346 Zweiundzwanzigstes Buch. von der Empfindung wesentlich verschiedene Bedeutung, da sie ordnende Formen der Empfindung sind. Aber neben den reinen Anschauungsformen hat unsere Seele nach Kant auch noch reine Begriffsformen. Diese doppelte Ausstattung erklärt sich bei Kant, der in diesem Punkte unmittelbar in der zeitgenössischen Psychologie wurzelt, aus dem Charakter unseres Seelenlebens. Dies nimmt näm— lich einmal Vorstellungen in sich auf, indem es von außen her irgendwie affiziert wird, ist also anschauend rezeptiv; anderseits aber bringt es auch aus sich, den Wahrnehmungs— stoff bearbeitend, selbsttätig Vorstellungen hervor, indem es denkend verschiedene Vorstellungen einer gemeinschaftlichen unterordnet. Der Rationalismus hatte freilich im Grunde als spontane Geisteskraft nur den Verstand anerkannt: sinnliche Anschauung war ihm eine an Klarheit und Deutlichkeit zurückstehende Funktion des Verstandes gewesen. Der Sensualismus dagegen hatte seit Locke nur eine rezeptive Sinnlichkeit anerkannt; ihm war Verstandestätigkeit nur eine höhere Ausbildung finnlicher Eindrücke. Kaut nimmt ihnen gegenüber zwei selbständige Quellen unserer Erkenntnis an: Sinnlichkeit und Verstand; diese gibt die Gegenstände, jener denkt und verbindet sie. Damit beseitigt Kant die Wolffsche Hierarchie der oberen und unteren Erkenntnisvermögen. Nach ihm sind beide Erkenntnisvermögen Wolffs vielmehr koordinierte Teile der menschlichen Vernunft; sie müssen zusammenwirken, um Erkenntnis zustande zu bringen. „Die quantitative Differenz der mehr oder minder großen Klarheit wird durch eine prinzipielle Trennung ersetzt. Die Sinnlichkeit macht aus den Eindrücken Erscheinungen, der Verstand aus den Erscheinungen Erfahrungen.“ Indem aber der Verstand aus den Erscheinungen Er— fahrungen macht, spricht er Urteile aus. Daher versteht es sich, daß man die reinen Begriffsformen, die Stammbegriffe oder, wie Kant sie auch nennt, die Kategorien — die zweite Dessoir 12, 320.