360 Zweiundzwanzigstes Buch. die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft, 1788 die Kritik der praktischen Vernunft, 1790 die Kritik der Urteils— kraft erschienen. Nun mochte Kant, dessen Ruhm inzwischen unaufhaltsam — Lebens als Ganzes zurückblicken. Was ihm übrigblieb, war nur noch eine Auseinandersetzung seines praktischen Systems mit dem vorhandenen, in Kirche und Staat positiv gestalteten Gedankeninhalt früherer Zeitalter. Er begann diese Aus— einandersetzung in den neunziger Jahren mit dem Buche über die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793); aber in Berlin der „Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der Heiligen Schrift und des Christentums“ verdächtigt und von dem bigott-frivolen Könige Friedrich Wilhelm II. zum Stillschweigen vermahnt, zudem bald an geistiger Frische abnehmend und schließlich dem Marasmus des Alters unterliegend, hat er sie nicht mehr zu Ende führen können. Im ganzen aber liegen die Prinzipien seiner praktischen Philosophie dennoch geschlossen vor uns. Überschaut man sie, so fällt vor allem auf, wie sehr Kant mit ihnen, trotz aller persönlichen Bedingtheit der Auf⸗ fassung, doch den geistigen Bedürfnissen der achtziger und neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts überhaupt nachkam. Man sehnte sich damals heraus aus den verworrenen Strö— mungen eines extremen, nur sich selbst kennenden Subjekti— bismus, der die Welt der Erscheinungen in Schein, die Welt der Werte in Spott auflöste. Hatte nun Kant mit der Kritik der reinen Vernunft dem einen, dem theoretischen Bedürfnis dieser Richtung genug getan, so befriedigte er jetzt auch das andere, praktische. das auf die Welt der Werte ge— richtet war. Freilich geschah das nicht ohne engen Anschluß an seine Erkenntnistheorie: mit Recht sah Kant von seinem Stand— punkte aus in der praktischen Philosophie nichts als eine ge⸗ naue Ergänzung der theoretischen, wenn diese Ergänzung auch in ihrer besonderen Bedeutung für menschliche Lebensführung