308 Zweiundzwanzigstes Buch. wicklung ein, die, freilich zunächst noch schüchtern und nicht völlig klar, an die ersten Entwicklungsmomente des neuen subjektivistischen Seelenlebens anknüpfte. Und hier erscheint nun ein ganz anderer Pol des Seelenlebens in den Vorder— grund der Betrachtung gerückt: das Gemüt. Es ist die Ent— wicklung, die wir an dieser Stelle genauer zu verfolgen haben. Anknüpfung zu einer neueren Auffassung in dieser Rich— tung bot im gewissen Sinne schon Wolff und noch mehr, ja überraschend stark vor Wolff, indes in dieser Einwirkung eben durch Wolffs Einfluß verdrängt, Leibniz. Beide hatten, Leibniz grundsätzlich und selbständig, Wolff mehr gedrängt, neben dem Gebiete klarer Vorstellungen des Seelenlebens auch ein Gebiet mehr oder minder unbewußter Tätigkeit der Seele zugelassen, da sich bei eingehender Betrachtung denn doch nicht alle seelischen Vorgänge als Funktionen des Verstandes begreifen ließen: und es handelte sich dabei eben um das Gebiet, das die neue Zeit unter dem vieldeutigen Worte des Gemütslebens begriff. Darüber hinaus aber war die Einführung dieser neuen Seite des Seelenlebens in den Bereich der Psychologie auch schon von den letzten Vertretern des Pietismus, freilich unklar genug, versucht worden; so hat Schulz in Königsberg eine Verbindung zwischen ihr und der rationalen Psychologie Wolffs gesucht. Und dann war die Neigung, dies neue Moment an⸗ zuerkennen, im Laufe der dreißiger und vierziger Jahre aus einem begreiflichen Reaktionsgefühl gegen den stets trockener und unfruchtbarer verlaufenden spekulativen Rationalismus immer mehr gewachsen. Den eigentlichen Ausschlag aber gab doch erst das ge— waltige Emporbäumen des subjektiven Gefühls in Empfind⸗ samkeit und Sturm und Drang: erst von nun an läßt sich allenthalben eine zunehmende Neigung zum unvoreingenommenen Studium des Menschen und namentlich auch seiner unbewußten Seelentätigkeit, soweit sie im Gefühl verläuft, beobachten. Die Psychologie wurde dadurch zunächst frei von den metaphysischen Fesseln der Vergangenheit; und mindestens begann man schon