Neue Weltanschauung. 387 Der Urpflanze aber mußte ein Urtier entsprechen. Frei— lich: viel schwerer war die Idee dieses Urtieres anschaulich zu erfassen bei den um ein Unendliches reicher gestalteten Formen der Tierwelt; und vor allem gab es scheinbar unter den animalischen Wesen nicht jene Kontinuität der Formen, die doch eine Voraussetzung war für die Zurückführung von ihnen allen auf ein gemeinsames Prinzip: und insbesondere vom menschlichen Skelett behaupteten die Anatomen der Zeit, daß ihm der Zwischenkieferknochen und damit der volle Parallelis⸗ mus der Bildung mit den Skeletten der höchst entwickelten Tiere fehle. Hier vor allem war es darum, wo Goethe mit seinen Forschungen einsetzte: und durch Entdeckung des mensch⸗ lichen Zwischenkieferknochens (1784) stellte er für die Fauna jene lex continui Leibnizens her, deren er bedurfte, um die Anschaulichkeit des ideellen Urtieres zu ermöglichen. Nun aber galt es diese Anschauung selbst zu entwickeln. Es war eine Aufgabe, der der Dichter gleichzeitig mit der Lehre von der Urpflanze in Italien nachging; und ein geborstener Schaf⸗ schädel, den er 1790 auf den Dünen des venetianischen Lido fand, wies ihm hier besonders deutlich den schon früher ge— ahnten Weg. Er behauptete jetzt, daß Schädelknochen und Gehirn ideell nur Endglieder der Wirbelsäule und des Rücken— markes seien!, und er drang, wenn er auch im übrigen einen klaren Weg zur ideellen Veranschaulichung des Urtieres nicht fand, doch zu einem allgemeinen Satze über die Art seiner Auswirkung in den einzelnen realen Tierformen vor, dem das Gesetz der sogenannten Korrelation oder Kompensation der Organe der heutigen Physiologie entspricht: zu dem Satze nämlich, daß sich im Urorganismus alle Glieder gleichmäßig ausgebildet das Gleichgewicht halten müßten, und daß die Mannigfaltigkeit der realen Tierformen entstehe, indem sich die Kraft der Bildung auf bestimmte Glieder werfe und dafür — Daß dies bei den Urfischen oder Selachiern tatsfächlich der Fall ist, hat 1872 Karl Gegenbauer nachgewiesen: val. Steiner Goethes Welt— anschauung S. 182.