378 Zweiundzwanzigstes Buch worden.“ Und in der Tat, dies Behagen, dieser Stolz ist eins der Grundelemente poetischen und das will sagen schöpfe— rischen Daseins. Selbst wenn eine Idee, d. h. ein Bild, uns nicht zum Schaffen, sondern nur zum Betrachten anregt, fühlen wir in der hierfür nötigen Zusammenfassung unserer anschauenden Kräfte unmittelbar die Beseligung des Schaffens. Es ist der Punkt, von dem eine Übertragung dieser mystischen Erkenntnistheorie auch in die Gebiete des Geistes möglich er— schien, ja unmittelbar notwendig werden mußte: wo in der Natur das Urphänomen hervorsprang, da mußten sich im Geistesleben die hinter dem Vorhange der psychologischen Wirkungen waltenden Ideen enthüllen. So hatte schon Herder die Ideen anschauen dürfen, und so sah sie, vor allem in der Welt des Willens, der durch Kant in der Seelenlehre erst recht wieder entfesselten Kraft, später an erster Stelle Schiller. Dabei kannte man immerhin das Ungewöhnliche, das gleichsam Aristokratische dieser Erkenntnismittel: und eben in der Begnadigung mit ihnen erschien dem Klassizismus das Schöpferische der Einzelpersönlichkeit enthalten: Denn unten wogt es schwellend tief im Grunde Mit der Natur im eng vereinten Bunde, Allein dem Menschen lang oft unverstanden: Bis, sich befreiend von des Dunkels Banden, Ein leuchtender Gedanke aufwärts schießt Und wie ein Erdenblitz den Himmel grüßt In diesem Sinne hat sich der Goethe der letzten Jahrzehnte wohl rückblickend mit der Conceptio mystica beschäftigt. „Ge— wöhnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge, ist Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes.“ „Reines An—⸗ schauen des Außeren und Inneren ist sehr selten. Es äußert sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren Handeln; dieses symbolisch, vorzüglich durch Mathematik, in Zahlen und Formen, durch Rede, uranfänglich, tropisch, als Poesie des Genies, als Sprichwörtlichkeit des Menschenverstandes.“ „Alles, was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist die bedeutende Ausübung, Betätigung eines originalen Wahr—