334 Zweiundzwanzigstes Buch. wand. Dabei war ihm keineswegs eine volle, große, etwa gar üppige Phantasie verliehen; wesentlich zur Befriedigung des Sinnes für feine Verhältnisse, für wohlgebildete Formen, allenfalls für bauliche Anmut schien er geboren. Aber gerade damit war seinem Hellenismus eine lange Zukunft beschieden, um so mehr als Bötticher diesen nach dem Tode des Meisters in seiner „Tektonik der Hellenen“ (1848 ff.) in ein System brachte, das auf ein Menschenalter die allgemeinen Vorstellungen über die Baukunst der Alten beherrscht hat, bis es der rea— listischen Archäologie seit 1870, dem Ausgrabungsergebnissen eines Schliemann und seiner Nachfolger und den daraus ab— geleiteten Folgerungen erlag. Und so hat man denn in Berlin noch bis in die achtziger Jahre hinein unter der unmittelbaren oder mittelbaren Nachwirkung Schinkels gebaut, wenn sich auch seit den späteren sechziger Jahren neben Bauten wie Stülers Neues Museum (1845 vollendet) Schöpfungen aus ganz anderem Gusse, namentlich Renaissancebauten, zu stellen be— gannen. Vor allem blieb die Privatarchitektur, soweit sie künstlerische Richtung innehalten wollte, noch lange dem Schinkelschen Stile in seinen letzten Ausläufern getreu; so sind die Villen der fünfziger und sechziger Jahre in dem Viertel vor dem Brandenburger Tore in diesem Stile gebaut, nicht minder die kleinen Schlösser des Hofes um Potsdam, wenn bei ihnen auch daneben englische Gotik gepflegt ward. Spätere größere Denkmäler sind noch die Nationalgalerie und die Siegessäule Stracks. Es ist im ganzen eine Bauweise, die nicht eines gewissen gefälligen Maßhaltens und bescheidener An⸗ mut entbehrt. Und das, was sie schließlich gestürzt hat, ist nicht eigentlich die Aufnahme eines anderen Stiles gewesen, obwohl man deren mittlerweile neben der Gotik der dreißiger bis fünf— ziger Jahre eine ganze Anzahl, so schließlich selbst wiederum Barock und Rokoko übernommen hatte, sondern die Unmöglichkeit, mit dem für die Ausbidung der antiken Baukunst maßgebenden technischen Material zahlreichen Raumbedürfnissen wenigstens der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerecht zu werden. Denn wer kann sich eine hellenische Eisenbahnhalle vorstellen?