Bildende Kunst und Musik. 653 Auffassung spricht Gluck in der Zueignungsschrift der „Alceste“ an den Großherzog von Toskana (1769) selbst aufs deutlichste aus1. „Als ich den Entschluß faßte, die Oper „Alceste‘ in Musik zu setzen, nahm ich mir vor, alle Mißbräuche, welche die übel angebrachte Eitelkeit der Sänger und die zu nach— ziebige Gefälligkeit der Komponisten in die italienische Oper eingeführt, und womit sie aus dem prachtvollsten und schönsten der Schauspiele das langweiligste und lächerlichste gemacht, zu vermeiden. Ich versuchte es, die Musik auf ihren wahren Beruf zurückzuführen, nämlich die Poesie zu unterstützen, um den Ausdruck der Gefühle, das Interesse der Situationen zu kräftigen, ohne die Handlung zu unterbrechen und sie durch überflüssige Verzierungen kälter zu machen. Ich glaubte, die Musik müsse der Poesie geben, was einer richtigen und ver— nünftig komponierten Zeichnung die Lebendigkeit des Kolorits, die glückliche Übereinstimmung der Lichter und Schatten ver— leiht, welche nur dazu dienen, die Figuren zu beleben, ohne ihre Umrisse zu verändern. Ich habe mich daher wohl gehütet, einen Schauspieler im Flusse seines Dialogs zu unterbrechen, um ihn ein langweiliges Ritornell anhören oder ihn in der Mitte seiner Rede auf einem günstigen Vokale ruhen zu lassen, sei es, um in einer langen Passage die Geläufigkeit seiner schönen Stimme zu entwickeln, sei es, um zu warten, daß das Orchester ihm die Zeit gebe, Atem zu holen, um eine Kadenz zu machen. Auch habe ich nicht geglaubt, rasch über den zweiten Teil einer Arie hingehen zu müssen, wenn dieser zweite Teil der wichtigste war, um regelmäßig viermal die Worte der Arie zu wiederholen, noch die Arie endigen zu dürfen, wenn der Sinn nicht beendigt ist, um dem Sänger die Mög— lichkeit zu geben, zu zeigen, daß er nach seinem Gutdünken irgendeine Passage in mehreren Weisen variieren kann. End— lich habe ich alle die Mißbräuche verbannen wollen, gegen welche sich schon seit so langer Zeit der gesunde Verstand und 1Ich gebe im folgenden Liszts, Werke 2, 3, 2, 139 -140. den Text nach der schönen Übersetzung