigten sich des Stapelrechts und
anderer Formen einer längst veralteten mittelalterlichen
Handelspolitik und benutzten sie zu kommerziellem Kampfe
untereinander. Indem sie dann außerdem die Mittel des
langsam aufkommenden Merkantilismus zur wirtschaftlichen
Verselbständigung ihrer Territorien anwandten, ergab sich ein
wunderliches Gemisch von Maßregeln, die sich doch alle zu
dem einen Ende verbanden: den Territorien und besonders
auch den großen Landstädten derselben die kommerzielle Über—
nacht über die Nachbarn und besonders über die benachbarten
Reichsstädte zu sichern.

Es war eine Entwicklung, die in der Tat vor allem die
ailten Reichsstädte tödlich traf. Denn deren Politik hatte bis⸗
        <pb n="108" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 97
her eben darauf beruht, sich kommerzielle Vorteile über ihre
ngere und weitere Umgebung zu sichern, auch wenn sie diese
Umgebung nicht politisch beherrschten — fast alle hatten ja
aur ganz kleine Gebiete —: und das war ihnen gelungen
durch Privilegien des Kaisers und eine Anbahnung gegenseitiger,
ein geschlossenes System gemeinsamer Vorteile herbeiführender
kommerzieller Zugeständnisse. Diese Politik versagte jetzt. Ihre
Mittel wurden von den Territorien zugunsten der Landstädte
ingewandt; und ihre Durchführung in diesem Sinne wurde
durch die politische Beherrschung der in Betracht kommenden
kommerziellen Räume seitens der Fürsten gesichert. Das war der
Punkt, wo die Reichsstädte, gebietslos, sterblich waren: sie unter—
lagen. Wie es Möser einmal ausgedrückt hat, „die Landeshoheit
der Fürsten stritt gegen die Handlung; eine von beiden mußte
unterliegen, und der Untergang der letzteren bezeichnet den Auf⸗
zang der ersteren. Wäre das Los umgekehrt gefallen, so hätten
wir jetzt zu Regensburg ein unbedeutendes Oberhaus, und die
verbundenen Städte und Gemeinden würden in einem ver—
einigten Körper die Gesetze handhaben, welche ihre Vorfahren,
mitten im heftigsten Kampfe gegen die Territorialhoheit, der
ibrigen Welt auferlegten. Nicht ein Lord Clive, sondern ein
Ratsherr von Hamburg würde am Ganges Befehle erteilen“.

Nun hätte man gegen diese Entwicklung das Reich aus—
spielen, die territoriale Gegenwirkung durch eine große natio⸗—
aale Wirtschaftspolitik übertrumpfen können. Allein bei der
Ohnmacht des Reiches ist an diese Möglichkeit selbst in den
Städten kaum noch gedacht worden. Gewiß hat sich das Reich
noch im 16. Jahrhundert in handelspolitischen Versuchen er—
gangen; indes sie waren entweder von den Kaisern in fiska⸗
lischem Interesse unternommen und scheiterten dann am Wider⸗
spruche der Stände, oder sie wurden von den Ständen ein—
geleitet und stießen dann mindestens unter Max J. und Karl V.
auf Gleichgültigkeit oder unfreundliche Behandlung seitens der
Katser. Unter Ferdinand J. besserte sich dann allerdings die
Lage: aber nun ergab sich die Reichsmaschinerie schon als für
Jandelspolitische Aktionen überhaupt nicht mehr brauchbar. Den

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1.
        <pb n="109" />
        —8

Zweiundzwanzigstes Buch.
Beweis hierfür lieferten einige Vorgänge bereits gegen Schluß
des 16. Jahrhunderts, vor allem der mißlungene Feldzug des
Reiches gegen die Merchant Adventurers (1582 ff.) in Ham⸗
burg. In diesem Falle konnte es schon als charakteristisch
gelten, daß die den Merchant Adventurers feindlichen deutschen
Interessenten, die Hansen, die Hilfe des Reiches überhaupt
erst nach Erschöpfung aller sonstigen Mittel anriefen. Und
was speziell den deutschen Seehandel, also die Blüte eines
für diese Zeit zu erwünschenden nationalen Handels, angeht,
so hat ihn das Reich unmittelbar anscheinend überhaupt nur
ein einziges Mal, durch ein Mandat vom Jahre 1597, halb
mit juristischen, halb mit handelspolitisch-merkantilistischen
Gründen, nicht aber mit Gewalt zu schützen gesucht.

Aber auch diese schwachen Versuche des 16. Jahrhunderts
schliefen in den folgenden Zeiten noch ein; während die
Territorien den alten städtischen Betrieb der nationalen Ju—
dustrie und des Handels immer mehr vergewaltigten, wurde
das Reich stumm: so mißlangen sogar vereinzelte Versuche,
eine Munzeinheit im Reiche einzuführen, wie sie noch 1660
und 1738 angestellt worden sind.

Im Grunde blieb also das Bürgertum schließlich auf
Selbsthilfe angewiesen. Aber da ist nun wiederum bezeichnend,
daß auch diese versagte. So fanden z. B. die Hansen, als sie
Ende des 16. Jahrhunderts gegen den englischen Handel auf
deutschem Boden vorgingen, nicht die Hilfe der Oberdeutschen;
diese pflegten vielmehr in Nurnberg, Augsburg, Ulm, Straß⸗
burg, bis wohin die Engländer schon gedrungen waren, mit
diesen einen ertragreichen Sonderverkehr weiter. Es war eins
der sichersten Zeichen für den unwiderruflich eingetretenen Ruin
des mittelalterlichen Bürgertums.

In der Tat konnte man schon um 1620 sagen, daß dieses
in großen Teilen Deutschlands vernichtet war. Es war das
freilich noch nicht in den entscheidenden Gegenden der Fall,
und der Grund völligen Unterganges war auch noch nicht
unmittelbar in dem allgemeinen Gegensatz der Territorien und
großen Städte gegeben, sondern nur in einer besonderen An—
        <pb n="110" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 99
wendung desselben auf die inneren Verhältnisse gerade der
größten Territorien, Bayerns und Hsterreichs.

Die bayrischen Fursten, neben ihnen auch die Habsburger,
ind bekanntlich die eigentlichen Vertreter des katholischen
Widerstandes gegen den Protestantismus gewesen. Damit
hatte aber die territoriale Politik im Südosten zugleich einen
besonderen Zug gegen das Bürgertum angenommen. Der
Zusammenhang wurde im allgemeinen zunächst dadurch her⸗
gestellt, daß der Katholizismus der Fürsten in Bayern wie in
sterreich zugleich, ja fast der Hauptsache nach als Widerstands⸗
gefühl erschien gegen die Stände, deren Reformfreundlichkeit in
beiden Ländern feststand. Nun waren aber die großen Städte
dieser Gegenden fast ohne Ausnahme Landstädte, gehörten mit—
hin den Ständen mit an und unterlagen darum der stände⸗
feindlichen Politik der Fürsten um so mehr, als sie der
schwächere Teil der Stände waren. Die Folge war die Unter—
drückung des Bürgertums in Bayern von vornherein — gab
es doch in Bayern im 18. Jahrhundert nur 39 Städte, in
Kursachsen dagegen 200 — in Hsterreich aber im Verlaufe des
16. und 17. Jahrhunderts: welche Massen bürgerlicher Existenzen
sind dort damals vernichtet, welche Anzahl von Familien zur
Auswanderung gezwungen worden. Es waren Vorgänge von
solchen Folgen, daß sich ihre Nachwirkungen noch bis in die
Gegenwart erstrecken: wie ist von ihnen allein schon die Ge—
schichte unseres geistigen Lebens beruührt worden! Zunächst
ber bedeuieten fie das Ausscheiden des Südostens überhaupt
aus den nächsten Jahrhunderten der Entwicklung des deutschen
Bürgertums.

Indes auch jener größere Teil dieses Bürgertums außer—
halb des Südostens, der von einem besonderen Schicksale
— nicht bloß an der unglücklichen
Entwicklung der politischen Kräfte des Reiches zugrunde ge⸗
gangen. Ebenso sehr, wenn nicht mehr, haben von auswärts
ommende UÜbel zu seinem Verfalle beigetragen.

Da ist vor allem an den ungeheueren Umschwung zu er—
nnern, der in den europäischen und internationalen Handels—
        <pb n="111" />
        00

Zweiundzwanzigstes Buch.
beziehungen an erster Stelle durch die Auffindung des See—
wegs nach Ostindien, an zweiter durch die Entdeckung Amerikas
herbeigeführt wurde. Die internationalen Handelswege, die bis⸗
her vom Orient her wenigstens zum großen Teile über Italien
und Deutschland in das Abendland geführt hatten, wurden da—
durch ihrer Bedeutung beraubt; schon um 1080 bewegte sich der
nternationale Verkehr vornehmlich an den westlichen Rändern
Europas hin, und statt Italien und Deutschland wurden
Frankreich und vor allem die Niederlande und England die
Träger des Welthandels.

Litten unter diesem Wechsel zunächst die oberdeutschen
Städte, so haben doch auch die Hansen durch ihn große Ver—
luste gehabt. Indes hätten gerade sie sich unter seinem Ein—
sluß halten, ja sich gleich den Niederländern wenigstens an
der Nordsee zu neuer selbständiger Größe entwickeln können,
zätte ihnen hierzu nicht zweierlei gefehlt: die eigene kauf—
nännische Vorbereitung und die genügende politische Selb—
tändigkeit und Festigkeit gegenüber den Völkern, deren Handels—
»ormundschaft sie im Mittelalter groß gemacht hatte.

Der hansische Handel war von jeher überaus gewinnreich
zewesen, hatte aber unter der Einwirkung der mittelalterlichen
Genossenschaftsidee, der der rasche Großgewinn ein Greuel, ja
ein Unding war, nicht zugleich zur Entstehung weniger wirk—
lich großer Vermögen geführt: dem Reichtum der Fugger,
Welser oder Imhofs, überhaupt der oberdeutschen Häuser
hatten die Hansen nichts Ähnliches zur Seite zu stellen. Die
Folge davon war, daß sie, als die mächtigen Kapital⸗
anforderungen des großen ozeanischen Handels an sie heran—
traten, sich ihnen nicht gewachsen zeigten: suchten sie sich doch
sogar in dem machtvoll anschwellenden niederländischen Ver—
kehre gegenüber den neuen freiheitlichen Formen des Geschäfts—
ebens wesentlich nur durch Berufung und Versteifung auf ihre
alten Pergamene und deren Inhalt von nunmehr völlig ver—
alteten Monopolen zu helfen.

Allein auch wenn die Hansen kaufmännisch besser gerüstet
Jewesen wären, würden sie sich doch in der neuen inter⸗—
        <pb n="112" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 101
nationalen Handelslage schwerlich zu größerer Geltung haben
bringen können. Denn der Hauptsache nach wurden sie aus
dem Westen, der ihnen seiner geographischen Lage nach allein
die Teilnahme an dem neuen Weltverkehre hätte verbürgen
können, ganz unabhängig von den großen Entdeckungen durch
Niederländer und Engländer verdrängt. Durch die Nieder⸗
länder, insofern sich diese unter dem Schutze und Einflusse der
gewaltigen burgundischen Herrschaft, der sie seit dem 15. Jahr⸗
hundert angehörten, schon in dieser Zeit von den hansischen
— die Engländer
aber mit der steigenden wirtschaftlichen Größe Englands seit
dem 16. Jahrhundert.

England ist gewiß auch im 16. Jahrhundert noch weniger
reich und bevölkert gewesen als Deutschland oder gar die
Nieberlande. Aber schon seit Jahrhunderten hatte damals der
englische Staat vor den kontinenialen Staaten den Vorteil
größerer finanzieller Stärke voraus; und die Tudors, jene
gekrönten Nachkommen des schlichten Mr. Owen Tudor, die
an mit vollem Rechte „Bürgerkönige“ genannt hat, die ersten
folgerechten Handelspolitiker Europas, hatten schon im 15. Jahr—
hundert in hartem Kampfe mit den niederländischen Protektio⸗
aisten dem englischen Tuche wenigstens einen Teil des Welt⸗
marktes in Antwerpen verschafft. Dann hatte Heinrich VIII.,
einer der drei großen Magier Bacons, den Thron bestiegen,
die Handelspolitik des 15. Jahrhunderts fortgeführt und zu—
gleich eine dem Absolutismus mehr als je zueilende Staats—
einheit geschaffen. Der Ausbruch der niederländischen Wirren
hatte darauf dem aufblühenden englischen Handel freilich zu—
nächst eine Periode der inneren Auflösung und des Schwankens
gebracht. Aber der Aufstand stärkte doch auch das englische Wirt⸗
schaftsleben durch massenhafte Einwanderung niederländischer
Handwerker und Kaufleute und drängte dadurch vorwärts zu
cmer weiteren Ausdehnung eben auch des englischen Handels.
Und in diese Lage griff, nun die englische Staatsgewalt seit der
Zeit der Königin Elisabeth entscheidend ein. Damals wurde den
Zansen ein zunächst in England, dann aber auch an den Nordsee—
        <pb n="113" />
        102

Zweiundzwanzigstes Buch.
gestaden und darüber hinaus unüberwindlicher Wettbewerb ge—
schaffen, indem der nationalen Handelsgesellschaft der Merchant
Adventurers die Staatsgewalt zur Verfügung gestellt wurde.
Zum Verständnis der besonderen Bedeutung der Geschichte der
Merchant Adventurers ist zu bedenken, daß im Grunde alle natio—
nalen Wirtschaftsinteressen Englands überhaupt hinter dieser
reinen Kaufmannsgenossenschaft standen: denn ihnen fiel vor
allem der Export des Tuches, der fast einzigen internationalen
Ware des Landes, zu. Außerdem aber verfügten die Merchant
Adventurers über eine besonders straffe Organisation, eine
straffere, als die Hansebrüder sie jemals besessen haben. Unter
deren Wirkung erwarben sie zuerst in Antwerpen, dann auch
in Hamburg ein faktisches Monopol für den Verkauf der eng—
lischen Waren und erlangten schließlich auch in England gegen—
über den fremden Konkurrenten ein faktisches Monopol durch
differentielle Behandlung dieser bei der Verzollung der Einfuhr.

Und während so die Gilde der Merchant Adventurers
Deutschland und Deutsche monopolistisch auszubeuten suchte
als Siegerin über die Hanse, wurden nach ihrem Muster in
England neue Handelskompagnien begründet, 1554 die Russia
Lompany, 1579 die Eastland Company mit dem Monopol für
den Handel an den deutschen Ostseeküsten, 1581 die Turkey Co.,
1585 die Marocco Co., 1588 die Guinea Co. — und im Jahre
1600 faßten die Londoner Kaufleute den kühnen Entschluß,
mit Ostindien in direkte Verbindung zu treten.

In diesem ungestümen Vorwärtsdrängen des englischen
Handels bedeutete nun die Einnistung der Merchant Adventurers
in Hamburg einen ersten wichtigsten Erfolg: es war die Fest⸗
setzung im Herzen des noch immer stärksten Konkurrenten; der
deutsche Handel konnte von hier aus wenigstens zum Teile
aus einem Aktivhandel in einen Passivhandel verwandelt
werden; und die Möglichkeit bestand, gerade von Hamburg
her weiter tastend verschiedene Nachbarländer skandinavischen
wie slavischen Charakters zu gewinnen.

Was tat man da nun in Deutschland dagegen? Es
zeigte sich, daß kein Widerstand mehr möglich war: fast un—
        <pb n="114" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 103
gestört haben die Engländer ihre Hamburger Offensivstellung
entwickelt.

Während dieser Fortschritte des englischen Handels in der
Nordsee, die in das alte hansische Abschlußsystem eine dauernde
Bresche legten, war aber auch Lübeck und damit ein großer
Teil des deutschen Handels in den Ostseeländern ins Hinter—
treffen geraten. Lübeck war damals, an der Seite Dänemarks
n einen verlustreichen Kampf gegen Schweden zur Aufrecht⸗
erhaltung des Narwahandels verwickelt worden; und es war aus
diesem Kampfe im Stettiner Frieden (1570) zwar rechtlich erfolg⸗
reich, in Wirklichkeit aber als besiegt hervorgegangen.

Diese Überholung Hamburgs durch die Engländer und
dieser Rückgang Lübecks waren die entscheidenden Exeignisse
für den völligen Zerfall der Hanse.

Gewiß sind noch in der zweiten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts Versuche nnternommen worden, die Hanse zu er—
halten, ja sie in veränderten Formen auf die großen süd—
deutschen Städte auszudehnen. Bei einer hansischen Zusammen⸗
kunft im Jahre 1669 waren noch Lübeck, Bremen, Hamburg,
Braunschweig, Osnabrück, Köln, Rostock und Danzig vertreten.
Aber es war nur noch das letzte Todeszucken eines Verendenden.
Diese wie andere Versammlungen blieben erfolglos, die An—
—0 norddeutschen Städte kam nie
über die Stufe eines bloßen Projektes hinaus; und schließ⸗
lich erstreckte sich der hansische Bund nur noch auf Lübeck,
Bremen und Hamburg.

Inzwischen aber waren die Geldmächte in den oberdeutschen
Städlen, die ähnlich wie in Genua oder Florenz die Entwicklung
hrer Plätze wesentlich mit bestimmten, schließlich aus denselben
lürsachen zugrunde gegangen, wie die Hansen in Norddeutschland
oder in JItalien die Venetianer, die sich auch in Geldgeschäften

nicht vornehmlich betätigten: der Rückgang der regelmäßigen
zationalen Erwerbstätigkeit hatte ihr Geschäftsleben ertstet.

Der Unterschied war für Deutschland nur der, daß die Hansen
im Norden, ähnlich wie die Venetianer in Italien, langsam im
Dunkel verschwanden, während die Oberdeutschen, gleich den
        <pb n="115" />
        l04

Zweiundzwanzigstes Buch.
Florentinern und Genuesen, dank ihren engeren Beziehungen
zu dem neu befruchteten europäischen Westen, im hellsten Glanze
der allgemeinen Handelsentwicklung zugrunde gegangen sind.

In Oberdeutschland hatte eine Anzahl von Handelshäusern
schon im 15. Jahrhundert mit steigendem Reichtum die alte
Bahn des mühsamen, aber soliden Warenhandels verlassen,
dessen Mittelpunkt damals Venedig war. Sie hatten sich zu⸗
erst auf Kapitalgeschäfte und den Silberbergbau in Tirol ge—
worfen: so seit Mitte des 15. Jahrhunderts; sie nahmen aber
auch am sächsischen Silberbergbau teil und reichten mit ihrem
Einflusse noch weiter nach Thüringen, Böhmen, Ungarn. Es
war eine im einzelnen höchst lehrreiche Form primitiven Unter—
nehmertums.

Aber bald wurde ein für diese Zeit noch bedenklicherer Ab⸗
weg eingeschlagen. Angehörige großer Kaufmannsgeschlechter
nahmen wohl Hofdienste bei einem großen Herrn und liehen
ihm; eine solche Stellung hat z. B. Hans von Stetten bei
Kaiser Max J. gehabt. Lag es da nicht nahe, da ein eigent⸗
licher Staatskredit noch nicht vorhanden war, durch ständiges
Leihen an große Herren, die meist enorme Zinsen zahlten, be⸗
sonders gewinnreiche Geschäfte zu machen? Und schon das zweite
Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts brachte in diefer Hinsicht in
der Wahl Karls V., deren außerordentliche Kosten zum größten
Teil durch deutsche Häuser finanziert wurden, ein glänzendes
Geschäft; und diesem folgten bei der Geldbedürftigkeit Karls
in den Kriegen gegen Franz J. nicht minder günstige Gelegen⸗
heiten. Zwar stellte man gegenüber diesen Geschäften bald die
Maxime auf Nolite confideére in principibus: doch sah man sich
krotzdem binnen kurzem soweit hineingezogen, daß ein rettender
Ausweg nicht mehr möglich war. Und so hat denn 3. B. von
allen großen Nurnbergern Geldhäusern des 16. Jahrhunderts
eigentlich nur eins sich von den hochverzinslichen, aber gefähr⸗
lichen Anlerhen der großen Potentaten grundsätzlich fern ge—
halten: das noch heute blühende Haus der Tucher.

Allein längst ehe man recht in die neuen fürstlichen Be—
ziehungen hineingewachsen war, hatte sich dem deutschen Handel
        <pb n="116" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 105
auch aus ganz anderen Zusammenhängen her nur zu sehr die
NRötigung aufgedrängt, immer mehr zum Geldhandel über—
zugehen.

Die große Ursache, die hier wie für Italien so für Deutsch—
land, vor allem Oberdeutschland, verderblich eingriff, war der
Übergang des Weltwarenhandels von Zentraleuropa an die
europäischen Westküsten. Konnten die mitteleuropäischen Handels-
häuser dieser Bewegung ohne Schaden dauernd folgen? Es war
nur möglich für einige Waren, die besonders dauerhaft und im
Verhältnis zum Gewicht und Umfange kostbar waren, nicht aber
für den Verkehr eben der größten, der Stückgüter. Auf diesem
begrenzten Gebiete haben denn die oberdeutschen Häuser aller⸗
dings durch spanische und portugiesische Faktoreien noch energisch
ringegriffen.

Allein selbst hier zeigte sich doch schließlich, daß die neue
Konstellation alle diese nunmehr vom eigentlichen Handelsstrom
entfernten Häuser zum Geldhandel herüberdrängte: ein großer
Teil des in Deutschland angesammelten und Verwendung
suchenden Kapitals konnte nicht mehr im Warenhandel angelegt
werden; und der Verdienst auf diesem Gebiete wurde geringer,
wenn er auch bei den Imhofs, einem Geschlecht, das sehr lange
Zeit ziemlich ausschließlich Warenhandel getrieben hat, in den
Jahren 1525—36 noch immer 8/0 jährlich betragen hat.

Nun ließ sich allerdings ein Teil der brach liegenden
Kapitalien immer noch in Spanien und Portugal unterbringen:
denn weder das eine, noch das andere Land nutzte die Gunst
seiner Lage in der Weise, wie das später Holländer und Eng—
länder getan haben, zur Begründung eines höheren nationalen
Wirtschaftslebens aus: beide entnahmen vielmehr die Kapitalien
zum Betrieb ihres Handels den Handelsplätzen der voll ge—
sättigten mitteleuropäischen Völker und lieferten diesen dafür
noch Löwenanteile ihres Gewinnes aus.

Allein auch diese Absatzstelle zur Nutzung deutscher, vor allem
oberdeutscher Kapitalien genügte auf die Dauer nicht. Es blieben
noch gewaltige Restmassen übrig, und diese suchten nunmehr erst
recht die gefährliche Verwendung im Dienste der Fürsten.
        <pb n="117" />
        —

Sweiundzwanzigstes Buch.
Es ist der Zusammenhang, in dem die ersten beiden großen
mitteleuropäischen Börsen zur Höhe ihrer Entwicklung gelangt
sind, Antwerpen für Spanien und England, Lyon für Frank—
reich. Auf ihnen war die in Antwerpen seit alters her aus
der niederländischen Entwicklung abgeleitete, in Lyon durch
das franzöfische Königtum gewährleistete volle Handels- und
Verkehrsfreiheit eine Triebkraft, die alle Kapitalien und Kapita—
listen anzog: und sie wirkte damit, eine Ausnahme im 16. Jahr⸗
hundert, im Verhältnis noch stärker als die großartigen, den
Raum teilweise fast aufhebenden Verkehrsverbesserungen des
9. Jahrhunderts.

Von diesen beiden Börsen hat nun Lyon verhältnismäßig
erst spät und niemals in dem Umfange wie Antwerpen deutsche
Kapitalien aufgenommen; im Vordergrunde stand Antwerpen.
Das Besondere der Kaufmannschaft Antwerpens war es wohl
von jeher gewesen, daß sie eigentlich keinen großen Eigenhandel
hatte, wie sie auch wenig Reederei trieb. Ihre Bedeutung beruhte
oielmehr darauf, daß sich hier vermöge der völligen Freiheit
des Handels zum erstenmal jene Entwicklung vom Stapelverkehr
zum Börsenverkehr vollzog, die den Übergang vom mittel—
alterlichen zum modernen Handel kennzeichnet. Dementsprechend
erfloß der Hauptgewinn der Handeltreibenden aus Bewirtungs-
und Maklergeschäften, aus dem Bankgeschäft und einem Handel,
der sich nur dem Binnenlande zu interlokal zu einem Groß—
hJandel entfaltete. Vor allem aber war die Stadt der erste
große Platz in Europa, auf dem die Vertreter aller Kapital—
mächte zusammenströmten, um Geldgeschäfte zu machen, unter
ihnen an erster Stelle die reichsten Angehörigen der absterbenden
kapitalreichen Handelsvölker, der Italiener und der Ober—
deutschen. Von ihnen verlegten viele geradezu ihr Haupt—
geschäft hierher; andere hatten hier wenigstens Vertreter. Um
welche Kapitalien es sich dabei handelte, soweit die Deutschen
in Betracht kamen, ergibt sich z. B. aus den Angaben eines
venetianischen Botschafters, der 1548 den Reichtum der Fugger
auf 4 Millionen Gulden, den der Welser und Paumgartner
auf 223 Millionen veranschlagte. Und wie neuere Forschungen
        <pb n="118" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 107
ergeben haben, blieb er dabei für die Fugger noch immer
um eine Million hinter der Wirklichkeit zurück; die Welser
und Paumgartner dagegen sind wohl von ihm überschätzt
worden. Das Schicksal dieser großen Geldkapitalien des
16. Jahrhunderts klärte sich nun um etwa 1530 durch
italienische Vorgänge. Der Sieg des Hauses Hsterreich in
Italien trieb damals das Florentiner Kapital, das immer schon
große Neigung in dieser Richtung gehabt hatte, völlig in das
französische Lager, während das Genueser Kapital sich auf die
kaiserliche und spanische Seite stellte. Dementsprechend wurden
die Florentiner Bankiers binnen kurzem in Neapel und Rom
von den Genuesen, in Antwerpen durch die Genuesen und die
Oberdeutschen, in London durch englische Kaufleute verdrängt.
Hiermit hängt es zusammen, wenn eine englische Denkschrift
vom Jahre 1564 berichten konnte: „Es ist noch nicht viel
länger denn dreißig Jahre her, daß es in Antwerpen nicht
mehr als zwei oder drei Kaufleute gab, die Geld auf Zinsen
ausliehen, und diese konnten aus ihren eigenen Mitteln kaum
20000 L. fl. oder 80000 Taler hergeben; jetzt dagegen gibt
es dort 30 oder 40 große Kaufleute, die 300 000 L. ohne Be—
lästigung für ihr sonstiges Geschäft verleihen können.“ Und
all diese für die damalige Zeit überaus großen Kapitalien
stellten sich nun je länger je mehr dem kriegerischen Ehrgeize
der großen Fürsten, vor allem der spanischen und englischen,
zur Verfügung — während sich inzwischen Lyon, namentlich
imter dem Einfluß der Florentiner, zu einer Börse besonders
des Königs von Frankreich entwickelt hatte.

Es waren Zusammenhänge, die etwa seit 1642 den Höhe—
vunkt ruhiger und kräftiger Entfaltung erreichten. Denn jetzt
folgte ein Jahrzehnt (bis 1551/52 etwa), in dem Lyon und
Antwerpen alle größeren Geldgeschäfte, die etwa noch in Augs—
burg, Genua oder Florenz gemacht wurden, an sich zogen: so
daß die beiden Städte nunmehr ganz und gar als Zentren des
großen internationalen Geldverkehrs, als eigentliche Kapial—
märkte Europas erschienen.

Zugleich aber war der große Geldverkehr damit ganz fis—
        <pb n="119" />
        —F

Zweiundzwanzigstes Buch.
kalisch, und zwar ausschließlich fürstlich geworden. Denn fast
nur die Fürsten kontrahierten schwebende Anleihen; die Städte
und andere öffentliche Gewalten taten es nur in äußerster Not,
während sie sonst, und so namentlich die Städte, bei der her⸗
kömmlichen soliden Ausgabe von Rentenbriefen blieben: so hat
z. B. Nürnberg nur einmal im Markgrafenkriege, als rasch
ungewöhnliche Geldmittel flüssig gemacht werden mußten, eine
schwebende Anleihe aufgenommen.

Innerhalb des fiskalischen Geldverkehrs aber ergab sich
bald eine für Oberdeutsche und Genuesen, im weiteren Sinne
aber überhaupt für Deutsche und Italiener verhängnisvolle
Entwicklung. Während nämlich die deutschen Fürsten auf den
internationalen Geldmärkten wenig Anleihen aufnahmen, da
sie nicht den entsprechenden Kredit genossen, und während damit
Deutschland auf diesen Märkten ebensowenig in Betracht kam
als Italien, versuchten Frankreich und England, ihr Finanz⸗
wesen immer mehr zu nationalisieren. Für das deutsche und
auch das italienische Kapital blieben daher, wenn auch nament⸗
lich an Frankreich noch lange geliehen wurde, je länger, je
mehr doch nur Portugal und vor allem Spanien große Kunden,
denn dort gab es nur wenige Kapitalisten, die der Regierung
des Landes mit größeren Anleihen dienen konnten und wollten.

Nun stellte es sich aber bald heraus, daß insbesondere
Spanien der unsolideste und kreditunwürdigste aller Staaten
war: nicht weniger als sechsmal während des Verlaufes noch
nicht eines vollen Jahrhunderts, 1557, 1575, 1596, 1607,
1627, 1647, hat es Staatsbankrotte erlebt und Zwangs—
konsolidationen durchgeführt.

Bedarf es da noch einer genaueren Schilderung der Rück—
wirkung dieser Vorgänge auf den deutschen Nationalreichtum?
An Spanien, in zweiter Linie auch an Frankreich hat die
Nation den größten Teil der Summen verloren, die sie die
blühenden Zeiten ihrer Volkswirtschaft im 14. und 15. Jahr—
hundert hatten ersparen lassen.

Die erste Periode dieser Verluste wurde eigentlich schon
mit dem Jahre 1552 eingeleitet: damals begann jener erste
        <pb n="120" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 109
große Kredittaumel, aus dem nach fünf Jahren die Finanz-
krise hervorging, die Frankreich, Spanien und Portugal zum
Staatsbankrott und die niederländischen Rentmeister zur
Zahlungseinstellung veranlaßte. In Deutschland insbesondere
verursachte diese Krise eine ganze Reihe von Fallimenten vor⸗
nehmlich in den Jahren 1661-64; die Passiva betrugen etwa
228 Millionen Gulden. Welche Summen im ganzen schon
damals verloren wurden, ergibt sich daraus, daß man die Ver—
luste allein in den großen Staatsbankrotten auf 200 Millionen
Mark heutiger Währung, wenn nicht mehr, geschätzt hat. Die
Edelmetallproduktion der ganzen Welt aber während der Jahre
1521 1560 ist nur auf ca. 115 Millionen Mark veranschlagt
worden. Dabei übertrugen sich die Verluste der großen Geld—
häuser zum großen Teile auch auf das weitere Publikum. Denn
wer hatte sich schließlich nicht an diesen fürstlichen Anleihen
auf irgendeine Weise, mittelbar oder unmittelbar, beteiligt?
Es handelte sich schon früh keineswegs bloß um die großen
Bankhäuser mehr; die anfangs enormen Gewinne hatten auch
die minder bedeutenden Häuser zur Nachfolge gereizt, und am
Ende hatte auch die große Masse der kleinen Kapitalisten des—
selben Weges zu traben begonnen.

Und wenn man nun aus dieser ersten furchtbaren Krisis
noch ernstlich und genügend gelernt hätte! Ja wenn es über⸗
haupt möglich gewesen wäre, jetzt den einmal eingeschlagenen
Weg rasch zu verlassen! Das Jahr 15785 brachte einen neuen
spanischen Staatsbankrott mit furchtbaren Wirkungen. Zu
den nächsten Folgen gehörten u. a. auch die Meutereien der
spanischen Soldaten wegen rückständiger Soldzahlungen, die
zu der Plünderung Antwerpens führten und damit zur Auf⸗
lösung des Antwerpener Handels und Geldmarkts.

Dem nun bereits zweimal bankrotten Spanien aber kamen
jetzt die Italiener im Jahre 1577 mit jener überaus voll⸗
kommenen Organisation des internationalen Geld⸗ und Kredit⸗
verkehrs zu Hilfe, die in den Genueser Wechselmessen ent⸗
wickelt wurde. Die Geschäfte wurden hier durchweg von
Italienern betrieben, vor allem von Genuesen; daneben finden
        <pb n="121" />
        10

Zweiundzwanzigstes Buch.
sich noch einige Mailänder und Toskaner, später auch Venetianer
in wechselnder Zahl beteiligt. Bedeutete das für die Deutschen
an sich schon eine Abdrängung selbst von dem spanischen Geld⸗
handel, so haben sie doch trotzdem immer wieder an diesem teil—
genommen, wenn auch unter steigenden Verlusten. Schon die
Jahre 15711574 haben eine weitere Reihe bedeutender Bank—
—DD
Handlungen beschaffen sind, bedeuten für uns 100000 Kronen
soviel wie vor Jahren eine Million.“ Allein damit stand die
'allende Entwicklung noch nicht still. In den ersten zwei Jahr⸗
zehnten des 17. Jahrhunderts häuften sich vielmehr die Bank—
rotte derart, daß nur noch wenige Häuser von Bedeutung übrig
blieben. Vor allem Augsburg und Nürnberg litten jetzt und
haben sich von diesen Schlägen auf lange nicht mehr erholt.
Mußten doch selbst Häuser wie das der Welser liquidieren.

Mit der Nationalisierung des französischen Finanzwesens
durch Colbert ist dann endlich das letzte Feld verloren ge—
gangen, das dem internationalen Geldhandel der Deutschen
noch verblieben war. Es war zur selben Zeit, da in Spanien
die traurigen Überreste des Fuggerschen Geldhandels zu Grabe
gingen.

Gesamtergebnis dieser traurigen Entwicklung war schließ—
lich, daß von dem deutschen Großkapital so gut fast wie nichts
mehr übrig geblieben war. Um welche Verluste es sich dabei
selbst für weniger bedeutende Firmen schon gehandelt hat, zeigt
z. B. das erhaltene Handlungsbuch der Neidhardtschen Erben.
Danach hatte diese Firma 1564 Forderungen an den französischen
Hof von ca. 630 000 Livres, an den König von Portugal von
ca. 120000 fl., dazu große Forderungen an den Kardinal von
Lothringen und den Herzog von Guise, an den Infanten
Don Carlos und den Herzog von Florenz: das ganze Ver—
mögen der Firma, das sich Ende 1570 auf fast s Million fl.
bezifferte, bestand fast nur in schließlich uneinbringlichen Aus—
ständen.

Was aber von großen kaufmännischen Kapitalien trotzdem
in einzelnen Resten noch erhalten war, ist bald darauf im
        <pb n="122" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 111
Dreißigjährigen Kriege zugrunde gegangen oder hat eine andere
Anlage, sei es in Immobilien, sei es im militärischen Sold—
geschäfte gesucht.

Der Dreißigjährige Krieg zerstörte dann aber auch noch
einen großen Teil des übriggebliebenen größeren soliden Waren—
handels. Auf diesem Gebiete war, absolut betrachtet, immer⸗
hin noch ein gewisser Aufschwung im 16. Jahrhundert ein—
zetreten; namentlich die Technik des Handels, insofern sie auf
Besuche möglichst vieler Messen und Märkte hinauslief, war
unter der zunehmenden Sicherheit des Landes stärker entwickelt
worden. Und daneben lassen sich andere Fortschritte wahr⸗
nehmen: die Einführung ordentlicher Lernzeit für die Handels—
beflissenen, das Auftreten der doppelten Buchführung „nach
wälscher Manier“ u. dgl. m.

Nunmehr, im Verlaufe des Dreißigjährigen Krieges brach
aber auch diese Entwicklung bis auf spärliche Reste ab; und was
übrig blieb, war so schwach, daß z. B. in dem handel- und auch
schon gewerbreichen Sachsen die Notwendigkeit eintrat, 1670
die Besteuerung der inländischen Kaufmannsware aufzuheben,
damit der Kleinhandel erhalten bleibe; erst 1682 wurde die
Verakzisierung der inländischen Kaufmannsware wiederum ein⸗—
geführt.

Zieht man aus alledem die Summe, so ergibt sich: der
Aufschwung des großen kapitalistischen Handels des 15. und
16. Jahrhunderts war seit spätestens Mitte des 17. Jahr-—
hunderts in der deutschen Geschichte so gut wie ausgelöscht;
die Blüte des mittelalterlichen Burgertums, des Trägers der
großen ästhetischen und intellektuellen Kultur des 15. und
16. Zahrhunderts, war zerfallen.

2. Nicht minder aber war inzwischen auch die Industrie
zurückgegangen: und mit ihr waren neben den oberen auch
die mittleren Schichten des alten Bürgertums von schwerer
Heimsuchung betroffen worden.

Genaueres s. schon Bd. VI, 355 ff.
        <pb n="123" />
        112

Zweiundzwanzigstes Buch.
Die mittelalterliche Industrie war Zunftindustrie gewesen;
sie hatte für ein begrenztes Gebiet, den Bereich der Stadt und
ihren wirtschaftlichen Einflußkreis ringgsum, gearbeitet. Dem—
entsprechend war sie, in Übereinstimmung mit der inneren ur—
sprünglich kommunistischen Organisationsidee, auf begrenzten
Absatz hingewiesen gewesen; zum Ideal ihrer Tätigkeit war
daher nicht möglichst starke, sondern möglichst edle Erzeugung
geworden: die Qualität, nicht die Quantität kam in Betracht:
und das Ergebnis war jene hohe Blüte des Kunstgewerbes seit
dem 14. und 15. Jahrhundert, die in ihrem weiteren Verlaufe
noch hinein bis ins 16. und 17. Jahrhundert gewährt hat.

Dem Systeme dieser Industrie mußte nun im Grunde ein
gering entwickelter wirtschaftlicher Verkehr entsprechen; denn
jede stärkere Durchbildung des Transportwesens und jeder
lebhaftere Handel führt mit Rücksicht auf den weiten Ver—
trieb und das durch ihn vergrößerte Absatzgebiet zu einer in—
dustriellen Erzeugung von Waren, für welche die Quantität und
somit die Gleichwertigkeit des einzelnen Produktes mit anderen
den Ausschlag gibt.

Konnte sich demgemäß das ursprüngliche System der
industriellen Erzeugung noch halten, als im 14. und 15. Jahr⸗
hundert der Handel immer mehr zunahm? Langsam begann an
seine Stelle ein anderes System zu treten, das der Manufaktur.

Das Wort Manufaktur besagt seinem Wortsinne nach
nichts anderes als Handwerk. Indes hat man sich daran ge—
wöhnt, unter ihm etwas anderes zu verstehen; genau so wie
für uns Bourgeoisie etwas anderes bedeutet als Bürgertum,
obwohl der reine Wortsinn beider Ausdrücke der gleiche ist.
Als Manufaktur bezeichnet man diejenigen mit der Hand (oder
anter wesentlicher Mithilfe der Hand) hergestellten gewerb⸗
lichen Erzeugnisse, die nicht nach dem jeweiligen Geschmack
eines einzelnen Kunden gearbeitet sind, sondern, in gleich—
mäßiger Wiederholung erzeugt, den Markt suchen.

Bei einer solchen gleichmäßigen Erzeugung, wie sie nun
mit steigendem Verkehr stärker eintrat, ergab sich dann leicht
auch eine andere Arbeitsteilung, als es die ursprüngliche war.
        <pb n="124" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 118
Die ursprüngliche industrielle Arbeitsteilung war eigentlich mehr
eine Arbeitszerteilung gewesen: entsprechend den qualitativ ver⸗
schiedenen Bedürfnissen der Kunden hatte man die einzelnen
Berufe als ganzes längsgespalten, z. B. aus Schuhmachern
Korduanschuster, Maroquinschuster, Schuster in gewöhnlichem
Leder usw. entwickelt. Demgegenüber drängte sich jetzt aus
quantitativen Bedürfnissen her vielmehr eine Querspaltung
auf: im Prozeß der Schuhbereitung hatte sich z. B. eine be⸗
sondere Leistenfabrikation, Sohlen⸗- und Absatzfabrikation, end⸗
lich eine Tätigkeit des Zuschneidens der anderen und des
Zusammennähens aller Stücke zu entwickeln. Dem entsprach
es, daß in der Manufaktur immer eine nicht zu kleine Anzahl
von Manufakturarbeitern unter die Direktion eines kapital⸗
reicheren Führers treten mußte, der dann seinerseits, wie er
die Arbeiter mit Rohmaterial versah, so den Vertrieb der Er—
zeugnisse auf dem Wege des Handels in Händen hatte.
Innerhalb der so arbeitsteilig gestalteten Manufaktur aber
konnte man dann bald wieder zwei verschiedene Systeme unter⸗
scheiden: das der Hausindustrie und das der Fabrik. Ihre
allgemeinen nationalökonomischen Voraussetzungen waren die—
selben: nämlich daß eine weite Absatzmöglichkeit für Produkte
gleicher Art gegeben und daß Kapital genug vorhanden sei,
um die zur Ausnutzung dieser Absatzmöglichkeit notwendigen
Vorkehrungen zu treffen. Aber innerhalb dieser allgemeinen
Voraussetzungen bezeichnet die Hausindustrie jenen Zustand,
in dem es den kapitalistischen Führern noch nicht gelang, die
Arbeitskräfte, deren sie zur Herstellung von Massenprodukten
bedurften, an eine Stelle zu konzentrieren; die Fabrik dagegen
ist der Ausdruck einer industriellen Arbeitsweise, in der dies
möglich zu werden begann. Insofern war die Fabrik die ent—
wicklungsgeschichtlich jüngere Wirtschaftsform. Und sie war es
auch insofern, als sie die Verwendung größeren Kapitals er—
fordert: namentlich mußte jetzt ein Fabrikhaus gebaut werden.
Indes hat es an besonders kapitalreichen Orten, wie in Genua
und Venedig, doch schon im Mittelalter Fabriken gegeben. Ein
wirtschaftsgeschichtlich sekundäres Moment war es an sich, wenn
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 2
        <pb n="125" />
        114

Zweiundzwanzigstes Buch.
sich mit der Konzentration der Arbeiter in ein Haus, die zu—
nächst genauere und besser beaufsichtigte Erzeugung ermöglichte,
auch die Beschaffung einer allen Arbeitern zur Verfügung
stehenden Arbeitskraft eines Motors verband, mochte dieser
nun auf die Verwendung einer Wasser- oder Luftkraft oöder
einer Dampfkraft zurückgehen. Insbesondere ist die Fabrik als
sogenannte Dampffabrik entwicklungsgeschichtlich von anderen
Formen der Fabrik zunächst nicht geschieden; sie bedeutet
grundsätzlich nur die quantitativ überaus erweiterte Anwendung
einer schon gegebenen Betriebsform.

Von den verschiedenen Arten der Manufaktur hatten sich
nun in dem Deutschland des 14. und 15. Jahrhunderts bereits
die ursprünglichsten Formen eingefunden. Sie gehörten im
wesentlichen den Webeindustrien an; daneben kamen vielleicht
schon Anfänge der Kleineisenmanufaktur in Betracht.

Im ganzen entfalteten sich diese ältesten Formen in jener
Zeit und zumeist auch noch im 16. Jahrhundert aus der
industriellen Betriebsform des eigentlichen Mittelalters, der
Zunft. Dabei war eine große Anzahl verschiedener Entwicklungs⸗
möglichkeiten denkbar; die gewöhnlichsten Wege aber waren
etwa die folgenden:

Innerhalb einer Zunft, deren Mitglieder ursprünglich
gleichberechtigte und wirtschaftlich auch so viel wie möglich
gleichgestellte Meister waren, sanken zunächst einzelne Meister
in ihrem Vermögen tiefer, während andere reicher wurden.
Dann konnten die ärmeren Meister von den reicheren Arbeit
nehmen, während die reicheren sich vornehmlich darauf legten,
diese Arbeit, wie vielleicht auch noch die eigene, anfangs mehr
auf näher gelegenen Märkten, später auch in weitere Fernen
zu vertreiben. Unter diesen Umständen zerfiel dann die Zunft
langsam in ärmere Lohnarbeiter, sogenannte Hausindustrielle,
und reichere Unternehmer, konnte aber trotzdem als Ganzes
fortwähren.

In einem zweiten Falle zog sich dagegen die Zunft bei
fortgeschrittener Arbeitsteilung zur Herstellung der ihr nötigen
Halbfabrikate, wie sonstigen Vor- oder Nebenarbeiten haus—
        <pb n="126" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 115
industrielle Arbeiter groß, so namentlich auch Frauen. Bei—
spiele bieten die Woll- und Baumwollweberei, die Hosenstrickerei,
die Hutmacherei, die Klingen- und Messerschmiede u. a.m. Bei
einer solchen Entwicklung wurde die fertigstellende Zunft eine
Verlagszunft über hausindustriellen Arbeitern. So wurde z. B.
die Klingenschmiederei in Solingen im 15. Jahrhundert von drei
Zünften betrieben: den Schwertschmieden, den Härtern und
Schleifern und den Schwertfegern und Reidern; und von
ihnen wurden die Schwertfeger und Reider auf lange Zeit
fast die alleinige Verlagszunft.

Eine dritte Möglichkeit der Entwicklung endlich ergab sich,
wenn die Handwerker, die nach außen exportierten, es ver⸗
schmähten oder verlernten, unmittelbar von sich aus abzusetzen.
In diesem Falle traten vermittelnde Kaufleute an ihre Stelle,
die unter Umständen auch in genossenschaftlichem zunftgemäß
entwickeltem Zusammenhange leben konnten.

All diese Formen kamen nun in Deutschland schon im
15. Jahrhundert vor; doch waren die beiden letzten immerhin
mehr der Entwicklung des 16. Jahrhunderts eigen und be—
deuteten insofern einen gewissen Fortschritt.

Jedenfalls aber gab es im Verlaufe der Zeit immer mehr
Gewerbe, die dem Manufakturbetriebe anheimfielen. Und es
waren zum Teil Gewerbe von der größten Wichtigkeit. Vor
allem gehörten dahin die Industrien der Gewebe. Hier hatten
auf dem Gebiete der Wollenindustrie die Gewandschneider teil—
weise schon im hohen Mittelalter den Charakter der Verleger
angenommen; später wurde dann die ganze Wollenindustrie
oon Manufakturelementen durchsetzt, und neben sie trat als
eine immer wichtigere Manufaktur die der Leinwand. Was
der Übergang gerade dieser Industrien zur Manufaktur be—⸗
sagte, erhellt erst dann völlig, wenn man sich erinnert, daß
vor dem modernen Zeitalter des Eisens und der Steinkohle
die feinere Gewebeindustrie überhaupt den Höhepunkt der
gewerblichen Entwicklung darstellte.

Daneben ging aber auch eine ganze Anzahl anderer
Industrien in Anfängen schon im 14. Jahrhundert, stärker
        <pb n="127" />
        16

Zweiundzwanzigstes Buch.
im 15. Jahrhundert zur Manufaktur über; so vor allem in
den Hansestädten mit ihren verhältnismäßig leicht zu er—
obernden und zu bewältigenden großen Ausfuhrgebieten die
Böttcherei, die Paternostermacherei, die Kannengießerei, die
Goldschmiederei, die Seilerei, sogar die Schneiderei und Schuh—
macherei; und in den oberdeutschen Städten, z. B. in Ulm,
Augsburg und St. Gallen, manche verwandte Gewerbe.

Gleichzeitig aber begann sich jetzt eine andere Art der
Manufaktur stärker zu entwickeln, die in den ersten Anfängen
auch schon bis in frühe Zeiten zurückreicht: eine Manufaktur,
die unabhängig von der herkömmlichen gewerblichen Betriebs—
form der Zunft emporwuchs. Sie lief darauf hinaus, daß
bürgerliche Kapitalisten in freier Form, unabhängig von der
Zunftorganisation, Arbeitskräfte für gewisse von ihnen be—
absichtigte Manufakturen anwarben: und so führte sie zu den
Ursprüngen zugleich des heutigen vierten Standes.

In die Reihen der Unternehmer dieser Manufaktur ge—
hören in den frühesten Zeiten die Papierer — so in Nürnberg
Ulman Stromer, schon gegen Ende 14. Jahrhunderts — und
die Buchdrucker und, Buchverleger: überhaupt Vertreter von
Gewerben, die unter Anwendung eines für die Zeit sehr
hedeutenden maschinellen Werkzeuges betrieben wurden. Im
16. Jahrhundert wuchs dann die Neigung zur Entwicklung solcher
freieren Manufakturen beträchtlich; und in manchen Städten
namentlich der westlichen und südlichen Grenzlande wurde sie
unter dem Einflusse italienischer und französischer Religions—
flüchtlinge besonders gefördert, da diese das neue System von
ihrer Heimat her kannten und vielfach mit dem nötigen Kapitale,
es auf deutschem Boden einzuführen, versehen waren.

Die Folge war, daß eine ganze Anzahl bisher mehr
zünftiger Hausindustrien allmählich der Einwirkung dieser
Betriebsform verfiel. In welcher Art, das zeigt sich vielleicht
am schlagendsten bei der Seidenindustrie, die von jeher ver—
möge des hohen Wertes ihres Rohstoffes, der feinen Technik,
des geringen Gewichtes ihrer Erzeugnisse und des aristokratischen
Charakters ihrer Abnehmer eine Ausfuhrindustrie ersten Ranges
        <pb n="128" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 117
gewesen war; und mit der sich sehr leicht gewisse andere In—
dustrien, z. B. die Strumpfindustrie, die Gazeweberei, die Gold⸗
fädenfabrikation, verbanden.

Diese Industrie trat nun in Deutschland verhältnismäßig
erst spät auf: in Köln und Brügge im 15. Jahrhundert, im
16. Jahrhundert in Antwerpen, wohin sie von Köln und
Brügge aus gelangte, ferner auf nordniederländischem Ge—
biete, wohin sie wiederum Antwerpener Refugianten trugen,
in Amsterdam und Haarlem und Utrecht; von Holland kam
sie dann auch nach Straßburg. Ein zweites Verbreitungs⸗
gebiet neben dem niederrheinischen und niederländischen bildete
dann die Schweiz: hier wurde die Seidenindustrie in Basel
und Zürich durch niederländische, italienische und französische
Refugianten begründet. Und da sieht man denn deutlich,
namentlich unter Erweiterung des Blickfeldes auf die frühere
italienische und französische Entwicklung, wie in dieser Industrie
zuerst Weber und Verleger in einer Zunft stehen und wie sie
dann als Glieder zweier übereinander stehender Zünfte er⸗
scheinen: bis die freie kaufmännische Verlegerschaft neben und
üͤber einer Anzahl freier Meister und Gesellen auftritt, die sich
dann für sich wiederum zünftig organisieren.

Indem sich nun diese Entwicklung vollzog und damit die
in der Industrie ihr Brot suchenden Menschenkräfte frei und
vielfach ohne die Fesseln der Zunft Verwendung' fanden,
brauchte die Industrie nicht mehr nur an die Städte, die
klassischen Standorte der Zünfte, gebunden zu bleiben; es war
möglich, daß sie ihre Arbeitskräfte auch auf dem platten Lande
suchte: und so wanderte sie tatsächlich vielfach hinaus aufs
Land. So sieht man in Süddeutschland und sonst die Lein⸗
wand⸗- und Barchentwebereien das platte Land aufsuchen; die
große Barchentmanufaktur der Fugger z. B. lag in Weißen⸗
horn. Und neben sie traten jetzt auf dem platten Lande
Hammerwerke, Drahtziehereien, Papiermühlen u. dgl.; ja die
industriellen Unternehmungen der Nürnberger und Augsburger
Kaufleute verbreiteten sich allmählich fast über alle wirtlicheren
Mittelgebirge des südlichen und mittleren Deutschlands.
        <pb n="129" />
        118

Zweiundzwanzigstes Buch.

Im oberrheinischen Lande insonderheit, wo sich, vor—
nehmlich wiederum auf schweizerischem Gebiete, die Entwicklung
vielleicht am ungestörtesten vollzog, traten zu den Papierer—
und Druckerknechten schon spätestens um die Mitte des
—
zösische und italienische Refugianten, einheimische bäuerliche
Kräfte, Gesellen aus den Städten, welche aufs Land zogen
und dort heirateten und sich selbständig machten; und später
hört man geradezu von einer „freien uneingeschränkten löb⸗
lichen Manufaktur“ sowohl des platten Landes wie der Stadt,
die teilweise von „Weibspersonen und Maidlin ab dem Lande“
hetrieben wird.

Am frühesten zog dabei anscheinend das Stricken auf das
Land; schon Ende des 16. Jahrhunderts klagen in diesem
Gewerbe die Zünfte der Städte Basel, Straßburg, Freiburg,
Breisach über unleidlichen Wettbewerb. Dann folgte im
17. Jahrhundert die Bandweberei, die Passementmacherei,
überhaupt die Textilindustrie, die Färberei, die Strumpf⸗
fabrikation, vor allem seit Aufkommen der seidenen Strümpfe
(ca. 1680), die Herstellung lederner Handschuhe, die Tabak—
industrie und die Knopfmacherei. Es waren Industrien, die
jetzt in gleich freier Weise in Stadt und Land getrieben
wurden, und die im kleinen auf sozialem Gebiete schon die
heutigen Verhältnisse des vierten Standes hervorriefen!.

Wir haben den Entwicklungsprozeß der Manufaktur bis
zu einer Stufe verfolgt, die schon völlig modern anmutet;
in dieser Höhe ist er im engeren Deutschland selbst im Laufe
des 17. Jahrhunderts erst an wenigen, besonders begünstigten
Stellen, z. B. in Kursachsen, eingetreten. Kehren wir aber
ins 16. Zahrhundert zurück, so konnte doch darüber kaum ein

So klagen z. B. schon im Jahre 1687 hausindustrielle Meister
um Basel gelegentlich einer Geschäftsstockung: „Während die Kaufherren
selbst die Ursache sind, daß unser so viele sind, so geben fie uns doch viel
zu wenig Arbeit und noch schlechteren Lohn. Früher haben wir ihnen
kaum genug arbeiten können, jetzt aber sehen sie uns über die Achsel an,
lassen uns am Hungertuche nagen und müßig gehen.“
        <pb n="130" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 119
Zweifel sein, daß unter Hinblick auf den kräftig fortschreitenden
Verkehr noch der ersten Dezennien dieses Jahrhunderts bei
sich gleichbleibender Entwicklung das Aufblühen der Manufaktur
für alle haltbaren und leicht transportabeln Massenartikel und
auch für alle Luxusartikel bei bequemer Verfrachtung zu erwarten
var. Es wäre ein Vorgang gewesen, der zugleich zu einer
außerordentlichen Revolution im zünftigen Gewerbe und im
Verfolg dieser Revolution zu ganz neuen Betriebsformen und
sozialen Bildungen für die nicht manufakturfähige Industrie
geführt haben würde.

Aber diese Entwicklung trat nicht ein, wenn auch die Manu⸗
faktur hie und da noch die Zünfte verdrängte: so vergingen
z. B. in Nürnberg die Blechschmiede noch in der ersten Hälfte
des 16. Jahrhunderts. Die Manufsaktur hielt sich vielmehr
—DVD vielen zusammen und
machte an den meisten mindestens keinerlei Fortschritte. Und
das alte Zunftwesen wurde infolgedessen nicht zerstört, sondern
ah sich reichliche Zeit gegeben, um pöllig zu verknöchern.
Woher nun diese unerwartete Wendung?

Man darf da zunächst nicht verkennen, daß die im
—
anschauung von mittelalterlicher Auffassung her noch ganz
folgerichtig den hausindustriellen, den Manufaktur⸗ und den
Fabrikunternehmer — und eben die Form des Unternehmens
war das eigentlich Neue an der Entwicklung — verabscheute:
Verkauf aus zweiter oder weiterer Hand war ihr „böser Ver—
kauf“; der Satz „Pfennig ist Pfennigs Bruder“ galt ihr als
ein Greuel; und die Reformation Kaiser Friedrichs III. aus
den ersten zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts verlangte
noch für alle die Handwerker, „die gemeine und gemengte
— E
eine besondere Ordnung, in der ihr Verhältnis zu diesen Ver⸗
legern geregelt werden sollte, mit der Motivierung: „wann
in diesen kleinen pfenwerten mag viel eignes nutz gesucht
werden“. Ja von diesen Anschauungen hat sich gewiß noch
sehr viel tief ins 16. Jahrhundert hinein und darüber hinaus
        <pb n="131" />
        20

Zweiundzwanzigstes Buch.
ezrhalten; erst das ausgehende 18. Jahrhundert ist an die
oorurteilsfreie wissenschaftliche Untersuchung des wirtschaftlichen
Begriffes des Unternehmens herangetreten, und erst das
19. Jahrhundert hat diese Untersuchung zu einem gewissen
Abschluß gebracht. Indes diese Anschauung allein würde doch
die Entwicklung der Manufaktur nicht aufgehalten haben; wäre
die Manufaktur aus anderen Gründen glücklich emporgeblüht,
so würden sich auch andere Ansichten durchgesetzt haben, wie
denn die ältere Anschauung nicht Ursache, sondern Wirkung
war der kommunistischen Lebensziele der Zünfte.

Vielmehr standen der Entwicklung der Manufaktur weit
greifbarere und mehr reale Mächte entgegen: dieselben Mächte,
die wir als Zerstörer des nationalen Handels kennen gelernt
haben: die unglückliche Entwicklung der inneren politischen
Lage und der Verlust des auswärtigen, insbesondere des Welt—
verkehrs. Der Weltverkehr hörte, indem er sich von Mittel⸗
europa abwandte, auf, den nationalen Handel zu befruchten;
und mit dessen Verfall und den ungeheueren Kapitalverlusten,
die ihn begleiteten, schwanden die wirtschaftlichen Voraus—
setzungen dahin, die für das Erblühen eines Wirtschaftslebens
der Manufaktur unerläßlich waren. Und sie schwanden um so
mehr, als der Zerfall des Reiches in eine Unsumme kleiner
Territorien den freien Export unterband oder wenigstens zu
unterbinden drohte, auf den die Manufakturen angewiesen
waren, und eine Hilfe hiergegen beim Reiche nicht zu erwarten
stand.

Und was sollte etwa der höhere Gewerbestand gegen die
Drohnisse dieser traurigen, scheinbar unabwendbaren Lage tun?
Es blieb ihm zunächst kaum etwas übrig, als sich an die alte, im
Verhältnis zum Fortschritt anderer Nationen veraltete Gewerbe⸗
berfassung der Zunft anzuklammern und von deren weiterer
Entwicklung sein Heil. zu erwarten; nur an verhältnismäßig
wenigen Stellen, da, wo die Folgen der Verlegung des Welt—
handels nicht eintraten, ist ein anderer Weg versucht worden.
Es war von vornherein ein verzweifelter Entschluß. Aber man
hat ihn durchgeführt.
        <pb n="132" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 121]
Nun war allerdings auch das Zunftwesen seinerseits von
dem Aufschwunge des Handels im 15. Jahrhundert und dem
unendlich erweiterten Horizonte der neuen Verkehrsbeziehungen
im 16. nicht unberührt geblieben. Es hatte, ganz gegen den
Geist seiner ursprünglichen Zeiten, soviel wie möglich seinen
lokalen Charakter zugunsten einer, wenn auch nicht nationalen,
so doch regionalen Prägung abzustreifen versucht.

Die ersten Versuche auf diesem Gebiete waren aber
bezeichnenderweise nicht von den Meistern, dem seßhaften Teil
der Zunft also, ausgegangen, sondern von den fluktuierenden,
von Stadt zu Stadt forttreibenden Elementen der Zunft—
berfassung, von den Gesellen“!. Diese hatten schon im 15. Jahr⸗
hundert große interurbane Verbände gebildet. Zunächst in
Süddeutschland waren sie entstanden, dann hatten sie sich über
den ganzen deutschen Boden verbreitet: äußerst zäh und lebendig
waren sie entwickelt worden in der Ausbildung einer Fülle von
Bräuchen, die Gemüt und Phantasie beschäftigten, und in
einer straffen Erziehung zu handwerklich-gesellenhafter Ehrlich—
keit: um 1500 konnte ihre Organisation als vollendet gelten.
Dabei war die Tendenz ihrer Wirkung nach außen unverkenn⸗
bar; Arbeitsbedingungen und Arbeitsrecht wollten sie gegenüber
den Meistern durchbilden und beherrschen. Und auch dieses
Ziel wurde im Verlaufe des 16. Jahrhunderts in genügender
Weise erreicht, und ein zumeist nicht unbefriedigendes Ver—
hältnis zu Meistern und Zünften war die Folge.

Inzwischen aber war es, an einzelnen Stellen schon sehr
früh, im ganzen aber doch erst seit dem 16. Jahrhundert,
auch zu einer interlokalen Verbindung der Meister und der
Zunfte, insofern diese durch die Meister vorgestellt wurden,
gekommen. Es war in der Tat eine sehr notwendige Fort—⸗
bildung des alten Zunftwesens: der Verkehr, die Arbeits⸗
teilung, der Handel wiesen jetzt über den engen Rahmen der
Stadtwirtschaft hinaus auf die gemeinsamen Interessen ganzer
Verkehrsgebiete und Länder. Und so kam es denn zuerst

70f.
Bd. VLS.

on

1Vgl. sch
        <pb n="133" />
        22

Zweiundzwanzigstes Buch.
meistens zur Zusammenfassung zerstreut lebender Meister
namentlich solcher Gewerbe, die nebenbei etwas vom Wesen
des Hausierens hatten: der Kessel- und Kaltschmiede, der Kupfer⸗
schmiede, der Hafner, der Bader, der Pfeifer und Spieler.
Aber daneben und darnach wurden auch große und angesehene
Zünfte anderer Art, Messerschmiede, Schlosser, Steinmetzen,
Tuchmacher, regional zusammengefaßt. In diesem Falle wurden
die wichtigsten Zünfte an Orten, wo das Handwerk besonders
gut betrieben wurde, zu Mittelpunkten der Organisation; sie
erhielten den Charakter einer Art wirtschaftlichen und sozialen
Oberhofs, von dem aus sich gleichmäßige Lehre und gleich—
mäßiger Brauch des Handwerks verbreiteten.

Vor allem aber kam es jetzt darauf an, in welcher Weise
sich diese neuen Organisationen in die bestehenden staatlichen
Verhältnisse einordnen sollten. Und hier wurde nun die Ein—
—
in Württemberg: und auch hier schließlich erfolglos; das
Problem einer staatlichen Regulierung des Gewerbewesens auf
umgebildeter zünftlerischer Grundlage ward also nicht gelöst.

So war denn das Regelmäßige vielmehr eine ganz lose
und freie Eingliederung in territoriale Grenzen ohne starken
Einfluß der Staatsgewalt; in dieser Weise sind nicht wenige
Zunftvereine in Süddeutschland, in Norddeutschland z. B. die
Kupferschmiede der Kurmark, organisiert gewesen. Darüber
hinaus aber nahmen gerade besonders wichtige Gruppen ver⸗
einter Zunfte eine noch viel freiere Stellung ein: so nament⸗—
lich der Steinmetzenverband, der sich mindestens seit der Ver—
fassung, die er sich im Jahre 1459 zu Regensburg gegeben
hatte, über ganz Deutschland erstreckte und sich wichtiger
kaiserlicher Privilegien, so aus den Jahren 1498 und 1621,
erfreute; seine Hauptladen waren zu Straßburg, Bern (Zurich),
Regensburg, Wien und Magdeburg, als oberste Instanz
funktionierte die Straßburger Lade. Aber auch die sächsischen
Schlosser und die oberrheinischen Hosenstricker und Schwarz—⸗
färber sind ähnlich organisiert gewesen.

So war denn das zünftige Handwerk für Meister wie
        <pb n="134" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 128
Gesellen tatsächlich wenigstens teilweise zu großen Interessen⸗
berbänden autonomen Charakters zusammengetreten: es hätte
scheinen können, als sei das Problem der Überführung des
alten Zunftbetriebes in veränderte Zeiten ohne Zertrümmerung
der alten Form mindestens grundsätzlich gelöst.

Allein der Schein täuschte. Zunächst war das Verhältnis
der neuen regionalen Bildungen zu den territorialen Staats⸗
gewalten wie zur Reichsgewalt noch keineswegs geordnet;
ficherlich mußten die kommenden Zeiten des Absolutismus hier
zerstörende Eingriffe bringen. Weiterhin umfaßten diese regio⸗
zalen Verbände doch nur einige Industrien und gerade die
zrößten nicht. Vor allem aber entzog der allgemeine wirt⸗
schaftliche Verfall der Nation auch diesen Bildungen noch das
in ihnen pulsierende Leben; insbesondere stellte sich heraus,
daß gegenüber den zu blühendem Gedeihen erwachsenden Manu⸗
fakturen fremder Völker ein zünftlerischer Erport unmöglich
war. Vor allem die Tuchmacherei, die berühmteste unserer
alten großen Industrien, ging unter diesem Verhältnis aufs
traurigste zurück. Schon im 15. Jahrhundert, bei weitem mehr
dann aber seit dem 16. Jahrhundert ertönen die Klagen über
das Wachsen der Wollausfuhr und die Einfuhr fremder, eng⸗
lischer und vlämischer, Tuche. Man geht daran, den Import
zu hemmen, auch die Vorteile der fremden Erzeugnisse sich an—
zueignen. Aber ohne Erfolg. Die Versteinerung des Zunft⸗
wesens läßt alle Versuche scheitern, und bei der Ohnmacht
—V geschweige
denn den äußeren Markt zu halten. Und wir wissen schon,
wie diese Lage bald von den englischen Merchant Adventurers
ausgebeutet wurde: die Einfuhr englischer Tuche vornehmlich
durch ihre Hamburger Faktorei zerstörte auch noch die Reste
des einst blühenden Gewerbes: selbst die sächsische Industrie
ging zugrunde: und auf blühte nur der Wollhandel nach
England.

Im allgemeinen aber zeigte sich schließlich, daß unter Bei⸗
behaltung des Zunftwesens Ausfuhr nur noch möglich war,
wenn, wie z3. B. in Nürnberg, ein aristokratisches Handels⸗
        <pb n="135" />
        124

Zweiundzwanzigstes Buch.
regiment die gesamte handwerkliche Produktion in der un—
bedingten Abhängigkeit des Lohnwerks hielt und planvoll nach
den praktischen und ästhetischen Gesichtspunkten der herrschenden
Geschmacksrichtungen leitete.

Das Handwerk selbst aber büßte die allgemeine Ungunst
der Lage der Regel nach mit allmählich eintretender Ver⸗
knöcherung und schließlichem Absterben; höchstens daß im
Nordosten Deutschlands, in Gegenden spätreifer Entwicklung,
noch bis ins 17. Jahrhundert hinein einige Neubildungen wie
in der Technik so im Rechte eintraten. Im Westen dagegen
und auf mutterländischem Gebiete überhaupt war der Verfall
der Zünfte schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts offen⸗
bar, wenn man ihn auch noch durch allerlei wunderliche Mittel,
durch Zurückdrängen der Manufaktur, durch obrigkeitliche
Reglementierung der Gesellenverbände u. dgl. zu vermeiden
suchte; die Städte begannen in dieser Hinsicht schon mit den
Reichspolizeiordnungen von 1530, namentlich aber denen von
1548 und 1559 zu wetteifern. Indes das Ergebnis solcher
Bemühungen war naturgemäß gering. Die Gesellen entwichen
gegenüber Reglementierungsversuchen der Städte in die Terri—
torien, die ihrerseits die Repressionsbestimmungen der Reichs-
gesetzgebung nicht anwandten, da sie der Gesellen zur Be—
gründung territorialer Industrien zu bedürfen glaubten: und
schon diese Uneinigkeit der gesetzgeberischen Faktoren vereitelte
im Grunde jeden Erfolg. Trotz manchen guten Willens kam
es daher zu immer reißenderem Verfalle der zuünftlerischen
Industrie, und das hieß eigentlich der deutschen Industrie
überhaupt.

In den größeren gewerblichen Verbänden schoß damit
der wirtschaftliche Egoismus üppig ins Kraut. Und da dem—
gegenüber jede regelnde autonome oder staatliche Gewalt fehlte,
so kam es bald zur Anarchie, namentlich einem ständigen
Kampfe der lokalen Interessen verschiedener Gegenden wider—
einander. In diesem Zustande, dessen Austrag schließlich in
übermäßige häufige Zusammenkünfte mit Spiel, Trunk und
Unzucht entartete, war denn auch der Zusammenstoß der
        <pb n="136" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 125
Verbandsrechtsprechung mit der Rechtsprechung der Territorien
nicht mehr vermieden.

In den lokalen Zünften aber waren die Verfalls⸗
erscheinungen fast noch bedenklicher. In ihnen wurde nun fast
überall die Zahl der Meister beschränkt und geschlossen, wurden
die Meisterstücke künstlich und schwer gemacht; und wie die
Zunftgenossen so jede Konkurrenz gegen die einmal Privi⸗
legierten auszuschließen bestrebt waren, so unterlag ihre wirt⸗
schaftliche Tatkraft in der Zunft der Bevormundung durch eine
kleinliche Rechtspflege. Um 1725 haben die Schuhmacher zu
Krossen einen Meister ausgeschlossen, weil er auf eines Scharf⸗
richters Pferd geritten, die zu Sommerfeld einen, weil er mit
einem Scharfrichter getrunken, und ähnliche Fälle ließen sich zu
Dutzenden aufzählen.

Ja selbst die Gesellenverbände gingen seit dieser Zeit, seit
Schluß des 16. und vor allem im 17. Jahrhundert, rückwärts.
Die Meister duldeten um diese Zeit keine verheirateten Ge⸗
sellen mehr; darum überwogen in den Verbänden von nun
ab die jugendlichen Elemente; und damit nahm Faulenzen
und Pokulieren, Formalismus und kraftloser UÜbermut allent⸗
halben zu. Zugleich wurde die Gesellenschaft durch Wegfall
der älteren Elemente einem immer freieren Zuge geneigt; die
Wanderschaft wurde nicht mehr bloß zum Lernen benutzt; und
gingen die Obrigkeiten gegen die Gesellen irgendwie vor, so
oflegten diese alsbald den Ort ihres Aufenthalts zu verlassen,
womöglich mit Pfeifen und Trompeten. Das alles führte dann
dazu, daß die Rechtspflege an immer kleinere, immer mehr seß—
hafte Ausschüsse überging und von diesen leichtsinnig und un—
zerecht, auf Grund von Gerücht und Gerede, besorgt wurde.

Es waren Zustände, die, einmal eingerissen, dadurch
noch unleidlicher wurden, daß gegen Schluß des 17. Jahr⸗
hunderts und noch mehr in der ersten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts die deutlichen Spuren eines gewissen Aufschwunges
der handwerklichen Tätigkeit hervortraten: der neue, den Zeit—
genossen unerhörte Friede brachte allmählich neue Bedürfnisse
zur Reife, das Vermögen der Nation nahm, wenn auch lang—
        <pb n="137" />
        126

Zweiundzwanzigstes Buch.
sam, zu: mehr wurde gebraucht und mehr konnte bezahlt
werden.

Nun wurde die zunehmende, allmählich fast üppig an—
mutende Unerträglichkeit dieser Entwicklung von der öffentlichen
Meinung allerdings schon der zweiten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts in steigender Lebhaftigkeit beklagt. Indes ihre Besse⸗
rung ist erst langen Bemühungen der territorialen Staats⸗
gewalten und dem hier noch einmal lebendigen, weil durchaus
notwendigen Dazwischentreten der Reichsgewalt im Laufe des
18. Jahrhunderts gelungen. Einstweilen aber galt für die
deutsche Industrie das Wort, das Herder im weiteren Sinne
auf den Geist dieser Epoche überhaupt geprägt hat: sie wandelte
sich nach einem Handwerksleisten und kroch gleichsam in eine
privilegierte Gemeindelade.

Natürlich war ihr Ruf damit dahin; und das Ausland
liberschwemmte den deutschen Boden nicht allein wegen des
Alamodetums der höheren Stände, sondern auch wegen der
Unzulänglichkeit der deutschen Produktion immer stärker mit
seinen Erzeugnissen. So meint Leibniz gegen 1670, daß all⸗
jährlich zum wenigsten ein Zehntel der deutschen Substanz
(d. h. des Einkommens) für Industrieprodukte nach Frankreich
gehe. Für die Jahre 1700 bis 1790 aber hat man den
Gesamtausfall der Handelsbilanz mit Frankreich auf etwa
1630 Milliovnen Mark berechnet, was einen Jahresverlust von
etwa 18 Millionen Mark bedeuten würde. In den Jahren
bon 1788 bis 809 scheint indes der Ausfall etwa 32 Millionen
jährlich gewesen zu sein. Es sind selbst fur das 18. Jahr⸗
hundert noch Zustände, von denen Möser in seinen Patriotischen
Phantasien klagen konnte: „Wir wollen nach Bremen reisen,
um den dortigen Kaufleuten den Sand in ihre Schiffe schieben
zu helfen, welchen sie als Ballast einladen; wir wollen uns von
den Franzosen zu Nantes auf die Sandberge führen lassen,
webche dort am Hafen von den Bremensern wieder aus⸗
geschoben werden und unter dem Titel: Les produits de
l'Allemagne bekannt sind.“

Wenn aber Handel und Industrie des 15. und 16. Jahr⸗
        <pb n="138" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 127
zunderts so zugrunde gingen, wie hätten sich deren altberühmte
ftädtische Standorte auf der früheren Höhe halten sollen?
Wohin wir uns wenden, dringt uns aus den großen Emporien
selbst noch des 16. Jahrhunderts nunmehr Modergeruch ent—
gegen. Da hören wir z. B. von Köln, es sei in Schmutz
bersunken; die Straßen wimmelten von Mönchen und Bettlern;
der durch das Stapelrecht wie die unverwüstliche Lage an die
Stadt gefesselte Handel werde zum größeren Teil von pro⸗—
testantischen Zuzüglern betrieben. Und gehen wir in die süd⸗
deutschen Städte, die noch weit mehr um 1500 und darüber
hinaus ein Bild blühendsten Lebens geboten hatten, so ist die
Erfahrung dieselbe. Ulm und Regensburg waren ganz zurück⸗
gegangen. Ulm hatte kaum einige Reste des früheren Leinwand⸗
handels nach Italien behalten; Regensburg nährte sich kümmer⸗
lich von den Mitgliedern des Reichstages, der in seinen
Mauern tagte. Nicht besser stand es um Augsburg. Im
18. Jahrhundert bewegte sich sein Verkehr fast nur noch
zwischen Osterreich, Schwaben, der Schweiz und dem nörd⸗
lichen Italien. Sein Handel verzettelte sich dabei bis auf den
Kleinbetrieb von geschnitzten oder gemalten Heiligenbildern
und Amuletten; in der Industrie waren von etwa 6000 Webern
des 16. Jahrhunderts nur 500 übriggeblieben. Ja selbst das
stolze Nürnberg war gefallen. Zwar hatte hier noch in den
ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts Rührigkeit geherrscht;
1616 ist das neue Rathaus erbaut, 1621 die Bank errichtet
worden. Später aber sah man sich von den benachbarten Land⸗
— 0
siedelten, überflügelt. Wirksam erhielten sich nur, ein schwacher
Rest fruherer Größe, die Spielzeug- und Kurzwarenindustrie,
der Landkartendruck und gewisse andere Zweige des Buch—
gewerbes, sowie die Anfertigung von Kunstarbeiten aus Holz,
Metall und Elfenbein. Die Bevölkerung aber, die man im
16. Jahrhundert auf etwa 60000 berechnet hatte, war um
1740 auf ca. 40 000, um 1780 auf ca. 30000 Seelen gesunken.
Und was für eine Bevölkerung war es! Pöllnitz berichtet in
seinen Memoiren von den Patriziern Nurnbergs etwa um
        <pb n="139" />
        28

Zweiundzwanzigstes Buch.
1730: „sfie spielten die Venetianer im kleinen und blähten sich
auf wie die Frösche, während doch der gesunkene Wohlstand
der Stadt sich in den devoten Bücklingen verriet, womit Gast⸗
wirte und Krämer den Fremden aufwarteten, welche sie in
Nahrung setzten.“ Und diese Beobachtungen aus Nürnberg
werden durch die Angaben Keyßlers ergänzt, der um 1780
Ulm und andere süddeutsche Reichsstädte besuchte. Er fand,
daß die Bürgerschaft daselbst mit Bällen, Kränzchen, Schlitten⸗
fahrten und sonstigen kostspieligen Vergnügungen um so lustiger
in den Tag hineinlebe, je mehr es mit den Verhältnissen des
einzelnen und des ganzen rückwärts gehe, und daß man weder
um die eigene Zukunft, noch um das allgemeine Wohl sich
sonderlich kümmere“.

Diese Einzelbeobachtungen lassen sich am ehesten durch
die Aufstellung eines Gesamtbildes des Schicksals der Reichs⸗
städte überhaupt abschließen; denn die Reichsstädte waren es
doch vornehmlich gewesen, in denen sich die Blüte des Bürger—
tums des 14. bis 16. Jahrhunderts entfaltet hatte. Da findet
sich denn, daß die kleineren Reichsstädte im 17. und 18. Jahr⸗
hundert gar nicht selten ungebührlichen Forderungen des
Kaisers unterlagen, der sich gern als ihr Landesherr und sie
demgemäß als sein Eigentum betrachtete; und nirgends fast ist
wahrzunehmen, daß man solchen übertriebenen Ansprüchen,
wenn auch nur mit der Festigkeit des Wortes, entgegengetreten
wäre. Von den größeren Reichsstädten aber hielten sich
manche, die im Mittelalter energisch und siegreich den geist—
lichen Fürsten in ihren Mauern bekämpft hatten, jetzt nur mit
Mühe noch gegen dessen gesteigerte Macht, so z. B. Worms;
anderen wieder drohte tödliche Umklammerung durch die benach—
harten Territorien: das war die Lage z. B. für Nürnberg,
Augsburg, Ulm, Regensburg — kurz die größten Reichsstädte
des Südens. Aber selbst im Norden wurde die Reichs—
unmittelbarkeit Bremens im 17. Jahrhundert eigentlich nur
durch das eifersüchtige Eingreifen des Großen Kurfürsten gegen—
über Einverleibungsversuchen der fürstlichen Nachbarschaft ge—
wahrt; und Hamburg verdankte seine Selbständigkeit mindestens
        <pb n="140" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 129
ebensosehr der Rivalität Frankreichs und Englands wie eigenen
Kräften.

Daß bei solcher Lage die Reichsstädte in der Reichs⸗
verfassung nicht viel zu sagen hatten, lag in der Natur der
Dinge: waren sie doch auf dem Regensburger Reichstage viel⸗
fach gar nicht durch eigene Gesandte, sondern durch irgend⸗
einen Regensburger Spießbürger vertreten; und hatte doch
selbst ein solcher Vertreter oft mehr als ein halb Dutzend ver⸗
schiedene Auftraggeber.

In der Praxis des Regensburger Reichstages hatten sich
demgemäß die Dinge so geordnet, daß die Meinung der
Städtekurie einem gleichförmigen Votum der beiden oberen
Kurien regelmäßig untergeordnet wurde.

Sollten bei dieser äußeren Lage die reichsstädtischen Ver—
fassungen noch kräftige Sprosse, ja Blüten getrieben haben?
Es waͤr undenkbar. Überall fast krankten diese Städte daran,
daß ihre Verfassungen seit dem 16. Jahrhundert nicht weiter
entwickelt, ja nicht einmal dem eingetretenen Verfalle ent—
sprechend rückgebildet, sondern, in ihrer alten Form äußerlich
erhalten, ihrem wirklichen Inhalte nach verknöchert, verkalkt
und leblos geworden waren. Die einzigen Städte, die eine
Fortbildung ihrer Verfassung erlebt hatten, waren eigentlich
Hamburg und Frankfurt: aus Gründen, die wir bald kennen
lernen werden; hier kam es im Beginne des 18. Jahrhunderts
zu Neuerungen, die sich dann bis tief ins 19. Jahrhundert hinein
bewährt haben. Daneben hat allerdings auch noch in Köln gegen
Ende des 17. Jahrhunderts die Demokratie aus lokalen Gründen
den Versuch gemacht, die schon völlig verfallene Herrschaft der
Patrizier zu stürzen; aber das Beginnen blieb erfolglos.

Für diese verknöcherten Verfassungen aber war vor allem
bezeichnend, daß ihr Rat sich nicht mehr als Organ der Bürger—
schaft ansah und seine Interessen mit den städtischen gleich⸗
setzte, sondern sich nach Analogie der kleinen Fürsten der Um—
— 0
gebenen bürgerlichen Untertanen betrachtete. Es war eine
Auffassung, die sich natürlich genug entwickeln mußte, sobald

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1.
        <pb n="141" />
        80

Zweiundzwanzigstes Buch.
durch tausend Zettelungen die volle Begrenzung der Rats-⸗
fähigkeit auf eine bestimmte Anzahl von Geschlechtern durch⸗
geführt war. Denn von nun ab betrachteten sich diese Ge—
schlechter gleichsam als die Kollektivfürsten der Stadt und
zogen daraus die staatsrechtlichen Folgerungen. Und auch
äußerlich traten sie demgemäß auf. In Nurnberg mußten
ergraute Bürger junge Patriziersprößlinge mit Euer Gnaden
anreden, und es galt als eine kühne Neuerung, als sich im
18. Jahrhundert in der Stadt eine Gesellschaft bildete, die
diese Titulatur verpönte. Wie in Nürnberg war es aber auch
sonst: die Patrizier hielten sich zum Adel; der alte Bürger⸗—
sinn war verloren.

Und gegenüber dem fürstlichen Absolutismus kennzeichnete
diesen aristokratischen noch das erschwerende Moment, daß er
sich nicht bloß in die rein staatsrechtlichen, sondern auch in
die kommunalen Funktionen des Gemeinwesens ergoß. Den
Fürsten trennte schließlich immer eine große Entfernung vom
Untertan; seine Befehle betrafen nur Dinge, die vom Stand⸗
punkte des Untertanen aus wirklich wichtig waren. In den
Reichsstädten fiel diese Entfernung hinweg; und bis in die
kleinsten Polizeisachen hinein erklang unmittelbar das oligar—
chische Befehlswort des Rates. Natürlich wurde darum die
Ratsherrschaft um so lästiger; Bürger, die vorwärts kommen
wollten, wanderten in irgendein Territorium aus; und da die
Ratsherren sich vielfach selbst für zu gut hielten, um bürgerliche
Geschäfte zu treiben, so ging damit der noch vorhandene Handel
an andere Orte oder mindestens an fremde Einwanderer über.
Nirgends vielleicht mehr als in Köln: hier waren es schließ—
lich sogar protestantische Fremde, die den wichtigsten Anteil
am Handel hatten.

Im übrigen konnte man, zum großen Teil auf Grund
mittelalterlicher Unterscheidungsmerkmale, noch immer drei
Klassen von reichsstädtischen Verfassungen auseinanderhalten:
solche überwiegend demokratischer Natur, in denen vor allem
die kleinen oberdeutschen Reichsstädte zum großen Teile ver—
harrten; streng aristokratische Verfassungen, Inkrustationen der
        <pb n="142" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 131
mittelalterlichen Verfassungsbewegung der großen oberdeutschen
Städte, z. B. Nürnbergs, Augsburgs, Ulms; endlich gemäßigt
aristokratische Bildungen, welche diejenigen Reichsstädte hatten
oder durchbildeten, die noch am Leben des Tages teilnahmen.
Hierin gehören namentlich die Verfassungen der Hansestädte
und Frankfurts.

3. Das große Bürgertum des 15. und 16. und früherer
Jahrhunderte erschien im 17. Jahrhundert unrettbar dem Ver⸗
falle geweiht. Wie viele bekannte Geschäfte, wie viel berühmte
Bürgergeschlechter dieser Frühzeit. haben Namen oder Firma
bis zur Gegenwart gerettet? Fast nur die, welche ihr Ver—
mögen zur rechten Zeit in Grund und Boden anlegten, wie
die Fugger, oder die in der kritischen Zeit dem ausschließlichen
Warenhandel huldigten, wie die Tucher. Und was ist vom
Sinne dieses großen Bürgertums erhalten geblieben? Die
Wissenschaft floh Deutschland, soweit sie nicht bloße Büucher⸗
gelehrsamkeit war; und bürgerliche Mäcene waren selten. Der
geistige und künstlerische Horizont schwand zusammen; die
debenshaltung wurde philiströs und innerlich unwahr.

Dennoch gab es auf deutschem Boden Ausnahmen von
dieser Entwicklung — Ausnahmen von größter Bedeutung.
Gewiß: das halbhundert Reichsstädte, das im Inneren Deutsch⸗
lands lag, träumte im 17. und 18. Jahrhundert den langen
bangen Traum früherer Größe, von Augsburg und Nürnberg
hinab bis zu der unter dem Schutze der großen Reichsstadt
Aberlingen stehenden großen Reichsstadt Buchhorn — aber in
den nördlichen und südlichen Grenzen deutschen Wesens er⸗
hielten sich Zusammenhänge mit den großen Zeiten der Ver—
gangenheit, traten neue Kräfte zu neuer Hebung hervor,
blieben im Süden vorwiegend industrielle, im Norden vor—⸗
wiegend kommerzielle Plätze von Wichtigkeit erhalten.

Dies Wunder wurde bewirkt im Norden für Hamburg
und Bremen durch den Einfluß der Nordsee und die Be—
rührung, welche die Nordsee mit dem internationalen Handel
brachte, im geringeren Grade aus den gleichen Gründen für
        <pb n="143" />
        132 Zweiundzwanzigstes Buch.
Lübeck, Danzig und Königsberg durch die Ostsee; und diese
Ausnahmestellung wurde in der Schweiz errungen in erster
Ldinie von Basel und Zürich, in zweiter von Straßburg bis
zu seiner Einverleibung in Frankreich und von Bern und einigen
inderen kleineren Städten: hier durch den belebenden Einfluß
der Industrien Italiens und Frankreichs, deren Nachahmung
hald eine ansehnliche Ausfuhr ins Reich gestattete.

Diejenigen Städte aber, die in diesen peripherischen Teilen
des Nordens und Südens die besonderen, hier in Betracht
ommenden Entwicklungselemente am ausgeprägtesten zeigten,
waren Basel und Hamburg. An ihrer Geschichte mag daher
die ausnahmsweise Gunst der eben angedeuteten Entwicklung
genauer dargelegt werden.

Was Hamburg angeht, so genoß es von vornherein in
Gemeinschaft mit den anderen Nordseestädten die großen Vor⸗
teile einer Seelage überhaupt. In Seestädten reißt der Faden
der Entwicklung niemals so leicht ab wie in Binnenstädten;
das Meer erlaubt nicht die vollständige Ableitung und Weg—
dämmung des Handels!:.

Von den beiden deutschen Meeren aber hat wiederum die
Nordsee besondere Vorteile. Die deutsche Nordseeküste ist stark
von der Natur geschützt. Während die Nordsee in vielen
Stücken ein echtes Stück atlantischer Ozean ist: salzreich, von
ttarken Gezeiten bewegt und von schweren Sturmfluten auf⸗
gewühlt: hat sie doch zwischen den ihr vorgelagerten, einst
ihr zugehörigen Inseln und dem Festlande nirgends über
20 Meter Tiefe; auch Helgoland hebt sich aus keiner anderen
Tiefe empor. Daher haben sich an ihren Gestaden überaus
schwiexig zu befahrende Seichtmeerbildungen eingestellt, welche
feindliche Annäherung nur unter größter Vorsicht gestatten.
In diesem allgemeinen Bereiche liegen nun die beiden wichtigsten
Zandelsstädte, Bremen und Hamburg, an großen Astuarien,

Vgl. Ratzel, Deutschland S. 267. Im übrigen ist für das Folgende
zuch Deutsche Geschichte Bd. VII, 282 ff. heranzuziehen, wo die oben be—
rührte Entwicklung in anderem Zusammenhange eingehend behandelt ist.
        <pb n="144" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 133
die noch stark unter dem Einflusse der Ebbe und Flut stehen
und damit den Zugang auch tiefgehender Schiffe weit in das
Herz des Landes hinein gestatten. Von diesen beiden Astuarien
aber ist das der Elbe weitaus das günstigere. Nicht minder
aber ist auch das Hinterland der Elbe und Hamburgs weit
günstiger als das Bremens, denn da sich die norddeutsche
Tiefebene nach Osten hin beträchtlich erweitert, so übertrifft
es schon im engsten Ausmasse des Elbgebietes an Größe bei
weitem dasjenige Bremens.

Und noch mehr: auch den Ostseestädten, insbesondere
Lübeck, nimmt Hamburg eigentlich einen guten Teil ihres
Hinterlandes weg. Denn da in vorgeschichtlicher Zeit alle
größeren Flußläufe eines guten Teiles der mittleren nordost⸗
deutschen Tiefebene sich auf dem Wege etwa des heutigen
unteren Havellaufes in das Astuarium der Niederelbe ergossen,
so ist auch jetzt noch der Zugang von diesen Gebieten her
nach Hamburg sehr günstig, und insbesondere ist Hamburg
bis zu einem gewissen Grade der Seehafen Berlins und der
Mark Brandenburg. Nimmt man nun zu alledem noch hinzu,
daß das weitere Elbgebiet bis hinauf nach Böhmen und
darüber hinaus in die ferne Welt von Mähren und Wien, ja
in heute wenigstens teilweise erfolgreichem Wettbewerb bis
Budapest führt: so wird man zu dem Schlusse gelangen, daß
Hamburg an der für großen Handel vielleicht aünstigsten Stelle
Deutschlands gelegen ist.

Hamburg begann nun, nach mäßigen mittelalterlichen
Anfängen, im 16. Jahrhundert dadurch emporzukommen, daß
es, als nach der Verlegung des Welthandels an die West—⸗
ränder Europas die Nordseeküste größere Bedeutung erhielt,
zunächst wenigstens teilweise die Erbschaft der Ostseehäfen an⸗
trat. Der Verkehr war aber auch jetzt noch zunächst schwach,
er beschränkte sich im wesentlichen auf die Ausfuhr von Roh⸗
brodukten und Leinwand, und zum eigentlichen Geldhandels—
platz wurde die Stadt noch nicht, obwohl sie im Jahre 1558
bereits, vier Jahre nach Antwerpen, eine Börse erhielt, während
Lübeck erst 1605, Bremen erst 1614 Börsenplätze geworden
        <pb n="145" />
        Zweiundzwanzigstes Buch.
sind, und obwohl der benachbarte holsteinische Adel, damals
wohl der kapitalreichste in Deutschland, die Rantzau, Brock⸗
dorff, Ahlefeld, im 16. Jahrhundert schon in Verkehr mit
den Antwerpener Geldmärkten standen. Überhaupt aber war
es eine Eigenheit Hamburgs, daß es lange kapitalarm blieb:
daher viele Bankerotte, häufiges Hinschwinden einzelner kauf⸗
männischer Familien, starke Schwankungen in jeder Krisis.
Wurde indeffen dies alles verhältnismäßig leicht ertragen und
sthrte es den endlichen Aufschwung damals nicht, so kam dafür
vor allem das schwerflüssige, zähe, langsam bedenkende Element
des niedersächsischen Charakters in Betracht, wie es in geradem
Gegensatz stand zu dem beweglichen, unruhigen, raschhandelnden
Vlaͤmentum des schnell aufblühenden Antwerpens. Übrigens
vurde Hamburg im Jahre 1619 auch Sitz einer von Holländern
aach Amsterdamer Mufter gegrundeten Girobank und seitdem
auch als Geldhandelsplatz bedeutend.

Der Hauptsache nach aber knüpfte der Aufschwung der
Stadt an den Warenhandel und die Reederei an; und auf
diesem Gebiete brachte schon die zweite Hälfte des 16. Jahr—
hunderts entscheidende Ereignisse. Es waren im wesentlichen
zwei. Einmal trat Hamburg nach dem Falle Antwerpens zu⸗
ammen mit Amsterdam die Nordseeerbschaft dieses gewaltigen
Platzes an; von nun ab wuchs die Einfuhr in Kolonialwaren
und englischen, italienischen und süddeutschen Manufakten.
Noch wesentlicher aber war es und für Hamburg speziell,
wenn auch nicht für Deutschland im ganzen, von günstiger
Bedeutung, daß sich die Handelskompagnie der Merchant
adventurers gegen Ende des 16. Jahrhunderts und in den
zwei ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts im Hamburg
festsetzten: seitdem wurde die Stadt, die noch im Jahre 1564
keinen direkten Wechselverkehr mit England gehabt hatte, zur
größten kontinentalen Faktorei des englischen Handels. Gewiß
var dies Einbrechen der Engländer für die Hamburger Bürger
am sich noch kein Vorteil, da die Faktorei nicht bloß im Ver⸗

S. oben S. 98, 101 ff.
        <pb n="146" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 135
trieb der englischen Einfuhr sehr selbständig vorging, sondern
selbst Teile des alten legitimen Hamburger Handels an sich
zu reißen drohte. Es dauerte daher auch längere Zeit, ehe
hbie Engländer in Hamburg endgültig aufgenommen wurden
1611). Und gewiß war Hamburg von dieser Zeit ab auch
nicht mehr eine eigentlich deutsch-nationale Handelsmetropole,
sondern seine Hauptstärke lag nun auf Jahrhunderte hinaus im
internationalen Zwischenhandel. Indes war eine andere wirk—⸗
lich große Stellung Hamburgs im 17. Jahrhundert, bei dem
Zustande des deutsch-binnenländischen Handels und Gewerbes,
überhaupt denkbar? Und trotz allem hat Hamburg dann im
Laufe der Zeit doch soviel von deutscher Einfuhr und Ausfuhr
in sich gezogen, daß sich dadurch deren Grundlagen langsam
wieder einheitlicher gestaltet haben — denn für einen höchst
insehnlichen Teil von Niederdeutschland und Oberdeutschland
wurde die Stadt immerhin die große Pforte der wirtschaft⸗
lichen Ausdehnung. Wie entschieden aber die Aufnahme der
Engländer, die von hier aus ihre Einfuhr durch ganz Nord⸗
und Mitteldeutschland vertrieben, alsbald auch die heimischen
Hamburger Verhältnisse ins Größere drängte, ergibt schon die
Tatsache, daß sich neben dem im Jahre 1517 gegründeten
Kaufmannsrat und neben der im Jahre 1558 errichteten Börse
mit ihren Kaufmannsälterleuten an der Spitze schon im Jahre
1628 eine Admiralität zur Sicherung der Hafen-, Fluß— und
Seeverhältnisse als nötig erwies, und daß dieser im Jahre 1665
die Gründung der Kommerzdeputation folgte, einer Vertretung
der zur See handelnden Kaufleute zur Belehrung und Unter—
tützung des Rats in auswärtigen Angelegenheiten.

Dieser Aufschwung, den Hamburg eben zu nehmen in
Begriff war, wurde dann freilich durch den Dreißigjährigen
Krieg mindestens verlangsamt; denn nun wurden für einige
Zeit große Teile des Hamburger Hinterlandes verwüstet und
berwahrlost. Und es lag in der Natur der Sache, daß sich
der mächtigere englisch-hamburgische, ja selbst der holländisch—
hamburgische Handel von diesen Schlägen leichter erholte, als
das kleinere rein einheimische Geschäft. Doch vermehrte sich
        <pb n="147" />
        36

Zweiundzwanzigstes Buch.
trotzdem die Bevölkerung während des großen Krieges nicht
merheblich und blieb auch von der Einquartierung fremder
Soldateska verschont: so daß sich trotz mancher Verluste wäh⸗
rend des Krieges auch der Ertrag der Vermögenssteuer beinahe
verdoppelte. Günstig war ferner für Hamburg, daß Schweden
im westfälischen Frieden das Herzogtum Bremen und damit
das linke Elbufer erhielt. Denn das rechte Elbufer besaß
Dänemark: und so wurden beide nordischen Mächte an der
Elbmündung zu Rivalen, zwischen denen Hamburg, der Haupt⸗
sache nach in freundlicherem Verhältnis zu Schweden, von
nun ab geschickt hindurchzusteuern wußte. In der Tat wurde
es von nun ab, da das Reich sich immer unfähiger zeigte, für
die Nordseestädte und deren Handel auch nur das Geringste
zu tun, die Politik Hamburgs, sich unabhängig vom Reiche in
stiller Neutralität zwischen den Konflikten beider nordischen
Mächte und der Großmächte überhaupt, womöglich noch unter
ständigem eigenen Handelsgewinne, hindurchzuwinden. Es war
aatürlich auch die Politik der anderen, wenigen, übriggebliebenen
Zansestädte. Und so ist es charakteristisch, daß schon im 16. Jahr⸗
hundert die moderne Geschichte der Neutralität und deren völker⸗
rechtliche Erörterung damit begann, daß die Hansestädte, unter
denen damals Hamburg schon die wichtigste war, in dem
Kampfe der Königin Elisabeth gegen Philipp II. den Anspruch
erhoben, mit Spanien nach wie vor Handel zu treiben, während
England dies für Kriegsbedürfnisse verneinte; wobei es zu diesen
u. a. auch Korn und Lebensmittel rechnete. Hamburg aber hat
dann in den Kämpfen des 17. und 18. Jahrhunderts in der
Tat fast immer seine Neutralität zu erhalten gewußt, da alle
Mächte es zu schonen ziemlich gleichmäßig veranlaßt waren.
Die Folge war, daß es in den großen Kriegen der Seemächte
von den Jahren 1689 und 1706 ab die besten Geschäfte an
sich zog, so daß es von dieser Zeit an als kontinentaler
Nordseehafen eine nahezu monopolistische Stellung einzunehmen
begann.

Gleichzeitig aber stellte sich bis zu dieser Zeit unbeschadet
des englischen Verkehrs besonders auch ein immer besseres
        <pb n="148" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 137
Verhältnis zu Frankreich ein; es ergab sich leicht aus dem
gemeinsamen Gegensatze zu Holland, besonders zu Amsterdam,
nd kam in Verträgen der Jahre 1655, 1716 und später 1769
und 1789 auch in vielen, dem Handel günstigen Bestimmungen
zum Ausdruck. Vor allem seit dem 18. Jahrhundert besuchten
daher Hamburger Schiffe in großer Anzahl Bordeaur und
andere französische Häfen und nahmen außer Weinen, deren
Genuß in Norddeutschland immer allgemeiner wurde, auch
Zucker und Kaffee, Indigo und andere Erzeugnisse der fran—
zösischen Kolonien, sowie Luxus⸗ und Galanteriewaren als Fracht⸗
gut. So wurde denn der holländische Kolonialwarenhandel,
da auch Bremen an diesem Aufschwunge teilnahm, immer mehr
auf den bloßen Westen Deutschlands zurückgedrängt. Daneben
aber hob sich schon seit dem 17. Jahrhundert die Manufaktur
und die Ausfuhrindustrie; bald konkurrierte Hamburg in dieser
Hinsicht mit England und Holland in Portugal, Spanien,
Frankreich und auf dem altbestrittenen Gebiete der skandina—
vischen Länder.

Nach alledem hatte die Stadt, selbst wenn man sie in die
internationale Reihe der großen Häfen einordnete, im 18. Jahr⸗
hundert schon eine sehr beachtenswerte Stellung. In der
zweiten Hälfte dieser Zeit verkehrten in Hamburg jährlich
2000 aus⸗- und eingehende Schiffe, wenn auch darunter nur
150 —160 eigene; und die Hamburger Seeversicherungs⸗
gesellschaften sollen Versicherungen bis zur Höhe von 60 bis
720 Millionen Taler übernommen haben. Zum Vergleiche
diene dabei, daß die Schiffahrtsbewegung im Lübecker Hafen
zur selben Zeit auf 800— 950, die im Bremer Hafen auf
180 Schiffe geschätzt wurde.

Dem Aufschwung des Handels aber entsprach ein reger
innerer Verfassungsfortschritt; Hamburg ist eine der wenigen
deutschen Großstädte gewesen, die in dieser Zeit revolutionäre
Bewegungen und durch diese eine rationelle Fortbildung der
Verfassung erlebt haben!. Und daneben blieb, wie auch in
S. Bd. VII. 285 f. 287 f.
        <pb n="149" />
        08 Zweiundzwanzigstes Buch.
den anderen Hansestädten, der alte gemeinnützige Genossen⸗
schaftssinn des Mittelalters noch erhalten. Wie Lübeck sich
seiner „Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit“
erfreute, so hatte Hamburg seine „Patriotische Gesellschaft“,
in der der Eifer der Bürger zu sozialer Betätigung zum Aus—
druck kam.

Gekrönt aber wurde dieser ganze Aufschwung durch die
ceiche Entfaltung geistiger Interessen?.

Eine ähnlich günstige Entwicklung wie Hamburg, Bremen
und andere Seestädte im Norden behielten im 17. und 18. Jahr—
hundert auch die Städte am Oberrhein, so Straßburg und
Kolmar, teilweise auch Frankfurt a. M., vor allem aber die
schweizerischen Städte und unter ihnen wieder an erster Stelle
Basel und Zürich. Der Grund lag hier darin, daß im
16. Jahrhundert und nochmals im 17. Jahrhundert zahlreiche
talienische und französische Refugianten, Locarner z. B. und
Hugenotten, eingewandert waren, die in ihre neue Heimat
größeres Kapital, frisches Blut, entschiedenen Unternehmungs—
zeist und vor allem die fortgeschrittenen Formen der italienischen
und französischen Industrie und Handlung mit einbrachten.
Will man sich von der Macht und Bedeutung dieser Ein—⸗
vanderung eine Vorstellung machen, so vergegenwärtige man
sich, daß z. B. in Basel unter den sogenannten Patrizier—
familien dieser und späterer Zeit die Socin, Wertemann
Vertemate), Debary, Sarrasin, Passavant, Bernouilli u. a. m.
Refugiantenfamilien sind, und daß neben ihnen verhältnis—
mäßig nur noch wenige Altbasler Geschlechter, wie die Iselin,
die Hoffmann, die Heusler, die Thurneysen, die Burckhardt,
ttehen geblieben sind.

Die Refugianten begründeten nun schon im 16. Jahr—
hundert eine ganze Anzahl von Manufakturen, und zwar zu—
meist in Industrien, die bis dahin auf deutschem Boden
weniger gepflegt worden waren, besonders in Luxusindustrien,
und vollendeten deren Ausbau bis etwa zum Ende des

S. Bd. VII, 285 f. 287 f.
        <pb n="150" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 139
17. Jahrhunderts. Die entscheidenden Zeiten, namentlich auch
die schweren Kämpfe infolge der Einführung holländischer
Techniken, fallen dabei in die zweite Hälfte des 17. Jahr—
hunderts; um welche Werte es sich dabei handelte, ergibt die
Tatsache, daß Zürich, das schon 1637 Exportindustrien gehabt
hatte, in den Jahren 1678779 allein 68 Fabriken besaß, die
Seide und Wolle verarbeiteten.

Dem Siege dieser Industrien und dem Aufschwunge der
Städte kam dabei in hohem Grade zugute, daß die Schweiz
don den Leiden des Dreißigjährigen Krieges wenig betroffen
wurde. Allerdings die Umgebung Basels war längere Zeit
hindurch Kriegsschauplatz; und kampferfüllt war auch Grau—⸗
ünden. Auf die übrigen Landesteile aber paßt die Schilde⸗
rung aus dem Simplizissimus: „Da sahe ich die Leute in
dem Frieden handlen und wandlen, die Ställe standen voll
Viehe, die Baurn-Höff liefen voll Hüner, Gäns und Enten,
die Straßen wurden sicher von den Reisenden gebraucht, die
Wirtshäuser saßen voll Leute, die sich lustig machten: da war
ganz keine Forcht vor dem Feind, keine Sorg vor der Plünde—
rung und keine Angst, sein Gut, Leib noch Leben zu verlieren;
ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum,
und zwar, gegen andern teutschen Ländern zu rechnen, in
lauter Wollust und Freud, also daß ich dies Land vor ein
irdisch Paradis hielte, wiewoln es von Art rauch gnug zu
sein schiene.“ In der Tat blieb in Basel und Zürich der
Verkehr während des Krieges so ziemlich in ständig gleicher
Entwicklung, um dann freilich nach dessen Beendigung bald
auf das Doppelte und Dreifache emporzuschnellen.

Dabei wurde an den wichtigsten Punkten schon in vieler
Beziehung der Fortschritt zur modernen städtischen Wirtschaft
begonnen, ja gerade durch die Begrenzung der nun einmal
auf den Weg des modernen Industriebetriebes gewiesenen
Städte auf ihr eigenstes Gebiet wurde er beschleunigt. Es
ist eine Bewegung, welche eben deshalb der Hauptsache nach
freilich nur noch die schweizerischen Städte, nicht mehr das
französisch gewordene Straßburg und andere Städte des
        <pb n="151" />
        140 Zweiundzwanzigstes Buch.
Oberrheintales durchgemacht haben. Eine Anzahl von Hand—
werken starben ab vor der erhöhten Leistungsfähigkeit des
Gewerbebetriebes; und nur auf den Gebieten, wo ein positives
menschliches Können, wo zumal die spezifische Energie der
menschlichen Hand unter einem bewußten und ästhetisch ge⸗—
schulten persönlichen Wollen in Kraft zu treten vermochte, ge⸗—
langten sie zu neuer Blüte. Die Großindustrie aber wurde
schon die leitende soziale, ja bald auch die leitende politische
Kraft. In Basel ist bereits die Verwaltung des 18. Jahr⸗
hunderts in erster Linie auf das Wohl der Fabrikanten be—⸗—
dacht, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts konnte ein
Franzose, der die Stadt besuchte, von den Direktoren der
sttädtischen Kaufmannschaft sagen, sie wären die Priester der
zinzigen und höchsten Gottheit, welche die Basler verehrten.
Natürlich vermochten diese großen städtischen Industrien nur
bei kräftiger Ausfuhr zu gedeihen. Es entwickelte sich daher
alsbald ein nicht unbedeutender Handel: ein Direktorium der
Kaufmannschaft ist in Zürich 1662, in Basel 1670 bzw. 1682,
in St. Gallen 1678, in Straßburg 1686 ins Leben getreten.
Und dieser Handel ergoß sich vor allem ins innere Deutsch⸗
land. Die Ausfuhr ging dabei an erster Stelle auf die Frank⸗
furter Messen und nach Frankfurt überhaupt; denn hier fühlte
man sich vermöge des billigen Rheintransportes am ehesten
kräftig genug, mit den Franzosen zu konkurrieren; um 1670
hielten allein die Basler Seidenmanufakturisten 359 Schiffe
auf dem Rheine zum Verkehr nach Frankfurt. Daneben
richtete sich die Ausfuhr aber auch nach Bayern und ster⸗
reich, nach Augsburg, Wien und Graz, sowie nach Ungarn.
Und sie nahm in dieser Richtung, wie namentlich nach dem
inneren Deutschland, sehr beträchtlich zu, als die Verwüstungs⸗
züge Ludwigs XIV. seit 1689 vielfach zu Störungen und
Verboten des französischen Imports in Deutschland führten.
Das ganze System aber blieb von nun ab auf lange Zeit
im 18. Jahrhundert und noch darüber hinaus die Grund—
— DO—
Städte, insbesondere Basels, und erst sehr allmählich wurde
        <pb n="152" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 141
wiederum besonders der schweizerische Handel durch die zu⸗
nehmende Schutz- und Prohibitivpolitik der deutschen Terri⸗—
torien wie auch der schweizerischen Städte, namentlich Berns,
eingeengt und benachteiligt.

Wie aber dem wirtschaftlichen Emporkommen der nord⸗
deutschen Städte, insbesondere Hamburgs, eine schöne Blüte
geistigen Lebens entsprach, so fand sich dieselbe Erscheinung
zuch im Süden ein. Zwar drang, zum großen Teile infolge
des Refugiantenwesens, fast überall eine erbärmliche französische
Sprachmengerei vor, und nirgendswo mag in der ersten Hälfte
des 18. Jahrhunderts das Durcheinander von Deutsch und
Wälsch schlimmer gewesen sein als eben in der Schweiz: aber
anderfeits wissen wir doch von Zürich, daß schon im 17. Jahr⸗
— lehrtätigen Jugend eingeschult
war und beinahe die Hälfte der Bevölkerung lesen und schreiben
konnte; und Basel war in dieser Zeit bereits wiederum der
Sitz ernster Wissenschaft. Und als dann über die geistige
Ode der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hinweg im
18. Jahrhundert ein neuer Morgen der Dichtung und der
schönen Literatur über Deutschland anbrach, da haben ihn an
erster Stelle Bürger Basels und Zürichs nicht minder begrüßt
als die Bürger Hamburgs und Bremens!.
4. Nach dem Bilde der Entwicklung des Bürgertums,
das wir bisher kennen gelernt haben, war in Deutschland
zöheres bürgerliches Dasein um 1650 im allgemeinen erstorben;
—V des deutschen Wesens befand
sich oasenhaft noch eine Anzahl von Städten, in denen die
Motive des Verfalls durch besondere neue Ursachen des Auf⸗
schwunges gegengewogen worden waren, und die daher noch
Träger einer größeren und fortschreitenden bürgerlichen Kultur
hlieben: Hamburg, Bremen, auch Lübeck, Danzig und Königs⸗
berg einerseits und anderseits Basel und Zürich, auch allen—
falls Straßburg und Frankfurt.

S. dazu Bd. VII, 320 ff.
        <pb n="153" />
        42

Zweiundzwanzigstes Buch.
Allein dies Bild ist nicht vollständig. Aus besonderen
Gründen hoben sich auch in Mitteldeutschland noch gewisse
Städte aus dem allgemeinen Gang der Dinge heraus und
zeigten eine Richtung auf glücklichen Fortschritt.

Im ausgehenden Mittelalter war Deutschland handels—
geschichtlich dadurch charakterisiert gewesen, daß es zwei von⸗
einander verschiedene Verkehrsgebiete aufgewiesen hatte: das
oberdeutsche und das niederdeutsche; und von ihnen war das
eine nach Italien gewandt gewesen, während das andere sein
Antlitz den nordischen Meeren zukehrte. Eine lebhaftere Ver—
bindung zwischen beiden Gebieten hatte, durch den Rhein ver—
mittelt, nur im Westen bestanden; und auch in Antwerpen
hatten sich schließlich oberdeutsche Kaufleute und Hansebrüder
getroffen. Daneben gab es dann wohl noch einige andere Ver⸗
bindungen in süd-nördlich kreuzender Richtung, so die Linie
Nürnberg —Leipzig—Halle über das Fichtelgebirge und noch
weiter im Osten die Straßen von Prag nach Pirna und von
Wien nach Breslau, aber sie hatten nicht eben viel zu be—
deuten gehabt; ist doch für die westlichste und noch wichtigste
derselben bezeichnend, daß der Verkehr den Main herauf für
den Norden fast nichts bedeutete, sondern von Würzburg aus
vornehmlich über Nürnberg nach Regensburg und nach der
Donau ausstrahlte.

Unter dieser Ungunst der Lage war Mitteldeutschland in
der Geschichte des Verkehrs zurückgetreten; es war ein ruhiges,
gleichsam neutrales Gebiet zwischen den beiden großen Handels—
zebieten geworden, und sein Handel war zunächst wesentlich
aur der begrenzte der mitteldeutschen Gegenden untereinander
geblieben.

Diese Lage begann sich nun gegen Schluß schon des
Mittelalters etwas zu ändern. Vor allem machte sich geltend,
daß Deutschland nunmehr, nach der Kolonisation des Ostens,
wenn auch alle Ströme des Mittellandes und Tieflandes nach
Norden fließen, dennoch unter allen Umständen einer großen
Handelslinie aus dem kultivierteren westlichen Mutterlande mit
seinen Manufakten nach dem neuen Osten mit seinen Rohprodukten
        <pb n="154" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 1438
bedurfte. Und dazu kam, daß nach beginnendem Verfall des
oberdeutschen und mitteldeutschen Handels und nach dem Über⸗
gange des Welthandels an die atlantischen Küsten Deutsch-
land, auf sich angewiesen, immerhin einer großen Pulsader
seines inneren Verkehrs nicht entraten konnte: die dann, zu—
nächst auf deutsche Bedürfnisse begrenzt, auch inmitten des
deutschen Landes verlaufen mußte.

Nun bestand seit Urgedenken ein Völkerweg von Frank⸗
furt am Main durch die Wetterau hinauf zu dem Passe des
Hörseltales bei Eisenach, der zwischen Thüringer Wald und
hessischen Bergen hindurch nach Osten führt, und von da
nach der alten Hauptstadt des Thüringerlandes, Erfurt, und
weiter zur Salzstadt Halle. Es war der Weg, den umgekehrt
schon die Scharen Ariovists gezogen sein werden, der jeden⸗
falls den Germanen Südwestdeutschland eröffnet hat; und es
ist derselbe Weg, den nach der Völkerschlacht von Leipzig die
flüchtenden Scharen Napoleons wie die verfolgenden der
alliierten Mächte durcheilt haben. Es war der Weg, der auch
dem stärker erwachenden mitteldeutschen Handel dienen mußte;
schon deshalb, weil er seinen Ausgang von dem überaus
günstig gelegenen Frankfurt nahm, dem Schnittpunkt der vom
Oberrhein und der Schweiz, vom Niederrhein und Holland
wie von Frankreich und dem deutschen Westen zusammen⸗
laufenden Straßen.

Aber neben diesem Wege, der ursprünglich an den Grenzen
des alten deutschen Mutterlandes, in Halle etwa, abbrach, kam
für den mitteldeutschen Handel noch ein anderer Verkehrszug in
Betracht, der, in noch höherem Grade durch die geographischen
Bedingungen des Landes vorgeschrieben, von vornherein über
die Grenzen des deutschen Mutterlandes hinauswies.

Der große mitteldeutsche Zug unserer Gebirge, den die
Alten mit dem Namen der herzynischen Waldes bezeichneten,
wie er über Teutoburger Wald, Harz, Thüringer Wald, Erz⸗
gebirge und Sudeten bis zum mährischen Gesenke streift, bietet
jedem Verkehr in den trockenen Hängen der nördlichen Vor⸗
derge bei noch leicht überschreitbaren Flüssen von vornherein die
        <pb n="155" />
        —2—

Zweiundzwanzigstes Buch.
wichtigste Stütze dar. Und dieser Zug ist auch noch gegliedert.
Drei Buchten begrenzen ihn und schneiden in ihn ein, Stätten
milderen Klimas, üppigeren Wachstums, dichterer Bevölkerung:
die Bucht von Köln, die von Leipzig und die von Breslau,
die Verkehrsgebiete des unteren Rheins, der mittleren Elbe
und der oberen Oder. Und weiterhin, im einzelnen, grenzt
sich dieser Zug unserer Mittelgebirge erst recht mit tausend
Leinen und großen Buchten und Vorsprüngen gegen das Tief—
land ab: und wie Hafenstädte zweiten Ranges neben den
zroßen Emporien Köln, Leipzig und Breslau sammeln da
Städte wie die schlesischen Gebirgsstädte oder Görlitz, wie
Dresden oder Braunschweig den Verkehr und lassen ihn in
Gebirg und Tiefland wiederum ausstrahlen. Was Wunder
also, wenn im Verlaufe des alten herzynischen Gebirgszuges,
diesen nördlich begleitend, auch ein zusammenhängender großer
Straßenzug entstand? In den Zeiten der Kolonisation des
Ostens wird er zum erstenmal deutlicher wahrgenommen; eben
auf ihm sind die Siedler der vlämischen Gebiete und des
Niederrheins bis nach Schlesien vorgedrungen.

Aber auch das war klar, daß eine Vereinigung der Straße
Frankfurt — Halle und der Straße Niederrhein — Braunschweig
deipzig —Breslau sehr leicht war: und Leipzig war es, in dem
ich beide Straßenzüge schließlich trafen und kreuzten. Es ist das
erste Moment, das Leipzig zum Hauptemporium mindestens für
das Mitteldeutschland des 17. und 18. Jahrhunderts bestimmt
hat. Aber dazu kam noch ein zweiter ebenso wichtiger Anlaß.

Mit dem zunehmenden Übergewicht Norddeutschlands, das
allein sich der See und damit dem neuen großozeanischen Ver—
kehr öffnete, und dem wirtschaftlichen Verfalle Italiens hatte
sich der oberdeutsche Handel je länger je mehr auf den An—
schluß nach Norden angewiesen gesehen. Und hier ergab sich,
da der Rhein bald gesperrt wurde und Hamburg schon im
Verlaufe der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als der
eigentliche große Seehafen Deutschlands emporkam, als Haupt—
aufgabe, einen möglichst bequemen und direkten Weg von
Dberdeutschland nach Hamburg zu finden. Er mußte, da
        <pb n="156" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 145
Nürnberg der Kreuzungspunkt des Weges Adria— Brenner—
vaß — Norddeutschland und des Weges Ungarn — Donau—
Mainmundung —Rheingebiet war, über Nuürnberg führen, und
x konnte von Nurnberg aus Hamburg nur auf dem Wege
über Hof, Fichtelgebirge und Leipzig gewinnen. So erhielt
denn Leipzig einen wichtigen Anschluß auch nach Süden und
wurde damit zum Knotenpunkte überhaupt der größten natio⸗
nalen Handelsstraßen des 17. und auch noch des 18. Jahr⸗
hunderts.

Ja schließlich kam der Stadt auch noch ein dritter, wenn
auch etwas weniger bedeutender Vorteil zugute. Der mittel⸗
deutsche Verkehr im Süden des herzynischen Walles hatte so
lange keine Schwierigkeiten gehabt, als er sich nur auf die
Manlinie beschränkte. Aber von der Zeit ab, da sich das
deutsche Wesen jenseits Böhmens in Schlesien fortsetzte, wurde
das anders: sollte es nicht zu einer Verkehrslinie Frankfurt —
Eger — Prag — Breslau kommen? Da war nun das für Leipzig
Vorteilhafte, daß dies nicht oder in nur sehr geringem Maße
geschah. Böhmen mit seinen Randgebirgen und dem weit⸗
ausgebreiteten Gebiete einer fremden Sprache hinderte den
direkten Verkehr. Vielmehr ging der mittelrheinisch-schlesische,
sowie der main- und oberfränkisch-schlesische Handel schon seit
dem 14. Jahrhundert über das Fichtelgebirge und auf einer
Straße Hof — Zwickau — Chemnitz — Freiberg — Dresden nach
Breslau. Es war der Weg, auf dem sich das merkwürdig
atime Verhältnis Nürnbergs zu Breslau herstellte; wie viel
Nürnberger Familien haben nicht jüngere Zweige in Breslau
ind von dort aus teilweise sogar in Krakau erblühen sehen!
Ja von Breslau her gingen selbst nach Venedig bestimmte
Waren gelegentlich den soeben geschilderten Weg über Nürn—
berg.

Nun passierte aber dieser Verkehr dicht bei Leipzig vorbei;
und man begreift das Bestreben der Leipziger Handelsherren,
ihn zu dem kleinen Umweg über Leipzig und damit auf die
Leipzig⸗ Breslauer Route zu zwingen. Es ist ein Bestreben,
das auf der Höhe der Leipziger Entwicklung Erfolg hatte:

Lamprecht,. Deutsche Geschichte. VIII. 1. 19
        <pb n="157" />
        146

Zweiundzwanzigstes Buch.
— D——
deutschen Handels im weitesten Sinne gelten.

Nun versteht es sich von selbst, daß an all den genannten
mitteldeutschen Handelsstraßen ein neues bürgerliches Leben
emporzukommen begann — so sind spätestens seit dem 18. Jahr—
hundert z. B. Eisenach, Erfurt, Chemnitz, Zittau, Bautzen,
Görlitz rasch wachsende Städte gewesen — und wie besonders
die großen Kreuzungs- und Endpunkte aufblühten, allen voran
Leipzig, in zweiter Linie auch Frankfurt und Breslau. Dabei
machte sich aber zugleich der alte Unterschied unserer Kultur⸗
intensität von Westen nach Osten zu geltend; am frühesten ge⸗—
wann Frankfurt, dann blühte auch Leipzig empor; Breslau
endlich hat neben einem reichen Dasein schon im 18. bis
17. Jahrhundert, als dessen sublimiertestes Ergebnis die
schlesischen Dichterschulen des 17. Jahrhunderts erscheinen, den
materiellen Hauptaufschwung doch erst im 18. Jahrhundert,
in Verbindung mit einer anderen Kombination erlebt, in der
Berlin zum erstenmal eine größere Rolle spielte, und von der
später die Rede sein wird.

Für Frankfurt kommen aber außer den geschilderten Be—
ziehungen auch noch, wenn nicht gar überwiegend, die rheinischen
Verkehrszusammenhänge in Betracht. Und hier zeigte noch die
erste Hälfte des 16. Jahrhunderts ein beinahe völlig ungetrübtes
Bild. Zwar war Frankfurt damals noch kein Kapitalmarkt;
aur gelegentlich diente es den großen oberdeutschen Geldfürsten
als solcher, und noch 1577 bezeugen die Fugger, Frankfurt sei
ein Platz, „allda man wenig mit Bargeld, sondern meist mit
Waren handelt“. Um so gesunder aber entwickelte sich der
Warenhandel während der Blütezeit der südlichen Niederlande,
gehoben auch durch die Einwanderung nicht unbedeutender
Kapitalien mit den Refugianten, denen Familien wie die
Deneufville, Gogel, Gontard, de Bary, du Fay, Leerse, Passa—
vant, Sarrasin angehörten. Die Waren kamen dabei den
Rhein herauf und gingen dann weiter das Werratal hinauf
ins Hessische und nach Mitteldeutschland, ferner den Main
hinauf nach Nurnberg, auch wohl mit Benutzung des Neckar—
        <pb n="158" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 147
tales nach Ulm und Augsburg und nach anderen Stätten
altberüuhmten Handels und Gewerbes und endlich durch das
Oberrheintal nach der Schweiz und nach Straßburg.

Vor allem aber konzentrierte sich der Verkehr in mehreren
großen alljährlichen Messen. Schon im Jahre 1557 werden
diese Messen als die bedeutendsten aller deutschen Märkte be—
zeichnet; es heißt, daß in ihnen Kaufleute aus ganz Deutsch⸗
land, aus Flandern, England, Frankreich, Polen, Italien,
Ungarn und Rußland zusammenströmten. Ihren vollen Auf—
schwung aber nahmen diese Messen doch erst nach der Zer—
störung des Antwerpener Verkehrs (1575). Zwar erlangte
hierdurch zunächst Köln ansehnliche Bedeutung; 1566 wurde
hier eine Börse errichtet. Indes der Kölner Verkehr blieb
unregelmäßig und entwickelte sich um so weniger zu dauernder
Höhe, als der Rat der Stadt bald gegen die protestantischen
Flüchtlinge aus den Niederlanden, mit die Hauptträger der
Jeuen Entwicklung, einschritt. Der schließliche Nutzen fiel viel⸗
mehr Frankfurt zu.

Zum Warenhandel aber kam jetzt auch bald ein sehr an⸗
sehnlicher Geldverkehr, dessen Entstehen im wesentlichen darauf
zurückzuführen war, daß die Stadt für eine Konzentration
wenigstens des deutschen Zahlungsverkehrs besonders günstig
gelegen war. In diesem Zusammenhange wurde 1585 eine
feste Meßwährung geschaffen, indem sich die Kaufleute über
die Geldsorten, welche sie in Zahlung nehmen wollten, und
über deren Preise einigten. Später hat dann die Errichtung
eines „Meß-Skontros“ viel zu Vereinfachung des Zahlungs⸗
geschäftes beigetragen; und im Jahre 1614 wurde eine voll—
ftändige Börse errichtet.

An den Zahlungsverkehr aber schloß sich eine allgemeine
Entwicklung des Kapitalmarktes und ein mäßiges Anleihe⸗
geschäft an Fürsten und Städte an, auch wurden wohl Unter⸗
nehmen in Berg⸗ und Hüttenwerken oder Beteiligung an solchen
zgewagt.

Indes die Bedeutung des Geldmarktes ging doch schon
in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges wieder

10*
        <pb n="159" />
        148

Zweiundzwanzigstes Buch.
zurück; Ursache hierfür war einmal der Krieg selbst, vor allem
aber die gewaltig zunehmende internationale Bedeutung des
Amsterdamer Marktes seit etwa 1600. Frankfurt wurde jetzt
wenigstens als Kapitalmarkt im Grunde bald Trabant Amster—
dams, und erst im Anfange des 19. Jahrhunderts hat es sich
von dieser Abhängigkeit losgemacht.

Aber auch als Warenmarkt erfuhr die Stadt seit der
weiten Hälfte des 16. Jahrhunderts immer stärkeren Wett⸗
bewerb, wenn sie auch absolut noch immer kräftig genug ver—
blieb. Für die relative Geltung dieses Marktes und nament—
lich sein Verhältnis zu Leipzig wird es vielleicht als charakte⸗
ristisch betrachtet werden können, daß im Buchhandel, der sich
in den Messen von Frankfurt und Leipzig in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts monopolistisch organisiert hatte,
deipzig im Jahre 1604 zum erstenmal das Übergewicht über
Frankfurt erhielt.

Die Mächte indes, welche Frankfurt auf dem allgemeinen
Warenmarkt allmählich zurückdrängten, waren die Niederländer
und auch die Engländer, vor allem aber wiederum Amster⸗
dam, die Siegerin schon auf dem Gebiete des Geldmarkts.

Bereits nach Mitte des 16. Jahrhunderts waren Nieder-⸗
länder und Engländer den Rhein heraufgegangen; eben auf
hrem Auftauchen hatte von da ab mit die Blüte der Frank—⸗
fuͤrter Messen beruht. Bald aber beruhigten sich beide Nationen
nicht mit Frankfurt als letztem innerdeutschen Stützpunkt ihres
Handels; sie drangen weiter. So fanden sich z. B. die Nieder⸗
länder in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Basel
ein, und die Engländer errichteten eine Faktorei in Nürnberg.
Als besonders von niederländischen Refugianten begünstigt er⸗
scheint daneben, eine unmittelbarste Konkurrentin Frankfurts,
ehr bald die Stadt Mannheim.

Ubermächtig aber wurden diese Eingriffe der Fremden in
den heimischen, insbesondere den Frankfurter Handel seit dem
zewaltigen Aufsteigen Amsterdams, nachdem sich, seit Ende des
16. Jahrhunderts, die reichen staatischen Unternehmer von
Portugal befreit, durch eine Preisverminderung von 40 00
        <pb n="160" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 149
das Gewürzmonopol erzwungen und selbständige Verbindungen
mit Konstantinopel und der Levante gewonnen hatten. Und
sie blieben während des 17. und 18. Jahrhunderts übermächtig:
jetzt vornehmlich infolge des politischen Schicksals der Rhein—
mündungen. In dieser Hinsicht mußte bekanntlich Spanien
im Westfälischen Frieden das Zugeständnis machen, daß die
Schelde fur den Handel auf immer gesperrt bleiben sollte.
Es war eine Fesselung, die durch den Barrieretraktat des
Jahres 1715 noch verstärkt wurde und durch das ganze
18. Jahrhundert hin erhalten blieb. Damit wurden die süd⸗
lichen Niederlande unter der österreichischen Herrschaft so gut
wie verkehrslos, bis in den Jahren 1792-94 infolge der
französischen Eroberung durch ffnung der Scheldemündung
wieder die Möglichkeit des Handels, noch nicht aber dieser
selbst gegeben war. Die Vorteile dieser Entwicklung aber und
damit namentlich ein natürliches Monopol auf den westdeutschen
Zandel hatte auf fast zwei Jahrhunderte Holland. —

Ein freundlicheres Schicksal, das Glück, bis fast zum Aus⸗
Jange des 18. Jahrhunderts nicht bloß absolut, sondern auch
relaliv, im Verhältnis zu anderen deutschen Handelsplätzen,
zu wachsen, traf Leipzig!.

Leipzig war, sobald das System der großen Straßenzüge
Mitteldeutschlands ins Leben trat, das gegebene Zentrum
nindestens des mitteldeutschen Verkehres geworden. Ja noch
nehr: auf Linien, welche man von der Rheinmündung nach
Breslau, von Hamburg nach Wien, von Danzig nach Straßburg
ziehen mochte, und auf dem kürzesten Wege zwischen Schlesien
ind Westfalen, sowie Berlin und der Odermündung einerseits
und Nürnberg und dem Bodensee anderseits gelegen, wies es im
17. und 18. Jahrhundert alle Fähigkeiten auf, der kommerzielle
Mittelpunkt Deutschlands überhaupt zu werden. Es war eine
Gunst der Lage, die von einem so klugen Fürsten, wie Kur—
fürst Moritz von Sachsen, schon im 16. Jahrhundert erkannt
worden war; er hat die Absicht gehabt, Leipzig zu seiner

Vgal. zum folgenden Bd. VII, 301 ff.
        <pb n="161" />
        —

Residenz zu machen, und wollte in seinen kühnsten Träumen
in der Stadt seiner Wahl wohl schon die Hauptstadt eines
künftigen wettinisch-deutschen Reiches erblicken.

Leipzig ist in die ihm zufallende Stellung des 16. bis
18. Jahrhunderts in Kämpfen gegen Halle, wohin die alten
Salzstraßen führten, und gegen Erfurt, das alte thüringische
Handelszentrum, eingerückt. Diese beiden Städte erscheinen um
1500 als überwunden. Leipzigs große Meßprivilegien datieren
aus den Jahren 1497 und 1507; darunter vor allem das
Stapelrecht in der Form, daß unter Ungültigkeitserklärung
des Erfurter Stapelrechts „nun hinfür kein Jahrmarkt, Messe
oder Niederlage inner 15 Meilen geringsum die Stadt Leipzig
soll aufgerichtet und gehalten werden“. Damit war auch der
Straßenzwang gegeben und vor allem die Straße Hof—Dresden
lahmgelegt und hiermit wiederum der schlesische Handel an
Leipzig herangezogen. Befestigt wurde diese schon in der ersten
Hälfte des 16. Jahrhunderts günstige Lage Leipzigs dadurch,
daß in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts sich, vor Albas
Grausamkeit fliehend, eine Anzahl von niederländischen Re—
fugianten in der Stadt einfand, durch die die Industrie,
namentlich deren textile Zweige, wie z. B. die Sammet- und
Seidenweberei, mächtig gehoben wurden; daß weiterhin in
dieser Zeit die Stadt noch mehr als bisher das kommerzielle
Zentrum des unter Kurfürst Augusts Hand mächtig empor—
blühenden Kursachsens wurde, und daß endlich Kurfürst August
selbst im Interesse Leipzigs direkte Verträge mit Holland, damals
dem Standorte des Welthandels, anknüpfte.

Zugleich aber traten seit dem Schlusse des 16. Jahr⸗
hunderts auch die Bremer und namentlich die Hamburger Be—
ziehungen immer mehr in den Vordergrund: liegt doch Leipzig
ungefähr in der Mitte jenes Tieflandbusens der mittleren
Elbe, der sich zwischen den Absenkungen des Harzes, des
Thüringer Waldes und des Erzgebirges in das mitteldeutsche
Gebirgsland hineinbuchtet, und bildet es darum namentlich
für einen nach Süden gerichteten Hamburger Hinterlandshandel
die erste große Etappe. Ein solcher Hinterlandshandel aber
        <pb n="162" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 151
wurde für Hamburg mit dem Aufsteigen seines Hafenverkehrs
seit dem 17. Jahrhundert immer mehr Bedürfnis. Der damit
an Hamburg und Bremen anknüpfende Handel Leipzigs wurde
ann mit dem Aufschwung dieser Städte im 18. Jahrhundert
immer stärker.

Dazu kam, daß im 18. Jahrhundert auch Triest mächtig
emporstrebte und mit dem inneren Deutschland Verbindungen
suchte; in Leipzig trafen sich seitdem Importe der Nordseehäfen
und der Adria.

Und auch in der Stadt selbst und in ihrer näheren Um⸗
gebung entwickelten sich zahlreiche, namentlich gewerbliche
Lebensbedingungen eines großen Emporiums. Indem die
Stadt seit Anfang des 18. Jahrhunderts Hauptsitz des
deutschen Buchhandels wurde, entfaltete sich zugleich das Buch⸗
gewerbe. Und indem in dem sächsischen Kurlande die Porzellan⸗
nanufaktur in Meißen, die Baumwollenweberei in Chemnitz,
mannigfache kleinere Textilmanufakturen im Vogtland empor—
blühten: indem Kursachsen zum Hauptindustrielande auf
deutschem Boden erwuchs, wurden neue Grundlagen des all⸗
gemeinen Leipziger Handels geschaffen.

Unterbrochen wurde diese glückliche Entwicklung allerdings
durch einige schwere Schläge; vor allem durch den Dreißig⸗
ährigen Krieg mit seinem für die Stadt besonders ungünstigen

Verlaufe, dann auch durch die Versuche, 1675 in Braunschweig,
1687 in Magdeburg, 1702 in Halle Messen zu begründen.
Doch wurden all diese Fährlichkeiten glücklich überwunden;
trotz aller Ausraubung während des großen Krieges betrug
der gesamte Grundwert Leipzigs nach einem Kataster vom
Jahre 1640 noch immer etwa7 Millionen Mark; mitten in
Alen Kriegsnöten wurde 1685 die Börse begründet; und die
Versuche, anderweits Messen zu errichten, haben den Leip⸗
ziger Handel nicht erschüttert. Gleichwohl war die zweite
Halfte des 17. Jahrhunderts für Leipzig verhältnismäßig schwer
zu ertragen: und die volle, sich reich auslebende Blüte brachten
erst die folgenden Zeiten.

Freilich erwachte in diesen, im Verlaufe des 18. Jahr—
        <pb n="163" />
        152 Zweiundzwanzigstes Buch.
hunderts, schon der Konkurrent, der nun weit über Leipzig
hinausgewachsen ist: Berlin.

Je mehr der Osten sich entwickelte, um so mehr lag es in
der Natur der Dinge, daß die von Frankfurt am Main herauf⸗
kommende und Thüringen durchziehende Heerstraße sich über Leip⸗
zig direkt nach Osten fortsetzte: und so gab es in dieser Richtung
bald zwei wichtigere Wege, deren einer auf Frankfurt a. O., den
Umschlagplatz der mittleren Oder, und deren anderer auf Berlin
führte. Indem nun aber Berlin und Frankfurt a. O. sich zu
größeren Handelsplätzen entwickelten, und indem der Osten
überhaupt selbständig wurde, rückte für Leipzig die Gefahr
näher, daß dort einmal ein Emporium entstehen konnte, von
dem es in gleicher Weise abgelöst zu werden vermochte, wie
es Erfurt abgelöst hatte, und daß der Osten seinen Weg zur
See nach Hamburg direkt, anstatt über Leipzig, nehmen werde.

Von diesen beiden Gefahren rückte die letztere schon seit
Mitte des 17. Jahrhunderts, wenn auch langsam, näher.

Bereits 1651 ging schlesische und Lausitzer Leinwand nach
Dresden, um von hier auf der Elbe nach Hamburg verfrachtet
zu werden. Und ebenfalls schon um diese Zeit wurde der
Weg von Breslau über Frankfurt a. O. und Berlin nach
Hamburg von den östlichen Kaufleuten, deutschen wie polnischen,
ins Auge gefaßt; und eingeschlagen wurde er immer häufiger,
seitdem der Große Kurfürst den Neuen Graben, die Verbindung
von Oder und Spree, hatte herstellen lassen. Berlin gewann
damit infolge der zentralen Stellung auf der 150 Meilen langen
Verkehrslinie zwischen Hamburg und Breslau in der Tat eine
selbständige kommerzielle Bedeutung auf Kosten Leipzigs und
auch Frankfurts a. O.; seine Verbindungen erstreckten sich nun
bald die Havel, Spree und Elbe aufwärts nach Sachsen und
Böhmen, niederwärts nach Magdeburg, Luneburg, Hamburg,
Lübeck; auf der Oder aufwärts nach Schlesien und Polen,
abwärts nach Stettin und Pommern; und schon in den acht—
ziger Jahren des 17. Jahrhunderts wurde sein Wettbewerb
Leipzig fühlbar. Was diese Konkurrenz aber bald darauf zu
bedeuten hatte, zeigt schon der Aufschwung der Berliner Be—
        <pb n="164" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 153
oölkerung; Berlin hatte 1661: 6500, 1721 über 60 000, ca. 1760:
120000, 1777: 140 000 Einwohner.

Und zu der Konkurrenz Berlins trat dann allmählich auch
der Wettbewerb der brandenburgisch-preußischen Städte an
den großen Wasserstraßen der Saale und Elbe, Halles und
und Magdeburgs. Die Schwierigkeiten für Leipzig begannen
hier vor allem seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, mit der
Einführung des Schutzzoll- oder gar Prohibitivsystems in
Preußen und Hsterreich und den gleichzeitigen Versuchen beider
Staaten, die Wasserstraße der Elbe trotzdem ganz zu öffnen:
was sie bisher zugunsten des Leipziger Handels nicht gewesen
war. Allein die darin für Leipzig und bis zu einem gewissen
Grade fur Sachsen überhaupt liegende Gefahr wurde noch
einmal dadurch überwunden, daß dieser Drang von Norden
und Süden her die Bevölkerung des minder mächtigen Staates,
dem Leipzig angehörte, zwang, sich möglichst freiheitlich zu
entwickeln; einen unbegrenzten und völlig freien Schauplatz
zu bieten für die Vermittlung der Güter der hohen Kultur
Westeuropas und des kulturbedürftigen Ostens, sowie für den
Austausch der Erzeugnisse der seefahrenden Völker des Nordens
und des ackerbauenden Binnenlandes: vor allem aber selbst in
ununterbrochener Kraft wirtschaftlich vorwärts zu streben. Und
so kam es gerade infolge dieser Drangsale in Leipzig und
Sachsen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer
Blute der Industrie und des Handels, der nur in den Nordsee⸗
häfen seinesgleichen hatte: und der Beginn dieses Auf—⸗
schwunges wurde selbst durch den Siebenjährigen Krieg nicht
gestört, obwohl dieser Leipzig den Verlust seines alten Stapel⸗
rechtes und damit seiner privilegierten Verkehrsstellung brachte.

5. Wir haben die Anfänge der Manufaktur des 14. bis
16. Jahrhunderts, wie sie in den Städten und teilweise auch
schon auf dem platten Lande ihren Standort hatte, kennen
gelernt und gesehen, wie ihre weitere Entwicklung in dem all⸗
Jemeinen Rückgang der deutschen Volkswirtschaft in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Stillstande kam. Da lag es
        <pb n="165" />
        154

Zweiundzwanzigstes Buch.
denn in der Natur der Sache, daß dieser Stockungsprozeß nach
dem Dreißigjährigen Kriege langsam aufhören mußte, da man
nun wirtschafttich neuen Mut faßte: vorausgesetzt freilich, daß
in den Städten wenigstens noch Reste jener wirtschaftlichen
Kultur vorhanden waren, aus deren Boden die Manufaktur
im 14. bis 16. Jahrhundert erblüht war.

Traf nun diese Voraussetzung zu? Waren die Vor—
bedingungen einer lebenskräftigen Manufaktur, weite Absatz⸗
möglichkeit und stärkeres Unternehmerkapital, wirklich noch
porhanden? Nur an wenigen Orten konnte man ihren Be—
stand nach jeder Richtung hin anerkennen, so sehr sich trotz
allen Unglückes Straßen und Transportverhältnisse verbessert
— —
Gedeihen der deutschen Volkswirtschaft allein abhängig war;
und im ganzen doch nur mühsam streckten sich, vor allem in⸗
folge Kapitalmangels, zunächst die einmal entwickelten Zweige
der Manufaktur vorwärts.

Am besten scheint es verhältnismäßig noch jenen zumeist
besonders alten Hausindustrien — denn fast nur um Manu—
faktur im Sinne der Hausindustrie handelte es sich einst⸗
weilen — ergangen zu sein, in denen sich ursprünglich Heim—⸗
arbeiter und hausierende Vertreiber oder wenigstens nur wenig
kapitalreiche kaufmännische Verleger gegenüberstanden: in
solchen Industrien war eine gewisse Blüte auch nach dem Falle
des deutschen Aktivhandels gewährleistet, da doch der Absatz
für sie in besonderer Weise organisiert war; auch bedurfte
es in diesem Falle bei der großen Anzahl der Vertreiber für
jeden einzelnen nur geringen Kapitalbesitzes. um das Gewerbe
aufrecht zu halten.

Daher sehen wir im 17. und 18. Jahrhundert vor allem
jene Manufakturen von neuem gedeihen und weiter empor—
kommen, die fern von den großen Städten zumeist in minder
ergiebigen Mittelgebirgsgegenden seit alters eigenständig ent—
wickelt waren, und von denen man in früherer Zeit neben
der geräuschvolleren Kunde über die städtischen Schwester⸗
entwicklungen nur wenig gehört hatte. Ihre Blüte spricht sich
        <pb n="166" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 155
auch in einer Fortbildung ihrer Verfassung aus. Diese ging
der Hauptsache nach dahin, daß die kaufmännischen Verleger
allmählich kapitalreicher wurden und sich dann gern zu einer
besonderen Genossenschaft, die meist Zunft genannt wurde,
zusammenfanden und als solche den Heimarbeitern, die nicht
selten auch in freien Verbänden organisiert waren, entgegentraten.
So haben z. B. die Messerschmiede von Ruhla in Thüringen im
15. Jahrhundert sämtlich Messer und Gabeln bis zur Beschalung
erzeugt und sie auch selbst beschalt und vertrieben. Im Beginne
des 17. Jahrhunderts dagegen übernahmen besondere Meister
die Beschalung und den Vertrieb. Diese taten sich dann bei
steigender Wohlhabenheit zu einer besonderen Korporation zu—
sammen, wie auch die Schmiede eine Zunft bildeten; und nur
wenige Leute blieben als Doppelmeister in beiden Innungen.
Ein Jahrhundert später entwickelte sich dann aus den Doppel—
meistern und aus besonders vermögend gewordenen Beschalern ein
eigener, nun ganz kaufmännischer und kapitalistischer Verleger—
stand; notwendig aber wurde dieser durch die Erschließung
immer entfernterer Absatzgebiete, die nunmehr Reisen bis nach
Stockholm, Riga und Breslau erforderten: also durch eine
erhöhte Blüte des Gewerbes. Ahnlich ist die Entwicklung der
schlesischen Leinwandindustrie verlaufen. Hier verkauften, nach—
dem die Produktion schon im 16. Jahrhundert zugenommen
hatte, die Landweber vor dem Dreißigjährigen Kriege nach
Jauer an Kaufleute, die dann die Leinwand ursprünglich
einzeln weiter vertrieben. Aber bald war es diesen Kaufleuten
möglich, die Leinwand an Faktoren niederländischer und eng—
lischer Firmen, die bis nach Jauer kamen, im großen abzusetzen,
worauf diese Faktoren die Jauersche Zwischenstelle beseitigten,
indem sie direkt auf dem Lande aufzukaufen begannen: es schien
zu einer unmittelbaren Abhängigkeit der Manufaktur von der
fremden Ausfuhr kommen zu sollen. Diese Möglichkeit der
Entwicklung aber ging in den zwanziger Jahren des 17. Jahr⸗
hunderts durch verschärften Wettbewerb der Fremden unter—
einander verloren; und nun kam es zu einer Umwälzung im
Verlegertum, indem sich die 17 wichtigsten Leinwand- und
        <pb n="167" />
        156

Zweiundzwanzigstes Buch.
Schleierhändler! Hirschbergs im Jahre 1658 zu einer Innung
zusammenschlossen. In Landeshut ist dann im Jahre 1677 eine
ähnliche Innung begründet worden. Die Folge war eine
steigende Blüte der Manufaktur bis zur Eroberung Schlesiens
durch Friedrich den Großen. Noch klarer fast liegt aber dieser
Entwicklungsgang in der Solinger Industrie vor. In ihr
sonderte sich Ende des 17. Jahrhunderts, trotz versuchter Gegen—
wirkung der Düsseldorfer Regierung (1687), eine handelnde
Klasse von der arbeitenden ab und begründete einen „besonderen
und vornehmeren Teil der Fabrik unter dem Namen von privi⸗
legierter Kaufmannschaft“.

Und ähnlich, nur später, verliefen die Dinge auch in der
Uhrenindustrie des Schwarzwaldes, in der sich die Uhren⸗
vertreiber im Jahre 1771 in der Zahl von etwa einem halben
Hundert zu einer kartellartig geschlossenen Kompagnie zusammen⸗
taten, sowie in der Achatindustrie des Idartals, wo die Gold⸗
schmiede, welche die Steine faßten, um 1780 zu Verlegern ge⸗
worden sind.

Indes begann sich neben diesen ihrer Bildung nach viel⸗
leicht ursprünglichsten aller Hausindustrien, die gerade jetzt,
in der Verfallszeit der städtischen Kultur, aus der ländlichen
Zurückgezogenheit emportauchten, in der sie groß geworden
waren, doch auch die Hausindustrie der Städter wieder zu regen.
Denn noch war nicht alles Kapital in dem Strudel der sinkenden
Volkswirtschaft des 16. Jahrhunderts und der Kriegswirren
des 17. Jahrhunderts zugrunde gegangen; ja hier und da hatte
sogar Zufall und Raub, Zusammensterben großer Geschlechter
und Anteil an kriegerischen Soldunternehmungen zur Bildung
neuer großer Vermögen geführt. Und seit Beendigung des
großen Krieges begann von neuem eine intensivere Kapital-—
bildung, in deren Verlauf französische und sonst wälsche Re—
fugianten wie wohlhabende Angehörige des deutschen platten
Landes, die in die Städte zogen, keine geringe Rolle spielten.
Wie nun diese wachsenden Vermögen anlegen? Nur das Ver—

Schleier — feinere Leinwand.
        <pb n="168" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 157
legertum schien dem Gewerbe sicheren Absatz, dem Kapitale
größere Rente verschaffen zu können.

Dazu kam, daß erst jetzt, im Gefolge des von außen her
eindringenden Merkantilismus, eine allgemeine volkswirtschaft⸗
liche Lehre Boden zu fassen begann, die der Manufaktur neben
dem zünftigen Handwerk sozusagen theoretisch das Dasein
sicherte: die Lehre vom Polypolium, von einer neuen Freiheit,
wonach jeder jede Hantierung treiben dürfe. Es war der volle
Gegensatz zu dem Monopolium, dem ausschließlichen Gewerbe⸗
privileg der Zünfte, das im Mittelalter, wenn nicht allent⸗
halben, so doch fast überall bestanden hatte.

Wandten nun städtische Kaufleute ihr Kapital an die
Manufaktur, so lag es in der Natur der Sache, daß sie dabei
mit Vorliebe an irgendwo schon bestehenden uralten Hausfleiß,
z. B. die Gewohnheit zu weben, anknüpften. Mit Rücksicht
auf diesen Zusammenhang waren schon im Mittelalter einige
Hausindustrien außerhalb der Städte gegründet worden, z. B.
die Textilmanufaktur in der Umgebung Ulms. Ein gutes Bei—
spiel, wie man diese Gunst der Lage aber auch später aus⸗—
nützte, bietet die Geschichte der Färber⸗ und Zeughandlungs—
kompagnie zu Calw in Württemberg. Diese Kompagnie war
auf Grund eines alten, schon im 16. Jahrhundert bedeutenden
Hausfleißes der Umgegend in der ersten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts errichtet worden. Der Italiener Crollalanza brachte
es dann fertig, für diese Industrie einen weiten Absatz im
Auslande zu finden und sie gleichzeitig durch Besserung der
Technik des Krämpelns, Webens und Färbens zu heben. Die
Händler, die zugleich das Färben besorgten, erscheinen hier
anfangs noch halb zünftlerisch geschlossen; seit 1626 treten sie
als „Färberkompagnie“ auf, d. h. vermutlich als kartellartige
Verbindung zu möglichst konkurrenzlosem Einkauf des Roh—
materials und zur Regelung des Absatzes. Ihnen boten die
ebenfalls zünftlerisch organisierten Weber von Calw wie der
umliegenden Gegenden ihre Erzeugnisse obligatorisch an und
erhielten dafür nach vorher gegangener Schau gewisse, genau
regulierte Preise.
        <pb n="169" />
        158

Zweiundzwanzigstes Buch.
Die Kompagnie hielt sich bis zum Schluß des 18. Jahr⸗
hunderts (1797), und sie beschäftigte in den letzten Zeiten gegen
6000 Personen.

Indes waren Entwicklungen von solcher Ausdehnung auf
deutschem Boden doch selten — erst in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts wurden sie häufiger —: und gerade in ihrer
Anknüpfung an schon weit verbreitete und mächtige wirtschaft—
liche Gewohnheiten setzten sie einen Unternehmungsgeist und
auch eine Höhe des Kapitals voraus, die nur ausnahmsweise
vorhanden waren. Häufiger dagegen kam es vor, daß man
auf dem platten Lande, womöglich in den Mittelgebirgen, wo
stärkere zünftlerische Konkurrenz fern und die Arbeitslöhne be—
sonders billig waren, aus kleinen Anfängen heraus Haus—
manufakturen einzurichten suchte. Eines der frühesten, noch
vor dem Dreißigjährigen Kriege liegenden Beispiele eines
solchen Vorganges bietet die Entwicklung der Schleierindustrie
im Vogtlande; diese Manufaktur ist um 1560 von Nurnberger
Kaufleuten begründet worden. Freilich hielt sie sich in dieser
ihrer ersten Einrichtung noch nicht; an die Stelle der Nürn—
berger setzten sich in Plauen heimische Verleger, und diese
traten nun nach Art der älteren hausindustriellen Ordnungen
im Jahre 1600 zu einer Innung zusammen, in der sie ihren
gegenseitigen Wettbewerb regelten. Auf dieser Grundlage ist
dann die vogtländische Textilindustrie emporgeblüht; zu der
Schleierproduktion, die sich schon von Jubilate bis Michaelis
1683 auf 198 Schock Flöre und 2752/4 Schock Schleier und
Halstücher belief, trat im 18. Jahrhundert die Fabrikation
baumwollener Stoffe, vor allem der Musseline. Mit der Aus—⸗
dehnung der Industrie über das ganze Vogtland ging dann
zugleich die zünftlerische Organisation der Arbeiter, soweit
sie noch bestanden hatte, fast ganz verloren, und auch der
korporative Zusammenhang der Verleger lockerte sich, zumal
mit der Ausbildung eines immer reicheren Verlegerstandes, zu
freieren Formen. Doch blieb der Name Innung für den Verein
der Verleger bestehen, und dieser selbst erhielt sich noch bis zum
Jahre 1843; im Jahre 1764 umfaßte er 80—90 Mitglieder.
        <pb n="170" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 159
die etwa 1000 Webstühle gehen ließen; und der Umsatz auf
der Leipziger Messe betrug 6000 Stück Ware im Werte von
36 - 40 000 Talern. Etwa 20 Jahre später aber hatte die
Innung 172—180 Verleger, die eine Industrie von etwa
24000 Köpfen beschäftigte.

Ähnlich wie die feine Leinenmanufaktur im Vogtland be—
fand sich im 17. Jahrhundert die Holz- und Spielwaren—
industrie des Thüringer Waldes in Sonneberg und Umgegend
in den Händen von Nürnberger Kaufleuten. Und auch in⸗
sofern wiederholte sich hier die vogtländische Entwicklung, als
sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Sonneberg selbst eine
eigene enge Korporation von Verlegern bildete.

Übersieht man all die autonomen Bildungsformen der
Manufaktur: die Überreste und Fortbildungen der städtischen
Manufaktur des 15. und 16. Jahrhunderts, die früher ge—
schildert worden ist, die ländlich- autonome Manufaktur ur—
sprünglich kleiner Leute, endlich die Manufaktur städtischer
Kapitalisten auf dem platten Lande, so gelangt man zu dem
Eindruck, daß, zumeist ganz im stillen, das Manufaktursystem
in der Form der Hausindustrie auf dem deutschen Boden der
zweiten Hälfte des 17..Jahrhunderts immerhin schon ziemlich
verbreitet war. Vor allem die Mittelgebirge hatte es, ab—
gesehen von Städten wie Zürich, Basel, Straßburg, Frank—
furt, Leipzig, Hamburg, Bremen, erfaßt: und hier boten
Schlesien und Sachsen, Westfalen und Württemberg die hervor⸗
ragendsten Standorte. Freilich ist auch in Württemberg und
in Thüringen, wie noch mehr in Franken die Hausindustrie
doch erst im 18. Jahrhundert völlig erwacht.

Konnte es nun aber bei dieser autonomen Entwicklung
aus den Kreisen des Bürgertums heraus bewenden? War
hier nicht recht eigentlich ein Gebiet gegeben, auf dem auch
fürstlicher Wille segenspendend, schöpferisch eingreifen konnte?
Die Frage wurde schon von den hervorragendsten national⸗
bkonomischen Denkern der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
bejahend beantwortet. So stellt z. B. Hörnigk in seinem Buche
„HOsterreich über alles“ (1684) fest, daß der gänzliche Verfall
        <pb n="171" />
        30

Zweiundzwanzigstes Buch.
Deutschlands in Handel und Industrie durch einen „allgemeinen
Reichsschluß zu Regensburg“ nicht mehr zu beseitigen sei; da—
gegen müßten die einzelnen Fürsten, jeder in seinem Lande,
„die wahre Landesökonomie durch bessere Einrichtung des Ge—
werbes und der Manufaktur sich empfohlen sein lassen“. Und
daß dabei vor allem an Manufakturen gedacht wurde, zeigen
AÄußerungen wie die Johann Joachim Beckers in seinem Poli—
tischen Diskurs, 1668: Die „Verläger sind vor Grundsäulen
aller Stände zu halten: von ihnen lebt der Handelsmann,
von-diesem der Bauer, von diesem der Edelmann, von diesem
der Landes-Fürst und von diesen allen wieder der Kaufmann“.

Gewiß war die Ansicht Beckers falsch, aber es bedurfte
eines solchen übertreibenden Enthusiasmus, um vorwärts zu
kommen, und er wurde von manchen Fürsten geteilt. So hat
Becker, soweit der gute Wille der Herrscher in Betracht kam,
nicht ohne Erfolg den Versuch machen können, in der Pfalz,
in München und in Wien Seidenmanufakturen ins Leben zu
rufen; dem Kurfürsten von Bayern hat er auch den Vorschlag
gemacht, eine für den Wollankauf des ganzen Landes bevor—
rechtete Gesellschaft zu errichten, die die Wolle dann durch in—
ländische Meister verweben lassen sollte.

Konnten aber diese Bestrebungen, nur von deutschen
Kräften getragen, allein aus sich heraus Erfolg haben? Es
ist eine Frage, die vielleicht am besten durch die Geschichte der
Versuche in Österreich beantwortet wird; denn waren hier
auch die sozialen Voraussetzungen, vorwärts zu kommen,
schlechter entwickelt als anderswo, da es an einem reicher
entfalteten Bürgerstande fehlte, so bestanden doch in dem Ein—
fluß und der Macht des Herrscherhauses und der Großräumig⸗
keit des Reiches Bedingungen, die in diesem Grade und Um—
fange sonst nirgends ins Gewicht fielen.

Für Osterreich hat Becker im Jahre 1666 den Plan
eines Kommerzienkollegiums ausgearbeitet, dessen Aufgabe
die „Einführung der Manufakturen und Vermehrung der
Kommerzien“ im Lande sein sollte. Er wurde auch genehmigt.
Darauf beabsichtigte man zunächst eine „Seidenkompagnie“ zu
        <pb n="172" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 161
gründen; sie sollte monopolistisch erzeugen und im großen ver—
kaufen: Stepp⸗- und Nähseide, Bänder, Zeuge, Seidenwaren
mit Wolle oder Leinwand gemischt, Sammet, Taffet,
Strümpfe u. a. m. Diese Kompagnie wurde im Jahre 1669
genehmigt. Aber sie kam wegen Mangels an Verlegern, und
das heißt wegen zu geringen Kapitalreichtums des Landes,
niemals zur Blüte. Darauf und daneben wurden dann aller—⸗
dings noch neue Pläne gefaßt, den Handel zu heben; u. a.
trat der Gedanke einer holländisch-österreichischen Weinhandels—
gesellschaft auf. Aber auch sie gelangen nicht; das Kapital
fehlte. Und so schlief denn das Kommerzkolleg schließlich ein,
Becker wurde mit Undank gelohnt: der ganze Versuch war
mißlungen.

Nicht viel besser erging es aber auch bei einem zweiten
Versuche Beckers Schwiegersohn Hörnigk, der im Jahre 1687
das Buch „Osterreich über alles, wenn es nur will“ heraus—
gab; er verwies auf England, Sachsen, Brandenburg als Vor—⸗
bilder, erstrebte ein Verbot aller fremden Industriewaren, vor
allem der Erzeugnisse der Wollen-, Leinen⸗ und Seiden⸗
manufakturen, wie der sogenannten französischen Waren: „diese
vier Manufakturen seyend die vielfräßige Raub-Thiere, so allein
uns jährlich auf 16 und mehr Millionen Gulden aus dem
Beutel hinwegführen.“ Nur bei einem strikten Verbot der
Einfuhr mindestens aus diesen Industrien, so behauptete er,
würden sich entsprechende heimische Industrien begründen lassen,
da für diese sich sonst kein Kapital finden werde.

Aber auch Hörnigks Anstrengungen waren vergebens. Es
entstanden nur einige traurige Anfänge österreichischer Groß—
industrie: die Spiegelfabrik zu Neuhaus 1701, eine Olmühle
in Wien 1709; im ganzen blieb alles beim alten.

Woran lag nun eigentlich die Schuld an dem Mißlingen
dieser ersten Einführungen größerer Manufakturen in Oster⸗
reich während mehr als zweier Menschenalter? Das System
der inneren Begünstigungen schien im ganzen richtig zu sein;
man hatte bei der Begründung von Manufakturen den Wett—
bewerb mit der schon vorhandenen Erzeugung der einheimischen

Lamprecht, Deutsche Geschichte VIII.1 4
        <pb n="173" />
        —

Zweiundzwanzigstes Buch.
Gewerbe möglichst zu vermeiden gesucht, und so hatte fast
durchweg die Herstellung nicht zünftiger Manufakte im Vorder—
grunde gestanden; man hatte ferner die jungen Gebilde auf—
kommender Manufakturen durch energischen Schutzzoll, wenn
nicht gar Einfuhrverbote nach außen hin und durch Verleihung
einer monopolistischen Stellung auch im Innern zu fördern
gesucht; man hatte endlich die für den größeren Vertrieb von
Manufakturerzeugnissen notwendigen Handelsverbindungen ge—
plant. Warum nun trotzdem der Fehlschlag? Man kann ihn
einerseits auf die ungenügende Durchführung der soeben
zusammengefaßten Maßregeln zurückführen: Reste mittelalter—
licher Wirtschaftseinrichtungen hinderten die freie Auswirkung
des Monopols und des Vertriebes; eine nicht genügend ver—
einheitlichte Verwaltung schwächte oder erstickte gar wohl—
gemeinte und gute Maßregeln der Zentralgewalt schon im
Keime. Aber daneben wirkten andere, tiefere Ursachen, die
auch bei tadelloser Durchführung der fürstlichen Politik große
Erfolge auf lange verhindert haben würden: vor allem der
Mangel an Kapital und Wagemut und damit an Unter—⸗
nehmern und die übermächtige Konkurrenz des Auslandes. Von
ihnen war der Kapitalmangel und die Mutlosigkeit wesent⸗
lich eine Folge der Vertreibung des protestantischen Bürger⸗
tums in der Zeit der Gegenreformation; mit der ausländischen
Konkurrenz aber hatte es folgende Bewandtnis.

Der Export von Manufakturwaren nach Mitteleuropa und
besonders Deutschland war bis zur ersten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts vornehmlich in italienischen Händen gewesen: denn
Italien war das früheste Land stark entwickelter Manufaktur.
Dann aber wurde das italienische Manufakt allmählich durch
das der billiger liefernden französischen Industrie verdrängt;
selbst die höchsten aristokratischen Kreise zogen allmählich die
Waren von Tours und Lyon, von Paris, Rouen, Chalons,
Rheims und Chartres denen Venedigs und der lombardischen
Städte vor; und selbst in feinen Tuchen, welche Deutschland
noch am längsten selbst erzeugt hatte, siegten schließlich die
Franzosen mit ihren leichteren, eleganteren und zugleich billigeren
        <pb n="174" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 163
Mischstoffen. So kam es schließlich in den Zeiten Colberts
zu einer gewaltigen Ausfuhr französischer Waren nach Deutsch—
land in Tuch, Hüten, Seide, Gold, Safran und Wein; und
eigentlich nur noch die holländische Einfuhr machte der fran—
zösischen stärkere Konkurrenz.

Was konnte man gegen diese Erscheinung tun?

Aus eigenen Kräften zu überwinden war sie höchstens an
Orten, in denen die Absatzmöglichkeit besonders günstig und
Kapitalreichtum vorhanden war; und das traf im Grunde
höchstens für die großen Städte der Schweiz, für Kursachsen
und für Hamburg zu. Im übrigen aber war man auf die
allmähliche Erziehung einer Konkurrenz höchstens noch in der
Weise angewiesen, daß man die fremden Industrien in ihren
Arbeitern selbst importierte: ein langwieriger Weg, der zudem
doch wieder viel Kapital erforderte und das kräftigste Ein—
greifen einer besonders befestigten Staatsgewalt voraussetzte.

In dieser schwierigen Lage kam nun der deutschen Ent—
wicklung wenigstens in den protestantischen Ländern eine ganz
besondere Gunst der Umstände zu Hilfe: der erneute Über—
tritt italienischer und besonders französischer Religionsflüchtlinge
auf deutsches Gebiet. Da kamen ja die Arbeitskräfte, deren
man bedurfte, ungerufen und noch mehr: die Refugianten
brachten auch vielfach noch das Kapital mit, dessen man zur
Begründung der neuen Industrien bedurfte.

Für die Einwanderung in Deutschland waren im 16. Jahr⸗
hundert vier große gegenreformatorische Ereignisse besonders
wichtig gewesen: die Regierung Marias der Katholischen in
England (1552 -1558), die Übersiedlung der italienischen
Locarner seit 1554, teilweise sogar schon in früherer Zeit, die
französischen Religionskriege seit 1562, wie sie besonders zu
den Verfolgungen der Waldenser führten, und die Herrschaft
Albas in den Niederlanden, 1567—-73. Alle diese Ereignisse
hatten protestantische Industrielle auf deutschen Boden geführt;
so kamen z. B. aus der Heimat Tizians und Veroneses die
Verfertiger der roten leuchtenden Sammetgewebe, überhaupt
der kostbaren Brokat-⸗, Sammet- und Seidenstoffe, nach Ulm,

11*
        <pb n="175" />
        164 Zweiundzwanzigstes Buch.
Nürnberg und Basel. Indes hatte sich diese Einwanderung
des 16. Jahrhunderts doch mehr an den Grenzen des deutschen
Wesens, im Rhein- und Donaulande, gehalten.

Weit tiefer drang und energischer war die Einwanderung
des 17. Jahrhunderts, wenn auch die Refugianten dieser Zeit
durchschnittlich wohl nicht so wohlhabend waren, wie die des
sechzehnten. Denn jetzt standen neben den reichen Manu—
fakturiers, d. h. Kaufleute-Fabrikanten, doch auch viele Hand⸗
werker. Die Einwanderung aber kam diesmal vor allem aus
Frankreich und war eine Folge vornehmlich des Ediktes von
Nantes, das einzelnen Gegenden des Landes die schwersten
Wunden schlug. So sank z. B. die Bevölkerung Lyons in
den Jahren von 1685- 98 von 90,000 auf 70 000, St. Etienne
verlor 2000 Einwohner, und in der Touraine sollen von
40 000 Seidenwebern nur 4000, von 8000 Seidenwebstühlen
nur 1800 übriggeblieben sein.

Was weiterhin diese Einwanderung auszeichnete, war die
Tatsache, daß sie vielmehr organisiert war als die früheren.
Und eben hier griffen die im Aufschwung zum Absolutismus
befindlichen protestantischen Staatswesen der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts tatkräftig ein. Lief das Bestreben der
deutschen Fürsten dieser Zeit sichtlich darauf hinaus, den
finanziellen Aufschwung ihrer Staaten durch wirtschaftlichen
Fortschritt herbeizuführen, so hatten sie sich doch bald über—
zeugt, daß dieser Fortschritt auf rein autonomem handels—
politischem Wege nach Lage der Dinge nur schwer zu erreichen
war. Deutschland, im Innern durch tausend Grenzzolllinien
zerrissen und in tausend verschieden behandelte Wirtschafts⸗
körper und Wirtschaftszellen zerfetzt, konnte selbständig weder
einen seiner Kulturhöhe angemessenen Binnenhandel entwickeln,
noch etwa gar sich am internationalen Handel würdig be—
teiligen: es blieb, innerlich gebunden, im Außenhandel eine
Beute der Fremden. So kam es vor allem auf Förderung
der Industrie an; und hier traten bei dem Verfalle des Zunft⸗
—DDD
in den Vordergrund. Überallhin wurden daäher eben diese
        <pb n="176" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 165
Einwanderer durch die Fürsten gerufen, so nach Hessen, wo
sie besonders in Hanau und Kassel eine neue Heimat fanden,
so nach Bayreuth, nach Sachsen, vor allem aber nach Branden—
burg (Edikte aus den Jahren 1667 und 1669, sowie vom
19. Oktober 1688). Sie erhielten dabei zumeist Zollfreiheit
zur Einfuhr ihrer Habe, Abgabenfreiheit auf zehn und mehr
Jahre, gewerbliche Privilegien, späterhin wohl auch die deut—
lich ausgesprochene Befreiung vom Zunftzwang, Vorschüsse zur
Anlage von Fabriken u. dgl. m. Es war eine Einwanderung,
der die katholischen Fürsten nichts entgegenzusetzen hatten, so
sehr später Karl VI. und Maria Theresia den Zuzug pro—⸗
testantischer Gewerbetreibender und Kaufleute gefördert haben:
sie entschied endgültig und für lange Zeit das wirtschaftliche
Übergewicht der Protestanten in Deutschland, soweit es nicht
schon vorher feststand. In Bayern z. B. ging die geringe
Industrie des Landes, soweit sie noch bestand, sogar noch im
18. Jahrhundert zurück.

In die protestantischen Länder aber brachten die Flücht⸗
linge die feinere Wollwebetechnik, bessere Färberei, die Uhr—
macherei, eine neue Goldschmiede- und Juwelierkunst, die
Spitzenklöppelei, die Passementweberei und Bandweberei, die
bessere Hutmacherei, die feine Lederindustrie, die Strickerei, an—
geblich eine spanische Erfindung des angehenden 16. Jahr—
hunderts, die Technik der kostbaren Sammet- und Brokat-
stoffe, die Seidenindustrie, die Tabakfabrikation, die Handschuh—
macherei u. a. m. Gewiß waren einige dieser Gewerbe schon
früher vertreten; indes zu voller Blüte gelangten sie doch erst
durch die protestantische Einwanderung des 16. und noch mehr
des 17. Jahrhunderts.

Zugute aber kam der mit der Einwanderung verknüpfte
Aufschwung zunächst vor allem Sachsen und Hamburg, bald
aber noch mehr Brandenburg. In Sachsen und Hamburg
waren gewisse Bedingungen des Gedeihens von vornherein
vorhanden: so Absatzmöglichkeit und größere Leichtigkeit im
Aufnehmen von Kapitalien. In Brandenburg-Preußen da—
gegen mußten solche Bedingungen erst entwickelt werden. Aber
        <pb n="177" />
        166

Zweiundzwanzigstes Buch.
das Land bot nach manchen anderen Richtungen überaus
günstige Aussichten in der zentralen Lage der Mark und der
Nähe des Meeres; und der Aufschwung Berlins im 18. Jahr—
hundert bezeugte bald, wie sie genutzt wurden.

6. Seit der zweiten Hälfte, vor allem aber seit der
Wende des 17. Jahrhunderts nahmen die wirtschaftlichen Ver—
hältnisse wieder einen anfangs leisen, dann wenigstens stärker
betonten Aufschwung. Insbesondere gilt das von den Städten,
dank der sich erholenden deutschen Einwohnerschaft, den Re—
fugiées und der Verkehrspolitik der Territorien. Eins der
beharrlichsten und wohl auch sehr frühen Anzeichen dieser
Wandlung war der immer wiederholt geäußerte Eindruck, wie
weit man doch eigentlich zurückgekommen sei, wenn man
gegenüber den jungen Regungen des Neuen die noch in die
Gegenwart hinein ragenden Reste verfallener Institutionen des
Mittelalters ansähe, und der Drang, vor allem in diesem
Zusammenhange und zugleich in der Richtung der Umbildung
solcher älteren Institutionen im Sinne moderner Bedürfnisse
zu bessern.

Nun waren diese Institutionen der Hauptsache nach, wie
wir wissen, doppelter Art: es waren die älteren, noch durchaus
der mittelalterlichen Stadtentwicklung entstammenden Zuünfte,
und es waren die erst später aufgekommenen Manufakturen.
Von ihnen waren die Manufakturen, in reiferen Zeiten des
Handels erzeugt, auf quantitative Arbeit und gleichmäßige
Erzeugung gerichtet, kapitalistische Unternehmungen, die sich
alsbald fortbildungsfähig zeigten, sobald Handel und Kapital—
bildung wuchsen. Und auch die Tatsache des Fortbestandes
der alten Zunftverfassung an sich widersprach ihrer weiteren
Entfaltung im 17. und 18. Jahrhundert noch nicht, da sie
mit ihrer Erzeugung meist in die Lücken der Zunftproduktion
eingeschoben wurden, mithin diese mehr ergänzten als an—
griffen.

Etwas anders stand es mit den Zünften. Diese, ur—⸗
sprünglich nur für einen mehr oder minder geschlossenen
        <pb n="178" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 167
Abnehmerkreis, ja vielleicht gar nur Kundenabsatz gedacht, den
Einwirkungen eines weitgreifenden Handels nicht andepaßt,
mit rein qualitativem Produktionsideal, dem Kapitalismus und
dem Begriffe des Unternehmertums zur Zeit ihrer Begründung
durchaus und auch später noch grundsätzlich fern, ließen sich
nicht so einfach fortbilden; vielmehr bedurfte es, sobald das
Wirtschaftsleben der Nation wieder anzog, ihrer wirklichen
Umbildung; und diese konnte bei ihrer historisch begründeten
Schwäche in der nunmehr bestehenden Volkswirtschaft mit Er⸗
folg nur für die Gebiete des Gewerbes eintreten, die von der
Manufaktur noch nicht in Besitz genommen waren.

Was war unter diesen Umständen das Schicksal der
Zünfte?

Auch der Meister noch des 16. Jahrhunderts war der
Regel nach keineswegs schon zum Unternehmer umgewandelt
gewesen, selbst nicht im kleinen. Nichts war vielleicht in dieser
Hinsicht bezeichnender als die Tatsache, daß damals sogar noch
in großen Städten die Baumeister um Tagelohn gearbeitet
hatten. So z. B. in Wien nach der Polizeiordnung von 1527;
uur als Ausnahme wird dem Baumeister da erlaubt, daß er
beständ und geding anemen“ möge. Das blieb nun auch
noch im 17. und 18. Jahrhundert zum großen Teile so —
ja, insofern man früher weiter fortgeschritten war, trat teil⸗
weise sogar eine Ruckbildung ein, denn im 18. Jahrhundert
zeigt sich ein großer Teil der Handwerker, auch in den Städten,
im Grunde sogar in Halbbauerntum versunken.

Gegen diese Entwicklung, gegen das Absterben und die
Entartung der Zünfte, wandte sich aber schon in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts ein großer Teil des Publikums,
das unter diesen Zuständen litt; und klar sehende Köpfe ver⸗
kannten nicht, daß es sich hier um tiefgreifende Reformen
handeln werde. Ausgehen aber konnten diese nach Lage der
Dinge nur von der Staatsgewalt. Und da erleichterte nun
schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die juristische
Doktrin ein entschiedeneres Vorgehen, indem sie schon früuh —
so Adrian Beyer bereits in zahllosen Schriften der Jahre
        <pb n="179" />
        168

Zweiundzwanzigstes Buch.
1689 —1695 — für die absolute Staatshoheit, sei es des
Reiches, sei es der Territorien, über die zünftigen Genossen⸗
schaften eintrat. Dementsprechend haben beim Reiche schon in
den Jahren 1666 — 1672 Beratungen über eine Reformation
der Zünfte stattgefunden, und etwas später wurden einzelne
territoriale Reformen versucht, so in Braunschweig-Hannover
1692, in Hessen 1693; vereinzelte Maßregeln sind auch sonst,
in Brandenburg z. B. unter Friedrich Wilhelm J., getroffen
worden.

Ausschlaggebend für die Durchführung einer allgemeinen
Reform wurden aber erst die Gesellenunruhen, die sich in der
Mitte der zwanziger Jahre des 18. Jahrhunderts an den ver⸗
schiedensten Stellen des Reiches erhoben: so haben z. B. 1724
die Schuhmacher in Wien, Mainz, Stuttgart, Würzburg und
Augsburg revoltiert. Die Gründe fur diese Gesellenunruhen
sind heute noch nicht mit völliger Sicherheit erkannt: war es
die Zunahme der Hausindustrie? oder der Geschäftsaufschwung
der Jahre 1720-302 Oder welche Hauptursache sonst? Sicher
ist, daß der Vorgang als etwas sehr Ungewöhnliches erschien.
Darum griffen die Staatsgewalten denn auch sehr entschieden
durch: in Osterreich kam es schon 1722, in Hannover 1723, in
Sachsen 1724 zu scharfen Edikten gegen Koalition und Arbeits
einstellung, und von Osterreich her verlautete sogar die Ab⸗
sicht, eine Generalgewerbe- und Zunftordnung zu erlassen.
Doch ging die Initiative seit 1727 an das Reich über, und
am 16. August 1731 erschien ein Reichsgesetz über die strittige
Materie: ein seit langer Zeit in diesen und verwandten Dingen
unerhörtes Ereignis.

In diesem Gesetze wird gegen den Übermut der Gesellen
vorgegangen, die vermöge ihrer interterritorialen Verbände die
Meister und das Publikum tyrannisiert und den Arbeitsmarkt
beinahe ganz an sich gerissen hätten. Ihre Korporationen
wurden so gut fast wie aufgehoben; die Gerichtsbarkeit wird
ihnen genommen; ihre Koalition zum Zweck terrorisierender
gemeinsamer Arbeitseinstellung soll als Komplott betrachtet
werden; sie behalten nur ihre Herbergen zur Stellenvermittlung,
        <pb n="180" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 169
ferner werden ihnen ihre Unterstützungs- und Krankenkassen,
sowie ihre kirchlichen Funktionen beim Begräbnis von Ge—
nossen u. dgl. belassen. Kurz: sie werden ihres alten genossen—
schaftlichen Zusammenhanges entkleidet und den Meistern mehr
in die Hände gegeben.

Charakteristisch aber war, daß, nachdem das Reich so
energisch gesprochen hatte, nun die Reichsstände zögerten, das
Gesetz auszuführen; jeder Stand fürchtete damit die Gesellen
aus seinem Territorium zu vertreiben und so die Industrie
des eigenen Landes zu schädigen. Schließlich aber griff man
dennoch durch.

Was dies Zaudern der Stände einigermaßen rechtfertigte,
war die Einsicht, daß es tatsächlich mit Maßregeln allein
gegen die Gesellen nicht getan war. Es bedurfte zugleich
der Reform der Stellung der Meister: erst nachdem diese
durchgeführt war, ließ sich ein besseres soziales Verhältnis
zwischen Gesellen und Meistern und damit zugleich wieder ein
gesetzlich wohl unterbauter höherer Aufschwung des Handwerks
erwarten.
Sehr bezeichnend ist da nun, daß das Reich in seiner
Kurzatmigkeit diese notwendige Fortsetzung der Handwerker⸗
politik den Territorien überließ. Nach Lage der Dinge hieß
das die Territorialisierung des Handwerks und die Umgestaltung
der Zünfte aus örtlich selbständigen Körperschaften in Korpo⸗—
rationen eines durch Territorialverordnungen schematisierten
oder reglementierten Daseins; der Staatsgedanke in territorialer
Ausbildung überholte damit in der gewerblichen Sozialpolitik
den Stadt- und Gemeindegedanken, und das örtliche Zunft⸗—
recht konnte nun bald nur noch als sinngemäße Anwendung
und Ergänzung allgemeiner fürstlicher Ordnungen erscheinen.

Die neue Territorialgesetzgebung für die Zünfte ist mit
am frühesten und sichersten in Preußen und nach preußischem
Muster in Sachsen durchgeführt worden. In Preußen wurden
zwischen 173834 und 1736 61 Generalzunftprivilegien, d. h. all⸗
gemeine Territorialzunftordnungen, neu ausgefertigt. In diesen
Ordnungen ist, abgesehen von gewissen neuen Vorschriften der
        <pb n="181" />
        170

Zweiundzwanzigstes Buch.
Jahre 1751 -55, die Handwerksgesetzgebung bis zum Jahre
1806 festgelegt worden; höchstens daß seit dem Tode Friedrichs
des Großen die physiokratische Verwaltung für eine etwas
liberalere Handhabung der bestehenden Gesetzgebung gesorgt
hat. In Sachsen aber wurde diese Gesetzgebung, wenn auch
mit gewissen fortschrittlichen Tendenzen, in den Jahren 1764
und 1780 aufgenommen.

Rascher sogar noch als in Preußen erschienen General—⸗
zunftordnungen in sterreich, fur Böhmen z. B. im Jahre
1731, für die Donauerblande und Tirol 1732; indes scheinen
sie nicht eben eifrig durchgeführt worden zu sein. Wirklich
einschneidende Reformen erfolgten erst seit 1740 unter Maria
Theresia und besonders nach dem Siebenjährigen Kriege und
nun wesentlich nach preußischem Vorbild. Darüber hinweg
ging dann die josephinische Zeit mit der fast ganz schon gewerbe—
freiheitlichen Normalverordnung des Jahres 1774; doch wurde
diese schwerlich irgendwo völlig durchgeführt; ja man wagte
nicht einmal sie amtlich zu veröffentlichen. Nach dem Tode
Josephs II. aber kam es zu einem besonnenen Zurücklenken in
die früheren ruhigeren Bahnen.

Wie in Preußen, Sachsen und Osterreich wurde auch in
den anderen wichtigeren Ländern eine territoriale Zunftgesetz-
gebung durchgeführt, so z. B. in Württemberg seit 1758, in
Baden seit 1760: rückständig verharrte allein das städte- und
gewerbsarme Bayern, wo die Zunfte in starrer Konsequenz
verknöcherten Fortvegetierens lokal geschlossen blieben und die
Gewerbebefugnisse schließlich geradezu einen in gewissen Familien
erblichen oder auf Grundstücke radizierten Charakter an⸗
nahmen — bis auch hier seit dem Jahre 1799 das Eis brach.

Das Charakteristische dieser ganzen Gesetzgebung aber war
nach der materiellen Seite hin, daß sie, indem sie die Zünfte
desselben Berufes innerhalb eines Territoriums der Haupt—
sache nach gleich organisierte, alle Formen mittelalterlicher
lokaler und korporativer Geschlossenheit vernichtete und damit
den Verkapselungsprozeß der Zünfte durchbrach, der seit dem
16. Jahrhundert der Entwicklung freierer Verkehrsformen auf
        <pb n="182" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 171
anderen Gebieten geradezu widersprochen hatte. So wird die
Begrenzung der Zahl der Meister, wenigstens zum großen
Teil, beseitigt; so werden die Hindernisse sozialen Charakters,
Meister zu werden, hinweggeräumt; so wird die unvernünftig
—
zeit der Gesellen und die Kostbarkeit des Meisterstückes. Ferner
werden alle Maßnahmen aufgehoben, die bisher auch den
loyalen Wettbewerb unter Zunftgenossen zu hindern bezweckt
hatten; es wird eine beliebige Anzahl von Gesellen für jeden
Meister, es wird teilweise Frauenarbeit, es werden Freimeister
außerhalb der Zunft zugelassen; und es wird die Möglichkeit
offen gehalten, daß reichere und energischere Meister zu Ver—
legern aufsteigen. Zu alledem verlieren die Zünfte ein gutes
Teil ihres alten obrigkeitlichen Charakters: ihre Gerichtsbarkeit
wird ganz beseitigt und ihre Disziplinargewalt über Lehrlinge
und Gesellen begrenzt; nur die polizeiliche Funktion der Waren⸗
und Werkstattschau bleibt ihnen erhalten.

Natürlich wurden die Zünfte damit zu etwas ganz anderem,
als sie ehedem waren; sie sind von jetzt ab nur noch gewerb⸗
liche Korporationen, die unter einem territorialstaatlichen
Gewerberecht stehen; und dies Gewerberecht regelt sowohl die
Prozesse ihrer gewerblichen Arbeit, wie auch die sozialen Be—
ziehungen zwischen den einzelnen Klassen der Zunft, den Meistern,
den Gesellen, den Lehrlingen. Dies neue Recht aber ergab
sich bald als eine in die fortschrittliche Wirtschaftsentwicklung
des 18. Jahrhunderts durchaus dauerhaft verankerte Schöpfung;
noch die preußische Gewerbeordnung vom Jahre 1845 hat im
wesentlichen nur den Charakter einer Folgeentwicklung aus ihm
heraus gehabt; und außerhalb Preußens ist es in vielen und
wichtigen Teilen Deutschlands bis um die Mitte des 19. Jahr⸗
hunderts, ja darüber hinaus, erhalten geblieben.

Und gewiß war mit dieser Gesetzgebung eine Liquidation
der spezifischen Betriebsformen des mittelalterlichen Gewerbes
durchgeführt, soweit eine solche durch den Grundsatz schon
weit freierer wirtschaftlicher Bewegung im 17. und 18. Jahr⸗
hundert erfordert wurde. Offener aber, klarer und selbständiger
        <pb n="183" />
        172 Zweiundzwanzigstes Buch.
wirkten dieselben freiheitlichen Neigungen und Bedürfnisse sich
noch in einer Gesetzgebung der Manufaktur aus, da hier der
Widerstand älterer sozialer Bildungsformen fast gar nicht in
Betracht kam, sondern von der Grundlage weit modernerer, ja
vielfach eben erst entstandener Bildungen aus geschaffen werden
konnte.
Gewiß gab es schon aus der Zeit vor 1650 eine nicht
unbedeutende Anzahl von Manufakturen, die teils auf dem
Boden kapitalistisch erweiterten städtischen Zunftbetriebes, teils,
durch Befruchtung mit städtischem Kapitale, in den Gebieten
uralten ländlichen Hausfleißes, teils auch in Gegenden des
platten Landes mit besonders billigen Löhnen auf freie Initia⸗
tive von Großbürgern benachbarter Städte, teils sonst auf
irgendeine Weise entstanden waren; es ist von ihrer Ent—
wicklung schon die Rede gewesen. Aber es waren ihrer bis
zum Beginne etwa des 18. Jahrhunderts doch nicht so viele,
daß nicht neben ihnen auch diejenigen Manufakturen eine große
Rolle gespielt hätten, die bis dahin und noch mehr im 18. Jahr⸗
hundert unmittelbar fürstlichem Eingreifen ihr Dasein ver—⸗
dankten.

Und so war für die Territorialstaaten eine zeitgemäße
Regelung des Manufakturwesens, die sogenannte Reglementie—
rung, nicht eben schwer, um so mehr, da es sich, gegenüber
den Zünften, um an sich weniger zahlreiche, wohlbekannte und
wohlbegrenzte Institutionen handelte.

Die Entstehung der Manufaktur hatte sich nicht ohne enge
Anlehnung an die ältere Betriebsform der Zunft vollzogen.
Und das war vom sozialen Standpunkte aus ein Segen ge—⸗
wesen: die scharfe Scheidung, welche die spätere Entwicklung
des modernen Wirtschaftslebens zwischen Verleger und Arbeiter
gezogen hat, war zunächst noch nicht eingetreten. So lange
Verleger und Arbeitsmeister noch demselben Verbande an—
gehörten, mußten die Verleger doch vor allem auch Meister
sein, rückten tüchtige Arbeiter noch unter die Verleger auf,
nahm das kaufmännische Element im Unternehmertum noch
nicht eine entscheidende und triumphierende Stellung ein.
        <pb n="184" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 173
Nun ließ sich freilich diese äußerlich noch zünftige Organi⸗—
sation einer grundsätzlich schon modernen Unternehmungsform
nirgends leicht aufrecht erhalten, wie sie denn auch in den
freientstandenen Manufakturen des platten Landes zum Teil
gar nicht mehr auftrat; überall strebten im Grunde Arbeiter und
Verleger bereits auseinander. Es war nicht anders möglich: auf
der einen Seite standen Leute, die die Welt kannten, zahlungs⸗
fähig, Absatz besorgend, Kredit gebend, zugänglich für technische
Fortfchritte, höher gebildet, geistig beweglich: — auf der anderen
Seite handelte es sich um kleine Meister, Kleinbürger und
Bauern, Gebirgsleute, Weiber, Kinder, vielfach in Neben⸗
beschäftigung arbeitend, von beschränktem Horizont, ohne
Kapital, ohne technische Ausstattung, ohne Sinn für Organi⸗
sation, ohne Kenntnis der Mode und der Absatzwege: um
einen geistig noch ungewandten Teil der Bevölkerung.

Indes auch wo sich Verleger und Arbeiter trennten, er—
gab fich doch zumeist nicht schon ein rein kapitalistisch-subjekti⸗
bisches Verhältnis der beiden Gruppen zu einander. Vielmehr
traten sie sich zunächst nur wiederum in gesonderten zunftmäßig
— Gegenüber⸗
stellung entwickelte sich vielfach auch da, wo die Manufaktur
nicht aus einer unmittelbaren Weiterbildung der Zunftverfassung
hervorgegangen war. Vor allem die Verleger einigten sich auf
diese Weise gern korporativ: zur Regelung des eigenen Wett⸗
bewerbs in gemeinsamer Festsetzung der Verkaufspreise und der
Höhe der Erzeugung, zur Auffindung von Erprobungsweisen
der Markteigenschaften der Waren u. dgl. m.

Allein auch dies Stadium der Entwicklung währte nicht
lange; war an Stelle einer ersten Entwicklungsstufe, auf der
ein korporatives Band, ein genossenschaftlicher Zusammenhang
noch Arbeiter und Verleger beherrscht hatte, zunächst eine zweite
getreten, die sich einer elliptischen Bildung mit zwei Brenn—
punkten vergleichen ließ, so strebten nun die einzelnen In—
dividuen aus der doppelten Körperschaftsbildung auch jedes
für sich hervor; die Verleger streiften die korporative Fessel
ab und suchten auch die zunftmäßige Bindung der Arbeiter,
        <pb n="185" />
        174

Zweiundzwanzigstes Buch.
nicht selten unter deren Mitarbeit oder wenigstens passiver
Haltung, zu beseitigen.

Es ist ein Streben, das hier und da schon seit dem Aus—⸗
gange des 17. Jahrhunderts hervorbricht, das sich auf die nach
dem Dreißigjährigen Kriege immer stärker entwickelte Lehre
vom Polypolium, von der Freiheit, „daß jeder jede Hantierung
treiben dürfe“, stützt, und das im 18. Jahrhundert immer
mächtiger in der Richtung auf volle Gewerbefreiheit anschwillt.
Und gerade unter seiner Betonung geht seit 1700 der er—
starkende Kapitalreichtum des Bürgertums hoffnungsvoll und
unternehmend an die Förderung der Manufaktur heran.

Wie sollte sich nun der absolute Staat zu dieser Ent⸗
wicklung verhalten? Es war eine überaus wichtige Frage:
führte sie doch grundsätzlich schon auf die andere hin, wie sich
denn der Staat zu dem Übergange aus dem alten Arbeits—
recht des zünftlerischen Handwerks zu dem Kapital- und Risiko—
recht des Unternehmertums stellen solle.

Einer ersten Lösung dieses Problems hatten sich die
Territorialstaaten schon gelegentlich des aufkommenden Kapita—
lismus des 16. Jahrhunderts unterzogen, und sie hatten damals,
in Zeiten noch wirtschaftlichen Aufschwungs, den politisch höchst
lehrreichen Ausweg gefunden, daß sie sich die neue Wirtschafts⸗
macht des kapitalistischen Unternehmens so viel als möglich
einverleibten: es ist die Zeit des Überganges zur staatlichen
Regie beim Bergbau, bei den Salinen, auch bei einzelnen
Manufakturen im engeren Sinne.

Aber hätte sich jetzt, nach dem Verfall der Volkswirtschaft,
dem Dreißigjährigen Kriege und seinen Folgen, in den Zeiten
erst sehr langsam wieder steigenden Kapitalreichtums der Nation,
diese Politik von neuem ein- und durchführen lassen? Der
politische Absolutismus in Deutschland war dazu wohl mächtig,
aber nicht reich genug; nur vereinzelt wurde daher und zu⸗
meist nur für Luxusindustrien, nicht für volkswirtschaftlich so

wichtige Betriebe wie etwa den Bergbau, die Politik des alten
Regalismus fortgesetzt.

Anderseits aber galt es, den Volkswohlstand zu heben:
        <pb n="186" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 175
schon die fast noch rein fiskalische Politik des 17. Jahrhunderts
und der ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts ging auf
dieses Ziel aus. Man erreichte es, indem man neben die
Regie die Praxis der Konzessionen setzte: kapitalkräftige Unter⸗
nehmer erhielten, oft mit Unterstützung des Staates, doch in
der Hoffnung auf späteren reichlichen Gewinn aus ihren Be—
trieben, das ausschließliche Recht, bestimmte Manufakturen zu
betreiben.

Wenn man aber privilegierte, lag es da nicht nahe, sich
auch die Regelung des Betriebes mindestens im Sinne einer
starken Aufsicht, womöglich aber in Form des Erlasses eines
Reglements für den ganzen Betrieb, vorzubehalten? Die
Konzession neuer Manufakturen führte von selbst zu deren
Reglementierung.

Aber auch für die alten Manufakturen brach sich diese
Reglementierung Bahn. Sie lag in der Luft schon als
Analogiebildung zu der alten städtischen Reglementierung der
Zunfte, der dann ja eine territoriale und im gewissen Sinne
noch im 18. Jahrhundert sogar eine Reichsreglementierung ge⸗
folgt war.

Sie drängte sich aber vor allem auch auf, seitdem sich
Meister und Verleger in geschlossenen Korporationen gegenüber⸗
standen und nicht selten die Vermittlung des Staates in ihren
Streitigkeiten anriefen, und sie schien zur Notwendigkeit zu
werden, als die Auflösung dieser Korporationen im 18. Jahr⸗
hundert häufiger wurde, hiermit Unternehmer und Arbeiter
in reinen kapitalistischen Wirtschaftskampf untereinander ein⸗
zutreten drohten, und gleichzeitig der Staat sich mit dem ersten
großen Gedanken sozialer Fürsorge erfüllte.

So kam es denn also jetzt darauf an, in den Reglements
nicht bloß technische und wirtschaftliche, sondern auch soziale
Fragen zu lösen — und diese Aufgaben boten sich jetzt nicht
nur für die ursprünglich zünftig organisterten, sondern für
jederlei Art von Manufakturen dar. Die gewaltigen, hier
auftauchenden Probleme sind von den Territorialstaaten des
18. Jahrhunderts in einer eingehenden Einzelgesetzgebung ge—
        <pb n="187" />
        176 Zweiundzwanzigfstes Buch.
löst worden, der Regel nach so, daß jede Manufaktur für sich
nach den für sie insbesondere nötig erscheinenden Vorschriften
eine Verfassung erhielt.

Unverkennbar ist da, daß in der Aufstellung fast aller
dieser Verfassungen noch das Vorbild der Zunftverfassung
nachwirkte. Und war es nicht in der Tat in seinen alten
kommunistischen Grundtendenzen wenigstens zur Lösung der
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auftauchenden sozialen
Beschwerden wie geschaffen? Eben seinem Einflusse auf die
Reglements ist es zumeist zu danken, daß sich im 18. Jahr⸗
hundert fast überall die Lage der Arbeiter verbesserte; und
durch ihre Auflösung im 19. Zahrhundert ist zunächst der
vierte Stand fast überall in seiner Entwicklung zurückgeworfen
worden.
Die einzelnen Reglements, wie wir sie in allen einiger—
maßen industriellen Territorien des 18. Jahrhunderts entstehen
sehen, und wie sie teilweise bis in die erste Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts zurückreichen, bieten nun bei der Verschiedenheit der
einzelnen Manufakturen als Ganzes einen ebenso bunten An—
blick dar, wie die Zunftordnungen des Mittelalters, zumal sie
häufig erst durch Zwischentreten der beteiligten Regierungen
oder ihrer Organe, des Rats, des Amtmanns, des Kommerz⸗
kollegiums, also auf dem Wege der Ausgleichung von Streit—
fällen irgendwelcher Art, entstanden sind. Gleichwohl ergibt
sich ihr wichtigster Inhalt als gemeinsam und läßt sich auf
einen kurzen Ausdruck bringen. Und da stellt sich etwa das
Folgende heraus:

Zunächst liegt in den Reglements noch der Gedanke vor,
entsprechend der Einschrumpfung der deutschen Handelsgebiete
selbst noch im 18. Jahrhundert, die Produktion der durch⸗
schnittlichen Nachfrage und ihren dauernden Veränderungen
anzupassen: Begrenzung der Zahl der Verleger, Heimarbeiter,
Faktoren, auch der erzeugten Waren; Verbot der plötzlichen
Vermehrung der Heimarbeiter bei kleinsten Besserungen der
Geschäftsaussichten, sowie des Lohndrückens bei schlechter Kon⸗
junktur.
        <pb n="188" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 177
An zweiter Stelle wird die Technik gesichert; es erfolgen
ins einzelnste gehende Anweisungen für die Erzeugung, der
Rohstoff wird nach Qualität und Quantität vorgeschrieben;
die Güte des Erzeugnisses durch bestimmte Zeichen und be—
stimmte Namen gewährleistet. Endlich wird eine Reihe rein
— —
Zahlung in schlechtem Gelde, der ungerechtfertigten Lohn—
abzüge sowie jeglicher Form von Auswucherung und Lohn—
kreditlierung; Entwicklung von ständigen Organen zur Regulie—
rung der Höhe des Lohnes und des Preises der vom Verleger
dem Heimarbeiter gelieferten Rohstoffe.

Drittens ist es die Absicht, den Wettbewerb unter Ver—
legern wie Heimarbeitern zu regeln. Die Heimarbeiter sollen
nur für den Verleger, nicht für den Markt produzieren, und
namentlich das Hausieren wird ihnen verboten; dem Verleger
aber werden durch Taxen und andere Maßregeln Schleuder⸗
konkurrenzen unmöglich gemacht.

Man sieht, wie diese Reglementierung, wenn auch in
vielen Punkten schon durchaus modern, doch im ganzen zwischen
dem, was heute als der Gegenwart nützlich betrachtet wird,
und den Anforderungen fruherer Zeiten, vielleicht mit einem
Ausschlage zugunsten der Gegenwart, noch ungefähr die Mitte
hält. Noch wird von der Obrigkeit beträchtlich auf die Qualität
der Ware gesehen; noch ist der Gedanke, daß eine Erleichterung
des Absatzes um jeden Preis notwendig sei, nicht voll ent—⸗
wickelt; wir hören wenig von seiner Verwirklichung durch Zu—
lassung einer freieren Stellung der Verleger, durch unmittelbar
mit den Manufakturen in Verbindung gesetzte stetige Maß⸗
nahmen der Zoll- und Verkehrspolitik. Freilich gab es auf
diesem Gebiete Schattierungen innerhalb der Maßnahmen der
einzelnen Staaten; die sächsische und fränkische Politik nähert
sich mehr den modernen, die preußische mehr den mittelalter—
lichen und den Gedanken noch des 16. und teilweise 17. Jahr⸗
hunderts. Indes neben der Absicht, die Qualität der Ware
zu sichern, läuft doch schon überall die Auffassung her, es
komme für die meisten Industrien vor allem darauf an, mehr

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 12
        <pb n="189" />
        i78

Zweiundzwanzigstes Buch.
als den territorialen Markt zu gewinnen; es sei der Vertrieb
ins territoriale Ausland wenigstens einigermaßen zu regeln;
und es bedürfe zum Absatz der Manufaktur weit verbreiteter
distributiver Gewerbe, insbesondere eines auch ins kleinste ent—
wickelten Handels. Und auf diesem Gebiete wurde nun doch
schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das
Wünschenswerte erreicht. Etwas mißmutig erkennt es Möser
in seinen Patriotischen Phantasien (1775) an: „Die Krämer
haben sich (seit hundert Jahren) gerade dreifach vermehrt und
die Handwerker unter der Hälfte verloren. Der Eisenkram
hat den Kleinschmied, der Bureau- und Stuhlkram den
Tischler, der Goldkram den Bortenwirker, der goldene, härene,
gelbe und weiße Knopf den Knopfmacher und Gelbgießer ver—⸗
dorben. Und kann man sich eine Sache gedenken, womit der
Krämer jetzt nicht heimlich oder öffentlich handelt?“

Dabei kam aber in der Reglementierung der Manufakturen
keineswegs bloß die Förderung von Luxusindustrien in Be—
tracht, wenngleich auch diese vorwärts gelangten, sondern es
handelte sich um die Pflege der wichtigsten Gewerbe des Landes
überhaupt. Vor allem die Textilindustrien im weitesten Sinne
standen da in Frage: die Leinenindustrie in Schlesien, die
nach England, Holland, Spanien, Westindien vornehmlich
über Hamburg exportierte; die vogtländische Schleierindustrie;
die Strumpfwirkerei in Thüringen (Apolda, reglementiert seit
1713) und in Oberfranken (Erlangen, nicht zeitig genug
reglementiert und darum vorfrüh verfallen); vor allem aber
die altnationale Wolltuchindustrie, die sich vielleicht am meisten
in Sachsen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu
neuer Blüte hob: in den Jahren 1765 und 1774 ist man
—D
Merinozucht (Elektoralschafe) geschritten. Es war ein Auf—
schwung, der sich immer deutlicher in dem wachsenden in—
dustriellen Charakter einiger deutschen Gegenden aussprach;
wir finden in der zweiten Hälfe des 18. Jahrhunderts im
Wuppertal schon eine Bevölkerung von 5000 Seelen auf die
Geviertmeile, von 3000 in Kursachsen und im Herzogtum
        <pb n="190" />
        Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 179
Württemberg, während im Königreich Preußen nur 1000 und
in Pommern gar nur 800 Seelen auf die Geviertmeile ge—
zählt wurden. Und es war ein Aufschwung, der Deutsch—
land tatsächlich aus dem Zustande Polens, Rußlands und
Skandinaviens mit ihrem Mangel an Pflege der Industrie
herausriß und den Manufakturländern des europäischen Westens,
Frankreich und England, annäherte.
        <pb n="191" />
        Neue Gesellschaft, nenes Seelenleben.

1. In der soeben beendeten Schilderung der wirtschaft—
lichen Entwicklung vornehmlich vom Dreißigjährigen Kriege
bis ins 18. Jahrhundert hinein sind die einzelnen Entwicklungs—
reihen beinahe verbindungslos nebeneinander gestellt worden.
Es entspricht dem Stande der Forschung, die, Deutschland als
Ganzes betrachtet, noch nicht weiter fortgeschritten ist als bis
zur Herstellung von allerdings teilweise trefflich behauenen
Bausteinen für die Wirtschaftsgeschichte dieser Zeiten.

Läßt sich aber nicht doch schon der allgemeine Verlauf
wenigstens in seinen wichtigsten Zügen feststellen? Eben aus
der Betrachtung der Einzeldarstellungen des vorigen Abschnittes
her in Verbindung mit einigen allgemeinen Beobachtungen darf
es versucht werden.

Da ist denn die erste, unbezweifelte und charakteristische
Tatsache, daß die deutsche Volkswirtschaft seit dem 16. Jahr—
hundert etwa durch vier Menschenalter hindurch bis mindestens
in die Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege in ein bedenk—
liches, ja bedrohliches Stocken geraten war.

Es ist eine Erscheinung, die Deutschland mit dem ganzen
kontinentalen Europa teilte, dem mittleren wie dem östlichen,
mit Italien, Ungarn, Polen und auch Rußland, soweit von
diesem schon gesprochen werden darf. Und insofern fiel sie
natürlich nicht Ursachen der inneren, spezifisch heimischen
        <pb n="192" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 181
Entwicklung zur Last, sondern der allgemeinen Erscheinung
der Verlegung der Welthandelsstraßen an die westliche, at—
lantische Seite des Erdteils, wie sie Folge des Zeitalters
der Entdeckungen war. In diesem Zusammenhange haben,
während die Staaten der iberischen Halbinsel nur vorüber—
gehend befruchtet wurden, die Niederlande, England und
Frankreich, indem sie sich ohne Stockung, und zwar teilweise
iberaus rasch, fortentwickelten, im 17. und 18. Jahrhundert
die deutsche Volkswirtschaft überholt: und der Vorsprung,
den der Westen Europas damit erhielt, ist auf gewissen Ge—
hieten der Wirtschaft, namentlich aber der äußeren Lebens-—
haltung und auch des Geisteslebens, selbst heute noch nicht
oöllig eingeholt.

So weit aber die innere deutsche Entwicklung in Frage
kam, blieben aus dem Verfalle des 16. und der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts heraus bis tief hinein ins 18. Jahrhundert
gewisse Ursachen noch weiter wirksam, um eine rasche Erholung
auch dann noch zu verhindern. Der Aufschwung, der jetzt zu
erwarten war, konnte, wie schon die Fortschritte der Nieder—
lande, Englands und Frankreichs einmütig bekundeten, nur
durch Entfaltung eines immer stärkeren Wirtschaftslebens der
Unternehmung erfolgen: also durch Belebung der Manufaktur
his zur Umgestaltung in eine volle Fabrikindustrie und durch
freiheitliche Fortentwicklung des Handwerks. Es waren, wie
wir wissen, die Wege, die man neben der Erweiterung des
HZandels auch tatsächlich in Deutschland eingeschlagen hat. Um
sie sicher zu wandeln, bedurfte es aber zweier Dinge: stärkerer
Kapitalien zur Entwicklung der industriellen Produktionsmittel
und stärkerer Bevölkerung zur Rekrutierung des nötigen
Menschenmaterials für größere industrielle Betriebe. Waren
nun diese beiden Voraussetzungen ohne weiteres gegeben?
Wir wissen, wie die großen Vermögen des 16. Jahrhunderts
sich vornehmlich in Kriegsausleihen an fremde Mächte er⸗
schöpft hatten; später haben dann die Verwüstungen des
Dreißigjährigen Krieges noch letzte Reste zerstört, während die
Kosten der Entwicklung stehender Heere nach ihm eine neue
        <pb n="193" />
        i82

Zweiundzwanzigstes Buch.
Kapitalbildung zu produktiven Zwecken lange Zeit be—
einträchtigten: erst im Laufe des 18. Jahrhunderts ist es
recht zum Erwerb neuer Produktivkapitalien gekommen. Was
aber die Bevölkerung angeht, so hatte sie während des 17. Jahr—
hunderts mehr wie irgendwo sonst durch die furchtbaren Jahre
des großen Krieges gelitten: was wollen demgegenüber auch
anderswo vorhandene Schädigungen des wirtschaftlichen Be—
völkerungsstandes durch Ausbildung des Söldnertums der
stehenden Heere, durch Auswanderung, durch große Hungers—
nöte und Sterben, ja selbst durch Religionsverfolgungen be—
fagen! Mehr wie ein anderes Land hatte daher Deutschland
hier nachzuholen und zu bessern; und dies war um so schwerer,
als das 18. Jahrhundert dem 19. an Lebensdauer der Genera⸗
tionen und auch an Zahl und Fruchtbarkeit der Ehen nach—
stand: kein Wunder, daß der Peuplierungsgedanke den deutschen
Regierungen durch mehr als ein Jahrhundert nach dem Dreißig⸗
jährigen Kriege ständig im Sinne gelegen hat.

Indes seit Anfang des 18. Jahrhunderts war der Be—
völkerungsverlust des Dreißigjährigen Krieges dennoch ersetzt;
schon kam es in einigen besonders volksreichen Gegenden, der
Pfalz und Württemberg, zu erneuter Auswanderung nach
anderen Ländern Europas, ja über das große Wasser; und
mußte man um diese Zeit für die stärker erwachende Industrie
noch Landstreicher und Zwangshausinsassen als Arbeiter pressen,
so bildeten sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts doch
schon größere Anfänge einer industriellen Arbeiterschaft. Es ist
die Zeit, in der zugleich die größeren Städte mehr zu wachsen
begannen, allen vorweg Berlin, das 1740: 68000, 1750:
39000, 1755: 100 000 Einwohner zählte und damit Nürnberg
und Dresden, Danzig und selbst Hamburg um mehr als die
Hälfte überholt hatte, wenn es auch gegen Wien oder Venedig
und Rom oder gar Amsterdam, Paris und London noch immer
zurückblieb.

Zu gleicher Zeit aber, seit etwa 1740, waren die An—
zeichen erneuter und zunehmender produktiver Kapitalbildung
schon augenscheinlich. Der große Soziologe Süßmilch ver—
        <pb n="194" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 183
fichert am Schlusse seiner Betrachtungen über die wirtschaft⸗
lichen Verhältnisse Deutschlands (in der Göttlichen Ordnung
in den Veränderungen des menschlichen Geschlechtes, 1741 ff.),
Deutschland befinde sich, kleiner Mängel unerachtet, in einem
blühenden Zustande; aus den siebziger Jahren des 18. Jahr⸗
hunderts liegen Nachrichten vor, die auf eine bedeutende
Steigerung der Lebenshaltung seit etwa vier Jahrzehnten
schließen lassen, und von da ab hat ein wachsendes Wohl⸗
hefinden bis zum Schlusse des Jahrhunderts und bis zu dem
zroßen politischen Zusammenbruche im ersten Jahrzehnt des
19. Jahrhunderts obgewaltet.

Zieht man aus alledem einen Schluß, so kann es nur
der sein, daß mit etwa dem zweiten und dritten Jahrzehnt
des 18. Jahrhunderts eine erste, wenn auch noch bescheidene
Höhe des modernen Wirtschaftslebens der Unternehmung er⸗
reicht war, unter deren Fortdauer das ganze 18. Jahrhundert
derlaufen ist. Und dem entsprechen auch die Einzelvorgänge
der Wirtschaftsgesetzgebung, von denen gegen Ende des
vorigen Abschnittes erzählt wurde. Deutlich streben sie schon
dem Ideale einer subjektivistischen Freiheit des Wirtschafts⸗
lebens, dem Gedanken vornehmlich der freien Konkurrenz zu,
ja sie regeln diese bereits in den primitiven Formen der
Reglementierung; nicht erst mit der Steinschen Reformgesetz⸗
gebung und verwandten Vorgängen ist die Nation grund⸗
fätzlich in das Wirtschaftsleben der Unternehmung eingetreten,
soudern schon zwei bis drei Menschenalter früher, in den Jahr⸗
zehnten von 1720 etwa bis 1740. Und auch für das Wirt—
scchaftsleben des platten Landes hat, wie später zu erzählen
eein wird, die Liquidation der mittelalterlichen Verhältnisse
nicht erst im 19. Jahrhundert, sondern schon mit den ersten
Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts begonnen. Daß dabei nicht
Asbald ein voller Umsturz der alten Rechtsordnung erreicht
wurde, lag in der Natur der Dinge, zumal es eine bekannte
Tatsache ist, daß jede neue Stufe der Volkswirtschaft, und
nicht am wenigsten die des Wirtschaftslebens der Unter⸗
nehmung, sich immer noch lange im Rahmen einer Ordnung
        <pb n="195" />
        184

Zweiundzwanzigstes Buch.
entwickelt hat, die so gut wie jedes Rechtsverhältnis verbot,
dessen sie zu ihrem Dasein bedurfte.

Und so ergibt sich denn als Schluß, daß die Entwicklung
des modernen Wirtschaftslebens der Unternehmung auch in
Deutschland nicht erst als mit dem 19. Jahrhundert, sondern
als schon mit dem 18. Jahrhundert, ja der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts beginnend anzusetzen ist: und um 1720
bis 1740 bereits ist das Emporblühen einer ersten Entwicklungs⸗
periode zu setzen.

Freilich: die vollen Formen des modernen Wirtschafts⸗
lebens wies deshalb diese Zeit noch keineswegs auf. Was ihr
fehlte, das hat gegen ihren Schluß niemand tiefer wenn auch
symbolisch erfaßt als Goethe, der sich in seiner amtlichen Stellung
als ein Mann von nicht gewöhnlicher wirtschaftlicher Einsicht
bewährt hat. Wenn er Faust am Ende seines Lebens sein
geistiges Dasein der Umwelt, ja dem Erdkreis kolonisierend
aufprägen läßt, so stellt er ihm dazu die Kenntnis von Zauber—
kräften zur Verfügung, deren Wirkungen er in seiner frühesten
Periode in einsamer Zelle erprobt hatte. Was dem 18. Jahr⸗
hundert, was der ganzen ersten Periode des modernen Wirt—
schaftslebens noch fehlte, das waren die Wunder der Technik.
Im Faust ist das dadurch gleichsam auch wissenschaftsgeschichtlich
ausgedrückt, daß der Held des Dramas als noch in der pandy—
namistischen Zauber⸗ und Wundernaturwissenschaft des 16. Jahr⸗
hunderts lebend gedacht ist. Das 17. Jahrhundert aber hatte
gegenüber dem Pandynamismus des 16. Jahrhunderts schon
den Mechanismus Galileis und Newtons erstehen sehen: und
in ihm die wissenschaftlichen Urgrundlagen der modernen Technik.
Und alsbald hatte auch deren Ausgestaltung begonnen, wenn
auch zunächst fast nur auf englischem Boden. Deutschland
speziell war im 17. Jahrhundert und auch noch im 18. Jahr⸗
hundert, in der ganzen ersten Periode seines Wirtschaftslebens
der Unternehmung, zu arm, um sich an dieser Ausgestaltung
schöpferisch beteiligen zu können; erst in den letzten Jahrzehnten
des 18. Jahrhunderts und auch dann noch ganz vereinzelt, ist
es zu modernen Motoren und Arbeitsmaschinen übergegangen,
        <pb n="196" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 185
und diese mußten noch längere Zeit hindurch fast durchweg aus
England bezogen werden. Das erste Aufblühen einer deutschen
Maschinen⸗ und Motorenindustrie gehört erst den zwanziger
uind dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts an.

Was aber bedeutete nun dieses Eingreifen der Technik volks⸗
wirtschaftlich? Es hieß dichte Konzentration der Manufaktur⸗
arbeit um Motoren, welche zum großen Teile die Kraft, und
um Maschinen, welche zu nicht geringem Teile die Geschicklich⸗
keit des Menschen ersetzten: es hieß Übergang zur Fabrik.
Das, was daher die erste Periode der deutschen Unternehmungs⸗
wirtschaft am augenscheinlichsten von der zweiten unterscheidet,
deren erstes Erblühen in die zwanziger bis fünfziger Jahre des
19. Jahrhunderts zu setzen ist, das ist das grundsätzliche Fehlen
der Fabrik. Und sie fehlte, weil die Nation nicht vermögend
zenug war, die moderne Technik zu entwickeln. Natürlich aber
ist das nicht das einzige Unterscheidungsmittel der ersten und
zweiten Periode; wir werden deren später noch weit mehr
und tiefer begründete kennen lernen. Im allgemeinen aber
läßt sich sagen, daß die Erscheinungen der späteren Zeit in
der ersten Periode fast alle schon, doch stets in primitiven,
weniger entwickelten Formen auftreten. So das quantitative
Prinzip der Erzeugung, dem staatliche Reglementierung noch
qualitative Zügel anlegt; so der Grundsatz der freien Kon—
kurrenz, der durch den Fortbestand mittelalterlicher Anschauungen
und Einrichtungen noch vielfach gebunden erscheint; so der
assoziative Trieb, dem der herrschende Individualismus der
Qullur des 16. bis 18. Jahrhunderts noch wenig Entfaltungs⸗
freiheit gestattet. Am charakteristischsten ist dabei auf den ersten
Augenblick vielleicht die geringe Entwicklung des Kredits. Da er⸗
zählt uns noch Büsch, der Gründer der Hamburger Handlungs—
kademie vom Jahre 1767, es sei noch nicht so lange her, daß
ein Kaufmann es als seinem Kredite schädlich ansah, wenn er
einen Wechsel diskontieren ließ. Jetzt habe sich freilich, mit
zunehmender Lebhaftigkeit des Handels, die Sitte eingebürgert,
daß auch der solide Kaufmann es jür jeden Tag als Verlust
ansehe, wenn sein Geld müßig stehe. Doch läßt es auch jetzt
        <pb n="197" />
        1868

Zweiundzwanzigstes Buch.
noch der Kaufmann „nicht gern zu jedermanns Wissenschaft
kommen, daß er seine Wechsel zum Diskont weggegeben habe“.

Selbstverständlich ist es, daß der Entwicklung einer
ersten Periode der Unternehmungswirtschaft auch eine Um—
und Neubildung der bürgerlichen sozialen Schichtung entsprach,
wenn sie auch, bei der geringeren absoluten Höhe der neuen
Wirtschaftsentwicklung, nicht so radikal erfolgte und alsbald in
so auffälliger Neuheit hervortrat, wie früher die Um- und
Neubildungen etwa des 14. und 15. Jahrhunderts. Denn wie
festgelegt in seiner sozialen Schichtung auch das Bürgertum
sein mochte durch die Verfallszeiten des 16. und 17. Jahr⸗
hunderts: immer hatte es doch die für seine Bildung überhaupt
fundamentale Eigenschaft beibehalten, auf dem Scheidungs—⸗
begriffe des Berufes zu beruhen und darum nach Berufen in
Klassen zu zerfallen.

Von solchen Klassen entstand nun zunächst eine neue durch
die Entwicklung jenes neuen Handels an der Peripherie des
deutschen Wesens wie in gewissen Städten Mitteldeutschlands,
bon der wir schon gehört haben. Dabei war es natürlich, daß
diese Klasse aristokratischen Charakter annahm und sich daher
mit den Resten patrizischer Standesbildungen vermischte, die
aus dem Mittelalter oder aus dem 16. Jahrhundert noch in
die Gegenwart hineinragten: so erscheinen z. B. in den Leip—
ziger Kleiderordnungen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
als „vornehmste“ die Ratsgeschlechter und die wichtigsten Kauf—
—R
Wechsel schließen“, unter ihnen stehen als zweite Schicht die
anderen Handelsleute, Kramer und vornehmen Bürger, als
dritte die gemeinen Kramer und anderen Bürger, als vierte
die Handwerksleute und endlich als funfte die Trödel-, Klöppel—
und andere Mägde und Dienstboten.

Indem sich nun aber eine solche neue Schicht aristokra—
tischen Bürgertums wenigstens in einer Anzahl deutscher
Städte heraushob, erwies sie sich doch als noch nicht stark
genug, ihre Lebensideale in einer besonderen Kultur der
iußeren Lebenshaltung auszugestalten. War das doch, gegen—
        <pb n="198" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 187
über dem Anwachsen der fürstlichen und adligen Tendenzen
des 17. Jahrhunderts, selbst nicht einmal den Niederländern
gelungen. Der alte Frans Hals, der achtzigiährig im Haar—
lemer Spittel starb, dieser vielleicht bezeichnendste Vertreter
der gut bürgerlichen Zeit der Niederlande, man könnte sagen
des merry old Holland, hat noch mit ansehen können, wie
auf das edel demokratische Wesen des Bürgertums Philisterei
und auf diese Philisterei höfisches Dasein folgte, wie in der
Malerei der geleckte Dou und der Salonheld Frans van Mieris
emporkamen, und wie auf der Bühne, die früher Brederoos
vergnügliche Volksstücke einnahmen, die erhabenen Schicksale
durchlauchtiger Personen gefeiert wurden. Was aber gar
Flandern und das vlamische Land überhaupt betraf, so war
schon Rubens ein Hofmann durch und durch gewesen und
hatte van Dyck es als eine hohe Ehre empfunden, wenn
Karl J. von England die Füße unter seinen Speisetisch streckte,
während Tizian noch nicht mit der Wimper gezuckt hatte, als
Karl V. ihm den Pinsel aufhob. Und da hätten die deutschen
Anfänge eines neuen bürgerlichen Patriziates eine eigene Lebens⸗
haltung entwickeln sollen?

Wir sehen, wie in Leipzig die schon genannten „Vor⸗
nehmsten“, die Ratspersonen und ihre Anverwandten wie die
„Edlen von der Kaufmannschaft“, in Prunkwaffen gleich dem
Adel einherstolzieren, wie sie sich adlig tragen und wie sie die
adlige Erziehung von Hofmeistern genießen, deren Wesen Neu⸗
kirch in den hübschen Versen geschildert hat:

Man suchet einen Maun, der in der Welt gewesen,

Der seine Weisheit nicht darf aus den Büchern lesen,
Das, was der Spanier und der Toskaner sagt,

And was der Brite spricht und der Franzose fragt,

Bis auf den Grund versteht, geübt, nach Kunst zu singen,
Mit Fechtern umzugehen, nach der Kadenz zu springen,
Bei fremden Wirten sich durch Witz bekannt gemacht
Und sieben Grafen schon halb durch die Welt gebracht.

Es sind Anforderungen, deren erzieherische Erfüllung noch
in der Person des Goetheschen Wilhelm Meister in letzten
Reflexen durchblickt. Von ihnen aus gestaltete sich dann das
        <pb n="199" />
        188

Zweiundzwanzigstes Buch.
Leben dieser bürgerlichen Aristokratie zunächst äußerlich fast
ganz höfisch. Trugen ältere Leute, die im Anfange der
Bildung der neuen Klasse, in der zweiten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts lebten, noch das bürgerliche Schwarz und verwandte
Farben früherer Zeiten, so wurde die Jugend schon damals
adlig farbenfroh und langte über Mausefarben, Altgold und
Graubraun schon bei der Farbe der Pfirsichblüte, bei einem
hellen Krapprot und einer Art von auffallendem russischem
Grün an. Dazu kam die Perücke auf, um Gewicht und
Würde zu geben; schließlich trugen sie sogar Gymnasiasten,
und im Jahre 1707 wurde die Frage, ob sie für Prediger
zulässig sei, einer einschneidenden „wissenschaftlichen Unter—
suchung“ unterworfen. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts
näherte sich dann die Tracht dieser Kreise unter dem franzö⸗
sischen Einfluß von Rségence und Rococo immer mehr der der
Frau: Sammet und Seide in allen Farben; Spitzen als Hals⸗

schmuck und als Manschetten; Stickereien in Gold, Silber,

Seide; goldene Spangen, goldene mit Edelsteinen besetzte

Knöpfe usw. Es war eine echte Höflingstracht: denn sie her—

stellen zu lassen und zu tragen kostete reichlich Zeit. Zugleich

aber schritt damit die Individualisierung der Tracht fort, ein

Vorgang, der sich, wie stets, nicht ohne Ärgernis erregende

Dinge vollzog: schamlos entblößte Brüste, lächerliche Schminke

und Schminkpflästerchen, Ringe „im Werte von 50 Talern

auch bei Bürgerlichen·“·.

Und nun färbte die neue Tracht, immerhin mit einigen
speziell bürgerlichen Beigaben, gleichsam auch auf die Menschen
ab: Jagd und Sport des 17. Jahrhunderts schlafen ein, die
kostbare Toilette zwingt zu bisher unbekannten Rücksichten auf
Wind und Wetter, man bewegt sich in Sänften und ver—
goldeten „Karreten“ über schattige Straßen, lebt im Sommer
in der Nähe der Stadt in kühlen Landhäusern, die ein Ver—
hältnis zur Natur nur noch auf dem Wege einer zimperlichen
Blumenpflege gestatten: wird selbst in Gottes freier Welt ein
Zimmerbewohner. Und dem entspricht dann das blasse Gesicht,
das bartlose Kinn mit seinem weichen fetten Fleisch und welke,
        <pb n="200" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. J 189
zarte Muskeln, die den Gesichtsausdruck nur mühsam regieren;
etwas Altjungferliches liegt über der ganzen Figur, das durch
immer häufiger werdende Beleibtheit nicht eben gehoben wird.

Die ausgesprochenen Vertreter des neuen Standes aber

zeigen den gleichen läßlich-höfischen Charakter auch in ihren
Kunstneigungen; statt hoher Kunst begünstigt man das Kunst⸗
gewerbe; das Bildnis, das fast allein mit Entschiedenheit ge⸗
pflegt wird, wird repräsentativ: halbe oder ganze Figur vor
seidenem Vorhang und neben antikem Säulenstumpf mit
imperatorischer Geste, die Kinder ganz nach der Art der Alten,
Mädchen in zartem Alter ausgeschnitten und in Stöckelschuhen,
die den Gang knebeln. Im übrigen wird mehr auf Kunst-
pflege des Körpers als Pflege freier Kunst gegeben; und neben
dem Maler und Bildhauer spielen Tanzlehrer und Perücken—
macher eine beträchtliche Rolle. In Leipzig speziell, dem „Klein⸗
Paris“ und vielleicht ausgesprochensten Mittelpunkte dieser neuen
bürgerlichen Kultur, trug der unter Monsieur Beauchamps in
Paris gebildete Tanzmeister Pasch vieles zu „Civilität und
galanter Conduite“ bei; in einem seinerzeit beruhmten Werke
hat er seine Kunst nach den „Grundsätzen der Philosophie und
Mathematik“ entwickelt.

Beobachtet man tiefer, so sieht man freilich, wie diese
nachgeahmte Gesellschaftskultur das neue bürgerliche Leben,
das unter ihm sproßte, mit einem wunderlichen Konventiona⸗
lismus überdeckte und dadurch im Grunde an seiner vollsten
Entfaltung hinderte. Nichts ist in dieser Hinsicht mehr sympto⸗
matisch als das Bildnis: immer wieder dasselbe anerzogene,
wohlanständig⸗stereotype Lächeln der Höflichkeit, und erst hinter
ihm, nur halb zum Vors chein kommend, der Mensch. Und nichts
ist weiterhin grundsätzlich vielleicht bezeichnender als etwas, was
man die Maskerade der feinen Unsittlichen dieser Zeit nennen
könnte: affektierte Sittsamkeit; geckenhafte Tugend; Verwechslung
von Sitte und Sittlichkeit zugunsten der Sitte; Pedantismus,
dessen man sich mit Affektation schämt; sexuelle Freiheit unter
strengster Wahrung eines ehrbaren Außern.

Natürlich war ein solches Zwitterwesen sozialer Bildung
        <pb n="201" />
        190

Sweiundzwanzigstes Buch.
zu verhältnismäßig frühem Untergange bestimmt; und schon
in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts konnte das
Verdikt gefällt werden, es sei während seiner Entwicklung
eigentlich nichts mehr und nichts weniger verloren gegangen
als die Sprache des Herzens.

Dennoch würde man die Vorgeschichte der höheren Kultur
des 18. Jahrhunderts ohne eingehende Kenntnis dieses ersten,
wirtschaftlich bereits ganz, gesellschaftlich wenigstens schon halb
neueren Zeiten angehörenden Bürgertums schwerlich verstehen
können: Straßburg ist die Wiege des Pietismus gewesen,
während in den schweizerischen Städten Aufänge der neueren
Literatur erwuchsen; Hamburg hatte im 17. Jahrhundert eine
nicht zu verachtende bildende Kunst und die erste deutsche Oper;
von Leipzig ging die Doppelbewegung der Spenerschen Theo—
logie und der Philosophie des Thomasius aus, während es
später die Stadt der literarischen Vorherrschaft Gottscheds war;
von Breslau ist Christian Wolff gekommen. Gewiß haben
diese Kreise für die bildende Kunst nicht getan, was fie zu
leisten vermocht hätten; in Leipzig wird noch in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts ein kleines wanderndes Wachs⸗
figurenkabinett von den „vornehmsten Personen“ aufgesucht,
während schon ein Moucheron bei Michelangelo die Gruppe der
Maria mit dem Kinde bestellt hatte, die heute über seinem
Grabe in der Liebfrauenkirche zu Brügge thront. Aber selbst
auf diesem Gebiete soll die Basler und Leipziger Architektur
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, sollen die bürgerlichen
Gemäldegallerien und Kuriositätenkabinette der Zeit nicht mit
Stillschweigen übergangen werden. Literarisch aber ist dies
Bürgertum ohne Zweifel der soziale Träger der letzten Vor—
erscheinungen des Subjektivismus gewesen, wie sie in der
Dichtung der Brockes und Hagedorn, der Gottsched und
Gellert, der Bodmer und Breitinger schon früher geschildert
worden sind!.

Aber auch sozialgeschichtlich und verfassungsgeschichtlich
S. Bd. VII Il, S. 282 ff.
        <pb n="202" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 191
wird an dem Stande gar manches zu rühmen sein, wenn wir
einmal eingehendere Forschungen über das deutsche Städte⸗
wesen des 17. und 18. Jahrhunderts besitzen werden. Und
jedenfalls endet sein Leben seit spätestens der Mitte des
18. Jahrhunderts in einer breiten und behaglichen Fürsorge
für das Wohl der seiner Leitung anvertrauten Städte in jeg⸗
licher Richtung. Da sieht man philanthropische Neigungen auf
dem Gebiete des Armenwesens erwachen, da wird den Fragen
der öffentlichen Erziehung und des städtischen Unterrichts Ge⸗
hör gegeben, da treten Gedanken der Stadtverschönerung auf:
kein Problem fast der modernen Stadtwirtschaft und Großstadt⸗
kultur, das in seinen Anfängen nicht bis in diese Zeit zurück⸗
reichte.

Freilich: es war mehr das Ausleben einer bald reifen,
ja rasch überreifen Kultur wenn auch schon eines neuen Zeit⸗
alters, als der urwüchsige Übergang zu völlig Neuem. Für
Leipzig bezeugt eine ganze Literatur von Pamphleten, wie
„Leipzig im Profil“, „Leipzig im Taumel“, „Leipziger Allerlei“,
den frühen Verfall; nicht ohne Grund spricht Goethe schon im
Jahre 1768 von dem „verfluchten Leipzig“, wo ein junger
Mann „wegbrennt wie eine Pechfackel“; und auch für andere
Städte des aristokratischen Bürgertums könnte von ähnlichen
Pamphleten und AÄußerungen berichtet werden. Um 1780 aber
bildeten Leute, welche dieser frühesten bürgerlich⸗subjektivistischen
Kultur noch anhingen, schon ein Kuriosum: „die duftenden,
zarten, in Wonne zerfließenden Herrchen, die Hände in Hand⸗
schuh versteckt, um sie vor der Luft zu bewahren, den Leib in
eine Schnürbrust gezwungen, mit reich gestickter Weste und
Atlashosen, mit zierlichem Toupet und gekräuselten Locken,
in der Hand ein Chapeau-bas-Hütchen“: ihre Zeit war
vporüber.
Der Periode des aristokratischen Bürgertums war damals
schon längst, in leisen von unten her aufsteigenden Anfängen,
dass Emporkommen eines mittleren Bürgertums gefolgt; um
1770 und 1780 stand es gefestigt da und übernahm, wenn
nicht schon voll die wirtschaftliche, so doch die geistige Fuhrung
        <pb n="203" />
        192

Zweiundzwanzigstes Buch.
der Nation. Und auch gesellschaftlich machte es sich bereits
stark bemerklich. Mit Mitte des 18. Jahrhunderts wird die
Tracht einfacher; Ende des Jahrhunderts wird die Seide der
Männerkleidung durch Tuch abgelöst; der Rock, der anfangs
noch farbig, hellgrün und hellblau, geblieben war und sich noch
mit bunten seidenen Westen vertragen hatte, wird immer
dunkler: dunkelblau, dunkelgrün, dunkelbraun: bis er, völlig
freilich erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts und somit im
Anfange der zweiten Periode des Subjektivismus, in nichts
als Schattierungen von grau und schwarz übergeht und bei vor⸗
geschrittenem Alter nicht einmal mehr den Schmuck einer bunt—⸗
farbigen Halsbinde zuläßt. Es ist ein Verlauf, der sich, wenn
gleich minder scharf, auch in der Geschichte der Frauentracht
verfolgen läßt; und schon in den achtziger Jahren des 18. Jahr⸗
hunderts war auch hier der Umschwung deutlich und die Vor—
liebe für die Modeideale des Mittelstandes entschieden. „Ent—
weder einen nachlässigen Flor über das Haar gebreitet oder
unter einem leichten Hütchen die wallenden Locken und das
gewundene Haar versteckt, wer sähe das nicht lieber statt eines
Drahtgerüstes oder der Nachahmung von unermeßlichen Felsen
oder des Prahlens mit geborgtem Haar oder der Verbreitung
des verworrenen, gesalbten und gefärbten Haares über die
Stirne bis an die Augenbrauen? Gegenwärtig umwindet man
das Haar oder den Hut mit Moos, aus dem Blümchen hervor⸗
sprossen“. Dabei sah man hier und da selbst schon ein „vor⸗
nehmes Frauenzimmer“, das keinen Reifrock und Schuhe ohne
Absätze und so geräumig trug, daß der Fuß ohne Zwang darin
Platz hatte.

Es waren Symbole von tiefer greifenden Anderungen.
Gleichzeitig verschwanden die üppig prunkenden Rokokorahmen
der Porträts mit ihren reichen Schnitzformen, ihrer Ornamentik
und ihrer Vergoldung, und aus dem Bilde schauten nicht mehr
Männer in pomphafter Berufsstellung oder Schäfertracht oder
Frauen in dem mythologischen Kostüm einer Diana, Aurora
oder vielleicht gar Venus heraus, sondern sahen ernste Gestalten
meist nur im Brustbild herab; der Kopf trat in den Vordergrund,
        <pb n="204" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.

193

und die Intimität des geistigen Daseins und des Charakters
wurde zum ersten Gegenstande malerischen Ausdrucks, wenn deren
volle Wiedergabe auch erst mit dem Realismus der dreißiger und
vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts erreicht wurde.

Mit dem Emporkommen dieses Mittelstandes zeigen sich
nun aber zugleich auch die frühesten Eigenschaften eines neuen
Seelenlebens: Eigenschaften vor allem, wie die Zeit selbst es
zusammengefaßt haben würde, des Herzens. Die Sitten er—
halten den Grundzug des Einfachen unter einer deutlichen
Abneigung gegen jedes Zeremoniell, der Sinn für das Natür—
liche überhaupt tritt hervor und äußert sich auch schon in leisen
Wünschen einer spezifisch nationalen Bildung, zum Beispiel in
einem gewissen Eifer für die Reinheit der Sprache; das sitt⸗
liche Gefühl erhält eine merkbare Verstärkung und einen Zug
zum Idealen, und dem Gefühlsleben wird stark und in vielen
Kreisen bald unbedingt gehuldigt.

Wie aber waren nun diese sozialen Regungen eines neuen
Mittelstandes mit dem Berufs- und Wirtschaftsleben verknüpft?
Vor allem waren die Städte der Standort der neuen Be—
wegung. Und hier läßt sich wiederum von den größeren
Städten sagen, daß für die neue Bildung der Unterschied
zwischen Regierenden und Regierten, wie er auch im bloßen
Bereiche der bürgerlichen Klassen des 18. Jahrhunderts stark
hervortrat, vielleicht am ehesten eine zunächst freilich noch un—
bestimmte Abgrenzung erlaubt: die neue Gesellschaft bestand
im allgemeinen aus den höheren Schichten der Regierten.
Damit trafen sich in ihr der kleinere Rentner, der bessere Hand—
werker und vor allem der mittlere Kaufmann und endlich der
mittlere Beamte, wie auch der Gelehrte mittleren Standes:
in dieser Richtung hat Abbt einmal die große, die gelehrte
und die geschäftliche Welt unterschieden. Charakteristisch ist
dabei das verhältnismäßig starke Hervortreten der Beamten
und Gelehrten. Man muß sich da erinnern, daß alle Zeiten
eines Absolutismus auch in den Städten von Beamtenschaft
zu strotzen pflegen; innerhalb der deutschen Entwicklung speziell
des 16. bis 18. Jahrhunderts machte zum Beispiel in Heidel—

Lamprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 1J. 2
        <pb n="205" />
        194

Zweiundzwanzigstes Buch.
berg die Menge der Personen, die Besoldung erhielt, schon
gegen Ende des 16. Jahrhunderts etwa ein Viertel aller
Steuerzahler aus, und für Leipzig versichert man gegen Schluß
der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts, die Zahl der Sub—
alternen sei beträchtlich, und alle Geschäfte würden noch gut
besorgt werden können, wenn das Korps der Schreiber um
ein Dritteil verringert würde. Nicht minder zahlreich aber
waren die Gelehrten; in der zweiten Hälfte des 18. Jahr—
hunderts kam es geradezu zu einer Überfüllung dieses Standes,
insbesondere des theologischen Berufes, und Basedow klagte in
seinem Methodenbuch, die Menge untüchtiger und besonders
armer Gelehrter sei eines der größten Hindernisse der öffent—
lichen Glückseligkeit. Freilich: würde ohne diese Überfüllung
das geistige Leben der Zeit den Umschwung sondergleichen ge—
nommen haben, den wir kennen lernen werden? Vor allem
das evangelische Pfarr- und Schulhaus ist an diesem Auf—⸗
schwunge in hohem Grade beteiligt gewesen: und man kann in
gewissem Sinne keinen Zufall darin sehen, daß in Klopstock
der Sohn eines Pfarrers bei seinem Abschied aus einer pro⸗
testantischen Klosterschule den Plan jenes Gedichtes entwickelte,
das den Anfang der klassischen Literatur des Subiektivismus
bezeichnet hat.

Die an Zahl aber immerhin weit überwiegenden wirt—
schaftlichen Klassen des Mittelstandes fanden sich wenigstens
in größeren Städten mit diesen Elementen leicht zusammen.
Mochten ihre Angehörigen auch nicht stets, gleich Hans Sachs
seligen Gedächtnisses, eine Lateinschule besucht und das
Ouadrivium durchgemacht haben: immer standen sie doch ge—
lehrten Studien nicht ganz fern, und die Gleichheit der äußeren
Lebenshaltung tat ein übriges, sie dem mittleren Beamten- und
Gelehrtentum zu verbinden.

Mit diesen Kreisen fühlten aber auch gewisse, an Indivi—
duen nicht eben zahlreiche Gruppen der kleinen Städte. Denn
gewiß waren diese Städte der Hauptsache nach noch wesentlich
agrarischen Charakters: der Ackerbürger herrschte in ihnen,
der Handel war der Hauptsache nach Kleinhandel, der Hand—
        <pb n="206" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 198
werker lieferte frür den Kunden, und der Wert des beweglichen
Besitzes mag schwerlich mehr als ein Viertel des unbeweglichen
betragen haben. Dennoch aber lebten in dieser Kleinwelt fast
überall geistig bewegte Elemente, der Pfarrer, der Apotheker,
der Richter, auch wohl der Bürgermeister: Elemente, die
Goethes Hermann und Dorothea in einem konkreten Falle
zwar nicht vollständig, in der gegebenen Auswahl aber mit
unübertrefflicher Treue gezeichnet hat.

Diese ganze Masse setzte sich nun seit spätestens etwa 1740
in Bewegung. Nur schwer ist dabei ihr sozialer Fortschritt im
einzelnen zu verfolgen; unmerklich für uns schreitet sie und
doch wuchtig vorwärts, so wie Gletscher fließen. Denn sie hat
noch keine Zeit, Denkwürdigkeiten zu hinterlassen; ihr Leben
heißt Arbeit, und so bleibt sie geschichtslos, wie einstmals die
Anfänge der Karlinge oder der Ottonen oder die ersten Zeiten
des fruhmittelalterlichen Bürgertums fast geschichtslos geblieben
sind. Aber wenn von irgendeiner Gemeinschaft der deutschen Ge⸗
schichte, so gilt von ihr, daß man sie an ihren Früchten erkennen
soll. Goethes Urgroßvater ist Hufschmied gewesen, sein Groß⸗
vater Schneider, dann Wirt mit schon etwas höfisch-bürgerlichen
Manieren, sein Vater, wieder mehr kleinbürgerlich gesinnt,
war kaiserlicher Rat und heiratete eine Tochter aus der bürger—
lichen Aristokratie: nur nebenher aus dem alten vornehmen
Buͤrgertum, der Hauptsache nach von Ahnen des Mittelstandes
kam der Dichter her. Schillers Vater war Wundarzt, später
Major; sein Großvater, Urgroßvater, Ururgroßvater sind
Bäcker gewesen. Und gleichen sozialen Ursprungs waren, in
hald naher und nächster, bald fernerer Beziehung zu Hand—
werk und mittlerem Beamtentum: Schubart, Bürger; Winckel⸗
mann, Heyne; Herder, Kant; Friedrich August Wolf, Fichte
und tausend andere. Aber noch stärker als die bloße Mit—
gift des Blutes und der sozialen Haltung erwies sich in diesen
Kreisen die gleiche geistige Mitgift: die Richtung auf das
Große fernab von kleinlichen Forderungen des Tages, der
Zug zum Unbedingten einer neuen Zeit, das enthufiastische
Streben nach unbekannten Idealen.
        <pb n="207" />
        196

Zweiundzwanzigstes Buch.
Wie wurde nun alles dies dem neuen Mittelstande,
wie wurde auch schon dem aristokratischen Bürgertum der
Übergangszeit neben aller Nachahmung höfischer Kultur sein
besonderer Sinn für Musik und Dichtung, seine Neigung
zum Genießen und, Schaffen höherer geistiger Werte über—
haupt vermittelt? Wir stehen hier vor einer der ein—
schneidendsten Fragen der deutschen geschichtlichen Entwicklung
überhaupt.

Schon in der Zeit selbst ist sie gelegentlich erörtert worden.
In letzte Tiefen vordringend hat sie, so scheint es, nur einer
beantwortet: Kant. In seiner Schrift „Idee zu einer all—
gemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ (1784)1 heißt
es: „Bürgerliche Freiheit kann jetzt auch nicht sehr wohl an—
getastet werden, ohne den Nachteil davon in allen Gewerben,
vornehmlich dem Handel, dadurch aber auch die Abnahme der
Kräfte des Staates im äußeren Verhältnisse, zu fühlen. Diese
Freiheit geht aber allmählich weiter. Wenn man den Bürger
hindert, seine Wohlfahrt auf alle ihm selbst beliebige Art, die
nur mit der Freiheit anderer zusammen bestehen kann, zu suchen,
so hemmt man die Lebhaftigkeit des durchgängigen Betriebes,
und hiermit wiederum die Kräfte des Ganzen. Daher wird
die persönliche Einschränkung in seinem Tun und Lassen immer
mehr aufgehoben, die allgemeine Freiheit der Religion nach—
gegeben; und so entspringt allmählich, mit unterlaufendem
Wahne und Grillen, Aufklärung, als ein großes Gut, welches
das menschliche Geschlecht sogar von der selbstsüchtigen Ver—
größerungsabsicht seiner Beherrscher ziehen muß, wenn sie nur
ihren eigenen Vorteil verstehen.“

Was Kant an dieser Stelle Aufklärung nennt, ist nicht
das aufklärerische Geistesleben des ausgehenden Individuglis-
mus, sondern vielmehr der erste sich regende Hauch des neuen
Seelenlebens: ist der Anfang des Subjektivismus. Und ihn
—DVDD—
modernen bürgerlichen Betätigung her: einen unmittelbaren

Werke (Rosenkranz und Schubert) Bd. 7, 331.
        <pb n="208" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.

197

Zusammenhang sieht er zwischen sich wandelndem Seelenleben
uind sich wandelnder Form der Wirtschaft.

Es ist kein Zweifel, daß er damit richtig beobachtet hat.
So wenig hoch die Wogen der ersten Periode des Unter—
nehmertums gegangen sind, so selten auf ihren Bergen jene
weißen Schaumkämme erscheinen, die selbst dem oberflächlichsten
Zuschauer das Phänomen der Bewegung bezeugen: so kräftig
war doch der ihnen zugrunde liegende Anstoß und um so
nachhaltiger ihr Anprall und ihre Wirkung. Denn nicht die⸗
jenigen Bewegungen des Wassers, die am sichtbarsten sind,
bezeichnen zugleich immer seine gewaltigste Kraft: in den tiefen
Wassern des Stillen Ozeans z. B. verläuft die Woge flach,
und erst wo sie Widerstand findet, zeigt sich die ungeheuere
Wucht ihrer Bewegung in aufloderndem Zerstäuben.

Der Kulturgeschichte der Gegenwart ist es weniger schwer,
als den Zeiten Kants, die Wirkungen eines neuen Wirtschafts⸗
lebens auf das Seelenleben der Hauptsache nach zu analysieren,
selbst wenn sie im 18. Jahrhundert weit langsamer wirkend auf⸗
traten als zu jüngeren Zeiten, in der zweiten Periode des
Wirtschaftslebens der Unternehmung.

Zunächst führte ein freierer Verkehr jedem Bedürfnisse
das entsprechende Gut und jedes Gut dem entsprechenden
Bedurfnisse weit sicherer, rascher und aus größerer Ferne zu.
Es war ein Vorgang, in dessen auf Wechselwirkungen be⸗
ruhendem Verlaufe sich die Zahl der Bedürfnisse wie die Höhe
des Verkehrs und der Produktion beständig steigerte. Damit
wurde die produktive Arbeit wie der Handel der Schranken
immer mehr ledig, die lokale Nachfrage und begrenzter Bedarf
gezogen hatten: neben das Ideal der Qualität trat für sie,
— —— möglichst quantitativer
Erzeugung und quantitativen Vertriebes.

Es war ein Vorgang, der an sich schon die Spannung
zwischen Bedurfnis und Bedürfnisbefriedigung immer mehr
vergrößerte und darum eine immer höhere Steigerung der
Verstaudes⸗ und Willenskräfte zu deren Überbrückung hervor⸗
rief. Außerdem aber lief er, beim Aufsuchen immer ent—
        <pb n="209" />
        98

Zweiundzwanzigstes Buch.

fernterer Absatzgelegenheiten, auf die Überbrückung immer
größerer Erdenräume hinaus und vermittelte von diesen her
immer stärker vermehrte Summen frischer Reize, die dann zu
neuen Vorstellungskreisen, und bei der Entwicklung dieser zur
Auslösung bisher unbekannter Arten seelischer Affekte führen
mußten. Es ist ein Vorgang, der schon bei stärkerer Raum—
bezwingung auf europäischem Boden eintrat, sobald sich, im
Verlaufe der Handelsgeschichte des 17. Jahrhunderts, die bis—
her mehr getrennten Handelsgebiete des deutschen Südens
und Nordens zu vermischen und über sie hinweg starke Wege
eines mitteldeutschen Handels zu bilden begannen. Denn
schon damit entstand ein lebhafterer Reiseverkehr; eine Reise⸗
literatur kam auf, und die Welt gesehen zu haben gehörte
von nun ab zu den ersten Anforderungen, die auch an den
bürgerlichen Kavalier gestellt wurden. Welcher Fortschritt aber
von diesem immerhin noch begrenzten Horizonte bis zu den
Möglichkeiten, welche schon die zweite Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts erfüllt sah! Das war die Zeit, in der über die
Reisebeschreibungen früherer Menschenalter hinweg die wissen⸗
schaftliche Geographie und in ihr Bücher wie Büschings Neue
Erdbeschreibung entstanden, in der an die Stelle der abenteuer—
lichen und kuriosen Auslandsreisen der Vorzeit die Reise zu
wissenschaftlichen Zwecken trat und der gelehrte Reisebericht
eines Pallas, Georg Forster und Carsten Niebuhr.

Wie der Raum, so wurde von dem langsam erwachenden
neuen Wirtschaftsleben aber gleichsam auch die Zeit überbrückt.
Gewiß erscheinen uns die Menschen des 18. Jahrhunderts noch
in einem überaus behaglichen Tempo des Lebens: sie arbeiten
läßlich, sie bedürfen noch erst selten der Erholung von Über—
arbeitung in häufigen und längeren Ferien: gleichmäßiger
fließt noch der Strom des Lebens dahin. Dennoch: in welchem
Fortschritte der Zeitabkürzung befand man sich bereits gegen—
über dem 17. Jahrhundert mit seinen vielfach nur acht- und
vierzehntägigen Postverbindungen, seinen schlechten Straßen,
seinem Mangel an fast jeder genügenden Personenbeförderung!
Schon wurde Zeit langsam zu Geld; und langlebige und zu—
        <pb n="210" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 199
gleich scharfe Beobachter, wie Goethe, sind sich des Wechsels
wohl bewußt gewesen. Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens
im besonderen aber mußte schon die Tatsache des Unternehmens
an sich, weil den Beruf des Händlers und des Produzenten ver⸗
einigend, zu einem rascheren Zeitmaße der Beschäftigung führen:
wie sie zugleich eine ebenso reich gegliederte wie eben dadurch
höchst freie Tätigkeit mit sich brachte.

Wurde durch all diese Vorgänge schon die Einzelpersön⸗
lichkeit ganz anders als je vorher angeregt, auf eigene Füße
gestellt und neuen Idealen des Lebens entgegengeführt, so trug
die steigende Wohlhabenheit zugleich dazu bei, daß sie diese
neue Lage nun auch nutzen konnte. Inwiefern dies zunächst
konsumtiv geschah, läßt sich aus dem raschen Steigen der Zahl
der allgemeinen Genußmittel erkennen: es ist die Zeit des zu⸗
nehmenden Alkoholgenusses, namentlich der Liköre, trotz aller
Zimperlichkeit des Rokokos; es sind die Jahre der Einführung
des Kaffee- und später des Teegenusses, der sich freilich bis
zum Ende des 18. Jahrhunderts auf die Küstengegenden der
Nordsee beschränkte, die Jahre auch steigender Salonfähigkeit,
wenn nicht schon des Rauchens, so doch des Schnupfens!.

Die entschiedenste Freiheit des einzelnen freilich wurde,
wie sie wirtschaftlichen Vorgängen verdankt wurde, so schließ—⸗
lich auch auf wirtschaftlichem Gebiete gewonnen. Die Persön—
lichkeit begann sich hier loszulösen von allen noch bestehenden
Bindungen früherer Zeit, selbst von der der Familie: als
Trägerin eigener Wirtschaftskraft trat sie hervor: die Anfänge
des modernen Kreditbegriffes, als des Inbegriffes der wirt⸗
schaftlichen Potenz eines Einzelnen, begannen sich zu ent—
wickeln. Und indem dies geschah, wurde der wirtschaftliche
Egoismus der Fesseln, die ihn bisher aus dem Seelenleben
des Einzelnen wie aus den Einwirkungen des Staates her ge—
1Rauchen und Schnupfen verbreitet sich schon im Laufe der zwei
letzten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts durch alle Stände. Anbau des
Taͤbats seit ca. 1660 im oberen Elsaß, in der Grafschaft Hanau, im Bis—
tum Speier, in Baden und im Breisgau, um Magdeburg und Halle, in
Thüringen, Brandenburg und Schlesien. Falke 2. 355.
        <pb n="211" />
        200

Zweiundzwanzigstes Buch.
bunden hatten, los und ledig: und das Prinzip des freien
wirtschaftlichen Wettbewerbes aller ergab sich als die eigent—
liche wirtschaftliche Lösung des neuen Zeitalters.

Freilich: in der Frühzeit, in der sich unsere Erzählung
zunächst bewegt und bei der sie noch auf lange verweilen wird,
leuchtete dieser Grundsatz erst leise anglühend aus den Wand—
lungen des fortschreitenden Wirtschaftslebens hervor: noch
fehlte ihm jeder mammonistische Zug, noch galt bloßes Streben
nach Gewinn als voller Lebensinhalt für gemein und ver—
ächtlich. Es war ein Zustand, der noch die Amalgamierung
der bisher geschilderten sozialen und seelischen Entwicklung mit
einer sehr merkwürdigen anderen Erscheinung der gleichen Zeit
gestattete: mit der Entstehung und Entwicklung einer allgemeinen
nationalen Bildung.

2. In einem Aufsatze Laskers über Halbbildung findet
sich der Satz: „Die Aufgabe der Erziehung ist, auf alle denk—
baren Lagen vorzubereiten; auf sie eingerichtet sein, ist der
Inhalt der Bildung.“ Und Schmoller bemerkt in seinem Buche
über das Kleingewerbe, für die Lösung der sozialen UÜbel des
19. Jahrhunderts sei der Besitz längst nicht so wichtig, wie
die persönlichen Eigenschaften. Die Hauptsache sei die geistige
und technische Hebung des Arbeiter- und Handwerkerstandes,
seine Erziehung zu anderen gesellschaftlichen Gewohnheiten, zu
anderen häuslichen Sitten, zu einem weiteren Blicke, zu höherer
technischer Bildung: bei der Rechts- und Staatsverfassung der
Zeit seien alle sozialen Gegensätze zunächst Bildungsgegensätze.

Es sind zwei Urteile aus der Zeit, da die Unterscheidung
der Volksgenossen in Gebildete und Ungebildete vielleicht am
entschiedensten durchgeführt war: aus den Endjahren der ersten
Periode des Subjektivismus, aus der Bluütezeit des konse—
quenten politischen Liberalismus. Man sieht: damals wurde
unter Bildung im weitesten Sinne genügende persönliche Vor—
bereitung für ein erfolgreiches Leben in subjektivistischer Zeit
verstanden, wobei diese Vorbereitung als eine doch wesentliche
intellektualistische gedacht war.
        <pb n="212" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 201
Heutzutage, in Zeiten, da der Gegensatz von Bildung
und Unbildung die umfassende Bedeutung der sechziger bis
achtziger Jahre, wenn nicht der zweiten Hälfte des 19. Jahr⸗
hunderts überhaupt zu verlieren beginnt, gilt als Merkmal
des Gebildeten entweder der Besitz einer bestimmten geistigen
Ausbildung vornehmlich verstandesmäßiger Art, oder der Be—
griff wird gar nur auf wirtschaftlich⸗soziale Motive bezogen:
so fieht z. B. Paulsen das entscheidende Kennzeichen des Ge—
bildeten darin, „ob einer selbst mit der Hand arbeitet oder
andere anweist, für ihn zu arbeiten“. Mit der ersten dieser
beiden Auffassungen ist das Wort, eine in der Geschichte des
Verfalls der Begriffe häufige Erscheinung, nach einer über—
mächtigen Ausdehnung seines Sinnes dem nächsten, äußeren
Eindrucke nach zu seiner ursprünglichen Bedeutung zurück—
gekehrt. Denn als gebildet galt ursprünglich, wer mit starker
Verstandesdurchbildung, so, wie sie etwa der vollständige Unter⸗
richt einer Mittelschule, insbesondere aber eines Gymnasiums
gewährte, eine gewisse Bildung des Herzens, das, was man in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Humanität zu nennen
begann, verband.

Dieses Wesen der Bildung ergibt schon, daß sie ihre Ent—
stehung noch dem ausgehenden Rationalismus, ihre volle Ent⸗
faltung aber erst dem frühesten Emporblühen des Subjektivismus
verdankte; um 1800 konnte sie als voll entwickelt gelten; und
das Wort „volkstümlich“, das der Turnvater Jahn aufbrachte,
stand zu ihr schon in einem gewissen Gegensatz.

Behält man diese Zusammenhänge im Auge, so erscheint
es als selbstverständlich, daß die Entwicklung der Bildung mit
der Übertragung der höchsten speziell verstandesmäßigen Kultur
des ausgehenden Individualismus in breite Schichten der Nation
begann. Hierzu aber war die Übertragung dieser Kultur, die
sich noch durchweg des Lateinischen und dazu nicht selten auch
einer ungewöhnlichen Masse von Kunstausdrücken bediente, in
gemeinfaßliches Deutsch die erste Voraussetzung. An der Zu—
nahme der deutsch geschriebenen Bücher wird man mithin bis
zu einem gewissen Grade ihre Entstehung und ihren Sieg ver—⸗
        <pb n="213" />
        202

Zweiundzwanzigstes Buch.
folgen können. Und da bedeutet nun das Jahr 1681 einen
wichtigen Abschnitt. Während ein Jahrhundert vorher, im
Jahre 1570, noch siebzig Prozent aller in Deutschland gedruckten
Bücher lateinisch abgefaßt waren, läßt sich in diesem Jahre zum
erstenmal ein Übergewicht der deutschen über die lateinischen
Bücher feststellen: freilich haben im Jahre 1691 noch einmal,
aber nun zum letztenmal, die lateinischen Schriften die deutschen
überwogen. Im ganzen aber gewinnen die deutschen Bücher
nun entschieden den Vorrang; schon im Jahre 1714 haben sie
die doppelte Anzahl der lateinischen erreicht. Im Jahre 1730
beträgt dann die lateinisch geschriebene Literatur auf deutschem
Boden nur noch dreißig Prozent des Büchermarktes, um von
da an, namentlich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts reißend
abzunehmen: 1754 ist das Verhältnis wie 1:4, 1759, 1764,
1772, 1781, 1788, 1787 wie 1:5, 6, 7, 8, 9, 10; 1799 ist
das Verhältnis auf 1:20 gefallen. Dabei hatte gleichzeitig
die absolute Höhe der Produktion und auch die Höhe der
Auflage des einzelnen Buches mächtig zugenommen; in Leipzig,
dem Mittelpunkte des Buchhandels, gab es am Schlusse des
18. Jahrhunderts mehr als 50 Buchhandlungen und waren
18 Buchdruckereien „mit täglich zwischen 70 und 80 Versonen“
im Gange.

Welche geistige Entwicklung birgt sich nun hinter diesen
Daten und Ziffern? Goethe bemerkt einmal in der Schrift
zur Farbenlehre: „Dasjenige, wovon das Publikum hört, daß
man sich damit in den Werkstätten, in den Studierzimmern
der Gelehrten beschäftige, das will es auch näher kennen
lernen, um nicht ganz albern zuzusehen, wenn die Wissenden
sich laut davon unterhalten. Darum beschäftigen sich so viele
Redigierende, Epitomisierende, Ausziehende, Urteilende, Vor⸗
urteilende; die launigen Schriftsteller verfehlen nicht, Seiten⸗
blicke dahin zu tun“; — und er fährt fort: „der Komödien⸗
schreiber scheut sich nicht, das Ehrwürdige auf dem Theater
zu verspotten“. Es ist die lebendige Schilderung eines geistigen
Vorganges, der in Goethes älteren Tagen noch immer anhielt,
während er schon gegen Schluß des 17. Jahrhunderts mit den
        <pb n="214" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 208
Bestrebungen von Thomasius begonnen hatte: die erste Ent⸗
wicklungsstufe der Bildung popularisierte die Wissenschaften.

Haͤnd in Hand mit dieser Entwicklung der Wissenschaften

zu einem sozialen Ferment, ja ihr teilweise voraus, ging, wie
Goethe das auch andeutet, ihre Vefreiung von der Herrschaft
—V soweit gelungen, daß
sich die Folgen, die sich in den Wissenschaften für die einzelnen
koukreten Fragen teilweise erst viel später einstellten, in den
sittlichen Beziehungen der Gesellschaft zur Wissenschaft geltend
zu machen begannen. Man sah jetzt in der Emanzipation der
Wissenschaften von der Theologie und in der immer stärkeren
Entwicklung eines breiten wissenschaftlichen Interesses Vor⸗
gänge, die es gestatteten, sich auf deren Ergebnisse als sichere
Errungenschaften der Vernunft auch bei dem vollen Ausbau
einer beränderten Weltanschauung zu stützen: die Aufklärung
und mit ihr die Popularphilosophie jenseits der Mitte des
18. Jahrhunderts zogen herauf. Und hier war es denn
namentlich das schier unerschöpfliche Thema von der Glück—
seligkeit, das immer und immer wieder angeschlagen wurde:
zum Beweise, daß den Menschen dieser Zeit noch immer mehr
das Individuum als solches, als das Individuum in seinem
sozialen Zusammenhange fesselte.

Schon vorher aber hatte sich eine andere Wendung voll⸗
zogen, die schließlich über die Aufklärung weit hinausführte.
Indem die Wissenschaft in der Popularisierung praktisch zu
verden begann, verlor sie zunächst viel leeren Kram, viel
Pedanterie, viel Zunftstolz. Als dann aber der große Hochzeits⸗
tag nahte, da sie sich ganz dem Leben vermählen sollte, da
begann sie sich teilweise in der Richtung auf heitere Kunst,
auf freundliche Impromptus, auf frische Lebensweisheit vor—
wärts zu strecken: sie wollte belehren, unterhalten, erfreuen:
die Periode der sogenannten schönen Wissenschaften brach an;
und indem sie zugleich die Zeit einer letzten, gekünstelten, für
lehr⸗ und lernbar erachteten Poesie des Rationalismus war,
schien es, als ob die ewigen Schranken zwischen Dichtung und
Wissenschaft zu fallen bestimmt seien.
        <pb n="215" />
        204

Zweiundzwanzigstes Buch.
Aber es war klar, daß es sich nur um einen Augenblick
des Überganges handeln konnte. Und jenseits dieses Augen⸗
blickes mußte die in einer jetzt eben aufs wunderbarste an⸗
schwellenden Literatur vertretene Bildung einen bisher schon
mmer stärker, aber noch nicht überwiegend betretenen Weg
nun vollends einschlagen: den Weg hinein in die Gefilde der
Dichtung. Denn inzwischen waren die Anfänge des sub—
jektivistischen Seelenlebens erwachsen, und feurig belebt, wie
jeglicher Beginn eines neuen menschlich großen Schicksals, er⸗
schien den vorwärts drängenden Zeitgenossen die Welt zunächst
in den poetischen Farben des Enthusiasmus. Und so ging die
Bildung der Erwachsenen vornehmlich in Kenntnis und Genuß
der neuen Literatur auf: „statt daß sonst nur Phrase, Familien⸗
oorfälle und Schwächen der Nächsten Gegenstände gesellschaft⸗
licher Unterhaltung waren, sprach man jetzt von Schauspielen
und anderen Gegenständen der Literatur“. Und mit welchem
Feuer nahm man das Neue auf! „Ich kann Ihnen nicht be⸗
ichreiben,“ teilt Stolberg Bürger mit, „wie sehr Ihre Leonore
hier bewundert wird ... Ich bin mehr als einmal Zeuge
zgewesen, daß beim Spieltisch die Damen den Almanach aus
der Tasche gekriegt und die Leonore laut gelesen haben. Die
Karten wurden beiseite gelegt, und von anderen Spieltischen
stand man auf und horchte zu.“ Natürlich, daß auch diese
Begeisterung Modesache wurde. Der „Humeur“ mancher Dame,
die früher nur Bologneserhündchen liebte, legte sich auf litera—
rische Lektüre; und von Leipzig heißt es im Jahre 1799:
„Wir lesen alles bei der Erde weg, Wielands Agathon und
Gustav Waldmann, Walter von Monberry und den Burg—
frieden, den Pächter Martin und den Eulenspiegel, Heiden⸗
reichs Erbauungen und die Liaisons dangereuses. Das
Höckerweib hinter dem Käsekorb liest sowie die Dame an der
Toilette; der Markthelfer macht sich über die Lektüre seines
Herrn, sobald jener den Rücken wendet; die Jungmagd holt
ihr Buch bei dem Bücherverleiher, Kinder lesen, Greise lefen ...
es ist eine Lesewut in dies Volk gefahren.“

Gewiß zeigt dabei das Leipziger Beispiel, daß nicht immer
        <pb n="216" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 205
das Beste gelesen wurde. Dennoch unterliegt es keinem Zweifel,
daß das Ergebnis außerordentlich und schließlich gut war. Ein
Strahl des gewaltigen Aufschwunges der Dichtung fiel auch
in enge Herzen, das Ideal der Humanität, von dem die
Dichtung schließlich durchtränkt war, blieb nicht ohne Frucht;
und im Beginne des neuen Jahrhunderts hatte die energische
Arbeit dieser Dichtung und dieser Weltanschauung es erreicht,
daß auch Handelsangestellte von Fichte für gebildet genug er—
achtet wurden, um der Darlegung der Grundlagen seiner ab—
strakten Philosophie bei Auseinandersetzungen im lebendigen
Vortrage mit Verständnis zu folgen.

So waren denn die gebildeten Kreise jetzt an erster Stelle
die literarischen und philosophischen; eben in diesem Sinne
war Gelehrsamkeit und Dichtung zur Bildung geworden; noch
fehlten die politischen Akzente; und auch eine ästhetische Bildung
der bildenden Kuunst, ja teilweise auch der Musik stand nicht
im Mittelpunkte der Entwicklung.

Auf literarischem Gebiete aber hatte die jetzt mehr als
ein Jahrhundert alte Bewegung geradezu zu den Anfängen
einer neuen Standesbildung geführt. Schon gegen Schluß
des 17. Jahrhunderts hatte man eingesehen, daß man mit
den bisherigen Veröffentlichungsarten der Wissenschaft, mit ge—
sehrten Folianten und den schwerfälligen Bänden etwa der
cta Eruditorum ein Bildungspublikum nicht werde be—
friedigen können. Und schon begann England, wo verwandte
Bewegungen früher verliefen, ein Beispiel zu geben, wie man
der Aufgabe besser gerecht werden könne: mit dem Beginne
des 18. Jahrhunderts kamen hier die ersten großen Wochen⸗
schriften zur Popularisierung der Wissenschaft auf, der Tatler
1709, der Spectator 1711 und 1718 der Guardian. Es war
ein Vorbild, dem auf deutschem Boden bald eifrig nachgelebt
wurde; hunderte von Zeitschriften für alle moͤglichen Leser⸗
kreise und Bildungszwecke sind hier schon bis zur Mitte des
18. Jahrhunderts erschienen: und dessen erste Hälfte kann
geradezu als eine der hildungshungrigsten unserer Geschichte
hezeichnet werden. Daneben trat aber noch eine andere, minder
        <pb n="217" />
        206

Zweiundzwanzigstes Buch.
bekannte Veröffentlichungsweise der nun schon „anmutigen“
Gelehrsamkeit: die in Sammelwerken, in Bassins gleichsam, in
denen in meist schon gefälliger Form dargeboten wurde, was
aus den erweiterten Gebieten der verschiedenen Wissenschaften
als allgemeines Interesse darbietend zusammenfloß. So erzählt
Gottsched in der Vorrede zu seinem Handlexikon der schönen
Wissenschaften und freien Künste: „ein Staats- und Zeitungs⸗
lexikon, ein Natur-, Kunst- und Bergwerkslexikon, ein Lexikon
aller Wissenschaften und Künste wurden bald durch ein Ge—
lehrtenlexikon und ein Frauenzimmerlexikon abgelöst. Ein
Realschullexikon bekam bald ein Antiquitätslexikon und dieses
ein Heiligenlexikon zum Nachfolger; und daß auf das geo—
graphische auch ein Handelslexikon, ja mitten unter allen auch
ein mathematisches, ein philosophisches und so manches theo—
logische und juristische Reallexikon ans Licht getreten, wird
gleichfalls vielen noch in frischem Andenken ruhen. Endlich
können auch das große historische Lexikon, das noch größere
Universallexikon nebst dem Bayleschen Wörterbuche und das
Adelslexikon hier unmöglich mit Stillschweigen übergangen
werden.“ Es war eine Bewegung, die schon damals die
Klage der „Pedanten“ gegen Halbbildung hervorrief. Aber
das hinderte nicht, daß Männer wie Buddeus, Hübner,
Schöttgen, Jablonski, Wolf, Hederich, Mencke und Jöcher
ihr Wissen der Bildung suchenden Masse in dieser Form dar—
boten.
Im übrigen ist es verständlich, daß sich mit der Verschiebung
des Bildungsideals aus dem Rationalen und Verstandes—
mäßigen ins AÄsthetische und Ethische und schließlich auch Philo—
sophische auch eine Wandlung der Formen vollzog, in denen
der neue Bildungsinhalt an das größere Publikum herantrat.
Charakteristisch sind in dieser Hinsicht für die zweite Hälfte
des 18. Jahrhunderts namentlich zwei Erscheinungen: das
Aufkommen der Musenalmanache und verwandter Zeitschriften
und das Aufblühen der Leihbibliotheken. Musenalmanache sind
nach französischem Muster seit 1770 erschienen; der erste wurde
von Boie und Gotter herausgegeben; bald aber hatten die
        <pb n="218" />
        Neue Gesellschaft, nenes Seelenleben. 207
meisten Landschaften und Städte, in denen man auf „Ge—
schmack“ hielt, ihre poetischen Blumenlesen. Viele von ihnen
standen freilich auf sehr niedriger Stufe, und nicht wenige
gingen nach kurzem Bestehen wieder ein. Und auch solchen
von höchster Bedeutung ist das zugestoßen; so ist Schiller nicht
bloß mit dem schwäbischen Musenalmanach seiner Jugendzeit
gescheitert, auch für seine Horen (1795), das Organ des weima—
rischen Idealismus, fand sich nicht die genügende Zahl von
Abnehmern. Im ganzen wünschte man eben, und bei zu—
nehmender Verbreitung der Bildung in minder hochstehende
Schichten um so mehr, auch Hausmannskost, der deshalb Pfeffer
und andere starke Gewürze keineswegs fehlten. Die Leih—
bibliotheken, die namentlich gegen Schluß des Jahrhunderts
zugenommen zu haben scheinen, geben in ihren Katalogen von
dieser Wandlung beredte Kunde. Von Leipzig hören wir, daß
es um diese Zeit zwei sehr große von 6—8000 Bänden gab,
die dem Publikum alle neuen und die besten älteren Schriften,
Romane, Schauspiele, historische, philosophische, moralische,
sogar theologische Werke darboten, nebst allen Journalen, „mit
denen unser wertes Vaterland zum großen Nutzen der Wissen⸗
schaften gesegnet ist.. Dabei liest man nicht, wie zum Teil
in kleineren Orten, nur Liebes- und Helden-, Diebes- und
Mordgeschichten, Faßmanns Totengespräche und, wenn's hoch
kommt, Siegwart, Burgheim und Konsorten. Freilich werden
auch empfindsame Romane die Hülle und die Fülle ver—
schlungen, freilich diese und Schauspiele und kleine tändelnde
Gedichte mehr als ernstere Schriften gelesen: aber doch kann
man auch Mendelssohn und Spalding und Robertson und
hundert der besten Schriftsteller in den Händen sogar der Damen
erblicken.
Neben dem philosophischen und schöngeistigen Interesse
aber erwuchs seit den sechziger Jahren immer mehr auch ein
weiteres, so recht der allgemeinen Bildung angehöriges, das
nun noch mehr, als Dichtung und Weltanschauung, von der
enzyklopädischen Stufe der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
zu praktischer Betätigung hinüberführte: das humanitäre, soziale,
        <pb n="219" />
        208

Zweiundzwanzigstes Buch.
politische. Und es fand seinen vollendeten Ausdruck schließlich
in einer neuen Art der Zeitung.

Vor Friedrich dem Großen hat es in Deutschland kaum
publizistische Organe gegeben, die sich mit Besprechung und
Kritik öffentlicher Zustände beschäftigt hätten; es gab nur eine
gelehrte staatsrechtliche Literatur. Da gab König Friedrich
den beiden Zeitungen Berlins eine größere Freiheit, wenn er
auch den reichlichsten Gebrauch von dieser nur in eigener Person
machte. Und bald folgten dem allenthalben die „Wochen⸗“
und „Intelligenzblätter“, die neben Belehrungen gemeinnützigen
Inhaltes sich auch mit Fragen des bürgerlichen und politischen
Lebens zu beschäftigen begannen: allen vorweg Mösers präch—
tige Osnabrückische Intelligenzblätter (1766 —82), für Süd—
deutschland besonders eindringlich die „Deutsche Chronik“ des
unglücklichen Schubart (von 1774 ab). Und von da an ver—⸗
breitete und vertiefte sich diese Strömung am Schlusse des
Jahrhunderts so, daß man schon von einer nicht unbedeutenden
periodischen Presse reden konnte. Göckingk teilt in dem Pro—
spekt zu seinem Journal von und für Deutschland (1784) mit,
daß er 217 Zeitungen, Intelligenzblätter und Adreßnachrichten
in Deutschland kenne, daß er aber Grund habe zu vermuten,
das sei noch nicht die Hälfte aller vorhandenen. Freilich seien
viele darunter nur primitive Annonzenblätter.

Bei einer solchen Entwicklung der öffentlichen Presse drängt
sich sofort die Frage auf, ob es denn schon einen Journalisten⸗
stand gegeben habe. Denkt man dabei an den modernen
Journalismus, so ist sie zu verneinen. Doch gab es schon
eine Vorstufe des heutigen Standes, die mehr war, als die
Stufe des Gelehrtentums des 18. Jahrhunderts, und eben
parallel der Entwicklung der allgemeinen Bildung war sie er—
wachsen: als die des Literatentums kann sie bezeichnet werden.

Die Honorare des Buchhändlers Cotta an Schiller be—
trugen mehr als 83000 Gulden; er und seine Erben haben
im ganzen etwa 275000 Mark Honorar erhalten. Goethe be⸗
zog bei seinen Lebzeiten etwa 147500 Reichstaler, rund
1450 000 Mark Honorar. Es waren in der deutschen Geschichte
        <pb n="220" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 209
beinah völlig neue Vorgänge; das „gebildete Publikum“ hätte
durch seine Beiträge schon so ziemlich seine beiden größesten
Dichter erhalten können.

Die ersten deutschen Schriftsteller, die auf diese Weise von
ihren Honoraren zu leben gesucht haben, freilich nicht ohne
noch nebenher Hoffnung auf ein fürstliches Jahresgehalt zu
setzen, waren Klopstock, Lessing und Wieland: die Helden des
ausgehenden Individualismus und des emporblühenden neuen
Zeitalters. Denn vor ihnen hat höchstens der wunderliche
Philipp von Zesen als freier Literat zu bestehen versucht; und
die Berufsdichter noch des 17. Jahrhunderts waren die fürst⸗
lichen Pritschmeister und Hofpoeten gewesen. Man durchdringe
sich ganz mit der Bedeutung dieser Tatsache. Sie besagt zu—⸗
nächst, daß die Schriftsteller nun dem großen Publikum allein
zu dienen beginnen. Wo bleibt jetzt der feierliche Panegyrikus
des Humanisten auf das Wohlwollen irgendeines Fürsten oder
—
auch die höfische Lobhudelei des 17. Jahrhunderts? Das
Buchhändlerhonorar beginnt den Dichter und den Denker zum
vollen Herrn erst seines Schaffens zu machen. Und damit
ziehen ganz andere literarische Zustände ein: echt literarischer
Subjektivismus in gegenseitigem Wettbewerb; stärkstes Cliquen—
wesen, gegen das selbst das Geschützfeuer der Xenien wenig
hilft; Eindringen junger Männer; Überschätzung des Berufes;
einseitige Leidenschaft des Schaffens; der „Schriftsteller nach
der Mode“. Und den Übergang von den alten zu den neuen
Zuständen bezeichnet die Diktatur Gottscheds, die durch mehrere
Zeitschriften, die „Vernünftigen Tadlerinnen“ (1725), den
„Biedermann“ und andere ausgeübt wird, sowie der Kampf
gegen sie: das ist die kulturgeschichtliche Bedeutung der in
der literarischen Personengeschichte des 18. Jahrhunderts so
peinlich anmutenden Kämpfe der dreißiger und vierziger
Jahre.
Im allgemeinen Verlaufe unserer Erzählung aber hat die
Entstehung des Literatenstandes seit 1740 und 1730, so klein
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 14
        <pb n="221" />
        210

Zweiundzwanzigstes Buch.
auch noch die Zahl der Personen war, die ihm in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts angehörten!, eine noch höhere
Bedeutung: sie beweist, daß das gebildete Publikum der Mäcen
des deutschen Geisteslebens zu werden begann, sie zeigt den
tiefen Einfluß der Bildung auf die Anfänge des ausgeprägteren
Subjektivismus.

Und waren sie denn mit diesen sozialen Beziehungen er—
schöpft, in denen sie nur besonders deutlich hervortraten? Wer
wollte es annehmen. Indem die geistig vorwärts drängenden
Schichten der Nation sich mehrere Menschenalter hindurch
immer und immer stärker mit all dem Neuen, das Wissenschaft
und Weltanschauung, Denken und Dichten boten, von Grund
aus erfüllten, unterlagen sie der Zuführung ganz außer—
ordentlicher Mengen neuer Reize: und wurden eben durch diese
Zufuhr, die das ganze Seelenleben umbildete, nicht minder
wie durch die Reizauslösungen des neuen Wirtschaftslebens
voran gedrängt, hinein in die seelischen Zustände eines neuen
Zeitalters.
So darf man es sagen: neue Bildung und neues Wirt—
schaftsleben gemeinsam sind die sozialen und seelischen Voraus⸗
setzungen für den Eintritt jener ersten Periode des Sub—
jektivismus gewesen, die seit etwa der Mitte des 18. Jahr—
hunderts begann. Und nicht wenige Stellen hat es gegeben,
in denen die beiden so verschiedenartigen Einflüsse, die nur in
der gemeinsamen Auswirkungsform der neuen Reize zusammen—
trafen, sich unmittelbar gegenseitig berüuhrten. So kann es
z. B. keinem Zweifel unterliegen, daß die Reizmassen, die aus

Schiller schreibt noch 1790: „Zugleich die strengen Forderungen
der Kunst zu befriedigen und seinem schriftstellerischen Fleiß auch nur die
notwendige Unterstützung zu verschaffen, ist in unserer deutschen litera⸗
rischen Welt ... unvereinbar.“ Und Athenäum 12 S.7 heißt es: „Bei
uns galt man ehedem weniger als nichts, wenn man bloß Schriftsteller
war. Noch jetzt regt sich dies Vorurteil hier und da, aber die Gewalt
verehrter Beispiele muß es immer mehr lähmen. Die Schriftstellerei ist,
je nachdem sie treibt, eine Infamie, eine Ausschweifung, eine Tagelöhnerei,
ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft, eine Tugend.“
        <pb n="222" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 211
der tatsächlichen räumlichen Erweiterung des Horizontes in
Verkehr und Handel hervorgingen, wesentlich durch die weit
verbreitete und überaus beliebte Lektüre unzähliger Reise—
beschreibungen verstärkt worden sind — z. B. haben Kant und
Schiller, die beide nicht viel gereist sind, diese Lektüre in
besonderem Maße getrieben und dadurch den Mangel einer
direkten Anregung durch Ortsveränderung ausgeglichen, wenn
nicht überholt —: und es ist eine Tatsache von charakteristischer
Bedeutung, daß seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
neben den ökonomischen Reisen die besondere Form der wissen⸗
schaftlichen Reise aufzutreten begann, in der literarisch-gelehrte
Interessen mit solchen der tatsächlichen Raumdurchmessung
zusammentrafen.

Wenn aber so neben wirtschaftlichen Faktoren rein geistige
Vorgänge glückbringend in die neue Zeit hinübergeführt haben,
so ist die Frage von hohem Interesse, in wie weit sich die
Wirkung beider Faktoren in derselben sozialen Welt vollzogen
haben mag.

Ehe sie beantwortet werden kann, muß freilich betont
werden, daß die Entwicklung der neuen Bildung keineswegs
in ganz Deutschland gleichmäßig erfolgte. Für Ästerreich unter—
nahm es Josef II. vergebens, wenigstens in Wien ein litera⸗
risches Zentrum zu schaffen, zu welchem Zwecke er u. a. Lessing
dorthin zu ziehen versuchte; es gelang ihm ebensowenig, wie
dem Kurfürsten Max Joseph in München, dessen Bestrebungen
gemeinsam von Klerus und Beamtentum als den „an der
Spitze der Nationalignoranz stehenden“ Schichten vereitelt
wurden. Dabei ist klar, daß es vor allem der Boden des
reinen Katholizismus war, der sich für die Aufnahme der
neuen Bildung als unfruchtbar erwies, wie er denn auch der
Entwicklung des neuen Wirtschaftslebens ungünstig blieb; in
Bayern schloß noch das Bürgerliche Gesetzbuch von 1756 jeden
Nichtkatholiken von dem Eintritt, insbesondere auch vom Erb—
recht in Liegenschaften aus; im Kurfürstentum Trier erhielten
Nichtkatholiken erst 1786 das Niederlassungsrecht.

Allein auch die protestantischen Gebiete waren nicht überall

14*
        <pb n="223" />
        212

Zweiundzwanzigstes Buch.

Sitze oder wenigstens frühe Heimstätten der neuen Bildung.
In seiner württembergischen Heimat dichtete Schubart:

Ich Mädchen bin aus Schwaben,

Und braun ist mein Gesicht;

Der Sachsenmädchen Gaben

Besitz' ich freilich nicht.

Die können Bücher lesen,

Den Wieland und den Gleim,
Und ihr Gezier und Wesen
Ist süß wie Honigseim.
Und spät noch bedauerte man in den Kreisen der Tübinger
Professoren, daß das Land „schöne Geister zu Professoren be—
komme, die in Empfindungen zerschmelzen und die Gesell—
schaften mit Liedern unterhalten“.

Im allgemeinen war es in dieser Hinsicht bezeichnend, daß
es in dem ganzen Süden und Westen noch gegen Schluß des
18. Jahrhunderts erst einen einzigen großen Buchverlag gab, den
von Cotta in Stuttgart. Und auch mit den größeren Sorti—
mentern sah es schlecht aus. „In Südwesten,“ erzählt Perthes,
„befand sich von Wien bis Regensburg — einige Verleger
katholisch-asketischer Werke ausgenommen — keine, von Regens—
burg bis Tyrol nur eine Buchhandlung — in Augsburg.
Nürnberg war es, welches den geringen Bedarf dieses großen
Landstriches allein befriedigte. In Tübingen und Heidelberg
waren blühende Geschäfte; aber der ganze Nordwesten, wo
Münster als letzter literarischer Vorposten vorgeschoben war,
wurde von Frankfurt a. M. aus spärlich versorgt. Dagegen
hatte der Buchhandel im ganzen nordöstlichen Deutschland schon
seit geraumer Zeit einen lebhaften Aufschwung genommen.“
Vergleicht man nun das von Perthes abgegrenzte Gebiet mit
dem der Städte, in denen die Entwicklung des geistigen Lebeus
des 18. Jahrhunderts vor allem stattgefunden hat, mit den
Schweizerstädten einerseits, anderseits Hamburg, Leipzig,
Berlin, Göttingen, dazu Weimar, Gotha, Meiningen, Darm—
stadt, Braunschweig, Oldenburg, Eutin und überhaupt Hol—
stein: so bemerkt man leicht, daß die Gebiete literarischer
        <pb n="224" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.

2138
Produktion und Konsumtion im allgemeinen zusammenfielen,
und daß sie doch nicht viel mehr als etwa ein starkes Drittel
des deutschen und etwa vier Fünftel des protestantischen Bodens
ausmachten.

Und sehr deutlich drängt sich daneben noch eine andere
Beobachtung auf: innerhalb dieses Gebietes sind die größeren
und mittleren Städte Trägerinnen der Bewegung. Das ist
in der Tat das Entscheidende: auf dem einmal gegebenen
Boden hat das Bürgertum vor allem die neue Bildung ge—
pflegt: wirtschaftlicher Fortschritt und Aufnahme neuer Bildung
fallen, sozial betrachtet, zusammen. Und diese Erscheinung ist
in der Tat bis zu dem Grade sicher, daß die wirtschaftliche
und soziale Haltung des Bürgertums sich in tausend sekundären
Eigenschaften der neuen Bildung widerspiegelt, ja daß man
sagen darf, eben der dem Bürgertum des 18. Jahrhunderts
eigene Geist des Fortschritts noch ohne allzustarkes Hasten, das
kestina lente der Städte, die Erscheinung noch reichlicher
Mußestunden zu froher Aufnahme geistiger Kost habe dem Auf—
schwunge der Bildung als gesellschaftliche Grundlage gedient.

Von diesem Bürgertume kam aber für den eigentlichen
Übergang zur neuen Zeit nicht mehr so sehr die alte Aristokratie,
die ihre Entwicklungshöhe etwa mit den dreißiger Jahren des
18. Jahrhunderts erreicht hatte, als der spätere Mittelstand
in Betracht. Schon der Charakter des Unterrichts in beiden
Klassen zeigt es; der der Aristokratie ist immer stark inter—
national gewesen, und neben den fremden Sprachen kamen
hier ästhetisch-gesellschaftliche Momente, Ballwerfen, Tanzen,
Fechten, Reiten, daneben auch einige Unterweisung in den
bildenden Künsten, Zeichnen, Malen, Kupferstechen in Betracht;
der Unterricht des Mittelstandes dagegen blieb stets national,
und über die Elementarkenntnisse hinaus erstreckte er sich in
die Kenntnisse und später die Humanitätsethik der Mittel—
schule. Auch die Tatsache, daß, erst mit dem Emporkommen
dieses Standes, seit Mitte des 18. Jahrhunderts, die Literatur
teilweise eine spezifisch bürgerliche Färbung annimmt, weist in
derselben Richtung: Lessings Miß Sara Sampson (1758) war
        <pb n="225" />
        214

Zweiundzwanzigstes Buch.
das erste bürgerliche Schauspiel, von Thümmels Wilhelmine
(1764) der erste bürgerliche Roman auf deutschem Boden,
Und trägt nicht der erste große Abschnitt des Seelenlebens
des neuen Zeitalters, die Zeit der Empfindsamkeit, so ganz die
unverkennbaren Züge des bürgerlichen Mittelstandes: in der
gespreizten Beschäftigung mit den kleinsten, persönlichen Be—
gebenheiten des Lebens; in dem breit wuchernden Sonderlings⸗
wesen, in das z. B. Goethes Dichtung und Wahrheit so ver—
wunderlich einführt; in der philiströsen Gefühlsäußerung endlich,
von der sich sogar ein Lessing in seiner Miß Sara Sampson
gründlich erfüllt zeigt? Ja kann man nicht sagen, daß dieses
Bürgertum längere Zeit hindurch beinah mehr durch die be—
sonderen Formen der fortschreitenden Bildung charakterisiert
erscheine, als durch die Wandlungen des reinen Wirtschafts-
lebens, dessen freie Bewegung so vielfach durch fürstlichen
Regalismus, überhaupt Regierungsfürsorge verdeckt wurde?
Der in der Geschichte des Seelenlebens nicht seltene Fall trat
ein, daß eine soziale Bewegung durch eine mächtige geistige
Strömung in dem Grade mit fortgerissen und gleichsam ge—
deckt wurde, daß sie fast nur nach dieser orientiert schien.
Erst wenn man diesen Zusammenhang in seiner ganzen
Breite auf sich wirken läßt, schließt sich auch die geistige Kultur
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in ihrer vollen Aus—
dehnung zu einer wirklichen Einheit zusammen. Denn dies
Bürgertum — das mittlere und schon vor ihm und noch mit
ihm die bürgerliche Aristokratie — ist nicht bloß der soziale
und der Bildungsträger der literarischen, sondern ganz ebenso
der musikalischen, philosophischen, künstlerischen, überhaupt der
seelischen Bewegung der Zeit. Die Grundlage ist dabei immer
dieselbe: eine reichliche, zu starker geistiger Aufnahme be—
fähigende Muße. Wie es einmal von Berlin heißt (Berliner
Monatsschrift von 1781), in der Stadt gäbe es viele wohl—
habende, aber wenig müßiggängerische Leute, viele, die nach
vollbrachten Geschäften ein anständiges, simples, nicht zu kost⸗
bares, nicht zu viel vorheriges Raffinement erforderndes Ver⸗
gnügen suchten und zu genießen verständen. Solche Ver—
        <pb n="226" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 215
gnügen ergaben sich für den minder wählerischen Geschmack
der tieferen bürgerlichen Schichten in den Kuchens und Milch—
gärten, in den Tanzstunden und von Tanzmeistern veranstalteten
Abendvergnügungen, des Weiteren in Gartenkonzert und
Theater. Darüber hinaus wurden die neu angelegten Prome—
naden Sammelplatz der feineren Welt, und schon spielten hier
die Frauen eine noch erheblichere Rolle, wie in den Ver—
gnügungen des tieferen Mittelstandes. Vor allem aber wurde
die vornehme Welt durch Musik und Theater gelockt: und sie
an erster Stelle haben sie, wie einst die Kirche alles Volk, ver—
geselligt. Zwar Musik vermochte man auch daheim zu machen
und zu genießen; schon war der Gebrauch des Klaviers all—
gemein bis hinunter in tiefe Schichten; und in Leipzig konnte
man gegen Ende des 18. Jahrhunderts Klavierstunden haben
zu sechs Groschen und auch zu sechs Pfennigen. Allein den
vollen, gleichsam auch sozialen Genuß der Musik gewährte doch
erst das Concerto grosso des Musiksaales, und eben in ihm
traf sich aus mittleren und oberen Ständen des Bürgertums,
was auf Bildung Wert legte. Daneben stand als eine der
sozial versöhnenden und einigenden Mächte des bürgerlichen
Lebens das Theater. Denn hier trafen sich neben Studenten
und Gelehrten alle Kreise der städtischen Einwohnerschaft: in
manchen Irrungen lernten sie sich kennen und schließlich schätzen:
und erst der Verlauf dieses Zusammenlebens über mehrere
Menschenalter hin ermöglichte Schillers Anschauungen vom
Berufe der Bühne.

Wie sehr so eine Einheit des seelischen Daseins erreicht
wurde, das zeigt vielleicht nichts besser, als die Einordnung
der bildenden Künste. Ein klassisches Beispiel, wie man diese
verstand, bieten u. a. die Bestrebungen des 18. Jahrhunderts
in Frankfurt a. M. Nach einem früheren Versuche, dem Vor⸗
bilde anderer Städte folgend eine Malerschule einzurichten, be⸗
ginnen angesehene Bürger damit im Jahre 1781 von neuem:
eine Akademie der freien, schönen, bildenden Künste und Wissen⸗
schaften soll erstehen; ihre Aufgabe soll sein, wahre Bildung
zu verbreiten und diese zur Grundlage praktischer Tätigkeit zu
        <pb n="227" />
        216

Zweiundzwanzigstes Buch.
machen. Dabei tritt schon die Idee auf, den Kaufmanns—
stand durch akademische Vorbildung zu heben; ein Kunstgewerbe
solle erzogen werden; und der Handel bedürfe der Förderung
durch eine seitens der Wissenschaften unterstützte Industrie.
Vor allem aber handle es sich um die Pflege der bürgerlichen
Gemeingüter.

Die Frankfurter Akademie von 1781 ist nicht zustande
gekommen; erst 1816 entstanden als bruchstücksweise Ver—
wirklichungen der ihr zugrunde liegenden Idee die Polytechnische
Gesellschaft und das Städelsche Institut mit seiner Kunstschule.
Ein beinahe symbolischer Vorgang. Diese Vermählung der
Bildung mit dem deutschen Bürgertum der mittleren und
oberen Stufen, zweifelsohne einer der wichtigsten Vorgänge
unserer neueren Geschichte, ist doch nirgends ganz und bis zu
vollster Verschmelzung zustande gekommen. Und die Zeit selbst
war sich dieses Mangels, ja auch der Unmöglichkeit, ihm ab⸗
zuhelfen, wohl bewußt. Vor allem fehlten die großen einigen⸗
den politischen Impulse; erst die Freiheitskriege haben sie im
höheren Sinne gebracht. Von diesem Standpunkte aus schrieb
Karl Friedrich von Moser den resignierten Satz: „Es fehlt
uns diejenige vermittelnde Macht, welche Montesquieu sogar
für die Stütze einer guten Monarchie und für den Schutz an⸗
sieht, daß solche nicht in Verwesung oder zum Despotismus
übergehe: le tiers état.“ Aber es fehlte noch mehr. Es fehlte
jene letzte Vollendung der Bildungseinheit, die vielleicht nur
eine einzige große Hauptstadt geben kann — und damit fehlte,
um nur eines der äußeren Kennzeichen der Unvollendung an—
zuführen — die charaktervolle Stimmung einer einzigen in sich
klaren und einheitlichen geistigen Gesellschaft, fehlte feftester Stil
dichterischen und künstlerischen Schaffens vom wuchtigen Vor—⸗
trag des großen Kunstwerkes herab bis zum inhaltlich und
formell fein rythmisierten Kunsthandwerke und Plauderton.
Selbst zur Ausbildung eines klaren Begriffes der geistigen
Ebenbürtigkeit ohne Rücksicht auf Unterschiede der Herkunft
und des Standes kam es daher nicht; und der Gelehrte sah
noch gern auf den Literaten als einen Proletarier herab und
        <pb n="228" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.

217
verachtete selbst den Nachruhm, der literarischem Pöbel zu
winken schien.

Konnte unter diesen Umständen die zunächst bürgerlich
charakterisierte Bildung auch nur auf andere Stände über—
gehen? War sie im Grunde doch nur ein Zubehör, im besten
Falle ein gefälliger Exponent des jungen Wirtschaftslebens
der Unternehmung? Oder gewann sie wenigstens, eine Macht
für sich, zum Teil die übrigen Stände?

Den Unterschied der einzelnen Stände voneinander kann
man sich für das 18. Jahrhundert nicht leicht zu schroff vor—
stellen“; er war seit dem 17. Jahrhundert eher noch gewachsen;
wie es zu gehen pflegt, war er unmittelbar vor seiner drohen—
den Zerstörung durch Subjektivismus und neues Wirtschafts—
leben stärker als je. Selbst in den Städten machte er sich,
trotz aller Elemente, die die einzelnen bürgerlichen Klassen ver⸗
einigten, entschieden geltend; in Leipzig sind Ratspersonen und
Beamte, Edle von der Kaufmannschaft und Handwerker an
verschiedener Tracht und Haltung kenntlich; daneben fühlt sich
der Rektor der Universität in den fürstlichen Insignien seiner
Herrschaft wie ein kleiner Souverän, und Professoren und
Studenten leben in einer wohlabgegrenzten Welt, von deren
Höhen selbst der Student auf den Kaufmann herabblickt. Am
auffallendsten kommen diese Unterschiede, die sich immer noch
ein wenig aus dem Kreise der Sitte in den des Rechtes ver—
schieben ließen, vielleicht in der Luxusgesetzgebung zum Vor—
schein. Bei der Hochzeit müssen gemeine Leute in Leipzig schon
früh achteinhalb Uhr mit dem Zuge in der Kirche sein; nur
eine geringe Anzahl von Paaren im Zuge sind ihnen erlaubt,
für jedes Paar darüber ist eine Strafe von sechs Groschen zu
zahlen. Vornehme dagegen dürfen bis halb elf Uhr verziehen,
ehe ihr Zug in der Kirche erscheint, ja auch nachmittags sich
trauen lassen. Bei Kindtaufsschmäusen kann von den Vor—
nehmen ein Marzipan oder Kuchen zum „Gevatterstückchen“
gegeben werden; Handwerks- und gemeinen Leuten ist das
Vgl. zum Folgenden Bd. VII, l, 31 ff.
        <pb n="229" />
        218 Zweiundzwanzigstes Buch.
verboten, „ingleichen das weitläufige Ausschicken in die Häuser
und unnötige Ansagen bei denen, welche nicht Blutsverwandte
und Gevattern sind“. Bei Beerdigungen endlich hat das Be—
kleiden der Häuser, das Absingen von Motetten vor der Tür,
die Abdankung und die Austeilung vieler Leichenkarmina bei
Kindern und niedrigen Standespersonen zu unterbleiben und
soll nur vornehmen Handelsleuten und alten wohlverdienten
Bürgern bewilligt werden.

Nun haben allerdings diese Vorschriften im Laufe des
18. Jahrhunderts Abschwächungen erfahren und sind vermut⸗
lich tatsächlich oft überschritten worden. Indes der ihnen zu—
grunde liegende Geist wich doch nur langsam: nach wie vor
sonderten sich die „Vornehmen“ von den anderen Bürgern
durch einen Repräsentationsluxus ab, der das wohlige Bürger⸗
leben früherer Zeiten einem mehr erkünstelten Dasein an—
näherte, nach wie vor ersetzte der konventionelle Ehrbegriff
der Reputation noch einen Teil des sozialen, ja des persön⸗
lichen Gewissens: und wenn sich diese Lage auch nicht mehr
in neuen positiven Maßregeln auswirkte, so war sie doch
—DDD
tümlicher und gemeinsamer Bürgerfeste, Schützenauszüge,
ständiger Lustbarkeiten, Volksgebräuche den Tod zu bringen:
in Leipzig war von dem reichen Kranze solcher Sitten im
Jahre 1799 nur noch das Fischerstechen übrig geblieben.

Wenn es so in den Städten aussah, so ist leicht vor⸗
zustellen, daß für die Stände des platten Landes und der
Territorien erst recht strengste Unterschiede galten: wie ent⸗
schieden sie noch empfunden und durchgeführt wurden, zeigt
vielleicht nichts deutlicher, als die Tatsache, daß noch das
ganze 18. Jahrhundert hindurch neue Systeme von Standes-,
Rang- und Berufssteuern entwickelt wurden; noch hatte auf
diesem Gebiete das junge Wirtschaftsleben des Kapitalismus
so gut wie gar nicht eingewirkt. Aufgehoben wurde unter
diesen Umständen der Unterschied der Stände eigentlich nur
in den geheimen Gesellschaften der Freimaurer und der Rosen—⸗
kreuzer: also auf einem besonders konstruierten, idealen Boden:
        <pb n="230" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 219
hier allerdings waren im Laufe des 18. Jahrhunderts starke
Fortschritte zu verzeichnen, und die Beliebtheit von allerlei
Geheimgesellschaften und sozialen Maskeraden bis hinein ins
19. Jahrhundert geht nicht zum geringsten auf diese sozial
ausgleichende Wirksamkeit zurück.

Im ganzen aber war klar, daß das alte System der
Standesscheidung noch nicht durchbrochen war und am wenigsten
sein wenn auch noch nicht tiefster Unterbau, die soziale und
wirtschaftliche Trennung von Stadt und Land, schon mehr
als ausnahmsweise Durchbrechung erfahren hatte: in Meißen
wollte die adlige Jugend vom platten Lande nicht ein—
mal gemeinsam mit der bürgerlichen die Fürstenschule be—
suchen!
Damit war denn das Bauerntum von vornherein noch
auf lange von der Anteilnahme an der höheren sozialen Be—
wegung und dem Fortschritte der Bildung ausgeschlossen: hatte
es doch die Fühlung mit der höheren geistigen Entwicklung
der Nation schon seit spätestens dem 14., wenn man will seit
dem 12. Jahrhundert eingebüßt und seinem dumpfen, halb
unbewußten Ingrimm über diesen schwersten aller Verluste
schließlich nur in einem ohnmächtigen Hasse gegen Stadt und
Bürger, gegen Gelehrsamkeit und Wissenschaft Luft gemacht.
Jetzt aber war die Trennung so weit gediehen, daß das
Bauerntum dem Städter selbst als etwas Fremdes nicht mehr
interessant war. Wo finden sich im 18. Jahrhundert noch
Gegenstücke zu der Bauernmalerei der niederländischen Schulen
des 17. Jahrhunderts? Die neue Bildung hat sich auch
literarisch um den Bauer so gut wie nicht gekümmert; und
selbst den Kleinstädter dichterisch zu behandeln, galt im Grunde
als unzulässig. Gewisse Kreise tadelten an Goethes Hermann
und Dorothea noch gegen Schluß des Zahrhunderts, daß es
sich in dem Gedichte um die Schicksale eines Gastwirtes und
Apothekers und der Ihrigen handle: da standen doch Vossens
Luise und der redliche Thamm immer noch höher! Ernster
gepackt hat die bäuerlichen Klassen allerdings schon der Maler
Müller, wie überhaupt der Sturm und Drang noch am ehesten
        <pb n="231" />
        220

Zweiundzwanzigstes Buch.
zu ihnen in Beziehung trat. Aber doch erst Jeremias Gott⸗
helf, der Pfarrherr und Seelsorger, hat wieder von und für
Bauern geschrieben: und auch ihm folgte noch die unwahre
Süußlichkeit der Bauerndichtung Auerbachs, ehe die moderne
Literatur der wichtigsten sozialen Schicht des platten Landes
gerecht wurde.

Im Gegensatze zu den bäuerlichen Klassen, so hätte man
denken können, hätten die Klassen der Kopfarbeiter, Gelehrte
und Beamte, dem neuen Wirtschaftsleben und vor allem der
neuen Bildung mehr gerecht werden müssen. Indes auch hier
waren die Widerstände beträchtlich. Veranlassung war an erster
Stelle, daß diese Klassen, besonders die Beamtenschaft, noch
lange nach den Anforderungen der fürstlichen Kultur des
17. Jahrhunderts orientiert blieben. Und so verharrten sie
in Bombast und Titelwesen, in Servilismus und Schwulst;
so entwöhnten sie sich nur schwer des Gedankens der Pro—
tektion und gewannen damit jene Freiheit und Wahrhaftigkeit,
welche die erste Voraussetzung der Teilnahme an dem neuen
Geistesleben bildete.

Am frühesten und schließlich so gut wie vollständig fanden
sich noch die Gelehrten in die Wandlung. Von vornherein
den Anfängen der neuen Bildung, die wesentlich noch rein
wissenschaftlich waren, verbunden, wurden sie durch deren
Verlauf in Weltanschauung und wissenschaftlicher Problem—
stellung mit fortgerissen: nahmen mit der Entwicklung der
neuen Dichtung die Forschungen über Ästhetik, mit der Ent—
faltung der Sehnsucht nach höheren Lebensidealen die ethischen
Probleme, mit dem Werdegang einer neuen Persönlichkeit die
psychologischen Untersuchungen, kurz mit dem emporblühenden
Subjektivismus die ganze Breite subjektivistischer Wissenschaft
in Angriff, warfen sich damit schon in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts zu den intellektualistischen Fuhrern der neuen
Bewegung auf und entwickelten um die Jahrhundertwende
bereits wissenschaftliche Systeme von Weltanschauungen, die
ihrem innersten Drange entsprangen und genügten. So standen
sie mit am Webstuhle der Zeit, und Zettel und Einschlag, wie
        <pb n="232" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 221
sie ihn schufen und verknüpften, sind maßgebend geworden
nicht bloß für die erste Periode des Subjektivismus: auch die
Gegenwart, wenn sie sich in den verworrenen Lebens⸗ und
Forschungsproblemen der zweiten Periode zurechtfinden will,
schaut in dankbarer und zugleich führungsbedürftiger Hoffnung
auf die radikalen Lösungen der wichtigsten subjektivistischen
Probleme zurück, wie sie das Werk Herders und Kants,
Schellings und Fichtes, der Psychologie und der Natur⸗
philosophie dieser Frühzeit gewesen sind. Denn das ist der
unvergängliche Vorteil aller Anfangsperioden seelischer Zeit⸗
alter, daß in ihnen die Rätsel der kommenden Lebensgestaltung,
weil im Kontraste zur Lebenshaltung des vorhergehenden Zeit⸗
alters erblickt, mit einer grundsätzlichen und hellsehend radikalen
Deutlichkeit geschaut werden, deren Glück späteren Abschnitten
desselben Zeitalters nur zu häufig versagt ist.

War indes mit diesem Übertritte der gelehrten Welt in
den Bereich der neuen Bildung, mit ihrer damit erreichten
außerordentlichen Stellung im Geistesleben des Subjektivismus
sozialgeschichtlich so außerordentlich viel gewonnen? Man er—
innere sich, daß aus der philosophischen Fakultät des 18. Jahr—
hunderts fast noch gar keine, aus der medizinischen Fakultät
nur wenige und an Zahl geringe Berufsstände hervorgingen.
Sozialgeschichtlich waren die theologischen und juristischen
Stuͤdien noch von ungleich größerer Bedeutung; und da die
Geistlichkeit sich durch rationalistische Unterwühlung des dogma⸗
tischen Christentums und damit auch vielfach der Kirche einst⸗
weilen in den Hintergrund der Entwicklung gedrängt sah, so
handelte es sich vor allem um die Juristen; noch galt das
borwurfsvoll gemeinte Wort des Cellarius: Jus. jus. jus. et
nihil plus!

Juristerei aber hieß Beamtentum. Im Beamtentum aber
stießen, wie schon früher, zwei der älteren Berufsstände, der
der Bürger und der der Adligen, zusammen. Konnte es dabei
den Anschein haben, als wenn zunächst der bürgerliche Bestand⸗
teil den adligen in die neue Kultur habe hineinreißen müssen,
so stand dem entgegen, daß im Verlaufe des 18. Jahrhunderts
        <pb n="233" />
        222

Zweiundzwanzigstes Buch.
die Bürgerlichen namentlich in der höheren Beamtenwelt eher
zu⸗ als abnahmen. So nahm z. B. in Preußen Friedrich der
Große im Gegensatze zu seinem Vater die höheren Beamten
fast nur aus dem Adel, und nur zu den Kabinettsräten, mit
denen er täglich arbeitete, erschienen ihm Bürgerliche eher
tauglich; und nicht minder herrschte in der österreichischen
Beamtenschaft der Adel. Was aber gar die kleineren Staaten
betrifft, in denen die Person des Fürsten mehr mit der breiten
Verwaltung in Berührung kam, so waren erst recht Adlige
erwünscht: in Bayern pflegte selbst Max Joseph, wenn
ihm ein Bürgerlicher zu einer bedeutenderen Stelle vor—
geschlagen wurde, auszurufen: „Muß es denn so ein Aben⸗
leurer sein?“ Die Bürgerlichen aber selbst der mehr unter⸗
geordneten Laufbahn waren Routiniers, die, wenn der Vater
Rat gewesen war, wieder in die Ratsstube, wenn Sekretär,
wieder in das Sekretariat, wenn Richter, wieder in den
gleichen Gerichtsdienst eintraten: wie hätte man bei ihnen
anderes als einen schnöden Standeshochmut gegenüber den
ringenden Kräften einer neuen Zeit erwarten sollen? Es gab
herrliche und glänzende Ausnahmen wie Möser oder Abbt,
und schließlich sind Herder und Goethe Beamte gewesen: im
ganzen sah selbst der Advokatenstand auf Bildung und Buürger
herab.
Dabei war diese Haltung doch schon innerlich hohl. Stark
war von jeher unter Deutschen die Achtung vor dem Idealisten,
dem Dichter, dem Denker, ja dem Mann der Feder überhaupt;
mögen unsere Volkslieder nun von dem „stolzen schriber“
rühmend melden oder mag eine hochgeborene Frau, wie die
Kurfürstin Anna von Brandenburg, ihre Anerkennung hinter
den Worten „lausigter Tintenfresser“ bergen. Wie hätte da
ein Stand der Kopfarbeiter, wie das höhere Beamtentum ins—
besondere, den geistigen Wandlungen der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts auf die Dauer fern bleiben sollen. Ihre
Wogen und Wellen durften nur bis in das politische und
administrative Gebiet überschlagen, wie das gegen Schluß
des Zahrhunderts immer mehr geschah, und die Stunde der
        <pb n="234" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 223
Hingabe kam: ganz hat sie dann in dem läuternden Feuer der
Freiheitskriege geschlagen.

Im übrigen aber führte sich die Frage nach dem Ver—⸗
halten des Beamtentums im Verlaufe des 18. Jahrhunderts
auf die Frage nach dem Verhalten des Adels zurück.

Goethe, seiner Geburt nach ein bürgerlichex Patrizier, der
von seiner Nobilitierung wegwerfend sprechen konnte, hat doch
einmal sehr ernsthaft geäußert: „In Deutschland ist nur dem
Edelmaune eine gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf perso⸗
nelle Ausbildung möglich. Ein Bürger kann sich Verdienste
erwerben und zur höchsten Not seinen Geist ausbilden: seine
Persönlichkeit aber geht verloren, er mag sich stellen, wie er
will.“ Es war im Jahre 1782; 1781 ist der Dichter geadelt
worden. Seine Worte enthalten doch viel Wahres. Der
Bürgerliche gehörte der allgemeinen Meinung nach immer
einem Erwerbsftande an, der Adlige nicht: mit dem Tempel—
herrn der Dichtung Lessings, aber auch mit dem geschichtlichen
Adel fast aller Übergangszeiten von Natural- zu Geldwirt⸗
schaft sah dieser in dem Erwerbsleben im Grunde eine Be—
schäftigung des Armen. Und das gab ihm eine willens- und
geistesfreie Stellung: jenen wahrhaften Adel der Erziehung
uind der Gesinnung, von dem noch heute der Junkerstand des
deutschen Nordostens zehrt.

So hätte man denken sollen, dieser Adel würde sich mit
offenen Armen der neuen Bildung entgegengeworfen, ihre
hohen Ideale anerkannt, und sich in dieser Bewegung mit
dem höheren Bürgertum zu einer einzigen, überwältigend starken
Gesellschaft der Bildung verbunden haben. Und welche Er—
gebnisse von höchster Bedeutung würde ein solcher Verlauf ge—
zeitigt haben!

Aber er trat doch nur in geringem Grade ein. Gewiß
vermischen sich die Grenzen zwischen Adligen und Bürgerlichen
seit Mitte des 18. Jahrhunderts tatsächlich ein wenig. In
der Armee des großen Königs erscheinen während des Sieben—
jährigen Krieges, nachher wenigstens hier und da in den
Spezialwaffen auch Bürgerliche. In einer Anzahl von Ländern
        <pb n="235" />
        224

Zweiundzwanzigstes Buch.

erwerben Bürgerliche immer mehr Rittergüter; in der Gegend
fortgeschrittenster sozialer Bewegung, im Umkreise von Leipzig,
waren von 858 Rittergütern im Jahre 1726 schon 82 in bürger—
liche Hände übergegangen; und Homann, der Stammpvater der
heutigen Grafen von Hohenthal, ein reich gewordener Leip⸗
ziger Fuhrherr, hat allein 13 Rittergüter in der Umgebung
der Stadt an sich gebracht. Und was mehr war: in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann die spezifisch
höfisch-adlige Literatur zu verfallen. Man hört nichts mehr
von Handbüchern des Galanthomme und von einem Über—⸗
gewicht adliger Memoires, die Journale der höfischen Gesell—
schaft gehen ein: das Theatrum ERuropaeum 1788, die Euro⸗
päische Fama 1756, nicht minder das Cabinet des princes de
'Rurope. Aber wurden sie etwa durch eine andere adlige oder
adlig-bürgerliche Literatur im neuen Geiste ersetzt? Es zeigte
sich, daß der deutsche Adel zwar edel, aber im ganzen zu
bildungsfremd war, um in der Entwicklung des neuen Geistes⸗
lebens voll den Platz einzunehmen, der ihm sonst gebührt
hätte. Schon im 16. Jahrhundert war der Adlige bei gleicher
Lebenshaltung im allgemeinen ungebildeter gewesen als der
Bürgerliche. Dann hatte er sich an dem schöpferischen Geistes—
leben der Nation im 17. Jahrhundert nur gering beteiligt.
Gegen Schluß des 18. Jahrhunderts aber mußte er es mit
anhören, daß ihm mit Recht vorgeworfen wurde, er sei im
Grunde unter den Deutschen noch der verhältnismäßig „un⸗
gebildetste“, ja „unkultivierteste Teil“, und fern sei er den
liebenswürdigen Sitten des französischen Edelmanns.

So kam es dazu, daß der Adel an der Entwicklung der
neuen Kultur nicht eigentlich selbständigen Anteil nahm; so—
weit er sich an ihr beteiligte, geschah es im Bereiche mehr
bürgerlicher Anschauungen: und spezifisch bürgerlich entwickelte
sich darum der Charakter der neuen Bildung. In diesem
Sinne schon, wenn auch noch mit etwas adliger Eigenart,
war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Graf
von Tschirnhausen Kenner der Naturwissenschaften und auf
ihrem Gebiete wie in dem der eng angeschlossenen Philosophie
        <pb n="236" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 225
auch schöpferisch tätig gewesen; gehörte der Graf von Bünau—
Dahlen, der Gönner Winckelmanns, unter die besten Historiker
der Zeit; hat sich ein Graf Manteuffel als eifriger und ein—
sichtsvoll werbender Anhänger der Wolffschen Philosophie be—
währt; wurde endlich der Freiherr von Münchhausen zum hoch—
gebildeten Pfleger der jungen Universität Göttingen. Aber
damit war auch für diese Frühzeit der Anteil des Adels an
der Entwicklung der neuen Bildung, soweit bekanntere Namen
in Betracht kommen, wohl der Hauptsache nach erschöpft. In
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurde die Teilnahme
dann freilich stärker: die Stolberge, die Humboldts, Hofleute
wie von Thümmel und von Einsiedel, Militärs wie von Knebel
gehörten der neuen Kultur unmittelbar an; und nirgends hat
sie vielleicht enthusiastischere Anhänger und Mäcene gefunden
als im holsteinischen Adel. Aber zugleich verlor sich doch erst
recht jeder spezifisch adlige Charakter; die literarischen Zirkel
in Oldenburg und sonstwo, in denen Bürgerliche und Adlige
gemeinsam verkehrten, hatten vornehmlich bürgerliche Färbung,
und die Tatsache, daß Johann Heinrich Voß, der Enkel noch
eines Leibeignen und als Informator selbst noch dem Gesinde
einer mecklenburgischen Adelsfamilie angehörig, nicht lange
nach seiner Ankunft in Göttingen mit dem reichsunmittelbaren
Grafen von Stolberg als Gleicher mit Gleichem verkehrte, an
sich höchst erfreulich, beweist doch, daß auch unter günstigen
Verhältnissen der spezifisch-soziale Beitrag des Adels zum
geistigen Fortschritte gering war.

Und so blieb denn die Verbindung bürgerlicher und
adliger Kreise geschweige denn ihre Verschmelzung in dem Fort⸗
gange des neuen Seelenlebens ein frommer Wunsch; auch hier
hat erst die politische Durchbildung des Subjektivismus vor⸗
nehmlich im 19. Jahrhundert die Fesseln stärker gelöst. Wohl
aber kam es schon früh zu einem freundlichen Zusammen—
arbeiten der Spitzen beider Stände; und nur in der Tiefe
gleichsam fortdauernder Sedimentärzustände früherer Zeiten
blieb es einer Reichsfreifrau von Wöllwarth auf Neubronn
borbehalten, sich zu der Überzeugung zu bekennen, Adel und

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 15
        <pb n="237" />
        226

Zweiundzwanzigstes Buch.
Bürger seien zwei verschiedene Rassen, und der Rassenunterschied
werde auch im Jenseits fortdauern.

Im übrigen ist nicht zu verkennen, daß die Haltung des
Adels auch vielfach durch die Haltung der fürstlichen Höfe
heeinflußt wurde: denn der Adel bedarf, um zu leben, des
Abhebens und der Anerkennung seiner Bedeutung von unten
wie oben. Zwar dachten keineswegs alle Adligen wie jener
HZofmarschall in Kabale und Liebe: „Ich — mon Dieu! was
bin denn ich, wenn mich Seine Durchlaucht entlassen?“ Aber
von irgendwelchem Fürsten abhängig war doch fast jedes be—
kanntere Geschlecht — und wohl wieder nur der holsteinische
Adel machte hier zum Teil eine Ausnahme.

Haben nun aber etwa die Fürsten die neue Kultur in
geistiger Selbständigkeit gefördert? Im ganzen genommen war
davon keine Rede. Es gab in dem Deutschland des 18. Jahr⸗
hunderts dritthalbhundert fürstliche Hofhaltungen: wie hätten
sie da zunächst besonders starke geistige Machtmittel, den weisen
Sinn etwa und das selbständige Mäcenat auch nur der Valois
oder Tudors entfalten sollen! Selbst in der Hofburg zu
Wien war die Grandezza ärmlich und plump genug im
Vergleich zur spanischen. Und wie hätte das freudige, tanz—
lustige und in naivem Phäakentum ausgelassene Wien Mittel-
punkt ernsteren, speziell geistigen Strebens werden können?
Man sehe nur die langen Reihen von Bildern der Hof- und
Bürgerfeste des 17. und 18. Jahrhunderts im Historischen
Museum der Stadt durch, und man wird überzeugt sein: in
dieser Umgebung konnte günstigenfalls nur die Musik gedeihen.
Schlimmer war es, daß auch Preußen, daß Friedrich II. ver⸗
sagte. Konnte der König noch im Jahre 1757 in einem fran⸗
zösischen Gedichte Gottsched die Aufgabe zuweisen, den litera—
rischen Ruhm Deutschlands zu begründen, so bedurfte es wirk⸗
lich nicht noch der Schrift De la litterature allemande vom
Jahre 1780, um den Beweis zu erbringen, daß Friedrich in
seinem eigenen Lande schließlich geistigem Anachronismus ver—
fallen war. Und welch andere Stellung hätte dieser König
in der deutschen Entwicklung einnehmen können! Im Jahre
        <pb n="238" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.

227
1764 sang Klopftock mit deutlicher Bezugnahme auf ihn, wenn
auch nicht eben sehr poetisch, von Kaiser Heinrich VI., dem
Staufer:
Wenn jetzt du lebtest, Edelster deines Volks

Und Kaiser, würdest du, bei der Deutschen Streit
Mit Hämus' Dichtern und mit jenen

Am Kapitol, unerwecklich schlummern? —

Du sängest selber, Heinrich!
Und es änderte die Lage nicht, daß der König persönlich
den Mangel einsah. Im Jahre 1756 hat er zu Gottsched ge—
sagt: „Ich habe von Jugend auf kein deutsches Buch gelesen,
und ich rede es sehr schlecht (jo parle comme un cocher): jetzo
aber bin ich ein alter Kerl von 46 Jahren und habe keine
Zeit mehr dazu.“ Berlin war zur Zeit des großen Königs
ein Standort vor allem französischer, erst in zweiter Stelle
deutscher Dichtung und Wissenschaft.

Nun blieb bei dem Versagen der großen freilich den kleinen
Fürsten um so bessere Gelegenheit, sich im nationalen Geistes—
leben mit Erfolg zu betätigen. Und wer wollte so vielen
mittleren und kleinen Residenzen dieser Zeit den Ruhm be—
streiten, mehr oder minder Musenhöfe gewesen zu sein: dem
Hofe von Weimar vor allem, aber auch den Höfen von Dessau,
Gotha, Meiningen, Darmstadt, ferner Braunschweig und
Eutin, Karlsruhe und Bückeburg? Allein trotzdem wird man
nicht behaupten können, daß diese Höfe der neuen Bildung
materiell besondere Färbung und auch nur teilweise eigenen
Charakter gegeben hätten. In Goethes Schaffen sind die
Weimarer Erfahrungen gewiß nicht ohne Einfluß gewesen,
Herder wurde in Bückeburg in fürstliches Seelenleben hinein⸗
gezogen, ein wenig haben auch andere Höfe innerlich ein—
gewirkt: im ganzen aber blieb der Zusammenhang mehr ein
äußerer. Bezeichnend dafür ist, daß sich der Ton der deutschen
Literatur im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
nicht höfisch gestaltete, sondern vielmehr umgekehrt Stimmung
und Ton dieser wesentlich bürgerlichen Literatur an den Höfen
eindrang: selbst in den mündlichen Umgangsformen ist dieser

15 *
        <pb n="239" />
        2u8

Zweiundzwanzigstes Buch.
Verlauf der Entwicklung wahrzunehmen: in wie anderen Weisen
haben nacheinander Gottsched, Gellert, Klopstock, Schiller,
Goethe mit deutschen Fürsten geredet. Und so blieb es denn
dabei: während sich um 1700 das deutsche Bürgerleben ver⸗
fürstlicht hatte, verbürgerlichte sich um 1800 das Fürstenleben;
die Bildung in doch wesentlich bürgerlicher Form hatte ge—
siegt, wenn sie sich auch in den höchsten Erzeugnissen des
Klasfizismus auf allen Gebieten, und vornehmlich dem der
Dichtung, zu schönsten Höhen aristokratischen, adligen Emp⸗—
findens erhob und damit auch die Geburtsaristokratie der Nation
schließlich zu einem nicht geringen Teile fesselte.

Suchen wir jetzt zu einer Übersicht des Gesamtverlaufes
zu gelangen, so läßt sich sagen: gewiß waren die Entwicklung
der deutschen Bildung des 18. Jahrhunderts und das Empor—
blühen eines neuen Wirtschaftslebens zunächst getrennte Vor⸗
gänge, die allgemeiner vielleicht nur insofern zusammenhingen,
als dies Wirtschaftsleben noch ein Dasein der Muße ermög—
lichte, das geistigen Interessen zugute kommen konnte: — allein
gleichwohl bleibt bestehen, daß der Träger dieses neuen Wirt—
schaftslebens, das Bürgertum, doch auch zugleich der Haupt—
sache nach der Träger der neuen Bildung war, und daß diese
daher bei allem Universalismus einen spezifisch bürgerlichen
Charakter annahm.

Es ist ein Ergebnis, das eigentlich nicht überraschen kann,
denn es findet Analogien in der früheren Geschichte unseres
Volkes. Die Ministerialität des 12. Jahrhunderts, aus der
siich das niedere Rittertum der Stauferzeit vornehmlich rekru—
tierte, war ein wirtschaftlich aufsteigender Stand; sie ist zu—
gleich auch soziale Trägerin der ritterlichen Bildung des 12.
und 183. Jahrhunderts gewesen. Der Humanismus des 18.
und 16. Jahrhunderts gehörte der wirtschaftlich aufs ge—
waltigste fortschreitenden Bildung des Bürgertums dieser Zeit
an, und bürgerlich war auch die allgemeine Kultur der Re—
formation und Renaissance.

Indem aber diese Analogien herangezogen werden, ergibt
sich zugleich ein Unterschied, der auf den schließlichen Verlauf
        <pb n="240" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 229
der Bildung des 18. Jahrhunderts ein starkes Licht wirft.
Die Bildung der ritterlichen Gesellschaft war wesentlich ästhetisch,
denn sie beruhte auf den Tageseindrücken eines vornehmlich
kriegerischen Berufes. Die Bildung des 16. Jahrhunderts ist
ästhetisch und intellektuell zugleich gewesen; spiegelte sich einer⸗
seits in ihr schon das tägliche Verstandesdasein des Bürger—
tums ab, so empfing sie doch durch den Humanismus, wenigstens
in ihrer vollsten Blüte, noch die Impulse eines starken Phantasie—
lebens. Die Bildung des 18. Jahrhunderts war im Grunde
vornehmlich intellektuell: ihre sozialen Träger waren diejenigen
Schichten des Bürgertums, die am meisten dem Kalkül, der
verstandesmäßigen Abwägung, dem Rechnen lebten. Und so
ist Intellektualismus ein Grundbestandteil dieser Bildung von
Anbeginn; kein Enthusiasmus der Dichtung, kein Mystizismus
der Philosophie um 1800 kann darüber hinwegtäuschen. Im
19. Jahrhundert ist dann diese starke Bevorzugung der Ver—
standeskräfte an entscheidender Stelle, im allgemeinen Charakter
der Erziehung und des Unterrichts immer stärker hervor—
getreten. Zugleich aber ergibt sich, daß die neue Bildung in
dieser Einseitigkeit den herandrängenden sozialen Problemen
des 19. Jahrhunderts je länger je weniger gewachsen sein
mußte. In Zeiten neuer sozialer Bildung haben sich ihre
Vertreter gegen die Geldaristokratie devot, gegen den vierten
Stand und die Demokratie hochmütig: in beiden Fällen also
ratlos erwiesen, und so war in dieser Richtung ihr Schicksal
besiegelt.

Die Bildung des 18. Jahrhunderts als Ganzes lebt heute
nur noch in Trümmern fort; neue Kräfte sozialen und geistigen
Charakters sind erstanden, nicht das Bürgertum allein ist noch
auch nur hauptsächlichster Träger des nationalen Geisteslebens:
von neuen Grundlagen streben wir neuen Idealen zu.

Aber über ein Jahrhundert, von der Mitte des 18. Jahr⸗
hunderts bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts, hat dies
ältere Geistesleben, aus so merkwürdigem Grunde heraus ge—
boren, die Nation beherrscht, eine der gewaltigsten Erscheinungen
unserer Geschichte: und so wird es die Aufgabe unserer Er—
        <pb n="241" />
        230

Zweiundzwanzigstes Buch.
zählung sein müssen, seine ersten Anfänge und Außerungen ein⸗
gehend zu verfolgen.

3. Das neue geistige Leben, das sich seit etwa 1740 oder
1750 Bahn brach, erschien den Zeitgenossen als etwas inner⸗
lichst noch nie Erlebtes: der alternde Herder hat von dieser
Periode gesagt, in ihr sei den Europäern „in der alltäglichen
eine neue Welt aufgegangen“. So empfand es auch Goethe,
und für das literarische Gebiet insbesondere stand er unter
dem lebhaften Eindrucke des Elementaren der Bewegung; er
erzählt einmal vom Sturm und Drange als „jener deutschen
literarischen Revolution“, „von der wir Zeugen waren, und
wozu wir, bewußt und unbewußt, willig oder unwillig, un⸗
aufhaltsam mitwirkten“.

Und auch darüber war Goethe sich klar, daß die ganze
Bewegung im Kerne einheimisch und, äußerlich betrachtet, im
Gewande der Reaktion gegen das Seelenleben der vorher⸗
zehenden Zeit erfolgt sei; so wenigstens läßt sich im Zusammen⸗
hange mit dem eben Ausgeführten aus dem berühmten Satze
des siebenten Buches von Dichtung und Wahrheit schließen:
„Die literarische Epoche, in der ich geboren bin, entwickelte
ich aus der vorhergehenden durch Widerspruch.“

Durch Widerspruch! Ein inhaltvolles Wort. In der
Tat war der Vorgang der, daß die ganze Lebensdominante
des individualistischen Zeitalters, sein besonderes Selbst⸗
bewußtsein gleichsam, verloren ging, sich auflöste, ohne daß
sogleich der feste Charakter eines neuen Zeitalters, eine sub—
jektivistische Dominante, an seine Stelle trat. Denn jedes
Zeitalter löst sich schließlich dadurch innerlichst auf, daß es
langsam anfängt, sich selbst zu erkennen, allmählich intellek—
tualisiert wird: wie man mit richtigem Bilde sagen kann,
seine Analyse vollzieht. Ganz besonders augenscheinlich und
stark aber vollzog sich dieser Prozeß in einem Zeitalter, das
an sich schon, wie das individualistische, einer entschiedenen
Bevorzugung der Verstandeskräfte zuneigte.

Was aber trat an die Stelle, als sich diese Auflösung
        <pb n="242" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 231
vollzog? Der jugendliche Goethe hat es einmal mit hin—⸗
reißender Beredtsamkeit ausgeführt. „Natur, wir sind von
ihr umgeben und umschlungen — unvermögend, aus ihr heraus⸗
zutreten, und unvermögend, in sie tiefer hineinzukommen. Un⸗
gebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres
Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet
sind und ihrem Arm entfallen“ ..... Die Natur „hat mich
hereingestellt; sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue
mich ihr. Sie mag mit uns schalten. Sie wird ihr Werk
nicht lassen. Ich sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist,
und was falsch ist, alles hat sie mir gesprochen. Alles ist ihre
Schuld, alles ist ihr Verdienst“. Es ist der Determinismus
der Empfindsamkeit; es sind die Tage spinozistischer Schwärme—
reien. An den Busen der Natur wirft man sich, in ihr will
man aufgehen, und nicht am wenigsten in der Empfindung
des eigenen Herzens; all die gewaltigen Summen neuer Reize,
die von der neuen Zeit der Bildung und von den indirekten
Einwirkungen des neuen Wirtschafts- und Gesellschaftslebens
herkommen: sie will man passiv, willenslos gleichsam, von den
Dingen nur eben getragen, erleben, erforschen, genießen.

In diesem Sinne ist Neugier eine der bezeichnendsten und
frühesten Eigenschaften des neuen Zeitalters, und innigst mit
der wichtigsten ihrer wirtschaftlichen Motivationen verkuppelt,
wird sie uns in dem Satze des fein empfindenden von Creutz
vorgeführt: „Die itzige Welt ist so eigennützig als sie neu—
gierig ist.“ Wo aber konnte diese Neugier ein treffenderes
Zentrum ihrer Betätigung finden, als in der Beobachtung des
eigenen Herzens? Sie eben steht darum ganz im Vorder—⸗
grunde der Zeit, ist gleichsam einer der frühesten Atemzüge des
Subjektivismus. Da will z. B. ein tapferer Mitstreiter des
großen Friedrich im Siebenjährigen Kriege aus diesen Jahren
blutigen Kampfes und drängender Ereignisse nichts anderes
heimbringen, als die „Geschichte seines Herzens“ (1703). Und
da meint von Creutz, der schon eben als Zeuge angerufene,
vielleicht früheste Psychologe des Subjektivismus, in seinem
„Versuche über die Seele“ (1754): „Ich würde ... die Feder
        <pb n="243" />
        232

Sweiundzwanzigstes Buch.

niedergelegt haben, wenn mir nicht allzuviel daran gelegen
wäre, mit meiner Seele oder mir selbst etwas näher bekannt
zu werden.“

Indem man aber so der Neugier psychologischer Selbst⸗
beobachtung verfiel, stellte sich, wenigstens bei hervorragenden
Menschen, leicht jenes Nebeneinander von Reflexion und Ge—
müt, jene menschliche Zwieheit gleichsam ein, der „der Dialog
des Ichs mit dem Ich eine angenehme Unterhaltung“ und die
„Selbstverdoppelung ein heiteres Spiel“ ist. In dieser frohen
Entdeckerlaune drang man nun in das Innere der Seele
ein — in Tiefen, die bis dahin unentschleiert, in Kammern,
die verschlossen geblieben waren —: und mit immer größerem
Eifer, schließlich mit fieberhafter Leidenschaft grub und wühlte
man fort. Das ist die Erscheinung, die Kant an Hamann
schildert: „die Krankheiten seiner Leidenschaften geben ihm eine
Stärke, zu denken und zu empfinden, wie sie ein Gesunder
nicht besitzt.“

Und was entdeckte man? Wir werden über den Befund
später noch genauer zu berichten haben. Im allgemeinen be—
trachtet, erschienen die seelischen Beziehungen der Persönlichkeit,
wie man sie nun staunend erkannte, unendlich viel feiner und
reicher als bisher: die unbewußten Funktionen menschlichen
Daseins zuckten bloßgelegt; das Herz mit seinen Gemütsregungen
schien wie unter einer Glasglocke zu pulsieren: und ein Drang
dieser neuen Überfülle, sich gleichsam im Unendlichen aufzulösen,
ein Hang zum unerwartet Gewaltigen, unfaßbar Erhabenen
schien die erkennende Seele beinahe zu sprengen. Eine merk⸗
würdig nervöse, schließlich empfindsam getaufte Haltung trat
ein und wurde zur Grundsignatur der nächstkommenden Zeiten.

Indem sich aber so aus anormaler Neugier und im höchsten
Grade erweiterter Aufnahmefähigkeit eine dauernde Spannung
der psychischen Funktionen von größerer Weite, als bisher,
entwickelte, eine Spannung, die zunächst der Anschauung zu—
gute kam, begann die Betätigung von Streben und Wollen
auf längere Zeit zu kränkeln. Eine gewisse Entschlußschwere
bis zur Willensautomatie trat ein, die nirgends besser, als in
        <pb n="244" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 233
den Leiden des jungen Werthers geschildert ist. Nur dem
Herzen will man noch folgen, frei von Regeln und Gesetzen,
von jeder Fessel gelöst, nur den Gefühlen des Schauens hin—
gegeben: bis man das eigene Herz verhätschelt sieht. Mit
Verachtung und Mitleid blickt man dabei auf die Träger
ständig und regelmäßig in Anspruch nehmender Berufe herab.
So wenden sich nicht wenige, namentlich jüngere Zeitgenossen
von einem sicheren Berufe ab oder treiben sich von einem zum
anderen um, innerer Unruhe voll; und selbst ein bürgerlich so
trefflicher Mann, wie Goethes Schwager Schlosser, kann sich
im Deutschen Museum (1777) vernehmen lassen: „Gelehrten⸗
stand — Stand? Pfui! .... Himmel, was für Stände! —
Der Gelehrtenstand, der Juristenstand, der Predigerstand, der
Autorenstand, der Poetenstand — überall Stände und nirgends
Menschen! .... Warum ist Weisheit, Erfahrung, Menschen⸗
kenntnis so selten bei euren Männern von Geschäften! Weil
sie so viel studieren müssen, so wenig leben. Warum ist so
wenig bei euren Gelehrten? Weil sie einen Stand aus—
machen.“
Aber schlimmer und auffallender als die Entschlußschwere
waren noch andere Krankheiten des Willens, die nun herauf—⸗
zogen. Die allgemeine Erregtheit hatte starke Schwankungen
der Entschlußfähigkeit zur Folge, und nicht wenige Träger eben
jüngster seelischer Fortschritte endeten in Mutlosigkeit. Bei
anderen wiederum ging die Schwärmerei, die sich so leicht
aus der Erregtheit entwickelt, entweder in verzehrende Senti—
mentalität über, die in Selbstmord enden konnte, oder verlief
in eine Vertrauensseligkeit und Unbesonnenheit, von der viel—
leicht Lavater eines der besten Beispiele bietet. Vor allem
aber gab der Verfall der Willensfestigkeit den schweren Leiden⸗
schaften freies Feld. In diesem Zusammenhange hat Hamann,
nach zeitgenössischem Zeugnisse selbst „ein wunderbares Gemisch
wahrer Kindlichkeit und der Heftigkeiten des leidenschaftlichsten
Menschen“, die Leidenschaft geradezu als Leben und Waffe der
Menschheit seiner Zeit bezeichnen können: „sie kennt keine Regel,
sie will keinen logischen Beweis; sie ist der Odem des Genies“.
        <pb n="245" />
        234

Zweiundzwanzigstes Buch.
Denn nur in der Leidenschaft gedeihe Denken und Dichten:
„Wo sind schnellere Schlüsse, wo wird der rollende Donner
der Beredtsamkeit erzeugt und sein Geselle — der Blitz?“ Von
allen Leidenschaften aber war es natürlich die der Liebe, die
der Zeit am jähesten über den Kopf wuchs. In diesem Zu—
sammenhange hat Schubart ausgerufen: „Leidenschaft, meine
Tyrannin, wie hast du deinen Sklaven erniedrigt!“ Wie ekel⸗
haft sie in den spielerischen Formen der Liebeständelei auf—⸗
treten konnte, davon geben die Briefe von und an Lavpater
mehr als ein Zeugnis: so wenn die Marchesa Branconi,
Mätresse des Erbprinzen von Braunschweig, an den Züricher
Apostel schreiben durfte: „Seele meiner Seele ... Dein
Taschentuch, Deine Haare sind für mich, was für Dich meine
Strumpfbänder.“ Da sind denn doch die Liebeleien der Ana⸗
kreontiker, dieser Vorboten der Empfindsamkeit, noch erträg⸗
licher: „nun schwärme ich wieder, heut verwundet mich ein
zlaues Aug' tödlich, morgen vergess' ich's bei einem braunen“1.
Allein die charakteristischen Fälle verlaufen weit schwerer. So
die Schicksale Sprickmanns, die wohl als typisch gelten können.
„Nachdem ihm ein Freund das Mädchen seiner ersten Liebe ge—
raubt hatte, zwangen ihn Familienverhältnisse, eine einfache,
wenig gebildete, aber seelensgute Frau ohne Liebe zu heiraten.
Sie vermochte ihn nicht dauernd zu fesseln. Eine vornehme
Dame in Münster zog ihn an. Der Minister Fürstenberg
schickte ihn Nopember 1777 auf Reisen nach Wetzlar, Regens⸗
burg und Wien. Er sollte ein Jahr ausbleiben: in Regens—
hurg kehrte er plötzlich wieder um und knüpfte in München
ein schwärmerisches Liebesverhältnis mit Lotte Einem an, der
einstigen Geliebten Millers vom Göttinger Hainbund. Ver—
gebens bemühte man sich, das unselige Verhältnis zu lösen; es
dauerte einige Jahre an, und Lotte litt zuletzt schwer unter
ihm. Dann kam Sprickmann unter die Gewalt der Fürstin
Gallitzin, und Lotte machte die Entdeckung, daß sie das Herz

1 Der junge Gesner in einem Briefe an Schultheß, Wölfflin, S.
Gesner, S. 151f.
        <pb n="246" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 235
des leidenschaftlich geliebten Mannes eine Zeitlang mit Johanna
Gatterer geteilt hatte, die an diesem Verhältnisse hinsiechte.
Anfang 1780 beichtete der nun dreißigjährige Sprickmann seiner
todkranken Frau all diese Torheiten, gab ihr seine Briefe und
schwur ihr, sich um kein weibliches Geschöpf mehr zu kümmern“1.
Es ist eine Zeit der sogenannten Seelenehen, in der wir uns
hewegen; und Bürger ist an den furchtbaren Folgen sogar
einer tatsächlichen Doppelehe an Seele und Leib zugrunde ge—
gangen.

Natürlich fielen namentlich die jüngeren Zeitgenossen dieser
zunächst zersetzenden Wirkung der neuen Zeit, dieser inneren
Auflösung in den Dissoziationsvorgängen der alten, zum Opfer.
Die Kehrseite dieser traurigen Erscheinung aber tritt darin
hervor, daß auch die schöpferische, positive Entwicklung der
neuen Kultur sich vor allem in den Reihen der jungen Leute
vollzog: so auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, so vor
allem aber in den eigentlichen Regionen des Geistes. In der
Dichtung z. B. waren studierende Jugend und frühes Mannes⸗
alter, das den akademischen Jahren noch nicht allzu fern
stand, die Vertreter des Fortschritts: dieses junge Deutsch-
land war darum Schriftsteller und Publikum zugleich und
sorgte als Publikum gleichzeitig für den Ruhm und die dem
Schriftsteller der Zeit fast noch notwendigeren Subskribenten.
So hat z. B. der Hainbund für Klopstocks tolle Gelehrten⸗
Republik allein in Göttingen 342 Subskribenten zusammen—
gebracht, während sich in dem geistig weit bedeutenderen Leipzig
ohne diese Agitation nur 35 einstellten.

Sind aber die geschilderten Erscheinungen der Strebens—
und Willensstörungen mehr vorübergehender Art, ohne den
inneren Gang der Sittengeschichte unmittelbar allzu stark zu
bestimmen, so nehmen die gleichzeitig auftretenden Störungen
der gewohnten Art des Anschauens und Urteilens die Auf⸗—
merksamkeit um so stärker in Anspruch. Denn die Unsicher⸗
heit, die auf diesem Gebiete eintrat, das Tasten und das

Val. Sauer, Kürschners Deutsche Nat.Lit. 79, 34 -85.
        <pb n="247" />
        286

Zweiundzwanzigstes Buch.
Meinen, führte zu Autosuggestionen und Suggestibilitäten
höchst bezeichnender Art, je nachdem die einzelnen Personen
reiner mehr aktiven oder passiven Lebensführung zuneigten.

Charakteristisch ist zunächst die allgemein verbreitete Neigung
zum Dämmernden, intellektuell Unentschiedenen, Halbverständ⸗
lichen und wohl gar ganz Unverständlichen, das Ahnen,
Staunen, Verstummen, die Durchsetzung des Erkennens mit
Andacht, ja Gebet: um mit Hamann zu reden, die „Un—
wissenheit der Empfindung“ als Erkenntnisprinzip. Der Zu—
stand, der auf diese Weise entstand, wurde von Hamann mit
den Worten empfohlen: „Denken Sie weniger, leben Sie
mehr!“ — von Kant aber in dem monumentalen Satze ver⸗
urteilt: „Wer allenthalben Anschauungen an die Stelle ordent—
licher Reflexionen des Verstandes und der Vernunft setzt —
schwärmt.“ Zugrunde liegt die Erscheinung, daß die neuen
Reize, die zum Subjektivismus überführten, mit Vorliebe auf
Momente gingen, die noch nicht klar vorstellbar waren —
Momente, die im Seelenleben der Zeit gleichsam erst über die
psychophysische Schwelle empordrängten.

In der damit gegebenen Unsicherheit des Urteilens blühte
nun vor allem, und zunächst wiederum bei der Jugend, die
Neigung zum Größenwahn als die verbreitetste Form von Auto—
suggestion bei schlecht entwickelter Willensfestigkeit auf: und
ihr soziales Produkt war der Begriff des Genialen.

Zugrunde lag dieser Entwicklung am Ende ein zwar um
1760 und 1770 noch neuer, aber an sich völlig normaler Be—
griff des emporkommenden Zeitalters, die Vorstellung nämlich
einer jeden Persönlichkeit als eines subjektiven Mittelpunktes
und Erkenntnisorganes der Welt. „Wozu dient all der Auf⸗
wand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen
und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von ge—
wordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein
glücklicher Mensch unbewußt seines Daseins erfreut“: so hat
man wohl später ausgerufen, und so ahnte man schon in
empfindsamen Zeiten. Damit verband sich aber ein erhöhtes
Gefühl und bald auch eine gesteigerte Theorie der Freiheit.
        <pb n="248" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 237
Ließen ältere Zeitgenossen den Willen noch auf gut rationa—
listisch vom Verstande abhängen, so gab ihm eine Partei des
Überganges schon eine besondere Widerstandsfähigkeit gegen
erregende Vorstellungen; noch weiter Fortgeschrittene verliehen
ihm das Vermögen, seine Beweggründe selbst zu schaffen oder
wenigstens zu verändern; die Leute des ganz Neuen aber, der
vollendeten Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges
riefen: „kein Mensch muß müssen“; „man kann, was man
will,“ und Hamann verkündete triumphierend: „Der freie Wille
ist das Höchste, das Schöpferische in Gott und im Menschen,“
und selbst Sprache und Volkspoesie erschienen ihm als dessen
Geschöpfe.

Von dieser Entwicklungsreihe her ergab sich nun zunächst,
gleichsam als eine erste Stufe subjektivistischen Selbstbewußt⸗
seins, die Vorstellung eines Genius, die niemand besser um—
schrieben hat als Herder in einem berühmten Briefe an seine
Braut Karoline Flachsland. „Ich glaube, jeder Mensch hat
einen Genius, das ist, im tiefsten Grunde seiner Seele eine
gewisse göttliche, prophetische Gabe, die ihn leitet . . . . Das
war der Dämon des Sokrates, er hat ihn nicht betrogen, er
betrügt nie; und er ist so schnell, seine Blicke so fein, so
geistig, es gehört auch zu ihm so viel innerliche Treue und
Aufmerksamkeit, daß ihn nur achtsame Seelen, die nicht aus
gemeinem Kot geformt sind und die eine gewisse innerliche
Unschuld haben, bemerken.“ Es ist jenes aristokratische Daimo—
nion, das u. a. Goethe von Herder übernahm:
Wen du nicht verlässest, Genius,
Nicht der Regen, nicht der Sturm
Haucht ihm Schauer übers Herz.
Es ist der Genius zugleich, von dem Klinger rühmt, daß er,
in Sturm und Drang, mit Feuerströmen in ihm brause.
Hamann ist dann wohl der erste gewesen, der einen klaren
Begriff von diesem Genius hatte, wenn er substanziert und
damit zur vollen Person, zum Genie erweitert auftrat. Genie
ist ihm jemand, der seine verborgenen Kräfte unbewußt wie
die Natur entfaltet, dessen Schaffen aus der Seele, nicht aus
        <pb n="249" />
        238

Zweiundzwanzigstes Buch.

der Vernunft hervordringt. So ist ihm das Geniale das
Fleisch gewordene Göttliche, und der Glaube an das Genie
wird der Zeit zum religiösen Gefühl.

Man versteht, was ein solcher Begriff in den primitiven
Jahren des Subjektivismus bedeutete: an die Stelle der ob—
jektiven sieben Gaben des Geistes, die im Mittelalter große
Männer durch Gottes Gnade zierten, trat er, eine höchst sub—
jektive Vorstellung: ein Inbegriff all der Unklarheiten und
Gärungsvorgänge, welche die Psyche der Übergangszeit durch—
tosten.
Und so gaben sich ihm die geistigen Vertreter dieser Zeit
gefangen, große und vornehmlich kleine, der brausende Most,
der später Wein werden sollte, und die trübe Flut der mittleren
Masse. Wie bestrickend die Wirkung war, zeigt vielleicht nichts
besser als die rapide Entwicklung Bürgers zum Selbstglauben
an seine geniale Berufung. Noch am 20. September 1772
spricht er von seinem „kleinen poetischen Talent“; sechs Wochen
später taumelt er als Originalgenie in den Dunstkreis der
Auserwählten. „Genius! Genius Shakespeares, gib mir
Schwingen, das Ziel zu erfliegen, welches mein Auge sieht!
So wahr ich lebe! ich bin itzt in einer so heißen, brennenden
Begeisterung, daß mir die Backen glühen ... Ihr sollt alle
mit bebenden Knien vor mir niederfallen und mich für den
Dschengis-Khan ... erklären, und ich will meinen Fuß auf
eure Hälse setzen!“ So hob sich aus dem Chaos der Leiden⸗
schaften und aus der ungeheuer raschen Bewegung des geistigen
Lebens, die morgen abgestorben erscheinen ließ, was heute
blühte, die selbst Wieland dem wandlungsreichen die Besorgnis
einflößte, er möge „aus der Mode kommen“, und die den
Schriften eines Gellert schon 1762 mit der Bezeichnung „eitlen
Gewäsches“ zu nahe trat, das Originalgenie, die gesteigerte
Persönlichkeit, die nur sich noch kannte, die heroisch sich hinweg⸗
setzte über alle Schranken des Dagewesenen und des Be—
stehenden, die sich als Ausdruck des höchsten Sehnens der Zeit
empfand und in der Verheißung ruhmvoller Unsterblichkeit
dahinschwebte.
        <pb n="250" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 239
Kein Wunder, wenn dieser Übermut selbst an den Tüch—
tigeren schon bei Lebzeiten von den Göttern gestraft wurde.
Um im Bereiche nur der Dichtung zu bleiben, so kennt man
das furchtbare Schicksal von Lenz; Maler Müller verkam
moralisch; Leisewitz verfiel hypochondrischer Grübelei; Bürgern
richtete sein simnlich gewendetes „neues Herz“ zugrunde. Und
wie erging es gar solchen Genies, die nicht einmal die Grund—
lage einer freien, aber doch noch geregelten Betätigung, wie
sie die Beschäftigung mit der Dichtung darbot, einem festeren
Lebensaufbau zugute kommen lassen konnten. Christoph Kauf⸗
mann, der „wellenhaarige Kraftapostel“, der Liebling Lavaters,
einer der typischsten Vertreter dieser Zeit, ein Routinier des
Sturmes und Dranges, mindestens schon Charlatan, vielleicht
geradezu Schwindler, ist schließlich elendiglich zugrunde ge—
gangen; das Los manches anderen war, günstiger, eine ver⸗
diente Vergessenheit.

In den achtziger Jahren aber war dieser Taumel im
Weichen. Die Sache wurde jetzt vulgär, und das war natür—
lich ihr Ende. „Den glänzenden Namen Genie erhält man
bald und wohlfeil,“ heißt es im Jahre 1783. „Eine kleine
Portion deutscher Lektüre, ein Wips ins Schauspiel, hier
Possen oder Deklamation weggehascht, aus jedem Studio ein
paar Kunstwörter, aus Dichtern und Reisebeschreibungen aller
Zeit eine Periode auswendig gelernt, die Miene eines Ver—
ehrers der Kunst angenommen, so wie man ein Buch sieht oder
nennen höret, es zu kennen scheinen, von großen Männern
wie von Dummköpfen sprechen, anmaßlich über alles, was auf
Erden ist, urteilen, einen Roman über Geniesucht schreiben,
die Bühne zu bereichern nicht vergessen, die Werke eines ver⸗
storbenen großen Dichters sammeln und mit seinen eigenen
Gedichten durchwässert herausgeben, das Publikum heimlich
betrügen, Musenalmanache und Journale mit Beiträgen unter—
stützen, die Dame seiner Gedanken in ungereimten Versen oder
Epigrammen der Nachwelt bekannt machen, mit seichtem
Raisonnement eine Gesellschaft unterhalten, einen witzigen
Einfall so lange brauchen, bis man einen anderen gestohlen
        <pb n="251" />
        240

Zweiundzwanzigstes Buch.
hat — das heißt jetzt Genie haben, Genie sein ... Das
Publikum liest jetzt in jeder deutschen Stadt und in Leipzig,
in dieser Autoren-Provinz, am allermeisten. Was nicht öffent⸗
lich gedruckt werden darf, wird heimlich gedruckt ... Unter
zehn jungen Herren kann man sicher acht für seinwollende
Genies halten. Sie lassen ein gut verdauendes Publikum nicht
verhungern .“ —

Inzwischen aber hatte sich dem Geniewesen parallel eine
nicht minder abnorme Erscheinung entwickelt, der Geniekultus.
Denn wenn gegenüber der Dissoziation des alten Anschauens
ind Denkens wie des früheren Wollens und Strebens kräftigere
Geister die eigene Selbständigkeit ins Unermessene steigerten
und damit den Indeterminismus der Geniezeit begründeten,
bevor dieser zur kraftlosen Mode wurde, so gab es doch auch
in den Anfängen der Geniezeit noch bei weitem mehr machtlose
zeistige Existenzen, die sich den neuen Einflüssen und zugleich der
Suggestion des Genies selbst willenlos auslieferten: die Determi⸗
nierten gleichsam der Empfindsamkeit und noch mehr des Sturmes
und Dranges. Will man ihre Pathologie recht kennen lernen,
—DDDD
Briefe Lavaters, dieses Wundertäters, Apostels, Sektenbildners
von erstaunlich-suggestiver Kraft. Wie hat ihn doch Goethe
auch in dieser Hinsicht reizvoll geschildert. „Die tiefe Sanft—
mut seines Blickes, die bestimmte Lieblichkeit seiner Lippen,
selbst der durch sein Hochdeutsch durchtönende treuherzige
Schweizerdialekt und wie manches andere, das ihn auszeichnete,
gab allen, zu denen er sprach, die angenehmste Sinnesberuhigung;
ja, seine bei flacher Brust etwas vorgebogene Körperhaltung
trug nicht wenig dazu bei, die Übergewalt seiner Gegenwart
mit der übrigen Gesellschaft auszugleichen.“

So war denn das Genie nicht bloß als das Anormale
anerkannt; obgleich Ausnahme, hatte es dennoch auch noch den
Freipaß des Modischen, für jedermann Erstrebenswerten er—
halten. Und damit erschien denn wiederum, wie einstmals in

Tableau von Leipzig 17883, S. 57.
        <pb n="252" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 241
der Reformationszeit, obgleich aus ganz anderen Gründen, die
Vernunft der Welt erst recht als eine Metze, wenn sie ein
galanteres Zeitalter auch nur als „Störerin der Empfindung
und des Vergnügens“ tadelte; und gleichzeitig nahm der
Geschmack an den geistigen Perversitäten des Daseins zu:
Ahnungen, wunderbare Träume, Wahnsinn, Selbstmord⸗
stimmungen trage man ihm vor, klagt Moritz in seinem Magazin
für Erfahrungsseelenkunde (1762 f.), während Nachrichten über
normales Seelenleben selten seien. Es ist die Zeit, in der
auch viele der Besten dem allgemeinen Zuge der Entwicklung
merkwürdige Zugeständnisse machten. Die einfachsten Grund—
lagen der sittlichen Welt begannen angezweifelt und bestritten
zu werden; ein flaues und halbhysterisches Interesse für Ver—
brecher trat ein, man forderte die Abschaffung der Todesstrafe,
und die poetische Verherrlichung von Kindesmörderinnen wurde
zu einem typischen Zuge der Zeit: bis Goethe das Thema
aus der massiven Diskussion der Bürger, H. L. Wagner und
Sprickmann in die lichten Höhen der Fausttragödie emporzog.
Aber auch im übrigen wurde eine das Ziel weit überholende
Kritik sozialer und sittlicher Einrichtungen beliebt; es bedarf
nur der Lektüre einiger Dramen des Sturmes und Dranges,
z. B. von Klingers Leidendem Weib oder Lenzens Hofmeister,
um sich davon zu überzeugen. Von diesen Exzessen des sitt⸗
lichen Gefühls aber war dann nur noch ein Schritt zu Exzessen
auch der Anschauung; der Spiritismus gewann zusehends An⸗
hänger und breiteres Feld, bis Gaßner und Mesmer Triumphe
feierten.

Aus alledem ergab sich auch für breitere Schichten min—
destens die äußerliche Nachahmung des Genialen. Weg, hieß
es jetzt, mit den turmhohen Toupets, den übers Maß festen
Schnürleibern, den stelzenartigen Absätzen der Stöckelschuhe;
weg mit Puder und weg mit Reifrock. Statt dessen wurde
eine natürlichere Haartracht Losung, und ihr sekundierte die
Mode langwallender Kleider für die Frauen, während den
Männern die Werthertracht in der Einfachheit ihres Schnittes,

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 16
        <pb n="253" />
        230
242

Zweiundzwanzigstes Buch.
ihrer Farbe und ihrer Fußbekleidung zufiel. Darüber hinaus
aber wurde nach geselliger Ungezwungenheit gestrebt: bei Tisch
zab es keine peinliche Rangordnung mehr, und ein Moderner
vermied die alte Plage hergebrachter oder gar vorgeschriebener
Redensarten und Gespräche. Kurz: eine nicht geringe Anzaähl
von Konventionalismen fielen, was vielfach als Erleichterung
empfunden wurde. Aber die ganz Modernen gingen weiter.
Sie verpönten das Kaffeehaus, den klassischen Zusammenkunfts⸗
ort des Rokokos, und zogen in dunkle Kneipen oder in die
hadernde Natur bei Donner und Blitz, sie rauchten bei jeder
Gelegenheit Tabak und kümmerten sich den Teufel darum, ob
dadurch die „wohlriechenden Kleider der Frauenzimmer“ das
Gegenteil ihrer Eigenschaft erhielten; sie wüteten im Theater
bei Stücken des Sturmes und Dranges wie halb Wahnsinnige,
und sie ersetzten in der Liebe die zierliche Phraseologie des
anakreontischen Cupido wie ihr Objekt durch robustere Mittel.
Der grobe Verfall einer hetäristischen Gesellschaft zog ein, und
das Räuspern und Spucken der armen Schlucker, die sich auf
Originalgenie eingestellt hatten, wurde zur Ungezogenheit.

Über all diesen Begleiterscheinungen aber, ja über den
genialischen Auswüchsen der Zeit überhaupt darf nicht übersehen
werden, was schon die Jahrzehnte des Überganges zu dem neuen
Zeitalter Großes und auf Jahrhunderte Unsterbliches gebracht
haben. Eine den Zeitgenossen selbst fast ungeheuerlich erscheinende
Weitung des Seelenlebens trat ein: ganz neue Gebiete, un—
erforschte Regionen der eigenen Brust erschlossen sich, und unter
dem Einflusse ihres Lebens wandelten sich auch die schon be—
kannten seelischen Aktualitäten, indem sie sich zu bei weitem
feineren Schattierungen ihrer bisher bekannten Entwicklung und
Auswirkung umbildeten. Es ist der Prozeß, der recht eigent⸗
lich die neue Zeit einleitete, und dessen Ergebnisse dauernd er—
halten geblieben sind bis auf heute; im nächsten Abschnitte soll
er in wenigstens den wichtigsten Richtungen dieser dauernden
Wirkung geschildert werden.

Anfangs aber trat auch dies positiv Neue doch noch merk—
würdig übertrieben auf.
        <pb n="254" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.

ꝛ2as
Die Lektüre des Messias wird mit dem Verse empfohlen:
Willst du dich auf gen Himmel schwingen
Und hören, wie die Engel singen,
Und hören, was Jehovah spricht:
So lies dies göttliche Gedicht.
Nach der Lektüre des ersten Teiles von Werthers Leiden
mußte Zimmermann vierzehn Tage verstreichen lassen, ehe er
sich an die des zweiten Teiles heranwagte; Stolberg empfand
hei dem Lesen des Romanes die heftigste Neigung, Goethe zu
umarmen; Bürgern erschien Goethe nach der Lektüre im Traume.
Dramen des Sturmes und Dranges wurden unter einer er—⸗
staunlichen Beteiligung des Publikums gegeben; bei der Auf—
führung von Schillers Räubern eilte man in Leipzig schon drei
Stunden vor Beginn auf die Theaterplätze.

Der Briefstil, dieser Prüfstein des Pulsschlages einer Zeit,
war überhitzt, atemlos, antithesenreich, sprunghaft, abgerissen;
hegeistert und manieriert, affektiert und prophetisch. Dithyram—
bisch und wilderzentrisch drängten die Gefühle in die Sätze;
schnell ging's aus dem Kopfe auf das Papier, den „Wisch“.
So kommt es Goethe, einem der ruhigsten noch der schöpfe—
rischen Köpfe, „immer vom Herzen, wenn ich schreibe; und
wenn ich erst nachdenken oder studieren und rücken sollte:
was? kriegten Sie in Ewigkeit keinen Brief“. Klinger aber
kann schreiben: „Lauf' Schlittschuh wie ein geflügelter Gott.
Trinke Wein, lese meine Griechen und was mit ihnen. Mach'
Gedichten und Zeug, hab' vier gute Tage gehabt, als ich hier
ankam, da ward ein Stück, heißt Leidendes Weib, worin ihr
mich finden werdet, und Menschengefühl!.“ Ein leidenschaft—
liches Stammeln, durch fortwährende Ausrufe unterbrochen,
hei denen die Ahs und Ohs nicht mehr genügen: daneben
tritt das Haha! des Lachens. Das alles genialisch derb;
Dutzen häufig, Brüder und Jungens die gewöhnliche Anrede;
auch sonst ein Überspülen in die ungezügelten Wässer der
Dialekte: in Summa allgemeine Erregtheit.

Steinhausen, Gesch. d. D. Briefes 2, 276, 278.

—
        <pb n="255" />
        244

Zweiundzwanzigstes Buch.
Erregtheit, ein ständig wogendes Affektleben infolge der
Aufmunterung der Gefühlsseite der Seele durch neue Reize:
das ist die allgemeinste Signatur der Zeit. Darum der Kultus
des Herzens, dessen Fülle zu erreichen höchster Wunsch ist,
darum die Vorliebe für Musik und vor allem die neue pathe⸗
tische Musik, die Gluck, der „Sonnenflieger“, gebracht hat:
darum der Satz Goethes, vom Gefühl müsse alles ausgehen
und dahin zurückkommen.

Innerhalb des Gefühlslebens aber waren bei der all—
gemeinen Erregtheit der Zeit nicht die einfachen, sondern die
sogenannten Mischgefühle, das Bitter⸗Süße, das Lustig⸗
Traurige, das Wehmütige, das Rührende charakteristisch: eben
nach ihnen hieß ihre erste Periode die der Empfindsamkeit.
Da redet schon Heinse Gleim als „Grazienheiligen“ an und
schreibt ihm: „Ich drücke Sie noch einmal an mein wehmütiges
Herz und gebe Ihnen den Kuß der zärtlichsten Schmerzen.“
Da schreibt Lavater an Herder in seinem ersten Briefe mit
zugespitzter Feder und aus phosphoreszierendem Tintenfaß:
Jetzt, Freund, kann ich nicht antworten — aber schreiben
muß ich — und wollte lieber weinen — hinübergeistern —
zerfließen — an deiner Brust liegen — meine Herzensfreude,
zwei Freundinnen mit mir dir zuführen — und sogar —
nicht sagen, blicken, drücken, atmen: „Du bist und wir sind.“
Und Tränen werden, wie einstens im zehnten Jahrhundert,
ständige Zeichen und Begleiterinnen gesteigerter Empfindung.
Wieland weint Tränen des Entzückens über Klopstocks Messias;
Gleim weint, als er den Tod des Patroklus liest, Garve weint
über Werther, und Herder schreibt: „O süße Tränen meines
Lebens, im Arm der Freunde geweint! O süße Tränen der
Freundschaft, wie göttlich seid ihr!!“ So werden Tränen
Zeugen der vornehmen Geburt neuer Weltanschauung: Wil—
helm von Humboldt fühlt in seinen Jugendjahren unter tausend
heißen Tränen eine neue Welt in sich erstehen; und so werden

sie zu falschen Perlen literarischer Modeprodukte: in Johann

Steinhausen a. a. O. 2, 2385 ff.
        <pb n="256" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 245
Martin Millers Klostergeschichte „Siegwart“ vergießt alles
Tränen von der Erde bis an den Himmel, denn selbst der
Mond sieht sich zu weinen veranlaßt.

Es ist die Stimmung, die später im Weltschmerze der
Romantik in edleren Formen auftritt. Am Schlusse dieser
Periode aber entwickelte sich aus ihr jener durch Tränen
lächelnde, andeutungsreiche Humor, dessen Meister Jean Paul
gewesen ist. Er beruht einmal auf der Empfindung, daß sich
das Beste an den Gefühlen am Ende doch durch die Sprache
nicht wiedergeben lasse, sondern nur symbolischer Andeutung
fähig sei. In diesem Sinne hat schon Herder gemeint, daß
sich „die besten Silberlaute des Herzens und Teilempfindungen
nicht schreiben ließen“. Und jener, Humor ist anderseits in dem
Bestreben begründet, sich aus dem Reiche der Empfindungen
durch deren resignierte Objektivierung in das Reich einer
höheren geistigen Freiheit zu retten: insofern wird er zu einem
farbigen Spiegel, in dem das Edle nur liebenswürdig, das
erschütternd Gewaltige nur kraftvoll, das Gemeine bloß toll,
das Unverständige nicht mehr als tölpisch erscheint: und be—
deutet einen leisen Anfang der Selbstaufhebung des erregten
Gesamtzustandes der Zeiten sowohl der Empfindsamkeit wie
des Sturmes und Dranges.

Im übrigen hat es diesem Zustande natürlich selbst in
der Blüte seiner Entwicklung nicht an Gegnern gefehlt. Ins—
besondere kehrte sich der noch keineswegs abgestorbene Ratio—
nalismus gegen ihn bis zu dem Grade, daß er selbst einige
der entschiedensten Anhänger von Sturm und Drang in sein
Lager hinüberzog: und eben in diesem Kampfe hat die Auf—
klärung noch einmal eine radikalere Richtung entwickelt. Aber
auch ein so sanfter Mann wie Wieland, der kluge Redakteur
des „Merkur“, konnte schon im Jahre 1771 in seinem Blatte
die treuherzige Frage zur Beantwortung stellen: „Wird durch
die Bemühungen kaltblütiger Philosophen und Luzianischer
Geister gegen das, was sie Enthusiasmus und Schwärmerei
nennen, mehr Böses als Gutes gestiftet?“ Und ergingen
sich damals die meisten Autoren noch in heftigen Angriffen
        <pb n="257" />
        246

Zweiundzwanzigstes Buch.
gegen die Luzianischen Geister, so schlug doch die Stimmung
schließlich um, und Lichtenberg schrieb dem Enthusiasmus die
boshafte Grabschrift: „Shakespeare standen zu Dutzenden auf,
wo nicht allemal in einem Trauerspiel, doch in einer Rezension;
da wurden Ideen in Freundschaft gebracht, die sich außer
Bedlam nie gesehen hatten; Raum und Zeit in einen Kirsch—
kern geklappt und in die Ewigkeit verschossen; es hieß: eins,
zwei, drei, da geschahen tiefe Blicke ins menschliche Herz, man
sagte seine Heimlichkeiten, und so ward Menschenkenntnis.“

Schon um 1780 schien es, als ob die Bewegung im
Abschwellen sei; wenigstens die Wogen des Sturmes und
Dranges glätteten sich, und nur Empfindsamkeit allein schien
als Dünung noch einstweilen zurückzubleiben: so „ennuyierten“
z. B. in Leipzig bereits Dramen wie Hamlet, Lear, Julius
von Tarent; was man sehen wollte, waren die dramatisierten
Leiden des jungen Werthers. Da führte, jetzt wohl in wenig⸗
stens zunächst nur literarischer Bewegung, das Auftreten des
jugendlichen Schiller noch einmal ein Aufflackern der seelischen
Erscheinungen und Motivenreihen des Sturmes und Dranges,
wenn auch in zusammengeschnürter Form, herbei; es kamen
die Jahre der Räuber, des Fiesco, der Kabale und Liebe;
und nur das unterscheidet diesen letzten verspäteten Wellen—
schlag, wie er sich bei so vielen sozialpsychischen Erscheinungen
von Bedeutung wahrnehmen läßt, von der Originalzeit, daß
in ihm schon konkretere, namentlich politische Motive über⸗
wogen.
Im übrigen aber wird man ruhiger. Die Geister, die
ich während des Taumels als klar bewährt hatten, auf dem
Gebiete der Literatur und Wissenschaft ein Lichtenberg, Lessing,
Kant, gewannen in der Nachwirkung früherer Schriften wie
in neuer geistiger Betätigung das Ohr der Nation; und die
Besten der Jungen, ein Herder, Goethe, Schiller, schlossen sich
ihnen an, wenn nicht inhaltlich, so doch in der wachsenden
Gleichmäßigkeit ihrer Anschauungen und Gefühle. Und eben
von ihrem Wirken her entstand allmählich, von der Nation
schließlih mit höherer Wärme aufgenommen, eine geistige
        <pb n="258" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 247
Strömung, die, bei aller Anerkennung der Errungenschaften
des primitiven Subjektivismus, doch weniger dessen erste
enthusiastische Lebensäußerungen festhalten, als die neue seelische
Haltung verstehen und erleben, ja in neuer Weltanschauung
und Dichtung schon als Ganzes ausmünzen wollte. Es sind
die Anfänge der geistigen Grundlagen des Klassizismus.

Daneben dauern dann freilich Empfindsamkeit und Sturm
und Drang als Unterströmungen noch fort. Neben die resig—
nierten Genies von tragikomischem Humor und einem kleinen
Stiche ins Närrische tritt das, was Jean Paul Titane genannt
hat: Menschen, die „die Milchstraße der Unendlichkeit und den
Regenbogen der Phantasie zum Bogen ihrer Hand gebrauchen
wollen, ohne eine Sehne darüber ziehen zu können,“ die proble—
matischen Naturen jener Zeit, denen, wie sie Goethe beschreibt,
keine Situation genug tut, und die keiner genügen. Und ander⸗
seits flüchtet sich die zur Konvention gewordene Sentimentalität
der Gefühlszeit mit obligatem Kosmopolitismus und ein wenig
Frivolität in das mittlere Bürgertum, soweit es philister⸗
haft ist oder eben durch diesen Prozeß den Charakter des
Philiströsen erhält. Das ist das Lesepublikum der sogenannten
Gesellschaftsromane des ausgehenden 18. Jahrhunderts, der
Erzeugnisse der Lafontaine und Kotzebue, der Schilling, Laun
und A. W. Lindau. In ihren Büchern erscheinen, der be—
zeichnendste sozialgeschichtliche Zug vielleicht, empfindsame
Sinnlichkeit und tränenreiche Moral als tatsächlich gleich—
berechtigt, wenn auch eine Zeit prophezeit wird, „wo Grund⸗
sätze allein die Quellen unserer Tugend wie unseres Glückes
sein werden“: noch verhindert in diesen Kreisen ein leiser
Schlußwirbel der Erregtheit die Ausbildung einer neuen sittlich⸗
subjektivistischen Dominante.

Aber auch sonst, als eine Form des Gefühlsausdruckes, in
der Gestalt der „empfindsamen Reflexion“, haben sich Spuren
der Empfindsamkeit namentlich bei Frauen noch über den
Wechsel des Jahrhunderts hinaus ziemlich allgemein erhalten.
So schreibt die Königin Luise von Preußen im Mai 1807 an
den Zaren: „On voit se réaliser en vous des perfections
        <pb n="259" />
        248

Zweiundzwanzigstes Buch.

qu'on aimait sans doute toujours beaucoup, comme un bel
idéæal avec lequel on occupe son âme sans jamais croire le
voir réalis6é.“

Wichtiger ist ein anderer Zusammenhang: aus der sentimen—
talen Färbung des Subjektivismus entsteht durch Sturm und
Drang hindurch und unter den Jahren des Klassizismus hin⸗
weg allmählich die seelische Disposition der Zeit der Romantik.
Will man diesen Entwicklungsgang verstehen, so verlohnt es
sich, von einem etwas veränderten Standpunkte noch einmal
auf den Weg des jungen Subjektivismus zurückzublicken.

Geäußert hatte sich das neue Seelenleben zunächst in einer
Erregtheit, die sich in tausend Gefühlen und Empfindungen
brach. Eine überspannte Sinnigkeit, eine überreizte Tätigkeit
der Vorstellungskraft hatte ein Schwelgen und Schwärmen, ein
Sichwiegen und Sichhätscheln in schwellenden und schwirrenden
Gefühlen herbeigeführt, in entschiedenen Fällen bis zur Un—
fähigkeit, sich den Gefühlsergüssen durch verstandesgemäße Vor—
stellungen zu entziehen oder gar zu willensstarken Taten treiben
zu lassen. Es war ein Gefühlsüberschwang, der, wenn bis
zum äußersten fortentwickelt, den Keim der Selbstvernichtung
in sich trug.

Dabei hatten nun diese Gefühle nicht unbewußt und gleich—
sam naiv ausgetönt, sondern sie waren reflektiert worden. Der
Einzelne hatte, eben weil er sich als Subjekt fühlte, seinem
Innenleben kontrollierend, nicht selten bespiegelnd gegenüber
gestanden; er war durch Reflexion ihr Zuschauer geworden.
Auf diese Weise hatte die ständig lauernde Reflexion die Un—
mittelbarkeit der Gefuhlsäußerung derart durchsetzt, daß diese,
an sich schon sentimental schattiert, nun noch einmal und erst
recht gebrochen ausklang.

Konnte nun die Selbstemanzipation des Subjektes auf
die Dauer allein in dieser Selbstbewegung, die zugleich eine
Selbstentäußerung war, bestehen? Sehr bald fanden die
Menschen der sechsziger bis achtziger Jahre des 18. Jahr—
hunderts in der Empfindsamkeit nicht mehr Ruhe; enttäuscht
gingen sie dazu über, nur auf sich gestellt, ohne quietistische
        <pb n="260" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 249
Selbstbeobachtung Welt und Menschheit zu bezwingen. Es war
die Periode des Sturmes und Dranges.

Aber auch sie war nur ein vorübergehendes Stadium der
Selbstherrlichkeit. Am Ende sah man sich doch sehr objektiv
in die Welt der Natur und Geschichte gestellt. Und indem
man dies nun in der Form anerkennen mußte, daß man sich
nicht mehr, zunächst auf dem Wege einer reflektierten Selbst—
beobachtung, in sie verlor, begann man sich in eine neue, dritte
Auffassung einzuleben. Diese Auffassung setzte die Welt der
Gefühle nicht mehr bloß in Verhältnis zum menschlichen
Innern, sondern vor allem auch zur Außenwelt, zur psychischen
wie zur physischen, zu Natur und Geschichte. Indem dies ge—
schah, war nun ein Doppeltes möglich. Entweder konnte sich
der Widerspruch zum eigenen Ich mit einem Widerspruch zu
der Welt der außer uns stehenden Erscheinungen kombinieren.
Dann entstand ein Widerspruch des Subjektes zu jeglicher
Wirklichkeit überhaupt: unvermittelt schieden sich Ideal und
Wirklichkeit: und aus den Tiefen des Spaltes, der sie trennte,
quoll der Weltschmerz der Romantik. Da kann denn das
Individuum romantischer Zeiten tränenreich sein und leides—
schwer; die Welt wird zum Friedhof der Menschheit, Todes—
gedanken schweben um jedes Haupt; der Frühling wird zum
Symbol eines Lebens, das da frühe welken wird; bleicher
Mondschein beherrscht selbst den Tag, und der Gedanke des
Unterganges alles Edlen auf Erden bricht herein.

Aber auch eine zweite Lösung war denkbar. Das Indivi—
duum ordnete sich, obwohl seines eigenen Wertes klar bewußt,
in der frohen Erkenntnis eben eines letzten harmonischen
Zusammenhanges seines Daseins mit dem des Alls diesem
All ein und durchflog lobsingend und begeisterungsselig seine
weiten Gefilde in Natur und Geschichte. Dann mußte eine
reiche, wenn auch noch philosophisch mystische Durchdringung
der allgemeinsten natürlichen und historischen Zusammenhänge
die Folge sein, die sich nur langsam zu mehr objektiver Be—
obachtung und Erforschung abklären konnte.

In der romantischen Periode sind beide Möglichkeiten ver—
        <pb n="261" />
        250

SZweiundzwanzigstes Buch.
wirklicht worden. Fruchtbar im höchsten Sinne wurde natür—
lich nur die Verwirklichung der zweiten; und in ihr geht die
Zeit der Romantik langsam in die Periode jenes Realismus
über, der für die dreißiger bis fünfziger Jahre des 19. Jahr⸗
hunderts charakteristisch gewesen ist.

4. Es bezeichnet die Kurzsichtigkeit der älteren herkömmlichen
Geschichtsbetrachtung, daß man die ganze reiche und überaus
wichtige seelische Bewegung, von der bisher die Rede gewesen
ist, aus nichts als den literarischen Vorgängen der fünfziger
bis siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts herzuleiten pflegt.
Da soll Klopstocks Messias die Empfindsamkeit, Goethes Götz
von Berlichingen Sturm und Drang hervorgerufen haben.
Welch naive Umkehrung von Ursache und Wirkung, und welche
Armut der geschichtlichen Anschauung! Aber auch damit hat
sich dieser und jener Forscher noch nicht begnügt. Innerhalb
der literarischen Strömung sollen es wiederum fremde Ein⸗
flüsse gewesen sein, die den „eigentlichen“ Ausschlag gaben:
und für den Übergang der Nation von einem seelischen Zeit⸗
alter zum anderen, von der schon so wundersam reichen Kultur
des Individualismus zu der noch ungleich höheren und um⸗
fassenderen des Subjektivismus werden schließlich Shakespeare
und Rousseau, ja am Ende wohl gar Ossian und Noricks
Empfindsame Reise verantwortlich gemacht.

Gegenüber solchen Auffassungen kann die Kritik der älteren
historischen Methode einfach sein; es genügt, sie in die biblischen
Worte: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, zusammen⸗
zufassen, — und es bedarf wahrlich nicht mehr des Nach—
weises, den ungewollt und fast unbewußt der Inhalt der
ganzen Erzählung dieses Bandes erbringt: daß Weltanschauung
und Dichtung, bildende Kunst und Musik, daß alle historisch
neuen Lebensäußerungen der zweiten Hälfte des 18. Jahr—
hunderts überhaupt dem einen großen Ursachenkomplexe, dem
Übergange zu einer subjektivistischen Form des Seelenlebens
verdankt werden.

Damit werden natürlich fremde Einflüsse nicht geleugnet.
        <pb n="262" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 251
Aber es ist dringend an der Zeit, sie auf das Maß ihrer
tatsächlichen Wirkung zurückzuführen, das selbstverständlich nicht
durch den bloßen Nachweis einiger direkten, vielleicht nur
auf wörtlichen Übereinstimmungen beruhenden Zusammenhänge
zwischen Autoren und Büchern des In- und Auslandes und
dergleichen bestimmt werden kann.

Da ist denn zunächst kein Zweifel, daß die beiden größten
westeuropäischen Völker, Engländer und Franzosen, früher als
die Deutschen in die Kultur eines subjektivistischen Zeitalters
eingetreten sind. Und das hatte zur natürlichen Folge, daß
sich bei ihnen auch manche Ergebnisse frühsubjektivistischer Kultur
früher einstellten als in Deutschland, und daß damit bei dem
bestehenden regen west- und mitteleuropäischen Verkehre ein
Austausch geistiger Errungenschaften eintrat, der vornehmlich
Deutschland zugute kam. Verlief er vielfach unmerklich, und
sind seine Bahnen, namentlich so weit es sich um geistige Ein—
fuhr aus England handelte, noch nicht völlig aufgeklärt, so
stellte sich daneben die besonders leicht zu übersehende Ein—
wirkung einzelner hochragender Geisteshelden ein, unter denen
auf französischer Seite vornehmlich Rousseau und auf englischer
Shakespeare und Macpherson hervorragen.

Der geringere Einfluß kam, ins Ganze gerechnet, wohl
von Frankreich. Goethe hat für einen Teil dieses Einflusses
das Alterswort geprägt: „Wo die Franzosen des 18. Jahr⸗
hunderts zerstörend sind, ist Wieland neckend“. In der Tat
hielten sich in Frankreich, vornehmlich infolge der Wirksamkeit
Voltaires, des großen Gegners Rousseaus, zu viel Elemente des
Rationalismus, als daß deutsche Empfindsamkeit und deutscher
Sturm und Drang von ihnen auch nur an einem Punkte ent—
scheidend hätten gefördert werden können.

Anders stand es mit Rousseau. Aber war Rousseau so ganz
ein Vertreter der französischen Kultur? Voltaire hat die neue
Héloise „un sermon suisse“ und Rousseau „demi-Gaulois,
demi-Allemand“ genannt!. In der Tat ist er kulturgeschicht—

Zitate bei Texte in Petit de Julleville 8. 691.
        <pb n="263" />
        252

Zweiundzwanzigstes Buch.
lich neben den älteren Haller zu setzen; beider Wiegen standen
nicht weit voneinander; sie sind wie gleichgeartete Quellen,
deren Wässer nach verschiedenen Ozeanen ablaufen. Und ist
die literargeschichtliche Stellung der Schweiz mit ihren ver—
schiedenen Volksbestandteilen nicht schon mehr als einmal gleich⸗
sam die einer Wetterwarte zwischen dem romanischen und dem
germanischen Europa gewesen? Die Eidgenossen gleichen hierin
den Vlamen, die an dem anderen Flügel der germanischen
kontinentalen Westgrenze eine ähnliche Rolle gespielt haben: in
der Vermittlung keltogermanischer Stoffe der Dichtung während
des früheren Mittelalters, in der großen Städtepolitik des 14.
und 15. Jahrhunderts, in den Einflüssen der Antwerpener Maler⸗
schule, neuerdings in dem Wirken von Männern wie Meunier
und Maeterlinck.

Von Rousseau hat der Contrat social in Deutschland weniger
gewirkt; man war im alten Reiche des politischen Theoreti⸗
sierens müde. Desto mehr schlug der Emile durch — mehr
selbst als in Frankreich; es war einer der schweizerischen Er—
ziehungsromane, die in Deutschland stets Teilnahme gefunden
haben. Geringer wiederum, aber doch noch stark genug war
die Wirkung der Neuen Héloise. Daß aber durch sie Elementar⸗
gefühle der Empfindsamkeit und gar erst des Sturmes und
Dranges ausgelöst worden wären, läßt sich nur mit großer
Vorsicht und in enger Begrenzung behaupten; vielmehr waren
es auf sie begründete besondere Lehren, die zündeten. Und
auch in ihnen war der einfache Drang zur Natur, wie sich
—A
selbständig entwickelten seelischen Umwälzungen, und höchstens
für deren Konsequenz, das Aufsuchen der Natur als des Origi⸗
nalen, unbewußt Genialen, die Menschen mit primitivem Segen
Beglückenden, läßt sich Rousseaus Vorbild stärker betonen. Aber
auch hier darf nicht vergessen werden, daß Hamann Rousseau
zeradezu abgeneigt war; daß Herder eher im Gegensatze, als in
Zustimmung zu ihm stand, da ihm seine eingehenderen geschicht⸗
lichen Kenntnisse die Rousseausche UÜberschätzung des Naturzustandes
verboten; daß später selbst Humboldt sich von Rousseau kaum
        <pb n="264" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 253
berührt zeigt, obwohl sein Lehrer Forster ein Apostel Rousseaus
gewesen ist. Im ganzen erscheint der Einfluß Rousseaus in den
Zeiten des primitiven deutschen Subjektivismus doch noch un—
vermittelt, so wie eine äußerliche Gewalt, ein Platzregen etwa,
einwirkt; innerlich aufgenommen, dann aber auch zu etwas
ganz Neuem verarbeitet, haben ihn erst die Romantiker, ein
Arndt, Wackernagel oder Wolfgang Menzel.

Tiefer haben zu früher Zeit in gewissem Sinne die Eng⸗
länder eingegriffen. Noch durch die ganze erste Hälfte des
17. Jahrhunderts und darüber hinaus in den Spitzen ihrer
geistigen Bewegung von den Niederländern geführt, dann seit
der glorreichen Revolution in frischerem Leben dem Subjektivis—
mus zustrebend und somit den Deutschen um eben nicht viel
mehr als etwa zwei Menschenalter voraus, schufen sie bis in
die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein Werke, die der
deutschen Entwicklung so ständig und stetig vorausgingen, daß
sie von dieser kaum übersehen werden konnten. Da wirkten
Pope und Milton; da verkörperte Defoes Robinson Crusoe
lange vor Haller und Rousseau und auch noch vor Schnabels
Insel Felsenburg den Drang in die Ferne und den Reiz des
Primitiven; da stimmten Richardsons Romane rührsam und
nährten Youngs Nachtgedanken seraphische Gluten. Dann
tauchte zuerst der Kultus Shakespeares in spärlichen Anfängen
auf, bis der Dichter dem Sturm und Drange ein irreführender
Lehrer dramatischer Komposition wurde; Macphersons Ossian⸗
lieder hauchten Aolsharfenklänge in die Herzen einer ver—
derbten Menschheit, wenn der Sänger des Abends, zwischen
Leben und Tod, bei dem bleichen Scheine der Sterne oder
des stillen Freundes, des Mondes, die Harfe hob, um im
säuselnden Hall der Töne den Sang anzustimmen von Stim—
mungen des Uranfanges und Gefühlen der Vorzeit — und
Lorenz Sternes, des geriebenen Landpfarrers, Tristram Shandy
und Empfindsame Reise! gewann auch denen Rührung ab,

Der Übersetzung der Sentimental journey of Vorick (1768), in der
das Wort sentimental mit empfindsam wiedergegeben war, verdankt die
Periode der Empfindsamkeit auch ihren Namen. Das Wort verbreitete sich
        <pb n="265" />
        254

Zweiundzwanzigstes Buch.
die gelegentlich andere als empfindsame Gedanken nicht ver—
schmähten: Jacobi hat sie in seinen „Sommer- und Winter—
reisen“ nachgeahmt, und alles in diesen atmet Sanftmut,
Weichheit und Duldung „selbst gegen Tiere und Jesuiten“.
Dabei war die Wirkung teilweise gewaltig: wer wird sich
ihr selbst heute noch entziehen, wenn er sich in der Lektüre vvn
Werthers Leiden den Stellen nähert, da Übersetzungen aus
Ossian die Stimmung vertiefen und erbreitern? Aber häufig
blieb sie auch äußerlich. In welcher Art, mag ein Detail aus
dem Leben Johann Georg Jacobis zeigen. Der Dichter las
in Düsseldorf zusammen mit seinem philosophischen Bruder
Heinrich Yoricks Empfindsame Reise. „Wir sahen einander still⸗
schweigend an; ein jeder freute sich, in den Augen des anderen
Tränen zu finden. Wir feierten den Tod des ehrwürdigen
Greises Lorenzo und des gutherzigen Engländers ... Sanft—
mut, Zufriedenheit mit der Welt, unüberwindliche Geduld,
Verzeihung für die Fehler der Menschen, diese ersten Tugenden
lehrte er seine Schüler; wie viel besser sind sie, als der fromme
Stolz der meisten gestifteten Orden! Wie süß war uns das
Andenken an den erhabenen Mönch und an den, der so willig
von ihm lernte! Viel zu süß, um nicht durch etwas Sinn—
liches unterhalten zu werden! Wir alle kauften uns eine
Schnupftabaksdose von Horn, worauf mit goldenen Buchstaben
auswendig der Name „Pater Lorenzo“ und inwendig „VYorick“
steht; wir alle taten das Gelübde, des heiligen Lorenzo wegen
jedem Franziskaner etwas zu geben, der um eine Gabe uns
ansprechen würde. Sollte sich in unserer Gesellschaft einer
durch Hitze überwältigen lassen, so hält ihm sein Freund die
Dose vor, und wir haben zu viel Gefühl, um dieser Erinnerung

sehr rasch; 1774 war es so bekannt, daß es Adelung in sein Woörterbuch
aufnahm. Hamann braucht dafür in einem Briefe an Jacobi sehr be—
zeichnend Empfindseligkeit. Der Vorschlag Abbts (Vom Verdienste, 1768,
S. 115), für Sentiment Empfindnis zu fagen, drang nicht durch. Das
Gegenteil von empfindsam bezeichnete der Übersetzer Gregorys 1778 mit
unfühlbar, Goethe um eben diese Zeit mit unfühlend, Schiller 1789 mit
fühllos. Die Sache war natürlich weit älter als alle diese Wörter.
        <pb n="266" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 255
auch in der größten Heftigkeit zu widerstehen. Wäre einer so
unglücklich, daß dies nicht sogleich den perlangten Eindruck auf
ihn macht, so muß er zur Strafe die hörnerne Dose mit einer
anderen vertauschen, bis er sie durch eine besonders gutherzige
oder sanftmütige Tat sich wieder erwirbt. Unsere Damen, die
keinen Tabak brauchen, müssen wenigstens auf ihrem Nacht—
tische eine solche Dose stehen haben, denn ihnen gehören in
einem höheren Grade die sanften Empfindungen, die wir aus
ihren Blicken, aus ihren Tönen, aus ihren Urteilen schöpfen
sollen. Nicht genug war es uns, diese Verabredung in einem
kleinen Zirkel genommen zu haben; wir wünschten auch, daß
auswärtige Freunde sich uns darin gleichstellten. An einige
schickten wir das Geschenk, die Lorenzdose, ... als ein uns
heiliges Ordenszeichen. Anderen soll dieser gedruckte Brief
unsere Gedanken mitteilen.“ Dieser Brief wurde die Stiftungs—
urkunde eines Lorenzoordens, dessen Symbol die Dose, dessen
Wahlspruch: auswendig Mönch, inwendig Yorick! war. Jacobi
gelobte sich, an fremden Orten jeden ihm aufstoßenden Un—
bekannten mit der Dose sofort als Bruder zu umarmen. In
Hamburg und Frankfurt a. M. wurden Lorenzodosen in Fülle
gefertigt; sie wurden Gegenstand kaufmännischen Vertriebes
und gingen bis Dänemark und Livland. Schließlich verbreitete
sich die Dosenverbrüderung bis nach Italien und Sizilien und
verschwisterte sich hier mit theosophischen Schwärmereien. —

Nicht immer natürlich sind die fremden Einwirkungen gleich
sichtbar — wir müssen freilich auch sagen: gleich unbedeutend.
Eben da, wo sie stärker mitspielen, vermischen sie sich auch ein—
gehender mit dem schlechthin Einheimischen der Entwicklung,
so daß sie nur mit diesem vereint zur Darstellung gelangen
können. Und da zeigt sich denn, daß, so original auch die
primitiven Wirkungen heimischer Reizvorgänge auf das Seelen—
leben in Gefühl und Empfindung waren, doch schon der Aus—
prägung dieser neuen Gefühlsaktualität in der Anschauung und
selbst im Willen fremde Zusätze, wenn auch mit geringer
spezifischer Wirkung, beiwohnten.

Inwieweit das auf dem Gebiete der Anschauung der Fall
        <pb n="267" />
        256

Zweiundzwanzigstes Buch.
war, ergibt sich, wenn wir jetzt den Naturalismus betrachten,
der in einer bisher unerhörten Intensität die natürliche Folge
einer anfangs fast unbedingten und willenlosen Hingabe an
die Welt der psychischen wie physischen Erscheinungen ge—
wesen ist.

Am einfachsten und frühesten äußerte sich dieser Naturalis—
mus als Naturgefühl. Von diesem Punkte aus wurde die
Naturanschauung schon früh in den Anfängen der Robinsonaden
zeweckt, wie sie bis auf den Simplizissimus zurückgehen. Da—
neben trat, nicht minder früh, eine vermehrte Vorliebe des
Städters für das platte Land und insofern die freie Natur
überhaupt; der Garten beginnt eine Rolle zu spielen, und was
man in der Natur sucht, ist vor allem die Anmut: „die An—
mut, welche schattigte Gebüsche und das Rieseln des vorbei—
ließenden Wassers verursachen“. Doch bald greift man weiter,
der Eindruck des Erhabenen wird aufgesucht, und die Zeit
der, Fahrten ins Hochgebirge bricht an. Dabei werden die
ersten, noch keineswegs ungefährlichen Reisen, wie z. B. die
zahlreichen Exkursionen Scheuchzers, in gewissem Sinne auch
noch die Hallers, vornehmlich in wissenschaftlichem Interesse
unternommen.

Allein schon in Hallers Berichten, vor allem in seinem
Gedichte „Die Alpen“, wird doch auch eine anderer Ton an—⸗
geschlagen: die große Natur in ihren ästhetischen Werten war
es, die neben der Einfachheit der Schweizersitten anzog. Es
ist die Richtung, der dann der Genfer Eidgenosse Rousseau
mächtiger Bahn brach; erst die Neue Héloise (1761) vermittelte
der ganzen mitteleuropäischen Welt in der noch ungekannten
Alpennatur einen Quell neuer Genüsse.

Nun wagte man sich langsam auch an das eigentliche
Hochgebirg. Voran ging wiederum der Eifer großer Natur—
forscher, in denen sich Naturfreude und Wissenstrieb verbanden.
So bestieg Saussure 1787 den Montblanc, von Hohenwart
und Genossen bezwangen 1800 und 1802 den Großglockner,
und 1804 und 1805 wurde von Pichler und Gebhard der
Ortler erklommen.
        <pb n="268" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 257
Während man aber so das Gebirge eroberte, erschloß
man in weiten Ritten und Fußfahrten auch mehr als je und
noch früher das platte Land; und tägliches Spazierengehen
aus Gesundheitsrücksichten wurde gewöhnlicher, während Pro—
fessor Baumgarten in Halle aus diesem Grunde noch Holz —
im Zimmer — gesägt hatte.

Ja sogar dem flüchtigen Elemente des Wassers in Strom
und See näherte man sich. Noch im 17. Jahrhundert war
in Deutschland im Freien gebadet worden, wie ein ansprechendes
und von seiner sonstigen Art abweichendes Bild Ph. Wouwermans
in der Liechtensteinischen Galerie beweist. Dann aber hatte
man sich von der Natur bis zu dem Grade zurückgezogen, daß
jedes Baden im Freien als unanständig galt. Nun brachte es
die neue Gesellschaft, und in ihr besonders die höheren Schichten,
wiederum zu Ansehen; mit als die ersten haben sich die jungen
Grafen Stolberg von neuem in freiem Wasser getummelt.
Gegen Schluß des Jahrhunderts verlief die Bewegung dann
so breit, daß, von den Schweriner Fürsten begründet, im Jahre
1793 zu Heiligendamm bei Doberan das erste deutsche Seebad
eröffnet werden konnte. Und noch heute stehen hier die ur—
sprünglichen Bauten, worunter der Festsaal im griechischen Stil
mit der Aufschrift in Giebelfeld:

Hic te laetitia invitat post balnea sanum.

Liief nun diese Annäherung an die Natur auf ein wirk—
liches Leben in ihr und auf Stählung des Körpers durch sie,
also auf ein im ganzen mehr unbewußtes Einordnen der
eigenen Person in sie hinaus, so wurde daneben, für die
geistige Entwicklung noch wichtiger, zugleich auch ein viel sub—
jektiveres Verhältnis des Menschen zur Natur überhaupt be—
gründet.

Auf dem Gebiete der Weltanschauung hatte die Teleologie
des Rationalismus zur Auffassung der Natur zunächst als der
Verkörperung eines allweisen Schöpfers geführt: eine Auf—
fassung, die für weite Kreise noch bis tief ins 19. Jahrhundert
hinein in aller Frische erhalten geblieben ist. Innerhalb dieses

Kamprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 1. 17
        <pb n="269" />
        258

Zweiundzwanzigstes Buch.
Ideenkreises fand nun schon der noch halbschürige Subjektivis—
mus der pietistischen und der spätrationalistischen Welt reiche
Belegenheit, die ganze Schöpfung mit frommen Gefühlen zu
erfüllen. So hat schon Brockes sein Irdisches Vergnügen in
Gott von diesem Standpunkte aus geschrieben, und tausend
Nachahmungen sind seiner Dichtung gefolgt. Bald aber galt
die Empfindungsseligkeit der Natur auch ohne diesen frommen
Einschuß, und selbst vom Standpunkte des Rationalismus
konnte sie um die Mitte des 18. Jahrhunderts motiviert werden.
So schreibt 1749 Buffon, der in Deutschland mit Liebe und
Begeisterung gelesene französische Naturforscher: „Der Mensch
verkehrt die Natur seiner Seele, wenn er sie nur anwendet,
um zu empfinden; sie ist ihm gegeben, um zu erkennen. In
dem ruhigen, aber unablässigen Fortschritte des Erkennens er—
höht die Seele sich selbst; sie lernt sich selbst genügen und den
Selbstgenuß im Genuß des Universums finden.“ Indes die
Meinung der deutschen Empfindsamkeit war das doch nicht:
sie hat vielmnehr um ein paar Jahrzehnte später Friedrich Leo⸗
pold Stolberg mit dem frommen Verse getroffen:

Süße heilige Natur,

Laß mich gehn auf deiner Spur,

Leite mich an deiner Hand

Wie ein Kind am Gängelband.
Gewiß: „Selbstgenuß im Genuß des Universums“: aber
ein Genuß, der das Ausruhen des ungeteilten, in unbewußter
Empfindung seines Daseins als Ganzes lebenden Menschen in
der Naturbeseelung bedeutete und Einverleibung der Natur in die
Seele in diesem Sinne: das war es, was man mit allen Fibern
erstrebte. Da wurde das Wogen der Saaten zum Gesang, da
begannen Tag und Nacht sich im abendlichen Dämmerschein leise
zu grüßen, da streute der Mond seinen Silberglanz über Berg
und Tal, während die Sterne als Phantasien der Natur am
Firmamente hinzogen: da war die Natur freigebig und heiter,
ernst und wehmütig, ja lachte und scherzte: und jegliche Land⸗
schaft sah man im ganzen Widerhall der eigenen Gefühle: nicht
ymbolisch, sondern in tatsächlicher ÜUbertragung menschlicher
        <pb n="270" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 259
Empfindung schien sie beseelt. Und wie die Morgenröte ver—
klärt oder das Sonnenlicht küßt, so spricht das Schilf am
See und die Tanne auf schroffem Felsgezack, und der Tau
des Grashalms wird zu perlenden Tränen.

Mit welch außerordentlicher Intensität unter solchen Um—
ständen eine besonders große Natur auf hochbegabte und hoch—
gemute Seelen wirkte, das hat, in den Ausgangszeiten des
Frühsubjektivismus, wohl niemand besser erfahren oder wenig—
stens geschildert, als Wilhelm von Humboldt, da er die Alpen
gesehen hatte. „Nie wurde meine Seele mit so großen Bildern
unwiderstehlicher, alles zerschmetternder und widerstrebend
trotzender Stärke erfüllt; nie drängte sich mir so stark das
Gefühl einer zahllosen Reihe verflossener Jahrhunderte auf,
nie dämmerte in meiner Seele mehr ein Ahnen unabsehbar
ferner, wieder zertrummernder und wieder schaffender Zukunft.
Wenn ich manchmal aus einem engen, umschlossenen Tal auf
die höchsten unersteiglichen Gipfel der Gebirge rund umher
sah: wie sich die Ideen der Einöde, der Einsamkeit, des Blickes
in weite Fernen von der schwindelnden Höhe, rege Erwartungen
dessen, was hinter jenen Bergen, über jenen Gipfeln hinaus
ist, meiner Seele bemeisterten, wie dadurch alles Vergangene,
Zukünftige, Entfernte, Ungewisse meine träumende Phantasie
umschwebte!“

So heroischer Empfindungen freilich wurden die Zeit—
genossen der Empfindsamkeit und selbst des Sturmes und
Dranges im allgemeinen noch nicht gewürdigt. Aber auch für
sie, für jeden höher und frischer Empfindenden der Zeit wurde
der sympathische Zusammenhang dunklen menschlichen Fühlens,
der halb unbewußten Vorgänge in der Seele mit der Natur so
gut wie ständig hergestellt: und ein Goethe konnte in diesem
Zusammenhange gar von „einer wundersamen Verwandtschaft
mit den einzelnen Gegenständen der Natur“ reden, „von einem
innigen Anklingen, einem Mitstimmen ins Ganze, so daß ein
jeder Wechsel, es sei der Ortschaften und Gegenden oder der
Tages- und Jahreszeiten oder was sonst sich ereignen konnte,

.aufs innigste berührte.“
        <pb n="271" />
        260

Zweiundzwanzigstes Buch.
Es sind Empfindungen, in denen die Natur immer wieder
doch nicht bloß als objektiv beseelt erscheint, sondern gleichsam als
subjektiv und selbsttätig mitfühlend, als triebbegabt, als drang—
voll und sehnsuchtsreich eigener Hingabe an das menschliche
Empfinden zueilend. Eine Auffassung war damit erreicht, die
sich durch die bloße Belebung der Natur allein doch nicht er—
klären läßt. Voll verständlich wird sie erst durch die wunder⸗
haren Formen, die inzwischen der Verkehr zwischen Mensch
und Menschen angenommen hatte: denn sie ist bis zu einem
zgewissen Grade eine Nachbildung, ein Abklatsch dieses Ver—
kehres.
Da liegt es nun in der Natur der Sache, daß jeder zu—
nehmende Subjektivismus den Verkehr unter den Menschen
steigern mußte: denn während die individualistische Persönlich—
keit in sich abgeschlossen gelebt hatte, ist es die Eigentümlich—
keit der subjektivistischen, im Trieb- und Willensleben wie in
der Gefühlsäußerung aus sich herauszugehen: schon die Wand—
lungen des Wirtschaftslebens, die auf einem stetig verstärkten
Verkehre beruhen, weisen in dieser Richtung. Mit welcher
Wucht aber, mit welcher Leidenschaft und welcher rastlosen
Energie nahm das neue Zeitalter diesen Verkehr auf! Nicht
äußerlich entwickelte man ihn; wiederfinden wollte man sich
selbst in seinen Nachbarn, und ganz allgemein war der Mensch
dem Menschen interessant. Es sind Zusammenhänge, die von
jugendlichen Menschen mit all der Emphase der Empfindsam—
keit ausgesprochen wurden:

Stünd' im All der Schöpfung ich alleine,

Seelen träumt' ich in die Felsensteine,

Und umarmend küßt' ich sie. Schiller.)
Aber auch der besonnene Denker huldigte dieser Theorie des
gegenseitigen Einverleibens und Ineinsfindens. So führt
J. A. Eberhard in seiner „Allgemeinen Theorie des Denkens
und Empfindens“ (1776) in Beantwortung einer Preisfrage
der Berliner Akademie aus, daß wir uns „in den geselligen
Empfindungen mit dem Gegenstande vermischen und uns in
anderen zu vergnügen glauben“; und diese „Verschmelzung
        <pb n="272" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 261
unseres eigenen Vergnügens mit dem außer uns an anderen
zu wirkenden, weit entfernt, der menschlichen Natur zum Vor—⸗
wurf zu gereichen, ist ihr“ seiner Meinung nach „die größte
Ehre“. Es ist jener Untergrund psychologischer Auffassung,
aus dem die Sehnsucht nach intimen gegenseitigen Beziehungen,
ja mehr: der enthusiastische Freundschaftskult als eines der
auffallendsten Wahrzeichen des frühen Subjektivismus hervor⸗
quillt. Wie tief ergreifend klingt doch dieser Kult schon jen—
seits der Jahre seiner eigentlichen Blüte noch in Schillers
Don Carlos nach, da der Prinz den Marquis Posa nach
längerer Trennung zum erstenmal wiedersieht:
Ist's möglich?

Ist's wahr? Ist's wirklich? — Bist du's? — O, du bist's!

Ich drück' an meine Seele dich, ich fühle

Die deinige allmächtig an mir schlagen!
Und wie gewinnt dieser Kult in seinem eigensten Kern, in
dem Aufgehen der Persönlichkeiten der Freunde ineinander, in
diesem Aufsaugen zu einem einzigen, ununterschiedenem Ganzen
Aassisch-zypischen Ausdruck in Goethes Versen:
Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,

Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,

Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.
In den starken Zeiten des Freundschaftskultes aber schließt
man heilige Bünde zu Mondnachtsstunden im Eichengrund und
vereint sich im Kusse mit dem Freund wie mit einem zweiten
Gewissen; Bruder oder auch Seelenbruder und Freund werden
dentische Begriffe; und wenn man scheiden muß, da scheint
wohl erst recht die eine Seele in die andere zu fließen, bis
man in letzten Umarmungen, letzten Blicken: in schrillem Risse
der Seelen voneinander scheidet. Aber die voneinander Ge—
trennten tröstet ein zu ganzen Bergen von Papier anwachsender
        <pb n="273" />
        262

Zweiundzwanzigstes Buch.
Briefwechsel, in dem sich Kantilenen der Freundschaft und
Liebe durch halbe und ganze Dutzende von Seiten ergießen:
ganz sucht man auch jetzt noch sich zu durchdringen, zu ge⸗
nießen. So werden die Briefe zu „Blättern der Empfindung
und Freundschaft“; die Begriffe Korrespondent und Freund
zeigen Neigung ineinander überzugehen; man kann nach
Briefen seufzen und durch Briefe erquickt werden; es können
durch Briefe sich Freundschaften, ja Verlobungen anknüpfen,
ohne daß man einander schon persönlich kannte: Goethe und
die Gräfin Auguste Stolberg, die leidenschaftliche Briefe mit—
einander wechselten und beide sehr alt wurden, haben sich
nie gesehen; Schillers Freundschaft mit der Familie Körner
ist wenigstens durchaus schriftlich begründet worden; Elise
Hahn hat Bürger geheiratet, nachdem sie sich an seinen Ge—
dichten in ihn verliebt hatte und in Briefwechsel mit ihm ge—
kommen war; und Schillers Meininger Schwager Reinwald
hat sich zuerst in einen Brief seiner Frau, dann erst in diese
selbst verliebt.

Dabei wurden Freundschaften mündlich wie brieflich sehr
leicht geschlossen; eine edle Handlung, ein gefühlvolles Lied,
eine gedankenreiche Schrift führten die Geister zur Verbindung
nicht nur, nein alsbald zur Verbrüderung. So schreibt selbst
der kritische Merck an den ihm unbekannten Verfasser des
Briefes an die Freidenker (J. G. Jacobi): „Erlauben Sie mir,
wer Sie auch sein mögen, Sie meinen Bruder zu nennen.“
Und solche Herzensergüsse behielt man nicht bei sich; man
teilte sie anderen mit, man ließ sie gar drucken: unzählig war
die Menge der auf diese Art begangenen Indiskretionen und
schwer der Arger, der sich oft genug über sie erhob. Aber
das alles beseitigte nicht die allgemeine geistige Haltung: die
Welt erschien vor allem als Menschenwelt wieder ganz ver—
jüngt, und fast der Eindruck eines kindlichen Treibens ergibt
sich aus diesem Durcheinander rasch erwirkter Sympathien.

Wie aber sollte mit all den Versuchen, die Menschen zu

Steinhausen a. a. O. 2, 385.
        <pb n="274" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 263
lieben, nicht auch das Bestreben, sie kennen zu lernen, parallel
gegangen sein? Die Zeit ist voll von dem Bedürfnis der
Menschenkenntnis, der Kenntnis anderer und der Kenntnis
seiner selbst. „Wen es noch einige Mühe kosten sollte,“ sich
in meine Theorie vom Ursprunge der angenehmen und un—
angenehmen Empfindungen zu versetzen, schreibt Sulzer im
Jahre 1751, „dem kann ich sagen, daß ich seit etwa sechs
Jahren auf das, was bei einer angenehmen Empfindung über
irgendeinen Gegenstand in meiner Seele vorging, die genaueste
Aufmerksamkeit gewandt habe.“ Und nicht bloß Psychologen
waren Selbstbeobachte. Das Tyccν oονrö“ ist eine der
Lieblingslosungen der Zeit; und schon nach Hamann beginnt
jede Erkenntnis echt subjektivistisch mit Selbsterkenntnis, wozu
freilich auch der Verkehr mit anderen notwendig ist, denn in
der Seele seines Nächsten schaut der Mensch wie in einem
Spiegel besonders leicht sein verborgenes Wesen. Neben die
Selbsterkenntnis aber trat auch als Selbstzweck die Erkenntnis
anderer. Auch hier malt Wilhelm von Humboldt das Wesen
der Zeit, wenn er von sich selbst berichtet: „Ich hatte damals
eine Art Leidenschaft, interessanten Menschen nahe zu kommen,
viele zu sehen und diese genau, und mir ein Bild ihrer Art
und Weise zu machen. Die Hauptsache lag mir an der
Kenntnis. Ich benutzte sie zu allgemeinen Ideen, klassifizierte
mir die Menschen, verglich sie, studierte ihre Physiognomien,
kurz machte daraus, soviel es gehen wollte, ein eigenes
Studium.“
In der Tat schritt die Zeit auf allen nur denkbaren
Wegen zum psychologischen Studium fort. Da trat neben
Lavaters physiognomische Bestrebungen später Galls Schädel—
lehre, neben guten Beobachtungen tauchten die abenteuerlichsten
Vermutungen auf; überall forschten und sondierten Physiogno—
miker und Phrenologen, und man meinte wohl, berühmte
Leute täten gut, sich vor ihnen, wie heutzutage vor Photo—
graphen, in acht zu nehmen. Auch eine wirkliche Wissenschaft
empirischer Psychologie setzte ein; wir werden von ihr noch
genauer zu erzählen haben.
        <pb n="275" />
        264

Zweiundzwanzigstes Buch.
Was aber sie, und damit erst recht alle anderen Be—
obachtungen kennzeichnete, war dies, daß man im allgemeinen
deim Einzelfalle stehen blieb. Die Psychologie insbesondere
gelangte durch einseitige Hervorhebung des Singulären in
ihrem Erfahrungsmaterial schließlich zu einer so bunten An—
häufung von Einzeltatsachen, daß sie das Notwendige und
Gesetzmäßige an ihnen nicht zu finden wußte: worauf sie an
Überlastung elend zugrunde ging. Um so mehr gewann auf
dem eingeschlagenen Wege die gemeine Erfahrung. Man sieht
sie ordentlich wachsen, wenn Heinse einmal an Gleim schreibt:
„Aus den Briefen eines Menschen kann man am besten sehen,
wie mancherlei Zufällen ein Mensch unterworfen ist, wie die
Donnerwetter, Regen und heiterer Himmel und Frühling,
Sommer, Herbst und Winter in dem menschlichen Herzen und
Geist abwechseln; kann man das nicht daraus ersehen, so
sind es keine Briefe, wenigstens keine freundschaftlichen.“
Dabei wandte sich das Interesse natürlich ganz besonders
den modernsten Erscheinungen des Seelenlebens zu, den
„Empfindungen und Leidenschaften“: diese in ihrer Entstehung,
ihrer Verwandtschaft, ihrer Umwandlung, Wachstum und Ab⸗
nahme kennen zu lernen, wurde kein Mittel, vor allem auch
nicht das der Selbstbeobachtung, gescheut!.

Und das Ergebnis war außerordentlich. Auf den land—
läufigsten Gebieten des psychologischen Empirismus kam man
bis zu einer fast haarspaltenden Eindringlichkeit der Be—
obachtung; so hat Abbt zwischen 1756 und 1760 eine Schrift
mit dem Titel verfaßt: „Beweis, daß die Freundschaften unter
den meisten Damen viel sublimer seien, als die Freundschaften
unter den meisten Personen des anderen Geschlechts.“ Das
Gesamtergebnis aber hat Goethe kurz und gut in einem be—
kannten Satze von Dichtung und Wahrheit (Buch XIII) zu⸗
sammengefaßt: „und so ward man, da ppolitische Diskurse
wenig Interesse hatten, mit der Breite der moralischen Welt
ziemlich bekannt“.

Eberhard, Allg. Theorie des Denkens und Empfindens (1776).
        <pb n="276" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 265
Es ist ein für die Geschichte aller Phantasietätigkeit ent—
scheidendes Ergebnis, soweit diese den Menschen zum Gegen—
stande hatte. Ein ganz neuer, höherer Naturalismus der Be—
obachtung und künstlerischen Wiedergabe trat ein, als ihn je
ein früheres Zeitalter deutschen Seelenlebens gekannt hatte:
nicht bloß, daß das Feld der psychologischen Beobachtung
außerordentlich erweitert war, auch die Intensität der Er—
fassung war überwältigend. So trat z. B. die volle Be—
obachtung der sozialpsychischen Kräfte, namentlich der un—
bewußt waltenden, erst jetzt auf: Herder war es, der sie zuerst
klar schauenden Blickes im Bereiche dessen, was er Volksseele
nannte, entdeckte: und der Intensität der Gefühlsbeobachtung
entsprang wie eine neue Dichtung, so vor allem auch eine
neue Musik von unerhörter Dynamik, als deren erster, seiner
Stellung sich voll bewußter Meister der Ritter von Gluck ver—
ehrt wurde.

Gewiß war damit Seelenkenntnis und Kraft und Kunst
der Wiedergabe seelischer Vorgänge noch nicht bis zu dem
Grade von Eindringlichkeit und Umsicht gesteigert, über welche
die heute verlaufende Periode des Subjektivismus verfügt;
noch Jean Paul, dieser Spätling des Seelenlebens der Empfind—
samkeit, malt, wo er Narren und seltsame Begebenheiten
—DDDD
und Gefühl direkt und hat nur hier und da Vorahnungen
der suggestiven indirekten Darstellungsformen der Gegenwart.
Aber darüber lassen doch Dichtung und Musik, wie auch die
seelischen Seiten der bildenden Kunst und der Weltanschauung,
keinen Zweifel, daß ein von der Fähigkeit des individua—
listischen Zeitalters durch eine gewaltige Kluft geschiedener
Naturalismus entstanden war, der sich in entwicklungs—
geschichtlich einem neuen Zeitalter angehörigen Schöpfungen
auswirkte.
Das Gleiche aber, wie für die Kenntnis des Menschen,
gilt auch für die Auffassung der Natur und ihre phantasie—
oolle Wiedergabe. Wie die neue Zeit im Bereiche des Seelen—
lebens erst das Sozialpsychische, man möchte fast sagen, ent—
        <pb n="277" />
        266

Zweiundzwanzigstes Buch.

deckte, so entfaltete sie auch erst den Sinn für die Erhabenheit
allgemeinster, namentlich der herkömmlichen Meinung nach
gestaltungsarmer, verschwommener Naturerscheinungen: der
Wolken, des Himmels als Trägers von Lichteffekten überhaupt,
des Meeres mit dem verwirrenden Bilde seines Wogen—
dranges, der Licht und Luft ein- und ausatmenden gleich—
förmigen Ebene. Es ist der Natursinn gleichsam der kosmischen
und physischen Geographie großen Stils; Klopstock ist sein
erster Meister gewesen.

Zugleich aber nahm auch die Intensität der Natur⸗
beobachtung überraschend zu. Es würde Aufgabe eines be—
sonderen Werkes sein können, dies eingehend nachzuweisen,
wie uns denn Einzelheiten dieses Vorganges in der späteren
Erzählung des Verlaufes der Dichtung wie der bildenden
Künste immer wieder begegnen werden: hier kann es nur
darauf ankommen, sich des Eindruckes des erfolgten Fort—
schrittes an einem Beispiel zu vergewissern.

Nach der Mitte des 17. Jahrhunderts dichtete Paul Ger—
hardt:
NRun ruhen alle Wälder,

Vieh, Menschen, Städt' und Felder,
Es schläft die ganze Welt;
Ihr aber, meine Sinnen,

Auf, auf, ihr sollt beginnen,

Was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Wo bist du, Sonne, blieben?

Die Nacht hat dich vertrieben,

Die Nacht, des Tages Feind:
Fahr' hin, ein' ander Sonne,
Mein Jesus, meine Wonne,

Bar hell in meinem Herzen scheint.

Der Tag ist nun vergangen,

Die güldnen Sterne prangen

Am blauen Himmelssaal:

Also werd' ich auch stehen,

Wann mich wird heißen gehen
Mein Gott aus diesem Jammertal.
        <pb n="278" />
        Neue Gesellschaft, nenues Seelenleben.

267
Ein Jahrhundert später aber singt, freilich ein besonders
fortgeschrittener Vertreter der Dichtung seiner Zeit, Gottfried
Bürger!:
Run ruht, ihr matten Kräfte,
Vom Joche der Geschäfte,

Das unsern Nacken drückt.

Schau. wie der Quell der Wonne,
O Seele, wie die Sonne

Mit rotem Antlitz nach dir blickt.

Noch seh' ich ihre Strahlen
Den Abendhimmel malen;
Roch hängt ihr Silberlicht
An Blättern und Gesträuchen:
Noch spiegelt fie in Teichen
Ihr feuerrotes Angesicht.

Es streckt sich Berg und Hügel,
Der Vogel färbt die Flügel

Und schwimmt in Sonnenglut.
Doch jetzo geht sie unter,

Der Kreaturen Wunder,

Und malt den Horizont mit Blut.

Aber nicht immer wirkte der Naturalismus mit dem ruhigen
Fächeln der Verse eines Abendgedichtes. Er konnte auch ver—
heerend wüten in den Dramen des Sturmes und Dranges;
in sich trug er keinerlei Prinzip des Maßhaltens, und nicht
wenige sind untergegangen, die sich ihm ganz verschrieben, sei
es auf dem Gebiete des Dichtens oder des Denkens. Was
es daher zu erreichen galt, das war ein neues ständiges und
stetiges Prinzip phantasievollen Schaffens, eine neue ästhetische
Dominante. In diesem Sinne hat Klopstock schon 1747 einen
neuen deutschen Boileau ersehnt:

1VBgl. dazu Ergänzungsband J zur Deutschen Geschichte (Zur jüngsten
Deutschen Vergangenheit 1) S. 208 ff., wo das zu Bürgers Gedicht parallele
Gedicht von Claudius „Der Mond ist aufgegangen“ abgedruckt ist. Es
hätte auch hier als Beispiel gewählt werden können.
        <pb n="279" />
        268

Zweiundzwanzigstes Buch.
Werd' uns auch Despréaux!
Daß, wenn sie etwa zu uns vom Himmel kömmt,
Die goldne Zeit, der Musen Hügel
Leer von undicht'rischem Pöbel da steh'!
Und nicht in einem Zurück zur alten Dichtung, nein, nur
im starken inneren, sich selbst bindenden Fortschritte zur grund⸗
sätzlichen ästhetischen Beleuchtung des neuen Naturalismus war
die goldene Zeit zu finden. Es ist der Zusammenhang der
Dinge, der von unseren großen Dichtern der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts erst instinktiv empfunden, dann klar be—
griffen und im Erringen einer neuen ästhetischen Dominante
des Subjektivismus erst völlig und in allen seinen Fällen ver—
wirklicht wurde. Wie ernst stand es von allen zuerst Goethe
hor der Seele:
Vergebens werden ungebundne Geister

Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen.
In der Beschränkung erst zeigt sich der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.
Und wie entschieden hat der Dichterfürst, der höchste Leiter
zu einer klassischen Bindung des subjektivistischen Naturalismus,
später verurteilt, was auf diesem Wege hinderlich sein konnte
oder hinderlich gewesen war. „Alles, was unseren Geist be⸗
freit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist
verderblich.“ „Charakter im großen und kleinen ist, daß der
Mensch demijenigen eine stete Folge gibt, dessen er sich für
fähig hält.“ „Shakespegare ist für aufkeimende Talente gefähr—
lich zu lesen; er nötigt sie, ihn zu reproduzieren, und sie bilden
sich ein, sich selbst zu reproduziexen.“

Das Große aber der Geschichte der Phantasietätigkeit in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist, daß diese Bändi—
gung, diese Vergesetzlichung des Naturalismus wenigstens auf
dem Gebiete der Musik und der Dichtung im höchsten Maße
gelang. Inwieweit in der Musik für die neuen Ausdrucks—
mittel feste und doch zugleich elastische Formen gefunden wurden,
innerhalb deren sich selbst der Genius Beethobens im über—
        <pb n="280" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.

269
strömenden Gefühl einer gesetzlichen Freiheit bewegte, davon
wird am Schlusse der Erzählung dieses Bandes eingehend die
Rede sein. Wichtiger fast noch, und darum später ebenfalls
eingehend darzustellen, ist der Weg, den auf dem Gebiete der
Dichtung vereint Goethe und Schiller gegangen sind. Ihnen
beiden, Goethe mehr für die Naturanschauung, Schiller zumeist
für die dichterische Gestaltung der Menschenwelt, gelang es,
über dem platten Naturalismus der Einzelerscheinung höhere
Prinzipien nicht bloß zu entdecken, nein zu erleben: Prinzipien,
denen sich das Einzelne fügte, indem es zugleich zum Typischen
der Natur und des Menschenschicksals erhöht ward. Und damit
nicht genug, unterstellten die Dichterfürsten auch die typisch er—
höhten Gebilde ihrer Phantasie nochmals der Einwirkung von
Urphänomenen und Ideen, die ihrem Zusammenhange den
Stempel des Notwendigen, des schlechthin Allgemeinen, des
menschlich Göttlichen aufdrückten.

Es war ein weiter Weg von den Anfängen der neuen
Kunst in einem nicht selten abstoßenden Naturalismus bis zu
diesen Höhen der Klassizität, auf denen die Gesetze neuer
ästhetischer Dominanten ehernen Tafeln anvertraut wurden.
Und wenige nur sind ihn aus der Menge der naturalistischen
Dichter und Denker bis zu Ende gegangen. Empfindsamkeit
und Sturm und Drang waren noch umfangreiche soziale Er—
scheinungen gewesen; namentlich die Kultur der Empfindsam—
keit hatte sich weiten Anhanges zu rühmen vermocht; einsam
blieb es lange um die Dioskuren von Weimar.

Aber durfte man, wenigstens für die Entwicklung im
hohen Grade schöpferischer Naturen, einen anderen Ausgang
erwarten? Auserwählt werden stets wenige sein, und höchste
Ziele vornehmlich phantasiereicher Selbstbeherrschung ziemen
nur dem Meister. Die Anschauung aber, die heute gewöhnlich
zu werden beginnt, daß die Nation als genießender und auf—
nehmender Teil den Großen von Weimar nicht habe folgen
können, bedarf doch sehr der Berichtigung. Goethe war seinem
Wesen nach Aristokrat; nie hat er den Beifall der Vielen ge—
sucht, und oft wähnte er seiner nicht zu bedürfen. Schiller
        <pb n="281" />
        270

Zweiundzwanzigstes Buch.
aber hat in vollen Zügen gekostet, wie es beseligt, Liebling
des Volkes zu sein. Als in Leipzig die erste Aufführung der
Jungfrau von Orleans in Gegenwart des Dichters stattfand,
und das Stück unter lebhaftem Feiern des Dichters beendet
war, da strömte das Volk hinaus und erwartete den Dichter
auf dem Platze vor dem Theater. Und als er heraustrat, wich
es ehrerbietig zurück, der Weg wurde freigemacht, die Häupter
entblößten sich: er schritt durch die Menge. Und hinter ihm
flüsterten die Eltern den Kindern zu: „Seht, das ist er!“

5. Halten wir einen Augenblick inne, um auf den In—
halt des letzten Abschnittes zurückzublicken, so ergibt sich schließ—
lich doch ein ziemlich einfaches Bild. Wir sehen, wie die neue
Zeit mit trüben Gärungen, mit einer Dissoziation des Seelen—
zustandes des Individualismus beginnt: wir nehmen wahr,
wie sich diesem Verluste einer bisher durch klare Ideale aus—
gezeichneten psychischen Haltung und seinen Folgeerscheinungen
ein neuer Naturalismus der Phantasietätigkeit und eine Form
wissenschaftlicher Forschung entringen, die nur noch die Einzel—⸗
heiten sieht und schätzt, statt zu erhöhter Begriffsbildung fort⸗
zuschreiten: und wir werden endlich Zeugen einer dritten
Entwicklungsstufe, in der sich die Phantasietätigkeit zu neuen
ästhetischen Gesetzen, die Wissenschaft, wie an späterer Stelle
zu erzählen sein wird, zu einer neuen Begriffswelt empor⸗
ringt.
Es sind Vorgänge, die sich auf sittlich-religiösem Gebiete
in analoger Weise wiederholen. Auch hier Sturz des Alten:
Kampf gegen den aufklärerischen Staat und Opposition gegen
das Utilitätschristentum des Rationalismus. Auch hier ein
ethisch-religiöser Naturalismus, der, innerhalb der allgemeinen
Auflösung des Herkömmlichen und Schwächung der Willens—
seite der menschlichen Betätigung nur auf den schwankenden
Grund des Gemütslebens baut: und auch hier schließlich neue
Frömmigkeit, neue sittliche Ziele und Maßstäbe.

Am eigenartigsten verlief diese Entwicklung vielleicht auf
dem religiösen Gebiete. Denn hier war sie nicht völlig frei:
        <pb n="282" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 271
sie blieb gebunden an eine Auseinandersetzung mindestens mit
dem urgewaltig geschichtlichen Elemente des Christentums.

Freilich: zunächst glaubte man sich völlig aus sich, völlig
frei von historischen Beziehungen entfalten zu können. Wenn
Goethe den Franz im Götz von Berlichingen ausrufen läßt:
„So fühl' ich denn in dem Augenblick, was den Dichter macht,
ein volles, ganz von Einer Empfindung volles Herz“: — so
hätte er, wie mehr als eine Stelle des Faust beweist, ungefähr
das Gleiche vom Frommen behaupten können. Und für die
Besten einer gärenden Frühzeit des Subjektivismus spricht
Goethe nicht minder in der berühmten Stelle: „Nur so schätze,
liebe, bete ich die Zeugnisse an, die mir darlegen, wie tausend
oder einer vor mir eben das gefühlt haben, das mich kräftigt
und stärkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort
Gottes, es mögen's Pfaffen oder Huren gesammelt, zum Kanon
gestempelt oder als Fragmente hingestellt haben; und mit
inniger Seele falle ich dem Bruder um den Hals, Moses,
Prophet, Evangelist, Apostel, Spinoza oder Macchiavell, darf
aber auch zu jedem sagen: lieber Freund, geht dir's doch wie
mir: im einzelnen sentierst du herrlich, das Ganze aber ging
in eueren Kopf so wenig als in den meinen.“

Aber konnten eben die Besten, wenn auch frei vom
Christentum, in dieser Haltung einer absoluten Gefühls—
frömmigkeit verharren? Je reicher, stärker und nachhaltiger
sich die Gefühlsinhalte gestalteten, um so mehr mußten sie zu
festeren Vorstellungen führen, und indem in diesem Zusammen—
hange die Mannigfaltigkeit der Affekte zunahm, war dafür
gesorgt, daß sich mit der religiösen Empfindung auch, wenn
auch in begrenztem Grade, Willensvorgänge verbanden. So
kamen edle Geister, die dieses Weges zogen, zwar zu keinem
der Vorstellung nach völlig fest umschriebenen, um so mehr
aber zu einem mit festerer Stimmung erfüllten quietistischen
Frömmigkeitsideal, dessen Funktion Goethe im hohen Alter mit
den klassischen Worten umschrieben hat: „Frömmigkeit ist kein
Zweck, sondern ein Mittel, um durch die reinste Gemütsruhe
zur höchsten Kultur zu gelangen.“
        <pb n="283" />
        272

Zweiundzwanzigstes Buch.
Aber daneben wollten viele, wollte vor allem die Menge,
die im Grunde erst seit dem 17. Jahrhundert voll christianisiert
worden war, eine engere Verbindung mit dem Christentum nicht
aufgeben. Und gingen sie damit so ganz entgegengesetzten
Weges? Ließ sich der unendliche Gefühlswert des Lebens, in
dem die Zeit sich berauschte, nicht leicht mit jenem Bewußtsein
vom unendlichen transzendenten Werte der gläubigen Person in
Beziehung bringen, das als Gemeingut aller christlichen Be—
kenntnisse und aller Zeiten frommen Christentums bezeichnet
werden kann?

Im Bereiche der lutherischen Kirche, innerhalb dessen die
neue Entwicklung schon aus wirtschaftlichen und sozialen
Gründen! vornehmlich verlief, schienen allerdings die Vor—
bedingungen einer solchen Wendung nur sehr spärlich gegeben.
Gewiß: der Glaube Luthers hatte in seinem tieferen Grunde
weder auf Erkenntnis noch auf Moral beruht, sondern auf dem
Gefühl: auf der religiösen Empfindung absoluter Abhängig-⸗
keit vom christlichen Gotte. Und von diesem Grunde aus war
denn auch, nicht schon ganz durch Luther, stärker vielmehr erst
durch seine Nachfolger, eine bestimmte Erkenntnistheorie und
Ethik aufgestellt worden.

Allein der primäre Standpunkt Luthers wollte nach wie
vor erlebt, nicht begriffen sein. Und doch kamen Zeiten, die
das nicht mehr vermochten! Je mehr in dem Zeitalter des 16.
bis 18. Jahrhunderts der Intellektualismus durchbrach, um
so mehr hielt man sich nicht an den Quell des religiösen Ge—
fühls bei Luther, sondern an dessen Ableitungen. Im Anschlusse
an rationalistische Strömungen, die innerhalb der Kirche soweit
zurückreichen, daß sie schon im Jahre 1277 zu Paris eine Ver⸗
dammung erfahren hatten, und von denen die neuen Kirchen
noch ganz anders überspült wurden als die alte, entwickelte sich
aus der religiösen Erkenntnis seit der zweiten Hälfte des 16. Jahr⸗
hunderts eine steifleinene Orthodoxie, aus der Ethik seit Schluß
des 17. Jahrhunderts die religiöse Aufklärung. Es waren beides

S. u. a. oben S. 98 ff.
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        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 273
kraftlose Erscheinungen religiösen Lebens; auf die Dauer
wirkten sie nicht bloß auf die Frömmigkeit, sondern auch auf
den Kultus ertötend. „Wir haben das Tischgebet abgeschafft,“
heißt es wohl gegen Ende des 18. Jahrhunderts, „wir gehen
nicht mehr in die Kirche, wir glauben keinen Teufel mehr;
wer wollte nun sagen, daß wir nicht aufgeklärt wären!“

Man versteht, wie diese Entwicklung, diese verknöcherte
—
gehender Empfindsamkeit beurteilt werden mußte. Da schien
es noch mild, wenn Hamann in seiner Art von einem „kalten,
unfruchtbaren Nordlicht ohne Aufklärung für den feigen Ver—
stand und ohne Wärme für den feigen Willen“ sprach.

Aber vermochten die Laien sich zu helfen? Was ihnen
zunächst ward, war nichts, als was so starke Geister, wie
Goethe, auch gefunden hatten: fromme Schwärmerei, religiöse
Sehnsucht nach Zielen, die sich nicht enthüllen wollten; daneben
einige als feststehend unbezweifelte Trümmer des alten Glaubens:
Gott, Freiheit, Unsterblichkeit: — und Zweifel an der christ—
lichen Offenbarung, die weit tiefer nagten, als in unserer an
kritisches Ubermaß gewöhnten Welt.

Und es war ein z8ustand, demgegenüber die frischeren
Frömmigkeitsformen des ausgehenden Individualismus, Pietis—
mus und selbst Herrnhutertum, keinerlei Aussicht auf Lösung
und Besserung boten. Gewiß, Männer wie Zinzendorf oder
J. J. Moser wollten das Christentum innerlich erfahren. Aber
——
der gewöhnlichen Heilslehre der protestantischen Kirchen ver—
innerlicht, so doch an sich noch objektiv gegeben: bestimmte
Stadien dieses Weges mußten in Buße, Besserung und Er—
leuchtung passiert werden, und die einzelnen Frommen richteten
ihre Seele dahin, daß sie diese Stadien passierten. Und so
war eine gewisse Uniformität der inneren Erlebnisse, noch nicht
aber subjektivistische Freiheit die Folge.

Vielmehr versteht es sich, daß die mystische Welt des
neuen Zeitalters ganz andere Pfade einschlagen mußte. Ab—
findung mit den dogmatischen Systemen der Konfessionen zu⸗

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 18
        <pb n="285" />
        274

Zweiundzwanzigstes Buch.
gunsten eines persönlichen Glaubens: das war das erste, was
man brauchte und versuchte. Aber gelang es so leicht? Im
17. Jahrhundert hatten selbst die ersten Vertreter der Natur—
wissenschaften noch den Unterschied zwischen den Konsequenzen
ihrer Forschungen und dem dogmatisierten Christentum des
Mittelalters und der Reformation wenig bemerkt oder waren
wenigstens über ihn hinweggeschritten; noch ein Boerhaave z. B.
hielt sich ganz zum Glauben der Väter. Ein Menschenalter
später konnte freilich sein Schüler Haller diesen Standpunkt
nicht mehr einnehmen. Aber vermochte er sich zu einem klaren
gegensätzlichen Standpunkte durchzuringen? Er hat Zeiten
durchgemacht der „Lektüre verfluchter Bücher“, die ‚Gott zum
Lügner machen wollten“. Und da der Zwiespalt sich in ihm
auftat, erschien er sich selbst als verrucht. Wenn das die
Lage der Berufensten war, wie hätten sich da andere leicht
zurecht finden sollen? Allenthalben treffen wir bei den
Frommen neben allem Glauben auf eine fieberhafte Angst
des Zweifels, sogar bei Jacobi, ja selbst bei Lavater — und
dieser Zweifel nagt schließlich auch an den Glaubensvesten des
Rationalismus:
So wirst auch du mir noch, mein letzter Trost, geraubt?
—A
Es war ein Zustand, den das deutsche Gemütsleben seit
der Mitte des 18. Jahrhunderts, wie es immer stärker der
Empfindsamkeit und dem Sturm und Drange entgegenschwoll,
nicht lange ertragen konnte. Einen Quell suchte man lebendigen
Wassers, und fand man im Rationalismus kaum einen Tropfen
mehr von köstlichem Naß, so wandte man sich schließlich, rat⸗
los in sich und selbst der nächsten Zukunft ungewiß, zurück zu
dem Born der reinen Mystik Luthers, wie er unter allen Ver—
schüttungen der lutherischen Orthodoxie noch immer vernehmlich
murmelte. Das ist der Sinn des Briefes Lessings an seinen
Bruder vom 3. Februar 1774: „was ist sie anders, unsere
neumodische Theologie, gegen die Orthodoxie, als Mistjauche

v. Creutz, Versuch über die Seele, 1754, zit. Sommer S. 71.
        <pb n="286" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 275
gegen unreines Wasser?“ — das die Meinung des heftigen Aus—
falls in Goethes Leiden des jungen Werthers gegen die rationa—
listische Predigerfrau; das meinen die dunkeln Aphorismen
Hamanns und Herders leidenschaftliche theologische Dithyramben
aus den Jahren 1774 bis 1776.

Aber allmählich gelangte man doch auf eigenem Wege
weiter. Wie schön hat nicht schon Hamann Kern und Wesen
christlich-subjektivistischer Frömmigkeit beschrieben! Da versenkt
sich die Seele in sich selbst und sucht sich den äußeren Dingen
zu entringen. Sie steht Gott und der Welt gegenüber, den
Wundern und dem Wunderbaren offen, weil sie alle Vor—
stellungen der Außenwelt aus sich ausgeschieden hat. In diesem
Zustande, der weit über Rousseaus Naturkult hinausgeht, in
einem knospenden Moment, den Hamann als den der Idiotie
bezeichnet, naht ihr das Glück, das da genannt wird Glaube.

Trat man von diesem Zustande her in die Welt der
christlichen Offenbarung, so hieß es von den Weltanschauungen,
die sich nun leise und zunächst noch keineswegs abgeschlossen
entfalten mußten, ganz selbstverständlich: in meines Vaters
Hause sind viele Wohnungen. Die Seele des Fräuleins von
Klettenberg wurde, da sie unter Druck und Not Gott suchte,
dem Kreuze Christi durch einen geheimen Reiz zugeführt, der
dem Zuge des Herzens zum fernen Geliebten glich, und darnach
gestaltete sich ihr Christentum; in des Grafen Stolbergs Ge—
schichte der Religion Jesu waltete eine süßliche Schönseligkeit,
die mit dogmatischen Begriffen spielte; krank an Leidenschaft
für Güte und Größe des Herzens erhob sich die Seele der
katholischen Fürstin Galitzin aus dem Schmerze unglücklicher
Weltliebe zum leidenden Empfängnis des Göttlichen und
sammelte um sich einen Kreis verwandter Gemüter zu einem
stillen Reiche des Herzens. Deutlicher schon prägte sich das
Neue in nicht weiblichen und nicht adligen Gemütern aus, bei
allem Gefühlschristentum zumeist mit einem Hange zur Ortho⸗—
doxie: bei Lavater, Jung Stilling, Claudius.

Eine mittlere Richtung der Entwicklung aber schlug vor—
nehmlich Herder ein und wurde damit zu einem der Urväter

182*
        <pb n="287" />
        276

Sßweiundzwanzigstes Buch.
des modernen protestantischen Christentums, wenn nicht des
modernen Christentums überhaupt. In Bückeburg (1771 bis
1776) von einem Kreise religiöser schöner Seelen umgeben,
die Gräfin Maria als sein Beichtkind und seine Madonna zu—
gleich verehrend, wandte er sich in Worten orphischen Tones
ganz einer subjektiv-mystischen Theologie zu und verkündete
ein Gefühlschristentum der Zukunft. In seiner Schrift über
die älteste Urkunde des Menschengeschlechts betrachtete er den
Schöpfungsbericht der Genesis zwar auch, wie in seiner früheren
Zeit, als ein Gedicht und insofern symbolisch, aber als ein
göttliches Gedicht, als eine Uroffenbarung, deren Bericht alle
anderen Hypothesen der Weltentstehung ausschließe. In seinen
Erläuterungen zum Neuen Testamente gab er eine pathetische
Verteidigung des biblischen Supranaturalismus; und die
Wunder der Schrift, von der übernatürlichen Geburt Christi
bis zur Himmelfahrt, galten ihm als geschichtliche Tatsachen,
doch unter besonderer Betonung der idealen Wahrheit, die sie
enthalten sollten. Es waren Lehren, auf die recht eigentlich
sich Leibnizens Wort anwenden läßt: „le présent est chargé
du passeé et gros de l'avenir.“ Waren sie noch geeignet,
den Zusammenhang mit alter Orthodoxie und altem Dogma
festzuhalten, so wiesen sie doch, indem sich Gemütsüberschweng⸗
lichkeit und subjektiv-religiöser Sinn in ihnen trafen, zugleich
auf Zeiten hin, in denen christliche Verinnerlichung der Einzel—
persönlichkeit zu einer mehr oder minder verwirklichten Symbolik
der geschichtlichen Heilstatsachen führen sollte.

Einen eigentlichen Abschluß bestimmter religiöser Strö—
mungen bedeutet also auch Herder nicht; und auch die in der
Richtung etwa seiner Anschauungen verlaufende Philosophie,
etwa die von Fries, der die Schönseligkeit Jacobis in der
religissen Begeisterung, Entsagung und Andacht als in einem
ästhetischen Dreiklang idealer Gemütsstimmungen zum Welt—
gesetz erhob, hat eine feste Grundlage vollendeter subjektivistischer
Frömmigkeit nicht geschaffen.

Soll die Stellung Herders und der Zeit des primitiven
Subjektivismus auf religiösem Gebiete völlig verstanden werden,
        <pb n="288" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.

277
so muß allerdings in der Geschichte des Christentums weiter,
ja sehr weit zurückgegriffen werden.

Das Christentum hatte unter dem Einflusse der Griechen
früh deren anschauliche Denkformen angenommen. So war
der anschaulichen Welt des Diesseits eine transzendente an—
schauliche Welt gegenübergestellt worden, die in den Gestalten
der Dreieinigkeit gipfelte. Dieser Kosmos, in ein förmliches
Reich von Dogmen ausgestaltet, war dann an die Römer ge—
langt. Die Römer aber begriffen ihn in ihrer Weise als
Rechtssystem; die Dogmen wurden Kanones, und der sinnige
Glaube der Hellenen Forderung des Gehorsams.

Das ist das Christentum, das das Mittelalter überkam:
konnte es, bei der seelischen Konstruktion dieser Zeiten, anders
als noch starrer, bindender, gesetzmäßiger werden?

Aber jetzt nahten die neueren, in der Entwicklung der
Frömmigkeit vornehmlich von germanischem Geiste getragenen
Zeiten. Ihnen handelte es sich bald nicht mehr zum die zu
glaubende äußere Anschaulichkeit dogmatisch gefaßter Offen—
barungsvorgänge, sondern um die Innerlichkeit religiöser Emp⸗
findungen: sie wollten nicht eine sichtbare und vorstellbare
Mythologie und Magie, sondern eine unsichtbare, in den Per—
sonen allein lebende und wirkende Welt des Idealen. Den
ersten, vielleicht wichtigsten Schritt in dieser Richtung tat die
Reformation; und mit Hinblick auf den späteren Gesamt—
verlauf des deutschen Geisteslebens vornehmlich Luther. Luther
erreichte diese Welt des Idealen, indem er die Rechtfertigung
des Menschen, d. h. die Daseinsmöglichkeit des Menschen vor
Gott, als etwas hinstellte, das sich für eine gemütsmächtige
Zuversicht christlichen Gottesglaubens als sicher ergäbe. Allein
er meinte, daß eine Zuversicht nicht erreicht werden könne
ohne Gottes Beihilfe in der sakramentalen Wirkung des
Abendmahls: in diesem Punkte blieb er, auf Paulus gestützt,
an der Meßopferidee der Kirche des Mittelalters und damit
an der Vorstellung einer unbegreiflichen Kausalität Gottes
innerhalb der uns betreffenden sittlich-religiösen Erziehung
haften.
        <pb n="289" />
        278 Zweiundzwanzigstes Buch.
Diese Rechtfertigungslehre Luthers verlor nun mehr äußer⸗
lich infolge der Fortschritte der Naturwissenschaften seit dem
17. Jahrhundert, tatsächlich aber mehr durch eine immer stärkere
Entwicklung eines allgemeinen einfachen Kausalitätsbewußtseins
ihren inneren Halt. Mit dem Emporkommen des Subjektivis⸗
mus wurde eine neue Begründung des religiösen Idealismus
notwendig.

Nun hatten allerdings schon einige Richtungen der spekula—
tiven Theologie des 16. Jahrhunderts von Opferbegriff und
kirchlichem Sakramentalismus abgesehen: so bis zu einem ge⸗
wissen Grade die reformierten Kirchen, weit mehr noch die
täuferischen: eingeführt hatten sie statt dessen vornehmlich den
Gedanken der forma dei im Menschen, des als Vorbild in
uns allgegenwärtigen Christus. Gewiß hatte dabei diese Idee
noch manches Unklare, Ideologische, ja Magische. Dennoch
müssen diese Richtungen als Vorläufer der subjektivistischen
Frömmigkeit, soweit sie christlichen Boden beibehielt, bezeichnet
werden.
Wenn auch nicht äußerlich, wie es in der späteren Durch—
bildung der subjektivistischen Lehren vielfach geschah, so doch
innerlich knüpfte Herder an sie an: spann den hier auf⸗
genommenen Faden weiter. Aber gelangte er zur vollen Klar—
heit einer neuen Frömmigkeit, die doch vor allem Ruhe in
Gott bedeuten mußte? Schon sein schwankender Begriff des
Wunders zeigt, daß dies nicht der Fall war. Noch überwog
zu sehr das Gefühl in ihm; dies Gefühl mußte gleichsam erfi
durch ein Verstandesbad gereinigt und geläutert werden, ehe
aus ihm eine volle Frömmigkeit der neuen Zeit emporstieg.
Diese Läuterung aber wurde ihm durch die Philosophie Kants
zu teil, und zum eigentlichen Eroberer der heute weitverzweigten
Gebiete subjektivistischer Frömmigkeit ist erst Schleiermacher ge⸗
worden.

Wollen wir, um an dieser Stelle die Erzählung so weit
zu führen, die Bedeutung Kants in diesem Zusammenhange

S. dazu z. B. Bd. V, 1 S. 357 ff.
        <pb n="290" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 279
verstehen, so ist von des Philosophen kategorischem Imperativ
auszugehen. Herders Frömmigkeit war nur Gefühl; Kants
Imperativ dagegen ist eine Art Idee. Dementsprechend ist die
Ethik und Religion Kants nicht gefühls-, sondern verstandes⸗
mäßig, ja so verstandesmäßig, daß die Moral nicht aus
Neigung, sondern rein um ihrer selbst willen verwirklicht
werden soll, und daß die Religion von der Moral beinahe
verschlungen wird, während der Glaube als eine Sache des
Verstandes erscheint. Da ist denn klar, daß einer solchen Auf—
fassung der Begriff des Wunders auch in religiösen Dingen
nicht mehr haltbar war: die äußere Magie verschwand, und
der religöse Prozeß im einzelnen konnte höchstens noch als
psychologisches Wunder oder als Erscheinung einer noch un—
bekannten psychischen Kausalität erklärt werden. Dies ist der
Punkt, von dem aus Schleiermacher zur subjektivistischen Ver—
innerlichung des Christentums fortschritt. —

Der Verlauf unserer Erzählung hat ergeben, daß auf
religiössem Gebiete gegenüber dem überschwellenden Gemüts—
—
nach manch unklarem Ringen der Weg gefunden wurde, der
zu neuen beherrschenden Tendenzen, neuen Dominanten christ⸗
licher Frömmigkeit führte. Rascher, doch auch noch schwierig
genug verlief die Klärung auf rein sittlichem Gebiete.

Mit dem Gefühlsüberschwang der Empfindsamkeit waren
die sittlichen Ideale des Individualismus vielfach verblaßt,
und war zugleich eine Schwächung der Willensfunktionen ein⸗
getreten!. Unter diesen Vorgängen gestaltete sich vor allem
eine Fundamentalerscheinung aller Sittlichkeit, ja in Zeiten
hoher Kultur und freier Persönlichkeit vielleicht die Grund—
erscheinung überhaupt, das Verhältnis der beiden Geschlechter
zueinander, wesentlich um. Auf der einen Seite gewann die
Liebe eine Glut, von der man bisher, wenigstens bewußt, nie⸗
mals ergriffen worden war. Aber neben der sinnlichen Seite
der Liebe entwickelte sich eine nicht weniger merkwürdige

S. oben S. 232 ff.
        <pb n="291" />
        280 Zweiundzwanzigstes Buch.
idealische; die Zeitgenossen gebrauchten dafür den Ausdruck
Seelenliebe. Nichts zeigt diese merkwürdige Mischung viel⸗
leicht besser, als der Briefwechsel Herders mit seiner Braut,
Karoline Flachsland. Da schreibt ihm Karoline: „du du,
mein Herder, wirst mir Leben und Seligkeit und Himmel und
neue große Seele geben — aber ich dir nichts — als gute,
treue, ganze Liebe.“ — „Ich warf mich endlich ins Bett —
es war die schönste, hellste Mondnacht — und schrie laut in
den Himmel und Mond hinein — um dich, mein Geliebtester,
mein Engel, um dich, der du so ganz, so innig, so tief in
meinem Herzen bist.“ Und Herder ruft aus: „Das unschuldigste,
beste, zarteste, von der Natur zu allem Edlen und Glücklichen
geschaffene Herz würdigt mich', mich zu lieben; o Gott, was
in der Welt kann mich mehr, mehr über mich erheben als
dies?“ Es war eine Mischung, die in dem pathetisch⸗sentimen⸗
talen Wesen der Zeit unmittelbar begründet lag, bald aber
in der stärker aufgeregten Sinnlichkeit oder auch in dem zu⸗
nehmenden Egoismus des stärkeren Geschlechtes bedenkliche
Schwächen zeigte. Gleim hatte der Karschin auf allerlei Ver—
suche der „Anbetung“ noch geschrieben: „Zuweilen, ich gesteh
es, meine liebste Freundin, scheinen Sie mir allzu zärtlich, und
da erforderte meine Schuldigkeit, unsere platonische Freund⸗
schaft in ihren Grenzen zu halten.“ Und schließlich hatte er
sich sogar einmal zu der Bemerkung emporgerafft: „Von meiner
platonischen Liebe zu Ihnen, Madame, haben Sie tausend Be—
weise; zu dieser, zwischen Personen beiderlei Geschlechtes, ge—
hören Küsse nicht.“ Allein Gleim wurde in diesen Dingen
bald altmodisch; die Männer wurden begehrlicher oder, was
fast noch schlimmer war, sie schienen auch in wahrer Liebe
nicht völlig aufzugehen. Zart empfindende Frauen fühlten
sich darum leicht unbefriedigt; und auch da, wo sie Liebe nicht
mit Sinnlichkeit verwechselt sahen, blieb ihnen doch das Gefühl,
daß der Mann der sentimentalen Zerflossenheit gerade auf
diesem Gebiete nicht alle erwarteten Opfer bringe. So schreibt
Karoline von Dachröden an Charlotte von Lengefeld, die
spätere Frau Wilhelm von Humboldts an die spätere Frau
        <pb n="292" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 281
Schillers: „O Lotte, ich fürchte, du umfassest ein Ideal, das
du nie besessen hast. Die Männer, selbst die besten, können
nicht lieben wie wir, ihre Seele kann nicht ruhen in einem
Gegenstand, nicht sich verlieren in Liebe; sie fühlen noch ihr
Wesen, während wir es vergessen haben.“

So ist die Liebe dieser Zeit zumeist nicht glücklich; Misch—
gefühle überwiegen, und nicht selten erfährt das Verhältnis
Liebender jähen Umschwung. Ist dabei die läßlich-frivole
Auffassung freierer Verhältnisse, wie sie namentlich der Aus⸗
gang des Individualismus erlebt hatte, immer mehr aus—
geschlossen, so gewinnen um so mehr Unstätheit, Unbehagen und
Selbstpeinigung die Überhand: und Liebesangelegenheiten, die
nicht, unter Verzicht auf manche Überspanntheit, in der Ehe
dennoch ihren günstigen Abschluß fanden, pflegten nur zu leicht
zu verlaufen, wie die in mancher Hinsicht typische Werthers.

Dagegen ließ das freie und selbständiger gewordene Ver—
hältnis beider Geschlechter zueinander eine Art einfacher und
wahrer Freundschaft zu, die frühere Zeiten kaum oder nur
als Ausnahme gekannt hatten; und schon war der ideale Ge—
halt des Lebens in der allgemeinen Würdigung hoch genug
gestiegen, um solche Freundschaften ohne starke Schlagschatten
eines sinnlichen Hintergrundes zu ermöglichen. Wie vieler
Freundschaften junger Mädchen hat sich Goethe neben seinen
Liebschaften rühmen dürfen! Und wie verhältnismäßig leicht
ließen sich Mädchen über die Herzensgeheimnisse ihrer Liebe
gegenüber treuen Freunden aus! Es entsprach der Empfindung
der Zeit, wenn die Ansicht geäußert wurde, eines Freundes
bedürfe der Mann nur für die Angelegenheiten des Kopfes,
für die des Herzens dagegen der Freundin.

Freilich: auch die Freundschaft unter Männern wurde
begeistert gepflegt; wir haben davon schon früher in anderem
Zusammenhange vernommen!. Und mehr! Man war über—
haupt weit davon entfernt, die Gefühle der Freundschaft nur
auf den engsten Kreis der Umgebung eingeschlossen zu denken.

So oben S. 260f.
        <pb n="293" />
        282

Zweiundzwanzigstes Buch.
Auch das ahnen wir schon aus den allgemeinen Zusammen—
hängen: Freundschaft hieß dem Zeitalter der Eros Platons,
engster geistiger Zusammenhalt Gleichgesinnter und gefühl⸗
vollstes gegenseitiges Verständnis. So kann Herder in der
Vorrede zu den Ideen zur Geschichte der Menschheit hoffen,
mit allen, die mit ihm empfinden und denken, durch sein Buch
in engste geistige Beziehung zu treten: der Verfasser „rechnet —
denn was in der Welt hätte es sonst für Reiz, Autor zu
werden und die Angelegenheiten seiner Brust einer wilden
Menge mitzuteilen? — er rechnet auf einige, vielleicht wenige
gleichgestimmte Seelen, denen im Labyrinth ihrer Jahre diese
oder ähnliche Ideen wichtig wurden. Mit ihnen bespricht er
sich unsichtbar und teilt ihnen seine Empfindungen mit, wie
er, wenn sie weiter vorgedrungen sind, ihre besseren Gedanken
und Belehrungen erwartet. Dies unsichtbare Kommerzium der
Geister und Herzen ist die einzige und größte Wohltat der
Buchdruckerei, die sonst den schriftstellerischen Nationen ebenso
viel Schaden als Nutzen gebracht hätte.“

Ja selbst damit noch nicht genug. Wie der platonische
Eros der Weltschöpfer war, so erscheint dem neuen Zeitalter
die „Schwärmerei“, die Summe der der Freundschaft zugrunde
liegenden Gefühle, als die Realität aller Realitkäten. Wenn
der Schwärmer seine Empfindung in warme, dunkle, verflochtene
Sprache hüllt, so hat er daran Wahrheit und bildet in sich
die Urbilder der Dinge, die Ideen nach; weichen aber die
schwärmerisch in ihrer Fülle erfaßten Gegenstände hinweg, geht
der Dunst der schöpferischen Abstraktion verloren, so stirbt die
Wahrheit und entsteht die Lüge.

Mußte unter diesen Umständen nicht die Freundschaft, als
der wärmste Ausdruck der Empfindsamkeit, das eigentliche
Band und das Ziel der Welt, mindestens der Menschenwelt
sein? In der Tat: „Geselligkeit, Freundschaft, wirksame Teil—
nahme sind fast der Hauptzweck, worauf die Humanität in
— DDDDDDD

Herder, Ideen V Kap. 6.
        <pb n="294" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 283
aus dem Begriffe der Freundschaft heraus wird, wie die Liebe
zum Vaterlande, so vor allem und frühesten die Empfindung
eines weitherzigen Kosmopolitismus gewonnen, der über die
Grenzen des europäischen Weltbürgertums hinaus auch den
Neger als Bruder schätzt.

Gewiß war auch schon im Mittelalter ein gewisser Kosmo⸗
politismus gepflegt worden; war die stoische Idee von der
Einheit des Menschengeschlechtes verloren gegangen, so glaubte
man doch an eine generelle, wenn auch nicht eben psycho⸗
logische Einheit der Menschheit. Der Rationalismus als
vollendetste Denkform des individualistischen Zeitalters hat
dann diese Auffassung vertieft. Seine ungeschichtliche Be—
trachtungsweise ließ ihn menschliches Handeln und Empfinden
zu allen Zeiten und in allen Räumen als gleichmäßig ansehen:
woraus sich notwendig auch eine grundsätzlich gleichartige seelische
Konstruktion der Menschenwelt ergab. Es war die Unterlage,
auf der dann die Literatur der Reisebeschreibungen, Missions⸗
berichte und Abenteurerromane die Idee von der menschlichen
Einheit in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts weitesten
Kreisen nahe brachte, während sie gleichzeitig in Leibnizens
Lehren eine neue philosophische Vertiefung erhielt.

Dies war die Vorarbeit zur Entwicklung eines all—
gemeinen Kosmopolitismus, die das neue Zeitalter des
Subjektivismus übernahm, und deren Begriffssystem es nun⸗—
mehr mit innigstem Gefühle erfüllte. Auf diesem Wege ent⸗
faltete sich aus dem aufklärerischen Bewußtsein der Einheit
dessen Empfindung: das hohe Gefühl der Humanität wurde
lebendig. Freilich: zerfielen nicht eben diese Gefühle wiederum
in verschiedene Klassen? Mitleidsvoll blickte man auf die
„Skizzen unserer Gattung“, auf Amerikaner, Asiaten und Neger
herab. Bewundernd aber und reich an Demut schaute man
anderseits auch zu den Zeiten zurück und empor, von denen
man glaubte, daß sich in ihnen die Kräfte der Menschheit am
herrlichsten ausgewirkt hätten. Es waren die Tage des
höchsten Griechentums. Da war der „schöne Mensch“ zur
Wirklichkeit geworden. Da ward der Traum des Lebens am
        <pb n="295" />
        284

Sweiundzwanzigstes Buch.
wunderbarsten geträumt. Da offenbarte sich sichtbarlich der
Alldämon der Geschichte. Da war noch nicht Staat und Kirche
auseinandergerissen, da waren Gesetz und Sitte noch eins;
und in sich innerlich ebenmäßig erschienen Mittel und Zweck,
Anstrengung und Belohnung, Genuß und Arbeit: denn die
Menschen dieser Zeiten waren vollendete Kunstwerke der
Schöpfung.

Diese Zeiten wieder zu erreichen oder sich ihnen wieder
zu nähern — den Augenblick zu erfassen und zu erleben, da
die „innere lebendige Notwendigkeit walten“ wuürde über alles,
was Mensch heißt — die Welt des Geschehenden zu erleben als
einen vollkommenen Ausdruck der Gesetze des göttlichen Uni⸗
versums — die Mär der Weltgeschichte enden zu sehen in der
Verbrüderung aller: das war ein höchster Traum dieser Zeiten,
der mit mildem Glanze Goethes Iphigenie wie Lessings Nathan
wie die Schriften Herders durchleuchtet.

Es ist, wie im Grunde die ganze sittliche Haltung der
Empfindsamkeit, ein Zustand des Gemüts und Strebens, der
schließlich nur zu leicht aus allem Konkreten hinaus ins Wesen⸗
lose, schemenhaft Unfaßliche führen und damit in Selbst⸗
vernichtung enden kann. Dies sind die Gefühle einer patho⸗
logischen Entwicklung, die Goethe in der Schilderung des
jungen Werthers zum Ausdruck gebracht hat. Und meisterhaft
hat Schiller diesen Zusammenhang in der Charakteristik Werthers
dargelegt: „Ein Charakter, welcher mit glühender Empfindung
ein Ideal umfaßt und die Wirklichkeit flieht, um nach einem
wesenlosen Unendlichen zu ringen, der, was er in sich selbst
unaufhörlich zerstört, unaufhörlich außer sich sucht, dem nur
seine Träume das Reelle, seine Erfahrungen ewig nur
Schranken sind, der endlich in seinem eigenen Dasein ewig
nur Schranken sieht und auch diese noch einreißt, um zu der
wahren Wirklichkeit durchzudringen, dieses gefährliche Extrem

des sentimentalischen Charakters ist der Stoff eines Dichters
geworden, in welchem die Natur getreuer und reiner, als in
irgend einem anderen, wirkt. Mit glücklichem Instinkt ist alles,
was dem sentimentalischen Charakter Nahrung gibt, im Werther
        <pb n="296" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 285
zusammengedrängt: schwärmerische unglückliche Liebe, Empfind⸗—
samkeit für Natur, Religionsgefühle, philosophischer Kontem—
plationsgeist und endlich die düstere, gestaltlose, schwermütige
Ossianische Welt.“

Es ist richtig, daß dieser pathologische Verlauf keineswegs
stets vollendet wurde und überhaupt nicht die Regel bildete:
die Nation wäre sonst seelisch zugrunde gegangen. Aber so
ganz selten war er nicht; und der folgende Sturm und Drang
trug einstweilen keineswegs dazu bei, ihn auszuschließen. Noch
immer galt als Losung das Wort Rousseaus: 8Si c'est la
raison qui fait l'homme, e'est le sentiment qui le conduit;
noch Schiller hat dies Wort seinen Briefen über ästhetische Er—
ziehung als Motto vorgesetzt.

Gleichwohl ist die nächste Wirkung der sittlichen Gärung
auf die bestehenden Einrichtungen der Sitte und des Rechts
ziemlich begrenzt gewesen. Es waren eben nicht die kirchlich
und staatlich führenden Kreise, die ihr an erster Stelle unter—
lagen, und so wurde das obere, öffentliche Niveau der sitt—
lichen Institutionen von ihr zunächst nicht unmittelbar getroffen.
Gewiß zeigte sich auch hier ein gewisser Einfluß. In Staat
und Kirche unterlag weniger der Aufbau der Verfassung als
die Handlungsweise der vollziehenden Kräfte einer deutlichen
Abwandlung: so beginnen z. B. allmählich die öffentlichen
Kirchenbußen wegzufallen, zuerst in den größeren Städten,
dann in den Landstädten und auf dem platten Lande; auf
staatlicher Seite aber kommt die Todesstrafe für Diebstahl,
Betrug, Meineid, Ehebruch, im Anfang des 18. Jahrhunderts
noch ziemlich allgemein, seit Mitte desselben im allgemeinen
außer Gebrauch; und auch die Tortur wird abgeschafft: in
Preußen 1754, in Baden 1767, in Mecklenburg 1769, in
Kursachsen 1770, in sterreich 1776; in Pfalzbayern wird sie
1779 wenigstens auf das Notwendigste eingeschränkt, doch sollen
die „abgängigen“ Folterwerkzeuge noch überall ersetzt werden.

Auch auf die freieren Formen menschlicher Gemeinschaft
hat die Gärung der neuen Zeit wohl eingewirkt. Da wird
jetzt der Begriff der Nation seit langer Zeit zum erstenmal
        <pb n="297" />
        286

Zweiundzwanzigstes Buch.
wieder stärker betont, wenn auch zunächst nur für das Ver—
ständnis der höchsten, geistigen Interessen; und mit Stolz be—
ginnt man wieder von den letzten großen Zeiten Deutschlands
zu sprechen, von deutscher Art und Kunst im 14. und 15. Jahr⸗
hundert, von der Blüte des spätmittelalterlichen Volksliedes,
von der Reformation Luthers und Zwinglis. Aber es waren
nur Anfänge; Goethe hat von der Literatur dieser und noch
späterer Zeiten mit Recht sagen können, ihr Gehalt sei noch
kein „nationeller“; und wir werden später zu hören haben!,
wie langsam, wenn auch immerhin schon seit etwa den sech⸗
ziger Jahren des 18. Jahrhunderts, ein neues zugleich poli—
tisches und nationales Interesse erwachte. Noch schwächer aber
waren die Einwirkungen innerhalb der Nation auf die Gesell—
schaft. Woher hätten sie auch kommen und wohin sich er—
strecken sollen? Absolutismus und Aufklärung des individua—
listischen Zeitalters hatten jeden frischen Drang, jede keimhafte
Regung zu sozialen Fort- und Neubildungen erstickt. So war
es genug, wenn die Bewegung wenigstens eine allgemeine
Milderung der Sitten nach sich zog: Reste früherer Zeiten,
die man jetzt als „Bestialität“ bezeichnete: Rauferei bei jeder
Gelegenheit, mehr als derber Spaß, auch Trunksucht und manch
anderer Unflat verschwand oder unterlag wenigstens der Ab—
nahme.

War so der Einfluß auf die höheren sittlichen Momente
des Lebens gering, weil die Beziehung zu ihnen vielfach
mangelte, so wirkte die neue Zeit mit doppelt gewaltiger
Kraft auf die Urzelle alles menschlich-gemeinsamen sittlichen
und staatlichen Lebens, auf die Familie.

Bis zu welchem Grade haͤtte sich doch, vornehmlich im
Beginne des individualistischen Zeitalters, die Familie von der
Gebundenheit losgelöst, die sie im Mittelalter gekennzeichnet
hatte?: frei war sie geworden von wichtigen, bis dahin noch
bewahrten Einspruchs- und Einwirkungsrechten des Geschlechtes,

Im neunten Bande, Buch XXIII.
Vgl. dazu Bd. VI S. 5662.
        <pb n="298" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 287
aus dem sie einst in Urzeiten hervorgegangen war, frei auch
von der engen genossenschaftlichen Auffassung, die noch im
späteren Mittelalter alle sozialen Bildungen in der Nation, von
der Markgenossenschaft bis hinauf zum Ritterbunde, beherrscht
hatte. Man darf sagen: es waren die Geburtszeiten der
modernen Familie gewesen, vornehmlich innerhalb des sozial
führenden Standes, des Bürgertums.

Aber wie viel fehlte damals gleichwohl noch, daß das
Familienleben der Gegenwart, ja auch nur der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts völlig gewonnen war. Selbst die rechtliche
Struktur der Familie wich von der heutigen noch stark ab;
es fehlte die Subjektivierung des Familienvermögens in dem
Sinne, daß es, statt bei der Familie als Ganzem im Sinne
einer starren Einheit zur Disposition des Vaters zu bleiben, in
mehr oder minder freie Zweckvermögen im Sinne einer sub⸗
sektiven Lebensgrundlage einzelner Familienmitglieder differen⸗
ziert wurde; es fehlte überhaupt das vertragsmäßige, konsti⸗
tutionelle Element in der rechtlichen Konstruktion der Familie,
und im ganzen herrschte noch ein hausväterlicher Absolutismus.

Unter diesen Umständen war in dieser Frühzeit wie noch
bis tief ins 18. Jahrhundert hinein schon das Zustandekommen
einer neuen Familie in keiner Weise ein so freier Akt der
Nächstbeteiligten, wie dies heute der Fall ist. Wie weit war
man da doch noch entfernt von der Verwirklichung selbst des
humanen Rates Luthers: „es soll ja der Sohn seinen Eltern
ohne ihren Willen keine Tochter bringen; aber der Vater soll
auch dem Sohne kein Weib zuzwingen.“ Liebesheiraten sind
auch in den sogenannten besseren Kreisen noch immer nicht
sehr häufig; eine Heirat will, unter Hinzuziehung von geschäft—
lichen Vermittlern, wohl erwogen sein. Und so werden nament⸗
lich die Fragen der Ausstattung und Mitgift auch nach der
Verlobung noch von beiden beteiligten Familienparteien, meist
sogar unter Hinzuziehung von Freunden, eingehend und diplo—
matisch erörtert.

Der förmlichen Entstehung der Ehe entsprach deun auch
der förmliche Verlauf, wie er vielleicht nur durch einen innigen
        <pb n="299" />
        288

Zweiundzwanzigstes Buch.
Ton der alten Frömmigkeit des 16. Jahrhunderts gemildert
wurde, der sich vielfach noch tief bis ins 18. Jahrhundert
hinein erhalten hat. Der Vater führte ein patriarchalisches
Hausregiment, und der ihm gebührende Gehorsam äußerte sich
noch in festen Formen: „Herr Vater“ ist noch die herzlichste An—
rede; Georg Friedrich Behaim aber redet noch 1635 seinen Vater
brieflich folgendermaßen an!: „Edler, Ehrenwerter, Fürsichtig-,
Hoch- und Wohlweiser, demselben kindliche Lieb treu vnd ge—
horsamb neben frl. Salutation mit wünschung aller zeitlichen
vnd ewigen wolfarth zuvor, Insonderß Hochgeehrter Herr
Vatter.“ So ist auch die Stellung der Mutter gegenüber den
Kindern, soweit sie durch den Vater bestimmt wird, eine sehr
autoritäre, er spricht von ihr dem Kind gegenüber von „Deiner
Frau Mutter“.

Das hält nun freilich die Mutter nicht ab, sich im all—
gemeinen mit den Kindern gegenüber dem Vater mehr solida—
risch zu fühlen, wie das typisch noch in der Ehe des kaiser⸗
lichen Rates Goethe hervortritt. Der Grund ist einfach: gegen⸗
über dem Gatten spielt auch die Gattin eine untergeordnete
Rolle. Denn mochte sie selbst rechtlich besser gestellt sein als
im Mittelalter, immer war sie im Grunde daheim doch nur
die Dienerin des Mannes, und außerhalb des Hauses erschien
sie kaum ohne dessen Begleitung. Dazu war das Heim keines—
wegs häufig geistig belebt; so sehr es noch Pflanz⸗— und
Traditionsstätte von deutschem Gemüt und damit Humor und
unbewußt nationalem Empfinden war, so entschieden fehlte
doch eine höhere Bildung: abgesehen von den wenigen Mädchen,
die von ihren gelehrten Vätern zu Neulateinerinnen erzogen
wurden, sorgten nur die Mütter auf dem Wege dürftiger
geistiger Inzucht für die Bildung ihrer Töchter. Der Verkehr
nach außen hin aber galt weder als fein noch war er einiger⸗
maßen frei; er begrenzte sich auf gesellige Zusammenkunfte im
weiteren Kreise der Familie oder der Freundschaft; dafür galten
steife Formen von Urväter Zeiten her, und wo diese nicht be—

Steinhausen, Gesch. d. deutschen Briefes 2, 62.
        <pb n="300" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 289
achtet wurden, da erschien die Gesellschaft von den üblen Trink—
sitten der Männer beherrscht und Frauen im Grunde nur dann
zugänglich, wenn sie an der Unmäßigkeit der Männer teil—⸗
—
es für die Frauen nur selten; weder Bälle noch Maskeraden noch
Konzerte waren als Arten wenigstens bürgerlicher Geselligkeit
schon weiter bekannt, und nur die „Geschlechtertänze“ der
süddeutschen Patrizier bildeten Vorläufer dieser späteren ge—
selligen Formen. Die Männer freilich verkehrten außer Hauses;
sie besuchten ihre Zunft- und Gesellschaftshäuser, ihre Kaffee—
und Bierstuben, zechten, spielten und schwatzten.

Unter diesen Umständen war auch die Erziehung der
Kinder noch hart. Schläge waren wenigstens in bürgerlichen
Kreisen noch allgemein als vft angewandtes Erziehungsmittel
verbreitet, und an Stelle fester Erziehungsgrundsätze war
impulsives Handeln nach Lust und Laune gewöhnlich. Damit
ging Hand in Hand, daß man die Kinder, statt sie ihrem Alter
gemäß zu kleiden, schon steif als Damen und kleine Herren
anzog: Puder, kostbare Kleider und Galanteriedegen; galante
Geberden, an sich haltende Repräsentation, studierte Anmut
des Menuettes. Waren sie aber erwachsen, so sorgte eine
niemandem verantwortliche väterliche Gewalt dennoch dafür,
daß selbst in Berufswahl und Verheiratung ihre Zukunft nach
elterlicher Ansicht gesichert werde.

Diesem Bilde der Familie des ausgehenden individua—
listischen Zeitalters stellt sich nun, in Anfängen schon seit der
wirtschaftlichen, sozialen und Bildungsumwälzung der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts, deutlich und charakteristisch aber
seit Empfindsamkeit und Sturm und Drang ein ganz anderes
Bild siegreich entgegen. Die Verkehrsformen zwischen Vater
und Kindern werden weicher; die Frau erscheint als Mitherrin
des Hauses und als des Mannes Genossin. Zwar reden die
Kinder die Eltern noch immer mit Sie an und sprechen vom
Herrn Vater und der Frau Mutter; aber schon Lessing empfindet
das doch als Zwang: er schreibt zwar als der „gehorsamste
Sohn“ an den „hochzuehrenden Herrn Vater“, aber später, in

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 13
        <pb n="301" />
        2908

Zweiundzwanzigstes Buch.
der Dramaturgie, hat er gemeint, Frau Mutter sei Honig
mit Zitronensaft, der herbe Titel ziehe das ganze, der Emp⸗
findung sich öffnende Herz wieder zusammen. So wird denn
auch die Kindererziehung eine andere. Schon die Wolffsche
Philosophie und die moralischen Wochenschriften predigen in
mmer wiederholten Erörterungen humanere Grundsätze, und
die weite Verbreitung von Lockes Ansichten über Erziehung zeigt,
daß sie beherzigt wurden. Es kam dahin, daß das Befehls⸗
wort des Vaters wenigstens gegenüber erwachsenen Kindern
einiges vom Charakter des guten Rates annahm, und die
Söhne des Hauses genossen als Jünglinge wenigstens außer⸗
halb des Hauses einer bis dahin unerhörten Freiheit.

Im ganzen wurde damit die objektive Bindung in den
Familien viel geringer, während die Entwicklung der gegen⸗
seitigen innigen Beziehungen der Verwandten außerordentlich
zunahm. Der Vater näherte sich der Stellung eines schieds⸗
richterlichen Organs im Falle von Zwist und eines mehr
konstitutionellen als absoluten Herrschers, und Eltern und
Kinder erschienen, abgesehen von dem natürlichen Nexus, vor⸗
nehmlich durch den rationellen Gebrauch des Familienvermögens,
gegenseitige Annäherung der persönlichen Eigenschaften in inten⸗
siver Erziehung und gesellige Mitteilung umfassenderen Ge—
dankenvorrates verbunden. So blieb die Familie vom recht⸗
lichen Standpunkte aus als gebundene Lebensform im Grunde
auf die natürliche Fortpflanzung und Erziehung sowie auf
Gesetz und Vererbung des Familienvermögens beschränkt, wo—
bei aber die vermögensrechtlichen Verpflichtungen auch schon
vielfacher Lockerung im Sinne der Verselbständigung des
persönlichen Willens unterlagen. Im ganzen hatte damit jedes
Glied der Familie einen selbständigen persönlichen Wert er—
halten, und das Familienhaupt begann nichts mehr zu sein als
vornehmstes Glied des Ganzen. Der Differenzierung der persön—
lichen Eigenart aber nach Stellung und Beruf stand für die
aus der Familie selbständig Austretenden keinerlei Familien—
recht und keinerlei Sitte der Familie mehr entgegen.

Es waren Wandlungen schließlich tiefster Art, die auch
        <pb n="302" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 291
vor dem minder selbständigen Teile der Familienmitglieder,
den Frauen, nicht Halt machten. Langsam schon seit der
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann für sie eine erste
Emanzipation, und gegen das Ende des Jahrhunderts war
es klar: „Ein gewisses Aufstreben der Weiber, eine Un—
zufriedenheit derselben mit ihrer politischen Lage gehört unter
die Eigenheiten unseres Zeitalters.“ Zunächst machte sich
eine gewisse Tatkraft hervorragender Frauen überhaupt bemerk—⸗
lich und wuchs während mehrerer Menschenalter. Man braucht
da nicht gerade an die alte Erzellenz Henckel in Weimar zu
denken, die das Waldhorn blies und Eva abzuohrfeigen wünschte,
weil sie die Menschheit ums Paradies gebracht hätte: all—
gemein erwiesen sich die Frauen gegenüber den auflösenden
Mächten des ganzen Zeitalters verhältnismäßig widerstands—
fähig und erwuchsen dadurch zu selbständigerer Stellung: und
vor Anfang und am Ende dieser ersten Emanzipation stehen
so charakteristische fürstliche Frauen wie Liselotte von der Pfalz
und Maria Theresia.

Im einzelnen aber begann die Emanzipation zunächst auf
dem Gebiete der neuen Bildung. Da zum erstenmal erschien
eine besondere Frauenliteratur, deren Anfänge etwa durch die
Bibliothèque des Dames, das Eröffnete Kabinett des gelehrten
Frauenzimmers und andere Stücke gebildet wurden. Es war
zunächst noch eine auf den Adel und die bürgerlich-aristokra—
tischen Kreise der subjektivistischen Vorzeit berechnete Literatur.
Aber bald drang die neue Bildung in weitere Kreise der
Frauen, und in der Dichtung des neuen Zeitalters wurden
diese von vornherein als einheimisch betrachtet. War doch schon
die Wirkung Klopstocks auf Frauengemüter besonders stark;
sind doch Goethe und auch Schiller recht eigentlich durch Frauen
zu ihrer überragenden Größe herangebildet worden. Um die
Wende des Jahrhunderts aber stand es fest, daß die Frauen
zur Mitwirkung am geistigen Leben bedingungslos zuzulassen
seien; so hat namentlich die Romantik ihre Stellung gefaßt.

Fichte an Cotta, 27. April 1793; von Schäffle, Cotta S. 33.
19*
        <pb n="303" />
        292

Zweiundzwanzigstes Buch.
„Die Frauen müssen wohl prüde bleiben,“ heißt es im
Athenäum, „so lange Männer sentimental, dumm und schlecht
genug sind, ewige Unschuld und Mangel an Bildung von ihnen
zu fordern. Denn Unschuld ist das Einzige, was Bedeutungs⸗
losigkeit adeln kann.“ Und an anderer Stelle des Athenäums
findet sich schon die folgende Würdigung: „Die Frauen haben
durchaus keinen Sinn für die Kunst, wohl aber für die Poesie.
Sie haben keine Anlage zur Wissenschaft, wohl aber zur
Spekulation. An Spekulation, innerer Anschauung des Un—
endlichen fehlte es ihnen gar nicht, nur an Abstraktion, die sich
weit eher lernen läßt.“ Eine merkwürdige Ähnlichkeit des
Urteils verknüpft diese Stelle mit Beobachtungen, die man für
die deutsche Urzeit machen kann, da die Frauen zum großen
Teile noch Trägerinnen der geistigen Überlieferung der Nation
waren: wer wird in diesem Zusammenhange nicht an das
taciteische Aliquid sancti erinnert?

Freilich: die Lockerung der geschlossenen Familienbande
und die erste subjektivistische Emanzipation der Frauen, Ereig—
nisse von segensreichster Wirkung für die Fortbildung der Nation
hinein in ein neues Zeitalter, waren nicht frei von bedenklichen
Nebenerscheinungen.

Schon während des Dreißigjährigen Krieges und nach
ihm war unter der Decke einer rigorosen Sitte vielfach Sitten⸗
losigkeit eingerissen. Ein Geschlecht, das die schmutzigen Romane
Talanders und seinesgleichen las und die Schlüpfrigkeiten der
zweiten schlesischen Dichterschule gierig verschlang, muß innerlich
Mangel an wahrer Moral gelitten haben. Und in der bürger⸗
lich-aristokratischen Kultur, die sich nunmehr einstellte, begann
sich sehr bald eine Atmosphäre offener Frivolität zu entwickeln:
nichts charakteristischer, als daß von Rohr in seiner Zeremonial⸗
wissenschaft (1730) schon von dem Uberhandnehmen der „Ge—
wissensehen“ sprechen kann. Und wirkte um diese Zeit nicht
auch die steigende Mätressenwirtschaft der Fürsten auf Bildung
und Bürgertum ein?

Auf diesem Grunde erwuchs in der Zeit entfesselter neuer
Regungen des Seelenlebens, vornehmlich seit den sechziger
        <pb n="304" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 293
und siebziger Jahren, eben in den führenden Schichten eine
Freiheit in der praktischen Auffassung der Ehe, die zu den
bedenklichsten Erscheinungen führte. „Seelenfreundschaften“
und verwandte Verhältnisse nehmen zu; die Pasquille der Zeit,
wie übertreibend auch immer, ergeben für die größeren Städte
ein trübes Bild; in Weimar gab es nach dem Ausspruche
Jean Pauls, der 1796 dort weilte, keine Ehen mehr; in Jena
uͤnd Berlin wurden die Grundsätze der Schlegelschen Gemeinde
in die Praxis umgesetzt; am ersteren Orte lebte Dorothea Veit,
nach der Scheidung von ihrem Manne, mit Friedrich Schlegel
in einem „Bunde freier Liebe“.

So traten auf diesem Gebiete neben allem Förderlichen
doch auch Anzeichen innerster Unfertigkeit zutage; und wohl
erst die Romantik hat die neue Ehe als ein Problem begriffen.
Und wie radikal suchte sie noch die Lösung! „Fast alle Ehen
sind nur Konkubinate, Ehen an der linken Hand, oder viel—
mehr provisorische Versuche und entfernte Annäherungen zu
einer wirklichen Ehe, deren eigentlichstes Wesen nicht nach den
Paradoxen dieses oder jenes Systems, sondern nach allen geist⸗
lichen und weltlichen Rechten darin besteht, daß mehrere Per—
sonen nur eine werden sollen ... Wenn aber der Staat gar
die mißglückten Eheversuche mit Gewalt zusammenhalten will,
so hindert er dadurch die Möglichkeit der Ehe selbst, die durch
neue vielleicht glücklichere Versuche befördert werden könnte“:.

Und man kann sagen, daß, wie auf dem Gebiete der
Familie und Ehe, so überhaupt im Bereiche der sozialpsychischen
Kräfte der Frühzeit des Subjektivismus bis hinein ins 19. Jahr—
hundert praktische sittliche Synthesen nicht völlig gelangen. Man
ging wohl im Verkehr beider Geschlechter zum Natürlicheren
uͤber, die Umgangsformen wurden freier, der Gesprächsstoff
reicher und mannigfaltiger. Und auch die Geselligkeit nur der
Männer vervielfachte und verfeinerte sich. Im Kaffeehaus
sprach man nicht mehr bloß über Mein und Dein, Schöngeister
und Gelehrte sahen sich zu bestimmten Stunden in den Buch—

Athenäum J, 2 S. 11.
        <pb n="305" />
        294

Zweiundzwanzigstes Buch.
läden, um Neuigkeiten des Buchhandels gemeinsam zu genießen,
literarische Gesellschaftsgruppen lokaler und regionaler Art ent—
standen um Gottsched, Gellert, Gleim und andere. Für beide
Geschlechter aber bildeten Konzert und Theater „magische Be—
rührungs- und Indifferenzpunkte“, und über sie hinaus gingen
noch die ständigen Wirkungen feingeistiger Höfez, insbesondere
des Hofes von Weimar. Aber gleichwohl: volle und aus—
geglichene Formen einer geistigen Gesellschaft, in der sich starre
wirtschaftliche und soziale Gegensätze, gelöst und geeint hätten,
waren noch nicht vorhanden.

Wie hätten da die noch festeren Verbände menschlicher
Gemeinschaft, Ständebildung und Staat, schon von dem neuen
Geiste praktische Umgestaltung erfahren sollen? Soziale Pro—
—DDDV
Angriff genommen; an soziale Verpflichtungen gegenüber den
niederen Klassen als solchen dachte man nicht; nur von der
christlichen Charitas erwartete man Förderung. Und auch dem
Staate nahte man keineswegs mit grundsätzlichen Tendenzen,
in denen sich etwa das neue Seelenleben schon ausgesprochen
hätte. Zwar forderten die milderen Sitten da und dort eine
Reform, so namentlich in der Rechtspflege; der Gedanke einer
mündigen Beteiligung der Staatsbürger dagegen am Staate,
der Mut gar zu Verfassungsänderungen kam trotz gelegent—
licher republikanischer Gebärden niemand!.

Praktisch kam für die Auswirkung des neuen Seelenlebens
innerhalb der sittlichen und Rechtssphäre einstweilen vornehmlich,
ja fast ausschließlich das Individuum in Betracht. Und da
ging die Entwicklung denn freilich, zumal die Fortbildung der
Einzelpersonen in ein neues Seelenleben hinein unverkennbar
war, mit wachsender Energie und unter starken Ergebnissen
vor sich.

Allerdings ein erster Versuch, der noch den Zeiten der Emp⸗
findsamkeit und des Sturmes und Dranges angehörte, mußte
auch hier scheitern. Jeder Zeit fast des Uberganges von einem

über diese Fragen wird in Bd. IX genauer gehandelt werden.
        <pb n="306" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 295
Kulturzeitalter zum anderen ist die Furcht eigen, daß, bei der
zunehmenden Freiheit der Individuen, die Kultur in bloße
Einzelbestrebungen und Egoismen auseinander fallen könne.
Und demgegenüber pflegt eine solche Zeit emphatisch an den
Busen der Natur zu flüchten. Das bedeutet an sich schon das
Aufsuchen eines Urzustandes. Indem aber in solchen Jahren
zugleich auch noch Reaktionsgefühle gegenüber den absterbenden
und verknöcherten Erscheinungen des vorhergehenden Kultur⸗
zeitalters sich geltend machen, die man durch ein Zurückgreifen
auf frühere, angeblich bessere und natürlichere Zustände glaubt
uiberwinden zu können, wird dieser Zug nach dem Wieder—⸗
aufleben eines goldenen Zeitalters, eines früheren Zustandes
des Glückes und der Unschuld noch verstärkt.

Es sind seelische Regungen, die auch den Übergang
bom Individualismus zum Subjektivismus kennzeichnen. Am
frühesten äußern sie sich auf deutschem Boden wohl in jenen
Robinsonaden seit dem Simplizissimus, in denen gefühlvolle
Seeleute und Weltumsegler Inseln von paradiesischer Unschuld
und Länder glückseligen Urmenschentums finden und auf ihnen,
reich an Entbehrungen, reicher an Überschwang der Gefühle
fortleben. Dann bietet Haller in seinen Alpen einen innigeren
Ausdruck des Sehnens heraus aus sozialer Enge und aus
konventionellen Sitten und Kulturformen nach ländlicher Un—⸗
schuld, persönlicher Gleichheit und Ungebundenheit und dem
Glück eines weltabgeschiedenen Daseins. Noch konkreter hat
diese Sehnsucht darauf Rousseau befriedigt. Ein hypochondrischer
Gefühlsmensch, suchte er fruh in Wald und Einsamkeit das
Bild der Urzeit: da schien ihm wohl, wie später im Walde
von St. Germain, nichts außer den Bedürfnissen solcher Zeiten
zum glücklichen Leben notwendig: eine Kuh, ein Schwein, ein
Gemuͤse- und Obstgarten werden zur Nahrung hinreichen.
Aber es war nur die eine Seite des Schwärmertums in
Rousseau. Nicht in die Urzeit wollte er, im Tiefsten betrachtet,
zurück, sondern vorwärts, hinein in ein „Ideal des Gemütes“,
wie es Kant ausgedrückt hat: in eine höhere, reinere Kultur,
in eine vollendetere Sittlichkeit. Es ist eine Richtung des
        <pb n="307" />
        296

Zweiundzwanzigstes Buch.
Strebens, die sich über Wagner, Ibsen, Nietzsche, um nur
die größten späteren Vertreter dieser Anschauungen zu nennen,
fortsetzt bis auf den heutigen Tag: notwendig fast scheint sie
zu sein für Zeiten des Subjektivismus.

Das Prophetentum Rousseaus ist auch in Deutschland
gescheitert, trotz aller gewaltigen Einwirkung und alles Enthu—
siasmus in den sechziger bis achtziger Jahren des 18. Jahr—
hunderts. Der Grund hierfür liegt nicht bloß in der Über—
spanntheit der Ziele und auch nicht bloß in dem Besonderen
der Persönlichkeit ihres Verkundigers. Gewiß war Rousseau
eine pathologische Natur und darum zwiespaltig: angeekelt
von dem verderblichen Raffinement einer richtungslos ge—
wordenen Kultur und doch wieder mit allen Phasen seines
Empfindungsdranges an sie gefesselt: hungrig nach Bauerntum
und satt doch nur im Dufte großstädtischen Parfüms und im
Bereiche lasziver Toiletten, ein Prophet guten Herzens und
doch so grausam, daß er seine Kinder ins Findelhaus gab.
Und sicherlich konnten andere sein spezielles Programm so
wenig durchführen, wie er dies selber vermocht hat. Wenn
er aber scheiterte, so lag der Grund tiefer. Was Rousseau
eigentlich suchte, war noch, rationalistisch gedacht, ein Paradies
des Intellektes und nicht des Willens; nicht den Willen sah
er als Kern und Zentrum der Persönlichkeit an; und darum
verfehlte er ein Ziel, das sich im tiefsten Grunde als eines
der Erziehung und damit der Willensbildung herausstellte.

Es war die Ursache, warum auch die Philanthropinisten
in Deutschland gescheitert sind. Der Begründer dieser Richtung,
Basedow (1724 - 1790), war, im übrigen stark von Rousseau
abhängig, noch mehr Intellektualist als dieser; nichts ist dafür
bezeichnender, als daß er, im Gegensatze zu aller ausgebildeten
ubjektivistischen Erziehungslehre, noch die Begriffsbildung und
nicht die Anschauung dem Unterrichte primär zugrunde legte.
Aber auch seine Nachfolger, die freilich nach dem Zerfall
des Philanthropins in Dessau (1772 51788) mit Ausnahme
etwa Campes, Salzmanns und von Rochows praktisch wenig
mehr zu bedeuten hatten, sind nicht genügend weit von der
        <pb n="308" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 297
Grundlage Rousseaus abgerückt, um zum erstenmal die Frage
der subjektivistischen Erziehung befriedigend zu lösen: nur
schwer entschlossen sie sich dazu, als Ziel nicht mehr die Rege—
lung des Verhältnisses der Individuen zu der bestehenden
Gesellschaft, sondern die Ausbildung der persönlichen Fähig—
keiten anzuerkennen.

Inzwischen aber waren auf deutschem Boden neue Kräfte
gezeitigt, die geeignet waren, das zunächst wichtigste aller
Probleme, die Erziehung des einzelnen, zu fördern. Je mehr
man Empfindsamkeit und Sturm und Drang überwand, um
so mehr begriff man, daß nur unter Anerkennung und neuer
Zusammenfassung der Willenskräfte in strenger Selbstzucht das
Ziel einer neuen Pädagogik erreicht werden könne:

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,

Befreit der Mensch sich, der sich überwindet. (Goethe.)
Die neuen sittlichen Bestrebungen, die damit einsetzten, er⸗
schienen aber alsbald zugleich im ästhetischen Gewande. Es
ist ein Zug, der von den Moralischen Vorlesungen Gellerts
bis zu Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des
Menschen und darüber hinaus bezeichnend ist: beginnt man
in der sittlichen Besserung des einzelnen zunächst das erhabenste,
ja einzige Ziel der Menschheit zu sehen, so macht man diesem
Ideal alsbald die stärkste geistige Strömung der Zeit, die
literarisch-ästhetische, dienstbar.

In diesem Zusammenhange aber erhält denn auch die
Erziehung allmählich einen besonderen Inhalt. Die Lehren
Wolffs und teilweise auch noch der Popularphilosophen von
der Notwendigkeit einer gemeinnützigen Tätigkeit, aus denen
man noch in den Zeiten der Empfindsamkeit gern Anschauungen
über die praktische Bestimmung des Menschen abgeleitet hatte,
verblassen allgemach; und an ihre Stelle tritt nicht der bloße
Naturdrang Rousseaus, sondern ein Streben nach einem geschicht⸗
lich geläuterten, historisch gleichsam stilisierten und idealisierten
Naturgemäßen, wie es die Anschauung des Altertums in dem
Begriffe der Humanität, den wir schon kennen, darbot. Es
ist jene überaus merkwürdige Verbindung von Nationalem und
        <pb n="309" />
        298

Zweiundzwanzigstes Buch.
Antikem, von Heidnischem und Christlichem, die von nun ab
die deutsche Erziehung in fast allen ihren Institutionen durch
beinahe ein Jahrhundert beherrscht hat; höchstens daß Kant
ihr den Begriff der aufs allgemeine gerichteten Pflichten noch
stärker beimischte.

Dies Ideal der Humanität mit seiner harmonischen Aus—
bildung der Gemüts- und Willenseigenschaften, des Geistes
und des Körpers war Rousseau noch ganz fern gewesen. Am
frühesten und vielleicht schönsten beschrieben hat es Herder.
Kaum aber war es einigermaßen klar bezeugt, so begann man
auch an seine praktische Durchführung zu denken: waren schon
die sechziger und siebziger Jahre von pädagogischem Drange
erfüllt gewesen, so hieß es jetzt nicht langsame Reform, sondern
schnelle Revolution, und Goethe hat später klagen können, daß
mindestens in einigen Staaten eine gewisse Übertreibung im
Unterrichtswesen eingetreten sei, deren Schädlichkeit schon früh
von tüchtigen, redlichen Vertretern anerkannt worden wäre:
„treffliche Männer leben in einer Art von Verzweiflung, daß
sie dasjenige, was sie amts- und vorschriftsmäßig überliefern
müssen, für unnütz und schädlich halten.“

Da sich aber im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahr—
hunderts langsam jene Differenzierung der drei Stufen von
Lehranstalten, die wir heute kennen: Elementarschule, Mittel⸗
schule, Hochschule, deutlicher einstellte, so tritt damit alsbald
die Frage auf, welche dieser Stufen vornehmlich Trägerin der
neuen Erziehungsmethode geworden ist.

Die Hochschule schied dabei von vornherein insofern aus,
als ihre Lehrziele immer mehr solche der intellektuellen, nicht
der moralischen und ästhetischen Erziehung wurden.

Die Elementarschule aber hätte für die neue Bewegung
an erster Stelle schon deshalb nicht in Betracht kommen
können, weil der Inhalt der zu verwirklichenden Probleme
über die ihr gesteckten Lehrziele zum guten Teile hinausging.
Außerdem aber: war sie ihrer inneren Durchbildung nach zur
glücklichen Bewältigung einschneidender Reformen geeignet?
Es genüge hier der Hinweis, daß in dem klassischen Lande des
        <pb n="310" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. F 299
Unterrichts in dieser Zeit, in Kursachsen, die Schulordnung
Kurfürst Augusts vom Jahre 1580 bis zum Jahre 17738 ge—
golten hat. Nicht freilich in dem Sinne, daß die Schul—⸗
entwicklung in den von ihr umfaßten zwei Jahrhunderten stabil
gewesen wäre. Erst um 1700 etwa waren die Vorschriften von
1580 wirklich ins Leben eingeführt. Aber seitdem hatte man
sich einige Menschenalter hindurch nicht eigentlich fortgebildet.

Im 19. Jahrhundert freilich sind die Grundlehren aller
subjektivistischen Erziehung, wie sie des halb antiken Humanitäts—
ideals an sich nicht bedürfen, auch der Elementarschule voll
zugute gekommen. Hatten schon in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts so große Pädagogen und Psychologen wie
Pestalozzi und Tetens, der eine dem Süden, der andere dem
Norden des Vaterlandes zugehörig, die harmonische Ausbildung
der Kräfte und Anlagen und als deren Folge eine frohe edle
Menschlichkeit als Ziel moderner Erziehung anerkannt, so ist
diese Lehre im Laufe des 19. Jahrhunderts in den wunder—
barsten und feinsten Verzweigungen in die Elementarschule
eingedrungen und hat die edelste, weil aristokratische Demokra—
tisierung der Nation herbeigeführt.

Die Mittelschulen aber, deren in den ersten Jahrzehnten
des 18. Jahrhunderts allein auf preußischem Boden gegen vier—
hundert begegnen, waren an sich wohl eine Schöpfung früherer
Zeiten. Was dabei.die höchsten Lehrziele einer einfachen Bürger—
schulerziehung gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren, läßt
sich vielleicht am besten aus der Cyclopaedia Paracelsica
Ohristiana vom Jahre 1585 ersehen!. Da soll der Knabe vor
allem Deutsch lesen und schreiben lernen. Dann beginnt das
Rechnen in Spezies, Regeldetri u. a. und nach ihm das Abfassen
von Geschäftsschreiben, überhaupt deutscher Aufsatz für praktische
Zwecke: bis das Meisterstück gemacht wird. Hierauf geht der
Knabe, der inzwischen an den Feiertagen auch Lautenschlagen,
Geigen, Harfen und Pfeifen gelernt hat, ins Welschland, um
Ztalienisch zu lernen, wohl auch noch nach Frankreich und

Kehrbach, Mitteilungen Bd. V S. 87 ff.
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        300

Zweiundzwanzigstes Buch.
Spanien, und zum Abschlusse seiner Bildung lernt er noch
„allerlei Praktika, Finanzerei, Wucherei und alle Büberei, ohn
alle Grammatica, Dialectica und Poeterei“. Es ist sozusagen
die Realschulbildung des 16. Jahrhunderts, die hier geschildert
wird. Aber neben ihr, und vermutlich sie weit übertreffend,
stand die Lateinschule der Humanisten, das primitive Gymnasium.
Die großen Pädagogen des 17. Jahrhunderts haben dann
die Charaktere der beiden Schulformen bis zu einem gewissen
Grade zu verschmelzen gesucht, indem sie in ihren Reformideen
der Lateinschule mehr Realien als bisher zuwiesen. Zu einem
wirklich einheitlichen und klaren Typ der Mittelschule ist es
indes bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht ge⸗
kommen; viele Lateinschulen waren verkümmert, während aus
der Bürgerschule heraus seit Beginn des 18. Jahrhunderts ver⸗
einzelt Realschulen besserer Gattung, so die Berliner oökonomisch⸗
mathematische Realschule vom Jahre 1789, begründet worden
waren.
Da war es denn am Platze, das Bedürfnis der ge—
bildeten, insbesondere bürgerlichen Kreise, von moralisch-ästhe—
tischer Grundlage aus zu einer harmonischen Verarbeitung der
neuen nationalen wie fremden Kultur zu gelangen, durch eine
Reform der Mittelschulen in dem Sinne humanistischer Er—
ziehungsanstalten zu befriedigen: und so entstand, vielleicht
als die erste wirklich abgeschlossene Institution des jungen Zeit⸗
alters überhaupt, das neuere Gymnasium. Geht man vor—
nehmlich von Preußen aus, so kann man seine Entwicklung
an einigen Daten schrittweise verfolgen: Errichtung eines be—
sonderen Oberschulkollegtums 1787, feste Regelung der Kurse
mit Rücksicht auf Reife für die Universität und hierzu Ein—
führung des Abiturientenexkamens 1788; gegen Ende des
Jahrhunderts Begründung eines besonderen Gymnasiallehrer⸗
berufes; 1808 Errichtung einer besonderen Abteilung für
Kultur- und Schulwesen im Ministerium des Innern, die sich
1817 zu einem eigenen Ministerium auswuchs; 18258 Er⸗
richtung von Provinzialschulkollegten. Dazu Entwicklung der
inneren Organisation des einzelnen Gymnasiums schon zu
        <pb n="312" />
        Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 301
hoher Vollkommenheit seit etwa 1810 — neue Verordnungen
über die Staatsprüfung der Lehrer, neue Lehrpläne —: und
Befestigung des ganzen Systems durch den trefflichen Rat im
Ministerium Altenstein, Johannes Schulze (1786— 1869). Es
war eine so glückliche Entwicklung, daß sie Preußen auf längere
Zeit den Vorrang im Mittelschulwesen der deutschen Staaten
fast ohne Ausnahme gesichert hat. Indes haben auch die
anderen deutschen Staaten, wenn auch etwas später, am
spätesten schließlich Osterreich, denselben Weg der Durchbildung
eingeschlagen, ein Umstand, der sehr zur Vereinheitlichung der
deutschen Bildung des 19. Jahrhunderts beigetragen hat.

Was aber in dem hier verfolgten Zusammenhange vor
allem wichtig ist: mit dieser Regelung der intellektuell-moralisch⸗
ästhetischen und auch religiösen Erziehung eben der führenden
ind geistig lebendigsten Kreise der Nation war ein erstes großes,
bielleicht größtes Problem sittlicher Durchbildung des Sub—
jektivismus gelöst. Und was hatte man nicht schon in den
letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts für Folgen von einer
solchen Lösung erwartet! Überzeugt war man allgemein, daß
die wahrhafte Konstituierung der neuen, auf sittlichem, recht⸗
lichem, politischem Gebiete entstehenden Welt eben von der
Durchbildung der Einzelpersonen, und das heißt eben von der
Erziehung ausgehen müßte; von hier aus, in der Tätigkeit
der dazu durch die neue Erziehung geschickt gemachten Personen,
sah man Selbstverwaltung und neuen Staat erstehen.

Und war es so unrichtig, den neuen sittlichen Kosmos
auf diese Weise von unten her solid und organisch auf—⸗
zubauen? Der preußische Staat, der folgerichtigste politische
Bau der deutschen Entwicklung des 19. Jahrhunderts, ist auf
diese Weise, vom humanistischen Gymnasium her durch Mittel⸗
schulerziehung der Individuen und Selbstverwaltungserziehung
der Körperschaften hindurch bis zur Verfassung des Gesamt—
staates vom Jahre 1851, durchgebildet worden: langsam, nicht
ohne Stockungen und Mißgriffe im einzelnen: aber noch heute
stehen die Grundvesten seiner Struktur unerschüttert, ja un—
berührt.
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        302 Zweiundzwanzigstes Buch.
Freilich: gut Ding wollte auch hier Weile haben; die
Frühzeit des Subjektivismus blieb ohne oberste politische und
soziale Dominanten, wie sie sich selbst intellektuell erst langsam
zur Klarheit entwickelte: und so hatten einstweilen Gemüts—
vertiefung und philosophische Spekulation, Phantasietätigkeit
und Dichtung und Kunst das Wort, um in ihrer Weise die
neue Welt klassisch zu erleben und darzustellen.
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        50
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54

Zwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 115
groß, so namentlich auch Frauen. Bei—
und Baumwollweberei, die Hosenstrickerei,
Klingen- und Messerschmiede u. a.m. Bei
lung wurde die fertigstellende Zunft eine
usindustriellen Arbeitern. So wurde z. B.
in Solingen im 15. Jahrhundert von drei
den Schwertschmieden, den Härtern und
Schwertfegern und Reidern; und von
zchwertfeger und Reider auf lange Zeit
lagszunft.
lichkeit der Entwicklung endlich ergab sich,
„ die nach außen exportierten, es ver⸗
nten, unmittelbar von sich aus abzusetzen.
en vermittelnde Kaufleute an ihre Stelle,
auch in genossenschaftlichem zunftgemäß
enhange leben konnten.
n kamen nun in Deutschland schon im
doch waren die beiden letzten immerhin
g des 16. Jahrhunderts eigen und be—
n gewissen Fortschritt.
gab es im Verlaufe der Zeit immer mehr
danufakturbetriebe anheimfielen. Und es
erbe von der größten Wichtigkeit. Vor
die Industrien der Gewebe. Hier hatten
Wollenindustrie die Gewandschneider teil⸗
Mittelalter den Charakter der Verleger
wurde dann die ganze Wollenindustrie
nten durchsetzt, und neben sie trat als
Manufaktur die der Leinwand. Was
dieser Industrien zur Manufaktur be—
in völlig, wenn man sich erinnert, daß
zeitalter des Eisens und der Steinkohle
idustrie überhaupt den Höhepunkt der
ing darstellte.
aber auch eine ganze Anzahl anderer
gen schon im 14. Jahrhundert, stärker
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