Neue Weltanschauung. 327 Psychologie noch so sehr auf einen metaphysischen Monismus hindrängen, wie es die Naturwissenschaften schon seit Galilei zu tun begonnen hatten, mochte die neue Geisteshaltung noch so sehr die Herrlichkeit der menschlichen Einzelpersönlichkeit erfordern: war damit der dualistische christliche Dogmatismus schon überwunden und gegenüber einem Gotte, den wir fürchten und lieben sollen, die führende Selbstherrlichkeit des Subjektes endgültig festgestellt? Dem Systeme Herders selbst wohnen die Momente des alten Geisteslebens noch deutlich genug, ja an einigen Stellen sogar fast noch wurzelhaft inne. Gewiß war der Mensch der Prototyp alles Geschaffenen: zu ihm hin, als zu „dem Schoßkind der Natur“ waren alle Organisationen gebildet. Aber geschichtlicher Mensch wurde er doch erst durch einen weiteren Eingriff der Elohim, durch ein erneutes Zwischengreifen also der göttlichen Kraft als eines Ganzen, das in diesem Falle unmöglich als immanent und pantheistisch, sondern nur als transzendent und persönlich ge⸗ dacht werden kann. So ist die zweite Schöpfung der Beweis eines unzerstörten Restes des Dualismus; und alsbald sehen wir auch nach der zweiten Schöpfung das göttliche Prinzip noch persönlich und keineswegs pantheistisch wirksam. Denn so gewiß Herder die Geschichte wiederholt nur als konsequente Weiter— entwicklung jener Vernunfttradition darstellt, die das Menschen⸗ geschlecht bei der zweiten Schöpfung von den Elohim erhalten hat, so läßt er doch daneben auch immer wieder die An— schauung als nicht zu unterdrückend zu, daß neben der Tradition noch andere Mächte in der Geschichte schöpferisch walten: die großen Personen z. B. und die Völkercharaktere, und daß auch diese dem unmittelbaren Eingreifen Gottes ihr Dasein ver— danken. Und der Gedanke tritt auf, daß sich die Weltgeschichte auch nach der zweiten Schöpfung noch einer ganzen Reihenfolge ununterbrochener schöpferischer Akte eines dualistisch begriffenen Gottes erfreue. Wo aber bleibt bei solchem Einwirken die Selbstherrlich— keit des Subjektes? Sein Stolz beugt sich unter einen fremden