Neue Weltanschauung. 341 daß deren Horizont eben deshalb jenseits der Linie des Er— kennens liegen müsse: daß er den Standpunkt der empirischen Wissenschaften übersteigen, daß er transzendental sein müsse!. Zog man nun aus alledem Schlüsse, so mußte man zu der Ansicht gelangen, daß es gegenüber Rationalismus wie Skeptizismus vor allem darauf ankomme, das Verhältnis unseres Erkennens zu den metaphysischen, besonders den religiösen Problemen festzustellen, sowie nicht minder dies Verhältnis zu den empirischen Wissenschaften festzulegen, in— sofern diese, etwa in einer reinen Mathematik und einer reinen Physik, über die Grenze der Erfahrungserkenntnis hinaus⸗ wiesen. Kann die „reine Vernunft“ als Inbegriff aller mensch⸗ lichen Erkenntnisvermögen zur Erkenntnis in Sachen der Meta⸗— physik sowie in Sachen einer etwaigen reinen Mathematik und Naturwissenschaft gelangen? —: das war mithin die nach dem geschichtlichen Charakter des Zeitgeistes notwendige Frage⸗ stellung, in der sich das Verlangen nach festen Grundlagen einer subjektivistischen Erkenntnistheorie ausdrücken mußte und ausdrückte. Wir werden nun später sehen, inwiefern insbesondere Kant dieser Fragestellung in seiner Kritik der reinen Vernunft ge⸗ recht wurde. Das Problem selbst aber lag seit den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts in der Luft, und in sehr ver— schiedener Weise hat man es schon vor Kant zu lösen ver— sucht. Im Jahre 1760 schrieb Tetens seine ‚Gedanken, warum in der Metaphysik nur wenige ausgemachte Wahrheiten sind“, 1763 stellte die Berliner Akademie eine Preisfrage nach der Evidenz, deren die Metaphysik fähig sei, 1764 veröffentlichte Lambert sein Neues Organon, das ganz den soeben besprochenen Materien gewidmet ist, 1772 forderte Meiners eine Revision VBgl. dazu Kant, Proleg. 204 Anm.: „Das Wort transzendental bedeutet nicht etwas, das über alle Erfahrung hinausgeht, sondern was vor ihr (a priori) zwar vorhergeht, aber doch zu nichts Mehrerem be— stimmt ist, als lediglich Erfahrungserkenntnis möglich zu machen. Wenn diese Begriffe die Erfahrung überschreiten, dann heißt ihr Gebrauch transzendent.“