364 Zweiundzwanzigstes Buch. erhebt dagegen meinen Wert, als einer Intelligenz, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnen— welt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens so viel sich aus der zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, ab— nehmen läßt.“ Wie mußte nun der Philosoph, der aus so erhabener Höhe die Wirkungen des kategorischen Imperativs auf Mensch und Menschenleben zu verfolgen sich anschickte, wie mußte er herabsehen auf die kleinlichen, dem sinnlichen Teile des Menschen entgegenkommenden ethischen Systeme der Vorzeit! In welchem Lichte mußten ihm, den nichts auf Himmel und Erden gut dünkte, es sei denn ein guter Wille, vor allem die begeisterungsloser Seichtigkeit entsprungenen Nützlichkeits— theorien des rationalistischen, im Versinken begriffenen Zeit⸗ alters erscheinen! . Zwar war er selbst von dieser Nützlichkeitslehre aus— gegangen; noch in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts hat er einen Versuch gemacht, allgemeingültige sittliche Gesetze auf eudämonistischer Grundlage aufzufinden. Aber ihrer wahren Anerkennung hatte doch von jeher der pietistische, der subjektiv⸗ religiösse Zug seines Herzens widersprochen, und bald war dieser Tendenz der Einfluß der Gefühlsmoral der Engländer, vor allem aber die Einwirkung Rousseaus zu Hilfe gekommen; Rousseau war es, der bei Kant der Auffassung des Einzel— menschen als einer auf sich gestellten moralischen Persönlichkeit zum Durchbruch verhalf, der zugleich freilich auch einen gegen⸗ über der Sittlichkeit der Kultur pessimistischen Zug in Kants Denken einführte. Von dieser Linie der Entwicklung her ergab sich für Kant in den achtziger Jahren sein eigenes Moralsystem des katego— rischen Imperativs. Das gerade Widerspiel des Prinzips der Q. d. pr. V. (Kehrbach) S. 193—194.