Neue Dichtung. 445 anlagung mittat, aber zäh war, den Verlauf der ganzen Be— wegung von reiferer Erfahrung aus übersah und dessen dauernde Werte zu erkennen und für die fruchtbaren Meister der Folge— zeit deutlicher zu fassen wußte. Ein solcher Mann ist dem deutschen Sturm und Drang in Hamann geschenkt gewesen. Hamann, der 1730 geboren war, hat mit dem Jahre 1759, nach damaliger Anschauung erst spät und jedenfalls nach manchem Umtreiben in Welt und Geschichte zu schriftstellern begonnen. Wir kennen schon seine Bedeutung für die Ent— wicklung einer subjektivistischen Orthodoxie des Gemütes!. Der Dichtung der Empfindsamkeit und vor allem des Sturmes und Draͤnges trat er, noch bevor ihr Seelenleben völlig entwickelt war, durch die Art seines geistigen Schaffens innerlich nahe; er hat seine Produktionsweise selbst als „Paroxysmus, nicht eine bloße ocun, sondern einen furor utérinus, ein dem lächer— lichen Sturm und Drang ähnliches Interesse“ bezeichnet. In der Tat lebte er in jenem bloßen Denken in Aphorismen, das diesen kennzeichnete: so habe Sokrates gedacht, der Gott sei Dank keine Dialektik gekannt habe: „Die Analogie war die Seele seiner Schlüsse und die Jronie ihr Leib.“ Und so ver— stand sich Hamanns Wunsch, als Gesamttitel seiner Schriften die Worte „Fliegende Blätter“ zu wählen. Aber eben von diesen besonderen Regungen seines Denkens aus hat Hamann für die Dichtung am frühesten die tieferen Folgerungen des neuen Seelenlebens gezogen. Und da kam er zu dem Begriffe des dichterisch Genialen, das aber im Volkstümlichen wurzeln müsse. Und indem er diesen Satz auf dem Wege historischer Läuterung nochmals gleichsam um ein Stockwerk abteufte, ergab sich ihm der Fundamentalgedanke, daß die Dichtung die Muttersprache des menschlichen Geschlechtes sei. „Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechtes; wie der Gartenbau älter als der Acker; Malerei als Schrift; Gesang als Deklamation; Gleichnisse als Schlüsse; Tausch als Handel. Ein tiefer Schlaf war die Ruhe unserer Urahnen 1 S. oben S. 275.