Neue Weltanschauung. 385 man die geologischen Epochen der Erdentwicklung, soweit er sie erkannte, biologisch betrachten müsse; der Entwicklung der Erdoberfläche schienen ihm gestaltende Kräfte von höheren Bildungsprinzipien, als sie in Chemie und Physik bekannt ind, zugrunde zu liegen: sie erwiesen sich ihm in der Faltung und Lagerung der Massen tätig und hatten so in ihrer lang— samen Auswirkung durch unendlich lange Zeiträume hin die heutige geologische Welt geschaffen. Sein Hauptaugenmerk aber wandte Goethe unter diesen Umständen ganz besonders den naheliegendsten biologischen Problemen zu, den Fragen der Botanik und der Zoologie also im weitesten Verstande: kaum bedurfte es da noch der äußeren Anregung, die er 1776 in Weimar durch Schenkung eines Gartens von seiten seines Herzogs erhielt, um ihn auf die anscheinend elementarste der hier in Betracht kommenden Aufgaben, auf die Biologie der Pflanzenwelt, hinzuweisen. Was er nun hier suchte und schließlich schaute hinter den mannigfaltigen Formen der Flora, war nicht etwa eine mög⸗ lichst einfache Pflanze, ein niedrig stehendes pflanzliches Lebe— wesen, aus dem in unendlich langer zeitlicher Entwicklung die höher organisierten Pflanzen durch irgendwelche Wirkungen hervorgegangen wären; fern blieb er dem Darwinischen Ge— danken einer kausalen Entwicklung. Und fern war er auch verwandten Vermutungen Kants, die freilich der Königsberger Weise selbst, obwohl er sie etwas genauer ausführte, ein „ge— wagtes Abenteuer der Vernunft“ genannt hatte. Was er zu finden bestrebt blieb, war gewiß auch eine Urpflanze, doch ganz anderen Charakters. Er nahm an, allen Pflanzen müsse die im Grunde zeit- und raumlose, aber energiebegabte Idee eines allgemeinsten pflanzlichen Typus zugrunde liegen, ein Gebilde, das die Fähigkeit zur Ausbildung nicht bloß aller wirklich bestehenden, sondern auch noch zahlreicher, einstweilen nur denkbarer Pflanzenformen in sich trage; ein Gebilde, das mit Geistesaugen sehr wohl zu schauen sei und das mit einem einzigen Blick das wirkende Ganze jeglicher Pflanzenwelt zu erfassen erlaube. Das Gebilde selbst anschaulich zu gestalten, 25*