368 Zweiundzwanzigstes Buch. erhalten alle Annahmen und Ideen der theoretischen Vernunft über diese Gegenstände für uns objektive Gültigkeit. Zu Forderungen aber unseres vernünftigen Wollens, unseres sittlichen Bewußtseins werden diese Ideen vor allem durch das Eingreifen der Teilidee der menschlichen Freiheit. Freiheit als die Kausalität unseres Ich, insofern dieses nicht der Welt der Erscheinungen, sondern der intelligibeln Welt angehört, war, wie wir uns erinnern, einer der Grundbegriffe der Ethik des kategorischen Imperativs. Diese Freiheit zieht nun den Glauben an die Unsterblichkeit und an Gott als ihre Konse— quenz nach sich, und zwar in dem folgenden Zusammenhange: Freiheit unter der selbstbestimmenden Herrschaft des kate— gorischen Imperativs bedeutet ständige Annäherung unseres Willens an das Sittengesetz, und die Forderung, daß diese Annäherung einmal eine vollkommene sei. Nun wissen wir aber, daß eine solche Vollkommenheit, welche Heiligkeit be— deuten würde, keinem vernünftigen Wesen der Sinnenwelt in keinem Zeitpunkte seines Daseins möglich ist; vielmehr sehen wir im besten Falle nur einen unendlich langsamen Fortschritt in der Annäherung an diesen Zustand. Da ist es denn un— möglich, daß dieses Fortschreiten mit dem Tode aufhöre. Es muß ins Unendliche fortdauern, was nur unter der Be— dingung einer unendlich fortdauernden Existenz der Persön— lichkeit desselben vernünftigen Wesens möglich ist. Der Begriff der Freiheit fordert aber auch den praktischen Gottesglauben. Das Sittengesetz nämlich, als ein Gesetz der Freiheit, gebietet kategorisch, d. h. ohne Rücksicht auf irgend— welche Bestimmungsgründe, die uns etwa vom Standpunkte einer eudämonistischen Moral nahetreten könnten. Gleichwohl fordern wir einen Zusammenhang zwischen Tugend und Glück— seligkeit. Er kann nur gewährleistet werden durch einen regulierenden göttlichen Eingriff, setzt mithin den Glauben an die Güte und Gerechtigkeit eines Gottes voraus als eines obersten vernünftigen Wesens, das seinem Charakter nach nicht umhin kann, den würdigen Gebrauch der Freiheit mit Glück— seligkeit zu lohnen.