Neue Weltanschauung. 317 befruchtet sein. Darum müssen moralische Begriffe, wenn sie wirksam werden sollen, erst durch moralische Empfindungen sinnliche Triebkraft erhalten. Und darum handle es sich praktisch weniger um Ausbildung abstrakter Tugendbegriffe, als um die Entwicklung ethischer Antriebe: diese allein trügen den Tugendbegriff in das Reich der Wirklichkeit. Damit war von der Empfindung das Handeln, und mit dem Handeln die Tugend abhängig gemacht worden. Es ist ein Zusammenhang, der auf dem Gebiete der Üsthetik als der Lehre von den schönen Empfindungen bald von größter Be— deutung werden mußte. Denn nun erschienen Kunst und Moral eng verschwistert, und es gab eine ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts. Und darum war es jetzt die Aufgabe jeder Kunst, auch auf das Handeln zu wirken, und zwar nicht bloß durch ihre eigensten Mittel, sondern womöglich sogar durch Versinnlichen, durch Empfindungsmäßigmachen von Begriffen. Es ist die Grundanschauung, der später die philosophische Dichtung entspringen konnte; alsbald wirksam aber wurde sie in einer ganz anderen Stellungnahme der Ästhetik und damit der Kunst in der Reihe der menschlichen Betätigungen. Nicht bloß ebenbürtig, nein übergeordnet stellte sich jetzt das künstlerische Empfinden neben Denken und Wollen: das Leben des Künstlers erschien als die höchste und herrlichste aller menschlichen Daseins— formen, und die künstlerische Durchbildung der Nation galt als wichtigste Aufgabe der Zukunft. Zugleich aber war damit die deutsche Ästhetik, fern jedem platten Naturalismus, wie er sich zunächst aus der trüben Gärung der Empfindsamkeit, namentlich des Sturmes und Dranges entwickelt hatte, von ihrer Wurzel in dem Seelen⸗ leben der ersten Jahrzehnte des neuen Subjektivismus in höchste Höhen freier Betätigung hinübergeleitet; niedriger Weltanschauung und allen Versuchen, nur aus technischen Gesichtspunkten begriffen zu werden, entzogen, erhob sie sich allein aus der Betrachtung der menschlichen Seele, faßte nur die Wandlungen ins Auge, welche die sinnlichen Eindrücke in der empfindungsvollen Tätigkeit des Subjekts erleiden, und