604 Zweiundzwanzigstes Buch. du dieses plötzlich durch einen einzigen Gemus in reifer Zeit aus seinen Traumzuständen zum vollen Dasein erweckte Leben, etwa in dem Bilderzyklus von Santa Maria dell'Arena zu Padua, vor dir: so fühlen wir auch Beethoven in der her— gebrachten Sonatenform alsbald sich persönlich regen, so wird uns unter seiner Hand jede Floskel, jede Koloratur, jede Blüte der älteren Musik bedeutend, so verliert in seiner Phantasie der musikalische Ausdruck alsbald das Spielende: und das Klavier erscheint nicht mehr als ein einziges Tonwerkzeug, sondern als eine Bühne gleichsam, auf der unsichtbar ein Orchester in tausend Zungen redet. Es ist eine alsbald monu— mentale Richtung, die sich in der orchestralen Klaviermusik Webers und Schuberts einigermaßen fortgesetzt hat gegenüber der rein klaviermäßigen Behandlung des Instrumentes etwa bei Chopin und Schumann. Aber schon wird aus ihr der Übergang zu der ersten vollen Blütezeit gewonnen; und unter den Werken, die diesen Übergang zeigen, ragt sogar noch eine Klaviersonate hervor, die „Pathétique“ (C-moll; Op. 183). In der ersten Periode selbst spielt dann freilich schon die Kammermusik als Ausgangspunkt etwa dieselbe Rolle, wie vor— her das Klavier: ja bereits in den Quartetten noch früherer Zeit war der Übergang vorbereitet. Aber die eigentlichen Re⸗ präsentantinnen der neuen großen Zeit im Verlaufe des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts wurden doch die Sym⸗ phonien; und die erste (C-dur; Op. 21) ist schon im Jahre 1800 zur Aufführung gelangt. Es war der Moment, da Beethoven, bereits unter den harten Erfahrungen zunehmender Schwerhörigkeit, zum Manne heranreifte: sehr spät im Ver—⸗ hältnis zu der Frühreife anderer Meister und namentlich auch der der klassischen Zeit, und nach seiner Gewohnheit nicht ohne die gründlichsten technischen Vorbereitungen hat er sich der höchsten, aus der Kammermusik heranwachsenden instrumentalen Form genähert. Aber nur wenige Jahre, und schon folgte die „Eroika“ (1804, Ps-dur; Op. 55). Das Neue an ihr war, daß jetzt jede Erinnerung an die bloße Schönheit der alten absoluten Musik und damit auch jede soziale Bindung der