388 Zweiundzwanzigstes Buch. andere in der äußeren Erscheinung gar nicht oder nur an— deutungsweise entwickelt würden. Diese Kraft der Bildung aber werde ausgelöst durch den Reiz äußerer Einflüsse: so daß von den unzähligen, im Urtier wie in der Urpflanze der Idee nach enthaltenen Organismen eben nur diejenigen entstehen, auf welche gewisse äußere Reize hinwirken. Es ist der Punkt, in welchem Goethe, wie an verwandten Stellen auch Herder, die Grundgedanken der Entwicklungs⸗ lehre Darwins aufs nächste zu berühren scheint, wie er denn in der Tat gelegentlich die Behauptung aufgestellt hat, daß die Urbilder sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbilden!. Indes ganz abgesehen davon, daß diese Um— bildung von Goethe als eine doch wesentlich spontane, von inneren Bildungskräften getragene angesehen wurde und nicht als eine kausal von außen her veranlaßte, so stand der Dichter vor allem ganz allgemein dem zeitlich-kausalen Entwicklungs— gedanken zurückhaltend gegenüber; und er hatte, bei der noch recht begrenzten Kenntnis naturwissenschaftlicher Tatsachen in — Entwicklungstheorie, wie sie vornehmlich in Frankreich auf— traten, allen Grund zu diesem Verhalten. Nicht also eine Entwicklungstheorie der Lebewesen im Sinne tatsächlicher, kausal bedingter Entfaltung aus einem primitiven, konkreten Urorganismus hat Goethe aufgestellt, sondern die Lehre von der Metamorphose idealer pflanzlicher und tierischer Urphänomene in die, sei es nun ärmlich, sei es reich entwickelten Formen der vorhandenen Pflanzen- und Tierwelt. Indem der Dichter aber die ideellen Kräfte und Urformen mit „Geistesaugen“ im ganzen Bereiche des uns unmittelbar sichtbaren Lebens ausgegossen schaute, war er weit davon ent—⸗ fernt, die Wirkungsgewalt dieser Kräfte in den engen Kreis des spezifisch Biologischen einzuschließen. Auch die Erde be— Vorträge über die drei ersten Kapitel des Entwurfs einer all— zemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie“, 1796.