376 Zweiundzwanzigstes Buch. Wissenschaft und Kunst, Denken und Dichten, kritische Analyse und die Synthese des phantasievollen Raptus in den seelischen Gewohnheiten der Zeit so genau geschieden, wie in denen der Gegenwart: ja erst im 17. Jahrhundert hatten sich in dem Denken der Zeitgenossen im Grunde Wissenschaft und Kunst überhaupt zu trennen begonnen: und auch jetzt nannte man immer noch nach Goethes Ausdrucke, der die Auffassung des 18. Jahrhunderts klar bezeichnet, das abgezogene Wissen Wissenschaft, die zur Tat verwendete oder praktische Wissen⸗ ichaft aber Kunst. Bei dieser seelischen Haltung versteht es sich, daß ein mystischer Empirismus der Zeit Goethes und Schillers noch als vollgültiges, ja einziges Erkenntnismittel gelten konnte. Da sah man wohl, wie Kant die Syllogismenbrücke, über die die hohen Geister des individualistischen Zeitalters trium— ohierend in das Reich des Absoluten eingezogen waren, ab— zebrochen und eine neue kaum gebaut hatte: seine Postulate, ein schlechter Ersatz der früheren Gewißheit, erschienen nur wie ferne Wünsche und einsames Sehnen nach dem alten, herrlichen dand. Aber sollte da eine neue Mystik nicht wenigstens neue Stege bauen können? Freilich nicht eine Mystik von der Erregungsfähigkeit der mittelalterlichen, ja selbst nicht von der weit feineren Schattierung des eben jetzt zu Grabe gehenden Pietismus: eine um vieles zarter schauende, umsichtigere Mystik vielmehr anscheinend einfach begrifflicher Intuition: ein neuer Zweig gleichsam nur an dem uralten Baume synthetischer Erkenntnisversuche. Da wollte man nicht mehr mit „Geistes— augen“ in die jenseitige Ferne schauen: nach drüben ist die Aussicht uns verrannt. Aber doch schien es möglich durch geniale Intuition, durch inneren Sinn, durch etwas noch durchsichtig Schmiegsameres als den amor intellectualis Spinozas, der Welt des Dies— seits — und auch der seelischen Welt — näher zu treten als bisher und klare Entdeckungen zu machen: hier auf natur—