Neue Weltanschauung. 381 die Anschauung dem Denken nicht bloß gleichgesetzt, sondern vorgezogen ward, und daß damit eine neue, zwar idealistische, zugleich aber auch intuitiv-mystische, „ahndevolle“ Geisteskultur erblühte. Der Vollender und größte Held dieser Frühkultur des Subjektivismus war Herder gewesen. Denn von ihm kann mit Recht behauptet werden, daß er nicht eigentlich Forscher gewesen sei, sondern nur „eine große Gabe gedankenreichster Reproduktion“, einen wahrhaft ahnenden Sinn besessen habe. Über Herder hinweg aber stieg jetzt, in den Zeiten des Klassizismus, Goethe: Goethe hat wohl inmal selbst seine Früh— zeit, da er noch teilweise unter Herderschem Einflusse stand, als seinen Komparativ, die spätere Periode dagegen, seit den neun— ziger Jahren des 18. Jahrhunderts, die eigentliche Zeit des Klassizismus, als seinen Superlativ bezeichnet. Goethes Welt—⸗ anschauung nach ihrem Wesen wie ihrer Entstehung gilt es daher vor allem vorzuführen, soll ein tieferes Verständnis des lassizistischen Geisteslebeus erreicht werden. Und da kommt es an erster Stelle darauf an, die Intuition, die „anschauliche Erkenntnis“ als Prinzip aller Betrachtung eben im Sinne Goethes näher zu erläutern. Und sehr natürlich, daß sich in diesem Zusammenhange, bei dem rein versönlichen Charakter des Erkenntnisprinzipes, das Wesen des Dichters als für jede nähere Bestimmung entscheidend ergibt. Goethe war dem regellosen, dithyrambischen Ergreifen ab— geneigt, so sehr er sich ein Verständnis selbst für Kontem— plation und Askese des Mittelalters zu erwerben wußte; ge⸗ läutert, „rein“ zu sein erschien ihm als Vorbedingung jeglicher wirklichen Erkenntnis. Darum sollte seiner Meinung nach im Vorgange des Erkennens eine gleichmütige Stimmung der Seele, durch das allgemeine Interesse des Objekts geleitet, die beobachtende Aufmerksamkeit gleichmäßig auf alle Punkte ver⸗ teilen; und es sollte das Bestreben obwalten, jeden Gegen— stand oder jede Klasse von Gegenständen und so nach und nach das Ganze bis zu seinen äußersten Grenzen und höchsten Zusammenfassungen zu verfolgen. Parteilosigkeit und Allgemein⸗