Neue Weltanschauung. 301 physik gestraft und Dir einen Pfahl ins Fleisch gesetzt, mich mit der Physik gesegnet.“ Aber setzt nun eine solche Haltung etwa überhaupt Kühl—⸗ heit gegenüber den größten metaphysischen Fragen des Menschenseins voraus? Wie hätte Goethe in seiner intuitiven Betrachtung der Dinge nicht auch fromm sein sollen! Eben in der Ehrfurcht seiner Intuition, wie er sie täglich übte, be⸗ stand sein Gottesdienst. Denn Ehrfurcht der Betrachtung hieß ihm Hingabe im Schauen: In unsres Busens Reine wogt ein Streben, Sich einem Höhern, Reinern, Unbekaunten, Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben, Enträtselnd sich dem ewig Ungenannten — Wir heißen's fromm sein Und so war sein Leben, abgesehen von den explosiven Jahren der Jugend und den in immer tiefere Mystik ge— tauchten Jahrzehnten des Greisenalters, tatsächlich in der Ehrfurcht verankert vor den dunkeln, nicht völlig enträtsel⸗ baren Geheimnissen der Natur und der Geschichte, hinter denen sich dem Schauenden göttliche Kräfte webend und waltend zeigten, und in dem innigen Kulte eben dieses Schauens. Da schien sich denn wohl der Kosmos als ein wunderbarer Organismus des Alls zu enthüllen, in dem Leben und Dasein bedingt waren durch das gesetzmäßige Wechselspiel der Glieder und fruchtspendend die goldenen Eimer auf und nieder stiegen; und als ein ewiges Anziehen und Abstoßen, als ein Trennen und Verbinden der Kräfte, als Polarität, er— schien das Triebrad der Natur: Die endlich' Ruh' wird nur verspürt, Sobald der Pol den Pol berührt; Drum danket Gott, ihr Söhne der Zeit, Daß er die Vole für ewig entzweit! Und hinderte da noch etwas, an all diese Wechselwirkungen als die Erscheinung einer in dem Ganzen teleologisch wirkenden, metaphysischen Kraft, einer Idee über alle Ideen, zu glauben?