324 Zweiundzwanzigstes Buch. Schiller, 1759 geboren, war fast genau zehn Jahre jünger als Goethe; seinem Erleben fehlten damit die Anfänge des neuen Zeitalters, und seine Empfindsamkeit hat immer etwas Abgeleitetes behalten; ganz gehörten zu seinem Eigen erst die Erfahrungen von Sturm und Drang. Das Kind war zart; bei Krankheiten des jugendlichen Alters traten krampfhafte Zufälle auf; stark erwies sich von vornherein nur der Wille. Der aber war alsbald dem Idealen zugewandt: Pfarrer wollte der Knabe werden; schon übte er eine unzweifelhafte aber aunproportionierte Gabe der Rhetorik in kindlichen Predigten, und seine ersten Gedichte waren halbgeistlichen Inhalts. Als aber der Knabe zum Jüngling heranwuchs, griff eine rauhe Hand in alle Träume. Der Herzog Karl Eugen von Württem⸗ berg, der nach einer verzweifelten ‚Lebensgaloppade“ mehr in sich gegangen war, hatte zur Erziehung talentierter Landes— kinder eine Akademie gegründet, der wurde Schiller nach der Konfirmation einverleibt, um erst zum Juristen, dann zum Mediziner gebildet zu werden. Von persönlicher Lebens— bestimmung war dabei nicht die Rede; in dieser Schule, die Schubart Seelenfabrik oder Seelenplantage zu nennen pflegte, gab es bei allem jenem Wohlwollen, das den, den es liebt, züchtigt, weder Privatarbeitszeit, noch Ferien, noch geregelten Urlaub; und der briefliche Verkehr der Zöglinge mit den Eltern unterlag der Überwachung. Da saß nun Schiller acht Jahre und genoß den Anschauungs-⸗ unterricht jenes Lebens der Fürsten, der „Erdengötter“, das seine ersten Dramen an den Pranger stellen sollten, und unter härtestem Zwang nur regte sich in ihm der Genius. Ende 1780 wurde der Zögling entlassen und in Stutt⸗ gart mit einem Bettelgehalt zum Medikus eines stadtkundlich verlotterten Regiments bestellt. Es war trotz allem eine Be— freiung, die nicht bloß lösend, die fast zersetzend wirkte. Dahin ging der Kindesglaube: Nicht in Welten, wie die Weisen träumen, Auch nicht in des Pöbels Paradies, Richt in Himmeln, wie die Dichter reimen: —